06.12. – Der Einbrecher | Adventüden

Kommissar Sturz setzte sich.

»Sie wissen, warum Sie hier sind?«, fragte er den alten Mann im Verhörzimmer. Dieser zog ein großes, weiß-rot kariertes Taschentuch aus seiner Hosentasche und schnäuzte sich lautstark. Dann schüttelte er den Kopf.

»Sie sind ein rechter Tunichtgut«, sagte Sturz. Er stutzte, kratzte sich am Kopf und fragte sich, warum er so freundlich mit diesem alten Trottel sprach. Irgendetwas hat der an sich, was mir total den Kopf verdreht, dachte er.

Er wandte sich wieder an den alten Mann. »Sie wurden aufgegriffen, als Sie in ein Haus einbrechen wollten. Wollen Sie sich dazu äußern?«

Der alte Mann holte aus seiner Jackentasche ein Bündel Lametta hervor, reichte es Sturz über den Tisch und nickte ihm aufmunternd zu. Der Kommissar wollte vor Wut aufspringen, stattdessen lächelte er und bedankte sich höflich. Was ist nur los mit mir, fragte er sich wieder, aber kam nicht zum Nachdenken, denn die Tür wurde aufgerissen und ein riesiger Mann mit grimmigem Gesicht und schwarzem Rauschebart stürmte in das Verhörzimmer.

Ein Polizeibeamter stürzte hinterher und sagte atemlos: »Der Herr hier behauptet, der Anwalt des Verdächtigen zu sein!«

»Ganz richtig«, rief dieser mit einer so tiefen Bassstimme, dass Kommissar Sturz das Gefühl hatte, die Wände des Zimmers würden anfangen zu beben. »Ruprecht ist mein Name«, fügte er hinzu, »und wenn Sie nicht wollen, dass der Adventskalender durcheinanderkommt, denn lassen Sie diesen Mann jetzt sofort gehen!« Mit diesen Worten zog er den alten Mann vom Stuhl und wandte sich zur Tür. »Aus dem Weg«, brummte er, und der Polizeibeamte wich zur Seite.
»Ich habe noch einen Rest Sternenglanz«, flüsterte er dem alten Mann zu. »Das sollte für uns beide reichen.«

Er zog einen kleinen Lederbeutel aus der Hosentasche und griff hinein. Schwungvoll warf er ein wenig goldenes Pulver in die Luft und beide waren verschwunden.


Autor*in: Carmen                    Blog: Wortwabe


Adventüden 2022 06-12 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Adventskalender, Dezemberdilemma, Eintopf, Gebäckdose, Hefe, Lametta, Laubsäge, Liebeserklärung, Kreuzkümmel, Kulturschock, Sternenglanz, Sturz, Taschentuch, Tunichtgut, Weihnachtsputz.

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2022, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

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61 Kommentare zu “06.12. – Der Einbrecher | Adventüden

  1. So ein bisschen Sternenglanz könnt ich auch gelegentlich brauchen. Herrliche Szene, phantastische Lösung! Perfekt für diesen Tag! Großes Kompliment an Autorin Carmen und an die wunderbare Gestalterin dieses AdventüdenKalenders, Christiane. Welch glückliches Händchen! LG Doro

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    • Wer braucht den nicht, speziell an trüben Tagen? Ich wünsche mir auch gerade ein bisschen … 🌠
      Vielen lieben Dank, ich bin selbst sehr verliebt in diese Adventüde 🧡🎅
      Morgenkaffeegrüße 🎅🌧️🕯️🕯️☕🍪👍

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  2. Hat dies auf wortwabe rebloggt und kommentierte:
    Im Rahmen unserer ABC Etüden Schreibgruppe gibt es seit Jahren auf Initiative von Christiane von 365tageasatzaday.wordpress.com einen Adventskalender mit „Adventüden“. Der heutige Beitrag ist von mir, alle anderen lesenswerten Beiträge findet ihr auf Christianes Blog!

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      • Nein, nein, eindeutig nicht. Ich glaube (kann es auf die Schnelle nicht belegen), dass da mehrere Mythenkreise aufeinanderstoßen, Nikolaus christlich, Knecht Ruprecht nicht, daher auch die Hierarchie … 🤔

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      • Aha, in Ö gibt es nur den Nikolo und den Krampus, die für Gut gegen Böse stehen mit einer Menge Brauchtum drumherum zB die Perchten. Aber Knecht Ruprecht ist nicht so weit nach Südosten vorgedrungen. 😃 Das macht seine vor christliche Herkunft ziemlich plausibel

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      • Ich müsste nachschauen, aber für mich sind Knecht Ruprecht und der Krampus relativ deckungsgleich. Ja, das macht Gut (Nikolaus) und Böse (Ruprecht, Krampus, Perchten) ziemlich plausibel: Sieger schreiben die Geschichte, das gilt auch in der Religion 😉

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      • Wenn der Knecht R zu den Bösen gehört, hatte ich den Witz der Adventüde, dass der Böse den Guten bei der Polizei raushaut gar nicht verstanden 🤓 oh ja auch in der Religion schreiben die Sieger die Geschichte, da gibt es viele Beispiele

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      • Nikolo und Krampus sind ja einerseits auf Niveau gehorsam und Ungehorsam für Kinder heruntergebrochen, alles rund um Perchten hat auch mit aggressiver Sexualität zu tun…

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    • Ich hatte den Nikolaus als den Geschenkebringer im Kopf und den Knecht Ruprecht als den, der abfragt ob alle brav waren und bei Bedarf die Rute zückt 🙂 die treten ja auch mal als Duo auf. Und ich liebe meinen tiefenentspannten Nikolaus, ich habe mich selber weggelacht, als ich mir vorgestellt habe, wie er das Lametta rauszieht :-)))

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    • Es ist auf jeden Fall leichter, zu behaupten, dass das alles Tarnung ist, als sich darüber Gedanken zu machen, dass/ob ihn die Atmosphäre in Polizeistationen so fürchterlich erschöpft, dass er sich wie ein gewöhnlicher, desorientierter, alter Mann verhält. Was ich völlig verstehen würde bei einem, der normalerweise anderen Gesetzen unterliegt. 🎅
      Herzliche Abendgrüße 🌌🕯️🕯️🍵🍪👍

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    • hahaha, super! Oh nein, mein Nikolaus ist einfach tiefenentspannt. Weißt du, wenn du schon seit ewigen Zeiten mit dem Schlitten durch die Nacht fährst und Geschenke durch den Kamin schmeißt und dein Job nur dieses eine Highlight, an einem Tag im Jahr hat – dann juckt es dich auch nicht mehr, wenn man dich für einen Einbrecher hält. Ich glaube, der hat schon soviel gesehen…

      Gefällt 4 Personen

  3. Pingback: Weihnachtspause | Irgendwas ist immer

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