Von Gesang und Leben

Das Leben ein Gesang

Daß mein Leben ein Gesang,
Sag’ ich’s nur! geworden;
Jeder Sturm und jeder Drang
Dient ihm zu Akkorden.

Was mir nicht gesungen ist,
Ist mir nicht gelebet;
Was noch nicht bezwungen ist,
Sei noch angestrebet!

Von der Welt, die mich umringt,
Wüßt’ ich unbezwingbar
Wen’ges nur; die Seele klingt,
Und die Welt ist singbar.

(Friedrich Rückert, Das Leben ein Gesang, in: Zweites Bruchstück. Selbstschau, aus: Pantheon, 1843. Online-Quelle)

Ein kleines Lied

Ein kleines Lied! Wie geht’s nur an,
Daß man so lieb es haben kann,
Was liegt darin? erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
Ein wenig Wohllaut und Gesang
Und eine ganze Seele.

(Marie von Ebner-Eschenbach, Ein kleines Lied, aus: Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach Band 1, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte, S. 185, 1893. Online-Quelle)

Das Meer singt

Singe das Leben
Trunken und weit.
Rausche euch allen
Unendlichkeit.

Singe die Liebe
Grausam und groß.
Breit über alles
Mein Namenlos.

Gott tönt aus mir.
Dunkel und Glut.
Alles ist tödlich
Und alles ist gut.

(Franziska Stoecklin, Das Meer singt, aus: Die singende Muschel, 1925. Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Neue Woche, neue Sorgen, neues Glück. Kommt gut und fröhlich in und durch die neue Woche!

Und ja, das letzte Gedicht gehört zu meinen Lieblingsgedichten, falls es jemandem auffällt, dass das nicht zum ersten Mal hier vorkommt.


Von Vögeln und Hoffnung

Die Amseln haben Sonne getrunken

Die Amseln haben Sonne getrunken,
aus allen Gärten strahlen die Lieder,
in allen Herzen nisten die Amseln,
und alle Herzen werden zu Gärten
und blühen wieder.

Nun wachsen der Erde die großen Flügel
und allen Träumen neues Gefieder;
alle Menschen werden wie Vögel
und bauen Nester im Blauen.

Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge
und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
in allen Seelen badet die Sonne,
alle Wasser stehen in Flammen,
Frühling bringt Wasser und Feuer
liebend zusammen.

(Max Dauthendey, Die Amseln haben Sonne getrunken, aus: Reliquien, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 122)

Nach einer Zeit

Der du unsrer so gedachtest,
Als uns alles sonst vergaß,
Soviel Glück, wie du uns brachtest,
Keine Wiese hat’s an Gras.

Wenn zwei Augen im Erblinden,
Wenn zwei Herzen ganz verzagt
Plötzlich Licht und Hoffnung finden,
Dann hat Gott etwas gesagt.

Lächelt jetzt ein Regenwürmchen,
Weil die Amsel vor mir flieht?

Hohe Türme sind nur Türmchen,
Wenn ein Adlerauge sieht.

(Joachim Ringelnatz, Nach einer Zeit, aus: 103 Gedichte, 1933, Online-Quelle)

Ich sah einen Adler …

Ich sah einen Adler sich wiegen
Hoch oben im leuchtenden Blau,
Er schaute aus ewigen Fernen
Herab auf mich einsame Frau.

Es standen so träumend die Felder,
So lockend die Berge umher,
Da flog meine Sehnsucht zum Adler,
Zog weitere Kreise als er.

(Anna Ritter, Ich sah einen Adler, aus: Gedichte, 1898, Online-Quelle)

Wo aber fliegen die Abendvögel hin?

Die Tauben schlummern im Hause:
Wo aber fliegen die Abendvögel hin?
Der Wasserfall dämpft sein Gebrause:
Wo aber rinnen die Bäche hin?
Friedlich wurzelt der Rauch auf den Dächern:
Wo aber strömt das Nachtgewölk hin?
Lichter stehen in tausend Gemächern:
Wo aber sinken die Sterne hin?
Immer indem wir liegen und schlafen
Lösen sich Schiffe dunkel vom Hafen.

(Albin Zollinger, Wo aber fliegen die Abendvögel hin?, aus: Gedichte, 1933. Beleg, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Der übliche Wunsch: Lasst uns alle sicher und friedlich in und durch die neue Woche kommen.

Ja, es ist dringend Zeit für meinen alljährlichen Lieblings-Dauthendey, falls sich jemand schon gefragt haben sollte. Ja, unbedingt. 😉


Von Unbehaustheiten

Die Zimmer meines Lebens

Jedesmal,
Wenn ich in ein neues Zimmer ziehe,
Spür ich eine Schwäche meiner Kniee.
Kalt und kahl
Starrt der Raum. Ich steh in seiner Mitten
Mit dem Koffer, gar nicht wohlgelitten.

Jedesmal,
Wenn ich solch ein Zimmer muß verlassen,
Kann ich mich vor Abschiedsfurcht nicht fassen.
Geister ohne Zahl
Meiner Stunden, Traum und waches Treiben,
Winken matt. Ich gehe. Doch sie bleiben.

(Franz Werfel, Die Zimmer meines Lebens, aus: Gedichte (1938), in: Gedichte aus dreißig Jahren, 1939, Online-Quelle)

III.

Durch die dicht verhängten Fenster
Dringt das dumpfe Wagenrollen,
Und verscheucht die Nachtgespenster,
Die im Traum mir nahen wollen.

Aber rauschend durch mein Zimmer
Wogt ein Meer von wirren Tönen,
Und aus all’ dem Schmerzgewimmer
Hör’ ich meine Seele stöhnen!

Hör’ ich meine Seele weinen –
Nicht um dieses Leibes Sterben –
Doch es bangt ihr vor dem kleinen,
Müden, einsamen Verderben.

(Ada Christen, Durch die dicht verhängten Fenster, aus: Aus der Asche (Letzte Lieder), 1870, Online-Quelle)

Einsamkeit

Einsamkeit, ernsthafte Frau,
Tratest einst still in mein Zimmer,
Ach, und ich wollte dich nimmer,
Grüßte dich finster und rauh.

Nicktest nur milde dazu,
Ließest dich doch nicht verjagen,
Mußte dich eben ertragen,
Sangest mich heimlich zur Ruh.

Sieh, und nun weiß ich genau:
Wolltest du heut von mir scheiden,
Würde ich tief drunter leiden,
Einsamkeit, ernsthafte Frau.

(Anna Ritter, Einsamkeit, aus: Gedichte (Vermischte Gedichte), 1898, Nachweis, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Mein Wunsch ändert sich nicht, Woche um Woche: Kommt gut und heil und sicher in und durch die neue Woche!

Frage am Rande: Bekommt ihr zurzeit auch ungewöhlich viel Spam, meist für irgendwelche Pillen?


Von Ostern

Am H. Oster-Tage

Auff den 12. Psalm

Bewahr mich Herr, thu mir zu Rettung kommen.

Fegt ab von euch den Sauerteig der Erden,
Den Sauerteig der alten bösen Zeit,
Auff daß ihr so ein neuer Teig mögt werden,
Als wie ihr dann auch ungesäuert seyd.

Das Osterlamb, das Opffer, so wir haben,
Ist Christus selbst, geschlachtet für die Welt,
Drumb lasset uns die Seele mit ihm laben,
Laßt uns auch sein den Teig, der ihm gefelt.

Damit ihr mögt die neuen Ostern halten,
So seyd auch neu und werdet nach der Zeit
Ein neuer Teig, nemt für den sauern alten,
Den süssen Teig der Lieb und Lauterkeit.

(Martin Opitz, Am H. Oster-Tage, aus: Die Episteln der Sontage und fürnembsten Fest deß gantzen Jahrs, 1628, Online-Quelle)

Ewige Ostern

Als sie warfen Gott in Banden,
Als sie ihn ans Kreuz geschlagen,
Ist der Herr nach dreien Tagen
Auferstanden.

Felder dorren. Nebel feuchten.
Wie auch hart der Winter wüte:
Einst wird wieder Blüt’ bei Blüte
Leuchten.

Ganz Europa brach in Trümmer,
Und an Deutschland frißt der Geier, –
Doch der Frigga heiliger Schleier
Weht noch immer.

Leben, Liebe, Lenz und Lieder:
Mit der Erde mag’s vergehen.
Auf dem nächsten Sterne sehen
Wir uns wieder.

(Klabund, Ewige Ostern, aus: Die Harfenjule, Berlin 1927, Online-Quelle)

[Andre haben andre Schwingen]

Andre haben andre Schwingen,
Aber wir, mein fröhlich Herz,
Wollen grad hinauf uns singen,
Aus dem Frühling himmelwärts!

(Joseph von Eichendorff, Andre haben andre Schwingen, in: VI. Geistliche Gedichte, aus: Gedichte, 1841, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Ich bin nicht fröhlich, daher tue ich mich gerade schwer mit unbeschwerten Gedichten. Andererseits: Lachen hilft. Das Herz aufwärmen hilft. Die Füße in die Erde graben und den Kopf in den Nacken legen hilft. Wenigstens kurz.
Die Balance ist schwierig.

Euch allen schöne Rest-Ostern, und kommt gut und in durch die neue Woche!


Von Phantasie

Ideal und Wirklichkeit

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange das,
was du willst – und nachher kriegst dus nie …
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
C’est la vie –!

Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt …
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih –!

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
und kauft die dunkle – andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah … beinah …
Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik … und nun ists die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih –!
(Theobald Tiger (Kurt Tucholsky), Ideal und Wirklichkeit, in: Die Schaubühne, 05.11.1929, Nr. 45, S. 710, Online-Quelle)

Nach dem Gewitter

Der Blitz hat mich getroffen.
Mein stählerner, linker Manschettenknopf
Ist weggeschmolzen, und in meinem Kopf
Summt es, als wäre ich besoffen.

Der Doktor Berninger äußerte sich
Darüber sehr ungezogen:
Das mit dem Summen wär’ typisch für mich,
Das mit dem Blitz wär’ erlogen.

(Joachim Ringelnatz, Nach dem Gewitter, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

Zauberschwestern

Zwiefach sind die Phantasien,
Sind ein Zauberschwesternpaar,
Sie erscheinen, singen, fliehen
Wesenlos und wunderbar.

Eine ist die himmelblaue,
Die uns froh entgegenlacht;
Doch die andre ist die graue,
Welche angst und bange macht.

Jene singt von lauter Rosen,
Singt von Liebe und Genuß;
Diese stürzt den Hoffnungslosen
Von der Brücke in den Fluß.

(Wilhelm Busch, Zauberschwestern, aus: Zu guter Letzt, 1904, Online-Quelle)

Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt

Jaguar
Zebra
Nerz
Mandrill
Maikäfer
Ponny
Muli
Auerochs
Wespenbär
Locktauber
Robbenbär
Zehenbär.

(Christian Morgenstern, Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt, aus: Galgenlieder (erw. Ausgabe 1932), Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Es ist mir völlig egal, dass man „Phantasie“ inzwischen mit F schreibt. Zu der Zeit, als diese Gedichte entstanden, war dem jedenfalls noch nicht so.

Kommt jedenfalls bitte gut und heil und gesund in und durch die Woche!


Vom Menschen

Der Mensch.

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar,
Kömmt er und sieht und höret,
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret,
Und bringt sein Thränlein dar;
Verachtet und verehret,
Hat Freude und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält Nichts und Alles wahr;
Erbauet und zerstöret,
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst und zehret,
Trägt braun und graues Haar etc.
Und alles dieses währet,
Wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.

(Matthias Claudius, Der Mensch, aus: ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Vierter Theil, 1782, Online-Quelle)

Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme

Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme,
Ein kleines Hirn und ein großer Mund,
Und eine Seele – daß Gott erbarme! –.

Was muß der Mensch? Muß schlafen und denken,
Muß essen und feilschen und Karren lenken,
Muß wuchern mit seinem halben Pfund.
Muß beten und lieben und fluchen und hassen,
Muß hoffen und muß sein Glück verpassen
Und leiden wie ein geschundner Hund.

(Erich Mühsam, Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme, aus: Wolken, 1909–1913, Online-Quelle)

Gebet an die Menschen

Ich geh in den Tagen
Wie ein Dieb.
Und niemand hört
Mein Herz zu sich klagen.

Habt, bitte, Erbarmen.
Habt mich lieb.
Ich hasse euch.
Ich will euch umarmen.

(Alfred Lichtenstein, Gebet an die Menschen, Erstdruck in: Die Aktion (Berlin), 1913, Online-Quelle)

Ecce homo

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich.

(Friedrich Nietzsche, Ecce homo, aus: Die fröhliche Wissenschaft, Erstdruck 1882, Online-Quelle)

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
und endlich arm ein armes Sterben stirbt
im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –
nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
in der die Welten weite Wege reisen,
mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
und will hinauf und will mit ihnen kreisen …
Und das ist Seele.

(Rainer Maria Rilke, Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt, aus: Erste Gedichte/Advent, 1898, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Auch wenn ich meine Worte seltsam dürr finde, sind sie so gemeint: Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Vom Herz des Krieges

Loretto

Einen Tag lang in Stille untergehen!
Einen Tag lang den Kopf in Blumen kühlen
und die Hände fallen lassen
und träumen: diesen schwarzsamtnen, singenden Traum:
Einen Tag lang nicht töten.

(Edlef Köppen, Loretto, in: Die Aktion, 1915, Online-Quelle)

(Infos zu Edlef Köppen: hier und hier; „Loretto“ ist ein Kriegsschauplatz an der Westfront im Ersten Weltkrieg: hier (Wikipedia))

An die Nachgeborenen

Ich darf den Herrn Bertolt Brecht noch nicht zitieren (wegen Urheberrecht), also verweise ich auf die, die es dürfen. Auf diesem Portal – Lyrikline.org – finden sich auch ukrainische (und russische) Dichter*innen; es ist mehr als beachtenswert (1504 Dichter*innen, 88 Sprachen).

Zu Brecht, dessen Gedicht „An die Nachgeborenen“ ich über die Jahre wieder und wieder gelesen habe (es begleitet mich wirklich seit meiner Jugend), bitte hier entlang: Hier klicken.


Zum guten Schluss ein bisschen Musik gefällig? Die meisten von euch werden das Lied kennen, es ist von 1981, aber nicht diese Version. Es ist immer noch erschreckend wahr.

Udo Lindenberg feat. Joan Baez: Wozu sind Kriege da?



 

Quelle: Pixabay

 

Das Herz des Krieges sind immer die Menschen, über die die Kriege Leid bringen und die darin zerrieben werden. Warum erinnern sich Politiker ud Mächtige (egal wo) anscheinend nicht, dass sie auch (nur) Menschen sind?
Last but not least: Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Von Liebe und Liedern

[Das Glück ist dieses]

Das Glück ist dieses: Beieinander ruhen,
schweigsam als wie gebettet in den Abend,
und Horchen ist es auf den Ton,
den meine Seele nächtlich deiner singt.

(Walter Calé, Das Glück ist dieses, aus: Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, 1910, Online-Quelle)

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer –
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr –
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.

(Max Herrmann-Neiße, Dein Haar hat Lieder, die ich liebe, aus: Verbannung, 1919, Online-Quelle)

Bin heut im erstarrten Garten gewesen

Bin heut im erstarrten Garten gewesen,
Wo ich in deinem Auge einst Lieder gelesen;
Wo die Biene den Tropfen Seligkeit sog
Und wie ein Stückchen Himmel der Schmetterling flog.

Wo der Mond aufstieg wie der Liebe Lob,
Wie ein Herz, das sich von der Erde hob,
Und wo jetzt die Wurzeln der Blumen verwesen,
Hab’ ich in toten Blättern noch Lieder gelesen.

(Max Dauthendey, Bin heut im erstarrten Garten gewesen, aus: Der brennende Kalender (November), 1905, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 220)

 

Quelle: Pexels

 

Wenn der Valentinstag, den ich ansonsten souverän ignoriere, schon mal auf einen Montag fällt, dann kann ich dem ja auch ausnahmsweise Rechnung tragen, oder? 😉 Denn schöne Liebesgedichte gibt es erfreulicherweise wirklich viele.

Ob ihr nun verpartnert seid oder nicht oder in Erinnerungen (und/oder Hoffnungen) lebt – oder von alldem gar nichts: Kommt gut und heil in und durch die neue Woche, und vielleicht lassen euch die Gedichte ja lächeln …

 

Von Übergängen

Alles ist nur Übergang

Alles ist nur Übergang.
Merke wohl die ernsten Worte:
Von der Stunde, von dem Orte
Treibt dich eingepflanzter Drang.
Tod ist Leben, Sterben Pforte.
Alles ist nur Übergang.

(Wiener Brückeninschrift (angeblich), Verfasser unbekannt, Online-Quelle (siehe unter Depeschen))

Februarmorgen

Bleiche Morgenhelle,
Drin der Vogel singt,
Deren Frühlingswelle
Land der Nacht verschlingt –

Früh’ um Frühe eher
Weckt dein Lerchenschlag,
Und der Spätaufsteher
Tritt in lichten Tag.

(Christian Morgenstern, Februarmorgen, aus: Vorfrühling, in: Einkehr, 1910, Online-Quelle)

Amsel singt im Himmelssaal

Amsel singt im Himmelssaal.
Eine kahle Pappelspitze
Wählte sie sich aus zum Sitze
Für ihr Lied hoch überm Tal.
Wolken stiegen in den Raum,
Wie die Pferde ohne Zaum,
Jagen an dem Berg entlang,
Leidenschaftlich von Gebärde
Wie der frische Amselsang.

(Max Dauthendey, Amsel singt im Himmelssaal, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 234/235)

 

Quelle: Pixabay

 

Jeden Montag aufs Neue: Kommt gut in und durch die neue Woche, möge sie euch alles geben, was ihr braucht!

Die Brückeninschrift, die angeblich aus Wien stammt, ziert auch eine Tafel unter dem Januskopf am Bremer Weserwehr (Bremen-Hastedt), allerdings ohne den Verweis auf Wien. Hier gibt es Fotos dazu.

 

Von grauen Tagen

Grauer Himmel trübe Tage …

Grauer Himmel – trübe Tage! –
Keine Lust und keine Plage! –
Weder Sturm noch Sonnenglanz! –
Grauer Stunden dunkler Kranz!

Wie ein Schiff auf stillem Meer
Todt und traurig treibt umher,
Wie ein Mühlrad ohne Bach
Still verharr’ ich Tag auf Tag.

Manchmal muß es doch gewittern!
Manchmal muß das Herz erzittern!
Muß in Leid und Freud erbeben! –
Wie so öd’ ist sonst das Leben!

(Heinrich Seidel, Grauer Himmel trübe Tage, aus: Blätter im Wind, 1882, Online-Quelle)

Grau

I.

Ist denn mein ganzes Sein verwirrt,
Daß alles ich jetzt anders schau’;
Erscheint mir doch die ganze Welt
Ein schmutzig Bild nur, Grau in Grau.

Ich lebte gern und lachte gern
Wie sonst ein Menschenkind –
Doch alles glotzt so fratzenhaft –
Dies Grau, es macht mich blind.

II.

Ein trüber, grauer Regentag,
Kalt und unheimlich öd;
Der Himmel starrt so grau herein,
Die grauen Menschen so blöd.

Da schnell ein rothes Licht herein –
Den rothen Vorhang herab –
Das lügt dann wieder die Rosen mir
Die ich längst verloren hab’ …

(Ada Christen, Grau, aus: Lieder einer Verlorenen, 1873, 3. Auflage, Online-Quelle)

Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich

Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich
Über mein inneres Grau.
Das ist kein Scharwenz um ein Liebedich. –
Gnädige Frau, seien Sie gnädige Frau.

Mein Herz ward arm, meine Nacht ist schwer,
Und ich kann den Weg nicht mehr finden. –
Was ich erbitte, bemüht Sie nicht mehr
Als wenn Sie ein Sträußchen binden.

Es kann ein Streicheln von euch, ein Hauch
Tausend drohende Klingen verbiegen.

Gnädige Frau,
Euer Himmel ist blau!

Ich friere. Es ist so lange kein Rauch
Aus meinem Schornstein gestiegen.

(Joachim Ringelnatz, Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich, aus: aus: Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute, 1934, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ihr ahnt es schon: Kommt gut (und heil) in und durch die neue Woche, sei sie bei euch grau oder nicht!

Gestern (ein ebenfalls sehr grauer Tag) startete der zweite Etüdendurchgang für dieses Jahr. Und was soll ich sagen: Bis abends 22:00 Uhr hatten sich sage und schreibe bereits 19 Etüden angesammelt. Am ERSTEN Tag. Klar, die Wörter sind prima, aber normal ist das nicht. Und jetzt kommt ihr … 😉

 

Von Weisheit und Leben

Lebensweisheit

Wer Weisheit nur aus Büchern lernt
Und selbst nicht weise denkt und lebt,
Wird immer mehr von ihr entfernt,
Je mehr er ihr zu nahen strebt.

Das Leben soll die Erde sein,
darin die Weisheit Wurzeln schlägt,
Und pflanzt ihr hier den Kern nicht ein,
Wächst auch kein Baum, der Früchte trägt.

(Friedrich von Bodenstedt, Lebensweisheit, aus: Alte und neue Gedichte. Erster Band, in: Friedrich Bodenstedt’s Gesammelte Schriften, 1867, Online-Quelle)

Eine Liebe

Blühst du meinen späten Tagen,
Süße Liebe, noch einmal?
Bäumen, die schon Früchte tragen,
Lacht ein zweiter Frühlingsstrahl?

Zwischen Blüten, zwischen Früchten,
Hab ich nun die schwere Wahl;
Möchte pflücken, möchte flüchten –
Neue Liebe, neue Qual.

(Gustav Falke, Eine Liebe, aus: Mit dem Leben, 1899, Online-Quelle)

[Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß]

Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß,
wilder, wie Ströme, die schäumen,
wilder, wie Sturm in den Bäumen.
Und leise läßt sie die Stunden los
und schenkt ihre Seele den Träumen.

Dann erwacht sie. Da steht ein Stern
still überm leisen Gelände,
und ihr Haus hat ganz weiße Wände –
Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern –
und faltet die alternden Hände.

(Rainer Maria Rilke, Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß, aus: Erste Gedichte/Mütter, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Willkommen bei den Montagsgedichten zu Adventüden-Zeiten! Ich versuche wieder, einen Aspekt der jeweiligen Etüde aufzugreifen und hoffe, ihr könnt mir folgen und mögt meine Auswahl …

Kommt gesund und einigermaßen heil in und durch die neue Woche!

 

Von Abschied, Liebe und Hoffnung

Abschied

Sag mir, daß du dich im Föhnwind sehnst
Und daß du trauern würdest,
Wenn ich ginge.
Sag mir, daß diese Tage schön sind
Und daß du weinen wirst,
Wenn ich nicht singe.

Sag mir, daß du dem Leben gut bist.
Sag meiner Stimme, daß sie nie verwehe …
Sag, daß du heiter und voll frohen Muts bist,
Auch wenn ich lange Zeit dich nicht mehr sehe …

Sag mir, daß ich ein töricht Kind bin,
Und streichle mich, wie eine junge Meise.
Sag mir, daß ich zu dir zurückfind,
Auch wenn die Nächte dunkel sind,
Durch die ich reise …

(Hugo Ball, Abschied, in: Band 1: Gedichte, aus: Hugo Ball Sämtliche Werke und Briefe, Online-Quelle)

Versöhnung

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …
Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht –
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

(Else Lasker-Schüler, Versöhnung, aus: Gesammelte Gedichte, 1917, Online-Quelle)

Liebeslied in böser Zeit

Warum trauern?
Noch ist nichts verloren.
Die weißen Mauern
der Berge bestehn.
Vor den Toren
der Stadt blühen die Wiesen.
Geschlechter kommen, Geschlechter gehn.
Immer gab es Hölle und Wüstenei
neben den Paradiesen,
immer über dem Abenteuer
die Heimatglocken.
Immer wieder wird Mai,
leuchten die Johannisfeuer,
wehn vor den Fenstern Schneeflocken,
schmecken dir Apfel und Nüsse,
macht ein Lied uns Mut.
Und wenn ich dich küsse,
endet das Märchen gut.

(Max Herrmann-Neiße, Liebeslied in böser Zeit, aus: Liebesgemeinschaft in der Fremde: Gedichte und Aufzeichnungen / Max Herrmann-Neisse ; Leni Herrmann. Hrsg. von Christoph Hacker (Nachweis), Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Eigentlich hätten jetzt hier mehr oder weniger launige Nikolaus-Gedichte stehen sollen, um, wie immer, auch dieses Mal die Adventüde zu unterstützen, die noch dazu heute von mir stammt 😉

Leider hat es mir in der abgelaufenen Woche (wie man so sagt) die Petersilie verhagelt, daraufhin habe ich beschlossen, mich wenigstens inhaltlich ein bisschen an das eigentliche Thema der Adventüde (Gemeinsamkeit, Geborgenheit, Zusammenhalt) anzunähern, und Friede, Freude, Eierkuchen (und/oder den grandios bösen Loriot, wann, wenn nicht jetzt?) außen vor gelassen. Ich hoffe, ihr mögt beides, Adventüde und Gedichte.

Kommt gut und wie immer heil und gesund in und durch die neue Woche – und ich hoffe, ihr hattet etwas Schönes in euren Stiefeln! Liebesgaben von Fellträgern zählen nur auf Wunsch! 😉