Von Fluss und Fließen

Die Tage lassen keine Spur

O Regen sag, Du kommst so hoch daher,
Ist droben auch der Tag spurlos und leer?

Du fällst zum Fluß und schwimmst zum Meer,
Glaubst, Du enteilst dem Leid und suchst Genuß?

O wüßten alle nur, was doch ein jeder wissen muß:
Die Tage lassen keine Spur, so wenig wie der Regen auf dem Fluß, –
Die Liebe nur.

(Max Dauthendey, Die Tage lassen keine Spur, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 378/379)

Verirrte Welle

Bräunliche Haide im Sonnenduft,
Wandervögel in blauer Luft,
Und eine Welle, die weit vom Fluß
Sich in das träumende Land verirrt
Und nun im Sande verrinnen muß. –
Während der Zug vorüber schwirrt,
Prägt sich das seltsame Bildchen mir ein,
Um mich dann später heimlich zu fragen:
„Was bist du Andres, als solch eine Welle,
Die von des Ufers sicherer Schwelle
Ruhlose Sehnsucht ins Weite getragen?“

(Anna Ritter, Verirrte Welle, aus: Befreiung, 1900, Online-Quelle)

Am Flusse

Trauernd stehst du an des Flusses Rande,
trauernd führt mein Weg am andern Ufer:
keiner weiß, ob ihn der andre riefe;
allzu heftig rauschen die Gewässer.

Wollen wir ein Boot vom Strande ketten,
du vom rechten, ich vom linken Strande?
Wollen wir dann in des Stromes Mitte
leichten Ruderschlages uns begrüßen?

Wollen wir die Wasser abwärts gleiten,
Boot an Boot, und nur gelinde lächelnd,
bis das Meer in großem Glanz sich auftut
und wir stehn und beide weinen müssen?

(Walter Calé, Am Flusse, aus: Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, 1910, Online-Quelle)

Spruch für eine Sonnenuhr

Der Tag geht über mein Gesicht.
Die Nacht, sie tastet leis vorbei.
Und Tag und Nacht ein gleich Gewicht
und Nacht und Tag ein Einerlei.

Es schreibt die dunkle Schrift der Tag
und dunkler noch schreibt sie die Nacht.
Und keiner lebt, der deuten mag,
was beider Schatten ihm gebracht.

Und ewig kreist die Schattenschrift.
Leblang stehst du im dunklen Spiel.
Bis einmal dich die Deutung trifft:
Die Zeit ist um. Du bist am Ziel.

(Rudolf Binding, Spruch für eine Sonnenuhr (am Hochzeitsturm in Darmstadt, Bild), 1927, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay

Wie jede Woche, so auch heute: Kommt gut und heil und fröhlich in und durch die neue Woche!


20 Kommentare zu “Von Fluss und Fließen

  1. Schön und traurig. Ich liebe die Melancholie der Flüsse. Hier gibt es, wenn’s hoch kommt, ab und an ein Bächlein – kindliche Flüsse, die nie erwachsen werden. Bei der letzten Gedichtszeile von Binding fiel mir Kafkas Erzählung „vor dem Gericht“ ein: Dieser Einfang war nur für dich. Ich schließe ihn jetzt.

    Gefällt 3 Personen

  2. Ich mag die Melancholie – sie steht im schönen Kontrast zur Helligkeit des Sommers, zum Auf und Ab, zwischen Hochs und Tiefs. Gedichte rühren immer sehr viel an – Unerwartetes. Aber ein Vers wie dieser:

    „Es schreibt die dunkle Schrift der Tag
    und dunkler noch schreibt sie die Nacht.
    Und keiner lebt, der deuten mag,
    was beider Schatten ihm gebracht.“

    Einfach toll und wahr, und ich sage das ungern, wahrscheinlich, weil ich es einfach nur empfinde, ohne genau zu wissen, was eigentlich.

    Gefällt 3 Personen

    • Das ist immer ein Problem, wenn man gewöhnt ist, die Dinge über den Kopf zu lösen, wenn dann plötzlich die Emotionen reingrätschen 😉
      Genieß es einfach, möchte ich dir gern empfehlen, manchmal versteht das Herz mehr als der Kopf, und manchmal muss man es gar nicht so genau wissen.
      Ich freue mich, dass du es aussprichst. Schönen Abend dir!
      Abendgrüße 🌞🌅🍷🥗👍

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  3. Dauthendeys Die Tage lassen keine Spur ist mir das liebste der vier. Für ihn lassen weder Tag noch Regen auf dem Fluß
    eine spürbare Spur. zurück.
    Nur die Liebe schafft es in seinen Augen und das finde ich sehr liebenswert, liebe Christiane. Ob es stimmt, weiß ich nicht so recht 🙂
    Liebe Grüße nach einem ultraheißen Tag von Bruni an Dich

    Gefällt 1 Person

    • Wo blieben wir, wenn wir uns nicht entscheiden würden, liebe Bruni? Wenn du entscheidest, dass es die Liebe ist, dann ist sie es. Und Dauthendey war wohl wirklich so gestrickt, ich habe das ja schon öfter erwähnt …
      Herzliche Abendgrüße 🌤️🌳🍷🥗🌼👍

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  4. Schön, dieses Binding-Gedicht, im Gegensatz zu anderen Gedichten, stimmt hier der Sprachrhythmus. Der Schluss ist gekonnt: „Die Zeit ist um, du bist am Ziel“ – dieses d – z zweimal und die Zäsur nach 2 Hebungen.
    Alles Gute
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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    • Ich stimme dir gern zu, dass hier der Binding technisch/formal sein Handwerk am besten versteht, gar keine Frage. Aber mir geht es primär nicht um Perfektion bei meinen Montagsgedichten, auch wenn ich sie zu schätzen weiß.
      Herzliche Mittagskaffeegrüße 🌞⛵☕🍪🌼👍

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      • Naja, ich denke, die Faszination der Lyrik liegt in ihrer Form. Form ist Inhalt. Wird die Form vernachlässigt, wird die Aussage trivial, was man bei vieler ‚Lyrik‘ im Netz sehen kann.
        Genieße deinen Kaffee. Herzliche Grüße vom unserem Segelboot
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

        Gefällt 1 Person

      • Ich finde, dass viele Lyrik dadurch gewinnen würde, würden ihre Urheber ihr Handwerk besser beherrschen, ja. Ich setze dennoch keinesfalls Form mit Inhalt gleich. Ein Nichts ist ein Nichts, auch wenn es formvollendet sein sollte. Aber ich bin kein Theoretiker.
        Grüße zurück! 🌞☕🌼👍

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