Vom Lesen und dem Buch

Schrifften.

Man schilt die schwartze Kunst: Ich halte viel von jhr;
Dann durch die schwartze Schrifft kümmt Kunst auff weiß Papier/
Und vom Papier ins Haupt/ und so fort für und für.

(Friedrich von Logau, Schrifften, aus: Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte drei Tausend, Desz andren Tausend achtes Hundert, 49., entstanden 1650, Online-Quelle, Online-Quelle)

Das Bilderbuch

Von der Poesie sucht Kunde
Mancher im gelehrten Buch,
Nur des Lebens schöne Runde
Lehret dich den Zauberspruch;
Doch in stillgeweihter Stunde
Will das Buch erschlossen sein,
Und so blick ich heut hinein,
Wie ein Kind im Frühlingswetter
Fröhlich Bilderbücher blättert,
Und es schweift der Sonnenschein
Auf den buntgemalten Lettern,
Und gelinde weht der Wind
Durch die Blumen, durch das Herz
Alte Freuden, alten Schmerz –
Weinen möcht ich, wie ein Kind!

(Joseph von Eichendorff, Das Bilderbuch, Erstdruck 1837, aus: Gedichte (Ausgabe 1841) / 2. Sängerleben, Online-Quelle)

Der Leser

Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wenden voller Seiten
manchmal gewaltsam unterbricht?

Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,
ob er es ist, der da mit seinem Schatten
Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis

er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
was unten in dem Buche sich verhielt,
mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
anstießen an die fertig-volle Welt:
wie stille Kinder, die allein gespielt,
auf einmal das Vorhandene erfahren;
doch seine Züge, die geordnet waren,
blieben für immer umgestellt.

(Rainer Maria Rilke, Der Leser, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1918, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt alle gut und heil in und durch die neue Woche! 😀

Update Adventüden 2021: Höchst erfreuliche 11 Etüden haben mich bisher erreicht! Bitte gerne weiter so!

 

Vom Wald und Bäumen

Meer und Wald

Draußen das bewegte Meer,
Ruheloses Tosen, Schäumen,
Hier im Walde ringsumher
Tiefer Frieden unter Bäumen.

Liebst Du Kampf und Streiteslust,
Mußt Du an dem Strand verweilen,
Gram und Sorgen in der Brust
Werden in dem Wald verheilen.

(Otto Bauer, Meer und Wald, aus: Sommerfrische, Online-Quelle)

Nur eine Stunde im grünen Wald

Nur eine Stunde von Menschen fern,
Nur eine einzige Stunde!
Statt der tönenden Worte des Waldes Schweigen,
Statt des wirbelnden Tanzes der Elfen Reigen,
Statt der leuchtenden Kerzen den Abendstern,
Nur eine Stunde von Menschen fern!

Nur eine Stunde im grünen Wald,
Nur eine einzige Stunde!
Auf dem schwellenden Rasen umhaucht von Düften,
Gekühlt von den reinen balsamischen Lüften,
Wo von ferne leise das Echo schallt,
Nur eine Stunde im grünen Wald!

Nur eine Stunde im grünen Wald,
Nur eine einzige Stunde!
Wo die Halme und Blumen sich flüsternd neigen,
Wo die Vögel sich wiegen auf schwankenden Zweigen,
Wo die Quelle rauscht aus dem Felsenspalt,
Nur eine Stunde im grünen Wald!

(Auguste Kurs, Nur eine Stunde im grünen Wald, aus: Epheublätter, 1854, Online-Quelle)

Blühende Bäume

Was singt in mir zu dieser Stund
Und öffnet singend mir den Mund,
Wo alle Äste schweigen
Und sich zur Erde neigen?

Was drängt aus Herzensgrunde
Wie Hörnerschall zutag
Zu dieser stillen Stunde,
Wo alles träumen mag
Und träumend schweigen mag?

An Ästen, die sich neigen,
Und braun und dunkel schweigen,
Springt auf die weiße Blütenpracht
Und lacht und leuchtet durch die Nacht
Und bricht der Bäume Schweigen,
Daß sie sich rauschend neigen
Und rauschend ihre Blütenpracht
Dem dunklen Grase zeigen!

So dringt zu dieser stillen Stund
Aus dunklem, tiefem Erdengrund
Ein Leuchten und ein Leben
Und öffnet singend mir den Mund
Und macht die Bäum erbeben,
Daß sie in lichter Blütenpracht
Sich rauschend wiegen in der Nacht!

(Hugo von Hofmannsthal, Blühende Bäume, aus: Die Gedichte 1891–1898, Online-Quelle)

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz,
an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen;
du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen,
du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen,
du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen,
du dunkles Netz,
darin sich flüchtend die Gefühle fangen.

Du hast dich so unendlich groß begonnen
an jenem Tage, da du uns begannst, –
und wir sind so gereift in deinen Sonnen,
so breit geworden und so tief gepflanzt,
daß du in Menschen, Engeln und Madonnen
dich ruhend jetzt vollenden kannst.

Laß deine Hand am Hang der Himmel ruhn
und dulde stumm, was wir dir dunkel tun.

(Rainer Maria Rilke, Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz, aus: Das Buch vom mönchischen Leben, in: Das Stundenbuch, 1899, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut und leicht in und durch die neue Sommerwoche! 😀

 

Vom Sein in der Stille

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind,
Weit hinaus in die freie Einsamkeit,
Wo dir Wolken, Berge, Bäume und Wind
Großes reden von Später und Ewigkeit.

Und dort schöpfe, fasse und füll dir die Brust,
Daß – kommt einst die Stille zu dir als Braut –
Daß du die Hand ihr gibst in tiefster Lust,
Weil du schon lange mit ihr vertraut.

(Joachim Ringelnatz, Dorthin geh, wo die Andern nicht sind, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

Nachts in der träumenden Stille

Nachts in der träumenden Stille
Kommen Gedanken gegangen,
Nachts in der träumenden Stille
Atmet, zittert ein Bangen,
Nachts in der träumenden Stille,
Ratlose quälende Fragen.
Weit über alles Sagen
Kommen Gedanken gegangen,
Atmet, zittert ein Bangen
Nachts in der träumenden Stille.

(Gustav Falke, Nachts in der träumenden Stille, aus: Tanz und Andacht. Gedichte, 1893, Online-Quelle)

Die Stille

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände –
hörst du: es rauscht …
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider
und auch das ist Geräusch bis zu dir,
hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder …
… Aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Athemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.

(Rainer Maria Rilke, Die Stille, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Online-Quelle; gesprochen im Rilke-Projekt von André Eisermann, hört rein, wenn ihr könnt!)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt heil und heiter in und durch die neue Sommerwoche!

 

Vom Heimkommen

Am Abend

Weisst du denn – wenn auf Baum und Strauch
Das Astwerk zittert und sich sträubt,
Und wenn der leicht gewellte Rauch
An einer Wetterwand zerstäubt –

Ein scheuer Vogel ohne Laut
An dir vorbei die Flügel schlägt,
Und Wolke sich an Wolke baut –
Wohin dein wilder Wunsch dich trägt?

Weisst du denn, wenn nun alle Welt
Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt,
Und deine Sehnsucht dich befällt, –
Wo deine eigne Heimat liegt?

(Hedwig Lachmann, Am Abend, aus: Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 7-8, Online-Quelle)

Am Meerufer

Und Welle kommt und Welle flieht,
Und der Wind stürzt sein Lied,
Schaumwasser spielt an deine Schuhe
Knie nieder, Wandrer, ruhe.

Es wälzt das Meer zur Sonne hin,
Und aller Himmel blüht darin.
Mit welcher Welle willst du treiben?
Es wird nicht immer Mittag bleiben.

Es braust ein Meer zur Ewigkeit,
In Glanz und Macht und Schweigezeit,
Und niemand weiß wie weit –
Und einmal kommst du dort zur Ruh,
Lebenswandrer, Du.

(Gerrit Engelke, Am Meerufer, aus: Rhythmus des neuen Europa, 1921, Online-Quelle)

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht
und sagt: Ich bin.
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn.
Da mußt du wissen, daß dich Gott durchweht
seit Anbeginn,
und wenn dein Herz dir glüht und nichts verrät,
dann schafft er drin.

(Rainer Maria Rilke, Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht, aus: Die frühen Gedichte (Gebete der Mädchen zu Maria), 1909, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Auf welchen Wegen ihr auch unterwegs seid: Kommt gut und heiter (und sicher) in und durch die neue Woche!

 

Von Rosen (2)

Als Mahl beganns

Als Mahl beganns. Und ist ein Fest geworden, kaum weiß man wie. Die hohen Flammen flackten, die Stimmen schwirrten, wirre Lieder klirrten aus Glas und Glanz, und endlich aus den reifgewordnen Takten: entsprang der Tanz. Und alle riß er hin. Das war ein Wellenschlagen in den Sälen, ein Sich-Begegnen und ein Sich-Erwählen, ein Abschiednehmen und ein Wiederfinden, ein Glanzgenießen und ein Lichterblinden und ein Sich-Wiegen in den Sommerwinden, die in den Kleidern warmer Frauen sind.

Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde rauschend in den Traum der Nacht.

(Rainer Maria Rilke, aus: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, Erzählung, 1899, Online-Quelle, [22])

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosen Röte –
und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche lautlos sind und lang.

Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
in meinem Armen schlafen Wälder ein, –
und ich bin selbst das Klingen über ihnen,
das anhebt wie aus welken Violinen …

(Rainer Maria Rilke, Nenn ich dich Aufgang oder Untergang, aus: Mir zur Feier/Im All-Einen, 1899, Online-Quelle)

Das Rosen-Innere

Wo ist zu diesem Innen
ein Außen? Auf welches Weh
legt man solches Linnen ?
Welche Himmel spiegeln sich drinnen
in dem Binnensee
dieser offenen Rosen,
dieser sorglosen, sieh:
wie sie lose im Losen
liegen, als könnte nie
eine zitternde Hand sie verschütten.
Sie können sich selber kaum
halten; viele ließen
sich überfüllen und fließen
über von Innenraum
in die Tage, die immer
voller und voller sich schließen,
bis der ganze Sommer ein Zimmer
wird, ein Zimmer in einem Traum.

(Rainer Maria Rilke, Das Rosen-Innere, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1918, Online-Quelle)

Grabspruch

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

(Rainer Maria Rilke, Grabspruch lt. testamentarischer Verfügung v. 27. Oktober 1925, Online-Quelle, Interpretation, Foto v. Rilkes Grabstein)

 

Quelle: Photo by John Thomas on Unsplash, klicken macht groß!

 

Ja, genau, das ist dieses Mal nur Rilke. Darf auch mal sein. Mir ist gerade so.

Kommt gut und leicht in und durch die neue Woche!

 

Von Rosen

Zauberkreis

Was steht denn auf den hundert Blättern
Der Rose all?
Was sagt denn tausendfaches Schmettern
Der Nachtigall?

Auf allen Blättern steht, was stehet
Auf Einem Blatt;
Aus jedem Lied weht, was gewehet
Im ersten hat:

Daß Schönheit in sich selb beschrieben
Hat einen Kreis,
Und keinen andern auch das Lieben
Zu finden weiß.

Drum kreist um sich mit hundert Blättern
Die Rose all,
Und um sie tausendfaches Schmettern
Der Nachtigall.

(Friedrich Rückert, Zauberkreis, aus: Östliche Rosen 1819–1820, in: Gesammelte Gedichte von Friedrich Rückert, Vierter Band 1837, Online-Quelle)

Die Rose in der Nacht
Hadley

Sie glüht. Und ihre Haare kriechen groß
Auf blutrot dumpfen Sammet, schwarze Schlangen.
Sie neigt sich müd in duftendem Verlangen,
Die reife Frau. Und ist ein Herz doch bloß,

Ein heißes, sanftes Herz. Und birst, ein Schoß,
Der Liebe auf, den Himmel zu empfangen.
Und wird ein Antlitz mit gemalten Wangen.
Wenn Abend meerwärts fährt auf braunem Floß,

Ein Totenkauz im Düster greinend lacht,
Dann schlägt es tiefe Augen auf und wacht
Und fängt den Männertraum auf seinem Fluge.

Und sinkt schon morgen welk, am Strauch, im Kruge,
Und stand als eine Rose in der Nacht.
Die dunkelrote Rose in der Nacht.

(Gertrud Kolmar, Die Rose in der Nacht. Hadley, aus: Bild der Rose, 1928/29, Online-Quelle)

Wellentanzlied

Ich warf eine Rose ins Meer,
eine blühende Rose ins grüne Meer.
Und weil die Sonne schien, Sonne schien,
sprang das Licht hinterher,
mit hundert zitternden Zehen hinterher.
Als die erste Welle kam,
wollte die Rose, meine Rose, ertrinken.
Als die zweite sie sanft auf ihre Schultern nahm,
mußte das Licht, das Licht ihr zu Füßen sinken.
Da faßte die dritte sie am Saum,
und das Licht sprang hoch, zitternd hoch, wie zur Wehr;
aber hundert tanzende Blütenblätter
wiegten sich rot, rot, rot um mich her,
und es tanzte mein Boot,
und mein Schatten auf dem Schaum,
und das grüne Meer, das Meer – –

(Richard Dehmel, Wellentanzlied, aus: Richard Dehmel – Eine Wahl aus seinem Werk, herausgegeben und eingeleitet von Ida Dehmel, Online-Quelle)

 

Rosen | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay

 

Ich weiß über Rosen nicht sonderlich viel, aber für alle, die es interessiert, habe ich hier einen Link zu der Rosensorte Hadley eingefügt.

Kommt gut und leicht und sonnig durch die neue Woche!

 

Vom Kuckuck und dem Frühling

Kuckuck! Kuckuck!

Kuckuck! Kuckuck!
Ruft’s aus dem Wald.
Lasset uns singen
Tanzen und springen!
Frühling, Frühling
Wird es nun bald

Kuckuck! Kuckuck!
Läßt nicht sein Schrei’n.
Kommt in die Felder,
Wiesen und Wälder!
Frühling, Frühling,
Stelle dich ein!

Kuckuck! Kuckuck!
Trefflicher Held!
Was du gesungen,
Ist dir gelungen:
Winter, Winter
Räumet das Feld!

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Kuckuck! Kuckuck!, 1835, Online-Quelle)

Der Kuckuck

Der Wald ist still, der Wald ist stumm,
Es bebt kein Blatt, es nickt kein Zweig,
Ein Vogelruf von ferne schallt,
So voll und rund, so warm und weich.

Das ist der Kuckuck, der da ruft,
So laut, so laut im tiefen Wald,
An meine Schulter drängst du dich,
Und deine Hand sucht bei mir Halt.

Du bist so still, du bist so stumm,
Ich höre deines Herzens Schlag,
Du hältst den Atem an und zählst,
Wie oft der Kuckuck rufen mag.

Ich lächle deiner Kinderangst,
Du meine süße Wonne du,
Es blüht uns noch so mancher Mai,
Der Kuckuck ruft ja immerzu.

(Hermann Löns, Der Kuckuck, aus: Mein goldenes Buch, 1901, Online-Quelle)

Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum

Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum,
Auf allen Bäumen flammen Blütenbrände,
Unzählbar lacht der Kuckuck durch den Raum.
Frag ich ihn bang nach meines Lebens Ende.
Es blüht und lebt bis an der Erde Saum,
Wird blühn und leben, singt er, ohne Wende,
Als wäre Frühling nicht ein kurzer Traum.
Auch du bist ewig! Spare nicht, verschwende!

(Ricarda Huch, Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Quelle)

ABSCHIED

Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt.
Wie weiß ich’s noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.

Wie war ich ohne Wehr dem zuzuschauen
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wären’s alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leise Weiterwinkendes —, schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.

(Rainer Maria Rilke, Abschied, aus: Neue Gedichte, 1907, Online-Quelle)

 

Kuckuck
Quelle: Pixabay

 

Wie jede Woche, und wie jede Woche völlig im Ernst: Kommt gut durch die neue Woche, und möge sie für euch leicht sein.

Eben habe ich mit Werner in den Kommentaren darüber gesprochen: Was für Kuckucksrufbräuche kennt ihr? Kennt ihr das, worauf die Gedichte abheben, dass die Anzahl der Kuckucksrufe die verbleibenden Lebensjahre angibt?

Hier kann man etwas darüber lesen: HIER KLICKEN!

 

Von Gefühlen im Frühling

Angst packt mich an

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll großer Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Faß meine Hand an.
Hilf mir lieben!

(Erich Mühsam, Angst packt mich an, aus: Die Wüste. 1898–1903, Online-Quelle)

XXXXVI

Das kannst du nicht zwingen:
daß die Knospen springen,
eh die Sonne ihnen ihren Mai gebracht!
Aber daß: was hinter dir liegt,
dich nicht schreckt mehr und unterkriegt:
was Winter in dir abzustreifen
in aller Stille … und Knospen zu reifen
und dich zum Frühling durchzuringen …
Das kannst du zwingen!

(Cäsar Flaischlen, Das kannst du nicht zwingen, aus: Jost Seyfried, Drittes Buch, „Lieder eines Schwertschmieds“. Online-Quelle)

IV.

Wer keinen Frühling hat, dem blüht er nicht!
Wer schweigt, dem tönt kein Echo hier auf Erden!
Weß Herz nicht dichtet, der faßt kein Gedicht,
Und wer nicht liebt, dem wird nicht Liebe werden.

Was ist der Geist, der nie zum Geiste spricht,
Der selbstgefällig will in sich verwesen?
Was ist ein Gemüt, das nie die Rinde bricht?
Was eine Schrift, die nicht und nie zu lesen?

Es findet jeder Geist verwandte Geister!
Kein Herz, das einsam ohne Liebe bricht!
Nur wer sich selbst verlor, ist ein Verwaister!
Wer keinen Frühling hat, dem blüht er nicht!

(Otto Prechtler, Wer keinen Frühling hat, aus: Ein platonischer Traum, in: Donaublumen, Wien 1847, Online-Quelle)

Unersättlich.

Ganz mit Frühling und Sonnenstrahl,
Klang und duftendem Blüthenguß
Mein verlangendes Herz einmal
Füll mir, seliger Ueberfluß!

Gieb mir ewiger Jugend Glanz,
Gieb mir ewigen Lebens Kraft
Gieb im flüchtigen Stundentanz
Ewig wirkende Leidenschaft!

Aus dem Meere des Wissens lass’
Satt mich trinken in tiefem Zug!
Gieb von Liebe und gieb von Haß
Meiner Seele einmal genug!

Gieb, daß Thau der Erfüllung mir
In die Schale des Herzens fließt,
Bis sie, selber verschwendend, ihr
Ueberschäumendes Glück ergießt!

(Ricarda Huch, Unersättlich, aus: Gedichte, Leipzig 1894, Online-Quelle)

 

Magnolienbaum im Frühling | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, Anklicken macht groß!

 

Ja, das ist tatsächlich derselbe Baum, ich wollte es zuerst auch nicht glauben.

Kommt gut in und durch die neue Woche, und haltet den Kopf oben!

 

Vom Frühling

April

Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum –
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.

(Theodor Storm, April, aus: Gedichte (Ausgabe 1885), Erstes Buch, Online-Quelle)

Frühlingssegen

Der Schlehbusch am Wege
Schimmert in Blüthen,
An den Geländen
Des Thales entlang
Schreitet der Frühling
Mit segnenden Händen.
Über den Wiesen
Hängt Glockenklang,
Flüsternde Stimmchen
Erwachen im Dorn,
Und auf den Feldern,
Aus Schollen und Ritzen,
Lugt es hervor
Mit grünlichen Spitzen,
Das heilige Korn.

(Anna Ritter, Frühlingssegen, aus: Befreiung. 1. Auflage 1900, Online-Quelle)

Frühlings-Seufzer

Großer Gott, in dieser Pracht
Seh’ ich Deine Wunder-Macht
Mit vergnüg’ter Seelen an.
Es gereiche dir zu Ehren,
Daß ich sehen, daß ich hören,
Fühlen, schmecken, riechen, kann!

(Barthold Hinrich Brockes, Frühlings-Seufzer, aus: Irdisches Vergnügen in Gott, Zweyter Theil, 1739, Online-Quelle)

 

Frühlingserwachen | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, anklicken macht groß!

 

Wie immer: Kommt gut in und durch die neue Woche und habt eine heitere und behütete Zeit!

 

Vom April

Amsel singt im Himmelssaal

Amsel singt im Himmelssaal.
Eine kahle Pappelspitze
Wählte sie sich aus zum Sitze
Für ihr Lied hoch überm Tal.
Wolken stiegen in den Raum,
Wie die Pferde ohne Zaum,
Jagen an dem Berg entlang,
Leidenschaftlich von Gebärde
Wie der frische Amselsang.

(Max Dauthendey, Amsel singt im Himmelssaal, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 234/235)

April

Das erste Grün der Saat, von Regen feucht,
Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht.
Zwei große Krähen flattern aufgescheucht
Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.

Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht,
So ruhn die Berge hinten in dem Blau,
Auf die ein feiner Regen niedergeht,
Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.

(Georg Heym, April, aus: Der ewige Tag, 1911, Online-Quelle)

Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Aeste den Tag, wie er leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

(Rainer Maria Rilke, Aus einem April, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch, Teil 1, 1906 Online-Quelle)

 

Blühende Milchsterne neben Narzissen | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, Klicken macht groß

 

Vor drei Jahren erhielt ich von einer gewissen Blumenfee im Tausch ein paar austreibende Milchsterne in einem Töpfchen. Sie erblühten und verblühten zur Freude aller Beteiligten, der Fellträger fraß sie nicht und ich durfte die Zwiebelchen auspflanzen und sich selbst überlassen. 2019 habe ich darüber berichtet, dass sie überlebt hatten, vom letzten Jahr finde ich nur ein eiliges Handypic im Vorübergehen, aber am Samstag habe ich sie bei schönstem Wetter blühen sehen und mich total gefreut.

Euch wunderbare Rest-Ostern! Kommt gut in und durch die neue Woche und passt auf euch auf! 😀

 

Von Frühling und Wind

O wie ist es kalt geworden

O wie ist es kalt geworden
und so traurig öd und leer!
Rauhe Winde wehn von Norden,
und die Sonne scheint nicht mehr’

Auf die Berge möcht ich fliegen
möchte sehn ein grünes Tal
möcht in Gras und Blumen Liegen
und mich freun am Sonnenstrahl.

Möchte hören die Schalmeien
und der Herden Glockenklang
Möchte freuen mich im Freien
an der Vögel süßem Sang!

Schöner Frühling, komm doch wieder
Lieber Frühling, komm doch bald
Bring uns Blumen, Laub und Lieder
schmücke wieder Feld und Wald

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, O wie ist es kalt geworden, 1849, Online-Quelle)

Vorfrühling

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten.

Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte,
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten

Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern Nacht.

(Hugo von Hofmannsthal, Vorfrühling, Erstdruck in: Blätter für die Kunst (Berlin), 2. Band, Dezember 1892, Online-Quelle)

Ein Frühlingswind

Mit diesem Wind kommt Schicksal; laß, o laß
es kommen, all das Drängende und Blinde,
vor dem wir glühen werden –: alles das.
(Sei still und rühr dich nicht, daß es uns finde.)
O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
über das Meer her was wir sind.

… Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
(Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.)
Aber mit diesem Wind geht immer wieder
das Schicksal riesig über uns hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Ein Frühlingswind, Februar 1907, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 15/16. Online-Quelle, zur Interpretation)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Ich warte auf den Frühling. Keine Frage, er steht auch hier in den Startlöchern, keine Frage, ich sehe in den Gärten die ganzen Frühlingsblüher und die Meisen (und nicht nur die) singen wie verrückt (und der Fellträger ist genervt). Aber dennoch ist es zu kalt. Ich hoffe, wir verlassen jetzt bald dauerhaft die Nachtfrostzone, ich wäre sehr dankbar dafür.

Ich war überrascht, als ich gesehen habe, wie viel von Hoffmann von Fallersleben vertont worden ist, muss aber auch zugeben, dass ich kein Fan des klassischen deutschen Liedgutes bin. Daher möchte ich euch noch eine andere Version ans Herz legen, und zwar eine von Achim Reichel, den ich gerade für seine Bemühungen um das deutsche Volkslied (nein, nein, ich meine das ernst) sehr schätze …

 

 

Kommt gut und heiter durch die neue Woche!

 

Von Frühling, Nacht und Wald

Nachts im Wald

Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
wo du deinen eignen Fuß nicht sahst?
Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
Dich führt der Weg.

Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
daß du zitterst, welchem Ziel du nahst?
Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
Dich führt dein Weg.

(Christian Morgenstern, Nachts im Wald, aus: Melencolia, Berlin 1906, Online-Quelle)

Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer

Die Nacht macht alle Bäume gleich,
Sie stehen wie die dunklen Mauern
Von einem unterirdischen Reich
Und wie Gestalten, die am Wege kauern.

Doch ihre Frühlingsgeister halten mit dir Schritt.
Sie senden Blütenrauch im Dunkeln her
Und gehen abwechselnd am Wege mit,
Und sie verlassen dich nur schwer.
Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer.

(Max Dauthendey, Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 270–271)

Will Dir den Frühling zeigen

Will Dir den Frühling zeigen
Der hundert Wunder hat.
Der Frühling ist waldeigen
Und kommt nicht in die Stadt.

Nur die weit aus den kalten
Gassen zu Zweien gehn
Und sich bei den Händen halten –
Dürfen ihn einmal sehn.

(Rainer Maria Rilke, Will dir den Frühling zeigen, aus: Advent, 1898, Online-Quelle und Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst, Klick macht groß

 

Kann mir vielleicht jemand erklären, woher/wie der bezaubernde Stern (zustande) kommt? 😉

Wie immer: Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!