Von Raben, Liebe und Tod

Volkslied. Aus dem Schottischen

Ich schweifte umher so ganz allein
Da hört ich zwei Raben schaurig schrein,
Der eine wohl zu dem andern sprach:
Wo finden wir Atzung diesen Tag?
Ich weiß, dort hinter dem faulen Bruch
Liegt ein Ritter erschlagen, frisch genug,
Keine Seele hat ihn dort liegen sehn,
Nur sein Falke sein Hund und sein Liebchen schön.
Sein Hund der ist nun jagen gangen,
Es will der Falk die Waldvögel fangen,
Das Liebchen hat einen andern erkohren,
Bleibt uns die Mahlzeit doch unverlohren.
Du magst sitzen ihm auf der weißen Brust,
Die süßen blauen Augen pick ich mit Lust,
Eine Locke von seinem goldnen Haar
Flicht das Nest uns aus wenns zerrissen war.
Wohl mancher spricht um ihn traurendes Wort,
Wo er lieget soll keiner wissen den Ort,
Ueber die Knochen wenn nackt und bleich sie sind
Soll ewig hinfahren der kalte Wind.

(Carl August Heinrich Zwicker, Volkslied. Aus dem Schottischen, Original v. Walter Scott, The Twa Corbies (ersch. 1806), aus: Wünschelruthe, 1818, Online-Quelle, Scott: Online-Quelle)

Die beiden Raben

Durch die Luft ein Rabe krächzt,
Hungermüd nach Labung lechzt,
Fragt er einen andern Raben:
Werden wir heut Speise haben?

Und der andre Rabe spricht:
Heut an Speise fehlt es nicht:
Tod im Feld, am Waldessaume,
Liegt ein Ritter unter’m Baume.

Wer, warum man ihn erschlug?
Weiß der Falk nur, den er trug,
Weiß des Ritters schwarzes Roß nur
Und sein junges Weib im Schloß nur.

Flog der Falk zum Walde fern,
Blieb das Roß dem Feind des Herrn?
Und die Frau harrt ihres Lieben,
Aber deß nicht, der geblieben …

(Alexander Puschkin, Die beiden Raben, aus: Alexander Puschkin’s Poetische Werke, aus dem Russischen übersetzt von Friedrich Bodenstedt, Erster Band: Gedichte. 1854. Online-Quelle)

Ein russisches Lied

Der Rabe fliegt zum Raben dort,
Der Rabe krächzt zu dem Raben das Wort:
Rabe, mein Rabe, wo finden wir
Heut unser Mahl? wer sorgte dafür?

Der Rabe dem Raben die Antwort schreit:
Ich weiß ein Mahl für uns bereit;
Unterm Unglücksbaum auf dem freien Feld
Liegt erschlagen ein guter Held.

Durch wen? weßhalb? – Das weiß allein,
Der sah’s mit an, der Falke sein,
Und seine schwarze Stute zumal,
Auch seine Hausfrau, sein junges Gemahl.

Der Falke flog hinaus in den Wald;
Auf die Stute schwang der Feind sich bald;
Die Hausfrau harrt, die in Lust erbebt,
Deß nicht, der starb, nein, deß, der lebt.

(Adalbert von Chamisso, Ein russisches Lied/Die zwei Raben, 1838, in: Der Deutsche Musenalmanach 1839, Online-Quelle, Online-Quelle)

Die zwei Raben.

Ich ging über’s Haidemoor allein,
Da hört ich zwei Raben kreischen und schrein;
Der eine rief dem andern zu:
„Wo machen wir Mittag, ich und Du!“

„Im Walde drüben liegt unbewacht
Ein erschlagener Ritter seit heute Nacht,
Und niemand sah ihn in Waldesgrund,
Als sein Lieb und sein Falke und sein Hund.

Sein Hund auf neuer Fährte geht,
Sein Falk auf frische Beute späht,
Sein Lieb ist mit ihrem Buhlen fort, –
Wir können speisen in Ruhe dort.

Du setzest auf seinen Nacken dich,
Seine blauen Augen, die sind für mich,
Eine goldene Locke aus seinem Haar
Soll wärmen das Nest uns nächstes Jahr.

Manch einer wird sprechen: ich hatt’ ihn lieb!
Doch keiner wird wissen, wo er blieb,
Und hingehn über sein bleich Gebein
Wird Wind und Regen und Sonnenschein.“

(Theodor Fontane, Die zwei Raben, aus: Gedichte (1905), Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Da unterhalte ich mich mit Werner bei seiner Etüde über Raben und denke mir, ich könnte ja mal nach Raben-Gedichten schauen. ICH mag Raben nämlich (Krähen auch), sie sind intelligent und gelehrig und, und, und. Die Dichter früher scheinen das allerdings ganz anders gesehen zu haben: Schwarze Vögel brachten Unglück. Daher findet man eigentlich nur Gedichte mit Raben, die mit Tod und Unglück in Verbindung stehen. Schade.

Dann stolperte ich jedoch über eine Handvoll Gedichte, die einander thematisch so ähnlich waren, dass ich mich zu fragen begann, wer denn hier von wem abgeschrieben hatte bzw. woher das Motiv eigentlich kam. Wenn man ein bisschen herumschaut, dann ist es „The Twa Corbies“ von Scott (siehe die Übersetzung von Zwicker). Scott erwähnt in seiner Vorrede aber noch ein anderes, erheblich älteres – „The Three Ravens“ –, das vom Inhalt her fast entgegengesetzt sei (siehe Quelle).

Als Nächster scheint Puschkin das Thema aufgegriffen (und auf die Handlung verkürzt) zu haben; ich habe nichts dazu gefunden, wann er das Gedicht geschrieben hat, ab den 1820ern sind wohl Balladen überliefert und er ist 1837 gestorben – die Jahreszahl bei Bodenstedt ist das Erscheinungsdatum des Bandes. Bodenstedt verehrte Puschkin, wie man unschwer aus der Einleitung herauslesen kann.

Chamisso wiederum hat mehrere Deutsche Musenalmanache herausgegeben (Wikipedia) und scheint Russisch gesprochen zu haben; als er im Manuskript des Deutschen Musenalmanachs eine Ballade von Hoffmann von Fallersleben – „Der erschlagene Ritter“ – entdeckte, die ihm sehr nach Puschkin aussah (beide Versionen ähneln sich sehr), beeilte er sich, dort eine mit „Puschkin“ als Verfasser gekennzeichnete deutsche Version unterzubringen, „um Hoffmann zu necken“ (Beleg). Wer’s glaubt 😉
Chamisso ist wenige Tage später an Lungenkrebs gestorben, ich weiß darüber nicht mehr.

Fontane wiederum hatte ja bekanntermaßen ein Faible für England und Schottland, dem glaube ich sofort, dass er vermutlich sogar auf Scott zurückgegriffen und seine eigene Version davon verfasst hat. Ein Beleg dafür wäre auch, dass er ebenfalls eine Übertragung der oben angesprochenen „Drei Raben“ vorgenommen hat (die in der Gedichtausgabe vor den „Zwei Raben“ steht (wie bei Scott)): hier lesen.

So, habe ich euch genug verwirrt mit meinem Ritt durch die Literaturgeschichte? Dann hoffe ich, dass ihr Spaß hattet, und wünsche euch eine gute neue Woche. 😀
Und wer Edgar Allan Poes „The Raven“ erwartet hat oder Morgensterns „Km 21“ … nun, der muss einfach noch ein bisschen warten …

Update: Okay, okay: Hier kommt „The Raven“, die Version von Alan Parsons Project (Link zu YouTube)

 

Von den Qualen der Wahlen ;-)

Gänsezug.

Die erste Gans im Gänsezug,
Sie schnattert: »Seht, ich führe!«
Die letzte Gans im Gänsezug,
Sie schnattert: »Seht, ich leite!«

Und jede Gans im Gänsezug,
Sie denkt: — Daß ich mich breite
So selbstbewußt, das kommt daher,
Weil ich, ein unumschränkter Herr,
Den Weg mir wähl’ nach eignem Sinn,
All meiner Schritte Schreiter bin
Und meine Freiheit spüre!

(Marie von Ebner-Eschenbach, Gänsezug, aus: 1. Band: Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte, in: Gesammelte Schriften, 1893, Online-Quelle)

Der Esel des Buridan

Rechts Heu und Klee, links Heu und Klee!
Die allerfettsten Weiden –
Dem Esel tut das Wählen weh,
er kann sich nicht entscheiden.
Er schnopert rechts, er schnopert links
und dreht sich dreimal um –
O Buridan, o Buridan,
was ist dein Esel dumm!

Rechts Gras und Korn, links Gras und Korn,
wie knurrt es ihm im Magen!
Und immer wieder geht’s von vorn,
er mag die Wahl nicht wagen.
So zwischen beiden bleibt er stehn
und fällt vor Hunger um –
O Buridan, o Buridan,
was war dein Esel dumm! –

Rechts freie Presse, links Zensur,
rechts Wahrheit, links die Lüge –
Was stehen wir und grübeln nur
und haben’s nicht Genüge?
Wir horchen rechts, wir horchen links
und fragen fern und nah –
O Buridan, o Buridan,
wär’ doch dein Esel da!

Die Freiheit rechts, links Sklaverei,
wer könnt’ es sich verhehlen!
Wir aber stehn und stehn dabei
und wissen nicht zu wählen.
So sind wir doch weit ärger noch
und dummer noch fürwahr,
o Buridan, o Buridan,
als wie dein Esel war!

(Robert Eduard Prutz (Wikipedia), Der Esel des Buridan, aus: Gedichte (Erstdruck). Neue Sammlung, Zürich/ Winterthur (Literarisches Comptoir), 1843, Online-Quelle)
Mehr zu Buridans Esel: hier (deutsch) und hier (engl., wesentlich umfangreicher).

Nach den Wahlen

Es schreit nicht mehr in fetten Schriften
Das Für und Wider von der Wand.
So laßt uns alle Frieden stiften!
Ein jeder reiche seine Hand!

Zur Menschheit wird auf diesem Wege
Die heißentflammte Wählerschar;
Und wieder Nachbar und Kollege
Ist, wer noch gestern Schurke war.

(Ludwig Thoma, Nach den Wahlen, aus: Kirchweih. Simplicissimus-Gedichte, 1912, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Für all die, die es nicht wissen (wollen/können): Deutschland wählt nächsten Sonntag, am 26. September 2021, seinen neuen Bundestag. Dies ist also die Zeit, wo einen gefühlt Hunderte Köpfe von Plakaten anschreien, wenn man das Haus verlässt, und einem erzählen, dass sie doch der beste Freund sind, politisch gesehen …

Corona und die dazugehörigen Diskussionen machen den öffentlichen Ton nicht besser.

Kommt ihr alle dennoch gut und unbeschadet in und durch die Woche! Ich gehöre übrigens zu der stattlichen Zahl der Briefwähler, ihr vielleicht ja auch …

 

Von Abenden und Nächten

Rondel

Verflossen ist das Gold der Tage,
Des Abends braun und blaue Farben:
Des Hirten sanfte Flöten starben
Des Abends blau und braune Farben
Verflossen ist das Gold der Tage.

(Georg Trakl, Rondel, aus: Gedichte (Ausgabe 1913), Online-Quelle)

Heimlich zur Nacht

Ich habe dich gewählt
Unter allen Sternen

Und bin wach – eine lauschende Blume
Im summenden Laub.

Unsere Lippen wollen Honig bereiten,
Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.

An dem seligen Glanz deines Leibes
Zündet mein Herz seine Himmel an –

Alle meine Träume hängen an deinem Golde,
Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.

(Else Lasker-Schüler, Heimlich zur Nacht, aus: Gesammelte Gedichte, 1917, Online-Quelle)

Nachts in der träumenden Stille

Nachts in der träumenden Stille
Kommen Gedanken gegangen,
Nachts in der träumenden Stille
Atmet, zittert ein Bangen,
Nachts in der träumenden Stille,
Ratlose quälende Fragen.
Weit über alles Sagen
Kommen Gedanken gegangen,
Atmet, zittert ein Bangen
Nachts in der träumenden Stille.

(Gustav Falke, Nachts in der träumenden Stille, aus: Tanz und Andacht. Gedichte, 1893, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt heiter und guten Mutes in und durch die neue Woche! 🙂

 

Vom Wechseln der Seite

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke, Herbst, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Online-Quelle)

Ausgang.

Immer enger, leise, leise
Ziehen sich die Lebenskreise,
Schwindet hin, was prahlt und prunkt,
Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben,
Und ist nichts in Sicht geblieben,
Als der letzte dunkle Punkt.

(Theodor Fontane, Ausgang, aus: Gedichte, 1905, Online-Quelle)

Abendglockengebet

Das Schöne bewundern,
das Wahre behüten,
das Edle verehren,
das Gute beschließen.
Es führet den Menschen
im Leben zu Zielen,
im Handeln zum Rechten,
im Fühlen zum Frieden,
im Denken zum Licht
und lehrt ihn vertrauen
auf göttliches Walten
in allem, was ist,
im Weltenall, im Seelengrund.

Für den 7-jährigen Pierre Grosheintz
1913

(Rudolf Steiner, Abendglockengebet, aus: Wahrspruchworte, GA 40 (2005), Online-Verweise auf Steiner, Online-Quelle)


Unbedingt bitte lesen, wer es nicht kennt:

Mascha Kaléko: Memento

Aus Gründen. Mehr als guten.

Und (weil es eines meiner liebsten ist):

Mascha Kaléko: Die frühen Jahre

(Links zur Rechteinhaberin, da man Kaléko natürlich nicht zitieren darf)

 


Und vielleicht liebt ja noch jemand mehrstimmigen Gesang als Kanon … Vorsicht! Ohrwurmcharakter! Singen heilt …

Schweige und höre, Elbcanto, Helge Burggrabe – sehr zu empfehlen!

 


Quelle: Pixabay

 

Ja, das ist genau das, was ihr (vielleicht) vermutet. Eine Freundin ist unverhofft gestorben, ich sortiere mich, dies ist ein Teil davon.

Kommt gut und sanft (und heil) in und durch die neue Woche.

Das wöchentliche Update: 17 Adventüden bisher, könnten bitte alle, die noch wollen und noch nicht haben, mal verstärkt in Wallung kommen? 😉

 

Von Löwen und Menschen

Schöpfungslieder

II.

Und der Gott sprach zu dem Teufel:
Ich der Herr kopier’ mich selber,
Nach der Sonne mach’ ich Sterne,
Nach den Ochsen mach’ ich Kälber,
Nach den Löwen mit den Tatzen
Mach’ ich kleine liebe Katzen,
Nach den Menschen mach’ ich Affen;
Aber du kannst gar nichts schaffen.

III.

Ich hab’ mir zu Ruhm und Preiß erschaffen
Die Menschen, Löwen, Ochsen, Sonne;
Doch Sterne, Kälber, Katzen, Affen,
Erschuf ich zu meiner eigenen Wonne.

(Heinrich Heine, Schöpfungslieder, in: Verschiedene, aus: Neue Gedichte, 1844, Online-Quelle)

Welch ein eignes Reich ist doch

Welch ein eignes Reich ist doch
Das der Liebe! seine Wunder
Werden nimmer ausgesagt.
Nicht befremdlich ist es uns,
Wenn gefürchtet starke Löwen
Schüchterne Gazellen jagen;
Die Gazelle deines Auges
Macht jedoch auf Löwen Jagd.

(Georg Friedrich Daumer, Welch ein eignes Reich ist doch, aus: Hafis. Eine Sammlung persischer Gedichte, 1846, Online-Quelle)

Der Handschuh.

Erzählung.

Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz.

Und wie er winkt mit dem Finger,
Aufthut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt,
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.

Und der König winkt wieder,
Da öfnet sich behend
Ein zweites Thor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor,
Wie der den Löwen erschaut
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif,
Und recket die Zunge,
Und im Kreise scheu
Umgeht er den Leu
Grimmig schnurrend,
Drauf streckt er sich murrend
Zur Seite nieder.

Und der König winkt wieder,
Da speit das doppelt geöfnete Haus
Zwey Leoparden auf einmal aus,
Die stürzen mit muthiger Kampfbegier
Auf das Tigerthier,
Das pakt sie mit seinen grimmigen Tatzen,
Und der Leu mit Gebrüll
Richtet sich auf, da wirds still,
Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagern sich die greulichen Katzen.

Da fällt von des Altans Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leu’n
Mitten hinein.

Und zu Ritter Delorges spottender Weis’
Wendet sich Fräulein Kunigund:
»Herr Ritter ist eure Lieb so heiß
Wie ihr mirs schwört zu jeder Stund,
Ey so hebt mir den Handschuh auf.«

Und der Ritter in schnellem Lauf
Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen
Sehens die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück,
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick –
Er verheißt ihm sein nahes Glück –
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und der Ritter sich tief verbeugend, spricht:
Den Dank, Dame, begehr ich nicht,
Und verläßt sie zur selben Stunde.

(Friedrich Schiller, Der Handschuh, in: Musen-Almanach für das Jahr 1798, 1797, Wikipedia, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Und? Was haltet ihr ab und an von einer Ballade, vor allem von so einem Klassiker? Mir sind sie meist zu lang, um sie zu posten, aber viele mag ich sehr …

Wie immer: Kommt gut und sanft in und durch die neue Woche!

Eingetroffene Adventüden (inklusive meiner eigenen): 15. Großartig, herzlichen Dank! Ihr anderen: Noch vier Wochen Zeit 🙂

 

Von Sommer und Liebe

Sommer

Am Abend schweigt die Klage
Des Kuckucks im Wald.
Tiefer neigt sich das Korn,
Der rote Mohn.

Schwarzes Gewitter droht
Über dem Hügel.
Das alte Lied der Grille
Erstirbt im Feld.

Nimmer regt sich das Laub
Der Kastanie.
Auf der Wendeltreppe
Rauscht dein Kleid.

Stille leuchtet die Kerze
Im dunklen Zimmer;
Eine silberne Hand
Löschte sie aus;

Windstille, sternlose Nacht.

(Georg Trakl, Sommer, aus: Sebastian im Traum, 1915, Online-Quelle)

Gefunden

Laue Sommernacht; am Himmel
Stand kein Stern; im weiten Walde
Suchten wir uns tief im Dunkel,
Und wir fanden uns.

Fanden uns im weiten Walde
In der Nacht, der sternenlosen,
Hielten staunend uns im Arme
In der dunklen Nacht.

War nicht unser ganzes Leben
So ein Tappen, so ein Suchen?
Da: In seine Finsternisse,
Liebe, fiel Dein Licht.

(Otto Julius Bierbaum, Gefunden, aus: Irrgarten der Liebe, 1901, Online-Quelle)

Rosen

Ach, gestern hat er mir Rosen gebracht,
Sie haben geduftet die ganze Nacht,
Für ihn geworben, der meiner denkt –
Da hab’ ich den Traum der Nacht ihm geschenkt.

Und heute geh’ ich und lächle stumm,
Trag’ seine Rosen mit mir herum
Und warte und lausche, und geht die Thür,
So zittert mein Herz: ach, käm er zu mir!

Und küsse die Rosen, die er gebracht,
Und gehe und suche den Traum der Nacht …

(Thekla Lingen, Rosen, aus: Am Scheidewege, 1898, Online-Quelle)

 

Quelle: Unsplash

 

Kommt gut und sanft durch die neue Woche! 😉

Update Adventüden: höchst erfreuliche 9, Stand gestern Abend. Vielen Dank! Weiter so! 😀

 

Von Meer und Sehnsucht

Die singende Muschel

Als Kind sang eine Muschel
mir das Meer.
Ich konnte träumelang
an ihrem kühlen Munde lauschen.

Und meine Sehnsucht wuchs
und blühte schwer,
und stellte Wünsche und Gestalten
in das ferne Rauschen.

(Franziska Stoecklin, Die singende Muschel, aus: Die singende Muschel, 1925, Online-Quelle)

Meine Sehnsucht …

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,
Löst vom Strande sich im Abendrot.

Deine Sehnsucht ist ein weißer Schwan,
Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

Einmal finden auf der blauen Flut
Sich die beiden. Dann ist alles gut …

(Ernst Goll (Wikipedia), Meine Sehnsucht …, aus: Im bitteren Menschenland: Das gesammelte Werk, 1914, 2012, Online-Quelle)

Nur dich

Der Himmel trägt im Wolkengürtel
Den gebogenen Mond.

Unter dem Sichelbild
Will ich in deiner Hand ruhn.

Immer muß ich wie der Sturmwill,
Bin ein Meer ohne Strand.

Aber seit du meine Muscheln suchst,
Leuchtet mein Herz.

Das liegt auf meinem Grund
Verzaubert.

Vielleicht ist mein Herz die Welt
Pocht –

Und sucht nur noch dich –
Wie soll ich dich rufen?

(Else Lasker-Schüler, Nur dich, aus: Gesammelte Gedichte, 1917, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Off topic ist der aktuelle Adventüdenstand: Bisher haben mich 6 Etüden erreicht. Vielen Dank!

Die Tatsache, dass ich zu der Unwetterkatastrophe schweige, bedeutet nicht, dass sie mich nicht berührt. Eher im Gegenteil. Ich bin fassungs- und sprachlos.

Kommt gut und wohlbehalten in und durch die neue Woche!

 

Vom Wandern und der Zeit

Über den Bergen

Über den Bergen, weit zu wandern,
sagen die Leute, wohnt das Glück.
Ach und ich ging im Schwarme der andern,
kam mit verweinten Augen zurück.
Über den Bergen, weit, weit drüben,
sagen die Leute, wohnt das Glück …

(Carl Hermann Busse, Über den Bergen, aus: Gedichte, 1892, 4. erw. Auflage 1899. Online-Quelle)

Wanderung zur Nacht

Wenn ich in Nächten wandre
Ein Stern wie viele andre,
So folgen meiner Reise
Die goldnen Brüder leise.

Der erste sagts dem zweiten,
Mich zärtlich zu geleiten,
Der zweite sagts den vielen,
Mich strahlend zu umspielen.

So schreit ich im Gewimmel
Der Sterne durch den Himmel.
Ich lächle, leuchte, wandre
Ein Stern wie viele andre.

(Klabund, Wanderung zur Nacht, in: Lesebuch. Vers und Prosa, 1926, Beleg (Titel), Beleg, Online-Quelle)

Sterne wandern durch die Weiten

Sterne wandern durch die Weiten;
ferne Wasser singen sacht.
Möcht mein Herz mir schier entgleiten
in den Silberglanz der Nacht.

Menschenleid und Menschenfehle
sind so fern und erdenweit –
Gib, o Nacht, doch meiner Seele
deiner Reinheit Sternenkleid!

(Rudolf Koch (Wikipedia-Artikel), Sterne wandern durch die Weiten, Online-Quelle, bessere Quelle dringend gesucht!)

Morgen- und Abendopfer

Ein Tag, der sagt dem andern,
Mein Leben sei ein Wandern,
Zur großen Ewigkeit.
O Ewigkeit, so schöne,
Mein Herz an dich gewöhne,
Mein Heim ist nicht in dieser Zeit.

(Gerhard Tersteegen, Morgen- und Abendopfer (9. und letzte Strophe), Kirchenmusiker, aus: Geistliches Blumengärtlein, 1729, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut in und durch die neue Woche, und möge sie für uns alle sonnig und heiter sein … 😉

 

Vom Frühling

April

Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum –
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.

(Theodor Storm, April, aus: Gedichte (Ausgabe 1885), Erstes Buch, Online-Quelle)

Frühlingssegen

Der Schlehbusch am Wege
Schimmert in Blüthen,
An den Geländen
Des Thales entlang
Schreitet der Frühling
Mit segnenden Händen.
Über den Wiesen
Hängt Glockenklang,
Flüsternde Stimmchen
Erwachen im Dorn,
Und auf den Feldern,
Aus Schollen und Ritzen,
Lugt es hervor
Mit grünlichen Spitzen,
Das heilige Korn.

(Anna Ritter, Frühlingssegen, aus: Befreiung. 1. Auflage 1900, Online-Quelle)

Frühlings-Seufzer

Großer Gott, in dieser Pracht
Seh’ ich Deine Wunder-Macht
Mit vergnüg’ter Seelen an.
Es gereiche dir zu Ehren,
Daß ich sehen, daß ich hören,
Fühlen, schmecken, riechen, kann!

(Barthold Hinrich Brockes, Frühlings-Seufzer, aus: Irdisches Vergnügen in Gott, Zweyter Theil, 1739, Online-Quelle)

 

Frühlingserwachen | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, anklicken macht groß!

 

Wie immer: Kommt gut in und durch die neue Woche und habt eine heitere und behütete Zeit!

 

Vom Gedenken

Dämmerung

Am Himmel steht der erste Stern,
Die Wesen wähnen Gott den Herrn,
Und Boote laufen sprachlos aus,
Ein Licht erscheint bei mir zu Haus.

Die Wogen steigen weiß empor,
Es kommt mir alles heilig vor.
Was zieht in mich bedeutsam ein?
Du sollst nicht immer traurig sein.

(Theodor Däubler, Dämmerung, aus: Das Sternenkind, 1916, Online-Quelle)

All dies ist tot und wird nicht mehr erwachen

All dies ist tot und wird nicht mehr erwachen,
Denn Stunden gibt es, die wie Geigen sind,
Die nimmer klingen, wenn sie einmal brachen,
Und Stunden sind, die wie verlorne Nachen
Zum Ufer treibt nicht Woge mehr und Wind.

(Anton Wildgans, Strophe aus Verlorene Stunden (Online-Quelle, ca. Mitte; entstanden 1907), als Motto verwendet in seinem Gedichtband „Buch der Gedichte“ von 1929, das eine Auswahl seines Schaffens bietet und wo jeweils ein Gedichtteil Gedichten dieser Phase (hier: „Herbstfrühling“ von 1909) bzw. Themen vorangestellt wurde (Online-Quelle)

Ich komm’, weiß nit woher

Ich komm’, weiß nit woher
ich bin, und weiß nit wer
ich leb’, weiß nit wie lang
ich sterb’ und weiß nit wann
ich fahr’, weiß nit wohin.
Mich wundert’s, daß ich fröhlich bin.

Da mir mein Sein so unbekannt
geb’ ich es ganz in Gottes Hand
die führt es wohl, so her wie hin.
Mich wundert’s, wenn ich noch traurig bin.

(Erste Strophe: Magister Martinus von Biberach († 1498) fälschlicherweise zugeschrieben, jedoch älter (Wikipedia-Artikel), zweite Strophe Erweiterung durch Hans Thoma, Jahrbuch der Seele, 1922)

 

Quelle: Pixabay

 

Letzte Woche hatte ich einen 10. Todestag zu begehen. Da mich das Gedenken mehr oder weniger intensiv die ganze Zeit begleitet hat, dachte ich, das wäre ein guter Anlass für die Montagsgedichte. Ja, meine Trauerlieder sind längst alle gesungen, aber dennoch: Es ist lange her und trotzdem nie vorbei.

 

Von Politik und Welt

Heutige Welt-Kunst

Anders seyn und anders scheinen,
Anders reden, anders meinen,
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, stets behagen,
Allem Winde Segel geben,
Bös- und Guten dienstbar leben;
Alles Thun und alles Tichten
Bloß auf eignen Nutzen richten:
Wer sich dessen wil befleissen,
Kan politisch heuer heissen.

(Friedrich von Logau, Heutige Welt-Kunst, aus: Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte drei Tausend, Desz ersten Tausend neundes Hundert, entstanden 1646–1648, Wikipedia-Artikel, Online-Quelle)

[Sie sang vom irdischen Jammerthal]

Sie sang vom irdischen Jammerthal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eyapopeya vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn’ auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

(Heinrich Heine, Sie sang vom irdischen Jammerthal, aus: CAPUT I, in: Deutschland, ein Wintermährchen, 1844, Online-Quelle)

Resignation

Es gibt noch Leute, die sich quälen,
Aus denen sich die Frage ringt:
Wie wird der Deutsche nächstens wählen?
Wie wird das, was die Urne bringt?

Die Guten! Wie sie immer hoffen!
Wie macht sie doch ein jedesmal
Der Ausfall neuerdings betroffen!
Als wär‘ er anders, wie normal!

Wir wissen doch von Adam Riese,
Daß zwei mal zwei gleich vieren zählt.
Und eine Wahrheit fest wie diese
Ist, daß man immer Schwarze wählt.

Das Faktum läßt sich nicht bestreiten,
Auch wenn es noch so bitter schmeckt.
Doch hat das Übel gute Seiten:
Es ruhet nicht auf Intellekt.

Man muß die Sache recht verstehen;
Sie ist nicht böse, ist nicht gut.
Der Deutsche will zur Urne gehen,
So wie man das Gewohnte tut.

Wer hofft, daß es noch anders würde,
Der täuscht sich hier, wie überall.
Die Schafe suchen ihre Hürde,
Das Rindvieh suchet seinen Stall.

(Ludwig Thoma, Resignation, aus: So war’s einmal, in: Ausgewählte Gedichte, Online-Quelle)

Trost

Alle, die tot auf dem Schlachtfeld liegen,
Hatten ein Leben nur zu verlieren,
Und doch ist es stets wieder ein Vergnügen,
Europas Grenzen zu korrigieren.
Der Diplomat brummt verächtlich: Ach!
Die Menschen? Die wachsen schnell wieder nach.

(Frank Wedekind, Trost, Text für die „Elf Scharfrichter“ (Wikipedia), 1901/02, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Zur Erheiterung (oder auch nicht) in stürmischen Zeiten.
Wie immer, kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Von Gesang und Müdigkeit

Ich bin sehr müde

Mein Fenster lehnt sich weit in den Abend hinaus,
Die Wolken stehen über den Dächern, ein Blumenstrauß,
Die Luft streichelt mich und ist sanft und voll großer Güte.
Ich aber halte die Hände gefaltet, denn ich bin müde,
Und höre verwundert auf das beschwingte Schreiten
Der Menschen, die auf der Straße vorübergleiten,
So sehr sind ihnen heute die Glieder leicht.
Nur ich liege, schwergebettet in meine Müde.
Manchmal höre ich einen Schritt, der Deinem gleicht,
Dann bin ich, Geliebter, wie die Musik der Schritte leicht
Und wie die Wolken über den Dächern silberne Blüte.

(Maria Luise Weissmann, Ich bin sehr müde, aus: Das frühe Fest, 1922, Online-Quelle)

Altes Lied.

Alter Text und alte Weise –
Wie das durch mein Leben zog,
Und so wehmuthsvoll und leise
Mir den Himmel nieder log.
Fast vergessen pocht es wieder
An das eingewiegte Herz,
Und der erste Ton ist wieder,
So wie einst, ein leiser Schmerz.

(Ada Christen, Altes Lied, aus: Aus der Asche. Neue Gedichte, 1870, Online-Quelle)

Das Meer singt

Singe das Leben
Trunken und weit.
Rausche euch allen
Unendlichkeit.

Singe die Liebe
Grausam und groß.
Breit über alles
Mein Namenlos.

Gott tönt aus mir.
Dunkel und Glut.
Alles ist tödlich
Und alles ist gut.

(Franziska Stoecklin, Das Meer singt, aus: Die singende Muschel, 1925, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!