Die Liebliche

Was machst du denn um diese Uhrzeit auf dem Balkon?

Und was machst du hier?

Ich habe bei dir das Licht gesehen und wollte wissen, ob du wieder mondsüchtig wirst.

Ob ich schlafwandele? Hmmmmm, auf dem Dachfirst zu gehen habe ich noch nie ausprobiert.

Untersteh dich! Bitte!

SCHWEIGEN.

Konntest du nicht schlafen? Bist du aufgeregt wegen morgen?

Ein bisschen. Eigentlich habe ich gedacht, ich suche mal die Giraffe am Himmel. Gegenüber vom Polarstern übrigens. Aber es ist fast Vollmond, und die Giraffensterne leuchten nur schwach.

Ich wusste gar nicht, dass es ein Sternbild gibt, das Giraffe heißt.

Das deutsche Wort stammt aus dem Arabischen und bedeutet »lieblich«. Hübsch, nicht? Das Sternbild dagegen hat einen lateinischen Namen: Camelopardalis.

Warum Latein?

Wissenschaftssprache. Ursprünglich ist aber Julius Caesar schuld, der hat die erste Giraffe von einem Ägypten-Feldzug nach Europa mitgebracht.

Also nicht nur Kleopatra.

Ob Kleopatra so lieblich war? Die Römer dachten, dieses Tier wäre eine Mischung aus Kamel und Leopard.

Wegen der Flecken?

Ja, vermutlich. Die sogenannte Medici-Giraffe kam erst viele Jahrhunderte später als Geschenk nach Florenz, Ende des 15. Jahrhunderts, man hat sie auf Bildern verewigt, alle wollten sie sehen. Leider soll sie ihre Ankunft nur wenige Monate überlebt haben, es heißt, sie sei mit dem Kopf in den Balken eines extra für sie gebauten Stalls hängen geblieben und habe sich den Hals gebrochen.

Das passiert uns morgen nicht.

So groß bin ich auch gar nicht. Und wer weiß, wie oft ich noch Ausflüge machen kann.

Oma!

Was denn? Ich bin seit drei Tagen 84, auch wenn der Kopf noch funktioniert, der Körper will nicht mehr wie ich. Ich bin froh, wenn ich es morgen überhaupt bis zu den Elefanten, den Giraffen, den Affen und den Löwen schaffe. Wie vor 80 Jahren. Na ja, der Lauf der Welt. Gute Nacht, Kind.

 

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 18/19.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Myriade mit ihrem Blog La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée. Sie lautet: Giraffe, mondsüchtig, suchen.

Seit ich beim Herumstöbern zum Thema Sternbild Giraffe über den lateinischen Namen (Camelopardalis, Wikipedia-Artikel, da steht auch, warum/wie die Giraffe in den Himmel kam – nicht, dass nicht eh alle Giraffen in den Himmel kommen) gestolpert bin und dabei die Medici-Giraffe (Wikipedia-Artikel) entdeckt habe, war ich fasziniert und habe ein bisschen herumgelesen. Da hat es Ende des 15. Jahrhunderts eine Giraffe als Prestigegeschenk an Lorenzo di Medici, den De-facto-Herrscher von Florenz, nach Europa geschafft, natürlich aus politischen Gründen. Bündnispolitik. Ein knallharter Deal war also, was heute irgendwie rührend anmutet. Okay, auch Friedrich II. wird der Erhalt einer Giraffe untergeschoben, ca. 230 Jahre früher. Wirklich belegt scheint aber zu sein, dass der einen Elefanten hatte, bei der Giraffe ist die Quellenlage schwieriger (ein Datum für den Erhalt zu nennen, das 11 Jahre nach dem Tod des Herrschers liegt, erhöht die Glaubwürdigkeit des sonst sehr interessanten Artikels (engl.) diesbezüglich nicht; gab es da noch eine parallele Zeitrechnung? Hm). Und natürlich musste das Tier eine so robuste Gesundheit haben, dass es die Strapaze der Reise überstand, was bei Giraffen nicht so leicht war – Giraffen sind nun mal nicht wirklich kompakt. Und spätestens ab dieser Überlegung ist die Sache eigentlich nicht mehr rührend, sondern Tierquälerei. Dennoch: Exotische Tiere sind und waren Prestigeobjekte, sei es für Zoos oder für Privatpersonen.

Ich möchte zum Thema Zoo oder nicht Zoo hier bitte kein Fass aufmachen, ich sehe da viele (einander widersprechende) Aspekte und ich tue mich mit der Gewichtung schwer. Meine alte Dame freut sich jedenfalls auf einen Ausflug, den man ihr zu ihrem Geburtstag geschenkt hat und der sie an ihre Kindheit erinnert.

Hier ist übrigens das/ein Bild mit der Medici-Giraffe (Wikimedia Commons), schaut mal rechts oben, man geht davon aus, dass der Maler die Giraffe selbst gesehen haben muss.

 

49 Kommentare zu “Die Liebliche

  1. Schön, dieses Gespräch … wichtig ist doch nur, dass wir uns daran erfreuen und im Gedächtnis behalten, wie bunt und schön die Welt ist, diese ganzen Tiere, Pflanzen, Lebewesen und Steine. Sobald man seine Augen wirklich öffnet, gehen sie einem über. Selbst ein Spatz in der Hand kann verblüffen, wie erst eine Giraffe oder Elefant auf einem Schiff oder in einem Schloss. Viele Grüße und schönen Start ins baldige Wochenende!!

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  2. Das Sternbild habe ich auch schon vergebens gesucht, es ist nicht sichtbar in unseren beleuchtetetn Nächten.
    Und immer wieder verblüfft mich die hohe Mobilität unserer Vorfahren, wahrscheinlich ist das die Hybris der Nachgeborenen
    Sehr gebildet deine Familie in der Geschichte und sympathisch dazu.

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    • Ich vermute mit dir, dass weder du noch ich am Stadtrand Chancen haben. Aber ich werde mir einprägen, wo genau ich suchen/Ausschau halten muss, und werde es in einer Neumondnacht mal versuchen. Ansonsten müsste ich an eine andere Stelle, zum Beispiel am Teich sollte es möglicherweise finster genug sein … 🤔
      Ich wusste vorher nicht, dass die Giraffe zirkumpolar ist, sonst hätte ich längst schon mal nach ihr geschaut.
      Ganz herzliche Morgenkaffeegrüße ☁️🌼☕🍪🦋👍

      Gefällt 2 Personen

      • Wenn sie im Sternbild der Großen Bärin zu finden ist (ich wüsste bisher nichts davon), dann ist sie zirkumpolar wie diese. Im Mythos heißt es, Hera habe ihr den Zugang zum Wasser untersagt. Nie netzt sie ihre Füße (die Bärin, heute verkürzt als Großer Wagen).

        Gefällt 2 Personen

        • Ich habe unten den Wikipedia-Eintrag eingebunden, liebe Gerda, da solltest du fündig werden, was die genaue Lage angeht. 🦒 Ja, zirkumpolar, in unmittelbarer Nähe zum Polarstern.
          Vormittagskaffeegrüße ☁️🌼☕🍪🦋👍

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  3. Und ich dachte, dass das Sternbild der Giraffe, das ja schon in mehreren Etüden vorgekommen ist, eine reine Erfindung wäre! Sehr interessant ist dein Infobogen zum Thema Giraffe. Die Vorstellung, dass es sich um eine Mischung von Kamel und Leopard handelt, ist schon sehr abstrus. Wie hätte es zu dieser Mischung wohl kommen können ? Jedenfalls eine hübsche Etüde im bewährten Dialogstil. Meine Nummer 5 ist noch nicht angekommen und ich denke über die Nummer 6 nach. Einen schönen Freitag wünsche ich!

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  4. Die Einbettung des Sachtextes in eine Mondscheinnacht ist gut gelungen.
    Zum Namen: Die Bestandteile sind griechisch: sowohl pardalos (gefleckt. Leopard) als auch kamila (Kamel, kamalfarben). gab es schon im Altgriechischen. Im Griechischen heißt Giraffe bis heute kamilopardalo Der Name ist beschreibend: gefleckt und gelblich wie ein Kamel. Selbst im abergläubischen Mittelalter dürfte niemand behauptet haben, dass es sich bei der Giraffe um eine Kreuzung von Leopard und Kamel handelt. Aber sicher bin ich mir da nicht.

    Übrigens war auch Kleopatra II, mit der Caesar einen Sohn hatte (der dann von Augustus umgebracht wurde), Griechin, aus dem Stamm der Ptolemäer. Ptolemäus I, mazedonischer Feldherr, wurde von Alexander dem Großen als Statthalter über Ägypten mit Regierungs-Zentrum im damals gegründeten Alexandria eingesetzt. Mit Kleopatras Selbstmord endete diese lange griechische („hellenistische“) Herrschaft und begann die römische.

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    • Wikipedia schreibt: „Die Römer nannten das Tier Kamelopard (camelopardalis), weil es ihnen schien, als ob es Merkmale des Kamels und des Leoparden in sich vereinen würde.“ Da habe ich mich mit der „Mischung“ wohl bisschen zu sehr aus dem Fenster gelehnt.
      Und ja, Caesar und Kleopatra … ich hatte einfach keine Worte mehr frei, die Etüde ist eh schon ein bisschen überfüllt 😉
      Danke dir!
      Unermüdliche Vormittagskaffeegrüße 🦒☁️🌼☕🍪🦋👍

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  5. Die Etüde ist Dir wirklich gelungen, Christiane. Sie ist spannend und der Dialogcharakter wirkt natürlich. Und anders, als Du sonst schreibst. So erscheint es mir zumindest. Liebe Mittagsgrüsse, B.☕️🍪🌥😀

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    • Ich mag ihn auch, aber er ist vielleicht nicht so super geeignet für die Darstellung von Tatsachen, wenn der*die Protagonist*in nicht abgehoben wirken soll. 🤔
      Aber es sind Etüden. Fingerübungen.
      Danke dir.
      Abendgrüße 🌅🍷🥗🌼👍

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  6. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 20.21.22 | Wortspende von puzzleblume | Irgendwas ist immer

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