Von Sehnsucht und Blau

Seelen

Du weisst, wir bleiben einsam: du und ich,
Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht,
Mit freien Kronen, die der Seewind streift;
So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.
Und zwischen beiden webt ein feines Licht
Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,
Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin.

(Paul Wertheimer, Seelen, aus: Neue Gedichte, 1904, Online-Quelle)

Melancholie

Von weit her Hundebellen
Klingt durch die nächtliche Ruh.
Es spülen die schwarzen Wellen
Mein Boot dem Ufer zu.

Die blauen Berge der Ferne
Winken am Himmelssaum.
Auf in den Lichtbann der Sterne
Trägt mich ein Traum.

Stumm ziehen wilde Schwäne
Über das Wasser hin.
Mir kommt eine müde Träne.
Ich weiß nicht, warum ich so bin.

(Joachim Ringelnatz, Melancholie, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

Sehnsucht

Wie glänzend die Höhen sich dehnen
Weit in die blaue Ferne.
Zu ihnen fliegt mein Sehnen
Hin zu dem Morgensterne.

Wohl hinter ihnen sich breitet
Der lachende Weg zum Glück
Das endlos da hinten sich weitet.
Ich finde ihn nicht zurück.

(Georg Heym, Sehnsucht, aus dem Frühwerk, Online-Quelle)

 

Unbedingt anschauen, weil herzzerreißend schön … (danke fürs Finden, liebe Karin!)

„The Silent Blue Book“ von Maia Walczak (YT, 2:50 min)

 

 

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Von Enttäuschung, Mißmut und Wundern

Schon mit ihren schlimmsten Schatten

Schon mit ihren schlimmsten Schatten
Schleicht die böse Nacht heran;
Unsre Seelen sie ermatten,
Gähnend schauen wir uns an.

Du wirst alt und ich noch älter,
Unser Frühling ist verblüht.
Du wirst kalt und ich noch kälter,
Wie der Winter näher zieht.

Ach, das Ende ist so trübe!
Nach der holden Liebesnoth,
Kommen Nöthen ohne Liebe,
Nach dem Leben kommt der Tod.

(Heinrich Heine, Schon mit ihren schlimmsten Schatten, aus: Emma, VI., in: Neue Gedichte, 1844, Online-Quelle)

Mißmut

Ein Rauch verweht.
Ein Wasser verrinnt.
Eine Zeit vergeht.
Eine neue beginnt.
Warum? Wozu?
Denk’ ich dein Fleisch hinweg, so bist
Du ein dünntrauriges Knochengerüst,
Allerschönstes Mädchen du.

Wer hat das Fragen aufgebracht?
Unsere Not.
Wer niemals fragte, wäre tot.
Doch kommt’s drauf an, wie jemand lacht.

Bist du aus schlimmem Traum erwacht,
Ist eine Postanweisung da,
Ein Telegramm, ein guter Brief, –
Du atmest tief
Wie eine Ziehharmonika.

(Joachim Ringelnatz, Mißmut, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

Wohin ich schaue

Wohin ich schaue, Wunder über Wunder,
Wohin ich lausche, alles wunderbar.
Ihr sprecht von Sinn, Gesetz und von gesunder
Vernunft: Ihr schaukelt zwischen falsch und wahr!

Mich hat als Kind das Wunder tief getroffen!
Ich schlug es tot, weil’s mir die Ruh’ vergällt.
Nun halt ich wieder Kinderaugen offen
Und weiß, das Wunder ist der Grund der Welt.

(Jakob Bosshart, Wohin ich schaue, in: Träume der Wüste. Gedichte., Bd. VI der Werkausgabe v. 1951, Beleg, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Von Winter und Dämmerung

Dämmerung in der Stadt

Der Abend spricht mit lindem
Schmeichelwort die Gassen
In Schlummer und der Süße
alter Wiegenlieder,
Die Dämmerung hat breit
mit hüllendem Gefieder
Ein Riesenvogel sich
auf blaue Firste hingelassen.

Nun hat das Dunkel von den Fenstern
allen Glanz gerissen,
Die eben noch beströmt
wie veilchenfarbne Spiegel standen,
Die Häuser sind im Grau,
durch das die ersten Lichter branden
Wie Rümpfe großer Schiffe,
die im Meer die Nachtsignale hissen.

In späten Himmel tauchen Türme
zart und ohne Schwere,
Die Ufer hütend,
die im Schoß der kühlen Schatten schlafen,
Nun schwimmt die Nacht
auf dunkel starrender Galeere
Mit schwarzem Segel
lautlos in den lichtgepflügten Hafen.

(Ernst Stadler, Dämmerung in der Stadt, 1911, Erstdruck in: Das neue Elsaß. Jg. 1, Nr. 4, 20. Januar 1911, Online-Quelle)

ERLEBNIS

Mit silbergrauem Dufte war das Tal
Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond
Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.
Mit silbergrauem Duft des dunklen Tales
Verschwammen meine dämmernden Gedanken,
Und still versank ich in dem webenden,
Durchsichtgen Meere und verließ das Leben.
Wie wunderbare Blumen waren da,
Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht,
Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen
In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze
War angefüllt mit einem tiefen Schwellen
Schwermütiger Musik. Und dieses wußt ich,
Obgleich ichs nicht begreife, doch ich wußt es:
Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,
Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend,
Verwandt der tiefsten Schwermut.
Aber Seltsam!
Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
In meiner Seele nach dem Leben, weinte,
Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff
Mit gelben Riesensegeln gegen Abend
Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,
Der Vaterstadt, vorüberfährt. Da sieht er
Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht
Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber,
Ein Kind, am Ufer stehn, mit Kindesaugen,
Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht
Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer –
Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter,
Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend
Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.

(Hugo von Hofmannsthal, Erlebnis, aus: Gedichte, 1922, entstanden 1892, Online-Quelle)

Und abermals wirst du geboren werden

Und abermals wirst du geboren werden
auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig,
und wirst auf die Wege gehen allen Lebens,
in Schmerzen bald und manches Mal in Lächeln,
Doch steigt aus Dämmerungen einer Nacht
gleichwie aus Schächten, die verschüttet sind,
ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf,
so wisse du: der Bruder ruft nach dir,
der abermals dem Tode sich entrang
gleich dir und abermals das Leben wandelt
auf andern Sternen fern und trauervoll.

(Walter Calé, Und abermals wirst du geboren werden, aus: Nachgelassene Schriften, 1907, Online-Quelle 3. Auflage 1910)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gesund und heiter (na ja) in und durch die Woche!

 

Von Dezember und den Erinnerungen an Weihnachten

Christbaum.

Hörst auch du die leisen Stimmen
aus den bunten Kerzlein dringen?
Die vergeßenen Gebete
aus den Tannenzweiglein singen?
Hörst auch du das schüchternfrohe,
helle Kinderlachen klingen?
Schaust auch du den stillen Engel
mit den reinen, weißen Schwingen? …
Schaust auch du dich selber wieder
fern und fremd nur wie im Traume?
Grüßt auch dich mit Märchenaugen
deine Kindheit aus dem Baume? …

(Ada Christen, Christbaum., aus: Schatten, 1872, Online-Quelle)

Verse zum Advent

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnee’es Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.

(Theodor Fontane, Verse zum Advent, aus: „Unwiederbringlich“, Kap. 22, Textausgabe 1892, Online-Quelle)

Weihnachtslied.

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimathlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

(Theodor Storm, Weihnachtslied., aus: Gedichte, 8. Aufl. 1885, Online-Quelle)

Weihnacht

Zeit der Weihnacht, immer wieder
rührst du an mein altes Herz,
führst es fromm zurück
in sein früh’stes Glück,
kinderheimatwärts.

Sterne leuchten über Städte,
über Dörfer rings im Land.
Heilig still und weiß
liegt die Welt im Kreis
unter Gottes Hand.

Kinder singen vor den Türen:
„Stille Nacht, heilige Nacht!“
Durch die Scheiben bricht
hell ein Strom von Licht,
aller Glanz erwacht.

Und von Turm zu Turm ein Grüßen,
und von Herz zu Herz ein Sinn,
und die Liebe hält
aller Welt
ihre beiden Hände hin.

(Gustav Falke, Weihnacht, aus: Das Leben lebt, 1916, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Auch zu Adventüden-Zeiten gibt es die Montagsgedichte. Normalerweise ist ja bei der „lieben Weihnachtszeit“ mein Kitschlevel erreicht und ich bin raus, aber ich dachte, dass das Thema Erinnerungen thematisch zu der heutigen Adventüde ganz gut passt. Ich hoffe, ihr findet es gelungen …

Kommt gesund und heiter (na ja) in und durch die Woche!

 

Von November und Ewigkeit

 

Briefe | V.

In die Berge sehnst du dich,
An das Meer, –
Und der Berg des Himmels
Mit seinen steilblauen Wänden:
Ragt er nicht ewig
Vor dir auf?

In die Berge sehnst du dich,
An das Meer, –
Und das Meer des Himmels
Mit seinem tiefblauen Spiegel:
Wogt es nicht ewig
Vor dir hin?

Wie ein Knabe
Träumst du von Bergen,
Träumst du von Meeren …
So wirf den Nacken doch zurück
Und habe mehr denn Berg und Meer –
Hab’ – Ewigkeit!

(Christian Morgenstern, Briefe. V., aus: aus: Einkehr, 1910, Online-Quelle)

Tief in den Himmel verklingt

Tief in den Himmel verklingt
Traurig der letzte Stern,
Noch eine Nachtigall singt
Fern, – fern.
Geh schlafen, mein Herz, es ist Zeit.
Kühl weht die Ewigkeit.

Matt im Schoß liegt die Hand,
Einst so tapfer am Schwert.
War, wofür du entbrannt,
Kampfes wert?
Geh schlafen, mein Herz, es ist Zeit.
Kühl weht die Ewigkeit.

(Ricarda Huch, Tief in den Himmel verklingt, aus: Herbstfeuer, 1944, Online-Quelle)

 

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, daß ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

(Rainer Maria Rilke, Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden, 1899, in: Das Buch vom mönchischen Leben, aus: Das Stundenbuch, Online-Quelle)

 


Quelle: Pixabay

 

Noch eine Woche, dann ist der 1. Advent, dann starten die Adventüden, dann ist das Jahr gefühlt fast herum. Kommt gut und heiter in und durch diese neue Woche!

Von November und Seele

 

Allerseelen

Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten roten Astern trag herbei
Und lass uns wieder von der Liebe reden
Wie einst im Mai.

Gib mir die Hand, dass ich sie heimlich drücke,
Und wenn man’s sieht, mir ist es einerlei,
Gib mir nur einen deiner süßen Blicke
Wie einst im Mai.

Es blüht und funkelt heut auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahre ist den Toten frei;
Komm an mein Herz, dass ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.

(Hermann von Gilm zu Rosenegg, Allerseelen, aus: Sophien-Lieder, 1844, Online-Quelle)

 

Seelen

Du weisst, wir bleiben einsam: du und ich,
Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht,
Mit freien Kronen, die der Seewind streift;
So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.
Und zwischen beiden webt ein feines Licht
Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,
Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin.

(Paul Wertheimer, Seelen, aus: Neue Gedichte, 1904, Online-Quelle)

 

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
In euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
Um Beifall bettelt und um Würde wirbt
Und endlich arm ein armes Sterben stirbt
Im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –
Nennt ihr das Seele?

Schau’ ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
In der die Welten weite Wege reisen,
Mir ist: Ich trage ein Stück Ewigkeit
In meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
Und will hinauf und will mit ihnen kreisen …
Und das ist Seele.

(Rainer Maria Rilke, Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt, aus: Erste Gedichte/Gaben an verschiedene Freunde, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Grabmal, Herbst | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt heil in und durch die neue Woche!

 

 

Von Geburt und Tod

 

Geht leise

Geht leise –
Es ist müd von der Reise.
Es kommt von weit her:
Vom Himmel übers Meer,
vom Meer den dunklen Weg ins Land,
bis es die kleine Wiege fand –
Geht leise.

(Paula Dehmel, Geht leise, aus: Das liebe Nest. Kindergedichte. 1919, Online-Quelle)

 

VERSE AUF EIN KLEINES KIND

Dir wachsen die rosigen Füße,
Die Sonnenländer zu suchen:
Die Sonnenländer sind offen!
An schweigenden Wipfeln blieb dort
Die Luft der Jahrtausende hangen,
Die unerschöpflichen Meere
Sind immer noch, immer noch da.
Am Rande des ewigen Waldes
Willst du aus der hölzernen Schale
Die Milch mit der Unke dann teilen?
Das wird eine fröhliche Mahlzeit,
Fast fallen die Sterne hinein!
Am Rande des ewigen Meeres
Schnell findest du einen Gespielen:
Den freundlichen guten Delphin.
Er springt dir ans Trockne entgegen,
Und bleibt er auch manchmal aus,
So stillen die ewigen Winde
Dir bald die aufquellenden Tränen.
Es sind in den Sonnenländern
Die alten, erhabenen Zeiten
Für immer noch, immer noch da!
Die Sonne mit heimlicher Kraft,
Sie formt dir die rosigen Füße,
Ihr ewiges Land zu betreten.

(Hugo von Hofmannsthal, Verse auf ein kleines Kind, aus: Gedichte, Insel Verlag 1922, Online-Quelle)

 

Die sonnige Kinderstraße

Meine frühe Kindheit hat
Auf sonniger Straße getollt;
Hat nur ein Steinchen, ein Blatt
Zum Glücklichsein gewollt.

Jahre verschwelgten. Ich suche matt
Jene sonnige Straße heut;
Wieder zu lernen, wie man am Blatt,
Wie man am Steinchen sich freut.

(Joachim Ringelnatz, Die sonnige Kinderstraße, aus: Gedichte 1910, Online-Quelle)

 

Tränen, Tränen, die aus mir brechen

Tränen, Tränen, die aus mir brechen.
Mein Tod, Mohr, Träger
meines Herzens, halte mich schräger,
daß sie abfließen. Ich will sprechen.

Schwarzer, riesiger Herzhalter.
Wenn ich auch spräche,
glaubst du denn, daß das Schweigen bräche?

Wiege mich, Alter.

(Rainer Maria Rilke, Tränen, Tränen, die aus mir brechen, (Paris, Spätherbst 1913) aus: Rainer Maria Rilke, Gedichte 1906 bis 1926, Sammlung der verstreuten und nachgelassenen Gedichte aus den mittleren bis späteren Jahren, Insel-Verlag 1953, S. 467)

 

Schlußstück

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

(Rainer Maria Rilke, Schlußstück, aus: Das Buch der Bilder, Zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ich gestehe, dass „Die Sonnenländer sind offen!“ mich magisch angezogen hat, ebenso wie das erste Rilke-Gedicht (neu für mich, wohingegen das zweite ja ziemlich bekannt ist) …
Kommt gut in und durch die neue Woche und achtet auf euch!

 

Von Herbst und Regen

 

Herbst

Um die Großstadt sinkt die Welt in Schlaf.
Felder gilben, Wälder ächzen überall.
Wie Blätter fallen draußen alle Tage,
Vom Zeitwind weggeweht.

Ob Ebene und Wald in welkes Sterben fallen,
Ob draußen tost Vergänglichkeit,
Im Stadtberg brüllen Straßen, Hämmer hallen:
Die Stadt dampft heiß in Unrast ohne Zeit.

(Gerrit Engelke, Herbst, aus: Rhythmus des neuen Europa, 1921, Online-Quelle)

 

Regentag

Der Regen fällt. In den Tropfentanz
Starr ich hinaus, versunken ganz
In allerlei trübe Gedanken. Mir ist,
Als hätt‘ es geregnet zu jeder Frist,
Und alles, so lange ich denken kann,
Trüb, grau und nass in einander rann,
Als hätte es nie eine Sonne gegeben,
Als wäre nur immer das ganze Leben,
Die Jahre, die Tage, die Stunden all,
Ein trüber, hastiger Tropfenfall.

(Gustav Falke, Regentag, aus: Mynheer der Tod, 1900, Online-Quelle)

 

Des Narren Regenlied

Regenöde, regenöde
Himmel, Land und See;
Alle Lust ist Last geworden,
Und das Herz thut weh.

Graugespinstig hält ein Nebel
Alles Sein in Haft,
Weher Mut weint in die Weiten,
Krank ist jede Kraft.

Die Prinzessin sitzt im Turme;
Ihre Harfe klingt,
Und ich hör, wie ihre Seele
Müde Sehnsucht singt.

Regenöde, regenöde
Himmel, Land und See;
Alle Lust ist Last geworden,
Und das Herz thut weh.

(Otto Julius Bierbaum, Des Narren Regenlied, aus: Irrgarten der Liebe, 1901, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ich bin immer noch wenig online, aber nur aus angenehmen Gründen.
Kommt gut und heil in und durch die neue Woche! 😀

 

Von Herbst und Gold

 

Es lacht in dem steigenden jahr dir

Es lacht in dem steigenden jahr dir
Der duft aus dem garten noch leis.
Flicht in dem flatternden haar dir
Eppich und ehrenpreis.

Die wehende saat ist wie gold noch,
Vielleicht nicht so hoch mehr und reich,
Rosen begrüssen dich hold noch,
Ward auch ihr glanz etwas bleich.

Verschweigen wir was uns verwehrt ist,
Geloben wir glücklich zu sein,
Wenn auch nicht mehr uns beschert ist
Als noch ein rundgang zu zwein.

(Stefan George, Es lacht in dem steigenden jahr dir, aus: Das Lied der Seele, 1897, Info (Wikipedia), Online-Quelle)

 

Septembermorgen.

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

(Eduard Mörike, Septembermorgen., aus: Die Gedichte (1838), entstanden 1827, Online-Quelle)

 

Meine Haare fliegen

Meine Haare fliegen,
Bin auf hellen Winden,
Bin auf Flügelfüßen
In die Lüfte gestiegen.

Und mein Haupt steht golden
In den Abendwolken,
Purpurn wanken die Dolden
Meiner Liebesgedanken.

(Max Dauthendey, Meine Haare fliegen, aus: Reliquien, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 97)

 

Rondel

Verflossen ist das Gold der Tage,
Des Abends braun und blaue Farben:
Des Hirten sanfte Flöten starben
Des Abends blau und braune Farben
Verflossen ist das Gold der Tage.

(Georg Trakl, Rondel, aus: Gedichte (Ausgabe 1913), Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut in und durch die neue Woche! (Kalendarischer) Herbstanfang ist dieses Jahr am Dienstag, 22. Spetember, um 15:31 Uhr MESZ. Genießt die Tage und bleibt heiter!

 

Von Spätsommer und Garten

 

Der Mond ist wie eine feurige Ros’

Der Mond geht groß aus dem Abend
Steht über dem Schloß und dem Gartentor
Und läßt sanft glühend die Erde los.
Der Mond ist wie eine feurige Ros’,
Die meine Liebste im Garten verlor.

Mein Schatten an den steinernen Wänden
Geht hinter mir wie ein dienender Mohr.
Ich werde den Mohren hinsenden,
Er hebe die Rose vorsichtig auf
Und bringe sie ihr in den dunklen Händen.

(Max Dauthendey, Der Mond ist wie eine feurige Ros’, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 312)

 

Mein Garten

Schön ist mein Garten mit den goldnen Bäumen,
Den Blättern, die mit Silbersäuseln zittern,
Dem Diamantentau, den Wappengittern,
Dem Klang des Gong, bei dem die Löwen träumen,
Die ehernen, und den Topasmäandern
Und der Volière, wo die Reiher blinken,
Die niemals aus dem Silberbrunnen trinken …
So schön, ich sehn mich kaum nach jenem andern,
Dem andern Garten, wo ich früher war.
Ich weiß nicht wo … Ich rieche nur den Tau,
Den Tau, der früh an meinen Haaren hing,
Den Duft der Erde weiß ich, feucht und lau,
Wenn ich die weichen Beeren suchen ging …
In jenem Garten, wo ich früher war …

(Hugo von Hofmannsthal, Mein Garten, aus: Die Gedichte 1891–1898, Online-Quelle)

 

Archaïscher Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

(Rainer Maria Rilke, Archaïscher Torso Apollos, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1918, Online-Quelle, Hintergrund)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut in und durch die neue Woche!

Update: Karin empfiehlt, sich den Rilke anzuhören, gelesen von Konstantin Wecker. Dem schließe ich mich gern an. Danke, Karin!

 

 

 

 

Von Spätsommer und Vergänglichkeit

 

Nächtliche Stunde

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und diese Nacht geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tag.

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und dieser Winter geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Frühling.

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und dieses Leben geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tod.

(Karl Kraus, Nächtliche Stunde, aus: Worte in Versen VII., 1923, Online-Quelle)

 

Terzinen über Vergänglichkeit I

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
Daß alles gleitet und vorüberrinnt.

Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,
Herüberglitt aus einem kleinen Kind
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.

Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war
Und meine Ahnen, die im Totenhemd,
Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,

So eins mit mir als wie mein eignes Haar.

(Hugo von Hofmannsthal, Terzinen über Vergänglichkeit I, aus: Gedichte, entstanden 1894, Online-Quelle)

 

ÜBER EINE WEILE — —

Nur eine Weile muß vergehn;
Dann ist auch dieses überstanden.
Dann wird mit hell euch zugewandten
Augen das Neue vor euch stehn.

Und eh ihr fragt, wie ihr dem Neuen
Euch fügen wollt, zwingt Gegenwart
Zum Danken oder zum Bereuen.
Leicht schmilzt ein Leid. Die Schuld ist hart.

(Joachim Ringelnatz, Über eine Weile, aus: Gedichte dreier Jahre, 1932, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut und sanft in und durch die neue Woche; und möge sie für euch sonnig sein!

 

Von Sommer und Veränderung

 

REISELIED

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

(Hugo von Hofmannsthal, Reiselied, aus: Gedichte, 1922, Online-Quelle)

 

Ein weißer Vogel

Über das schwarze Torfmoor,
Über das gelbe Ried
Einsam und verloren
Eine weiße Weihe zieht.

Ein lichtes Liebesgedenken
In meiner Seele lebt,
Über die schwarze Wüste
Ein weißer Vogel schwebt.

(Hermann Löns, Ein weißer Vogel, aus: Mein goldenes Buch, 1901, Online-Quelle)

 

Seelen

Du weisst, wir bleiben einsam: du und ich,
Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht,
Mit freien Kronen, die der Seewind streift;
So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.
Und zwischen beiden webt ein feines Licht
Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,
Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin.

(Paul Wertheimer, Seelen, aus: Neue Gedichte, 1904, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut in und durch die neue Woche, egal, ob ihr noch Urlaub habt oder nicht … 😉

Update ADVENTÜDEN: Bisher sind erfreuliche 13 Texte da und 13 weitere sind versprochen. Danke an alle, deren Texte ich bereits habe!
Ihr habt noch knapp zwei Wochen. Ich sags nur.