Vom Glück (und) der Liebe

Erinnerung.

Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.

(Johann Wolfgang von Goethe, Erinnerung, aus: Gedichte (Ausgabe letzter Hand, 1827), Online-Quelle)

15.

Du hattest kein Glück, und ich hatte keins;
wir nahmen einander, nun haben wir eins.
Wo haben wir es denn hergenommen?
Es ist vom Himmel auf uns gekommen.

(Friedrich Rückert, Du hattest kein Glück, in: Vierzeilen, Zweites Hundert, aus: Gesammelte Gedichte, Zweiter Band, 1836, Online-Quelle)

[Das Glück ist dieses]

Das Glück ist dieses: Beieinander ruhen,
schweigsam als wie gebettet in den Abend,
und Horchen ist es auf den Ton,
den meine Seele nächtlich deiner singt.

(Walter Calé, Das Glück ist dieses, aus: Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, 1910, Online-Quelle)

Die Nicht-Gewesenen.

Über ein Glück, das du flüchtig besessen,
Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen,
Tröstet die alles heilende Zeit.
Aber die Träume, die nie errung’nen,
Nie vergeß’nen und nie bezwung’nen,
Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid.

(Isolde Kurz, Die Nicht-Gewesenen, aus: Gedichte, 1888, Online-Quelle)

Die Liebe

Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Thür noch Riegel,
Und dringt durch Alles sich;
Sie ist ohn’ Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel,
Und schlägt sie ewiglich.

(Matthias Claudius, Die Liebe, aus: ASMUS omnia sua SECUM portans oder sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Sechster Theil, 1797, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Nein, ich bin nicht der Meinung, dass man nur zu zweit glücklich werden kann, aber ich mochte die Zartheit der Gedichte so. Kommt gut und fröhlich in und durch die neue Woche! 🙂

 

Von der Sehnsucht

Ich sehne mich den ganzen Tag

Ich sehne mich den ganzen Tag
Nach einer Stunde Müßiggang,
Nach einem kleinen Winkelchen
Fern allem Lärm und Tagesdrang;

Nach einer Stunde, da mein Herz
Die schönen Worte ungestört
Und Alles, was du mir gesagt,
Süß im Geheimen wieder hört.

(Frieda Port (Info), Ich sehne mich den ganzen Tag, aus: Tagebuchblätter, in: Gedichte, 1888, Online-Quelle)

Erwacht

Warum hast du’s angerufen –
Schlief es doch so fest und still!
Da es nun in mir erwachte,
Weiß ich nicht, was werden will!

Mit den großen Sehnsuchtsaugen
Schaut’s in jeden Tag hinein …
Lieder sing’ ich, müde Lieder,
Doch es schläft nicht wieder ein!

(Anna Ritter, Erwacht, aus: Es grub der Tod ein Kämmerlein, in: Befreiung, 1900, Online-Quelle)

Abendstimmung

Glühendrot der Sonnenball
will ins Meer versinken,
und die Fluren überall
Tau und Frieden trinken;
leise wiegt die Knospe sich
an dem braunen Zweige . . . .
Traumhaft kommt sie über mich,
Sehnsucht tief und wunderlich,
geht der Tag zur Neige.

(Clara Müller-Jahnke, Abendstimmung, aus: Alte Lieder, in: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

Meine Sehnsucht …

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,
Löst vom Strande sich im Abendrot.

Deine Sehnsucht ist ein weißer Schwan,
Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

Einmal finden auf der blauen Flut
Sich die beiden. Dann ist alles gut …

(Ernst Goll (Wikipedia), Meine Sehnsucht …, aus: Im bitteren Menschenland: Das gesammelte Werk, 1914, 2012, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Stimmungsding, kein konkreter Anlass. Kommt gut und heil in und durch die neue Woche! 🙂

 

Von Raben, Liebe und Tod

Volkslied. Aus dem Schottischen

Ich schweifte umher so ganz allein
Da hört ich zwei Raben schaurig schrein,
Der eine wohl zu dem andern sprach:
Wo finden wir Atzung diesen Tag?
Ich weiß, dort hinter dem faulen Bruch
Liegt ein Ritter erschlagen, frisch genug,
Keine Seele hat ihn dort liegen sehn,
Nur sein Falke sein Hund und sein Liebchen schön.
Sein Hund der ist nun jagen gangen,
Es will der Falk die Waldvögel fangen,
Das Liebchen hat einen andern erkohren,
Bleibt uns die Mahlzeit doch unverlohren.
Du magst sitzen ihm auf der weißen Brust,
Die süßen blauen Augen pick ich mit Lust,
Eine Locke von seinem goldnen Haar
Flicht das Nest uns aus wenns zerrissen war.
Wohl mancher spricht um ihn traurendes Wort,
Wo er lieget soll keiner wissen den Ort,
Ueber die Knochen wenn nackt und bleich sie sind
Soll ewig hinfahren der kalte Wind.

(Carl August Heinrich Zwicker, Volkslied. Aus dem Schottischen, Original v. Walter Scott, The Twa Corbies (ersch. 1806), aus: Wünschelruthe, 1818, Online-Quelle, Scott: Online-Quelle)

Die beiden Raben

Durch die Luft ein Rabe krächzt,
Hungermüd nach Labung lechzt,
Fragt er einen andern Raben:
Werden wir heut Speise haben?

Und der andre Rabe spricht:
Heut an Speise fehlt es nicht:
Tod im Feld, am Waldessaume,
Liegt ein Ritter unter’m Baume.

Wer, warum man ihn erschlug?
Weiß der Falk nur, den er trug,
Weiß des Ritters schwarzes Roß nur
Und sein junges Weib im Schloß nur.

Flog der Falk zum Walde fern,
Blieb das Roß dem Feind des Herrn?
Und die Frau harrt ihres Lieben,
Aber deß nicht, der geblieben …

(Alexander Puschkin, Die beiden Raben, aus: Alexander Puschkin’s Poetische Werke, aus dem Russischen übersetzt von Friedrich Bodenstedt, Erster Band: Gedichte. 1854. Online-Quelle)

Ein russisches Lied

Der Rabe fliegt zum Raben dort,
Der Rabe krächzt zu dem Raben das Wort:
Rabe, mein Rabe, wo finden wir
Heut unser Mahl? wer sorgte dafür?

Der Rabe dem Raben die Antwort schreit:
Ich weiß ein Mahl für uns bereit;
Unterm Unglücksbaum auf dem freien Feld
Liegt erschlagen ein guter Held.

Durch wen? weßhalb? – Das weiß allein,
Der sah’s mit an, der Falke sein,
Und seine schwarze Stute zumal,
Auch seine Hausfrau, sein junges Gemahl.

Der Falke flog hinaus in den Wald;
Auf die Stute schwang der Feind sich bald;
Die Hausfrau harrt, die in Lust erbebt,
Deß nicht, der starb, nein, deß, der lebt.

(Adalbert von Chamisso, Ein russisches Lied/Die zwei Raben, 1838, in: Der Deutsche Musenalmanach 1839, Online-Quelle, Online-Quelle)

Die zwei Raben.

Ich ging über’s Haidemoor allein,
Da hört ich zwei Raben kreischen und schrein;
Der eine rief dem andern zu:
„Wo machen wir Mittag, ich und Du!“

„Im Walde drüben liegt unbewacht
Ein erschlagener Ritter seit heute Nacht,
Und niemand sah ihn in Waldesgrund,
Als sein Lieb und sein Falke und sein Hund.

Sein Hund auf neuer Fährte geht,
Sein Falk auf frische Beute späht,
Sein Lieb ist mit ihrem Buhlen fort, –
Wir können speisen in Ruhe dort.

Du setzest auf seinen Nacken dich,
Seine blauen Augen, die sind für mich,
Eine goldene Locke aus seinem Haar
Soll wärmen das Nest uns nächstes Jahr.

Manch einer wird sprechen: ich hatt’ ihn lieb!
Doch keiner wird wissen, wo er blieb,
Und hingehn über sein bleich Gebein
Wird Wind und Regen und Sonnenschein.“

(Theodor Fontane, Die zwei Raben, aus: Gedichte (1905), Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Da unterhalte ich mich mit Werner bei seiner Etüde über Raben und denke mir, ich könnte ja mal nach Raben-Gedichten schauen. ICH mag Raben nämlich (Krähen auch), sie sind intelligent und gelehrig und, und, und. Die Dichter früher scheinen das allerdings ganz anders gesehen zu haben: Schwarze Vögel brachten Unglück. Daher findet man eigentlich nur Gedichte mit Raben, die mit Tod und Unglück in Verbindung stehen. Schade.

Dann stolperte ich jedoch über eine Handvoll Gedichte, die einander thematisch so ähnlich waren, dass ich mich zu fragen begann, wer denn hier von wem abgeschrieben hatte bzw. woher das Motiv eigentlich kam. Wenn man ein bisschen herumschaut, dann ist es „The Twa Corbies“ von Scott (siehe die Übersetzung von Zwicker). Scott erwähnt in seiner Vorrede aber noch ein anderes, erheblich älteres – „The Three Ravens“ –, das vom Inhalt her fast entgegengesetzt sei (siehe Quelle).

Als Nächster scheint Puschkin das Thema aufgegriffen (und auf die Handlung verkürzt) zu haben; ich habe nichts dazu gefunden, wann er das Gedicht geschrieben hat, ab den 1820ern sind wohl Balladen überliefert und er ist 1837 gestorben – die Jahreszahl bei Bodenstedt ist das Erscheinungsdatum des Bandes. Bodenstedt verehrte Puschkin, wie man unschwer aus der Einleitung herauslesen kann.

Chamisso wiederum hat mehrere Deutsche Musenalmanache herausgegeben (Wikipedia) und scheint Russisch gesprochen zu haben; als er im Manuskript des Deutschen Musenalmanachs eine Ballade von Hoffmann von Fallersleben – „Der erschlagene Ritter“ – entdeckte, die ihm sehr nach Puschkin aussah (beide Versionen ähneln sich sehr), beeilte er sich, dort eine mit „Puschkin“ als Verfasser gekennzeichnete deutsche Version unterzubringen, „um Hoffmann zu necken“ (Beleg). Wer’s glaubt 😉
Chamisso ist wenige Tage später an Lungenkrebs gestorben, ich weiß darüber nicht mehr.

Fontane wiederum hatte ja bekanntermaßen ein Faible für England und Schottland, dem glaube ich sofort, dass er vermutlich sogar auf Scott zurückgegriffen und seine eigene Version davon verfasst hat. Ein Beleg dafür wäre auch, dass er ebenfalls eine Übertragung der oben angesprochenen „Drei Raben“ vorgenommen hat (die in der Gedichtausgabe vor den „Zwei Raben“ steht (wie bei Scott)): hier lesen.

So, habe ich euch genug verwirrt mit meinem Ritt durch die Literaturgeschichte? Dann hoffe ich, dass ihr Spaß hattet, und wünsche euch eine gute neue Woche. 😀
Und wer Edgar Allan Poes „The Raven“ erwartet hat oder Morgensterns „Km 21“ … nun, der muss einfach noch ein bisschen warten …

Update: Okay, okay: Hier kommt „The Raven“, die Version von Alan Parsons Project (Link zu YouTube)

 

Von Omen, Lieben und Stille

Leg du auf meine Lebensgeige

Leg du auf meine Lebensgeige
die Hände an des Schicksals Statt, –
daß ich vergesse, was für feige
Töne jede Saite hat.

Lehr mich ein Lied. Ein Lied das zage
wie Glückserinnerung beginnt.
Ein Lied für meine Feiertage,
die ohne alle Hymne sind.

(Rainer Maria Rilke, Leg du auf meine Lebensgeige, aus: Dir zur Feier, 1897/98, Online-Quelle)

Sei du mir Omen und Orakel

Sei du mir Omen und Orakel
und führ mein Leben an zum Fest,
wenn meine Seele, matt vom Makel
Die Flügel wieder fallen läßt.

Gib mir das Niebeseßne wieder:
das Glück der Tat, das Recht zu Ruhn, –
mit einem Wiegen deiner Glieder,
Mit einem Blick für meine Lieder,
Mit einem Grüßen kannst du’s tun.

(Rainer Maria Rilke, Sei du mir Omen und Orakel, aus: Dir zur Feier, 1897/98, Online-Quelle)

Lieben

I

Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam sie wie ein Sonnen-, ein Blütenschein,
kam sie wie ein Beten? – Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
und hing mit gefalteten Schwingen groß
an meiner blühenden Seele …

II

Das war der Tag der weißen Chrysanthemen, –
mir bangte fast vor seiner schweren Pracht…
Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, –
ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
erklang die Nacht …

(Rainer Maria Rilke, Lieben I/II, aus: Traumgekrönt, 1896, Online-Quelle)

Die Stille

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände –
hörst du: es rauscht …
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider
und auch das ist Geräusch bis zu dir,
hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder …
… Aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Athemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.

(Rainer Maria Rilke, Die Stille, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 1, etwa 1900, Online-Quelle)

 

Quelle: Photo by Josh Boot on Unsplash

 

Nach der ganzen Hektik der letzten Wochen brauchte ich dringend was Unaufgeregtes. Ich bin beim Suchen wieder mal über das Rilke-Projekt gestolpert, und viel Zeit später stellte ich fest, dass ich den ganzen Abend nichts anderes gehört habe, und da wollte ich euch teilhaben lassen.

Für die beiden ersten Gedichte „Leg du auf meine Lebensgeige“ und „Sei du mir Omen und Orakel“ gibt es eine wirklich zauberhafte 2-in-1-Vertonung mit Xavier Naidoo und Yvonne Catterfeld, die unbedingt Ohrwurm-Charakter hat, und zwar aus dem Album „SYMPHONIC RILKE PROJEKT – Dir zur Feier“ (2015).

Hier ist der Link zu YouTube.

„Lieben“ stammt von „In meinem wilden Herzen“, gesprochen von Cosma Shiva Hagen (Link zu YT),

„Die Stille“ stammt ebenfalls von „In meinem wilden Herzen“, gesprochen von André Eisermann (Link zu YT mit Gudrun Landgrebe).

Kommt gut in und durch die neue Woche, Herbstferien oder nicht, vielleicht habt ihr ja Zeit.

Vom Revoluzzen, Vaterland und Worten

Der Revoluzzer

Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: »Ich revolüzze!«
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: »Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!«

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

(Erich Mühsam, Der Revoluzzer, aus: Sammlung 1898–1928, Erster Teil: Verse, Fanale, Online-Quelle)

Ich hatte einst ein schönes Vaterland

3.

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.

Das küßte mich auf deutsch, und sprach auf deutsch
(Man glaubt es kaum,
Wie gut es klang) das Wort: »Ich liebe dich!«
Es war ein Traum.

(Heinrich Heine, Ich hatte einst ein schönes Vaterland, aus: Neue Gedichte, Verschiedene, In der Fremde. Entstehungszeitraum: 1824–1844), Online-Quelle)

Worte

Worte sind wie Rettungsringe,
die dem Leben dienen;
auf den tiefen Grund der Dinge
kommst du schwer mit ihnen.

(Christian Morgenstern, Worte, aus: Melencolia, Berlin 1906, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ich habe mir lange überlegt, ob ich noch einmal Gedichte mit Zeitbezug (irgendwie ja doch) heraussuchen soll, und mich dann dafür entschieden. Man mag dazu stehen, wie man möchte, irgendwie berührt es uns alle, ob jetzt oder in der Zukunft.

Mühsams revoluzzenden Lampenputzer kenne ich seit der Schule, glaube ich. Ich habe viel darüber nachgedacht und ihn irgendwie immer gemocht … 😉

Kommt gut und heil (und harmonisch und so) in und durch die nächste Woche!

 

Von den Qualen der Wahlen ;-)

Gänsezug.

Die erste Gans im Gänsezug,
Sie schnattert: »Seht, ich führe!«
Die letzte Gans im Gänsezug,
Sie schnattert: »Seht, ich leite!«

Und jede Gans im Gänsezug,
Sie denkt: — Daß ich mich breite
So selbstbewußt, das kommt daher,
Weil ich, ein unumschränkter Herr,
Den Weg mir wähl’ nach eignem Sinn,
All meiner Schritte Schreiter bin
Und meine Freiheit spüre!

(Marie von Ebner-Eschenbach, Gänsezug, aus: 1. Band: Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte, in: Gesammelte Schriften, 1893, Online-Quelle)

Der Esel des Buridan

Rechts Heu und Klee, links Heu und Klee!
Die allerfettsten Weiden –
Dem Esel tut das Wählen weh,
er kann sich nicht entscheiden.
Er schnopert rechts, er schnopert links
und dreht sich dreimal um –
O Buridan, o Buridan,
was ist dein Esel dumm!

Rechts Gras und Korn, links Gras und Korn,
wie knurrt es ihm im Magen!
Und immer wieder geht’s von vorn,
er mag die Wahl nicht wagen.
So zwischen beiden bleibt er stehn
und fällt vor Hunger um –
O Buridan, o Buridan,
was war dein Esel dumm! –

Rechts freie Presse, links Zensur,
rechts Wahrheit, links die Lüge –
Was stehen wir und grübeln nur
und haben’s nicht Genüge?
Wir horchen rechts, wir horchen links
und fragen fern und nah –
O Buridan, o Buridan,
wär’ doch dein Esel da!

Die Freiheit rechts, links Sklaverei,
wer könnt’ es sich verhehlen!
Wir aber stehn und stehn dabei
und wissen nicht zu wählen.
So sind wir doch weit ärger noch
und dummer noch fürwahr,
o Buridan, o Buridan,
als wie dein Esel war!

(Robert Eduard Prutz (Wikipedia), Der Esel des Buridan, aus: Gedichte (Erstdruck). Neue Sammlung, Zürich/ Winterthur (Literarisches Comptoir), 1843, Online-Quelle)
Mehr zu Buridans Esel: hier (deutsch) und hier (engl., wesentlich umfangreicher).

Nach den Wahlen

Es schreit nicht mehr in fetten Schriften
Das Für und Wider von der Wand.
So laßt uns alle Frieden stiften!
Ein jeder reiche seine Hand!

Zur Menschheit wird auf diesem Wege
Die heißentflammte Wählerschar;
Und wieder Nachbar und Kollege
Ist, wer noch gestern Schurke war.

(Ludwig Thoma, Nach den Wahlen, aus: Kirchweih. Simplicissimus-Gedichte, 1912, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Für all die, die es nicht wissen (wollen/können): Deutschland wählt nächsten Sonntag, am 26. September 2021, seinen neuen Bundestag. Dies ist also die Zeit, wo einen gefühlt Hunderte Köpfe von Plakaten anschreien, wenn man das Haus verlässt, und einem erzählen, dass sie doch der beste Freund sind, politisch gesehen …

Corona und die dazugehörigen Diskussionen machen den öffentlichen Ton nicht besser.

Kommt ihr alle dennoch gut und unbeschadet in und durch die Woche! Ich gehöre übrigens zu der stattlichen Zahl der Briefwähler, ihr vielleicht ja auch …

 

Von Abenden und Nächten

Rondel

Verflossen ist das Gold der Tage,
Des Abends braun und blaue Farben:
Des Hirten sanfte Flöten starben
Des Abends blau und braune Farben
Verflossen ist das Gold der Tage.

(Georg Trakl, Rondel, aus: Gedichte (Ausgabe 1913), Online-Quelle)

Heimlich zur Nacht

Ich habe dich gewählt
Unter allen Sternen

Und bin wach – eine lauschende Blume
Im summenden Laub.

Unsere Lippen wollen Honig bereiten,
Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.

An dem seligen Glanz deines Leibes
Zündet mein Herz seine Himmel an –

Alle meine Träume hängen an deinem Golde,
Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.

(Else Lasker-Schüler, Heimlich zur Nacht, aus: Gesammelte Gedichte, 1917, Online-Quelle)

Nachts in der träumenden Stille

Nachts in der träumenden Stille
Kommen Gedanken gegangen,
Nachts in der träumenden Stille
Atmet, zittert ein Bangen,
Nachts in der träumenden Stille,
Ratlose quälende Fragen.
Weit über alles Sagen
Kommen Gedanken gegangen,
Atmet, zittert ein Bangen
Nachts in der träumenden Stille.

(Gustav Falke, Nachts in der träumenden Stille, aus: Tanz und Andacht. Gedichte, 1893, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt heiter und guten Mutes in und durch die neue Woche! 🙂

 

Vom Herbstwillkommen

Keine Wolke stille hält

Keine Wolke stille hält,
Wolken fliehn wie weiße Reiher;
keinen Weg kennt ihre Welt,
und der Wind, der ist ihr Freier.

Wind, der singt von fernen Meilen,
springt und kann die Lust nicht lassen,
einer Landstraß‘ nachzueilen,
Menschen um den Hals zu fassen.

Und das Herz singt auf zum Reigen,
schweigen kann nicht mehr die Brust;
Menschen werden wie die Geigen,
Geigen singen unbewusst.

(Max Dauthendey, Keine Wolke stille hält, aus: Der brennende Kalender, 1905, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 226)

SEPTEMBER

September, geliebter, breitest bläuliche Schleier
Über Fluren und Berge leicht,
Und zärtlich darüber streicht
Zuweilen ein Perlenton deiner silbernen Leier.

Was singst du für Lieder? Süß verschwebende Laute,
Dem Ohr kaum vernehmbarer Hauch,
Wie wenn die Rose vom Strauch,
Die sterbende, Blatt für Blatt hernieder taute.

(Ricarda Huch, September, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Online-Quelle)

Jetzt reifen schon die roten Berberitzen

Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten und sich nie besitzen.

Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann,
gewiß, daß eine Fülle von Gesichten
in ihm nur wartet, bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkel aufzurichten: –
der ist vergangen wie ein alter Mann.

Dem kommt nichts mehr, dem stößt kein Tag mehr zu,
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.

(Rainer Maria Rilke, Jetzt reifen schon die roten Berberitzen, aus: Das Stundenbuch/Das Buch von der Pilgerschaft, 1901, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Es ist noch kein Herbst, nein, aber er kommt leise näher, vermutlich habt auch ihr ihn schon gespürt. Rilkes „Berberitzen“ stehen gefühlt immer im Schatten seines „Herbsttag“, deshalb dachte ich, ich ziehe sie mal vor …

Kommt gut in und durch die neue Woche und werdet oder bleibt heiter!

 

Von Abgründen

Verwandte

Ihr seid beleidigt, weil ich nicht
Gerührt in Eure Arme stürze
Und das Verzeihungs-Arangement
Mit keiner Reuescene würze.
Ich flehte nicht, Ihr selber seid
Nun plötzlich gnädig mir gewogen;
Doch legt die Gnadenmienen ab,
Schaut, welche Kluft Ihr einst gezogen.
Setzt nur herüber kühnen Sprungs,
Seid einmal menschlich-unbesonnen. …
Brecht Ihr auch das Genick dabei,
Hat Welt und Hölle nur gewonnen.

(Ada Christen, Verwandte, aus: Aus der Asche (Neue Gedichte), 1870, Online-Quelle)

König David

Lächelnd scheidet der Despot,
Denn er weiß, nach seinem Tod
Wechselt Willkür nur die Hände,
Und die Knechtschaft hat kein Ende.

Armes Volk! wie Pferd und Farr’n
Bleibt es angeschirrt am Karr’n,
Und der Nacken wird gebrochen,
Der sich nicht bequemt den Jochen.

Sterbend spricht zu Salomo
König David: »Apropos,
Daß ich Joab dir empfehle,
Einen meiner Generäle.

Dieser tapfre General
Ist seit Jahren mir fatal,
Doch ich wagte den Verhaßten
Niemals ernstlich anzutasten.

Du, mein Sohn, bist fromm und klug,
Gottesfürchtig, stark genug,
Und es wird dir leicht gelingen,
Jenen Joab umzubringen.«

(Heinrich Heine, König David, aus: Romanzero. Gedichte, 1851, Online-Quelle
Farre = junger Stier (mhd.))

Gewohnheit

Als Kain den Abel umgebracht,
Zum Himmel dampft das Blut.
Es ward ein starker Lärm gemacht,
Und Gott geriet in Wut.

Die Engel wurden watschelnass,
So haben sie geflennt.
Und Gott hat Kain im grimmen Hass
Ein Zeichen aufgebrennt.

Dann jagte man den Frevler fort;
Fluch folgte ihm und Hohn.
Man sieht, der erste Brudermord
Erregte Sensation.

Doch man gewöhnt sich jetzt zuletzt
Auch an ein solches Ding;
Worüber man sich erst entsetzt,
Schätzt später man gering.

Man hat hernach im großen Stil
Die Menschen umgebracht.
Ein Tausend um das andre fiel.
Das wird noch heut’ gemacht.

Jedoch von oben hört man nichts,
Und keine Stimme tönt,
Die Stimme, die einst angesichts
Des ersten Mords gedröhnt.

Im Gegenteil, der Priester fleht
Und bittet Gott um Sieg,
Wenn es zum großen Morden geht.
Und heilig heißt der Krieg.

(Ludwig Thoma, Gewohnheit, aus: Peter Schlemihl, 1906, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut und heil durch die neue Woche!

Adventüden: 21 (fast 22, fragt nicht) sind bisher eingetroffen. Alle, die eine Adventüde zugesagt haben: Kommt mal so langsam in die Puschen, bitte! 😉

 

Vom Wechseln der Seite

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke, Herbst, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Online-Quelle)

Ausgang.

Immer enger, leise, leise
Ziehen sich die Lebenskreise,
Schwindet hin, was prahlt und prunkt,
Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben,
Und ist nichts in Sicht geblieben,
Als der letzte dunkle Punkt.

(Theodor Fontane, Ausgang, aus: Gedichte, 1905, Online-Quelle)

Abendglockengebet

Das Schöne bewundern,
das Wahre behüten,
das Edle verehren,
das Gute beschließen.
Es führet den Menschen
im Leben zu Zielen,
im Handeln zum Rechten,
im Fühlen zum Frieden,
im Denken zum Licht
und lehrt ihn vertrauen
auf göttliches Walten
in allem, was ist,
im Weltenall, im Seelengrund.

Für den 7-jährigen Pierre Grosheintz
1913

(Rudolf Steiner, Abendglockengebet, aus: Wahrspruchworte, GA 40 (2005), Online-Verweise auf Steiner, Online-Quelle)


Unbedingt bitte lesen, wer es nicht kennt:

Mascha Kaléko: Memento

Aus Gründen. Mehr als guten.

Und (weil es eines meiner liebsten ist):

Mascha Kaléko: Die frühen Jahre

(Links zur Rechteinhaberin, da man Kaléko natürlich nicht zitieren darf)

 


Und vielleicht liebt ja noch jemand mehrstimmigen Gesang als Kanon … Vorsicht! Ohrwurmcharakter! Singen heilt …

Schweige und höre, Elbcanto, Helge Burggrabe – sehr zu empfehlen!

 


Quelle: Pixabay

 

Ja, das ist genau das, was ihr (vielleicht) vermutet. Eine Freundin ist unverhofft gestorben, ich sortiere mich, dies ist ein Teil davon.

Kommt gut und sanft (und heil) in und durch die neue Woche.

Das wöchentliche Update: 17 Adventüden bisher, könnten bitte alle, die noch wollen und noch nicht haben, mal verstärkt in Wallung kommen? 😉

 

Balladentag: Von Angst und Begehrlichkeit

Was heutzutage gerne bei der Betrachtung von Gedichten, speziell älteren, zu kurz kommt, ist die Erkenntnis, dass es früher ja kein Fernsehen, Radio oder Internet gab. Das heißt: Geschichten/Gedichte wurden erzählt bzw. vorgelesen, sie hatten Neuigkeits- und Nachrichtenwert. Es war nicht selbstverständlich, lesen zu können oder Bücher zu besitzen. Daher mussten Geschichten und Gedichte alle Unterhaltung abdecken, sowohl das Erbauliche wie das Aufregende. Und, wie es jeder auch von Hörbüchern kennt, das Ganze steht und fällt mit dem Sprecher …

Vor diesem Hintergrund sind Balladen Romanhandlungen oder zumindest Kurzgeschichten, die ein*e Autor*in in Gedichtform gebracht hat. Das macht das Gedicht in der Regel länger, okay, und zumindest wenn es eine klassische Ballade ist, macht es das Gedicht auch gereimt (auf jeden Fall gibt es so etwas wie ein Versmaß). Und weil eine gute Geschichte die Protagonisten in Schwierigkeiten bringt (mein Dank für diesen Satz verfolgt Jutta Reichelt auf ewig), enthält eine Ballade dramatische Elemente (denn die Schwierigkeiten müssen ja irgendwie bewältigt werden, und oft sind das drastische Lösungen – oder humorvolle).

 

Blog goes Ballade | 365tageasatzaday
Quelle: Bild Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Beim Stolpern durch YouTube bin ich bei dem großartigen Oskar Werner (Wikipedia) hängen geblieben. Ihr werdet ihn kennen (oder nicht), ihr werdet die folgenden Balladen kennen (oder nicht), aber bevor ihr gelangweilt flieht, weil ihr das eine oder andere in der Schule durchlitten habt: Hört rein. Dies ist kein ätherisches Gesäusel, wo jemand weihevoll ein paar Zeilen dahersagt und vor Rührung über die eigene Größe zusammenbricht.
Versucht es, vielleicht packt es euch ja und ihr glaubt ihm, was er sagt. Nehmt die Texte zum Mitlesen, wenn ihr euch Oskar Werner nicht ansehen wollt.

 

Erlkönig.

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.« –

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. –

»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.« –

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –

»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.« –
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

(Johann Wolfgang von Goethe, Erlkönig, aus: Werke, Band 1, 1815, Wikipedia, Online-Quelle, Online-Quelle)

Legende.

Als noch, verkannt und sehr gering,
Unser Herr auf der Erde ging,
Und viele Jünger sich zu ihm fanden,
Die sehr selten sein Wort verstanden,
Liebt er sich gar über die Masen
Seinen Hof zu halten auf der Straßen,
Weil unter des Himmels Angesicht
Man immer besser und freyer spricht;
Er ließ sie da die höchsten Lehren
Aus seinem heilgen Munde hören;
Besonders durch Gleichniß und Exempel
Macht er einen jeden Markt zum Tempel.

So schlendert’ er, in Geistes Ruh,
Mit ihnen einst einem Städtchen zu,
Sah etwas blinken auf der Straß,
Das ein zerbrochen Hufeisen was.
Er sagte zu St. Peter drauf:
Heb doch einmal das Eisen auf!
Sanct Peter war nicht aufgeräumt,
Er hatte so eben im Gehen geträumt,
So was vom Regiment der Welt,
Was einem jeden wohlgefällt,
Denn im Kopf hat das keine Schranken,
Das waren seine liebsten Gedanken.
Nun war der Fund ihm viel zu klein,
Hätte müssen Kron und Zepter seyn,
Aber wie sollt er seinen Rücken
Nach einem halben Hufeisen bücken?
Er also sich zur Seite kehrt
Und thut als hätt’ ers nicht gehört.

Der Herr, nach seiner Langmuth, drauf
Hebt selber das Hufeisen auf
Und thut auch weiter nicht dergleichen.
Als sie nun bald die Stadt erreichen,
Geht er vor eines Schmiedes Thür,
Nimmt von dem Mann drey Pfennig dafür.
Und als sie über den Markt nun gehen
Sieht er daselbst schöne Kirschen stehen,
Kauft ihrer, so wenig oder so viel,
Als man für einen Dreyer geben will,
Die er sodann nach seiner Art,
Ruhig im Ermel aufbewahrt.

Nun gings zum andern Thor hinaus,
Durch Wies’ und Felder ohne Haus,
Auch war der Weg von Bäumen blos,
Die Sonne schien, die Hitz war groß,
So daß man viel an solcher Stätt’,
Für einen Trunk Wasser gegeben hätt’.
Der Herr geht immer voraus vor allen,
Läßt unversehens eine Kirsche fallen.
Sanct Peter war gleich dahinter her,
Als wenn es ein goldner Apfel wär,
Das Beerlein schmeckte seinem Gaum.
Der Herr, nach einem kleinen Raum,
Ein ander Kirschlein zur Erde schickt,
Wornach Sanct Peter schnell sich bückt,
So läßt der Herr ihn seinen Rücken
Gar vielmal nach den Kirschen bücken.
Das dauert eine ganze Zeit.
Dann sprach der Herr mit Heiterkeit:
Thätst du zur rechten Zeit dich regen,
So hättst du’s bequemer haben mögen.
Wer geringe Ding wenig acht’t
Sich um geringere Mühe macht.

(Johann Wolfgang von Goethe, Legende, aus: Friedrich Schiller: Musen-Almanach für das Jahr 1798, 1797, Online-Quelle, Online-Quelle)

 

 

Und? Nachschlag? 😉

Kommt alle gut in und durch die neue Woche, sommerlich oder weniger.

Eingetroffene Adventüden: Immer noch 15. Herzlichen Dank! Ihr anderen: Noch drei Wochen Zeit 🙂

 

Von Löwen und Menschen

Schöpfungslieder

II.

Und der Gott sprach zu dem Teufel:
Ich der Herr kopier’ mich selber,
Nach der Sonne mach’ ich Sterne,
Nach den Ochsen mach’ ich Kälber,
Nach den Löwen mit den Tatzen
Mach’ ich kleine liebe Katzen,
Nach den Menschen mach’ ich Affen;
Aber du kannst gar nichts schaffen.

III.

Ich hab’ mir zu Ruhm und Preiß erschaffen
Die Menschen, Löwen, Ochsen, Sonne;
Doch Sterne, Kälber, Katzen, Affen,
Erschuf ich zu meiner eigenen Wonne.

(Heinrich Heine, Schöpfungslieder, in: Verschiedene, aus: Neue Gedichte, 1844, Online-Quelle)

Welch ein eignes Reich ist doch

Welch ein eignes Reich ist doch
Das der Liebe! seine Wunder
Werden nimmer ausgesagt.
Nicht befremdlich ist es uns,
Wenn gefürchtet starke Löwen
Schüchterne Gazellen jagen;
Die Gazelle deines Auges
Macht jedoch auf Löwen Jagd.

(Georg Friedrich Daumer, Welch ein eignes Reich ist doch, aus: Hafis. Eine Sammlung persischer Gedichte, 1846, Online-Quelle)

Der Handschuh.

Erzählung.

Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz.

Und wie er winkt mit dem Finger,
Aufthut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt,
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.

Und der König winkt wieder,
Da öfnet sich behend
Ein zweites Thor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor,
Wie der den Löwen erschaut
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif,
Und recket die Zunge,
Und im Kreise scheu
Umgeht er den Leu
Grimmig schnurrend,
Drauf streckt er sich murrend
Zur Seite nieder.

Und der König winkt wieder,
Da speit das doppelt geöfnete Haus
Zwey Leoparden auf einmal aus,
Die stürzen mit muthiger Kampfbegier
Auf das Tigerthier,
Das pakt sie mit seinen grimmigen Tatzen,
Und der Leu mit Gebrüll
Richtet sich auf, da wirds still,
Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagern sich die greulichen Katzen.

Da fällt von des Altans Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leu’n
Mitten hinein.

Und zu Ritter Delorges spottender Weis’
Wendet sich Fräulein Kunigund:
»Herr Ritter ist eure Lieb so heiß
Wie ihr mirs schwört zu jeder Stund,
Ey so hebt mir den Handschuh auf.«

Und der Ritter in schnellem Lauf
Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen
Sehens die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück,
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick –
Er verheißt ihm sein nahes Glück –
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und der Ritter sich tief verbeugend, spricht:
Den Dank, Dame, begehr ich nicht,
Und verläßt sie zur selben Stunde.

(Friedrich Schiller, Der Handschuh, in: Musen-Almanach für das Jahr 1798, 1797, Wikipedia, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Und? Was haltet ihr ab und an von einer Ballade, vor allem von so einem Klassiker? Mir sind sie meist zu lang, um sie zu posten, aber viele mag ich sehr …

Wie immer: Kommt gut und sanft in und durch die neue Woche!

Eingetroffene Adventüden (inklusive meiner eigenen): 15. Großartig, herzlichen Dank! Ihr anderen: Noch vier Wochen Zeit 🙂