Zu verschenken | abc.etüden

Sie war ambivalent. Sie liebte den Klang des Wortes, es hörte sich so viel melodischer und geheimnisvoller an als die Wahrheit: Sie war im Zwiespalt, zögerte, sich zu entscheiden. Sollte sie oder sollte sie nicht? War ihr Plan komplett bescheuert oder genial?

Noch einmal gab sie sich Phantasien hin, die süße Befriedigung versprachen – und schob sie weg. Ein neues Leben. Das war es doch, was sie wirklich wollte, ein Leben fernab aller Abhängigkeiten. Klar. Straight. Fit. Verantwortlich. Sensibel. Klimabewusst.

Sie sah sich selbst im Sessel hängen und verachtete ihre Schwäche.

„Mach es einfach“, schrie sie sich innerlich an, „los jetzt, Feigling, trau dich, tu einmal was nur für dich!“

Sie atmete tief durch.

Stand entschlossen auf, griff nach dem bereitstehenden Karton und kippte mit Schwung ihre gesamte Süßigkeitenschublade hinein. Ein energischer Griff – Plätzchenrollen aus dem Schrank und Schokoküsse aus dem Kühlschrank segelten hinterher. War das alles? Ja. Sie wusste es genau.

Den vollen Karton unter den Arm geklemmt, lief sie treppab zur Straße. Sie deponierte ihn an der Haltestelle, achtete darauf, dass das Schild „Zu verschenken“ gut sichtbar war, gönnte ihm einen endgültigen, erinnerungsseligen Blick zum Abschied und stapfte eilig zurück in ihren dritten Stock. Geschafft! Der Inhalt des Kartons fand bestimmt schnell Fans, um diese Uhrzeit waren viele Passanten unterwegs.

Sie warf sich auf die Couch und vermisste die Tröster jetzt schon. Aber sie würde es überleben, die ersten Tage würden schlimm sein und morgen würde sie bestimmt das Glas Nussnougatcreme leer fressen … Na und? Entscheidend war, keins mehr nachzukaufen. Sie war auf dem Weg zu einem weitgehend zuckerfreien Leben. Ihrer Gesundheit zuliebe, und nicht nur der.

Eine Verzweiflungstat? Keineswegs, dachte sie. Ein Befreiungsschlag.

 

abc.etüden 2019 36+37 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier und hier), Bearbeitung: ich

 

Für die abc.etüden, Wochen 36/37.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig, dem Etüdenerfinder, und lauten: Verzweiflungstat, ambivalent, hingeben.

Genug Drama in den letzten Tagen. Aber bevor sich jetzt jemand nach meiner geistigen oder sonstigen Gesundheit erkundigt: Danke, alles gut. Ich halte derartige Hauruck-Aktionen in den seltensten Fällen für wirksam. Wer aber dazu neigt, abends den Kühlschrank oder die Plätzchenschublade zu überfallen, dem hilft es möglicherweise, nichts im Haus zu haben …

Ein kritisches Auge auf den eigenen Zuckerkonsum zu haben, ist jedoch auf keinen Fall eine schlechte Idee.

 

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Verantwortung | abc.etüden

Zu behaupten, ihre Gefühlslage sei ambivalent, war nicht nur ein Euphemismus, sondern eine fette Lüge. Sie schwankte zwischen zerreißendem Erschrecken und verschlingendem Zorn. Und Mitleid. Und ausgeprägten Schuldgefühlen.

Ihr Vater, der Auslöser der Misere, lag in seinem Krankenhausbett vor ihr und glich mehr denn je einem Häuflein Elend. Diagnose: ein frisch entdeckter, schwerer Diabetes mellitus, verbunden mit einem diabetischen Fuß. Der Arzt hatte soeben das Schreckgespenst Amputation an die Wand gemalt. Fuß ab oder tot, er könne wählen. Gottlob sei diese Verzweiflungstat noch keine medizinische Notwendigkeit, sondern erst das letzte Mittel, wenn nichts anderes anschlüge und er nicht auf der Stelle alles komplett umstelle. Es sei fünf nach zwölf.

Er hatte den Verlust ihrer Mutter vor Jahren nicht gut verkraftet. Nach ihrem Tod hatte er den Kummer mit Essen bekämpft, war kaum noch aus dem Haus gegangen, hatte stark zugenommen und immer weniger auf sich geachtet. Sie sahen einander nur selten, da sie in einer anderen Stadt ihr eigenes Leben lebte, telefonierten irgendwann bloß noch ein-, zweimal im Monat. Er hatte sich abgekapselt und sie hatte es zugelassen.
Manche schweißt ein Tod zusammen, andere nicht.
Jeder trauert anders, nicht wahr, und sie hatte schließlich ihre Mutter verloren. Und er war erwachsen und konnte auf sich selbst aufpassen.
Nun, anscheinend wohl doch nicht.
Nicht mehr.

Immerhin war er selbstständig zum Arzt gegangen, als die Blase, die er sich gelaufen hatte, über Wochen nicht zugeheilt war.

Und jetzt? Sich dem Jammer hinzugeben war auf jeden Fall nicht hilfreich. Die nächsten Monate würden zeigen, welche Veränderungen anstanden. Sie konnte nicht sagen, dass sie sich darauf freute.

„Ach, Papa!“

Er drückte schwach ihre Hand. Sie nickte aufmunternd.

„Gott sei Dank wissen wir jetzt Bescheid“, sagte sie und fühlte die Verantwortung tonnenschwer auf ihren Schultern lasten. „Wird schon wieder, Papa. Wir bekommen das irgendwie hin.“

 

abc.etüden 2019 36+37 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier und hier), Bearbeitung: ich

 

Für die abc.etüden, Wochen 36/37.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig, dem Etüdenerfinder, und lauten: Verzweiflungstat, ambivalent, hingeben.

Diese Etüde ist insofern autobiografisch, als ich mal jemanden kannte, der darunter litt, und bei dem Diabetes exakt so diagnostiziert wurde. Also, Freunde: Wenn ihr bei euch oder bei euren Nächsten schmerzlose (Polyneuropathie) und schlecht oder gar nicht heilende Wunden feststellt, speziell an den Füßen, dann denkt dran, dass der Mensch auch Zucker, sprich Diabetes haben könnte.

Infos Diabetisches Fußsyndrom: Wikipedia, Diabetesinformationsdienst München

 

Von Spätsommer und Korn

 

Die Luft ist voll Kommen und Gehen

Die blühenden blauen Kornraden,
Sie fielen mit den Ähren;
Das Korn liegt still in Schwaden
Im Sonnenschein, im schweren.

Kaum ein paar kurze Wochen
Sind die Felder glühend zu sehen;
Gleich muß die Sense dann pochen,
Und Stoppeln bleiben kalt stehen.

Wenn Augenblicke erwarmen,
Fühlt ihren Atem kaum wehen,
Da entsinken sie schon unsern Armen –
Die Luft ist voll Kommen und Gehen.

(Max Dauthendey, Die Luft ist voll Kommen und Gehen, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 311)

 

Das Kornfeld

Vom Sommerhauch berührt schwankt leis das Korn,
Wie Beter, gottergeben, stehn die Ähren.
Ich hör’ von ferne Dengelhammerschlag,
Das gold’ne Wogen wird nicht lange währen.
Hier hat der Tod in jedem Halm gehaust,
Sie selber, die des Lebens Keime bergen,
Die Körner, sind im Sonnenbrand erstarrt
Und gleichen goldumwundnen kleinen Särgen.
Tot bist du, Korn, doch welch ein tröstlich Bild!
Wer möcht’ sich nicht wie du zur Ruhe legen:
Als eine wohlgereifte Garbe, schwer
Von Lebensbrot und von der Arbeit Segen.

(Jakob Bosshart, Das Kornfeld, in: Jährliche Rundschau des Deutschschweizerischen Sprachvereins, Bd. 19/1923, Online-Quelle, S. 33)

 

Sommer

Mein Herz steht bis zum Hals in gelbem Erntelicht wie unter Sommerhimmeln schnittbereites Land.
Bald läutet durch die Ebenen Sichelsang: mein Blut lauscht tief mit Glück gesättigt in den Mittagsbrand.
Kornkammern meines Lebens, lang verödet, alle eure Tore sollen nun wie Schleusenflügel offen stehn.
Über euern Grund wird wie Meer die goldne Flut der Garben gehn.

(Ernst Stadler, Sommer, 1913, Online-Quelle)

 

Die letzte Kornblume

Sie ging, den Weg zu kürzen, übers Feld.
Es war gemäht. Die Ähren eingefahren.
Die braunen Stoppeln stachen in die Luft,
Als hätte sich der Erdgott schlecht rasiert.
Sie ging und ging. Und plötzlich traf sie
Auf die letzte blaue Blume dieses Sommers.
Sie sah die Blume an. Die Blume sie. Und beide dachten
Sofern die Menschen denken können, dachte die Blume …)
Dachten ganz das gleiche:
Du bist die letzte Blüte dieses Sommers,
Du blühst, von lauter totem Gras umgeben.
Dich hat der Sensenmann verschont,
Damit ein letzter lauer Blütenduft
Über die abgestorbene Erde wehe –
Sie bückte sich. Und brach die blaue Blume.
Sie rupfte alle Blütenblätter einzeln:
Er liebt mich – liebt mich nicht – er liebt mich … nicht. –
Die blauen Blütenfetzen flatterten
Wie Himmelsfetzen über braune Stoppeln.
Ihr Auge glänzte feucht – vom Abendtau,
Der kühl und silbern auf die Felder fiel
Wie aus des Mondes Silberhorn geschüttet.

(Klabund, Die letzte Kornblume, aus: Die Harfenjule, Berlin 1927, Online-Quelle)

 

Kornblume vor Gerstenfeld | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Bei uns sind die Felder längst gemäht, zu wenig Regen vermutlich, wenn auch nicht so extrem wie im letzten Jahr. Wie war es bei euch, ähnlich?

Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Das Schöne vom Tag

Die Walnüsse sind reif. Zumindest, wenn man den Eichhörnchen glaubt, die meinen Baum bevölkern und die Nüsse klauen. Es sind mindestens zwei, ein schwarzes und ein rotes. Können auch mehrere rote sein. Ich bin gespannt, ob sie mir eine wenigstens übriglassen.

Dazu muss man wissen, dass es eh nicht viele gibt. Der Baum ist Anfang 2018 radikal gekappt worden – er ist krank, es war viel totes Holz drin, er hatte die Jahre zuvor immer weniger getragen, ich hatte schon Sorge gehabt, Klimawandel, Stürme etc. Mit viel Herumbetteln hat man wenigstens den Stumpf stehen lassen: ca. 4 Meter hoch, eine Gabel, ein paar dicke Enden. Für den Fellträger, der darauf herumklettert. prima. Letztes Jahr im Winter sah es ziemlich schaurig aus, ich erinnere mich ausnehmend ungern.

Der Baum ist tot, es lebe der Baum! Man hatte es ihm offensichtlich nicht gesagt, wie er sich zu verhalten hatte, tot und so. Der Baum trieb im Frühling an mehreren Stellen kleine Zweige und versah sie mit Blättern. Dieses Jahr gab es nicht nur mehr Zweige, die Zweige hatten auch Blätter und Blüten. Und, wie es sich herausstellte, der Baum setzte Nüsse an!

Nun sind die Eichhörner wieder im Start, die nicht nur die Haselnüsse klauen, sondern natürlich auch auf die Walnüsse scharf sind. Wie gesagt, ich bin gespannt, ob ich eine abbekomme. Höchstens, wenn der Zweig zu dünn ist. Aber kann ein Zweig für ein hungriges Eichhörnchen zu dünn sein, das sich (siehe Fotos) kopfüber herunterhängen lässt, um sich eine Nuss zu angeln, sie von der grünen Schale zu befreien und dann damit abzuhauen?

Und, ihr seht es: Auf dem vorletzten Foto ist EICHHÖRNCHENSPUCKE (Schale in freiem Fall, echte Bewegungsunschärfe)! YES! Ich gebe zu, das war Glück.

 

Quelle: Ichmeinerselbst hinter der nicht besonders sauberen Glasscheibe

 

Von Krieg und Sinn

 

Krieg und Friede

Die Welt hat Krieg geführt weit über zwantzig Jahr.
Numehr soll Friede seyn, soll werden, wie es war.
Sie hat gekriegt um das, O lachens-werthe That!
Daß sie, eh sie gekriegt, zuvor besessen hat.

(Friedrich von Logau, Krieg und Friede, 1640/41, aus: Sämmtliche Sinngedichte, Online-Quelle)

 

Kriegslied

’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht Schuld daran zu seyn!

Was sollt’ ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen,
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb todt
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnoth?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch’ und ihre Nöthen
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich’ herab?

Was hülf’ mir Kron’ und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht Schuld daran zu seyn.

(Matthias Claudius, Kriegslied, 1774, aus: ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Vierter Theil, Wikipedia-Eintrag, Online-Quelle)

 

Totentanz 1916

So sterben wir, so sterben wir,
Wir sterben alle Tage,
Weil es so gemütlich sich sterben läßt.
Morgens noch in Schlaf und Traum
Mittags schon dahin.
Abends schon zu unterst im Grabe drin.

Die Schlacht ist unser Freudenhaus.
Von Blut ist unsere Sonne.
Tod ist unser Zeichen und Losungswort.
Kind und Weib verlassen wir –
Was gehen sie uns an?
Wenn man sich auf uns nur
Verlassen kann.

So morden wir, so morden wir.
Wir morden alle Tage
Unsre Kameraden im Totentanz.
Bruder reck dich auf vor mir,
Bruder, deine Brust!
Bruder, der du fallen und sterben mußt.

Wir murren nicht, wir knurren nicht.
Wir schweigen alle Tage,
Bis sich vom Gelenke das Hüftbein dreht.
Hart ist unsere Lagerstatt
Trocken unser Brot.
Blutig und besudelt der liebe Gott.

(Hugo Ball, Totentanz 1916, in: Der Revoluzzer. Sozialistische Zeitung für Bildung und Unterhaltung, Zürich, 2. Jg., 1916, Online-Quelle)

 

Damit könnte man eigentlich schon aufhören. Nun jährte sich gestern aber der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal.

Also kommt hier noch ein Zufallsfund, ein kleines Stückchen Wolfgang Borchert.

 

Brief aus Russland

Man wird tierisch.
Das macht die eisenhaltige
Luft. Aber das faltige
Herz fühlt manchmal doch lyrisch.
Ein Stahlhelm im Morgensonnenschimmer.
Ein Buchfink singt und der Helm rostet.
Was wohl zu Hause ein Zimmer
mit Bett und warm Wasser kostet?
Wenn man nicht so müde wär!

Aber die Beine sind schwer.
Hast du noch ein Stück Brot?
Morgen nehmen wir den Wald.
Aber das Leben ist hier so tot.
Selbst die Sterne sind fremd und kalt.
Und die Häuser sind
so zufällig gebaut.
Nur manchmal siehst du ein Kind,
das hat wunderbare Haut.

(Wolfgang Borchert, Brief aus Russland, 1943, Wikipedia-Artikel zu Borchert, Online-Quelle)

 

Soldatenfriedhof, Kriegsgräber | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in und durch die neue Woche!

Gestern vor 80 Jahren begann nicht nur der Zweite Weltkrieg, es begann „per rückdatiertem Erlass auch die systematische Tötung von Menschen mit Behinderungen durch das nationalsozialistische Regime“ (Quelle, danke. dergl). Mir haben sich bei dem Foto am Anfang, über dem Text, bei dem Leverkusener Inklusionsbotschafter Andreas Hollstein die Nackenhaare gesträubt.

 

Schreibeinladung für die Textwochen 36.37.19 | Wortspende von Ludwig Zeidler

*Trommelwirbel* Es geht wieder looooooohooooos!
*Trommelwirbel* Es geht wieder looooooohooooos!
*Trommelwirbel* Es geht wieder looooooohooooos!

Na, alle wach, alle wieder aus dem Urlaub zurück an Bord des Etüdenschiffs?
Willkommen bei der ersten Runde nach den diversen Etüdensommerpausenintermezzos, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, ein Durchgang mit spannenden Wortspenden liegt vor uns. Aber bevor wir uns auf die neuen Wörter stürzen, die wie so oft am Anfang eines Trimesters (klingt das nicht toll gelehrt?) von unserem Etüdenerfinder Ludwig Zeidler freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden, habe ich zwei Punkte zum Etüdensommerpausenintermezzo nachzutragen.

Ich fange mit dem kürzeren Teil an, der Liste von der letzten Schreibaufgabe des Intermezzos. Ich bin nicht sicher, ob ihr fast alle im Sommerloch dem Tiefschlaf verfallen wart oder ob ihr wirklich alle keinerlei Rechnungen mehr mit euren verflossenen Etüden offen habt – auf jeden Fall haben sich betrüblich wenige für meine schöne Idee interessiert. Okay, ist dann so. Ja, ich werde das überleben.

Das Fähnlein der fünf Aufrechten bestand jedenfalls aus:

Katharina auf Katha kritzelt: hier und hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier
Veronika auf vro jongliert: hier, hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier

Ich danke euch, die ihr mitgeschrieben habt. Ich danke auch all denen, die sich den Kopf zerbrochen haben, aber nichts gefunden haben, was sie gereizt hat, den Faden neu aufzunehmen. Auch ich hatte viel weniger Etüden, als ich angenommen hatte, die sich spontan in den Vordergrund drängelten. Trotzdem finde ich es gut, sich mal durch seinen eigenen Kram zu lesen; das fand ich übrigens auch schon bei den anderen Intermezzos dieses Sommers. Und natürlich danke ich wie immer allen, die gelesen und kommentiert haben, was wären wir ohne euch.

Erfreulicher ist die Sache mit dem Adventskalender, siehe Etüdensommerpausenintermezzo 2019-I. Ich habe, Stand jetzt, bisher 20 Etüden für den Adventskalender erhalten, und habe Zusagen für weitere fünf. Wenn die alle eintreffen (wovon ich ausgehe, ein Mann, ein Wort, oder?), dann habe ich nur die Qual der Wahl.
Wenn irgendwas passiert (es kann ja immer was sein), dann kommt es drauf an, wie viele Etüden fehlen. Bei einer schreibe ich sie, bei mehr als einer lose ich aus, wer eine zweite schreiben darf. Ich finde das am fairsten allen Mitschreibenden gegenüber, dann nicht einfach eine von denen zu nehmen, die mir schon freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden (und die ich allesamt sehr schön finde), sondern wie gesagt, allen noch mal die Chance zu geben.
Ich gehe aber nicht davon aus, dass das nötig sein wird.
Die Verlängerung beträgt zwei Wochen (wer sie braucht, bekommt auch vier), ich sollte euch also spätestens bei der ersten Oktober-Schreibeinladung Vollzug melden können.
Nein, wer bis jetzt noch nicht mit mir Kontakt diesbezüglich aufgenommen hatte, kann beim Etüdenadventskalender nicht mehr mitmachen.

So! Nun aber! Die Wörter für die Textwochen 36/37 des Schreibjahres 2019 hat unser Etüdenerfinder Ludwig Zeidler, der zurzeit nicht bloggt, dankenswerterweise gespendet. Die neuen Begriffe lauten:

Verzweiflungstat
ambivalent
hingeben.

 

dergl hat mich dran erinnert, dass es genügend Menschen gibt, für die „Verzweiflungstat“ nicht nur eine literarisch-schreibtechnische Herausforderung darstellt, sondern die damit Gewalt und/oder Depressionen assoziieren – die sie erlebt haben oder gerade erleben. In ihrem eigenen Leben.
Daher für alle Fälle drei Anlaufstellen (kostenlos und anonym):
das „Hilfetelefon“ (Gewalt gegen Frauen, auch Beratung für Angehörige oder Freunde/Bekannte), Tel. 08000 116 016, www.hilfetelefon.de
die „Nummer gegen Kummer“ (für Kinder und Jugendliche; Eltern etc. andere Nummer, bitte über die Webseite aufrufen), Tel. 116 111, www.nummergegenkummer.de
die „TelefonSeelsorge“ (Sorgen von der Seele reden), Tel. 0800 111 0 111, www.telefonseelsorge.de

 

Der öde blöde Etüden-Disclaimer hat sich nicht weiter verändert: Bringt obige 3 Begriffe in einem Text mit maximal 300 Wörtern Länge unter.
Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe, den Stress tu ich mir nicht an.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright und sollen/dürfen zur Bebilderung eurer Etüden verwendet werden. Das Foto mit dem Hochzeitskleid hatte ich irgendwann irgendwo mal gesehen und habe mich auf den Tag gefreut, wo ich es mal verbraten würde, deshalb ist es drin.
Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter kommen am 15. September 2019.
Euch bis dahin viel Spaß damit und gute Ideen!

 

abc.etüden 2019 36+37 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier und hier), Bearbeitung: ich

 

abc.etüden 2019 36+37 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung: ich

 

abc.etüden 2019 36+37 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung: ich

 

Ein Herz für Drachen | Etüdensommerpausenintermezzo

Vor der Sommerpause des letzten Jahres, als wir noch die 10-Sätze-Variante spielten und die Wörter von der hochgeschätzten Frau Flumsel stammten, schrieb ich eine Etüde namens Mutprobe, in der es darin ging, dass ein cleverer Bäckerjunge bei einem öffentlichen Wettkampf einen Drachen überlistete und dafür einen Wunsch frei bekam. Sie endete folgendermaßen:

„Bäckerjunge“, sagte am Abend der Hauptmann der Königsleute bei der Audienz zu ihm, „von allen heute hast du am meisten Einfallsreichtum und Mut bewiesen; dafür gewähren wir dir einen Wunsch.“

„Wenn dem so ist, dann nehmt mich mit an den Hof“, sagte er ohne Zögern, denn er hatte auf die Frage gehofft, „ich respektiere das Handwerk, aber ich hasse die Backstube, ich will Drachenpfleger werden!“

Und nun setzt das Etüdensommerpausenintermezzo ein, und zwar mit dem vorgeschriebenen Satz.

 

Am nächsten Tag war alles anders.

Mittags trat der Hauptmann der Königsleute in die Backstube des Vaters und erkundigte sich, ob der Junge in drei Stunden aufbrechen könne. Der hatte sich bis dahin allerdings eingeredet, dass sein Sohn sich bei der Audienz einen unbedachten Scherz erlaubt hätte. Da der Hauptmann jedoch überall Aufsehen auf sich zog, wohin er auch ging, lief bald die gesamte Familie sowie das halbe Dorf in der Backstube zusammen. Das Ansehen des Bäckers stand auf dem Spiel.

„Er kommt nicht mit“, beschied er den Hauptmann daher brüsk. „In meiner Familie treten die erstgeborenen Söhne seit Generationen in die Fußstapfen ihrer Väter. Taro wird später meine Backstube übernehmen und nach ihm wird es sein Sohn tun.“

Der Hauptmann seufzte innerlich, aber selbst wenn er „sturer Dörfler“ dachte, so zeigte er es nicht. Dafür bestand er darauf, den Jungen selbst sprechen zu können. Sein Bruder wurde ausgeschickt, ihn zu holen. Als sie zurückkamen, trug der Ältere eine große Reisetasche und hielt den wütenden Blicken des Vaters stand.

„Bei allem Respekt dem Handwerk und dir gegenüber, Vater“, erklärte er höflich, „aber ich bin ungeeignet. Mein Herz gehört den Drachen. Ich werde mit dem Hauptmann an den Hof des Königs gehen.“

„Ob du geeignet bist oder nicht, bestimme immer noch ich“, brüllte der Vater erschrocken los. „Du bist erst sechzehn, was weißt du schon? Du hältst die Ohren offen und den Mund geschlossen und erlernst das Handwerk, das in unserer Familie liegt!“

„Das tut er doch sowieso bereits“, warf die Mutter begütigend ein, die neben ihren Mann trat. „Du selbst überlässt ihm doch seit fast zwei Jahren die Backstube und die ganzen Vorbereitungen für die Brote mitten in der Nacht, bevor du aufstehst. Hast du nicht neulich erst gesagt, dass er seine Sache gut macht, fast besser als du in seinem Alter?“

Der Vater nickte. Taro wechselte einen Blick mit Lado, seinem Bruder.

„Bitte, sag du es ihm“, flüsterte dieser. Taro nickte. Sie hatten dieses Geheimnis mit so vielen Mühen gehütet, aber jetzt mussten sie Farbe bekennen.

„Es ist er, nicht ich“, gestand er dann. „Du, Vater, hast es mich zu lehren versucht, und ich habe es an Lado weitergegeben. Seit zwei Jahren stehen wir nachts gemeinsam in der Backstube. Aber er weiß, was zu tun ist, mir gerät kein Handgriff. Er denkt sich Rezepte aus, nicht ich. Ich schleiche mich nachts davon, um die Spiele der Drachen am Himmel zu beobachten, und wünsche mich fort. Er wird einmal dein würdiger Nachfolger sein. Ich wünschte, er wäre an meiner Stelle als Erster geboren.“

Es war zu viel Wahrheit auf einmal. Der Vater starrte sie beide an, griff sich ans Herz, drehte sich abrupt um und verließ die Backstube. Seine Söhne eilten ihm nach, aber die Mutter stellte sich Taro in den Weg und ergriff ihn an den Schultern.

„Ich habe die ganze Zeit gewusst, dass du einen findigen und rebellischen Geist hast, mein Sohn“, sagte sie fest. „Wenn es deine Bestimmung ist, mit Drachen zu arbeiten, dann ist es jetzt an der Zeit für dich, dein Schicksal in deine eigenen Hände zu nehmen und uns zu verlassen. Geh mit meinem Segen und vergiss das Dorf nicht, aus dem du stammst.“ Sie küsste ihn liebevoll auf die Stirn und auf beide Wangen. „Komm noch einmal kurz vorbei, wenn ihr aufbrecht. Dein Vater wird es sich nicht verzeihen, wenn ihr euch nicht verabschieden konntet. Um den Rest kümmere ich mich. Und nun geht.“

So geschah es. Noch ein halbes Leben später, als Taro längst erster Drachenhüter des Königs war, trug er immer noch die Drachenkralle, die sein Vater ihm am Tag seines Fortgehens geschenkt hatte. Die Drachenkralle, die dieser gefunden hatte, als er noch ein Kind gewesen war, ein erster Sohn, der Drachen nicht lieben durfte.

 

Etüdensommerpausenintermezzo: Die Veränderung | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Dies ist ein Beitrag für das Etüdensommerpausenintermezzo IV: Am nächsten Tag war alles anders.

„Taro“ und „Lado“ sind übrigens Namen, die angeblich „Erstgeborener“ und „Zweitgeborener“ bedeuten.

 

One, two, three, four, five …

Sollte jetzt irgendwer zu singen anfangen … NEIN. Auch wenn das 1999 der Sommerhit war und sämtliche Gehörgänge verstopfte, wenn man Radio hörte. Nein, der Anlass ist viel schlichter: Mein Blog wird heute fünf. Fünf Jahre. Die Zeit vergeht dann irgendwann ziemlich schnell, gerade wenn man gefühlt „nur“ von einem Projekt lebt. Oder eigentlich zwei, denn ohne die Gedichte könnte ich ebensowenig wie ohne die Etüden.

Kaum schreibe ich das, stocke ich. Könnte ich nicht? Doch, könnte ich. Manchmal hängt mir der Blog ziemlich zum Hals raus, da würde ich mich am liebsten für ein paar Wochen blogfern vergraben und/oder überlege mir, wie lange ich mich an regelmäßige Projekte binden möchte, vor allem, weil alles andere daneben fast zum Erliegen kommt, was ich sonst so gemacht habe, siehe mein zweites/drittes Jahr, also jedenfalls, bevor Ludwig die Etüden einfielen. Andererseits: Ich liebe die Etüden, und ich liebe es auch, mich um sie zu kümmern. Wenn man sich so was schon ans Bein bindet, dann sollte man der Typ sein, der eine gewisse Schönheit und Harmonie in regelmäßigen Abläufen sehen kann, sich dem unterwerfen kann und mag und gern relativ im Hintergrund bleibt, also als Person. Deshalb sind die Etüden so, wie sie sind, denn das bin ich. Leider und/oder zum Glück.

Bisher habe ich in jedem Rückblick ein bisschen Statistik betrieben, die kommt auch jetzt. Meine Follower-Zahl steht kurz vor 700, und das, obwohl ich meinen Blog in kein anderes „soziales“ Medium verlinke, dies hier wird mein 1009. Beitrag, letztes Jahr waren es noch 858, und die Zahl der Kommentare steht aktuell (vor diesem Eintrag) bei 34.851. Speicherplatz ist auch noch mehr als ausreichend da (ich habe von Anfang an meine Bilder immer recht klein gehalten, ich bin bei 7 %, aber ich habe ja auch keinen Fotoblog), also kann es ja weitergehen.

Ich habe im Sommer viel Spaß bei dem Etüdensommerpausenintermezzo gehabt, nämlich dabei, mir die Einträge mit den meisten Aufrufen anzusehen. Und dabei habe ich mich an eine Bloggerin erinnert, die eine Zeit lang zumindest Freude daran hatte, der Welt mitzuteilen, mit welchen (zum Teil richtig schwachsinnigen) „Top-Suchen“ die Welt auf ihrem Blog landete. Bei mir sind es … Gedichte. Und zwar ist der am häufigsten gesuchte und aufgerufene Beitrag (nach der Startseite und vor meinem „Über mich“(!)) ein Text aus dem Jahr 2015 über Hilde Domin: Ich setzte den Fuss in die Luft. Ein knappes Drittel Aufrufe davon hat Guten Morgen du Schöne, ein Text über die DDR-Autorin Maxie Wander, ungefähr ein Sechstel Barbara Allen, Text und knappe Erklärung zu der gleichnamigen Fontane-Ballade. Ich dachte immer, ich hätte einen Etüden-Blog, aber wenn ich mir das so ansehe, werden Gedichte kontinuierlich(!) echt stark nachgefragt. Ich bin überrascht und erfreut.

Ich habe meinen Blog zu einem Teil meines Lebens gemacht, und dazu gehört, dass ich andere Blogger treffen darf, wie es auch dieses Jahr wieder der Fall war und hoffentlich weiterhin sein wird. Es ist mir wichtig. Wirklich. Ich freue mich auf beides: Blogger*innen, mit denen ich schon Zeit verbringen durfte, wiederzutreffen, andere, bei denen ich lange und gern lese, kennenzulernen. Wenn man einander so lange liest, hat man (also ich) eine Vorstellung von dem oder der anderen, und ich bin überaus daran interessiert und dankbar für die Gelegenheit, meine Bilder im Kopf an der Realität überprüfen zu dürfen.
Daher mal kurz in die Runde gefragt: Buchmesse Frankfurt, anyone? Lasst es mich gern wissen.

Die Etüden starten am Sonntag wieder regulär mit einer Wortspende des Etüdenerfinders, die Wortspender für die neue Runde sind angeschrieben (ich erwarte noch Reaktionen, könnt ihr bitte mal in eure Mailaccounts schauen, die ihr für Kommentare verwendet?), die Adventskalenderetüden trudeln langsam ein, aber es dürften gerne noch ein paar mehr werden. Hallo Nachzügler: JETZT!!!

Macht es gut, ihr Lieben, wir lesen uns. Ich gehe jetzt Kaffee mit einer anderen Bloggerin trinken. Ja, an der Elbe. Mit dem gelben Ostfriesennerz als Erkennungsmerkmal. Bis später!

 

Auf dem Weg zur Badestelle Leuchtturm Westerheversand | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, mein erklärtes Lieblingsfoto dieser Tage

 

Von Sommer und Glück

 

Kleines Glück

Sie geht in aller Frühe,
Noch eh die Dämmrung schwand,
Den Weg zur Tagesmühe
Im ärmlichen Gewand.
Die dunklen Nebel feuchten
Noch in der Straße dicht,
Sonst sähe man beleuchten
Ein Lächeln ihr Gesicht.
Die Götter mögen wissen,
Warum sie heimlich lacht –
Es weiß es nur das Kissen,
Was ihr geträumt heut Nacht.

(Hermann von Lingg, Kleines Glück, aus: Ausgewählte Gedichte, 1905, Online-Quelle)

 

Glück kommt wie Licht, wie Sonnenstrahlen,
Wie Windeswehn, wie Wolkenflug:
Hier einmal, dort zu hundertmalen
Und nie im Leben noch genug.

Wer kann es haschen, wer kann es finden?
Und wer bewahrt es, wenn er’s hat? –
Es schwebt ein Atem in den Winden,
Und schwimmt im Strom ein grünes Blatt.

(Feodor von Wehl, Online-Quelle)

 

(Venedig)

An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll’s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik –
trunken schwamm’s in die Dämmrung hinaus …

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
–- Hörte jemand ihr zu? …

(Friedrich Nietzsche, An der Brücke stand, aus: Ecce homo, Warum ich so klug bin, Kap. 7, Online-Quelle)

 

Hand hält Gänseblümchen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Tattoo: zweieinhalb Jahre danach

Heute vor zweieinhalb Jahren und einem Monat (Jan. 2017) habe ich mich tätowieren lassen. Mein erstes und bislang einziges Tattoo, einer von den „Signature“-Löwen von Melina Wendlandt (Vaders.dye, Hamburg, Website, seit ich sie verfolge, furchtbar gehypt). Kennzeichen: Ornamente; Punkte und unterschiedlich dicke, zum Teil sehr feine Linien. (Wer damals noch nicht mitgelesen hat: Hier ist die Berichterstattung.)

Wie ist es mir also ergangen mit meinem Tattoo? Mit einem Wort: gut. Es ist völlig problemlos abgeheilt, ich habe mich an sämtliche Anweisungen gehalten, was zu tun (cremen, cremen, cremen) oder zu lassen war (Sonneneinstrahlung, Bäder, Sport, Kämpfe mit rauflustigen Fellträgern) – und langsam ist es zu einem Teil von mir geworden. Am Anfang hat es sich angefühlt wie ein großartiges Abziehbild, falls ihr die Dinger noch kennt. Danach wurde es normal … und ich fing an, mit anderen darüber zu diskutieren, ob die Linien so dünn bleiben würden bzw. inwieweit sie dicker werden würden. Nein, schon klar, sie bleiben nicht SO dünn. Das war mir klar, mehr nicht.

Ich bin ein völlig alltäglicher Couchpotato. Schön, ich sitze nicht vorwiegend fernsehend auf der Couch (Dudendefinition), sondern tippend am Computer, aber mehr Sport speziell für die Arme treibe ich nicht, ich bin auch nicht der Typ, der sich in Körperlotion ertränkt – und meine Haut ist keine 25 mehr, sondern eher das Doppelte. Ich habe einen Fellträger, der es liebt, sich mit mir zu prügeln, wenn er seine drolligen zehn Minuten hat, und dann bekomme ich den Arm manchmal nicht schnell genug weg von seinen Krallen oder Zähnen, was WEHtut und zum Teil sichtbare Spuren hinterlässt. (Kleines Aas.) Abgenommen, und zwar einiges, habe ich in dem Jahr danach auch, was mit Sicherheit auf die Haut geht, vielleicht jedoch nicht primär am Arm. Normal also, oder? Leben halt. Also denke ich, was das angeht, bin ich ziemlicher Durchschnitt. Wobei so was wie mit den Linien last but not least auch individuell vom Typ abhängig ist, Stichwort Bindehaut und so.

Was findet man an Bildern im Internet? Meistens Fotos von frisch gestochenen Tattoos, erkennbar an der Rötung und einer leichten Schwellung um die frisch gestochenen Partien. Ein Tattoo wird ca. nach 6–12 Wochen als „geheilt“/“healed“ betrachtet; wer also unter diesem Stichwort sucht, findet meist Fotos mit Tattoos dieses Alters. Älter? Wenige, und davon überdurchschnittlich viele Katastrophen. Man kann es nicht oft genug predigen, dass ein Gang zum Tätowierer gut überlegt sein sollte, weil man das Ergebnis lebenslang mit sich herumschleppt, und dass man sich Arbeiten des-/derjenigen VORHER ansehen sollte. Die feinen Linien bei meinem Löwen hätten richtig schief gehen können, auch jetzt über die Jahre. (Wobei die Existenz von Fotofiltern selbst schon für das Handy die Glaubwürdigkeit von Fotos bei z. B. Instagram oder Facebook nicht wirklich steigert.)
Und was machen die Leute? Fallen bei einem Zug durch die Gemeinde oder im Urlaub besoffen im Tattoostudio ein, gern in Rudeln, und wundern sich danach. Tätowierer ist keine geschützte Bezeichnung. Jede*r Idiot kann sich im Netz eine Tätowiermaschine und Zubehör kaufen, ein paar YT-Videos gucken, sich einen Gewerbeschein zulegen und sich Tätowierer*in schimpfen. Und das Schlimme ist: Manche tun das auch.

Wo war ich? Ach so, das Foto. Als neulich Myriade in Hamburg war, habe ich sie gebeten, mein Tattoo zu fotografieren. Vergessen hatte ich, dass ich für das Vergleichsfoto damals stand – wenn man sich die Fotos ansieht, sieht der Löwe auf dem neuen etwas gestauchter aus, das kommt daher. Außerdem hätte ich mich besser um ähnliche Lichtverhältnisse bemüht, es ist draußen bei Sonne im Halbschatten entstanden, das erste indoor. Das Bild leidet daher leider unter schlechten Kontrasten, gerade an den Stellen, die mir wichtig sind: Ist da noch Weiß in den Augen? (Nicht auf dem Foto, aber ja: ganz schwach.) Berühren sich die Linien in dem Kopfschmuck des Löwen? (Hmmmmm. Auf dem Foto gibt es Stellen, wo man dran zweifeln könnte. Auf jeden Fall sind die Linien erheblich näher aneinandergerückt. ABER sie sind immer noch sehr erkennbar unterschiedlich dick.) Anyway, mea culpa, ich hätte vorher bisschen mehr darüber nachdenken können – über das Foto. So weit, dass die Linien mit der Zeit viel dicker werden könnten/würden und ich irgendwann „Matsch“ auf meinem Arm haben könnte, habe ich damals nicht gedacht, und das ist ganz allein meine Verantwortung.

Ganz wichtig: Ich will hiermit keinen in die Pfanne hauen, dies ist eher ein Service-Beitrag. Ich möchte die Veränderung meines Tattoos dokumentieren, weil ich solche Bilder nicht gefunden habe, als ich danach gesucht habe. Ich liebe diesen Löwen von Herzen und alles, wofür er steht.
Wie geht es euch mit euren Tattoos, über die Jahre gesehen? Hat schon mal wer ein Tattoo entfernen lassen oder gecovert – nicht, dass ich das vorhätte?

(Ob ich mit einem zweiten Tattoo liebäugele? Nicht mehr und nicht weniger als vor zweieinhalb Jahren, aber ich schließe es nicht aus und finde das Tattoo-Thema nach wie vor faszinierend.)

 

Tattoo: frisch vs. 2,5 Jahre | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, zumindest ist es mein Arm
UNBEDINGT groß klicken!

 

Update Adventskalender für die Etüden (danke, dergl): 15 Geschichten hüte ich bisher, inklusive meiner. Für drei weitere habe ich Zusagen, dazu gehört auch der Etüdenerfinder. Bisher schwächeln die Herren generell *tadelnden Blick in die Runde werf* (außer WERNER natürlich!), könntet ihr mal sagen, ob ich noch mit einer Einreichung rechnen kann? Wenn ihr mehr Zeit braucht, ist das okay, aber ich bräuchte eine verbindliche Ansage.

Wer von den Etüdenschreiber*innen bisher in der Sommerpause war und den Aufruf nicht mitbekommen hat: HIER NACHLESEN. Ihr habt regulär noch eine Woche.

 

Vom Sommer und Regen

 

Ich bin der Regen

Ich bin der Regen, und ich geh’
barfuß einher von Land zu Land.
In meinen Haaren spielt der Wind
mit seiner schlanken, braunen Hand.

Mein dünnes Kleid aus Spinngeweb’
ist grauer als das graue Weh.
Ich bin allein. Nur hie und da
spiel’ ich mit einem kranken Reh.

Ich halte Schnüre in der Hand,
und es sind auf ihnen aufgereiht
alle die Tränen, welche je
ein blasser Mädchenmund geweint.

Sie alle habe ich geraubt
bei schlanken Mädchen, spät bei Nacht,
wenn mit der Sehnsucht Hand in Hand
sie bang auf langem Weg gewacht.

Ich bin der Regen, und ich geh’
barfuß einher von Land zu Land.
In meinen Haaren spielt der Wind
mit seiner schlanken, braunen Hand.

8.3.1941

Selma Meerbaum-Eisinger, Ich bin der Regen, Online-Quelle, mehr über Selma

 

Regen

Die Sonne hat nur kurz das nasse Tal umschlungen,
Die Pappeln rauschen wieder, neckisch spielt der Wind.
Des Baches Schwermut hat gar lang allein geklungen,
Der Wind ist pfiffiger als ein vergnügtes Kind.

Die Wolken wollen kommen. Alles wurde rauher,
Die blassen Pappeln rascheln wie bei einem Guß.
Die nassen Weiden faßt ein kalter Schauer,
Gewaltig saust die Luft, beinahe wie ein Fluß.

Nun soll der Regen kommen! Und es gieße wieder!
Der Sturm ist kraftbegabtes Lautgebraus,
Der Regen bringt die Rhythmen heller Silberlieder,
Die Pappeln wissen das und schlottern schon voraus.

Dem nassen Tal entwallen kalte Atlashüllen,
Und auch die Nebelhauche tauchen raschelnd auf.
Der Wind beginnt die Flur mit Wispern zu erfüllen,
Die Pappeln biegen sich, das Grau nimmt seinen Lauf.

(Theodor Däubler, Regen, aus „Das Sternenkind“, 1916, Online-Quelle)

 

Des Narren Regenlied

Regenöde, regenöde
Himmel, Land und See;
Alle Lust ist Last geworden,
Und das Herz thut weh.

Graugespinstig hält ein Nebel
Alles Sein in Haft,
Weher Mut weint in die Weiten,
Krank ist jede Kraft.

Die Prinzessin sitzt im Turme;
Ihre Harfe klingt,
Und ich hör, wie ihre Seele
Müde Sehnsucht singt.

Regenöde, regenöde
Himmel, Land und See;
Alle Lust ist Last geworden,
Und das Herz thut weh.

(Otto Julius Bierbaum, Des Narren Regenlied, aus: Irrgarten der Liebe, 1901, Online-Quelle)

 

Der Regen scheint besessen

Ich hör’ den Regen dreschen
Und übers Pflaster fegen.
Der Regen scheint besessen
Und will die Welt auffressen.

Ich muß mich näher legen
Ins Bett zu meiner Frauen.
Wird sich ihr Äuglein regen,
Kann ich ins Blaue schauen.

(Max Dauthendey, Der Regen scheint besessen, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 314)

 

Regentropfen auf einem Zweig  | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt (wie immer) gut in die neue Woche!

 

Etüdensommerpausenintermezzo IV: Am nächsten Tag war alles anders

Die Tage der Statistik liegen hinter uns, liebe Etüdenschreibende und -lesende. Trotzdem möchte ich es nicht lassen, euch noch die Listen derer zu präsentieren, die mitgemacht haben. Man folgt ja nicht allen und hat auch nicht Zeit, alle zu lesen, und schon gar nicht weiß man meistens, welche Etüden oder Themen den anderen am Herzen liegen.

Lieblingsetüden: Fazit

dergl von Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel: hier, hier, hier, hier und hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten bei mir in den Kommentaren (hier und hier) mit folgenden Links: hier und hier, später hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier, hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier und hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier und hier
Natalie im Fundevogelnest: hier, hier, hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier, hier, hier und hier
Ludwig Zeidler auf Irgendwas ist immer: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier und hier
Bettina auf Wortgerinnsel: hier, hier und hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier und hier
Veronika auf vro jongliert: hier
Rina auf Geschichtszauberei: hier
fraggle auf reisswolfblog: hier

 

Etüdengold: Fazit

dergl von Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten bei mir in den Kommentaren (hier und hier) mit folgenden Links: hier, hier und hier, später hier, hier und hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier und hier
Rina auf Geschichtszauberei: hier
Petra Schuseil auf Wesentlich werden: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Veronika auf vro jongliert: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier
Bettina auf Wortgerinnsel: hier

Zur Sicherheit gefragt: Fehlt wer oder was? Bitte, ihr kennt das, es ist kein böser Wille, es kann sein, dass mir mal ein Link durchrutscht oder nicht ankommt. Meldet euch bitte!

 

 

Und nun, ihr Lieben, muss ich euch gestehen, dass ich ein kreatives Sommerloch habe. Ich bin sicher, dass es nicht an den Etüden liegt, aber ach: Ich bin eigentlich mehr als urlaubsreif und würde den Rechner gerne mal mehrere Tage sich selbst überlassen können, ohne dass es mir Nachteile brächte (man soll ja immer vorsichtig mit dem sein, was man sich wünscht, und ich hänge echt viel vor der Kiste. Ob ich das KÖNNTE, soll hier nicht diskutiert werden …).

Ich habe mir mehrere Schreibideen durch den Kopf gehen lassen und fand sie alle irgendwann – bemüht. Also habe ich mich schließlich für etwas ganz Schlichtes entschieden. Ihr habt, auch wenn ihr in eure Lieblingsetüden nicht der Öffentlichkeit vorstellen wolltet oder euch für keine entscheiden konntet, vermutlich in euren alten Sachen herumgelesen. Nehmt, und das ist jetzt die Aufgabe, eine alte Etüde, mit der ihr gefühlt noch eine Rechnung offen habt, und schreibt sie weiter. Die einzige Bedingung ist der erste Satz: „Am nächsten Tag war alles anders.“ Wobei dieser Satz (danke, dergl) auch: „Am nächsten Tag ist alles anders“, lauten kann, je nachdem, in welcher Zeit ihr schreibt. (Das dürft ihr gern für euch passend machen, solange klar bleibt, dass diese Veränderung nicht in der Zukunft liegt.)

Ob wirklich alles anders ist oder ob ihr das im übernächsten Satz schon wieder relativiert, ist mir dabei völlig egal. Ob die Veränderung positiv oder negativ ist, ist euer Ding. Ob ihr die Grenzen der Physik, des Verstandes oder des guten Geschmacks überwindet: völlig gleichgültig. Ob ihr das in 50, 100, 300, 3.000 oder 10.000 Wörtern macht: Es sei, wie es euch gefällt. Aber: Etwas sollte sich verändert haben, eure Figuren sollten dabei in Schwierigkeiten irgendwelcher Natur geraten sein und ihr, ihr müsst sie da herausbekommen (oder eben auch nicht). Ihr habt zwei Wochen Zeit. Ich freue mich.
Wie immer darf die Illustration verwendet werden, muss aber nicht.

 

Nach den zwei Wochen geht es mit den „normalen“ Etüden weiter, dann ist nämlich schon September, und die ersten Lebkuchen treffen in den Läden ein. Was heißt das außerdem? Genau, Mitte der Woche werde ich die Glücklichen ziehen, die Worte spenden dürfen. Ich glaube (und das hatten wir auch noch nicht), dass alle bereits öffentlich genickt haben, die als Wortspender infrage kommen (2 Etüden innerhalb des letzten „Trimesters“, ab Ostern bis zum Intermezzo). Ich bin schon sehr gespannt!

Und nun, ran an die Etüdenfortsetzung(en). Ihr dürftet natürlich auch mehrere schreiben …

 

Etüdensommerpausenintermezzo: Die Veränderung | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir