Von Göttern

Alles geben Götter

Alles geben Götter die unendlichen
Ihren Lieblingen ganz
Alle Freuden die unendlichen
Alle Schmerzen die unendlichen ganz.

(Johann Wolfgang von Goethe, Alles geben Götter, aus: Briefe. 1777, 3/621. Aus einem Brief an Auguste Gräfin zu Stolberg, Weimar 17. Juli 1777, Online-Quelle)

HIMMELSMÄRCHEN

Nun sind wir wieder unter uns Göttern,
Sagte der Mond, als der Abend dunkelte,
Und winkte zum Reigen den Planeten,
Seinen Vettern.
Das Goldblut funkelte
Durch demantene Schleier,
Wie sie langsam sich drehten
In festlich melodischem Schritt.
Dann reichten sie die Leier
Der Erde, Scheherezade,
Und alle lauschten
Ihrer glorreich wilden Ballade.
Die Nacht summte träumerisch mit.
Die Tränen rauschten.

(Ricarda Huch, Himmelsmärchen, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Online-Quelle)

Jetzt wär es Zeit

Jetzt wär es Zeit, daß Götter träten aus
bewohnten Dingen…
Und daß sie jede Wand in meinem Haus
umschlügen. Neue Seite. Nur der Wind,
den solches Blatt im Wenden würfe, reichte hin,
die Luft, wie eine Scholle, umzuschaufeln:
ein neues Atemfeld. Oh Götter, Götter!
Ihr Oftgekommenen, Schläfer in den Dingen,
die heiter aufstehn, die sich an den Brunnen,
die wir vermuten, Hals und Antlitz waschen
und die ihr Ausgeruhtsein leicht hinzutun
zu dem, was voll scheint, unserm vollen Leben.
Noch einmal sei es euer Morgen, Götter.
Wir wiederholen. Ihr allein seid Ursprung.
Die Welt steht auf mit euch, und Anfang glänzt
an allen Bruchstelln unseres Mißlingens…

(Rainer Maria Rilke, Die Welt steht auf mit euch, Muzot, Mitte Oktober 1925, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 173. Online-Quelle; Gedanken zur Interpretation im Rilke-Forum)


Quelle: Pixabay


Der obligatorische Wunsch: Kommt gut und heil und sanft in und durch die neue Woche!

Die Statue ist übrigens eine der acht auf der Schlossbrücke in Berlin (hier mehr lesen) und stammt von Gustav Blaeser (1853): Athena beschützt den jungen Helden.


35 Kommentare zu “Von Göttern

  1. Ich führe natürlich keine Statistik, meine aber, dass der Dichterfürst bei dir recht selten zu Wort kommt, umso mehr freue ich, heute mal mit seinen Worten in den Tag starten zu können. Auch wenn seine Worte ein n zu viel enthalten. 😉

    Trotzdem liegt für mich heute – mal wieder – der Rilke vorne. 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • Tja, man sollte vielleicht hinterher noch mal gründlich lesen, wenn man etwas kopiert 😉 Vielen herzlichen Dank fürs Aufmerksam-Machen!
      Und Rilke … ja, ach, Rilke … 🧡
      Auch eines von den ganz bekannten, das auch im Rilke-Projekt versammelt war, sogar mit Otto Sander, hier muss ich aber sagen, dass mir die Musik nicht gefällt, sie ist für meinen Geschmack viel zu rhythmisch. Hm.
      Morgenkaffeegrüße! ⛅🍃☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

  2. Ricarda Huch ist diesmal eine Neuentdeckung, grossartig, danke dafür. Als Illustration hätte ich mir weniger Kriegerisches gewünscht.
    Ich lese (immer noch) die Augustus-Biographie. Das römische Imperium führte die Ahnenreihe auf Venus und Mars (Liebe & Krieg) zurück – daran musste ich beim Anblick der Skulptur aus dem 19. Jh denken.

    Gefällt 1 Person

    • Es ist immerhin Athene. Ich wollte unbedingt Griechen, weiß selbst nicht, wieso, und fand sie bei Pixabay echt dünn gesät.
      Huch: Wenn du auf den Link zur Online-Quelle klickst, bekommst du das ganze Buch. Ich bin sehr angetan von ihr, das ist jetzt das zweite Gedicht von ihr, das in meine Lieblingsgedichte gewandert ist …
      Danke dir, ich freue mich 😀
      Mittagskaffeegrüße ☁️🍃☕🍪👍

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      • Pardon, muss heißen „mein Herz, mein Löwe“.
        Athene gehört ihrer klassischen Form nicht grad zu meinen Lieblingsgöttinnen, ist eine Kopfgeburt oder eine Vatertochter und hat das Matriarchale Recht außer Lraft gesetzt. Sie hat die wüsten Achaier über die zivilisiertennfriedlichen Troer siegen lassen … Insofern kam mit ihr die moderne Zeit, in der sich der Kopf über die Brust erhob.

        Gefällt 2 Personen

      • Das weiß ich zwar auch, aber dennoch: Für mich war Athene als Kind/Jugendliche die erste griechische Göttin meiner Wahl. Auch wenn ich mit Christa Wolfs Kassandra (spätestens) eine andere Perspektive kennenlernte, komme ich ursprünglich mal aus dieser Ecke … 😉
        Ich muss mich mal um Ricarda Huch kümmern, ich weiß viel zu wenig über sie, danke für den Anreiz!

        Gefällt 2 Personen

  3. Liebe Christiane
    Rilke, Huch und Goethe – welch ungewöhnliche Zusammenstellung.
    Ricarda Huch war eine interessante und während des Faschismus auch couragierte Frau, sehr emanzipiert. Allerdings ihre Texte treffen mit ihrem Stil nicht gerade unseren Geschmack.
    Mit herzlichen Grüßen vom Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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  4. Eingerahmt von zwei großen Namen
    die Worte von Ricarda Huch, ihr Himmelsmärchen, und sie bezaubern mich,
    weil sie einfach bezaubernd schön sind.
    Für mich sind sie Poesie pur, liebe Christiane.
    Goethe und Rilke sind gut, aber das entscheidende Fünkchen Liebenswertes finde ich bei Ricarda Huch
    Liebe Grüße zum späten Abend von Bruni an Dich

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  5. Da war ich doch schon bei den ersten beiden angetan und dachte, was kann jetzt noch kommen? Tja. Dann kam der Rilke, den ich mir sogar laut vorgelesen habe, was ich nicht oft tue. Ganz großes Kino! Vor allem die letzten zwei Zeilen. Wenn man das doch könnte! Ach. Trotzdem, wenn auch untalentierte, so doch ernst gemeinte Abendgrüße mit Feige! 😊 (leider kein Emoji mit Feige vorhanden)

    Gefällt 1 Person

    • Wie ich schon in einem anderen Kommentar geschrieben habe, gibt es dazu die Vertonung von Otto Sander. Wenn du ihn magst, hör gern rein, ich finde, er lohnt – ich mag halt nur nicht die Musik, die das Rilke-Projekt daruntergelegt hat.
      Genau, die letzten beiden Zeilen, daran kaut man Jahre, wenn man nicht Rilke ist … 😉
      Nachtgrüße 🌌🍷🍪👍

      Gefällt 1 Person

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