Von Träumen

Seelen

Du weisst, wir bleiben einsam: du und ich,
Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht,
Mit freien Kronen, die der Seewind streift;
So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.
Und zwischen beiden webt ein feines Licht
Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,
Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin.

(Paul Wertheimer, Seelen, aus: Neue Gedichte, 1904, Online-Quelle)

Terzinen III

Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,

Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf
Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
… Nicht anders tauchen unsre Träume auf,

Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,
Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht,

Das Innerste ist offen ihrem Weben;
Wie Geisterhände in versperrtem Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.

Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.

(Hugo von Hofmannsthal, Terzinen über Vergänglichkeit III, aus: Die Gedichte (Ausgabe 1924), 1895, Online-Quelle)

Nachts in der träumenden Stille

Nachts in der träumenden Stille
Kommen Gedanken gegangen,
Nachts in der träumenden Stille
Atmet, zittert ein Bangen,
Nachts in der träumenden Stille,
Ratlose quälende Fragen.
Weit über alles Sagen
Kommen Gedanken gegangen,
Atmet, zittert ein Bangen
Nachts in der träumenden Stille.

(Gustav Falke, Nachts in der träumenden Stille, aus: Tanz und Andacht. Gedichte, 1893, Online-Quelle)

Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

(Joseph von Eichendorff, Wünschelrute, erschienen 1838 im Deutschen Musenalmanach, aus: Gesammelte Werke. Band 1: Gedichte, Nachlese, Die Feier, 1962, Artikel Wikipedia, Online-Quelle)


Mond auf der Leitung – 365tageasatzaday

Quelle: ichmeinerselbst, schon ziemlich lange her

Das, ihr Lieben, ist eine Ansammlung von Lieblingsgedichten, aus keinem anderen Grund als dem Jahresanfang. Ja, das eine oder andere könnte euch bekannt vorkommen, wenn ihr hier schon länger lest.

Ich habe Anfang Dezember bei so einem (englischsprachigen) Suchbild-Orakel mitgemacht (auf Twitter bei Ulli) (Die ersten vier Worte, du liest, werden dein Mantra für dein neues Jahr sein). Ihr kennt die, so eine wirre Ansammlung von Buchstaben, wo sich Wörter herauskristallisieren, wenn man länger hinschaut? Ich fand es passend, dass es ein englisches Suchbild war, weil mein Kopf dann anders tickt. Hier ist das Ergebnis: connection, strength, purpose, creation. Spontan nicht das, was ich erwartet und/oder typisch für mich gefunden hätte, aber ich fand es gerade deswegen sehr interessant. Nun denn.

Ich hoffe, ihr seid fröhlich ins neue Jahr gerutscht und kommt gut in und durch die erste Woche! 😉

 

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Von Speis und Trank

 

Weil Speis und Trank in dieser Welt
doch Leib und Seel’ zusammenhält.

(Hinrich Hinsch, aus: Libretto für „Der irrende Ritter D(on) Quixotte De la Mancia“ (Johann Philipp Förtsch), 1690, Online-Quelle)

Es wird mit Recht ein guter Braten

Es wird mit Recht ein guter Braten
Gerechnet zu den guten Taten;
Und daß man ihn gehörig mache,
Ist weibliche Charaktersache.

Ein braves Mädchen braucht dazu
Mal erstens reine Seelenruh,
Daß bei Verwendung der Gewürze
Sie sich nicht hastig überstürze.

Dann zweitens braucht sie Sinnigkeit,
Ja, sozusagen Innigkeit,
Damit sie alles appetitlich,
Bald so, bald so und recht gemütlich
Begießen, drehn und wenden könne,
Daß an der Sache nichts verbrenne.

In Summa braucht sie Herzensgüte,
Ein sanftes Sorgen im Gemüte,
Fast etwas Liebe insofern,
Für all die hübschen, edlen Herrn,
Die diesen Braten essen sollen
Und immer gern was Gutes wollen.

Ich weiß, daß hier ein jeder spricht:
Ein böses Mädchen kann es nicht.
Drum hab ich mir auch stets gedacht
Zu Haus und anderwärts:
Wer einen guten Braten macht,
Hat auch ein gutes Herz.

(Wilhelm Busch, Es wird mit Recht ein guter Braten, aus: Kritik des Herzens, 1874, Online-Quelle)

Punschlied

Vier Elemente,
Innig gesellt,
Bilden das Leben,
Bauen die Welt.

Preßt der Zitrone
Saftigen Stern,
Herb ist des Lebens
Innerster Kern.

Jetzt mit des Zuckers
Linderndem Saft
Zähmet die herbe
Brennende Kraft,

Gießet des Wassers
Sprudelnden Schwall,
Wasser umfänget
Ruhig das All.

Tropfen des Geistes
Gießet hinein,
Leben dem Leben
Gibt er allein.

Eh es verdüftet,
Schöpfet es schnell,
Nur wenn er glühet,
Labet der Quell.

(Friedrich Schiller, Punschlied, aus: Gedichte (1789–1805), Erstdruck 1803, Online-Quelle)



Quelle: Pixabay

Ich habe es letzte Woche schon geschrieben: Normalerweise veröffentliche ich keine zwei Beiträge an einem Tag, damit sie sich untereinander keine Konkurrenz machen, speziell bei den Adventüden möchte ich das nicht. Aber weil mein Herz daran hängt, will ich euch so ganz ohne Gedicht(e) dann doch nicht in/durch die Woche entlassen.

Es scheint keine kurzen Gedichte über Essen zu geben. Sehr symptomatisch. 😉

Hier geht es zur Adventüde von heute.

 

Von Frost und Leben

Der Liebe Obdach

Die Liebe baut, ein thöricht Kind,
Ihr Haus aus Blum- und Blattgewinden;
Hier hofft sie gegen Frost und Wind
Ein freundlich Obdach einst zu finden.

Doch eine Herbstnacht war genug,
Ihr Hoffen ganz in Leid zu kehren,
Das leichte Haus im wilden Flug
Mit Dach und Pfosten zu zerstören.

Nun irrt sie, mit verzagtem Blick,
Zum Tod erschöpft, im wüsten Wetter,
Und sammelt aus verlornem Glück
Sich weinend noch die welken Blätter.

(Hermann Kletke, Der Liebe Obdach, aus: Gedichte, vermehrte Gesammtausgabe 1873, Online-Quelle)

Wahre Freude, wahres Leid

Nein, es sind nicht Berg und Thäler,
Die uns Fried’ und Freude geben,
Freude geben nur die Menschen,
Die mit uns auf Erden leben.

Nein, es sind nicht Frost und Hitze,
Die uns Noth und Schmerzen geben,
Schmerzen geben nur die Menschen,
Die mit uns auf Erden leben.

Und es giebt auch solche Menschen,
Die uns freuen und betrüben;
Das sind jene allerschlimmsten,
Die wir lieben, die wir lieben.

(Ernst von Wildenbruch, Wahre Freude, wahres Leid, aus: Lieder und Balladen, sechste, vermehrte Ausgabe, 1892, Online-Quelle)

Die schwerste Pein

Im Feuer zu verbrennen,
Ist eine schwere Pein,
Doch kann ich eine nennen,
Die schmerzlicher mag sein.

Die Pein ist’s, das Verderben,
Das Los, so manchem fällt:
Langsam dahinzusterben
Im Froste dieser Welt.

(Justinus Kerner, Die schwerste Pein, aus: Die lyrischen Gedichte. 5. verbesserte Auflage, 1854, Online-Quelle)



Quelle: Pixabay

Ich bitte um Entschuldigung – nachdem ich übers Wochenende höchst melodramatisch vor mich hin gefroren habe, dachte ich, ein paar passende Gedichte wären nicht falsch.

Wem es noch nicht aufgefallen ist: Die Termine für die Adventüden sind raus und sollten in euren Mailkästen sein 😉

Nichtsdestotrotz: Kommt gut und sorglos und heiter in und durch die neue Woche!

 

Vom Spätherbst

Spätherbst

Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün,
Reseden und Astern sind im Verblühn,
Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht,
Der Herbst ist da, das Jahr wird spät.

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht, –
Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt!
Banne die Sorge, genieße, was frommt,
Eh’ Stille, Schnee und Winter kommt.

(Theodor Fontane, Spätherbst, in: Lieder und Sprüche, aus: Gedichte (Ausgabe 1898), Online-Quelle)

SPÄTHERBST

SCHON hängt die Sonne niedrig im Geäst
der finstern Fichten. Manchmal strahlt sie blendend
noch einmal auf, ein Nadelnetz entsendend,
das einen Stamm in Blitzen stehen läßt.

Die schmalen Birken träumen goldumflort,
in kaum gehörtem Hauch wie Seide fließend,
ihr flüsternd Blätterrieseln ausgenießend,
weil Herbstgekrächz hochhin die Luft durchbohrt.

(Richard von Schaukal, Spätherbst, aus: Herbsthöhe, 1933, Nachweis, Online-Quelle)

Spätherbst

Der graue Nebel tropft so still
Herab auf Feld und Wald und Heide,
Als ob der Himmel weinen will
In übergroßem Leide.

Die Blumen wollen nicht mehr blühn,
Die Vöglein schweigen in den Hainen,
Es starb sogar das letzte Grün,
Da mag er auch wohl weinen.

(Hermann Allmers, Spätherbst, aus: Dichtungen, 1860, Online-Quelle)

Im Spätherbst

Schwermütige Wege war ich gegangen,
Nahm ich mein leidvolles Leben doch mit.
Auf den sterbenden Blättern hangen
Sah ich in Rotschrift, was alles ich litt.

Plötzlich fasste ein Windstoss die Blätter,
Wehte die welken zur Erde hinab.
… Wirft auch einmal ein letztes Wetter
Alle zitternden Schmerzen ins Grab?

(Karl Ernst Knodt, Im Spätherbst, aus: Neue Gedichte, 1902, Online-Quelle)



Quelle: Pixabay

Auch wenn das Wetter sich hier im Norden Deutschlands nicht ganz der Jahreszeit entsprechend verhält, habe ich dieses Mal wieder ein paar eher vielleicht unbekanntere Herbstgedichte ausgesucht.

Kommt gut und heil in und durch die neue Woche!

 

Von Verlust und Liebe

*Triggerwarnung: Verlust, Tod, Trauer*

 

NOVEMBER

Das Licht erlischt.
Die Nacht wird lang, es wachsen die Schatten,
Der Wald wird kahl, leer werden die Matten.
Wir essen Asche, ins tägliche Brot gemischt. –
Das Licht erlischt.

Das Licht ist tot.
Still sind die einst so fröhlichen Gassen,
Wieviel haben uns auf immer verlassen,
Die am Tisch mit uns saßen, mit uns brachen das Brot!
Das Licht ist tot.

Das Herz ist schwer.
Wo sind, die vor uns dahingegangen?
Das Licht am Himmel wird neu erprangen,
Die toten Menschen kommen nie mehr, – nie mehr. –
Das Herz ist schwer.

(Ricarda Huch, NOVEMBER, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Online-Quelle)

Verlust

Dich noch verlieren,
Der ich dich schon verlor in mancher Mitternacht!
Dich noch verlieren,
Der ich dich scheiden sah so oft im frühen Fünf-Uhr-Licht!
Ich liebte dich,
Also starbst du mir stündlich.
Ich bin vertraut mit dem Schreck meines Erschreckens,
Vertraut mit meinem Wanken im Traum.
Noch glänzest du über den Weg dahin,
Ich aber sah dich sinken schon zur Seite.
Noch dämmst du wandelnd den Sommer mit deinem Sommer,
Ich aber saß schon an deiner Stätte.
Noch lachst du über die Treppe,
Ich aber füllte schon die öde Lampe auf.
Noch bist du da, noch schiedest du nicht ab, noch atmest du das liebe Zugeteilte,
Ich aber verlor dich oft in strengen Frühen, ich kenne mein Witwertum.
So überaus ertönst du mir noch,
Ich aber schüttete schon die Schale über dein Gras.

(Franz Werfel, Verlust, in: Gesänge, Erstes Buch, aus: Der Gerichtstag, 1919, Online-Quelle)

[Lied]

Du, der ichs nicht sage, dass ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich müde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertrügen?

***

Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.

***

Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
oder es ist ein Duft ohne Rest.
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.

Rainer Maria Rilke, [Lied], aus: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Paris, Dezember 1909, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 35; Online-Quelle (Malte))



Quelle: Pixabay

Nein, nicht ich, aber es ist November und eine gute Zeit, der Toten zu gedenken, wenn es draußen ruhiger wird. Und ich finde es auch nicht unziemlich, daran zu erinnern, dass wir alle den Weg in die große Stille gehen werden, früher oder später.

Nur das Zurückbleiben ist schwer.

Kommt alle gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Von Astern und Schönheit

Herbst

Astern blühen schon im Garten,
Schwächer trifft der Sonnenpfeil
Blumen, die den Tod erwarten
Durch des Frostes Henkerbeil.

Brauner dunkelt längst die Heide,
Blätter zittern durch die Luft.
Und es liegen Wald und Weide
Unbewegt im blauen Duft.

Pfirsich an der Gartenmauer,
Kranich auf der Winterflucht.
Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
Welke Rosen, reife Frucht.

(Detlev v. Liliencron, Herbst, aus: Adjutantenritte und andere Gedichte, Leipzig, 1883, Online-Quelle)

Musik im Mirabell

Ein Brunnen singt. Die Wolken stehn
Im klaren Blau, die weißen, zarten.
Bedächtig stille Menschen gehn
Am Abend durch den alten Garten.

Der Ahnen Marmor ist ergraut.
Ein Vogelzug streift in die Weiten.
Ein Faun mit toten Augen schaut
Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten.

Das Laub fällt rot vom alten Baum
Und kreist herein durchs offne Fenster.
Ein Feuerschein glüht auf im Raum
Und malet trübe Angstgespenster.

Ein weißer Fremdling tritt ins Haus.
Ein Hund stürzt durch verfallene Gänge.
Die Magd löscht eine Lampe aus,
Das Ohr hört nachts Sonatenklänge.

(Georg Trakl, Musik im Mirabell, aus: Gedichte (1913), Online-Quelle)

[Fürchte dich nicht]

Fürchte dich nicht, sind die Astern auch alt,
streut der Sturm auch den welkenden Wald
in den Gleichmut des Sees, –
die Schönheit wächst aus der engen Gestalt;
sie wurde reif, und mit milder Gewalt
zerbricht sie das alte Gefäß.

Sie kommt aus den Bäumen
in mich und in dich,
nicht um zu ruhn;
der Sommer ward ihr zu feierlich.
Aus vollen Früchten flüchtet sie sich
und steigt aus betäubenden Träumen
arm ins tägliche Tun.

(Rainer Maria Rilke, Fürchte dich nicht, aus: Die frühen Gedichte, 2. Auflage 1909, stark überarbeitete Ausgabe von »Mir zur Feier« von Dez. 1899, Entstehungsdatum verm. 1900, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay

Was immer ihr tut und/oder zu tun habt, möge die Woche sanft zu euch und euren Lieben sein.


Von Musik und Liebe

[MUSIK bewegt mich]

MUSIK bewegt mich, daß ich dein gedenke,
So will auch Meer und Wolke, Berg und Stern,
Wie anderer Art als du, dir noch so fern,
Daß ich zu dir das Herz voll Andacht lenke.
Kein edles Bild, das nicht mein Auge zwinge
Von dir zu träumen, kein beseelter Reim,
Der nicht zu dir Erinnern führe heim –
Geschwister sind sich alle schönen Dinge.

(Ricarda Huch, Musik bewegt mich, aus: Liebesgedichte, 1907, Online-Quelle)

Nun such ich …

Nun such ich immer den einen Klang
und find ihn doch nimmer mein Lebenlang.

Ich lausche, ob nicht ein Tönen erwacht,
das meine Lieder unsterblich macht –

ob heimlich nicht schon die Schwingen regt
ein Lied, das alle Herzen bewegt,

das fromm und rein in der Seele erblüht
und dennoch Funken und Flammen sprüht –

ein Lied, das den Schmerz zur Ruhe singt
und doch wie ein Schrei der Sehnsucht klingt!

Nun such ich und such ich mein Lebenlang
immer und ewig den einen Klang …

(Leon Vandersee (Helene von Tiedemann), Nun such ich …, in: Adagio consolante, aus: Heimatlied, 1900 (1903?), Online-Quelle)

Das Meer singt

Singe das Leben
Trunken und weit.
Rausche euch allen
Unendlichkeit.

Singe die Liebe
Grausam und groß.
Breit über alles
Mein Namenlos.

Gott tönt aus mir.
Dunkel und Glut.
Alles ist tödlich
Und alles ist gut.

(Francisca Stoecklin, Das Meer singt, aus: Die singende Muschel, 1925. Online-Quelle)


Quelle: Pexels


Ob mit Regen und Sonne oder ohne, kommt gut und warm und heil und sicher durch die erste Herbstwoche!

Und du, falls du das liest – ja, du, liebste Freundin – HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH zum Geburtstag! 🌻🦋🧡🌻


Von September und Herbst

Das ist nicht Sommer mehr

Das ist nicht Sommer mehr, das ist September … Herbst:
diese großen weichen Wolken am Himmel, diese feinen weißen Spinnwebschleier in der Ferne und hinter den Gärten mit den Sonnenblumen der ringelnde Rauch aufglimmender Krautfeuer …
und diese süße weiche Müdigkeit und diese frohe ruhige Stille überall und trotzdem wieder diese frische, satte, erntefreudige, herbe Kraft …
das ist nicht Sommer … das ist Herbst!

(Cäsar Flaischlen, Das ist nicht Sommer mehr, in: Lieder und Tagebuchblätter, aus: Von Alltag und Sonne, 1897, Online-Quelle)

SEPTEMBER

September, geliebter, breitest bläuliche Schleier
Über Fluren und Berge leicht,
Und zärtlich darüber streicht
Zuweilen ein Perlenton deiner silbernen Leier.

Was singst du für Lieder? Süß verschwebende Laute,
Dem Ohr kaum vernehmbarer Hauch,
Wie wenn die Rose vom Strauch,
Die sterbende, Blatt für Blatt hernieder taute.

(Ricarda Huch, September, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Online-Quelle)

SEPTEMBER

Herbstnebel hüllt die Höhen
und geistert um den Wald.
Vereinsamt starren Föhren.
Die Luft geht regenkalt.

Was sind im Wiesendunkel
für fahle Blumen erwacht?
Der Sommer ist versunken.
Es wird Nacht.

(Richard von Schaukal, September, aus: Herbsthöhe, 1933, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Jede Woche der gleiche Wunsch, jede Woche anders aktuell: Kommt gut und heil in und durch die Woche!


Vom Lebensgefühl im August

AUGUST

Im Garten vor dem Pfarrhaus blühn
Veil, Sonnenblum und Rosmarin.
Vincula Petri geht alsdann
den Weizen mit der Sense an.
Die Traube kocht, es gilbt der Mais,
die Störche sammeln sich zur Reis‘,
und bleibn sie noch nach Barthelmä,
ein Winter kommt, der tut nicht weh.
Brachüber grast das Weidevieh,
und auf den Tennen schlagen sie
den Flegeltakt durchs ganze Land.
So geht das Ackerjahr zu Rand.

(Josef Weinheber, August, aus: O Mensch, gib acht!, 1937, Online-Quelle)

August

Inserat

Die verehrlichen Jungen, welche heuer
Meine Äpfel und Birnen zu stehlen gedenken,
Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen
Wo möglich insoweit sich zu beschränken,
Daß sie daneben auf den Beeten
Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.

(Theodor Storm, August, aus: Gedichte (Ausgabe 1885), Online-Quelle)

SCHWEBENDE ZUKUNFT

Habt ihr einen Kummer in der Brust
Anfang August,
Seht euch einmal bewußt
An, was wir als Kinder übersahn.

Da schickt der Löwenzahn
Seinen Samen fort in die Luft.
Der ist so leicht wie Duft
Und sinnreich rund umgeben
Von Faserstrahlen, zart wie Spinneweben.

Und er reist hoch über euer Dach,
Von Winden, schon vom Hauch gepustet.
Wenn einer von euch hustet,
Wirkt das auf ihn wie Krach,
Und er entweicht.

Luftglücklich leicht.
Wird sich sanft wo in Erde betten.
Und im Nächstjahr stehn
Dort die fetten, goldigen Rosetten,
Kuhblumen, die wir als Kind übersehn.

Zartheit und Freimut lenken
Wieder später deren Samen Fahrt.

Flöge doch unser aller Zukunftsdenken
So frei aus und so zart.

(Joachim Ringelnatz, Schwebende Zukunft, aus: Gedichte dreier Jahre, 1932, Online-Quelle)

Septembertag

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit …

(Christian Morgenstern, Septembertag, aus: Und aber ründet sich ein Kranz, 1902, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay

Adventüden: 20 bisher. Noch bis Ende nächster Woche. DANKE an die einen – und an die anderen: Hallo! Time is nearly over! NUR NOCH BIS ENDE NÄCHSTER WOCHE!

Kommt gut und heil in und durch die neue Woche!


Vom Reisen und der Zeit

REISELIED

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde weh’n.

(Hugo von Hofmannsthal, Reiselied, aus: Gedichte, 1922, Erstdruck in Wiener Rundschau 1898, Online-Quelle)

Über den Bergen

Über den Bergen, weit zu wandern,
sagen die Leute, wohnt das Glück.
Ach und ich ging im Schwarme der andern,
kam mit verweinten Augen zurück.
Über den Bergen, weit, weit drüben,
sagen die Leute, wohnt das Glück …

(Carl Hermann Busse, Über den Bergen, aus: Gedichte, 1892, 4. erw. Auflage 1899, Online-Quelle)

ABEND

Einsam hinterm letzten Haus
geht die rote Sonne schlafen,
und in ernste Schlußoktaven
klingt des Tages Jubel aus.

Lose Lichter haschen spät
noch sich auf den Dächerkanten,
wenn die Nacht schon Diamanten
in die blauen Fernen sät.

(Rainer Maria Rilke, Abend, aus: Larenopfer, Erstdruck 1895, Online-Quelle)

Danke für den Fund des sehr frühen Rilke an Joachim Schlichting!

Morgen- und Abendopfer

Ein Tag, der sagt dem andern,
Mein Leben sei ein Wandern,
Zur großen Ewigkeit.
O Ewigkeit, so schöne,
Mein Herz an dich gewöhne,
Mein Heim ist nicht in dieser Zeit.

(Gerhard Tersteegen, Morgen- und Abendopfer (9. und letzte Strophe), Kirchenmusiker, aus: Geistliches Blumengärtlein, 1729, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay

Wo auch immer ihr seid, im Urlaub oder zu Hause, ob ihr unter der Hitze leidet oder nicht: Kommt gut und heil in und durch die neue Woche!


Zum Thema Adventüden: 9 sind bisher bei mir eingetroffen und meine wächst auch schon kräftig. Wäre schön, wenn ihr langsam auch … Ich finde es echt entspannend, in der Hitze über Winter und Frost nachzudenken … 😉


Von Nacht und Träumen

Über deine Augenlider

Über deine Augenlider
zärtlich sacht
strich mit weichem Flaumgefieder
der Wundervogel der Nacht.

Seine grossen grünen Schwingen
sind von Träumen schwer.
Horch: er will singen
von Palmenwäldern und seltnen süssen Dingen
weit weit kommt er her …

(Richard von Schaukal, Über deine Augenlider, aus: Ausgewählte Gedichte, 1904, Nachweis, Online-Quelle)

Sternenlied

Es rauschen die Bäume,
Es golden die Sterne
Am nachtblauen Himmel.
Wir warten auf Träume.

Jetzt wagen wir leise
Die kleinen Gebete.
Gott mög uns behüten
Zur nächtlichen Reise.

Es golden die Sterne
Im einsamen Weiher.
Ein Mondvogel irrt noch
In nachtblauer Ferne.

(Francisca Stoecklin, Sternenlied, aus: Gedichte, 1920/21, Nachweis, Online-Quelle)

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

(Joseph von Eichendorff, Mondnacht, Erstdruck 1837, aus: Gedichte (Ausgabe 1841), Online-Quelle)


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Kommt alle gut und heil und fröhlich in und durch die neue Woche!


Von Mond und Nacht

Schöne Mondfrau

Schöne Mondfrau, gehst du schlafen
Lächelnd und so munter,
Leise mit den Silberschafen
In die Nacht hinunter?

O und du im hellen Kleide,
Liebe Schehrazade,
Spielst du, daß die Nacht nicht leide
Deine Serenade?

Wandermüde, wundertrunken
Komm in meine Ruhe.
Blaue, weiche Sternenfunken
Küssen deine Schuhe.

Sieh, die Nacht ist so lebendig,
Voller Duft und Gnade.
In den Bäumen eigenhändig
Spielt sie sich die Serenade.

(Hugo Ball, Schöne Mondfrau, aus: Gedichte, entstanden 1917, Online-Quelle)

Der Mond ist wie eine feurige Ros’

Der Mond geht groß aus dem Abend
Steht über dem Schloß und dem Gartentor
Und läßt sanft glühend die Erde los.
Der Mond ist wie eine feurige Ros’,
Die meine Liebste im Garten verlor.

Mein Schatten an den steinernen Wänden
Geht hinter mir wie ein dienender Mohr.
Ich werde den Mohren hinsenden,
Er hebe die Rose vorsichtig auf
Und bringe sie ihr in den dunklen Händen.

(Max Dauthendey, Der Mond ist wie eine feurige Ros’, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 312)

An den Mond

Längst, du freundliches Nachtgestirn,
Ist dein Geheimnis verweht.
Erkenntnisstolz blickt der Knabe schon
Zu dir empor,
Denn verfallen bist du, wie alles jetzt,
Der Wissenschaft,
Die deine Höhen und Tiefen mißt –
Und wer weiß, ob du nicht endlich doch noch
Erstiegen wirst auf der Münchhausenleiter
Der Hypothesen.

Dennoch, du alter, treuer Begleiter der Erde,
Webt und wirkt dein alter Zauber fort,
Wenn du, Aug’ und Herz erfreuend, emportauchst
Mit dem sanftschimmernden Menschenantlitz
Und seligen Frieden gießest
Über tagmüde Gefilde.
Noch immer, wachgeküßt von deinem Strahl,
Seufzt Liebe zu dir hinan –
Und immer noch, ach! besingen dich Dichter.

(Ferdinand von Saar, An den Mond, aus: Gedichte. Zweite, durchges. und verm. Aufl. XII, 1888, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Wie immer: Kommt gut und heil und heiter in und durch die neue Woche!

Hättet ihr gerne noch ein paar „klassischere“ Mondgedichte? 😉