Übel gelaunte Irgendwie-Etüde | abc.etüden

Stimmungsmäßige Gemengelage: trüb.
Weltpolitik? Bitte nicht.
Griechenland? Die Bilder brechen mir schier das Herz. Meine Mutter ist 1948 aus Ostpreußen geflüchtet, irgendwas dockt da über die Generation hinweg an, wenn ich zerstörte Städte und flüchtende Menschengruppen sehe.
Corona? Ach, geh mir weg. Drei Viertel der Deutschen sähen laut Umfrage die Lage „gelassen“, so die Medien, heute Morgen gehört. Okay, ein Viertel nicht, das ist die Kleinigkeit von gut 20 Millionen. 20 Millionen Menschen, die auf jeden Mist fliegen, den die Presse sich ausdenkt, die Desinfektionsmittel, Mundschutze, Klopapier und Nudeln hamstern, als ob sie ansonsten den kommenden Sonnenuntergang nicht mehr erlebten, geschweige denn den nächsten Tag, und die Umwelt mit ihrer Gier und Panik vergiften. Hallo? Geht’s noch?
Natürlich, wer gesundheitlich bereits angegriffen ist, der muss sich vorsehen, gar keine Frage. Aber der Rest? Beim Einkaufen vermeide ich den Blick auf die Schlagzeilen der Revolverblätter, danke, mir ist schon schlecht. Katzenfutter scheint wenigstens noch nicht gehortet zu werden.
Ich warte irgendwie drauf, dass die Verschwörungstheoretiker sich als Whistleblower herausstellen, so absurd finde ich das Theater.

Und immer wieder Griechenland und dieses Gefühl der Hilflosigkeit angesichts des Elends und der Verrenkungen der hohen Politik. Ich weiß, dass ich in Europa warm und trocken sitze und im Vergleich nichts, aber auch gar nichts auszustehen habe, und mir ist auch bewusst, dass andere dafür die Zeche zahlen und ich ganz simpel Glück hatte, hier geboren zu werden. Hilft mir das? Nein.
Gerda schreibt heute an Ulli: „… das Gefühl der Hilflosigkeit wird gemildert, wenn man EINEM Menschen beisteht.“ Ja, stimmt, das passt zu meiner eigenen Erfahrung. Und „Trust Love“ – gestern gesprayt gefunden. Wenn überhaupt was stimmt, dann das. Schwierig ist es trotzdem. Gerade jetzt.

Ein Lächeln ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen. Ansteckungsfrei.

Kommt gut durch die nächste Zeit und bleibt gesund!

 

abc.etüden 2020 10+11 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 10/11.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Corly mit ihrem Blog Corlys Lesewelt und lauten: Sonnenuntergang, warm, fliegen.

Ihr Lieben, ich bin heute Nachmittag/Abend und morgen so gut wie nicht online, wundert euch also bitte nicht, wenn meine Kommentare vorerst ausbleiben, ich hole sie nach … :-)
Aber ich wollte den Text veröffentlichen, damit er mir nicht mehr auf der Seele liegt.

 

Trust love | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, Anklicken macht groß

 

Alle Fotos von dieser Woche.

 

Von Gelüsten und Karneval

 

Karneval

Väter, hört mich, Mütter, hört die Mahnung,
Jetzt kommt wieder jene Zeit – versteht! –
Wo so manche Tugend ohne Ahnung
Der Besitzerin abhanden geht.

Beute suchend schleicht umher das Laster;
Wer ist sicher, daß ihm nichts geschieht,
Wenn man jetzt der Busen Alabaster
Und beim Hofball auch die Nabel sieht?

Von den Blicken kommt es zur Berührung,
Irgendwo zu einem Druck der Hand,
Und so manches Mittel der Verführung
Sei aus Scham hier lieber nicht genannt!

Wenn an hochgewölbte Männerbrüste
Sich das zarte Fleisch der Mädchen drängt,
Regen sich von selbst die bösen Lüste
Und was sonst damit zusammenhängt.

Darum Eltern, wenn die Geigen klingen
Und die Klarinette schrillend pfeift,
Hütet eure Tochter vor den Dingen,
Die sie hoffentlich noch nicht begreift!

(Peter Schlemihl (Ludwig Thoma), Karneval, 27.01.1903, Zeitschrift „Simplicissimus“, Online-Quelle)

 

LEBEN WIE KARNEVAL

Jeder summt sein Sümmchen
Oder brummt sein Brümmchen
Wie ein Bär oder wie ein Bienchen,
Wenn er ganz in sich
Hindöst. – Aber öffentlich
Zieht dann jeder, jede,
Jedes sein Mienchen. – – –

(Fällt mir plötzlich ein Gerede
Ein, eines Arztes mit schizophrenen Fraun.
Hielt der Arzt sie heimlich lieb am Zügel.
Sagte eine: „Hängen Sie meinen
Linken Lungenflügel
An den Gartenzaun!“)

Jedes flucht sein Flüchlein,
Wenn’s nicht ging, wie’s ihmnach gehen soll.
Manches weint ein Tüchlein
Oder scheißt ein Höslein voll.

Das störend niedrige Geschmeiß
Ist schwierig zu erreichen.
Es bleibt Gesetz: Die Schnake weiß
Dem Kuhschwanz auszuweichen.

(Joachim Ringelnatz, Leben wie Karneval, aus: Flugzeuggedanken, Berlin 1929, Online-Quelle)

 

Aschermittwoch

Gesten noch ging ich gepudert und süchtig
In der vielbunten tönenden Welt.
Heute ist alles schon lange ersoffen.

Hier ist ein Ding.
Dort ist ein Ding.
Etwas sieht so aus.
Etwas sieht anders aus.
Wie leicht pustet einer die ganze
Blühende Erde aus.

Der Himmel ist kalt und blau.
Oder der Mond ist gelb und platt.
Ein Wald hat viele einzelne Bäume.

Ist nichts mehr zum Weinen.
Ist nichts mehr zum Schreien.
Wo bin ich –

(Alfred Lichtenstein, Aschermittwoch, 1914, aus: Gedichte und Geschichten 1919, Online-Quelle)

 

Maskenzauber Hamburg 2020 | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, anklicken macht groß!

 

Nein, natürlich habe ich nicht vergessen, dass ich euch noch die Maskenzauber-Bilder zeigen wollte. Das will ich auch weiterhin, es ist nur gerade ein bisschen viel los …

Kommt gut in und durch die neue Woche, ob mit Karneval oder ohne …

 

Über Hoffnung

 

Die Hoffnung ist der Regenbogen über den herabstürzenden jähen Bach des Lebens.
(Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente 1876 bis Sommer 1877, 23[119], Online-Quelle)

 

Kalender 2020 | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, aber so was von!

 

Wer regelmäßig bei mir mitliest, kennt meine Jahreskalender (2016, 2017, 2018, 2019). Jedes Jahr aufs Neue entsteht vor Weihnachten in mühevoller (aber geliebter) Kleinarbeit ein Kalenderposter, das im folgenden Jahr meine und (meist) die Türen weniger ausgewählter Mitmenschen verschönert. Auch das abgelaufene Jahr machte da keine Ausnahme. Wie im letzten Jahr bereits ist die Kalenderkachel weiß geblieben, weiß macht alles gefühlt bisschen leichter, vielleicht brauche ich das gerade.

Sollte ich irgendwem, der/die dies liest, bisher kein frohes gutes neues Jahr 2020 gewünscht haben, sei dies hiermit nachgeholt und nicht weniger herzlich gemeint.
Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gekommen und habt die Zeit der Festlichkeiten einigermaßen unversehrt überstanden.

Glaubt mal nicht, dass ich schon wach wäre, dies ist ein vorgeplanter Beitrag.

Coming up next: Sonntag gehen die regulären Etüden wieder los, ich wollte es nur mal erwähnt haben.

 

Dem Auge fern …

November 2019, Alter Harburger Friedhof | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst vor ein paar Tagen,
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Grabschrift

„Dem Auge fern, dem Herzen nah!“

Als ich die alte Grabschrift sah
Im eingesunk’nen Marmorstein,
Da fiel mein totes Lieb mir ein …

O Gott, ich schrieb schon tausendmal
Das gleiche Lied aus gleicher Qual,
Und war doch keins wie dieses da:

„Dem Auge fern, dem Herzen nah!“

(Ludwig Jacobowski, Grabschrift, aus: Ausklang. Gedichte aus dem Nachlass, Vom dunklen Leben, Online-Quelle)

 

Als ich beschlossen hatte, mich der Blogaktion auf dem Totenhemd-Blog anzuschließen, und überlegte, über welchen Friedhof ich denn wandern wollte, war mir eins ziemlich schnell klar: Nicht schon wieder Ohlsdorf! Klar, dort sind die Engel schöner, die Ruhenden prominenter und der Friedhof so viel gewaltiger von seinen Ausmaßen her – aber Ohlsdorf kann jeder, ich bleibe in meinem Stadtteil. Harburg. Kommt also mit, ich zeige euch ein paar Impressionen vom Alten Harburger Friedhof.

 

Quelle: ichmeinerselbst vor ein paar Tagen,
Klicken macht groß

 

Na? Besonders, oder? Hier gibt es den offiziellen Wikipedia-Eintrag dazu, dem kann man entnehmen, dass der Friedhof 1828 eröffnet wurde und seit 1937 offiziell stillgelegt ist, aber bis in die 60er-Jahre immer noch Bestattungen vorgenommen wurden. Inzwischen ist er ein öffentlicher Park. „Im Jahr 1984 wurde der Friedhof mit seinen historischen Grabdenkmälern, darunter viele mit bekannten Namen aus der Stadtgeschichte, unter Denkmalschutz gestellt und die historischen Wegbeziehungen wiederhergestellt. Dennoch verfielen die Anlagen oder wurden durch Vandalismus zerstört. Erst 2006 gründete sich ein Verein zur Pflege des Alten Friedhofs und zur Erhaltung wertvoller Grabmale, der seitdem Pflegemaßnahmen auf dem Gelände durchführt.“ (Quelle: Wikipedia, s. o.)

Und damit sind wir mitten im Problem. Ja, es ist ein Park, er ist nicht besonders groß, hat alten Baumbestand und ist wunderschön. Aber/und die Steine sind allgemein in keinem besonders guten Zustand. Seht ihr das Foto von der Statue mit dem Marienkäfer(?) auf der Stirn? Seht ihr (Bild davor), dass an dieser Figur offensichtlich nur das Gesicht erneuert wurde und der Rest der Figur sich in einem viel schlechteren Erhaltungszustand befindet? Die Frau, der dieser Grabschmuck gilt, starb 1905. Ich vermute, der eben erwähnte Verein dürfte finanziell nicht so üppig ausgestattet sein.

Zudem ist die Lage des Parks nicht wirklich glücklich. Er grenzt an einer Seite an das Phoenix-Viertel, das (begründet) einen schlechten Ruf als sozialer Brennpunkt hat. Als ich am Sonntagvormittag im Park war, habe ich zumindest anfangs junge Männer gesehen, von denen ich angenommen habe, dass sie mir was verkaufen wollten, was allerdings nicht sehr viel später durch die üblichen Hundeausführer*innen, Paare mit und ohne Kinderwagen und Vor-dem-Mittagessen-Spaziergänger ersetzt wurde. Einige dürften von dem Gottesdienst der angrenzenden Kirche aus nach Hause gegangen sein.

„Fotografiere etwas, das Dir auffällt/dich irritiert/anspricht/ berührt“, war die Aufgabe, die Petra und Annegret gestellt haben. Nun. Was mir dieses Mal wirklich auffiel, war das hier.

 

November 2019, Alter Harburger Friedhof | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst vor ein paar Tagen,
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Das ist – erraten? – ein Freimaurer-Grab, und zwar die Grabstätte von Herrn Ferdinand Ernst Albrecht Rickel (*1837, andere Angabe *1845, †1925, Tafel am Grab fehlt), ein Honoratior der Stadt Harburg, der unter anderem Mitbegründer und Fabrikdirektor der Jutefabrik in Harburg (Norddeutsche Jute-Spinnerei und Weberei) sowie auch Mitglied des Bürgervorsteher-Kollegiums in Harburg war. (Ich weiß noch nicht, was das für ein Haus auf der Tafel ist, die Jute-Fabrik scheint damals anders ausgesehen zu haben, rechts hinter dem Busch ist noch eins.) Nach ihm wurde (noch zu seinen Lebzeiten, 1914) eine Straße benannt, die Rickelstraße in HH-Eißendorf. Und er war Freimaurer, er gehörte zur 1858 in Harburg gegründeten Loge „Ernst August zum goldenen Anker“, wie so einige (was ich nicht wusste) bekannte Hamburger, denen die Stadt viel verdankt (hier mehr dazu, für Rickel unter „Harburg“ nachsehen). An der gleichen Stelle steht: „Schauen wir zurück und werfen einen Blick in unsere Mitgliederlisten, dann stellen wir fest, daß bis zum Ende des Jahrhunderts fast ausschließlich das aufstrebende und einflußreiche Bürgertum Harburgs in unserer Loge vertreten war. Einige von Ihnen waren herausragende Persönlichkeiten der Stadt Harburg. Sie haben oft, ohne besonderes Aufsehen, nach dem freimaurerischen Humanitäts- und Sozialprinzip, d.h. aus der freimaurerischen Idee schöpfenden Grundhaltung ihre Fabriken geführt oder ihre Aufgaben ausgerichtet. Noch heute sind davon einige Namen bekannter und bedeutender Bürger und Logenbrüder der Stadt Harburg zu finden, denen zu Ehren hier Straßen benannt wurden.“

Die Loge ist aktiv (hier die Homepage), was mich zu der Frage brachte, was mir (außer Verschwörungstheorien) eigentlich über die Freimaurerei bekannt ist. Mit euch teilen möchte ich einen kurzen Text zum Thema Symbole der eben erwähnten Loge (Link), sehr aufschlussreich fand ich ebendort „100 Fragen zur Freimaurerei“ und einen großen Rundumschlag versucht der Deutschlandfunk in seinem Artikel.

Seitdem weiß ich auch, dass die evangelische Kirche kein Problem damit hat, wenn eines ihrer Gemeindeglieder gleichzeitig auch Freimaurer ist, während die katholische Kirche beides für unvereinbar hält. Damit ist mir dann ebenfalls klar, warum Herr Rickel völlig selbstverständlich an prominenter Stelle zwischen anderen (vermutlich evangelischen) Toten ruht. Es dürfte damals einfach kein Anlass zur Diskussion gewesen sein.

Alles in allem hat mein Spaziergang über den Friedhof bei mir mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Nicht nur zur Freimaurerei. Ich mag das. Ich war bestimmt nicht zum letzten Mal dort; und ich plane einen Besuch in unserer Bücherhalle zum Thema „Harburger Geschichte“, schließlich bin ich ja über die Elbe zugewandert … ;-)

 

Das Schöne vom Tag

Die Walnüsse sind reif. Zumindest, wenn man den Eichhörnchen glaubt, die meinen Baum bevölkern und die Nüsse klauen. Es sind mindestens zwei, ein schwarzes und ein rotes. Können auch mehrere rote sein. Ich bin gespannt, ob sie mir eine wenigstens übriglassen.

Dazu muss man wissen, dass es eh nicht viele gibt. Der Baum ist Anfang 2018 radikal gekappt worden – er ist krank, es war viel totes Holz drin, er hatte die Jahre zuvor immer weniger getragen, ich hatte schon Sorge gehabt, Klimawandel, Stürme etc. Mit viel Herumbetteln hat man wenigstens den Stumpf stehen lassen: ca. 4 Meter hoch, eine Gabel, ein paar dicke Enden. Für den Fellträger, der darauf herumklettert. prima. Letztes Jahr im Winter sah es ziemlich schaurig aus, ich erinnere mich ausnehmend ungern.

Der Baum ist tot, es lebe der Baum! Man hatte es ihm offensichtlich nicht gesagt, wie er sich zu verhalten hatte, tot und so. Der Baum trieb im Frühling an mehreren Stellen kleine Zweige und versah sie mit Blättern. Dieses Jahr gab es nicht nur mehr Zweige, die Zweige hatten auch Blätter und Blüten. Und, wie es sich herausstellte, der Baum setzte Nüsse an!

Nun sind die Eichhörner wieder im Start, die nicht nur die Haselnüsse klauen, sondern natürlich auch auf die Walnüsse scharf sind. Wie gesagt, ich bin gespannt, ob ich eine abbekomme. Höchstens, wenn der Zweig zu dünn ist. Aber kann ein Zweig für ein hungriges Eichhörnchen zu dünn sein, das sich (siehe Fotos) kopfüber herunterhängen lässt, um sich eine Nuss zu angeln, sie von der grünen Schale zu befreien und dann damit abzuhauen?

Und, ihr seht es: Auf dem vorletzten Foto ist EICHHÖRNCHENSPUCKE (Schale in freiem Fall, echte Bewegungsunschärfe)! YES! Ich gebe zu, das war Glück.

 

Quelle: Ichmeinerselbst hinter der nicht besonders sauberen Glasscheibe

 

Von Sommer und Reisen

 

REISELIED

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

(Hugo von Hofmannsthal, Reiselied, aus: Gedichte, 1922, Online-Quelle)

 

XLIV.

Himmel grau und wochentäglich!
Auch die Stadt ist noch dieselbe!
Und noch immer blöd und kläglich
Spiegelt sie sich in der Elbe.

Lange Nasen, noch langweilig
Werden sie wie sonst geschneutzet,
Und das duckt sich noch scheinheilig,
Oder bläht sich, stolz gespreitzet.

Schöner Süden! wie verehr’ ich
Deinen Himmel, deine Götter,
Seit ich diesen Menschenkehricht
Wiederseh, und dieses Wetter!

(Heinrich Heine, Himmel grau und wochentäglich!, aus: Neue Gedichte, 1844, Online-Quelle)

 

Glück auf die Reise!

Sie machen die Luft dir dumpf und schwer,
Die kreischenden Zwerge?
Lach ihnen Abschied! Fahr über das Meer!
Steig über die Berge!

Doch, ehe du gehst, nimm einen am Ohr
Und schüttel ihn leise.
Verloren ist, wer den Humor verlor.
Glück auf die Reise!

(Otto Julius Bierbaum, Glück auf die Reise!, aus: Irrgarten der Liebe, 1901, Online-Quelle)

 

 

Fotos: ichmeinerselbst, Klicken macht groß!

 

Alle Fotos vom 1. August an der Nordsee im Beisein von Frau Myriade, mit und ohne Kappl

Das erste Foto entstand am Eidersperrwerk, der dicke braune Punkt am Strand ist ein Seehund und ja, die Windräder vermehren sich richtig heftig. Von Vollerwiek aus sieht man sowohl das Eidersperrwerk als auch den Strand von Sankt Peter-Ording (SPO); der Leuchtturm Westerhever(sand) hat im Hintergrund die Pfahlbauten von SPO und auf der anderen Seite die Fahrrinne, die den Husumer Hafen mit der Nordsee verbindet; vom Strand von SPO (Ording) kann man den Leuchtturm ganz gut in der Ferne sehen.

Kommt gut in die neue Woche!

 

Das Schöne vom Tag

Alice schreibt einen Monat lang jeden Tag auf, wofür sie dankbar ist, und sucht noch Mitstreiter. Ich finde die Idee großartig und hatte so was Ähnliches schon mal angedacht, aber hätte ohne ihren Anstoß wohl noch ewig nicht damit begonnen. Ich werde vermutlich nicht jeden Tag etwas posten, dafür werde ich das Projekt aber auch nicht zeitlich befristen.

Hier hinein sollen die kleinen Freuden kommen, das Lächeln des Tages oder oder oder. Ich bin ganz gut darin, das Schöne im Alltäglichen zu sehen, ich übe es mit Begeisterung. In diesem Zusammenhang nehme ich auch Wörter wie Dankbarkeit oder Demut in den Mund – ich bin nicht der Mittelpunkt des Universums, es funktioniert auch ohne mich ganz hervorragend, ich empfinde mich als Teil eines großen, harmonischen Ganzen (okay, abgesehen von Politik und ihren Verwerfungen etc. etc., da gibt es genug) – ich hoffe, ihr versteht, was ich meine.

So, das war die Vorrede. Das Schöne vom Tag (gestern), der auch bei uns sehr heiß war, ist das Foto eines gewissen gähnenden Fellträgers (entstanden ca. 19 Uhr), dem die Hitze anscheinend nicht die Bohne ausmacht, obwohl er draußen die ganze Zeit herumliegt. Ich dachte ja, die Haltung sei selten, bis ich per Mail eines Besseren belehrt wurde … (das zweite Foto ist witzigerweise zur etwa gleichen Uhrzeit bei noch höheren Temperaturen aufgenommen worden.)

Kommt gut durch die Hitze!

 

 

Von der Wahl

 

Heutige Welt-Kunst

Anders sein und anders scheinen,
Anders reden, anders meinen,
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, stets behagen,
Allem Winde Segel geben,
Bös- und Guten dienstbar leben;
Alles Tun und alles Dichten
Bloß auf eignen Nutzen richten:
Wer sich dessen will befleißen,
Kann politisch heuer heißen.

(Friedrich von Logau, Heutige Welt-Kunst, aus: Deutscher Sinn-Getichte Drey Tausend, Breßlaw, 1654, Online-Quelle, Online-Quelle)

 

Resignation

Es gibt noch Leute, die sich quälen,
Aus denen sich die Frage ringt:
Wie wird der Deutsche nächstens wählen?
Wie wird das, was die Urne bringt?

Die Guten! Wie sie immer hoffen!
Wie macht sie doch ein jedesmal
Der Ausfall neuerdings betroffen!
Als wär’ er anders, wie normal!

Wir wissen doch von Adam Riese,
Dass zwei mal zwei gleich vieren zählt.
Und eine Wahrheit fest wie diese
Ist, daß man immer Schwarze wählt.

Das Faktum läßt sich nicht bestreiten,
Auch wenn es noch so bitter schmeckt.
Doch hat das Übel gute Seiten:
Es ruhet nicht auf Intellekt.

Man muß die Sache recht verstehen;
Sie ist nicht böse, ist nicht gut.
Der Deutsche will zur Urne gehen,
So wie man das Gewohnte tut.

Wer hofft, daß es noch anders würde,
Der täuscht sich hier, wie überall.
Die Schafe suchen ihre Hürde,
Das Rindvieh suchet seinen Stall.

(Ludwig Thoma, Resignation, aus: Ludwig Thoma: Gesammelte Werke in sechs Bänden, Band 6, München 1968. Online-Quelle)

 

Abgesehen von der Profitlüge

Die kurzen Beine der Lüge sind
Auch nur etwas Relatives.
Ein Segler kreuzend gegen Wind
Ist immer etwas Schiefes.

Ob sie aus Anstand, aus Mitleid gibt,
Sich hinter der Kunst will schützen,
Wenn sie nicht innerst sich selber liebt,
Wird Lüge niemandem nützen.

Es gibt eine Lüge politisch und kühn,
Und die ist auch noch zu rügen.
Ich meine: Wir sollten uns alle bemühn,
Möglichst wenig zu lügen.

(Joachim Ringelnatz, Abgesehen von der Profitlüge, aus: Flugzeuggedanken, Berlin 1929, Online-Quelle)

 

streetart st. pauli landungsbrücken | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, Hamburg, St. Pauli-Landungsbrücken

 

Kommt (wie immer) gut in die neue Woche!

 

Von Frühling und nicht nur Amseln

 

Nächtliche Stunde

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und diese Nacht geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tag.

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und dieser Winter geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Frühling.

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und dieses Leben geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tod.

(Karl Kraus, Nächtliche Stunde, in: Worten in Versen VII, Online-Quelle)

 

Die Amseln haben Sonne getrunken

Die Amseln haben Sonne getrunken,
aus allen Gärten strahlen die Lieder,
in allen Herzen nisten die Amseln,
und alle Herzen werden zu Gärten
und blühen wieder.

Nun wachsen der Erde die großen Flügel
und allen Träumen neues Gefieder;
alle Menschen werden wie Vögel
und bauen Nester im Blauen.

Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge
und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
in allen Seelen badet die Sonne,
alle Wasser stehen in Flammen,
Frühling bringt Wasser und Feuer
liebend zusammen.

(Max Dauthendey, Die Amseln haben Sonne getrunken, aus: Reliquien, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 122)

 

Liebesgedicht

Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen –
Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen –
Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen,
Ich sah dich in Gesellschaft unadeliger Menschen erbleichen.
Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert nackt zeigen,
Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen.
Ich sah dich mit deinem geliebten Papagei wie mit einem Freunde sprechen,
Ich sah dich mit einem Manne wegen eines geringen Taktfehlers für ewig brechen – – –.
Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen,
Ich sah dich der Stille eines Sommerabends lauschen.
Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen,
Ich sah dich traurig steh’n vor trüben Gaslaternen.
Ich sah dich dein Leben spinnen wie die Spinne ihr mysteriöses Gewebe – – –
Ich schlich mich abseits, um dich nicht zu stören.
Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!

(Peter Altenberg, Liebesgedicht, in: Märchen des Lebens, 1924, Online-Quelle)

 

Kompost | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Der Dauthendey rangiert auf der Liste meiner Lieblingsgedichte echt weit oben, wie ich festgestellt habe. Daher musste der sein – und er musste jetzt sein.

Zugegeben, auf dem Bild sind keine Amseln, ich habe mich dagegen entschieden. Stattdessen, weil ich es Myriade gegenüber bei ihr erwähnte, meine geliebte „Kompost“-Komposition (in einer neuen Aufbereitung), Stichwort „ewiger Kreislauf“. Ja, das war alles mal gleichzeitig auf EINEM Komposthaufen, an dem ich vorbeikam. Der Besitzer war ob meiner Aufmerksamkeit reichlich irritiert, obwohl er mich hätte kennen können.  ;-)
Das Zitat soll von Xenophanes sein.

Kommt dennoch alle gut und heil und sicher in die neue (Frühlings-) Woche!

 

Alltag | März

Eigentlich dachte ich, sie will mich bestimmt nicht mehr. Ulli. Ulli für ihr Projekt „Alltag“, das eigentlich am ersten Freitag des Monats fällig war. Also eigentlich vor knapp zwei Wochen, Asche auf mein Haupt. Ich bin mal wieder mit meinen vagen Ideen im Alltag untergegangen, in der Arbeit versackt, in Frühling oder Nicht-Frühling. Zu viel auf Bildschirme gestarrt, zu wenig draußen gewesen. Das alte Lied. Wenn Ulli nicht nachgefragt hätte (danke!), hätte ich mich wohl davongeschlichen.
Dabei kann ich euch heute von was Schönem erzählen: einer kleinen Freude im Alltag.

Ich mag das Herannahen des Frühlings. Ich bin die, die sich einen Schnupfen holt, weil sie bei offenem Fenster schläft, weil sie endlich wieder die Vögel die Sonne hervorrufen hören möchte. Ich stehe wie vom Donner gerührt vor Krokuswiesen. Sich mit einer Decke in die Sonne zu setzen, ein Heißgetränk zu schlürfen und so zu tun, als wäre es schon viel später im Jahr, möglichst neben einem Heizstrahler, das bin sehr ich. Also oft. Und natürlich gehe ich gern im Nieselregen spazieren. Wenn er warm ist. Und nein, ich mache jetzt keine Etüde daraus.

Letztes Jahr Ende Januar erhielt ich ein Geschenk. Lebende Pflanzen – zurückhaltend gießen! Ein geheimnisvolles und sehr geschmackvolles Ensemble verschönerte ab da meine Fensterbank. Milchsterne in the becoming.

 

Milchstern | 365tageasatzaday

 

Ich wartete und liebte und goss vorsichtig, wie angeraten. Wir warteten. Und es gedieh und erblühte. Wir waren begeistert.

 

Milchstern | 365tageasatzaday

 

Der Fellträger ist Freigänger und klug genug, nicht an allem zu kauen, was bei mir rumsteht. Sowohl meine Amaryllis als auch er haben es bisher überlebt, warum also nicht auch der Milchstern, der übrigens auch für Katzen giftig sein soll, wie ich dann irgendwo las.

Die Milchsterne wuchsen und wucherten und wuchsen sich aus und verblühten …

 

Milchstern | 365tageasatzaday

 

… und noch nicht mal Mitte Februar war es vorbei mit der Herrlichkeit und ich war traurig. Wegwerfen? Niemals. Es gab keinen Hinweis, dass die Milchsterne nur einjährig wären. Nun habe ich aus Gründen bei mir keine Möglichkeit, einfach ein paar Zwiebelchen in die Erde zu stecken. Aber meine Nachbarin sagte: „Klar, geben Sie her!“ Wir verbuddelten sie und ich vergaß sie.

Bis sie mir neulich wieder einfielen, als ich die ganzen Schneeglöckchen, Krokusse, Winterlinge, Märzenbecher und hin und wieder sogar schon eine kleine Mini-Narzisse sah. Und was soll ich sagen: Voilà! Christiane proudly presents:

 

Milchstern | 365tageasatzaday

 

Es ist noch nicht sonnig gewesen, seitdem ich sie entdeckt habe (äh, vorgestern), ich denke, sie haben noch nicht geblüht. Ich behalte sie im Auge und ggf. vor der Kamera. Aber der Anblick reicht schon mal, um mir extrem gute Laune zu machen.

Und weil es so schön ist, kommt jetzt mein Lieblingsbesucher beim Baden (wer genau hinschaut, kann eine Tropfenspur sehen). Ja, Marion, das Vogelbuch. Ist das ein Blaumeiserich, weil er so blau ist, weiß das wer?

 

Blaumeise beim Bad | 365tageasatzadayQuelle: Alle Fotos in diesem Beitrag ichmeinerselbst

 

Von Spitzohren, zwei Drachen und einem Androiden

Kurz gesagt: Wir schreiben 2019, und vor einer Woche war Maskenzauber an der Alster in Hamburg. Nachdem ich mich jedes Mal aufs Neue dazu wiederhole, verweise ich für Infos jetzt einfach mal auf meinen Ankündigungspost („Maskenzauber für Kurzentschlossene„) und auf die Fotos vom letzten Jahr („Maskenzauber 2018: die Bilder„). Vielleicht mag ja auch der eine oder die andere vergleichen. Es sind nämlich viele Wiederholer dabei, und manche tauschen auch die Kostüme.

Es war wunderbares WARMES Wetter und der Zaubertrank (der neue Räume hat!) war auch wieder dabei. Meine Fotos sind wieder Doppelportraits (oder Viererportaits), außerdem habe ich manchmal zwei Masken kombiniert … oder, oder oder. Der eine Drache lief auf Stelzen, der Baum war nicht dabei, und wo der Mensch ohne Kopf geguckt hat, habe ich auch nicht rausbekommen. Ebenfalls sieht man nicht, dass die eine Elfe fast überwiegend an einer Straßenlaterne herumhing (was man halt so tut, wenn man Flügel hat). Das ist der Nachteil von Portraits, aber irgendwas ist ja immer. (Ja, ich finde diese Kontaktlinsen auch total irritierend.) Frage für Fortgeschrittene: Ist der Hund ein Leonberger?

Wer mehr sehen möchte (zum Beispiel, wie die Masken von Kopf bis Fuß ausgesehen haben), findet hier die Links zur Facebook-Maskenzauber-Gruppe (öffentlich sichtbar) und zur Maskenzauber-Sektion in der fc (fotocommunity).

Es würde mich freuen, wenn euch die Bilder gefallen, ich jedenfalls hatte viel Spaß. Die Fotos kann man allesamt groß klicken, dass es sich lohnt und ich gern eure Highlights wüsste, ist klar, oder?

 

Quelle: ichmeinerselbst, aber sowas von

 

 

Über Poesie

Poesie ist die Erfahrung dessen, was die Wörter überschreitet.
(Yves Bonnefoy, Klappentext zu „Die gebogenen Planken„, Klett-Cotta, Stuttgart 2004, Quelle)

Quelle: ichmeinerselbst, aber sowas von

 

Wer hier schon länger ein bisschen mitliest, kennt meine Jahreskalender (2016, 2017, 2018). Jedes Jahr aufs Neue handklöppele ich mir ein Kalenderposter, das dann meine und (meist) die Türen weniger ausgewählter Mitmenschen verschönert. Auch dieses Jahr ist keine Ausnahme. Neu war dieses Jahr, dass ich die Kalenderkachel von der schwarzen Grundfarbe auf Weiß umgestellt habe, erst dann war mir alles ruhig genug. Ja, nett, aber viel Arbeit, denn auch (gerade!) für die Kalenderkachel schiebe ich jedes Pixel einzeln über den Bildschirm.

Sollte ich irgendwem, der/die dies liest, noch kein frohes neues gutes Jahr 2019 gewünscht haben, sei dies hiermit nachgeholt. Ich führe nämlich diesbezüglich keine Strichlisten ;-)
Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gekommen. Denn man tau, wie sie hier oben sagen!