Von Herbst und dem Weitergehen

Das Buchenblatt

Nun hat es sich gewendet
Das grüne Buchenblatt,
Nun hat es sich geendet,
Was mich erfreuet hat.

Die Rose hat verloren
Die roten Blüten all,
Was du mir hast geschworen,
Es war ein leerer Schall.

Das Blatt am Buchenbaume
Gibt keinen Schatten mehr,
Dem allerschönsten Traume
Blüht keine Wiederkehr.

(Hermann Löns, Das Buchenblatt, aus: Der kleine Rosengarten, 1911, Online-Quelle)

Des Narren Regenlied

Regenöde, regenöde
Himmel, Land und See;
Alle Lust ist Last geworden,
Und das Herz thut weh.

Graugespinstig hält ein Nebel
Alles Sein in Haft,
Weher Mut weint in die Weiten,
Krank ist jede Kraft.

Die Prinzessin sitzt im Turme;
Ihre Harfe klingt,
Und ich hör, wie ihre Seele
Müde Sehnsucht singt.

Regenöde, regenöde
Himmel, Land und See;
Alle Lust ist Last geworden,
Und das Herz thut weh.

(Otto Julius Bierbaum, Des Narren Regenlied, aus: Irrgarten der Liebe, 1901, Online-Quelle)

[Dich wundert nicht des Sturmes Wucht]

Dich wundert nicht des Sturmes Wucht, –
du hast ihn wachsen sehn; –
die Bäume flüchten. Ihre Flucht
schafft schreitende Alleen.
Da weißt du, der, vor dem sie fliehn,
ist der, zu dem du gehst,
und deine Sinne singen ihn,
wenn du am Fenster stehst.

Des Sommers Wochen standen still,
es stieg der Bäume Blut;
jetzt fühlst du, daß es fallen will
in den, der alles tut.
Du glaubtest schon erkannt die Kraft,
als du die Frucht erfaßt,
jetzt wird sie wieder rätselhaft,
und du bist wieder Gast.

Der Sommer war so wie dein Haus,
drin weißt du alles stehn –
jetzt mußt du in dein Herz hinaus
wie in die Ebene gehn.
Die große Einsamkeit beginnt,
die Tage werden taub,
aus deinen Sinnen nimmt der Wind
die Welt wie welkes Laub.

Durch ihre leeren Zweige sieht
der Himmel, den du hast;
sei Erde jetzt und Abendlied
und Land, darauf er paßt.
Demütig sei jetzt wie ein Ding,
zu Wirklichkeit gereift, –
daß Der, von dem die Kunde ging,
dich fühlt, wenn er dich greift.

(Rainer Maria Rilke, Dich wundert nicht des Sturmes Wucht, aus: Das Buch von der Pilgerschaft, in: Das Stundenbuch, 1901, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay

Wie jedes Mal: Kommt gut in und durch die neue Woche! Wer heute Feiertag hat, dem einen entspannten Tag!


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41 Kommentare zu “Von Herbst und dem Weitergehen

    • Wenn man draußen zu Fuß unterwegs ist, ist es nicht mehr zu übersehen, dass sich alles verändert. Allen scheint dieses Jahr der Gedanke an Herbst und Winter zu widerstreben, aber es ist, wie es ist …
      Feiertagskaffeegrüße 🌦️🌻☕🍪👍

      Gefällt 2 Personen

      • Ach, Rilke! Dies Gedicht kannte ich nicht, darin sind einige Zeilen, die so wuchtig und wahr sind. Immer fasziniert mich, wie die Sprache all das bereit hält, um auszudrücken, was der Geist erfasst. „Jetzt musst du in dein Herz hinaus wie in die Ebene gehen.“

        Gefällt 4 Personen

      • Deswegen zitiere ich ihn so gerne, liebe Gerda: dieses unvergleichlich sensible Sprachgefühl. Er mag menschlich häufig fehlerbehaftet gewesen sein, aber darin war er sehr groß.
        Ganz herzliche Grüße ⛅🌻🍃☕

        Gefällt mir

  1. Gerda und gelassenausgebremst haben schon meine Gedanken aufgeschrieben… ich kannte den Rilke nicht, aber in Strophe zwei hab ich ihn erkannt. Dieses Jahr möchte ich den Herbst auch noch nicht, aber er kümmert sich nicht um mein Wollen und marschiert munter voran. Und deswegen beschreiben die beiden ersten Gedichte ganz gut meine Gemütslage, auch wenn ich nicht unter Liebeskummer leide. Obwohl… vielleicht ist der Abschied vom Sommer auch so eine Art Liebeskummer… Ich glaub, ich brauche heute Abend ein Glas Wein… 😊🍷

    Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Christiane,
    danke dir.
    So viel Wucht, so viel Wehmut…
    Wunderschöne Gedichte hast du da ausgesucht.
    Mir hats, wen wunderts, der Rilke angetan – dieses Sprache ist so sanft (für mich jedenfalls) und hinterlässt doch tiefe Spuren.
    Und beim Bierbaum gefällt mir das Wort „regenöde“ – genau so haben sich die letzten Regentage angefühlt.
    Herzliche Grüße
    Judith

    Gefällt 1 Person

    • Das Stundenbuch, aus dem dieses Gedicht stammt, ist Weltliteratur. Das muss nichts heißen, klar, aber mich freut deine Begeisterung dennoch.
      Und ich bin auch bei dem „regenöde“ bei dir: Bei mir erzeugt das Wort ebenfalls so ein gewisses Gefühl. Und das, obwohl ich Regenwetter liebe.
      Nachtgrüße 🌌🎶🍷👍

      Gefällt mir

  3. Ach nein, heute mal nicht den Rilke, heute mag ich Hermann Löns am liebsten. Beim allerersten Lesen mochte ich ihn gar nicht, aber dann las ich mir sein Buchenblatt nochmal und nochmal durch und fand seine Schönheit in der schlichten schnörkellosen Art, in der er schreibt, bzw. beschreibt.

    Die Rose hat verloren
    Die roten Blüten all

    Das Blatt am Buchenbaume
    Gibt keinen Schatten mehr…

    Ich mag ihn sehr. Auch im Einfachen kann so viel Schönheit liegen…

    Liebe Grüße zum Abend von Bruni

    Gefällt 2 Personen

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