Von Gesang und Leben

Das Leben ein Gesang

Daß mein Leben ein Gesang,
Sag’ ich’s nur! geworden;
Jeder Sturm und jeder Drang
Dient ihm zu Akkorden.

Was mir nicht gesungen ist,
Ist mir nicht gelebet;
Was noch nicht bezwungen ist,
Sei noch angestrebet!

Von der Welt, die mich umringt,
Wüßt’ ich unbezwingbar
Wen’ges nur; die Seele klingt,
Und die Welt ist singbar.

(Friedrich Rückert, Das Leben ein Gesang, in: Zweites Bruchstück. Selbstschau, aus: Pantheon, 1843. Online-Quelle)

Ein kleines Lied

Ein kleines Lied! Wie geht’s nur an,
Daß man so lieb es haben kann,
Was liegt darin? erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
Ein wenig Wohllaut und Gesang
Und eine ganze Seele.

(Marie von Ebner-Eschenbach, Ein kleines Lied, aus: Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach Band 1, Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte, S. 185, 1893. Online-Quelle)

Das Meer singt

Singe das Leben
Trunken und weit.
Rausche euch allen
Unendlichkeit.

Singe die Liebe
Grausam und groß.
Breit über alles
Mein Namenlos.

Gott tönt aus mir.
Dunkel und Glut.
Alles ist tödlich
Und alles ist gut.

(Franziska Stoecklin, Das Meer singt, aus: Die singende Muschel, 1925. Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Neue Woche, neue Sorgen, neues Glück. Kommt gut und fröhlich in und durch die neue Woche!

Und ja, das letzte Gedicht gehört zu meinen Lieblingsgedichten, falls es jemandem auffällt, dass das nicht zum ersten Mal hier vorkommt.


Von Unbehaustheiten

Die Zimmer meines Lebens

Jedesmal,
Wenn ich in ein neues Zimmer ziehe,
Spür ich eine Schwäche meiner Kniee.
Kalt und kahl
Starrt der Raum. Ich steh in seiner Mitten
Mit dem Koffer, gar nicht wohlgelitten.

Jedesmal,
Wenn ich solch ein Zimmer muß verlassen,
Kann ich mich vor Abschiedsfurcht nicht fassen.
Geister ohne Zahl
Meiner Stunden, Traum und waches Treiben,
Winken matt. Ich gehe. Doch sie bleiben.

(Franz Werfel, Die Zimmer meines Lebens, aus: Gedichte (1938), in: Gedichte aus dreißig Jahren, 1939, Online-Quelle)

III.

Durch die dicht verhängten Fenster
Dringt das dumpfe Wagenrollen,
Und verscheucht die Nachtgespenster,
Die im Traum mir nahen wollen.

Aber rauschend durch mein Zimmer
Wogt ein Meer von wirren Tönen,
Und aus all’ dem Schmerzgewimmer
Hör’ ich meine Seele stöhnen!

Hör’ ich meine Seele weinen –
Nicht um dieses Leibes Sterben –
Doch es bangt ihr vor dem kleinen,
Müden, einsamen Verderben.

(Ada Christen, Durch die dicht verhängten Fenster, aus: Aus der Asche (Letzte Lieder), 1870, Online-Quelle)

Einsamkeit

Einsamkeit, ernsthafte Frau,
Tratest einst still in mein Zimmer,
Ach, und ich wollte dich nimmer,
Grüßte dich finster und rauh.

Nicktest nur milde dazu,
Ließest dich doch nicht verjagen,
Mußte dich eben ertragen,
Sangest mich heimlich zur Ruh.

Sieh, und nun weiß ich genau:
Wolltest du heut von mir scheiden,
Würde ich tief drunter leiden,
Einsamkeit, ernsthafte Frau.

(Anna Ritter, Einsamkeit, aus: Gedichte (Vermischte Gedichte), 1898, Nachweis, Online-Quelle)


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Mein Wunsch ändert sich nicht, Woche um Woche: Kommt gut und heil und sicher in und durch die neue Woche!

Frage am Rande: Bekommt ihr zurzeit auch ungewöhlich viel Spam, meist für irgendwelche Pillen?


Von Phantasie

Ideal und Wirklichkeit

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange das,
was du willst – und nachher kriegst dus nie …
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
C’est la vie –!

Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt …
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih –!

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
und kauft die dunkle – andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah … beinah …
Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik … und nun ists die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih –!
(Theobald Tiger (Kurt Tucholsky), Ideal und Wirklichkeit, in: Die Schaubühne, 05.11.1929, Nr. 45, S. 710, Online-Quelle)

Nach dem Gewitter

Der Blitz hat mich getroffen.
Mein stählerner, linker Manschettenknopf
Ist weggeschmolzen, und in meinem Kopf
Summt es, als wäre ich besoffen.

Der Doktor Berninger äußerte sich
Darüber sehr ungezogen:
Das mit dem Summen wär’ typisch für mich,
Das mit dem Blitz wär’ erlogen.

(Joachim Ringelnatz, Nach dem Gewitter, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

Zauberschwestern

Zwiefach sind die Phantasien,
Sind ein Zauberschwesternpaar,
Sie erscheinen, singen, fliehen
Wesenlos und wunderbar.

Eine ist die himmelblaue,
Die uns froh entgegenlacht;
Doch die andre ist die graue,
Welche angst und bange macht.

Jene singt von lauter Rosen,
Singt von Liebe und Genuß;
Diese stürzt den Hoffnungslosen
Von der Brücke in den Fluß.

(Wilhelm Busch, Zauberschwestern, aus: Zu guter Letzt, 1904, Online-Quelle)

Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt

Jaguar
Zebra
Nerz
Mandrill
Maikäfer
Ponny
Muli
Auerochs
Wespenbär
Locktauber
Robbenbär
Zehenbär.

(Christian Morgenstern, Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt, aus: Galgenlieder (erw. Ausgabe 1932), Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Es ist mir völlig egal, dass man „Phantasie“ inzwischen mit F schreibt. Zu der Zeit, als diese Gedichte entstanden, war dem jedenfalls noch nicht so.

Kommt jedenfalls bitte gut und heil und gesund in und durch die Woche!


Von Aprilbefindlichkeiten

Nicht! noch nicht!

Ein leichter Suff umnebelt die Gedanken.
Verdammt! Der Frühling kommt zu früh.
Der Parapluie
steht tief im Schrank – die Zeitbegriffe schwanken.

Was wehen jetzt die warmen Frühlingslüfte?
Ein lauer Wind umsäuselt still
mich im April –
die Nase schnuppert ungewohnte Düfte.

Du lieber Gott, da ist doch nichts dahinter!
Und wie ein dicker Bär sich murrend schleckt,
zu früh geweckt,
so zieh ich mich zurück und träume Winter.

Ich bin zu schwach. Ich will am Ofen hocken –
die Animalität ist noch nicht wach.
Ich bin zu schwach.
Laternenschimmer will ich, trübe Dämmerung und dichte Flocken.

(Theobald Tiger (Kurt Tucholsky), Nicht! noch nicht!, in: Die Schaubühne, 16.04.1914, Nr. 16, S. 459, Online-Quelle)

8. [Die Liebe gleicht dem April]

Die Liebe gleicht dem April:
Bald Frost, bald fröhliche Strahlen,
Bald Blüten in Herzen und Talen,
Bald stürmisch und bald still,
Bald heimliches Ringen und Dehnen,
Bald Wolken, Regen und Tränen –
Im ewigen Schwanken und Sehnen
Wer weiß, was werden will!

(Emanuel Geibel, Die Liebe gleicht dem April, aus: Lieder als Intermezzo, in: Jugendgedichte, entstanden zwischen 1834 und 1843, Online-Quelle)

Frühlings-Seufzer

Großer Gott, in dieser Pracht
Seh’ ich Deine Wunder-Macht
Mit vergnüg’ter Seelen an.
Es gereiche dir zu Ehren,
Daß ich sehen, daß ich hören,
Fühlen, schmecken, riechen, kann!

(Barthold Hinrich Brockes, Frühlings-Seufzer, aus: Irdisches Vergnügen in Gott, Zweyter Theil, 1739, Online-Quelle)

April

Das erste Grün der Saat, von Regen feucht,
Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht.
Zwei große Krähen flattern aufgescheucht
Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.

Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht,
So ruhn die Berge hinten in dem Blau,
Auf die ein feiner Regen niedergeht,
Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.

(Georg Heym, April, aus: Der ewige Tag, 1911, Online-Quelle)

(Myriade, jetzt kommt nur noch Rilke 😉 …)

Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Aeste den Tag, wie er leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

(Rainer Maria Rilke, Aus einem April, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch, Teil 1, 1906 Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Es gäbe so viel, was ich sagen könnte, aber ich kann es auch lassen. Nur so viel, weil es mir wichtig ist: Kommt gut und heil in und durch die neue Woche!

Ach, und der Rilke ist eines meiner Rilke-Lieblingsgedichte.


Von Menschlichkeit

Menschlichkeit

»Der grausamste Krieg – der menschlichste Krieg!
Zum Frieden führt er durch raschesten Sieg.«
Kaum hört’s der Gegner, denkt er: »Hallo!
Natürlich wüt’ ich dann ebenso!«
Nun treiben die beiden Wüteriche
Die Grausamkeit ins Ungeheuerliche
Und suchen durch das grausamste Wüten
Sich gegenseitig zu überbieten –
Jeder gegen den andern bewehrt
Durch zehn Millionen Leute,
Und wenn sie noch nicht aufgehört,
Dann wüten sie noch heute.

(Frank Wedekind, Menschlichkeit, Text für die »Elf Scharfrichter« (Wikipedia), 1901/02, Nachweis, Online-Quelle)

Dodona

Von Aegyptens Pyramiden
Bis zu Delphis Priesterin,
Bis zu Ganges’ Tempelfrieden
Herrsche einer Lehre Sinn:
Trost zu spenden, Schmerz zu lindern,
Licht zu wecken weit und breit,
Freiheit allen Erdenkindern,
Freiheit, Liebe, Menschlichkeit.

(Hermann Lingg, Dodona (letzte Strophe), aus: Gedichte, Dritte vermehrte Auflage, 1857, Online-Quelle)

Nur liebend ist dein Herz ein Herz

Was ist die Welt, wenn sie mit dir
Durch Liebe nicht verbunden?
Was ist die Welt, wenn du in ihr
Nicht Liebe hast gefunden?

Verklage nicht in deinem Schmerz
Des Herzens schönste Triebe!
Nur liebend ist dein Herz ein Herz,
Was ist es ohne Liebe?

Wenn du die Liebe nicht gewannst,
Wie kannst du es ermessen,
Ob du ein Glück gewinnen kannst,
Ob du ein Glück besessen?

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Nur liebend ist dein Herz ein Herz, aus: Gedichte, 9. Auflage, Berlin 1887, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Gedichte zu einem bestimmten Thema zu finden ist eins. Bei Weitem mehr zeitlichen Aufwand treibe ich mit der korrekten Quellenangabe, der ich mich mit Begeisterung und Angriffslust verschreibe: Mal sehen, ob sich dazu etwas finden lässt.

Daher danke ich für die Suchanlässe nicht nur Ulli, die den Lingg retweetet hatte, und wobei ich ganz besonders gebauchklatscht bin, dass ich herausgefunden habe, dass das eine letzte Strophe ist, sondern auch Karin, von deren Blog (privat) nicht nur der Hoffmann von Fallersleben stammt, sondern auch diese wunderbar sanfte Coverversion von Sting mit Fragile, auf der er selbst zu hören ist. Meine Empfehlung, wenn ihr Zeit habt.

Ansonsten gelten für mich gerade Brechts Zeilen aus den »Nachgeborenen«: Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Dennoch geht die Sonne auf und unter und scheint »über Gerechte und Ungerechte«, wie es so schön heißt. Die Blumen blühen, die Vögel singen, wer bin ich, das nicht zu würdigen, gerade ich? Es tut mir gut, auch wenn ich mich sprachlos fühle und es den Riss nicht heilt.

Passt auf euch auf und kommt gut in und durch die Woche.

 

 

Vom Geheimnis

Neuer Frühling XXXV

Sorge nie, daß ich verrate
Meine Liebe vor der Welt,
Wenn mein Mund ob deiner Schönheit
Von Metaphern überquellt.

Unter einem Wald von Blumen
Liegt, in still verborgner Hut,
Jenes glühende Geheimnis,
Jene tief geheime Glut.

Sprühn einmal verdächt’ge Funken
Aus den Rosen – sorge nie!
Diese Welt glaubt nicht an Flammen,
Und sie nimmt’s für Poesie.

(Heinrich Heine, Neuer Frühling XXXV, aus: Neue Gedichte, 1844, Online-Quelle)

An den Mond

Längst, du freundliches Nachtgestirn,
Ist dein Geheimnis verweht.
Erkenntnisstolz blickt der Knabe schon
Zu dir empor,
Denn verfallen bist du, wie alles jetzt,
Der Wissenschaft,
Die deine Höhen und Tiefen mißt –
Und wer weiß, ob du nicht endlich doch noch
Erstiegen wirst auf der Münchhausenleiter
Der Hypothesen.

Dennoch, du alter, treuer Begleiter der Erde,
Webt und wirkt dein alter Zauber fort,
Wenn du, Aug’ und Herz erfreuend, emportauchst
Mit dem sanftschimmernden Menschenantlitz
Und seligen Frieden gießest
Über tagmüde Gefilde.
Noch immer, wachgeküßt von deinem Strahl,
Seufzt Liebe zu dir hinan –
Und immer noch, ach! besingen dich Dichter.

(Ferdinand von Saar, An den Mond, aus: Gedichte. Zweite, durchges. und verm. Aufl. XII, 1888, Online-Quelle)

Geheimnisvolles Leben Du, gewoben

Geheimnisvolles Leben Du, gewoben
aus mir und vielen unbekannten Stoffen,
geschieh mir nur: Mein Sinn ist allem offen
und meine Stimme ist bereit zu loben.
Wenn Du mir weh tun willst, so komm und schneide
mein Herz entzwei, das tausendfach empfindet,
blende mein Auge mit Brand bis es erblindet,
ich glaube, daß ich wachse, wenn ich leide.
Und wachsen will ich und um jeden Preis.
Reiß mich hinauf an meinen Haaren,
drück mich der Erde in den Schoß!
Nur laß mich deinen Sinn erfahren,
denn ich vermute: Du bist groß.
Laß mich nicht sterben, eh ich weiß
wie sich der Tod zu dir verhält?
Ist er der Widerspruch der Welt?
Ist er ihr Heil?
Ist er ein Teil von dir, des Lebens Teil?
Weil ich ihn so nur denken kann – im Leben.
Du mußt mir nicht sagen wie alles ist.
Du mußt mir nur einige Zeichen geben
und mich mit allen Dingen verweben,
darinnen du verwoben bist.

(Rainer Maria Rilke, Geheimnisvolles Leben Du, gewoben, entstanden am 11.09.1901 in Westerwede, in: Rainer Maria Rilke. Jugendgedichte. Sämtliche Werke; Band III, S. 758 (Zweite Reihe: Nachgelassene Gedichte) (7 Bände, Insel), Nachweis)

 

Quelle: Pixabay

 

Den Rilke habe ich bei Karin entdeckt, deren Blog nicht öffentlich ist, daher kann ich nicht darauf verlinken. Online findet sich öfter mal der erste Teil/Teile des Gedichtes, hier schlägt der Verfasser eine Brücke zu den Duineser Elegien, überaus interessant (und DANKE für die Zeitangabe!). Ein Buch – Stolzenberger, Es wartet eine Welt, Lebensweisheiten – macht Quellenangaben (hurra, VIELEN DANK, könnten das nicht alle?), der auch ich gefolgt bin, nicht ohne sie absichern und mit zusätzlichen Infos anreichern zu können: Schließlich habe ich mich ja erst letzte Woche auf der Regensucherin ebenfalls bei Rilke in seiner Worpsweder Zeit (Westerwede, der Entstehungsort, liegt bei Worpswede) aufgehalten – interessant, oder? Es gibt echt keine Zufälle.

Ich hoffe, ihr seid alle gut durch den Sturm/die Stürme gekommen und habt eine ruhige, erfreuliche, gesunde Woche vor euch. So oder so, seid herzlich gegrüßt!

 

Von der Sanftheit

Schweigen

Über den Wäldern schimmert bleich
Der Mond, der uns träumen macht,
Die Weide am dunklen Teich
Weint lautlos in die Nacht.

Ein Herz erlischt – und sacht
Die Nebel fluten und steigen –
Schweigen, Schweigen!

(Georg Trakl, Schweigen, in: Sammlung 1909, aus: Nachlass, Online-Quelle)

Meine Sehnsucht …

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,
Löst vom Strande sich im Abendrot.

Deine Sehnsucht ist ein weißer Schwan,
Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

Einmal finden auf der blauen Flut
Sich die beiden. Dann ist alles gut …

(Ernst Goll (Wikipedia), Meine Sehnsucht …, aus: Im bitteren Menschenland: Das gesammelte Werk, 1914, 2012, Online-Quelle)

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen

an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

(Rainer Maria Rilke, Liebes-Lied, aus: Neue Gedichte, 1907, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Im Moment geht es bei mir nicht ohne ein Rilke-Häppchen. Und wenn ihr Zeit habt, möchte ich euch dringlich die Vertonung mit Frida Gold und Cassandra Steen aus dem aktuellen Rilke-Projekt ans Herz legen, auf die mich Christian wieder aufmerksam gemacht hat und die ich wunderschön und bezaubernd finde. Enjoy!

Kommt gut in und durch die neue Woche, möge sie einen Zauber für euch bereithalten!


 

Von grauen Tagen

Grauer Himmel trübe Tage …

Grauer Himmel – trübe Tage! –
Keine Lust und keine Plage! –
Weder Sturm noch Sonnenglanz! –
Grauer Stunden dunkler Kranz!

Wie ein Schiff auf stillem Meer
Todt und traurig treibt umher,
Wie ein Mühlrad ohne Bach
Still verharr’ ich Tag auf Tag.

Manchmal muß es doch gewittern!
Manchmal muß das Herz erzittern!
Muß in Leid und Freud erbeben! –
Wie so öd’ ist sonst das Leben!

(Heinrich Seidel, Grauer Himmel trübe Tage, aus: Blätter im Wind, 1882, Online-Quelle)

Grau

I.

Ist denn mein ganzes Sein verwirrt,
Daß alles ich jetzt anders schau’;
Erscheint mir doch die ganze Welt
Ein schmutzig Bild nur, Grau in Grau.

Ich lebte gern und lachte gern
Wie sonst ein Menschenkind –
Doch alles glotzt so fratzenhaft –
Dies Grau, es macht mich blind.

II.

Ein trüber, grauer Regentag,
Kalt und unheimlich öd;
Der Himmel starrt so grau herein,
Die grauen Menschen so blöd.

Da schnell ein rothes Licht herein –
Den rothen Vorhang herab –
Das lügt dann wieder die Rosen mir
Die ich längst verloren hab’ …

(Ada Christen, Grau, aus: Lieder einer Verlorenen, 1873, 3. Auflage, Online-Quelle)

Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich

Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich
Über mein inneres Grau.
Das ist kein Scharwenz um ein Liebedich. –
Gnädige Frau, seien Sie gnädige Frau.

Mein Herz ward arm, meine Nacht ist schwer,
Und ich kann den Weg nicht mehr finden. –
Was ich erbitte, bemüht Sie nicht mehr
Als wenn Sie ein Sträußchen binden.

Es kann ein Streicheln von euch, ein Hauch
Tausend drohende Klingen verbiegen.

Gnädige Frau,
Euer Himmel ist blau!

Ich friere. Es ist so lange kein Rauch
Aus meinem Schornstein gestiegen.

(Joachim Ringelnatz, Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich, aus: aus: Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute, 1934, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ihr ahnt es schon: Kommt gut (und heil) in und durch die neue Woche, sei sie bei euch grau oder nicht!

Gestern (ein ebenfalls sehr grauer Tag) startete der zweite Etüdendurchgang für dieses Jahr. Und was soll ich sagen: Bis abends 22:00 Uhr hatten sich sage und schreibe bereits 19 Etüden angesammelt. Am ERSTEN Tag. Klar, die Wörter sind prima, aber normal ist das nicht. Und jetzt kommt ihr … 😉

 

Von Dunkel und Licht

Ein Licht geht nach dem andern aus

Ein Licht geht nach dem andern aus,
und immer dunkler wird das Haus.
Ich bin allein beim Lampenschein,
ein Leuchtturmgeist in all der Nacht,
der in dem Schlaf der andern wacht
und Angst hat, auf dem Meer zu sein.

Von fern und nah umflattern blaß
der andern Liebe mich und Haß,
gelockt von meinem späten Licht;
ihr Stöhnen tönt mit Lust und Leid
in meine große Einsamkeit,
ihr Gram weht kühl um mein Gesicht.

Schon liegen sie, wie Tote tun,
als probten sie, im Grab zu ruhn,
und nur ihr Atem flackert sacht.
Ich fürchte dieses Schlafes Bann,
der mich für immer halten kann,
und bleibe wach in all der Nacht.

Für immer schloß vielleicht das Tor,
von dem der Schlüssel sich verlor,
bin ich vom Feind umstellt.
Verfallen ist mein Vaterhaus,
ein Licht geht nach dem andern aus,
und immer dunkler wird die Welt.

(Max Herrmann-Neisse, Ein Licht geht nach dem andern aus, in: I. Erinnerung und Exil, aus: Letzte Gedichte, 1941, Online-Quelle)

Auf die Reise

Um Mitternacht, auf pfadlos weitem Meer,
Wann alle Lichter längst im Schiff erloschen,
Wann auch am Himmel nirgends glänzt ein Stern,
Dann glüht ein Lämpchen noch auf dem Verdeck,
Ein Docht, vor Windesungestüm verwahrt,
Und hält dem Steuermann die Nadel hell,
Die ihm untrüglich seine Richtung weist.
Ja! wenn wir’s hüten, führt durch jedes Dunkel
Ein Licht uns, stille brennend in der Brust.

(Ludwig Uhland, Auf die Reise, aus: Sinngedichte, 1861, Online-Quelle)

Der Wächter der Lampe

Wachsein ist alles. Es kommt die Nacht
und keiner wird keinen erkennen.
Haltet wacht
und laßt die Lampen brennen.
Alles Werden ist wankend und ungewiß,
aber alles Ziel ist Reife.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis,
auf daß sie es einst begreife.

(Manfred Kyber, Der Wächter der Lampe, aus: Genius Astri, 1918, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay (Leuchtfeuer auf Texel)

 

Hab überlegt, ob ich euch zwischen den Jahren Lieblingsgedichte servieren sollte. Aber dann bin ich denen hier begegnet … Kommt gut durch Nacht und Tag und gesund und fröhlich in und durch die neue Woche!

 

Von Einsamkeit und Weggehen

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind,
Weit hinaus in die freie Einsamkeit,
Wo dir Wolken, Berge, Bäume und Wind
Großes reden von Später und Ewigkeit.

Und dort schöpfe, fasse und füll dir die Brust,
Daß – kommt einst die Stille zu dir als Braut –
Daß du die Hand ihr gibst in tiefster Lust,
Weil du schon lange mit ihr vertraut.

(Joachim Ringelnatz, Dorthin geh, wo die Andern nicht sind, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

Ich will alleine über die Berge gehn

Ich will alleine über die Berge gehn,
und keiner soll von meinen Wegen wissen;
denn wer den Pfad zu meinen Höhn gesehn,
hat mich von meinen Höhn herabgerissen.

Ich will alleine über die Berge gehn,
mein Lied soll ungehört am Fels verklingen,
und meine Klage soll im Wind verwehn; –
nur wer dem eignen Herzen singt, kann singen; –

nur wer dem eigenen Herzen klagt, kann klagen;
nur wer das eigne Herz erkennt, kann sehn. –
Hinauf zu mir! Ich will der Welt entsagen,
und will alleine über die Berge gehn.

(Erich Mühsam, Ich will alleine über die Berge gehn, Aus: Der Krater, 1909, Online-Quelle)

Der Einsiedler

Er hatte seit Jahren nicht mehr gesät
Verstreut noch reifte ihm das Getreide
Zuletzt ließ er den Hafer ungemäht
Sein Pferd verlor sich auf der Weide.

Er brach eine Zeit noch Beeren vom Ast
Als müßte er einen Hunger stillen,
Dann vergaß er auch diese letzte Last
Um seiner tieferen Ruhe willen.

Er saß vor der Hütte bei Tag und Nacht
Die Hütte verfiel in Wind und Regen
Allmählich wuchsen die Gräser sacht
Seinen Füßen und Knien entgegen

Und wuchsen langsam durch seine Hand.
Er ward wie ein Sieb, ohne Außen und Innen.
Gleichmäßig und ganz ohne Widerstand
Konnten die Jahre durch ihn rinnen.

(Maria Luise Weissmann, Der Einsiedler, aus: Imago, 1923, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Willkommen zum letzten Mal bei den Montagsgedichten zu Adventüden-Zeiten! Ich versuche wieder, einen Aspekt der heutigen Etüde aufzugreifen und hoffe, ihr könnt mir folgen und mögt meine Auswahl …

Viermal werden wir noch wach, heißa, dann …. also, ihr wisst schon: Kommt gesund und einigermaßen heil in und durch die angebrochene Woche! Ich weiß noch nicht, ob es nächste Woche Montagsgedichte geben wird, falls nein, wünsche ich euch hier schon sanfte Feiertage und versichere euch, dass euch die Montagsgedichte auch nächstes Jahr erhalten bleiben werden … 😉

 

Von Begegnungen und Folgen

Begegnung

So viele schöne Pfirsiche sind,
In die niemand beißt.

Die Gier kann auch ein verschämtes Kind
Sein. Was du nicht weißt.
Ohne Lüge kann ich mancherlei
Dir sagen, klänge dir wie Gold.
Doch zeigte ich mein Wahrstes ganz frei,
Wärest du mir nicht mehr hold.

Mädchen versäume dich nicht
Und hüte dich vor List!
Ich aber träume dich,
Wie du gar nicht bist.

(Joachim Ringelnatz, Begegnung, aus: Gedichte dreier Jahre, 1932, Online-Quelle)

Begegnung

Das süße Lächeln starb dir im Gesicht,
Und meine Lippen zuckten wie im Fieber;
Doch schwiegen sie – auch grüßten wir uns nicht,
Wir sahn uns an und gingen uns vorüber.

(Theodor Storm, Begegnung, in: Gedichte II aus: Gedichte – Nachlese, Online-Quelle)

Die arme Frau

Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter?
Du lieber Gott, da seid mir still!
Ein Don Juan? Ein braver, schlichter
Bourgeois – wie Gott ihn haben will.

Da steht in seinen schmalen Büchern,
wieviele Frauen er geküßt;
von seidenen Haaren, seidenen Tüchern,
Begehren, Kitzel, Brunst, Gelüst …

Liebwerte Schwestern, laßt die Briefe,
den anonymen Veilchenstrauß!
Es könnt ihn stören, wenn er schliefe.
Denn meist ruht sich der Dicke aus.

Und faul und fett und so gefräßig
ist er und immer indigniert,
Und dabei gluckert er unmäßig
vom Rotwein, den er temperiert.

Ich sah euch wilder und erpichter
von Tag zu Tag – ach! laßt das sein!
Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter?
In Büchern ja.
Im Leben: nein.

(Kurt Tucholsky, Die arme Frau, aus: Mit 5 PS, 1928, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay (Dresden)

 

Ja, auch zu Adventüden-Zeiten gibt es die Montagsgedichte. Ich versuche, einen Aspekt der jeweiligen Etüde aufzugreifen und hoffe, es gelingt …

Kommt gesund und einigermaßen heil in und durch die neue Woche!

 

Von Städten und Abenden

Man soll in keiner Stadt

Man soll in keiner Stadt länger bleiben als ein halbes Jahr.
Wenn man weiß, wie sie wurde und war,
Wenn man die Männer hat weinen sehen
Und die Frauen lachen,
Soll man von dannen gehen,
Neue Städte zu bewachen.

Läßt man Freunde und Geliebte zurück,
Wandert die Stadt mit einem als ein ewiges Glück.
Meine Lippen singen zuweilen
Lieder, die ich in ihr gelernt,
Meine Sohlen eilen
Unter einem Himmel, der auch sie besternt.

(Klabund, Man soll in keiner Stadt, aus: Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!, 1913, Online-Quelle)

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

(Theodor Storm, Die Stadt, aus: Gedichte (Ausgabe 1885), Online-Quelle)

Siehst du die Stadt?

Siehst du die Stadt, wie sie da drüben ruht,
Sich flüsternd schmieget in das Kleid der Nacht?
Es gießt der Mond der Silberseide Flut
Auf sie herab in zauberischer Pracht.

Der laue Nachtwind weht ihr Atmen her,
So geisterhaft, verlöschend leisen Klang:
Sie weint im Traum, sie atmet tief und schwer,
Sie lispelt, rätselvoll, verlockend bang …

Die dunkle Stadt, sie schläft im Herzen mein
Mit Glanz und Glut, mit qualvoll bunter Pracht:
Doch schmeichelnd schwebt um dich ihr Widerschein,
Gedämpft zum Flüstern, gleitend durch die Nacht.

(Hugo von Hofmannsthal, Siehst du die Stadt?, aus: Die Gedichte 1891–1898, entstanden 1890, Erstdruck aus dem Nachlass 1930, Online-Quelle)

Die Nacht wächst wie eine schwarze Stadt

Die Nacht wächst wie eine schwarze Stadt,
wo nach stummen Gesetzen
sich die Gassen mit Gassen vernetzen
und sich Plätze fügen zu Plätzen,
und die bald an die tausend Türme hat.

Aber die Häuser der schwarzen Stadt, –
du weißt nicht, wer darin siedelt.

In ihrer Gärten schweigendem Glanz
reihen sich reigende Träume zum Tanz, –
und du weißt nicht, wer ihnen fiedelt …

(Rainer Maria Rilke, Die Nacht wächst wie eine schwarze Stadt, aus: Mir zur Feier/Im All-Einen, 1899, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ja, es ist vieles dunkel. Es geht uns allen so, jedenfalls kommt es mir so vor. Kommt gut und heil (und gesund!) in und durch die neue Woche!