Der Genussmensch

Ins Gesicht nannten sie ihn »behäbig«, was ein Euphemismus war, wie er sehr wohl wusste, hinter seinem Rücken tuschelten sie »Mein Gott, wie kann man nur so fett sein«. Es störte ihn nicht weiter, er bezeichnete exzessives Essen, oder besser, exzessiven Genuss, als seinen eigentlichen Lebensinhalt. Seinen Kardiologen, der ihn eindringlich gewarnt hatte, dass seine Tage gezählt seien, wenn er weiterhin einen derartigen Lebenswandel pflege, hätte er gern gewechselt, aber das hatte sich als zu schwierig erwiesen.

Sowieso hatte er in den letzten Jahren eher selten das Haus verlassen, meist für Reisen oder für Restaurantbesuche, alles andere konnte man liefern lassen. Schlemmerreisen waren sein Ding. Er wollte Neues kennenlernen und sein Geld genießerisch verprassen, und er war überzeugt, dass die (gesellschafts-)politische Situation in den nächsten Jahren das immer unmöglicher machen würde. Nach einer Bemerkung von Bekannten (keine Freunde, nicht mehr, wer seinen Lebensstil ablehnte, war kein Freund) hatte er sich heute im Internet nach einem verlängerten Wochenende auf See umgesehen. Bisher gefiel ihm die Schiffsreise nach Oslo am besten, Fünfsterneunterkunft und ebensolche Verpflegung an Bord, Fünfsternehotel in Oslo, exklusive Restaurants und Schlemmerbuffets, wohin man nur sah. Einschiffung ab Kiel, er würde so wenigstens Kattegat und Skagerrak durchqueren, leider hauptsächlich nachts. Er schwankte noch, ob er sich nicht doch eine längere Seepassage gönnen sollte, hatte aber kurzfristig nichts gefunden, was seinen Vorstellungen entsprach. Nun, wenn es ihm gefiel, konnte er ja jederzeit wiederkommen.

Gähnend stemmte er sich hoch – die Knie! – und mühte sich von seinem Computer zum Sofa, um sich dort einen letzten Schlummertrunk zu gönnen. Dabei stolperte er über eine Tablettenschachtel, die ihm wohl heruntergefallen sein musste. Er fasste verzweifelt nach der Tischkante, begriff wie in Zeitlupe, dass der Boden immer näher kam. Ein kurzer, heller Schmerz, als sein Kopf ungebremst auf den Perserteppich krachte. Danach war alles dunkel.


abc.etüden 2022 40+41 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

Für die abc.etüden, Wochen 40/41.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Werner Kastens mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Sie lautet: Zeitlupe, behäbig, verprassen.

Liebe geografisch, wasser- und seefahrtbegeisterte Lesende, ich hätte gerne eure Antwort auf folgende Klugscheißerfrage: Heißt es DER Skagerrak oder DAS Skagerrak? Der Duden erlaubt beides, Wikipedia ist für DAS (»auch ›der‹«), Wiktionary für DER. Bevor ich angefangen habe, mir darüber Gedanken zu machen, war ich für DAS, inzwischen zweifle ich und frage mich, ob ich überhaupt jemals etwas anderes als »im/am Skagerrak« gelesen habe. Könnt ihr einen Artikel bestätigen oder entkräften? (DIE Skagerrak bezeichnet Schiffe, um das gleich auszuschließen.) Vielen Dank! 😉

 

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77 Kommentare zu “Der Genussmensch

  1. Ups … da hat der Hedonismus aber eines auf den Deckel bekommen. Ich mag das Wort „Skagerrak“. Ich kann mit allen möglichen Bezeichnungen leben. Hauptsache „Skagerrak“, aber nicht, dass ich nachher von einem Duden erschlagen werde. Deine Geschichte könnte man als Kommentar zu jedweder Akkumulation lesen … und am Ende wurde er von einem Regal voller Bücher bewusstlos geschlagen. Jetzt gruselt’s mich schon. So viel Bildung als Blendung. Prost Mahlzeit 😀 Viele Grüße!!

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    • Ja, Duden haben hässlich spitze Ecken 😉 und sind meist eher dick … 🤔
      Neee, das mit den Büchern kommt jetzt aber eindeutig von dir, ich würde niemals jemanden für den Besitz von Büchern infrage stellen. Und als Kommentar zu irgendwelchen philosophischen Strömungen war es auch nicht gedacht, eher als Kommentar an der Haltung, heute noch schnell in die Südsee zu fliegen, weil es die Inseln in ein paar Jahren ja vermutlich nicht mehr gibt. Ich bin auch nicht der Meinung, dass mensch einen SUV als Zweitwagen braucht, elektrisch natürlich.
      Danke dir, und möge der Duden dir nie im Wege stehen! 😎
      Morgenkaffeegrüße 🌄🍃🌻☕🍪👍

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  2. Ich würde die Skagerak sagen, weil „rak“ Straße bedeutet und meist übernimmt man den Artikel des deutschen Wortes. Oder Meerenge (auch „die“)
    Damit habe ich es noch mehr durcheinander gemacht, 🙈

    Ich mag das Fatshaming nicht. Inzwischen muss man so viel Mit haben, dick durch die Gegend zu laufen. Ich persönlich würde mich nur nicht wohlfühlen.

    Guten Morgen, Christiane. Ich hoffe, dass es Dir besser geht.🎈

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    • Wie ich schon geschrieben habe: ich sammle, wer welchen Artikel benutzt. Danke für deine Überlegungen.
      Ich bin selbst aus Gründen bei Fatshaming empfindlich, daher habe ich betont, dass es ihm egal ist: Er isst gern, daher nimmt er in Kauf, dass er so aussieht, wie er aussieht. Und die Leute reden immer, wenn nicht darüber, dann über etwas anderes.
      Ich bin ganz okay, aber nicht fröhlich, danke 😉
      Vormittagskaffeegrüße! 🌤️🍃🌻☕👍

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  3. Der Arme, wenn man in seiner todbringenden Sucht so tief drin ist, dass man nicht mehr merkt, dass es eine Sucht ist, sieht die Sache schlecht aus und gar noch, wenn jemand, der kaum vom Sessel zum Sofa kommt, beschließt auf Kreuzfahrt zu gehen … Dass du ihn ausgerechnet mit einer Pillenschachtel erledigst, finde ich schon sehr gemein 😉 🙂
    Zum Skagerrak kann ich leider auch nichts Konstruktives beitragen. Ich würde sagen der Skaggerak in Anlehnung an der Öresund …

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  4. Es ist ganz einfach: der Skagerrak, das Kattegat. Das Skagerrak klingt wie der Butter und der Kattegat wie das Skagerrak – nämlich behmisch. Der Skagerrak ist ein SEEWEG, während das KATTEGAT die Bezeichnung eines Seegebietes vor der schwedischen Westküste ist. Das Seeweg sowie der Seegebiet sind Entlehnungen aus dem Kroa(tisch)deitschen. Sprachverwirrte dürfen in dieser Kunstsprache vorverurteilungsfrei falsche Nomen gebrauchen: hasdu schinakl, kömme fahren auf meer und fischta in wasser lobsda in schwedisches insl… hier geht’s sogar ohne Demonstrativpronomen und
    im Zweifel isses für die Verständlichkeit letztlich wuaschd: appolodorus servus est … Glaub‘ einem Ösi-Seefahrer liebe alice *kicher*, der allerdings beide Seegebiete noch nicht auf eigenem Kiel befahren hat 😉

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    • Alice? Ist denn hier das Wunderland? 🤔😉
      Danke dir, ich hab auf deine Seefahrer-Meinung gewartet, wenn du das auch sagst, dann hat es für mich Gewicht.
      Rettet die Artikel und sonstige Pronomina, so lustig sich das auch liest, wenn DAS die Zukunft der Sprache ist, o weh 🤕. Ist in D nicht viel anders, übrigens, klingt nur deutscher …
      Mittagskaffeegrüße ⛅⛵🌻☕👍

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      • Naja alice, weil’s diesmal (beinahe) eine alicekrimitüde geworden ist … – … ok, nicht ganz so schwarz, aber ansatzweise mit kurzem, fulminant-gewichtigem Ende 😉 …
        Zum Artikel hab ich Binnenseefahrer nicht das entscheidende Wort anzugeben – in der Adria kann ich da schon eher mitreden – aber die Italiener sprechen sowieso sämtlich gut deutsch mit ihren Artikeln 😉 – Menschen in Flensburg haben gewichtigere Meinungen zum nördlich gelegenen Artikelwirrwarr, denke ich – oder welche in Helsingborg oder Helsingör … 😉

        Gefällt 2 Personen

      • Ich warte ab, was kommt, o Binnenseefahrer 😉 Nordmenschen wären natürlich toll, immerhin ist eine ja schon vorbeigekommen, die Frau hinter „inselleben“, nördlicher geht kaum.
        Na ja, Krimi … ohne Fremdeinwirkung? 🤔 Egal.
        Immer noch Nachmittagskaffeegrüße ⛅☕🍃👍

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      • Türkei zählt nicht – finnisch ? Keine Ahnung – möchte ich dir als Belohnung für deine Recherchenfreudigkeit einen Ringelnatz reindrücken, an den ich mich erinnerte – du magst doch Gedichte ;-? Leider läßt auch der die Artikelfrage unbeantwortet, beides wäre möglich…

        Vor dem Debut soupierend saß,
        Bei einer Frau, der Sänger.
        Sie staunte über seinen Fraß
        Und wurde immer länger.

        Der Sänger auf die Bühne trat,
        Schlicht, ohne sich zu rühmen.
        Ein Hauch von Bier und Fleischsalat
        Verlor sich in Parfümen.

        Der Sänger sang das hohe C.
        Der Beifall wuchs und tobte.
        Die Dame in der Loge B
        Stand auf und garderobte.

        Der Sänger stürzte aus dem Haus
        In den verschneiten Garten.
        Die Dame folgte, einen Strauß
        Auspackend, voll Erwarten.

        Der Sänger lüpfte seinen Frack
        Und duckte sich im Garten.
        Es klang wie „Schlacht am Skagerrak“.
        Die Dame mußte warten.

        Vom langen Stehn im nassen Schnee
        Holt man sich Rheumatismus. –
        Der Sänger mit dem hohen C
        Kennt seinen Mechanismus.

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      • Die Sache mit Türkisch und Finnisch ist Quizduell-Wissen 😉
        Dass du allerdings Ringelnatz 🧡 bemühst, hätte ich wirklich nicht erwartet 😁
        Wobei in den Kommentaren schon DIE Skagerrak-Schlacht angeführt wurde, was aber leider auch nicht hilft …

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      • Ist es ja auch, Belohnung, für mich, bei dir war ich mir da nicht so sicher 😉. Ich mag Ringelnatz sehr.
        Nein, ich möchte keine zweite Baustelle eröffnen, danke, weder zu Schlacht noch zu Kattegat 🤔

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  5. Er wirkt auf mich wie ein Mensch, der unter den Eindrücken drohender Veränderungen der Lebensumstände und Einschränkungen von Genüssen am liebsten alles in sich aufnehmen möchte, ganz in dem Sinne, wie in diesem Jahr die Reisetätigkeit in die Höhe geschnellt ist, obwohl so mancher noch darüber stolpern wird, die dafür ausgegebenen Summen für andere Zahlungen zu brauchen.

    Soweit ich mich erinnere, lernte ich in der Schule „den“ Skagerrak bzw. „den“ Kattegat auf der Karte zu finden, aber wenn es jemand anders sagen möchte, irritiert mich „das“ in dem Zusammenhang weniger, als jemanden „das Teller“ oder „der Butter“ sagen zu hören und zu wissen, dass es dort, wo die betreffende Person herkommt, so richtig ist. Es ist wohl leichter zu verkraften, wenn es sich, wie beim Skagerak, nicht um einen der Alltagsbegriffe handelt, die man schon auf eine bestimmte Weise als Kind verinnerlicht hat.

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    • Danke dir, das wollte ich sagen und auch andeuten, dass ich das alles oft bisschen wahnwitzig finde.
      Ich kenne Skagerrak als „das“ Skagerrak und bin irritiert. Aber wofür hat man einen Blog, wenn man nicht mal rumfragen kann? Danke für deine Stimme, es kommt mir so vor, als läge „der Skagerrak“ inzwischen deutlich in Führung 🤔😉👍
      Herzliche Nachmittagskaffeegrüße 🌦️🍃☕👍

      Gefällt 2 Personen

  6. Ich kann nix verifizieren oder falsifizieren, liebe Christiane, doch da es „das Kattegatt“ heißt, welches mit dem Skagerrak in Zwillingsmanuer Auftritt, ziehe ich das Skagerrak vor. Wobei mich grad die Schlacht „am“ Skagerrak irritiert. Bei Skagerrak und Kattegat handelt es sich ja wohl um zwei Abschnitte der Ostsee beim Übergang in die Nordsee, unterschieden durch ihren Salzwassergehalt, also müsste es „im“ Skagerrak heißen. …. Und so fügte sie, anstatt ein Problem zu klären, ein weiteres hinzu. NB: mein Geschichtsunterricht bestand zu großen Teilen aus Erzählungen des Helden (unseres Geschichtslehrers), wie sein Schiff bei der Schlacht am-im Skagerrak abgeschossen wurde und er, als er später aus dem Wasser gefischt wurde, eine so empfindliche Haut hatte, dass etc pp) .

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  7. Ich halte es als Norddeutscher mit Olpo: dat Skagerrak und dat Kattegat.

    Ansonsten finde ich es schon tragisch, über eine (vielleicht sogar schon leere?) Tablettenschachtel zu stolpern und zu Tode zu kommen. Ich hätte wohl eher gedacht, dass die Schachtel unter dem Gewicht platsch zusammen gedrückt würde.
    Aber wie das leben so spielt. War jedenfalls spannend zu lesen.

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    • Danke dir, lieber Werner. Olpo hat allerdings nicht „dat“ vorgeschlagen, sondern erwähnt, dass die Dänen zu allem „det“ sagen – Olpo plädiert eindeutig für „der Skagerrak“.
      Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mein Protagonist wirklich tot ist. Sicher weiß ich allerdings, dass man über ALLES stolpern kann, wenn man unachtsam und schlecht zu Fuß ist.
      Freut mich, dass du es spannend fandest. Danke für die Wortspende! 😉
      Nachmittagskaffeegrüße 🌤️🍃🌻☕👍

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  8. Das Suchen mit Anführungszeichen klappt nicht mehr?! So hatte ich mich nämlich früher oft beholfen, wenn ich nicht genau wusste, ob eine englische Phrase so stimmt.
    Also kann ich Dir bei DER/DAS Skagerrak nicht helfen.

    Schlemmen ist schon was feines! Allerdings sollte man immer einen Weg b kennen, wenn die Nachteile eines solchen Lebens immer mehr werden…sonst ist man blind…und zwar auf zwei Augen!
    Schönen Nachmittag, hier sonnt es!

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    • Gerhard, mir geht es nicht darum, ob/dass Google ca. 7000 zu 6000 Einträge zu der/das Skagerrak listet, mir geht es darum, was Leute sagen, die bisschen Ahnung von der Materie haben. Bei manchen von denen, die hier lesen, weiß ich das, bei anderen nicht, also frage ich.
      Und ja, ich gebe dir absolut recht: Einen Plan B zu haben hat immer Vorteile.
      Sonnige Mittagskaffeegrüße 🌤️🍃🍂☕👍

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  9. Wie fies! Und wie gut! Immerhin weiß er, was er will, so ungesund das auch ist. Ich hoffe, er hat sich den Kopf nur angeschlagen, muss nun ins Krankenhaus und wird dort auf Diät gesetzt. Die er zuhause natürlich sofort wieder absetzt. Und wie Myriade schrieb: Ausgerechnet eine Pillenschachtel! Gibs zu, das hat dir Spaß gemacht, oder? 😁
    Das Skagerrak übrigens, aus dem Bauch, ohne Begründung. 😊
    Abendgrüße! Ein Glas Federweißer gefällig? 🥃😊

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  10. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 42.43.22 | Wortspende von Allerlei Gedanken | Irgendwas ist immer

  11. Zu der Frage, ob der oder das: Rein vom Gefühl her tendiere ich zu „der Skagerrak“ (obwohl beides geht). Begründung: Läse man mir die Kombination mit „das“ vor, hörte sich das in meinen Ohren nicht schön an, weil dabei zwei Konsonanten – nämlich das S – aufeinanderfolgten.

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