Vom Hund (und Katz)

Hund und Katze

Miezel, eine schlaue Katze,
Molly, ein begabter Hund,
Wohnhaft an demselben Platze,
Haßten sich aus Herzensgrund.

Schon der Ausdruck ihrer Mienen,
Bei gesträubter Haarfrisur,
Zeigt es deutlich: Zwischen ihnen
Ist von Liebe keine Spur.

Doch wenn Miezel in dem Baume,
Wo sie meistens hin entwich,
Friedlich dasitzt wie im Traume,
Dann ist Molly außer sich.

Beide lebten in der Scheune,
Die gefüllt mit frischem Heu.
Alle beide hatten Kleine,
Molly zwei und Miezel drei.

Einst zur Jagd ging Miezel wieder
Auf das Feld. Da geht es bumm!
Der Herr Förster schoß sie nieder.
Ihre Lebenszeit ist um.

Oh, wie jämmerlich miauen
Die drei Kinderchen daheim.
Molly eilt, sie zu beschauen,
Und ihr Herz geht aus dem Leim.

Und sie trägt sie kurz entschlossen
Zu der eignen Lagerstatt,
Wo sie nunmehr fünf Genossen
An der Brust zu Gaste hat.

Mensch mit traurigem Gesichte,
Sprich nicht nur von Leid und Streit,
Selbst in Brehms Naturgeschichte
Findet sich Barmherzigkeit.

(Wilhelm Busch, Hund und Katze, aus: Zu guter Letzt, 1904, Online-Quelle)

Findling

Es war ein trüber Abend
Zwischen Herbst und Winter,
Regen strömte und strömte
Vermischt mit zerfließenden Flocken
Zeitigen Schnees,
Und eisiger windhauch klatschte
Das rotbraune Laub des wilden Weins
Ans Gittertor –
Da standst du vor meinem Hause,
Nachdem du mir lange nachgeschlichen,
Scheu und doch hoffend,
Stumm und doch bittend.
Ich nickte dir zu,
Ich blickte dich an,
Und sah einen schlanken, biegsamen
Schwarzen Jäger,
Stammend aus schottischem Hochgebirge,
Durchnäßt und erschöpft,
Niederkauern vor mir.
Vordringliche Rippen zeugten
Von schwerer Entbehrung
Und ich erwog:
Wie lange du schon so heimatlos
Umhergeirrt in den fremden Straßen,
Und sagte: Komm!
Und du kamst.

(Emil Claar (Wikipedia), Findling, möglicherweise aus: Weltliche Legenden, 1899, Online-Quelle)

FRAU WERNER HIESS DAS TIER

(22. Juni 1931)

Mein Hund, den ich einmal an Oertners gab,
Weil sie ihn überlieb gewonnen hatten,
Den mußten sie heute bestatten.
Betteten ihn in ein Hundegrab.

Eine Terrierhündin, die vierzehn Jahr
Alt wurde und Kriegskameradin mir war,
Ist sanft und rührend entschlafen.
Nun weinen die Oertners, die braven.

Mich tröstet traurig: So ging’s, so geht’s.
Hat Bug wie Heck seine Wellen. —
In meinem besten Erinnern wird stets
Etwas wedeln und etwas bellen.

(Joachim Ringelnatz, FRAU WERNER HIESS DAS TIER, aus: Gedichte dreier Jahre, 1932, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay

Nein, bevor irgendwer etwas denkt – der Fellträger erfreut sich bester Gesundheit. Natürlich gibt es einen Anlass für diese Gedichte, aber der ist ziemlich durch die Brust ins Auge … und fröhlicher, als es scheint.

Kommt gut in und durch die neue Woche!

Adventüden: 22 sind da, eine fehlt entschuldigt, der Rest … *grrrrr*


26 Kommentare zu “Vom Hund (und Katz)

  1. Mich hat das erste Gedicht sehr berührt. Gestern fand ich eine Fliege zwischen meinen Bleistiften. Sie lag da, tot, und ich erinnere mich, wie sie mich noch ein Tag davor genervt hat (wahrscheinlich) … und dann war ich plötzlich tief betrübt. Guten Wochenstart und Danke für die schönen Gedichte. Halbmorgenkaffee-Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    • Vor allem: Es kommt vor, Busch hat beschrieben, was er erlebt haben konnte. Ich kenne das Gefühl. Deshalb versuche ich, Fliegen nach draußen zu scheuchen, bringe Spinnen vor die Tür und bedaure die putzigen Mäuse, die der Fellträger mitbringt …
      Morgenkaffeegrüße zurück 🌄☕🍪🌼👍

      Gefällt 1 Person

      • Ich habe auch eine gute Technik entwickelt, Wespen herauszuwedeln. Klappt ganz gut. Die Fliege hat sich eine sehr ruhige Stätte ausgesucht. Sehr geschützt. Es wirkte irgendwie, sie hätte vor Müdigkeit gewusst, es geht zuende und muss einen entsprechenden Platz finden. Ich bekomme dann stets das Gefühl, dass ich die kleinen Dinge immer noch nicht so recht würdige, wie eine Fliege, die mir lustig um die Nase herumtanzt, auf mir landet, summt und säuselt, während ich Platon zu lesen versuche. Und dann stehe ich betroffen da. Schön, dass du das mitfühlen kannst 😀 Viele Grüße.

        Gefällt 2 Personen

      • Wespen schicken eigentlich immer zuerst Kundschafter, ob es irgendwo was zu holen gibt. Die komplimentiere ich dann immer möglichst höflich nach draußen und bitte sie, es weiterzuerzählen, dass es sich hier drin nicht lohnt … 🐝😉🐝
        Ich verstehe dieses plötzliche Gefühl von „Wer bin ich eigentlich?“ Man sieht sich irgendwie von außen, und die Bezüge verrutschen.

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