Von Nacht und Nachtigallen

Nachts

Ich wandre durch die stille Nacht,
Da schleicht der Mond so heimlich sacht
Oft aus der dunklen Wolkenhülle,
Und hin und her im Tal
Erwacht die Nachtigall,
Dann wieder alles grau und stille.

O wunderbarer Nachtgesang:
Von fern im Land der Ströme Gang,
Leis Schauern in den dunklen Bäumen –
Wirrst die Gedanken mir,
Mein irres Singen hier
Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.

(Joseph von Eichendorff, Nachts, in: Wanderlieder, aus: Gedichte (1841), Online-Quelle)

Schöne Junitage

Mitternacht, die Gärten lauschen,
Flüsterwort und Liebeskuß,
Bis der letzte Klang verklungen,
Weil nun alles schlafen muß –
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Sonnengrüner Rosengarten,
Sonnenweiße Stromesflut,
Sonnenstiller Morgenfriede,
Der auf Baum und Beeten ruht –
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Straßentreiben, fern, verworren,
Reicher Mann und Bettelkind,
Myrtenkränze, Leichenzüge,
Tausendfältig Leben rinnt –
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Langsam graut der Abend nieder,
Milde wird die harte Welt,
Und das Herz macht seinen Frieden,
Und zum Kinde wird der Held –
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

(Detlev von Liliencron, Schöne Junitage, aus: Neue Gedichte, 1895, Online-Quelle)

Tief in den Himmel verklingt

Tief in den Himmel verklingt
Traurig der letzte Stern,
Noch eine Nachtigall singt
Fern, – fern.
Geh schlafen, mein Herz, es ist Zeit.
Kühl weht die Ewigkeit.

Matt im Schoß liegt die Hand,
Einst so tapfer am Schwert.
War, wofür du entbrannt,
Kampfes wert?
Geh schlafen, mein Herz, es ist Zeit.
Kühl weht die Ewigkeit.

(Ricarda Huch, Tief in den Himmel verklingt, aus: Herbstfeuer, 1944, Online-Quelle)

Wo aber fliegen die Abendvögel hin?

Die Tauben schlummern im Hause:
Wo aber fliegen die Abendvögel hin?
Der Wasserfall dämpft sein Gebrause:
Wo aber rinnen die Bäche hin?
Friedlich wurzelt der Rauch auf den Dächern:
Wo aber strömt das Nachtgewölk hin?
Lichter stehen in tausend Gemächern:
Wo aber sinken die Sterne hin?
Immer indem wir liegen und schlafen
Lösen sich Schiffe dunkel vom Hafen.

(Albin Zollinger, Wo aber fliegen die Abendvögel hin?, aus: Gedichte, 1933. Beleg, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Kommt alle gut und heil in und durch die neue Woche!


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10 Kommentare zu “Von Nacht und Nachtigallen

  1. Που πάει η μουσική όταν δεν την ακου΄με πιά … „Wo geht die Musik hin, wenn wir sie nicht mehr hören?“ – fragt eine liebe Kinderstimme immer nach einer bestimmten Sendung im staatlichen Rundfunk. Diese fragende Kinderstimme hat mir immer sehr gefallen.
    Nachtigallen wirken wie aus der Zeit gefallen. Wie die Nächte der Romantiker, als der Mond noch konkurrenzlos am Himmel stand, weit und breit keine Straßenbeleuchtung und natürich kein Auto. Traurig und süß. Herzeleid. Zuletzt hörte ich ihren Gesang bei einem Dorf in der Nähe von Würzburg. Da steht ein riesenhafter Birnenbaum, und an den Wegen laufen hohe Hecken hin mit Weißdorn und Schlehen. Lang lang ists her.

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, das tun sie. Aus der Zeit gefallen ist zumindest das Symbol. Birnen, Hecken und Weißdorn klingt schon verwunschen … 😉
      Ich höre selten Nachtigallen hier und bin dann immer total bezaubert. Wird wohl die Sehnsucht/Hoffnung nach einer anderen Zeit sein … 🧡
      Nachmittagskaffeegrüße ⛅🌳☕🍪🌼👍

      Gefällt 2 Personen

  2. Wundervoll, Deine Auswahl, liebe Christiane
    und ich lese und lese, bezaubert und tatsächlich auch schon wie
    aus der Zeit gefallen.
    Ein Schönstes zu finden gelingt mir kaum, aber Ricarda Huch und dann auch die Abendvögel von Herrn Zollinger haben es mir angetan…

    Ganz herzlich Bruni

    Gefällt 1 Person

  3. In meinem Buch „Berliner Tiere“ lese ich, das Nachtigalleriche in Berlin 14 Dezibel lauter singen als ihre romantischen Kollegen auf dem Land, um den Lärm zu übertönen. 😱 Vorbei die Zeit, in der es Nachts ruhig wurde. Und trotzdem eine schöne Auswahl, die Balsam für die Nerven ist. 🙏☺️

    Gefällt 1 Person

    • Das habe ich auch schon mal irgendwo gelesen. Es gibt auch ein Berliner Nachtigallen-Gedicht von Ringelnatz, wenn ich mich recht erinnere …
      Es stimmt, es ist in der Stadt auch nachts nicht mehr ruhig und auch nicht wirklich dunkel, wenn man es mit dem Land vergleicht. Ansonsten müsstest du vermutlich sehr an den Stadtrand ziehen … 🤔
      Freut mich, dass dir meine Auswahl gefällt! 👍
      Vormittagskaffeegrüße 🌤️🌳☕🍪🌼👍

      Gefällt 1 Person

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