Von Göttern

Alles geben Götter

Alles geben Götter die unendlichen
Ihren Lieblingen ganz
Alle Freuden die unendlichen
Alle Schmerzen die unendlichen ganz.

(Johann Wolfgang von Goethe, Alles geben Götter, aus: Briefe. 1777, 3/621. Aus einem Brief an Auguste Gräfin zu Stolberg, Weimar 17. Juli 1777, Online-Quelle)

HIMMELSMÄRCHEN

Nun sind wir wieder unter uns Göttern,
Sagte der Mond, als der Abend dunkelte,
Und winkte zum Reigen den Planeten,
Seinen Vettern.
Das Goldblut funkelte
Durch demantene Schleier,
Wie sie langsam sich drehten
In festlich melodischem Schritt.
Dann reichten sie die Leier
Der Erde, Scheherezade,
Und alle lauschten
Ihrer glorreich wilden Ballade.
Die Nacht summte träumerisch mit.
Die Tränen rauschten.

(Ricarda Huch, Himmelsmärchen, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Online-Quelle)

Jetzt wär es Zeit

Jetzt wär es Zeit, daß Götter träten aus
bewohnten Dingen…
Und daß sie jede Wand in meinem Haus
umschlügen. Neue Seite. Nur der Wind,
den solches Blatt im Wenden würfe, reichte hin,
die Luft, wie eine Scholle, umzuschaufeln:
ein neues Atemfeld. Oh Götter, Götter!
Ihr Oftgekommenen, Schläfer in den Dingen,
die heiter aufstehn, die sich an den Brunnen,
die wir vermuten, Hals und Antlitz waschen
und die ihr Ausgeruhtsein leicht hinzutun
zu dem, was voll scheint, unserm vollen Leben.
Noch einmal sei es euer Morgen, Götter.
Wir wiederholen. Ihr allein seid Ursprung.
Die Welt steht auf mit euch, und Anfang glänzt
an allen Bruchstelln unseres Mißlingens…

(Rainer Maria Rilke, Die Welt steht auf mit euch, Muzot, Mitte Oktober 1925, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 173. Online-Quelle; Gedanken zur Interpretation im Rilke-Forum)


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Der obligatorische Wunsch: Kommt gut und heil und sanft in und durch die neue Woche!

Die Statue ist übrigens eine der acht auf der Schlossbrücke in Berlin (hier mehr lesen) und stammt von Gustav Blaeser (1853): Athena beschützt den jungen Helden.


Vom Hund (und Katz)

Hund und Katze

Miezel, eine schlaue Katze,
Molly, ein begabter Hund,
Wohnhaft an demselben Platze,
Haßten sich aus Herzensgrund.

Schon der Ausdruck ihrer Mienen,
Bei gesträubter Haarfrisur,
Zeigt es deutlich: Zwischen ihnen
Ist von Liebe keine Spur.

Doch wenn Miezel in dem Baume,
Wo sie meistens hin entwich,
Friedlich dasitzt wie im Traume,
Dann ist Molly außer sich.

Beide lebten in der Scheune,
Die gefüllt mit frischem Heu.
Alle beide hatten Kleine,
Molly zwei und Miezel drei.

Einst zur Jagd ging Miezel wieder
Auf das Feld. Da geht es bumm!
Der Herr Förster schoß sie nieder.
Ihre Lebenszeit ist um.

Oh, wie jämmerlich miauen
Die drei Kinderchen daheim.
Molly eilt, sie zu beschauen,
Und ihr Herz geht aus dem Leim.

Und sie trägt sie kurz entschlossen
Zu der eignen Lagerstatt,
Wo sie nunmehr fünf Genossen
An der Brust zu Gaste hat.

Mensch mit traurigem Gesichte,
Sprich nicht nur von Leid und Streit,
Selbst in Brehms Naturgeschichte
Findet sich Barmherzigkeit.

(Wilhelm Busch, Hund und Katze, aus: Zu guter Letzt, 1904, Online-Quelle)

Findling

Es war ein trüber Abend
Zwischen Herbst und Winter,
Regen strömte und strömte
Vermischt mit zerfließenden Flocken
Zeitigen Schnees,
Und eisiger windhauch klatschte
Das rotbraune Laub des wilden Weins
Ans Gittertor –
Da standst du vor meinem Hause,
Nachdem du mir lange nachgeschlichen,
Scheu und doch hoffend,
Stumm und doch bittend.
Ich nickte dir zu,
Ich blickte dich an,
Und sah einen schlanken, biegsamen
Schwarzen Jäger,
Stammend aus schottischem Hochgebirge,
Durchnäßt und erschöpft,
Niederkauern vor mir.
Vordringliche Rippen zeugten
Von schwerer Entbehrung
Und ich erwog:
Wie lange du schon so heimatlos
Umhergeirrt in den fremden Straßen,
Und sagte: Komm!
Und du kamst.

(Emil Claar (Wikipedia), Findling, möglicherweise aus: Weltliche Legenden, 1899, Online-Quelle)

FRAU WERNER HIESS DAS TIER

(22. Juni 1931)

Mein Hund, den ich einmal an Oertners gab,
Weil sie ihn überlieb gewonnen hatten,
Den mußten sie heute bestatten.
Betteten ihn in ein Hundegrab.

Eine Terrierhündin, die vierzehn Jahr
Alt wurde und Kriegskameradin mir war,
Ist sanft und rührend entschlafen.
Nun weinen die Oertners, die braven.

Mich tröstet traurig: So ging’s, so geht’s.
Hat Bug wie Heck seine Wellen. —
In meinem besten Erinnern wird stets
Etwas wedeln und etwas bellen.

(Joachim Ringelnatz, FRAU WERNER HIESS DAS TIER, aus: Gedichte dreier Jahre, 1932, Online-Quelle)


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Nein, bevor irgendwer etwas denkt – der Fellträger erfreut sich bester Gesundheit. Natürlich gibt es einen Anlass für diese Gedichte, aber der ist ziemlich durch die Brust ins Auge … und fröhlicher, als es scheint.

Kommt gut in und durch die neue Woche!

Adventüden: 22 sind da, eine fehlt entschuldigt, der Rest … *grrrrr*


Vom Lebensgefühl im August

AUGUST

Im Garten vor dem Pfarrhaus blühn
Veil, Sonnenblum und Rosmarin.
Vincula Petri geht alsdann
den Weizen mit der Sense an.
Die Traube kocht, es gilbt der Mais,
die Störche sammeln sich zur Reis‘,
und bleibn sie noch nach Barthelmä,
ein Winter kommt, der tut nicht weh.
Brachüber grast das Weidevieh,
und auf den Tennen schlagen sie
den Flegeltakt durchs ganze Land.
So geht das Ackerjahr zu Rand.

(Josef Weinheber, August, aus: O Mensch, gib acht!, 1937, Online-Quelle)

August

Inserat

Die verehrlichen Jungen, welche heuer
Meine Äpfel und Birnen zu stehlen gedenken,
Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen
Wo möglich insoweit sich zu beschränken,
Daß sie daneben auf den Beeten
Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.

(Theodor Storm, August, aus: Gedichte (Ausgabe 1885), Online-Quelle)

SCHWEBENDE ZUKUNFT

Habt ihr einen Kummer in der Brust
Anfang August,
Seht euch einmal bewußt
An, was wir als Kinder übersahn.

Da schickt der Löwenzahn
Seinen Samen fort in die Luft.
Der ist so leicht wie Duft
Und sinnreich rund umgeben
Von Faserstrahlen, zart wie Spinneweben.

Und er reist hoch über euer Dach,
Von Winden, schon vom Hauch gepustet.
Wenn einer von euch hustet,
Wirkt das auf ihn wie Krach,
Und er entweicht.

Luftglücklich leicht.
Wird sich sanft wo in Erde betten.
Und im Nächstjahr stehn
Dort die fetten, goldigen Rosetten,
Kuhblumen, die wir als Kind übersehn.

Zartheit und Freimut lenken
Wieder später deren Samen Fahrt.

Flöge doch unser aller Zukunftsdenken
So frei aus und so zart.

(Joachim Ringelnatz, Schwebende Zukunft, aus: Gedichte dreier Jahre, 1932, Online-Quelle)

Septembertag

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit …

(Christian Morgenstern, Septembertag, aus: Und aber ründet sich ein Kranz, 1902, Online-Quelle)


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Adventüden: 20 bisher. Noch bis Ende nächster Woche. DANKE an die einen – und an die anderen: Hallo! Time is nearly over! NUR NOCH BIS ENDE NÄCHSTER WOCHE!

Kommt gut und heil in und durch die neue Woche!


Von der Heide

Auf der Heide

Wo der Saum der Hügelketten
Fern den müden Himmel hält,
dort zerfließt in violetten
Farbentönen schon die Welt.

Bäume heben scharf umrissen
sich hervor am Bergesrand,
rings im fahlen, ungewissen
Lichte träumt das Heideland.
Träumt und drüber weiter fächelt
leicht ein lauer Abendwind,
aber, ach, den Nachtgruß lächelt
ihm kein duftig Blumenkind.

Halb verdorrte Sträucher ragen
aus dem Boden kahl und leer,
und er wiegt mit leisem Klagen
dürre Disteln hin und her.

(Rainer Maria Rilke, Auf der Heide, entstanden Prag, April 1894 (Quelle), Online-Quelle)

Heidenacht

Wenn trüb das verlöschende letzte Rot
Herschimmert über die Heide,
Wenn sie liegt so still, so schwarz und tot,
So weit du nur schauest, die Heide,
Wenn der Mond steigt auf und mit bleichem Schein
Erhellt den granitnen Hünenstein,
Und der Nachtwind seufzet und flüstert darein
Auf der Heide, der stillen Heide —
Das ist die Zeit, dann mußt du gehn
Ganz einsam über die Heide,
Mußt achten still auf des Nachtwind’s Wehn
Und des Mondes Licht auf der Heide:
Was nie du vernahmst durch Menschenmund,
Uraltes Geheimnis, es wird dir kund,
Es durchschauert dich tief in der Seele Grund

(Hermann Ludwig Allmers, Heidenacht, 1860, Vertonungen, Online-Quelle)

Verirrte Welle

Bräunliche Haide im Sonnenduft,
Wandervögel in blauer Luft,
Und eine Welle, die weit vom Fluß
Sich in das träumende Land verirrt
Und nun im Sande verrinnen muß. –
Während der Zug vorüber schwirrt,
Prägt sich das seltsame Bildchen mir ein,
Um mich dann später heimlich zu fragen:
„Was bist du Andres, als solch eine Welle,
Die von des Ufers sicherer Schwelle
Ruhlose Sehnsucht ins Weite getragen?“

(Anna Ritter, Verirrte Welle, aus: Befreiung, 1900, Online-Quelle)


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Der Sommer geht gefühlt so langsam in den Endspurt. Kommt gut, sanft und heil in und durch die neue Woche!


Update Adventüden: Stolze 16 sind bisher bei mir eingetroffen, inklusive meiner, hurra! (Deine auch, Judith, hast du meine Antwort gefunden?) Wäre schön, wenn ihr so langsam …


Von Liebe und Sommerfrische

ICH HABE DICH SO LIEB

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

(Joachim Ringelnatz, Ich habe dich so lieb, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

Brief in die Sommerfrische

Ich habe so Sehnsucht nach Dir.
Weil alles so gut steht
Auf unserem Gemüsebeet.
Und Du bist in England. Nicht hier
Bei mir.
Frau heißt auf Englisch „wife“;
Muß man, um das zu lernen,
Sich so weit und so lange entfernen?
Bei uns ist alles Gemüse reif.
Meinst du, daß ich das allein
Esse? Kommt gar nicht in Frage.
Und so vergehen die Tage.
Könnte doch zu zweit so billig sein.

Bis August und noch September vergeht,
Ist alles verfault auf dem Beet.
Aber Englisch ist wichtiger als Gemüse,
Das es schließlich auch in Büchsen gibt.
Und ich gönne dir das alles sehr. Grüße
Dich!
Dein Mann (einsam in Dich verliebt).

(Joachim Ringelnatz, Brief in die Sommerfrische, aus: Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute, 1934, Online-Quelle)

Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in die Fülle der Gräser.
Weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und laß deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiß dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen, als ein Grashüpferhupf.

(Joachim Ringelnatz, Sommerfrische, aus: 103 Gedichte, 1933, Online-Quelle)


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Auf der Suche nach „Sommerfrische“-Gedichten stellte ich fest, dass es mal wieder Zeit für einen Solo-Auftritt von Herrn Ringelnatz ist …

Bleibt im Schatten, wenn ihr könnt, und tut nicht zu viel! Und kommt – natürlich – gut in und durch die neue Woche!


Zum Thema Adventüden: 12 sind bisher bei mir eingetroffen, inklusive meiner. Wäre schön, wenn ihr langsam auch … Ist noch Zeit, ja, ich sags nur.


Vom Reisen und der Zeit

REISELIED

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde weh’n.

(Hugo von Hofmannsthal, Reiselied, aus: Gedichte, 1922, Erstdruck in Wiener Rundschau 1898, Online-Quelle)

Über den Bergen

Über den Bergen, weit zu wandern,
sagen die Leute, wohnt das Glück.
Ach und ich ging im Schwarme der andern,
kam mit verweinten Augen zurück.
Über den Bergen, weit, weit drüben,
sagen die Leute, wohnt das Glück …

(Carl Hermann Busse, Über den Bergen, aus: Gedichte, 1892, 4. erw. Auflage 1899, Online-Quelle)

ABEND

Einsam hinterm letzten Haus
geht die rote Sonne schlafen,
und in ernste Schlußoktaven
klingt des Tages Jubel aus.

Lose Lichter haschen spät
noch sich auf den Dächerkanten,
wenn die Nacht schon Diamanten
in die blauen Fernen sät.

(Rainer Maria Rilke, Abend, aus: Larenopfer, Erstdruck 1895, Online-Quelle)

Danke für den Fund des sehr frühen Rilke an Joachim Schlichting!

Morgen- und Abendopfer

Ein Tag, der sagt dem andern,
Mein Leben sei ein Wandern,
Zur großen Ewigkeit.
O Ewigkeit, so schöne,
Mein Herz an dich gewöhne,
Mein Heim ist nicht in dieser Zeit.

(Gerhard Tersteegen, Morgen- und Abendopfer (9. und letzte Strophe), Kirchenmusiker, aus: Geistliches Blumengärtlein, 1729, Online-Quelle)


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Wo auch immer ihr seid, im Urlaub oder zu Hause, ob ihr unter der Hitze leidet oder nicht: Kommt gut und heil in und durch die neue Woche!


Zum Thema Adventüden: 9 sind bisher bei mir eingetroffen und meine wächst auch schon kräftig. Wäre schön, wenn ihr langsam auch … Ich finde es echt entspannend, in der Hitze über Winter und Frost nachzudenken … 😉


Von Schönheit und Liebe

Warnung

Ich komme heim aus dem Sonnenland.
Ich bin den ganzen blühenden Tag
In lauter Schönheit gegangen!
Nun fliegts mir um Stirn und Wangen
Noch wie ein verklärter, seliger Schein …
Sieh mir nicht so in die Augen hinein,
Sonst nimmt er dich auch gefangen!
Dann kommen wir nicht von einander los,
Wir schauen uns an, so sehnsuchtsgroß,
Und finden aus lachendem Märchenglück
Nie mehr den Weg in das Leben zurück.

(Anna Ritter, Warnung, aus: Befreiung, 1900, Online-Quelle)

Die letzte Schönheit ist das Neigen

Die letzte Schönheit ist das Neigen
Von Mensch zu Mensch und jeder spricht:
Die Einsamkeit und sagt das Seine
Und hört dem andern zu in Schweigen

Und Staunen und bewahrt in Reine
Die Ahnung wie ein erstes Licht: –
Die Ahnung, daß wir uns verstehen,
Und nicht mehr einsam weitergehen.

(Alfred Karl Röttger, Die letzte Schönheit ist das Neigen, aus: Die Lieder von Gott und dem Tod, 1912, Online-Quelle)

Meine Sehnsucht …

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,
Löst vom Strande sich im Abendrot.

Deine Sehnsucht ist ein weißer Schwan,
Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

Einmal finden auf der blauen Flut
Sich die beiden. Dann ist alles gut …

(Ernst Goll (Wikipedia), Meine Sehnsucht …, aus: Im bitteren Menschenland: Das gesammelte Werk, 1914, 2012, Online-Quelle)


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Wie jede Woche, so auch diese mein Wunsch: Kommt gut in eure neue Woche, kommt gut hindurch und habt Freude an allem, was sie euch anbietet! 😉


Von Fluss und Fließen

Die Tage lassen keine Spur

O Regen sag, Du kommst so hoch daher,
Ist droben auch der Tag spurlos und leer?

Du fällst zum Fluß und schwimmst zum Meer,
Glaubst, Du enteilst dem Leid und suchst Genuß?

O wüßten alle nur, was doch ein jeder wissen muß:
Die Tage lassen keine Spur, so wenig wie der Regen auf dem Fluß, –
Die Liebe nur.

(Max Dauthendey, Die Tage lassen keine Spur, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 378/379)

Verirrte Welle

Bräunliche Haide im Sonnenduft,
Wandervögel in blauer Luft,
Und eine Welle, die weit vom Fluß
Sich in das träumende Land verirrt
Und nun im Sande verrinnen muß. –
Während der Zug vorüber schwirrt,
Prägt sich das seltsame Bildchen mir ein,
Um mich dann später heimlich zu fragen:
„Was bist du Andres, als solch eine Welle,
Die von des Ufers sicherer Schwelle
Ruhlose Sehnsucht ins Weite getragen?“

(Anna Ritter, Verirrte Welle, aus: Befreiung, 1900, Online-Quelle)

Am Flusse

Trauernd stehst du an des Flusses Rande,
trauernd führt mein Weg am andern Ufer:
keiner weiß, ob ihn der andre riefe;
allzu heftig rauschen die Gewässer.

Wollen wir ein Boot vom Strande ketten,
du vom rechten, ich vom linken Strande?
Wollen wir dann in des Stromes Mitte
leichten Ruderschlages uns begrüßen?

Wollen wir die Wasser abwärts gleiten,
Boot an Boot, und nur gelinde lächelnd,
bis das Meer in großem Glanz sich auftut
und wir stehn und beide weinen müssen?

(Walter Calé, Am Flusse, aus: Mauthner (Hg.), Nachgelassene Schriften von Walter Calé, 1910, Online-Quelle)

Spruch für eine Sonnenuhr

Der Tag geht über mein Gesicht.
Die Nacht, sie tastet leis vorbei.
Und Tag und Nacht ein gleich Gewicht
und Nacht und Tag ein Einerlei.

Es schreibt die dunkle Schrift der Tag
und dunkler noch schreibt sie die Nacht.
Und keiner lebt, der deuten mag,
was beider Schatten ihm gebracht.

Und ewig kreist die Schattenschrift.
Leblang stehst du im dunklen Spiel.
Bis einmal dich die Deutung trifft:
Die Zeit ist um. Du bist am Ziel.

(Rudolf Binding, Spruch für eine Sonnenuhr (am Hochzeitsturm in Darmstadt, Bild), 1927, Online-Quelle)


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Wie jede Woche, so auch heute: Kommt gut und heil und fröhlich in und durch die neue Woche!


Von Freundschaft

Geschminckte Freundschafft

Hände küssen, Hüte rücken,
Knie beugen, Häupter bücken,
Worte schrauben, Rede schmücken,
Wer, daß diese Gauckeley,
Meinet, rechte Freundschafft sey,
Kennet nicht Betriegerey.

(Friedrich von Logau, Geschmünckte Freundschafft, aus: Salomons von Golaw Deutscher Sinn-Getichte erstes Tausend, Desz ersten Tausend sechstes Hundert, 25., entstanden 1640/41, Online-Quelle)

Dein wahrer Freund

Dein wahrer Freund ist nicht, wer dir den Spiegel hält
Der Schmeichelei, worin dein Bild dir selbst gefällt.
Dein wahrer Freund ist, wer dich sehn lässt deine Flecken
und sie dir tilgen hilft, eh Feinde sie entdecken.

(Friedrich Rückert, Dein wahrer Freund, 203., aus: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 2, 1837, Online-Quelle)

Dem fremden Freunde

Es war Dein Wort ein blitzend Schwert,
Das für mich stritt;
Es war Dein Wort der Seele Schrei,
Die für mich litt.
Die herbe Thräne war Dein Wort,
Geweint um mich;
Ein guter Engel war Dein Wort,
Der nimmer wich!
Dein Wort, es gab mir neuen Muth,
Es drang befreiend stolz zu mir;
Du Fremder, sieh mein schlichtes Wort,
Es dankt zu tausend Malen Dir!

(Ada Christen, Dem fremden Freunde, aus: Aus der Asche (Letzte Lieder), 1870, Online-Quelle)

Sieh, ich war so oft allein

Sieh, ich war so oft allein,
Und ich lernte gleich den Zweigen,
Gleich dem Stein,
Träume wachen, Worte schweigen.

Denke, daß ich Dichter bin.
Eure Sonne ist nicht meine.
Nimm als Freund mich hin,
Wenn ich dir auch fremd erscheine.

Laß mich lauschen aus der Ferne,
Wenn ihr tanzend schwebt,
Daß auch ich das Schwere lerne:
Wie man narrenglücklich lebt.

(Joachim Ringelnatz, Sieh, ich war so oft allein, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)


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Kommt alle gut und heil in und durch die neue Sommerwoche!


Von Gesang und Leben

Das Leben ein Gesang

Daß mein Leben ein Gesang,
Sag’ ich’s nur! geworden;
Jeder Sturm und jeder Drang
Dient ihm zu Akkorden.

Was mir nicht gesungen ist,
Ist mir nicht gelebet;
Was noch nicht bezwungen ist,
Sei noch angestrebet!

Von der Welt, die mich umringt,
Wüßt’ ich unbezwingbar
Wen’ges nur; die Seele klingt,
Und die Welt ist singbar.

(Friedrich Rückert, Das Leben ein Gesang, in: Zweites Bruchstück. Selbstschau, aus: Pantheon, 1843. Online-Quelle)

Ein kleines Lied

Ein kleines Lied! Wie geht’s nur an,
Daß man so lieb es haben kann,
Was liegt darin? erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
Ein wenig Wohllaut und Gesang
Und eine ganze Seele.

(Marie von Ebner-Eschenbach, Ein kleines Lied, aus: Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach Band 1, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte, S. 185, 1893. Online-Quelle)

Das Meer singt

Singe das Leben
Trunken und weit.
Rausche euch allen
Unendlichkeit.

Singe die Liebe
Grausam und groß.
Breit über alles
Mein Namenlos.

Gott tönt aus mir.
Dunkel und Glut.
Alles ist tödlich
Und alles ist gut.

(Francisca Stoecklin, Das Meer singt, aus: Die singende Muschel, 1925. Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Neue Woche, neue Sorgen, neues Glück. Kommt gut und fröhlich in und durch die neue Woche!

Und ja, das letzte Gedicht gehört zu meinen Lieblingsgedichten, falls es jemandem auffällt, dass das nicht zum ersten Mal hier vorkommt.


Und um die Holzbank duftete der Flieder

Aus guten Gründen heute. Habt einen guten Tag! 🧡

(In der Vorschau/im Reader fehlen die Bilder, also bitte den „ursprünglichen Post“ dafür anklicken, danke!)

Irgendwas ist immer

Weißt du den Abend noch? Die Ulme hing
Die dichten Zweige schützend um uns nieder,
Der Bach schoß glucksend unterm Zaun vorbei
Und um die Holzbank duftete der Flieder.

So süß, so süß! Die laue Nachtluft floß
In weichen Wogen schmeichelnd um die Glieder.
Die Grille zirpte leis im hohen Gras,
Und um die Holzbank duftete der Flieder.

Vom Himmel sank ein Stern in jähem Zug,
Lichtscheue Falter huschten hin und wieder,
Dein Arm umfaßte mich, wir waren jung …
Und um die Holzbank duftete der Flieder.

(Anna Ritter, Und um die Holzbank duftete der Flieder, aus: Gedichte, 1898, Online-Quelle)

Quelle: privat 😉

Aus Gründen. Fröhlichen. Also eigentlich.

Ich denke, dass das irgendwann in den 50ern war, aber ich weiß es nicht. Genauso wenig, wo die Bilder entstanden sind.

Ursprünglichen Post anzeigen

Von Tierischem

Giraffen im Zoo

Wenn sich die Giraffen recken,
Hochlaub sucht die spitze Zunge,
Das ihnen so schmeckt, wie junge
Frühkartoffeln mit Butter mir schmecken.

Hohe Hälse. Ihre Flecken
Sehen aus wie schön gerostet.
Ihre langsame und weiche
Rührend warme Schnautze kostet
Von dem Heu, das ich nun reiche.

Lauscht ihr Ohr nach allen Seiten,
Sucht nach wild vertrauten Tönen.

Da sie von uns weiter schreiten,
Träumt in ihren stillen, schönen
Augen etwas, was erschüttert,

Hoheit. So, als ob sie wüßten,
Daß nicht Menschen, sondern daß ein
Schicksal sie jetzt anders füttert.

(Joachim Ringelnatz, Giraffen im Zoo, aus: 103 Gedichte, 1933, Online-Quelle)

Der Igel

Der Löwe saß auf seinem Thron von Knochen
Und sann auf Sklaverey und Tod.
Ein Igel kam ihm in den Weg gekrochen;
Ha! Wurm! so brüllte der Despot,
Und hielt ihn zwischen seinen Klauen,
Mit einem Schluck verschling ich dich!
Der Igel sprach: verschlingen kannst du mich:
Allein du kannst mich nicht verdauen.

(Gottlieb Konrad Pfeffel, Der Igel, aus: Poetische Versuche, Zweyter Theil, Erstes Buch, entstanden 1780, Online-Quelle)

Das Mondschaf

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.
Es harrt und harrt der großen Schur.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf rupft sich einen Halm
und geht dann heim auf seine Alm.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
»Ich bin des Weltalls dunkler Raum.«
Das Mondschaf.

Das Mondschaf liegt am Morgen tot.
Sein Leib ist weiß, die Sonn ist rot.
Das Mondschaf.

(Christian Morgenstern, Das Mondschaf, aus: Galgenlieder, 1905, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Okay, wer die Etüden verfolgt, den wird das Thema dieser Woche jetzt nicht so wirklich wundern, und auch nicht, dass ich unbedingt schauen musste, ob es nicht doch ein Giraffengedicht von namhaften Dichtern gibt. Dass ich allerdings noch NIE die Gelegenheit gefunden habe, das Mondschaf zu zitieren, hat mich dann allerdings doch sehr gewundert. Und mit Nummer drei habe ich mich schlussendlich erwartungsgemäß schwergetan – da etwas zu finden, war nicht einfach.

Wie immer: Kommt alle gut und heil in und durch die neue Woche!