Vom Menschen

Der Mensch.

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar,
Kömmt er und sieht und höret,
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret,
Und bringt sein Thränlein dar;
Verachtet und verehret,
Hat Freude und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält Nichts und Alles wahr;
Erbauet und zerstöret,
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst und zehret,
Trägt braun und graues Haar etc.
Und alles dieses währet,
Wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.

(Matthias Claudius, Der Mensch, aus: ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Vierter Theil, 1782, Online-Quelle)

Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme

Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme,
Ein kleines Hirn und ein großer Mund,
Und eine Seele – daß Gott erbarme! –.

Was muß der Mensch? Muß schlafen und denken,
Muß essen und feilschen und Karren lenken,
Muß wuchern mit seinem halben Pfund.
Muß beten und lieben und fluchen und hassen,
Muß hoffen und muß sein Glück verpassen
Und leiden wie ein geschundner Hund.

(Erich Mühsam, Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme, aus: Wolken, 1909–1913, Online-Quelle)

Gebet an die Menschen

Ich geh in den Tagen
Wie ein Dieb.
Und niemand hört
Mein Herz zu sich klagen.

Habt, bitte, Erbarmen.
Habt mich lieb.
Ich hasse euch.
Ich will euch umarmen.

(Alfred Lichtenstein, Gebet an die Menschen, Erstdruck in: Die Aktion (Berlin), 1913, Online-Quelle)

Ecce homo

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich.

(Friedrich Nietzsche, Ecce homo, aus: Die fröhliche Wissenschaft, Erstdruck 1882, Online-Quelle)

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
und endlich arm ein armes Sterben stirbt
im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –
nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
in der die Welten weite Wege reisen,
mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
und will hinauf und will mit ihnen kreisen …
Und das ist Seele.

(Rainer Maria Rilke, Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt, aus: Erste Gedichte/Advent, 1898, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Auch wenn ich meine Worte seltsam dürr finde, sind sie so gemeint: Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

37 Kommentare zu “Vom Menschen

    • Thank you, Cindy! I feel the same way about Nietzsche and Rilke. In my Monday poems, I try to find poems about a motif that show aspects of the theme. These can also be rather unpleasant aspects. 🤔
      You have probably already noticed that I very often post poems by Rilke.
      Morning coffee greetings! 😉🌤️☕🍪🌼👍

      Gefällt 2 Personen

  1. Dieses Sprichwort habe ich mal gefunden – es an meine Enkel weitergegeben :

    „Sei du der Grund, weshalb andere wieder an das Gute im Menschen glauben.“

    aber ihnen auch erklärt, dass Zorn, Wut, Hass auch zum Mensch sein gehört – dass alles in ihnen steckt und sich manchmal Bahn bricht, sie aber nie das Sprichwort vergessen sollen.

    Egal wer durch alle Zeitenwenden unmenschliche Kriege anzettelt: der Großteil der betroffenen Menschen ist ohnmächtig dem ausgeliefert , trifft auch auf die Soldaten zu, die ja zumeist einen Eid geschworen haben.

    Kaltwindige sonnige Montagsgrüße zu Dir, Karin

    Gefällt 9 Personen

    • Das ist wahr, liebe Karin, leider. Und es ist ein gutes Sprichwort, wenn sich doch mehr Menschen daran halten würden, auch bei kleinen Dingen … 🤔😉
      Frostige und sonnige Morgenkaffeegrüße zurück auf dein Dach 😁🌤️☕🍪🌼👍

      Gefällt 5 Personen

  2. Liebe Christiane,
    danke mal wieder für diese Gedicht-Auswahl. Selbst bin ich gerade ziemlich verstummt, da tut es gut, wertvolle Worte von anderen zu bekommen. Wieder einmal staune ich über die Modernität bzw. Zeitlosigkeit von Rilke: Er sagt so oft dasselbe wie heutige Meditationslehrer alter spiritueller Traditionen, nur in anderen Worten. Heute lese ich heraus: Das Ego-Selbst vergeht, das wahre Selbst ist ewig und mit allem Verbunden.
    Herzlichen Gruß
    Stefan

    Gefällt 5 Personen

  3. Homo lupulus versus Homo sapiens – Mensch werden und menschlich sein, das gelingt in Anbetracht dessen, was in der Welt ist, nur noch den wenigsten. Die Welt polarisiert, spaltet und hasst was das Zeug hält. Bleibe ich bei den Menschen mit Herz und Seele.
    Guten Morgen, liebe Christiane, mit Sonne, Frost und einem Fasan, der durch die Wiese schreitet –
    Ulli

    Gefällt 7 Personen

  4. Ach, ich will hier nicht herummotzen, aber ich denke nicht, dass es die Welt besser macht, wenn man die ganze Menschheit verurteilt und nur noch alles in schwarz-schwarz sieht. Auch in diesem scheußlichen Krieg und allem, was er mit sich bringt, gibt es viele Beispiele für positive Seiten der Menschen, die man doch sehen, schätzen und nähren kann/sollte.
    Die allgemeine Bedrücktheit hat ja hauptsächlich mit Angst zu tun, weil dieser Krieg so nahe ist, nicht unbedingt ist man ein besserer Mensch, weil einem dieser Krieg auf die Nieren geht, denn ebenso brutale Invasionen und Kriege gibt es immer irgendwo auf der Welt und wenn die moralisch erforderliche Reaktion darauf wäre, ständig nur Finsteres zu sehen, so würde das Leben unerträglich.
    Was ich meine, ist, dass man die Bedrücktheit, das Depressive, die Weltuntergangsstimmung nicht kultivieren sollte sondern vielmehr versuchen, Positives dagegen zu setzen oder zu helfen, wenn man kann. Noch mehr Negativismus zu erzeugen oder gar zu meinen, es wäre unpassend derzeit auch anderes als Trauriges, Niedergeschlagenes zu tun/denken ist doch kontraproduktiv und hilft niemandem.

    Gefällt 8 Personen

  5. Hat mich an eines meiner Lieblingsgedichte erinnert. Aus den „Galgenliedern“
    Hans Christian Morgenstern: „Das Lied vom blonden Korken“

    Ein blonder Korke spiegelt sich
    in einem Lacktablett –
    allein er säh sich dennoch nich,
    selbst wenn er Augen hätt!

    Das macht, dieweil er senkrecht steigt
    zu seinem Spiegelbild!
    Wenn man ihn freilich seitwärts neigt,
    zerfällt, was oben gilt.

    O Mensch, gesetzt, du spiegelst dich
    im, sagen wir, im All!
    Und senkrecht! – wärest du dann nich
    ganz in demselben Fall?

    Einfach nie die Hoffnung, den Humor und die Freundlichkeit verlieren. Schönen Wochenanfang!

    Gefällt 3 Personen

    • Das ist ein guter Vorschlag/Vorsatz! Wenn es nur so einfach wäre! 😁🧡👍
      Ich mag Morgenstern sehr und zitiere ihn hier oft: Vielen Dank für dein Galgenlied, die hatte ich hier noch nicht oft … 😉👍
      Mittagskaffeegrüße 😁🌞🌼☕🍪👍

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  6. Liebe Christiane,
    danke für die Auswahl – sehr verschieden dieses Mal – und anregend zum Nachdenken.
    „Licht wird alles, was ich fasse, Kohle alles, was ich lasse“ – da taucht bei mir der Gedanke auf: Was ist, wenn ich weder fassen noch lassen kann?
    Das werde ich mal mit in den Abend nehmen.
    Liebe Grüße
    Judith

    Gefällt 1 Person

  7. Was für eine große und wundervolle Auswahl heute, liebe Christiane. Da ist es mühsam, das herauszufinden, was einem am meisten liegt. Ich blieb bei Herrn Mühsam hängen.
    Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme …
    Und er ergänzt und vervollständigt, denn ganz so einfach ist der Mensch ja nicht gestrickt…
    Aber Matthias Claudius gefällt mich auch sehr u. die letzten seiner Zeilen zeigen so deutlich, wie schnell alles vorbei ist, obwohl er sich soooo abgemüht hat:

    Und alles dieses währet,
    Wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
    Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
    Und er kömmt nimmer wieder.

    Ja, nimmer wieder. Aus ists dann… Welch seltsame Vorstellung, wir vergehen und kommen nie mehr wieder.

    Liebe Grüße zum Tagesabschluß von Bruni an Dich

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  8. Die meisten Werke lesen sich ernüchternd bis negativ… obwohl ich beim „kleinen Hirn“ lachen musste. Ich finde es schwierig, zu glauben, dass Menschsein mit Leiden gleichzusetzen ist. Ich weiß, das kommt aus der Religion, aber ich die ist ja eh nicht wirklich was für mich. Am Ende rettet Rilke. 😅

    Gefällt 2 Personen

    • Ich finde nicht, dass die Zeit zu allzu viel Optimismus Anlass gibt, auch wenn wieder einmal massiv der Schulterschluss geübt wird – diesmal kollektiver als bei Corona. Von daher wundert es mich nicht, dass auch schon früher große Denker auf die Idee gekommen sind, dass unser Leben eher jämmerlich ist 🤔😉
      Aber natürlich reißt Rilke wieder alles raus, wenn mensch auch mit Nietzsche nicht kann … 😏
      Mittagskaffeegrüße 😉🌞🌼☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

      • Vielleicht muss ich es doch differenzieren, um deutlich zu machen, was ich meine. Zwei der Gedichte „kommentieren sich selbst“, finde ich. Claudius „Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
        Und er kömmt nimmer wieder.“ ist ein Kommentar zu dem Vorangehenden. Rilkes „Und das ist Seele“ ebenfalls.
        Das Gedicht rundet sich, wird hermetisch. So ist es, sagt es. Dich, Leser, brauche ich nicht. – Anders ist es bei Nietzsches Gedicht. Da steht dir ein Mensch gegenüber, der eine Aussage über sich selbst macht, und zu dem du dich in ein Verhältnis setzen kannst. Bin auch ich Flamme? Wird auch mir alles zu Asche? Wie geht es mir mit Menschen, denen alles zu Asche wird, sobald sie es berühren? Kenne ich solche? Ebenso bei Lichtensteins „ich hasse euch, ich will euch umarmen“.

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  9. Liebe Christiane,
    das ist ja eine beeindruckende Gedichtauswahl vom Individualanarchisten Erich Mühsam bis zum individualistisch-idealistischen Sensibelchen Rainer Maria Rilke. Tja, der Mensch ist Vieles und das ist wahrscheinlich sein großer Vorteil.
    Wir wünschen dir ein wunderbares Wochenende
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    Gefällt 1 Person

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