Vom Sinn, eher unpfingstlich

Leben heißt Sehnsucht verehren

Über den leeren mächtigen Bäumen
Hängen die schmächtigen Sterne,
Umdrängen den Mond im Kreise.
Sehnsüchte leben auch in den prächtigen Himmelsräumen,
Und auch Gestirne kommen aus ihrem Geleise.
Keine Sonne, kein Stern kann sich der Sehnsucht erwehren,
Alle Leben leiden und lachen auf gleiche Weise.
Leben heißt Sehnsucht verehren;
Niemals der Tod, die Geliebte allein kann dir Ruhe bescheren.

(Max Dauthendey, Leben heißt Sehnsucht verehren, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 235)

Der Spruch

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

(Ernst Stadler, Der Spruch, aus: Der Aufbruch, 1914, Online-Quelle)

Zufall und Wesen

Mensch, werde wesentlich; denn wenn die Welt vergeht
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.

(Angelus Silesius (Johannes Scheffler), Zufall und Wesen, aus: Der Cherubinische Wandersmann, Buch II, Vers 30, 1657, Online-Quelle)

ZEITLICHKEIT

IN allem Wissen Dunkelheit,
in allem Haben Angst und Neid,
in aller Macht Verworfenheit,
in aller Liebe Widerstreit,
in allem Hoffen Bangigkeit,
in aller Lust Vergänglichkeit,
in jeder Neige Bitterkeit:
dies, Mensch, ist deine Zeitlichkeit.

(Richard von Schaukal, Zeitlichkeit, aus: Herbsthöhe, 1933, Nachweis, Online-Quelle)


Tränen | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay


Bin an dem Bild nicht vorbeigekommen, auch wenn es vielleicht nicht wirklich leicht passt. Das ist übrigens eine Brunnenfigur in Hall in Tirol, der sogenannte „Hundebrunnen“ 😉

Habt alle einen heiteren und frohen Feiertag und kommt gut in und durch die neue Woche!


33 Kommentare zu “Vom Sinn, eher unpfingstlich

  1. Puh, die haben es in sich, alle zusammen. Mich persönlich sprach Ernst Stadler am meisten an. Der Gesamteindruck: Passt in diese Zeit. Und ob das dann „unpfingstlich“ ist, kommt ganz auf die Interpretation an. Auch am ersten Pfingsten waren viele Menschen erschrocken und eingeschüchtert, was da mit ihnen passierte. Manche konnten es nur mit Spott ertragen. Ziemlich wie heute, finde ich.
    Trotz all der schweren Gedanken noch einen gesegneten Pfingstmontag.

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    • Für mich formuliert der Stadler nur (na gut, nicht „nur“ ) aus, was Angelus Silesius gemeint hat, was er davon und wie er es versteht. Ja, ich mag es auch sehr. Ich habe den Cherubinischen Wandersmann unter „Online-Quelle“ verlinkt, schau mal rein, falls du ihn nicht eh schon kennst, ich finde, es lohnt die Beschäftigung.
      Danke für die guten Wünsche, auch dir einen gelungenen Feiertag! 🧡
      Morgenkaffeegrüße ☁️🌳☕🍪🌼👍

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  2. Gar nicht so einfach, sich aus diesen vier das noch Bessere herauszufischen, liebe Christiane.
    Dauthenday liegt mir, stelle ich wieder mal fest
    *Leben heißt Sehnsucht verehren*
    Stimmt es denn? Seine Aussage gefällt mir auf jeden Fall sehr.
    *Niemals der Tod, die Geliebte allein kann dir Ruhe bescheren.*
    So schreibt der Mann, der die Liebe verehrte und ich mag es, weil es so heimelig klingt.

    Liebe Grüße zum Pfingstmontagabend von Bruni an Dich

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    • Okay, ich weiß, dass wir beide ein völlig unterschiedliches Verständnis von „Sehnsucht“ haben. Aber das mit dem „genauen Gegenteil“ irritiert mich jetzt doch 🤔
      Kannst du das erklären? Ich finde es schwer.
      Nachtgrüße ☁️🍷🍪👍

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      • Naja, also Sehnsucht ist für mich (ständig) etwas haben wollen, was man nicht hat und vielleicht auch nie bekommt. Und dieses Sehnen verstellt aus meiner Sicht den Blick auf das, was man wohl hat und was man wohl tun und erreichen könnte. Als Leben betrachte ich nicht, sich in ersehnten Welten aufzuhalten und die reale Welt mit allen ihren Möglichkeiten links liegen zu lassen. Ich sehe diese Haltung als eine Verweigerung der Welt und des Lebens. Wenn Sehnsucht, dann auch noch verehrt werden soll, so ist das für mich das Gegenteil von leben.
        Vielleicht ist das aber auch nur meine Interpretation. Ich muss dabei immer an eine Szene aus dem Buch „vom Winde verweht“ denken. Scarlett O`Hara sagt zu Ashley „Immer nur Träume ….“

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        • Okay, das ist nur unser üblicher Disput über die Definition der Sehnsucht, denke ich. Ich gehe davon aus, dass Sehnsucht nicht bedeutet, in etwas völlig Unerreichbares abzudrehen, wobei es das natürlich auch gibt.
          Sehnsucht ist für mich eine Sache des Herzens, ein Motor, ein Kompass, eine Antriebskraft, nicht unbedingt logisch, aber ganz sicher keine Verweigerung des Lebens.
          „Vom Winde verweht“ mochte ich übrigens nie wirklich. Ich kann das nicht definieren.
          Morgenkaffeegrüße 🥱☁️🌧️🌳☕🍪🌼👍

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        • Ja, die Debatte hatten wir schon. Wobei man über so eine Frage nicht diskutieren kann, sondern nur eigene Auffassungen darlegen und die anderer erfahren.
          Noch ein Blick auf die Etymologie des Wortes:
          Herkunft: mittelhochdeutsch sensuht; ursprünglich als peinigende, schmerzliche Krankheit (Sucht) vorgestellt.

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        • Wikipedia sagt: Sehnsucht ist ein inniges Verlangen nach Personen, Sachen, Zuständen oder Zeitspannen. Sie ist mit dem Gefühl verbunden, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können. Bei Menschen, die sich vor Sehnsucht „verzehren“, kann diese psychopathologische Züge annehmen, so etwa bei verschiedenen Formen der Todessehnsucht, die bis zum Suizidwunsch reichen kann.
          https://de.wikipedia.org/wiki/Sehnsucht
          Die „krankheit des schmerzlichen verlangens“ stammt übrigens von den Gebrüdern Grimm. 😉
          Ich überfliege gerade den Rest des Wikipedia-Artikels. Hilft der dir? Ich finde ihn interessant.

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  3. Liebe Christiane,
    auch mir hat es der Silesius angetan.
    Der Dauthendey – ja…: Seine Bilder gefallen mir und zwei Irritationen bietet er mir. Den letzten Satz mag ich nicht, schon gar nicht unterschreiben (das halte ich für schwierig).
    Das Zweite ist das verehren der Sehnsucht: Ich glaube, jeder Mensch hat und braucht Sehnsucht, aber die Sehnsucht verehren, das ist mir zu viel.
    Liebe Grüße
    Judith

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    • Da hast du recht, der letzte Satz ist schwierig, keine Frage. Was die Verehrung betrifft: Dauthendey war (wohl) ein Schwärmer. Und wenn du überlegst: Kennst du nicht auch Leute, die ins Verliebtsein verliebt sind, also in den Hormonrausch, weniger in die Person, und die weiterziehen, wenn der nachlässt (was nach ca. 3 Monaten der Fall sein soll)? Nein, Dauthendey war NICHT SO, aber ich stelle ihn mir mit dem „Sehnsucht verehren“ ein bisschen so vor: Jemand, der die Flamme immer wieder neu entfacht.
      Nachdenkliche Nachmittagskaffeegrüße ☁️🌳☕🍪🌼👍

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