28.11. – Aufruhr im Lehrerzimmer | Adventüden

Es war der Morgen nach dem ersten Advent und das Kollegium fand sich in Vorfreude auf gefüllte Gebäckdosen im Lehrerzimmer ein. Sogar die, die erst zur dritten Stunde oder später anfangen sollten, strömten in den Raum, gierig schnuppernd und voller Erwartung eines frisch geschlagenen Weihnachtsbaums voller Sternenglanz und Lametta.

Es war der ruhigste Monat im Jahr, wenn man von hastig geschriebenen Klausuren absah, die noch vor dem Fest erledigt werden wollten. Doch das störte nicht, wenn in den Pausen vorweihnachtliche Naschereien die Arbeit versüßten.

Doch dieses Jahr war alles anders. Keine Kerzen, liebevoll arrangiert auf den blank geputzten Tischen, keine Erdnüsse in großen Schüsseln, kein Baum und kein Duft.

Enttäuschung machte sich breit und die zartbesaitete Religionslehrerin zückte sogar ein Taschentuch und wischte die Trauer um den fehlenden Weihnachtsputz aus den ungeschminkten Augenwinkeln.

Den Sportlehrer, der heimlich für sie schwärmte, machte das wütend und er ließ eine recht große, dunkel behaarte Faust auf die ungeschmückte Tischplatte fallen. Das wiederum brachte die zur Hälfte mit Glühwein gefüllte Thermoskanne der Deutschlehrerin zum Umfallen. Der Inhalt ergoss sich über die Vorkorrektur der Prüfungsaufgaben und löschte die rote Tinte so gekonnt aus, als hätte es keinen Fehler gegeben.

Tumult brach aus, wie er nur in gekränkten Kinderseelen entstehen kann, die statt des gewünschten Markenfeuerwehrautos nur den Plastikabklatsch vom Grabbeltisch bekommen.

Es wurde geschubst und gekniffen, gekeift und geschrien, böse Worte wurden laut und über allem stand die Frage im Raum, wer dieses Dezemberdilemma denn nun zu verantworten hatte.

Die Sekretärinnen holten den Schulleiter aus seinem Zimmer, in dem er sich versteckt hatte. Doch der rang nur die Hände und suchte verzweifelt nach der Kollegin, die das in den Jahren zuvor organisiert hatte, um abzuwälzen, was nicht abzuwälzen war.

Sie war frühpensioniert, was zu erwarten war. Hatte man ihr doch nie für ihr Engagement gedankt.


Autor*in: Alice                    Blog: Make a Choice Alice


Adventüden 2022 28-11 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Adventskalender, Dezemberdilemma, Eintopf, Gebäckdose, Hefe, Lametta, Laubsäge, Liebeserklärung, Kreuzkümmel, Kulturschock, Sternenglanz, Sturz, Taschentuch, Tunichtgut, Weihnachtsputz.

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2022, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

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69 Kommentare zu “28.11. – Aufruhr im Lehrerzimmer | Adventüden

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  3. 😀 Und endlich wussten sie, was sie an ihr gehabt hatten! Solche Kolleg:innen kann man nie genug schätzen, man sollte ihnen jeden Tag des Jahres Kaffee und Schokolade schenken… wunderbar, vielen Dank! Ich werde heute an enttäuschte Erwachsene denken, die den Porsche erwartet und den ollen Renault Kombi von 1998 bekommen haben… 😊

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  4. Sehr gut zur Verallgemeinerung geeignet, diese Erwartungshaltung von Menschengruppen, dass es immer jemanden geben sollte, der ihnen Annehmlichkeiten liefert. Besonders witzig wird es hier durch die kindische Gruppe von Lehrkräften, die sich doch so oft über solche Anspruchshaltungen bei Schülern und Eltern beklagen.

    Gefällt 4 Personen

  5. Welch in Timing… wir sind mittendrin, gleich nach dem ersten Advent…. welch starkes Gefühl herüberschwappt, die fast kindliche Enttäuschung, die Fürsorge, die selbstverständliche Beanspruchung von Ritualen, die Leere der Lücke und ein Hauch von Bedauerung für die Frühpensionierte rückblickend. Anderseits hege ich die Hoffnung, dass sie alles, was sie gemacht hat, gern gemacht hat und noch mehr hoffe ich, dass sie einen neuen Wirkungskreis mit ihrer Fürsorge beglückt oder an sich denkt und den neuen Lebensabschnitt genießt. Wie herrlich – eine abwesende Hauptperson!!! Wie schön! LG Doro

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  6. Hach, wie sehr erinnert mich das an meine eigene Zeit in der Schule. Da gab es auch die „Deppen“ vom Dienst, die nicht ertragen konnten, wenn der Schimmel sich langsam auf dem Kaffeeresten in einigen Kollegentassen (es waren nur Kollegen, die meinten, Abwaschwasser mache krank) bildete.
    Ja, wenn Kolleg*innen nicht mehr da sind, die vieles wie selbstverständlich gewuppt haben, werden so manche wach!

    Eine tolle Etüde und mitten aus dem Schulleben.

    Lieben Gruß
    Anna-Lena

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  7. Ich habe mich Sonntag fast mit der Kollegin gestritten, die meinte sie müsste nach Nonstopdienst und schon dran gehängten Überstunden noch meinte den Weihnachtsschmuck aufhängen zu müssen und sie meinte , wenn sie das jetzt nicht macht, macht’s keiner, was bestimmt stimmte – aber die emotionale Gewichtung ist da doch sehr unterschiedlich.

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