Vom Licht in der Nacht

Leise Lieder

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
noch der Mond, der still im Äther schwimmt;

denen niemand als das eigne Herz,
das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
und an denen niemand als der Schmerz,
der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
dir, in deren Aug mein Sinn versank,
und aus dessen tiefem, dunklen Schacht
meine Seele ewige Sehnsucht trank.

(Christian Morgenstern, Leise Lieder, aus: Ich und die Welt, 1898/1911, Online-Quelle)

Ich lösch das Licht

Ich lösch das Licht
Mit purpurner Hand,
Streif ab die Welt
Wie ein buntes Gewand

Und tauch ins Dunkel
Nackt und allein:
Das tiefe Reich
Wird mein, ich sein.

Groß’ Wunder huschen
Durch Dickicht hin,
Quelladern springen
Im tiefsten Sinn,

O spräng noch manche,
Ich käm in’ Kern,
Ins Herz der Welt
Allem nah, allem fern.

(Hugo von Hofmannsthal, Ich lösch das Licht, aus: Die Gedichte 1891–1898, Online-Quelle)

Lösch mir die Augen aus

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

(Rainer Maria Rilke, Lösch mir die Augen aus, aus: Das Stunden-Buch / Das Buch von der Pilgerschaft (1901), Online-Quelle; zur Interpretation im Rilke-Forum (unbedingt empfehlenswert))

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer wünsche ich euch eine gute neue Woche, dass ihr auf euch und eure Liebsten achten könnt und heil an Körper, Geist und Seele bleibt.

 

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29 Kommentare zu “Vom Licht in der Nacht

    • Ja, eben, puh. Genau das, was du sagst, dachte ich auch und habe mich auf die Suche nach einer simplen Interpretation gemacht – man weiß über Rilke viel. Und siehe da, wir haben beide etwas übersehen … (Lies dir mal den Thread im Rilke-Forum durch, ist verlinkt.)
      Morgenkaffeegrüße 😁☁️☕🍪👍

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      • Nicht wahr? Ich behaupte ja nicht, dass die sich nicht auch irren können, aber da ist schon ziemlich viel Ahnung versammelt. Ich bin eigentlich immer klüger von dort weggegangen, als ich gekommen bin 😉👍

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      • Ja, aber es fällt mir auch schwer, mich nicht von all der Eloquenz überrollen zu lassen und meiner eigenen Wahrnehmung dann noch genug zu vertrauen.
        Was ich in ein Gedicht hineinlese, hat hat ja meist weit mehr mit mir zu tun, als die schlauste Interpretation. Und wenn man die Lektüre als Einladung zu Selbstreflexion versteht, dann finde ich es oft besser, bei der eigenen Wahrnehmung und den Emotionen zu verweilen. Wenn ich eine Interpretation lese, gerate schnell ich zu arg in den Kopf-Modus.
        Vorhin beim Spaziergang hab ich z.B. rumgehirnt, ob der Wortführer in dem verlinkten Thread Recht haben kann, anstatt mich damit zu befassen, was mein ursprüngliches Puh-Erlebnis mir denn sagen will. Und das ist eigentlich schade.

        Gefällt 2 Personen

      • Ja, stimmt, das ist schade. Wobei ich aber finde, eigentlich hast du die ganze „Arbeit“ ja doch schon gemacht: Du hast dir erlesen, was die Kundigen dazu sagen, und dir ist klar, dass deine Interpretation sehr viel mit dir zu tun hat. Das macht sie nicht automatisch falsch, das weist lediglich darauf hin, dass du deinen Schwerpunkt woanders legst, was ich völlig legitim finde. Also könntest du in Zukunft sagen: Die Profis sind der Meinung, dass … mich spricht es aber unglaublich an, weil …
        Eine Frage der Balance also. 😉👍

        Gefällt 1 Person

      • Das klassische Sowohl als auch statt Entweder oder…
        Doch bei manchen Gedichten, die mich besonders bezaubern, würde ich keine Interpretation lesen wollen, einfach um den Zauber nicht zu zerstören.
        Das ist für mich so ähnlich wie bei Buchverfilmungen.

        Gefällt 3 Personen

  1. Ich bewundere mal wieder deine Auswahl. Drei Gedichte, die um den tiefen Kern kreisen, dem der Mensch sich nur nächtlicher- und ahnungsweise annähern kann. „Herz“ und „dunkler Schacht“ der Augen bei Morgenstern, „Dunkel“, „das tiefe Reich“, „tiefster Sinn“, „Kern“, Quellgebiet bei Hofmannsthal, das, was dem Menschen jenseits aller Sinneseindrücke bleibt, da er es unzerstörbar im lebendigen Blut trägt bei Rilke. Was ist das? das Goethesche „Was die Welt im Innersten zusammenhält“? Das, was wir suchen und suchen, der göttliche Funken im Innern des Menschen und in jeglicher lebendigen Gestalt? Das Unzerstörbare, Schweigende, Tönende, Quellende, die Tiefe, das Blut des pochenden Herzens ? Die Liebe?

    Gefällt 4 Personen

    • Die Kundigen im Rilke-Forum erinnern daran, dass das Gedicht aus dem „Buch der Pilgerschaft“ stammt und gehen von Gott als Adressaten und dem idealen (nach Rilkes Vorstellung) Pilger als Sprecher aus.
      Ich bin ja sowieso eher bei den Mystikern zu Hause, mir ist die Bezeichnung egal, da diese per definitionem eingrenzt und daher zu verwerfen ist 🤔😉
      Danke dir. Für mein Gefühl meinen wir etwas sehr Ähnliches 🧡😁
      Mittagskaffeegrüße 😁☁️☕🍪👍

      Gefällt 4 Personen

    • Ich freue mich ja, dass nicht alle komplett dem Rilke verfallen sind, neben dem es andere Gedichte immer schwer haben.
      Ja, ich finde den Hofmannsthal auch leichter, aber keineswegs weniger tief, wenn man sich darauf einlässt … 🤔😁
      Abendgrüße 😁☁️🍷🍪👍

      Gefällt 2 Personen

  2. Den Rilke hier lass ich mal so stehen, wie er halt ist, nicht mein Ding, da liegt mir Morgenstern viel mehr mit seinen leisen Liedern und Hofmannsthal mit seinem ersten wundervollen Vers und den beiden ersten Zeilen:
    Ich lösch das Licht
    Mit purpurner Hand,

    Da liegt mir das Sanfte und Innige sehr

    Liebe Grüße in die NACHT von Bruni an Dich, liebe Christiane

    Gefällt 1 Person

  3. Zu meinem eigenen großen Erstaunen mag ich das von Hofmannsthal lieber als das von Rilke. Aber auch nur dieses Mal! 🙂 Vielleicht, weil die Nachtgedanken mir näher sind als die Emotionsgewalten in dem von Rilke. Ich hab mal in dem Forum gelesen: Meine Lieblingsdeutschlehrerin hätte sich wie im Himmel gefühlt! Mir geht es eher wie gelassenausgebremst, ich suche nur nach einer Interpretation, wenn ich sie wirklich dringend wissen will und selber ahnungslos bin (ok, ok, das bin ich öfter, aber im übertragenen Sinn).

    Gefällt 1 Person

    • Na ja, Ratschläge sind eben auch Schläge … Irgendwie schon, oder? Ich trenne in solchen Fällen Kopf von Bauch, daher kann ich mich an beidem erfreuen: der klugen Interpretation und meinem persönlichen Eindruck.
      Ich habe weiter oben schon erwähnt, dass es oft schwierig ist, Rilke etwas entgegenzusetzen, daher freue ich mich, dass der Hofmannsthal dieses Mal deiner ist … 😁
      Morgenkaffeegrüße, noch dunkel 😁☁️🪔☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

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