Nachts kommt die Angst | abc.etüden

In den Hügeln der Nacht lauert die Angst.
Die Frau erwacht und ist gedankenschnell von einer Woge Angst überschwemmt, einmal, mehrmals, ihr Herz rast, Schweiß bricht aus, sie fühlt sich wie gelähmt, aber hellwach, und sitzt schließlich im Bett.

Nicht schon wieder, fleht sie innerlich und tut, was sie sich mühsam antrainiert hat: die Erstarrung bekämpfen, das Bett verlassen, Bewegung hilft, eine Runde durchs schlummernde Haus, Toilette, Küche, ein Glas Wasser trinken.

Wird es draußen schon hell? Nein. Sie schaut zur Uhr. Noch nicht mal vier.

Was ist eigentlich los, fragt sie und lauscht nach innen, um die bedrohliche Welle mit Bezeichnungen zu belegen. Benannt – bekannt – gebannt. Schwarz, so eine hübsche Farbe. Wenn es zu konkret wird, kann sie die Nacht vergessen, aber sie erlaubt der Unruhe nicht, sie länger aus dem Bett zu vertreiben, denn dann, glaubt sie, ist ihr Schlaf-Wach-Rhythmus ziemlich schnell komplett im Eimer.

Nachts sind Ängste immer dunkler, predigt sie sich. Gibt es etwas, was sie jetzt im Moment tun muss? Nein.

Sie atmet tief durch.

Ihr Körper meldet, dass er es kalt findet – normal –, und sie schlüpft erleichtert wieder ins Bett und kuschelt sich in die Decke. Dankbar für die Ablenkung schaltet sie den Fernseher ein. Wenn die Programmgötter großzügig sind, wird sie irgendeine halbwegs interessante Doku finden und darüber hoffentlich noch einmal einschlafen, während die Angst sich im Schildkrötenschritt zurückzieht und irgendwann für diese Nacht unsichtbar wird.


abc.etüden 2022 44+45 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

Für die abc.etüden, Wochen 44/45.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Natalie mit ihrem Blog Fundevogelnest. Sie lautet: Schildkröte, großzügig, flehen.

Und zu meiner großen Überraschung erwies es sich, dass einer der sogenannten Rahmen aus Myriades aktueller Impulswerkstatt auch passt, und zwar am Anfang … 😉

Miniatur aus unterschiedlichen Aspekten, ein Versuch.


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39 Kommentare zu “Nachts kommt die Angst | abc.etüden

  1. Der Erzählanfang stimmt poetisch ein, dann aber wird man auf eine leider gar nicht poetische Tortur mitgenommen, die sich schließlich in poetischer Langsamkeit am Horizont verliert. Eine interessante Miniatur, denn der Kampf der Frau ist ein Kampf um Realität, Diesseitigkeit mithilfe der Vernunft, damit sie das Unbekannte Jenseitige nicht verschlingt. Der TV, die Doku – letzte Anker im Hier, wenn andere Anker nicht zur Verfügung stehen.
    Mich erinnert dies an Goyas berühmte Gravur: „wenn die Vernunft träumt (schläft), erwachen die Ungeheuer.“

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    • Das hier ist noch die Light-Variante, physisch gesehen, ich habe schon Beschreibungen gelesen, dass Leute dachten, sie hätten einen Herzanfall, aber nein, es war „nur“ eine Panikattacke …
      Sich darüber klarzuwerden, was real ist und was nur im eigenen Kopf stattfindet, um sich damit in der Realität zu verankern, hilft sehr. Dazu muss man allerdings in der Lage sein, was nicht in jeder Situation möglich ist.
      Freut mich, wenn dir mein Text irgendwas gebracht hat. 👍
      Mittagskaffeegrüße ☁️🍁☕🍪🍂👍

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  2. „In den Hügeln der Nacht lauert die Angst“ ist eine sehr poetische Einleitung zum Text und zum Thema Angst. Wenn das aber eine ligt-Version ist ….
    Die Beschreibung der Angstattacke klingt sehr glaubwürdig und gefällt mir sehr, als Text natürlich, nicht als Zustand
    Da haben sich Etüden und Impulswerkstatt wieder einmal auf sehr gute Art getroffen und ich freue mich, dass ich deinen Text auch in der Impulswerkstatt „ausstellen“ darf.
    Sorry, dass der Kommentar so spät kommt, ich bin heute nachhause gefahren

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  3. Die Angst in der Nacht…
    ein Schreckgespenst, von dem ich hoffe, daß sie mich nie heimsucht, liebe Christiane.
    Gut vorstellbar, wie Du sie beschreibst.
    In der Nacht ist eh alles schlimmer als bei Tageslicht.
    Das habe ich schon oft erlebt und war sehr froh, daß am Morgen mein Handy noch am richtigen Platz lag und die Schmerzen im Bein plötzlich verschwunden waren *g*
    Leider hilft es nicht immer, die Angst beim Namen zu nennen, so läßt sie sich meist nicht vertreiben, sie versteckt sich dann sehr geschickt und taucht unter anderem Namen evtl. wieder auf …

    Liebe Grüße zur Nacht von Bruni

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  4. Liebe Christiane, treffend beschrieben, als Leserin ist man mittendrin im Geschehen. Wer das Gefühl kennt, fühlt sofort mit. Die einen grübeln tagsüber und andere nehmen alles mit in den Schlaf. Schlimme Ereignisse müssen ja irgendwie verarbeitet werden. LG Petra

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  5. Das Erschreckende, das aus dem Schlaf reißt, wie ein Gewicht … du beschreibst eine in sich gewendete Hilflosigkeit und dazu passt die Schildkrötenbewegung sehr gut. Die Angst lugt und zieht sich langsam, einfaltend zurück. Diese tröstliche Langsamkeit, die nur einen weiteren Schockmoment ankündigt. Sehr gruselig, diese Angst. Sie ist ein unangenehmer Gegner. Sie panzert sich gegen die Einfühlversuche – und ist meist sehr langlebig. Ich habe die Schildkröte immer als Sicherheitszone für mich betrachtet, aber jede Sicherheit hat dunkle Seiten und darauf hast du mich aufmerksam gemacht!! Vielen Dank und Morgenkaffeegrüße!

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    • Ja, alles, was schützt, sperrt gleichzeitig auch ein, daher ist Panzerung immer auch doppelgesichtig – wie auch sämtliche Kampfhandlungen zeigen. Angst ist perfide.
      Herzliche Morgenkaffeegrüße zurück 🌤️🍁☕🍪🍂👍

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      • Ich schreibe sogar noch am Porträit der zauberhaftesten Schildkröte , die mir im meinem Leben begegnet ist bzw. der, die mir am nächsten gekommen ist, aber heute Nacht wird das nicht fertig.
        Wenn die Klimakonferenz tagt und ich Angst um mein Vögelchen habe, feiern die Nachtgespenster ausschweifende Partys. Heimunterbringung vom letzteren ist aber erst mal vom Tisch und zwei übereifrige Damen haben sich eine gehörige Abmahnung eingehandelt – aber frage mich nicht, was das alles mir mir gemacht hat.
        Und ob ihm sein Schulplatz erhalten bleibt, weiß ich immer noch nicht.

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      • Ich kann es mir nicht vorstellen, mir fehlt dementsprechende Erfahrung, aber ich glaube sofort, dass es dich ziemlich durch den Wolf gedreht hat – welch Wunder.
        Ich hoffe, dass die Schildkröte irgendwann fertig wird und du sie sie veröffentlichen magst, ich werde sie gerne verlinken. Und natürlich drücke ich weiterhin die Daumen 🐦 für eine sichere (und gute) Lösung in eurem Sinne, in der Hoffnung, dass es sie gibt..

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    • Ich hätte den Fellträger als ablenkendes Subjekt einfügen können – Katzen sind so wunderbar nachdrücklich, wenn sie nachts Hunger haben – aber ich habe es bewusst auf die Frau konzentriert gelassen. Freut mich, wenn es dich gibt mitgenommen hat!
      Sonntagmittagkaffeegrüße 🌫️🍁☕🍪🍂👍

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  6. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 46.47.22 | Wortspende von blaupause7 | Irgendwas ist immer

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