Von Unbehaustheiten

Die Zimmer meines Lebens

Jedesmal,
Wenn ich in ein neues Zimmer ziehe,
Spür ich eine Schwäche meiner Kniee.
Kalt und kahl
Starrt der Raum. Ich steh in seiner Mitten
Mit dem Koffer, gar nicht wohlgelitten.

Jedesmal,
Wenn ich solch ein Zimmer muß verlassen,
Kann ich mich vor Abschiedsfurcht nicht fassen.
Geister ohne Zahl
Meiner Stunden, Traum und waches Treiben,
Winken matt. Ich gehe. Doch sie bleiben.

(Franz Werfel, Die Zimmer meines Lebens, aus: Gedichte (1938), in: Gedichte aus dreißig Jahren, 1939, Online-Quelle)

III.

Durch die dicht verhängten Fenster
Dringt das dumpfe Wagenrollen,
Und verscheucht die Nachtgespenster,
Die im Traum mir nahen wollen.

Aber rauschend durch mein Zimmer
Wogt ein Meer von wirren Tönen,
Und aus all’ dem Schmerzgewimmer
Hör’ ich meine Seele stöhnen!

Hör’ ich meine Seele weinen –
Nicht um dieses Leibes Sterben –
Doch es bangt ihr vor dem kleinen,
Müden, einsamen Verderben.

(Ada Christen, Durch die dicht verhängten Fenster, aus: Aus der Asche (Letzte Lieder), 1870, Online-Quelle)

Einsamkeit

Einsamkeit, ernsthafte Frau,
Tratest einst still in mein Zimmer,
Ach, und ich wollte dich nimmer,
Grüßte dich finster und rauh.

Nicktest nur milde dazu,
Ließest dich doch nicht verjagen,
Mußte dich eben ertragen,
Sangest mich heimlich zur Ruh.

Sieh, und nun weiß ich genau:
Wolltest du heut von mir scheiden,
Würde ich tief drunter leiden,
Einsamkeit, ernsthafte Frau.

(Anna Ritter, Einsamkeit, aus: Gedichte (Vermischte Gedichte), 1898, Nachweis, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Mein Wunsch ändert sich nicht, Woche um Woche: Kommt gut und heil und sicher in und durch die neue Woche!

Frage am Rande: Bekommt ihr zurzeit auch ungewöhlich viel Spam, meist für irgendwelche Pillen?


40 Kommentare zu “Von Unbehaustheiten

  1. Hat mich teilweise sehr an das Volkslied „Bucklig Männlein“ erinnert.

    „Setz ich mich ans Rädlein hin,
    will mein Fädlein drehen,
    steht ein bucklig Männlein da,
    läßt das Rad nicht gehen.

    Geh ich in mein Kämmerlein,
    will mein Bettlein machen,
    steht ein bucklig Männlein da,
    fängt gleich an zu lachen.“

    Etwas sehr Zehrendes an Glieder und Empfinden – heute geht eine weitere Dienstreise ins Land, so passte der Werfel ganz vorzüglich. Vielen Dank dafür und Dir und allen anderen einen schönen Start in die (hoffentlich) sonnige Woche.

    Gefällt 1 Person

    • Etwas Zehrendes, das trifft mein Gefühl der Unbehaustheit auch sehr gut, danke fürs Reinfühlen. Dann viel Erfolg/Freude (weiß nicht, was passen könnte) auf der Dienstreise, ich hoffe, du reist gern.
      Morgenkaffeegrüße 🌥️🌼☕🍪🦋👍

      Gefällt mir

  2. Liebe Christiane,
    sehr schwere Gedichte – wie ich finde, und dennoch sprechen sie mich auch an.
    Am meisten berührt mich im letzten Gedicht der Wandel – die Einsamkeit, die erst abgelehnt und dann vermisst wird. Das hat für mich etwas tröstliches.
    Abendgrüße zu dir,
    Judith

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, und darauf zielt Werfel ganz sicher auch ab, auch wenn er emigriert ist, ich meine physische Umzüge. Ich habe versucht, es in Lebensabschnitten/-zuständen zu denken, das ist auch ziemlich interessant 😉
      Abendgrüße ✨🌼🍷🍪👍

      Gefällt 1 Person

  3. Sehr, sehr schöne Gedichte heute, sehr schwer und lastig, aber trotzdem: Schön. Ich mag das mit dem leeren Raum, der nicht willkommen heißt und dann voll zurückbleibt und matt hinterherwinkt.
    Spam: Nur das übliche, nicht besonders viel. Vielleicht hängt das mit der Aktivitätsmenge zusammen? Je mehr Traffic, desto mehr Spam? Abendliche Grüße, müde… 🥱

    Gefällt 2 Personen

  4. Sehr stimmige, schwermütige Poesie für dunkellichte Stunden.
    Zur Frage am Rande: Zur Zeit sind es täglich vier bis sechs Spams, meist mit pharmazeutischem oder sexkramigem oder unglaubwürdig lobhudelndem (zumeist englischsprachig) Inhalt.
    Mit einem herzlichen Gutenachtgruß von
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

    • Oh, stimmt, die Lobhudel-Dinger habe ich vergessen, die kenne ich auch, aber die wollen eh nur, dass man bei ihnen vorbeikommt und dort Daten hinterlässt oder in Klickfallen tappt … 😉 Danke für die Auskunft!
      Freut mich, dass dich die Gedichte ansprechen. 🧡
      Herzliche Morgenkaffeegrüße zurück 🌤️🌼☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

  5. Drei sehr gute und packende Gedichte über die Unbehaustheit, die so oft mit der Einsamkeit einhergeht, liebe Christiane.
    Die beiden Damen packen mich am meisten und Ada Christens Bilder sehe ich immer vor mir. Sie spricht mich halt immer wieder an…
    Spams? Lösche ich immer unbesehen u. vergesse sie sofort.

    Das Foto passt haarscharf zu den Gedichten über die Unbehaustheit und ist trotz des lange verblichenen Glanzes ganz wundervoll!

    Liebe Grüße von Bruni an Dich

    Gefällt 1 Person

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