Von Aprilbefindlichkeiten

Nicht! noch nicht!

Ein leichter Suff umnebelt die Gedanken.
Verdammt! Der Frühling kommt zu früh.
Der Parapluie
steht tief im Schrank – die Zeitbegriffe schwanken.

Was wehen jetzt die warmen Frühlingslüfte?
Ein lauer Wind umsäuselt still
mich im April –
die Nase schnuppert ungewohnte Düfte.

Du lieber Gott, da ist doch nichts dahinter!
Und wie ein dicker Bär sich murrend schleckt,
zu früh geweckt,
so zieh ich mich zurück und träume Winter.

Ich bin zu schwach. Ich will am Ofen hocken –
die Animalität ist noch nicht wach.
Ich bin zu schwach.
Laternenschimmer will ich, trübe Dämmerung und dichte Flocken.

(Theobald Tiger (Kurt Tucholsky), Nicht! noch nicht!, in: Die Schaubühne, 16.04.1914, Nr. 16, S. 459, Online-Quelle)

8. [Die Liebe gleicht dem April]

Die Liebe gleicht dem April:
Bald Frost, bald fröhliche Strahlen,
Bald Blüten in Herzen und Talen,
Bald stürmisch und bald still,
Bald heimliches Ringen und Dehnen,
Bald Wolken, Regen und Tränen –
Im ewigen Schwanken und Sehnen
Wer weiß, was werden will!

(Emanuel Geibel, Die Liebe gleicht dem April, aus: Lieder als Intermezzo, in: Jugendgedichte, entstanden zwischen 1834 und 1843, Online-Quelle)

Frühlings-Seufzer

Großer Gott, in dieser Pracht
Seh’ ich Deine Wunder-Macht
Mit vergnüg’ter Seelen an.
Es gereiche dir zu Ehren,
Daß ich sehen, daß ich hören,
Fühlen, schmecken, riechen, kann!

(Barthold Hinrich Brockes, Frühlings-Seufzer, aus: Irdisches Vergnügen in Gott, Zweyter Theil, 1739, Online-Quelle)

April

Das erste Grün der Saat, von Regen feucht,
Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht.
Zwei große Krähen flattern aufgescheucht
Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.

Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht,
So ruhn die Berge hinten in dem Blau,
Auf die ein feiner Regen niedergeht,
Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.

(Georg Heym, April, aus: Der ewige Tag, 1911, Online-Quelle)

(Myriade, jetzt kommt nur noch Rilke 😉 …)

Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Aeste den Tag, wie er leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

(Rainer Maria Rilke, Aus einem April, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch, Teil 1, 1906 Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Es gäbe so viel, was ich sagen könnte, aber ich kann es auch lassen. Nur so viel, weil es mir wichtig ist: Kommt gut und heil in und durch die neue Woche!

Ach, und der Rilke ist eines meiner Rilke-Lieblingsgedichte.


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26 Kommentare zu “Von Aprilbefindlichkeiten

    • Freut mich 😀🧡👍
      Was wir heute als Klischee empfinden, galt früher als frisch und modern, das ist das ewige Problem. Deshalb halte ich mich so oft wie möglich um die Zeit vor etwa hundert Jahren auf, da kamen gerade neue Töne auf. Es gibt so viele wunderbare Gedichte namhafter Dichter*innen, die alle nicht „gemeinfrei“ sind 😭, die übliche Leier, du weißt …
      Müde Vormittagskaffeegrüße 😀☁️☕🍪👍

      Gefällt 3 Personen

  1. Wie könnte ich ihn nicht lieben mit seinen launigen Worten
    Tiger Tucholsky 🙂 , der sich im Winter noch einrollen möchte und noch ein wenig nachträumen von trüber Dämmerung und dichten Flocken 🙂
    und dann Georg Heym wegen seiner letzten Zeile, so anrührend:
    feiner Regen,
    wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.
    Eine so wunderfeine Auswahl, liebe Christiane, dass ich den Rilke kaum noch brauche, aber er ist so gut, daß ich mir wenigstens
    die wunden Fenster, die furchtsam mit Flügeln schlagen
    herausgepult habe.

    Liebe Grüße zum Abend von Bruni

    Gefällt 2 Personen

  2. Aus einem April… du liebe Güte, ist das schön… ich kann mich an die mit den Flügeln schlagenden Fenster erinnern, aber der Rest war ziemlich neu und ziemlich schön. Die anderen mag ich auch alle, aber dieses ist sehr besonders. Vielen Dank für deine Auswahl, das war gerade schön, sie zu lesen und zu genießen. Müde Abendgrüße! 😊

    Gefällt 1 Person

    • Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich mich getraut habe, Gedichte auch mehrmals anzubieten. In Anbetracht der Tatsache, dass ich mich auch nicht immer gleich gut an alle Gedichte erinnere, gehe ich davon aus, dass es dir/euch nicht anders ergeht. Es sind oft nur einzelne Sätze, Gedanken, Formulierungen, die bei mir nachklingen, und ich vermute, dass es anderen nicht anders ergeht … 😉
      Diesmal waren mehrere Wiederholer dabei. 😀
      Morgenkaffeegrüße mit Regen 😀🌧️🌼☕🍪👍

      Gefällt 2 Personen

  3. Mit ein bisschen Verspätung habe ich mich heute über deine Gedichtsauswahl gebeugt, liebe Christiane, die wieder exquisit ist. Meine Lieblingszeile ist „Es heben die schwebenden Lerchen
    mit sich den Himmel empor;..“, denn sie trägt mich in meine Kindheit und alte Heimat, an die Ostsee und zu den Lerchen, die sich jubilierend in die höchsten Höhen des hellbauen Himmels schrauben. Das Bild allerdings verbinde ich mehr mit dem Juni. Und schwer war mir der Himmel damals nicht. Schwer war vieles andere, und ist es auch heute, nicht aber der Himmel. Der ist nun leider auch schwer geworden (ich poste gleich ein Photo) und ich muss mich schon geistig über die Schwere hinausschrauben in die höheren Himmel, dort wo nicht einmal Satelliten kreisen, auch kein Weltallmüll und keine Gedanken über die Ausbeutbarkeit der Himmelsweiten. Sehr sehr hoch also und außerweltlich. Dabei möchte ich eigentllich sehr gern mit Brockes seufzen: Danke, dass ich den Frühling sehen, hören, riechen, fühlen, schmecken kann.

    Von Herzen, Gerda

    Gefällt 1 Person

    • Du hast völlig recht mit der Schwere, liebe Gerda, ich habe die Diskussion bei dir verfolgt (wenn auch nicht die Links). Es ist nicht leicht, das auszuhalten, inklusive der Fragen, die sich stellen.
      Ich assoziiere mit Lerchen auch nicht den April, für mich, die ich in den Mittelgebirgen aufgewachsen bin, ist das ein Sommervogel, in meiner Erinnerung jubeln die Lerchen über reifendem Korn und es ist warm. 🧡
      Manchmal tröstet mich die Absolutheit von Dichtern wie Brockes, die Demut, die aus seinen Worten spricht, und der Glauben an das unabänderliche himmlische Gesetz, was auch immer hier unten geschieht. Alles, was gerade brüchiger zu werden scheint … 😏😢
      Sei ganz herzlich gegrüßt 😏🧡☁️☕🍪🌼👍

      Gefällt 1 Person

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