Von Meer und Liebe

 

Aus tausend Quellen quillt die Nacht

Aus tausend Quellen quillt die Nacht
Und übernimmt den Himmel unsrer Träume.
Da ist ein Licht noch – dort noch Bäume,
Dann nichts mehr. Sintflut. Nur noch Nacht.

Aus Ozeanen ohne Licht erheben sich Gedanken,
Wie Meerestiere schwimmen unsre Träume
Mit schweren Flossen durch die Finsternis der Räume
Und kreisen um die Hoffnungsschiffe, die versanken.

(Guido Zernatto, Aus tausend Quellen quillt die Nacht, aus: Gedichte, 1950, Online-Quelle)

 

Diese Rose von heimlichen Küssen schwer:
Sieh, das ist unsre Liebe.
Unsre Hände reichen sie hin und her,
unsre Lippen bedecken sie mehr und mehr
mit Worten und Küssen sehnsuchtsschwer,
unsre Seelen grüßen sich hin und her –
wie über ein Meer – – wie über ein Meer – –
Diese Rose vom Duft unsrer Seelen schwer:
Sieh, das ist unsre Liebe.

(Christian Morgenstern, Diese Rose von heimlichen Küssen schwer, aus: Stuttgarter Ausgabe, Bd. 1, Online-Quelle)

 

Naturgesetz

Zwei reißende Ströme, die fluten und fließen,
um sich gemeinsam ins Meer zu ergießen –

Zwei himmelaufsprühende, lodernde Flammen,
im heiligen Feuer schlagend zusammen –

Zwei Wetterwolken, die sich begegnen,
Im Frühlingsgewitter die Welt zu segnen – –

Dein Herz und mein Herz, die jubelnd sich finden
Im Muß? Im Wollen? Wer mag es ergründen!

(Clara Blüthgen, Naturgesetz, aus: Paul Grabein, Liebeslieder moderner Frauen, 1902, Online-Quelle)

 

Ein Frühlingswind

Mit diesem Wind kommt Schicksal; laß, o laß
es kommen, all das Drängende und Blinde,
vor dem wir glühen werden –: alles das.
(Sei still und rühr dich nicht, daß es uns finde.)
O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
über das Meer her was wir sind.

… Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
(Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.)
Aber mit diesem Wind geht immer wieder
das Schicksal riesig über uns hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Ein Frühlingswind, Februar 1907, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 15/16. Online-Quelle, zur Interpretation)

 

Herzmuschel | 365tageasatzaday Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut in und durch die neue Woche und bleibt heiter!

 

Und weil ich gestern zufällig drauf gestoßen bin, hier ein anderes „Meer“-Lied als mein übliches, da man das Meer sowieso gerade nicht sehen kann: AnnenMayKantereit, „Ozean“. Hier ist der Text. „Hennings Version“, weil ich die Stimme so geil finde.

 

 

 

Das Schöne vom Tag

 

Zum Einschlafen und vielleicht auch zum Aufwachen. Für alle, die mit Meditation (und Singen) zumindest ansatzweise was am Hut haben. Ich finde den Gesang einfach … magisch.

 

 

Heute entdeckt bei Mystik aktuell.
Außerdem möchte ich die Gute-Nachrichten-Initiative von René damit unterstützen.

Bei Mystik aktuell findet sich auch der Text sowie der Hinweis, dass dieser Text aus der Sufi-Tradition stamme.

 

Oh du mein Gott,
gib mir Licht,
stärke mein Licht,
mache mich zu Licht.

Gott setze Licht in mein Herz,
Licht in meine Seele,
Licht in meinen Geist,
Licht in mein Bewusstsein,
Licht in mein Denken und
Licht in mein Tun.

Gott setze Licht auf meine Zunge,
Licht in meine Augen,
Licht in meine Ohren,
Licht in meine Nerven,
Licht in mein Blut und
Licht in meine Haut.

Gott setze Licht zu meiner Rechten,
Licht zu meiner Linken,
Licht hinter mir,
Licht vor mir,
Licht über mir und
Licht unter mir.

 

Mir ist schon klar, dass viele von euch keine Ader dafür haben, andere aber vielleicht um so mehr.

Kommt gut durch die Nacht und in den neuen Tag!

 

 

Vom Sturm und dem Leben

 

Ich will den Sturm!

Ich will den Sturm, der mit den Riesenfäusten
Vom Boden der Alltäglichkeit mich reißt
Und mich hinauf in jene Höhen schleudert,
Wo erst das Leben wahrhaft Leben heißt!

Ich will den Sturm, der mit gewaltgem Athem
Zur lichten Gluth die stillen Funken schürt
Und, alle Kräfte dieser Brust entfesselnd,
Zum Siege oder zur Vernichtung führt!

Laß mich nicht sterben, Gott, eh meine Seele
Ein einzig Mal in Siegeslust gebebt –
Ich kann nicht ruhig in der Erde schlafen,
Eh ich nicht einmal, einmal ganz gelebt!

(Anna Ritter, Ich will den Sturm!, aus: Befreiung. Neue Gedichte, 1900, Online-Quelle)

 

Vorgefühl

Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
Die Thüren schließen noch sanft und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.

Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.

(Rainer Maria Rilke, Vorgefühl, aus: Buch der Bilder, Erstes Buch, 1906, Quelle)

 

Der Sturm

Steht ein Rosenstrauch in deinem Garten
und er ist noch gar nicht grün.
Und du kannst es kaum erwarten,
daß die erste Knospe komme, zart und dünn,
und daß sie verkünde neues Leben.
Wartest, wartest voller Angst und Beben,
bis ein Morgen kommt – und sie ist da.

Und sie ist so fein und schlank und hell,
ganz geschlossen noch und kaum gesehn
und du möchtest, daß sie aufbricht, ganz, ganz schnell,
da du weißt, wie rasch die Zarten untergehn.
Doch es enteilt ein Tag und es enteilt ein zweiter
und die Himmel werden blauer, werden weiter
und die Knospe bricht nicht auf.

Und du weißt: wenn jetzt ein Frost kommt, stirbt sie,
stirbt und hat das Leben nicht gelebt.
Möchtest gerne helfen und weißt doch nicht wie,
fürchtest sehr, daß nicht ein Wind sich hebt,
der sie dir vom Stamme bricht –
in der Nacht, du schläfst und siehst es nicht,
und sie ist bei Tag schon tot.

Kommt dann eine Nacht, und Stürme brausen um dein Haus,
um dein Haus, mit den verschloßnen Toren.
Und du bäumst dich auf und willst und willst hinaus
und dir klingt’s wie Wimmern in den Ohren.
Endlich bist du draußen – und du siehst den Rosenstrauch dir an –
Sieh – es ist die Knospe aufgebrochen.
Was die Sonne nicht vermocht’ in langen Wochen,
hat ein einz’ger Sturm getan.

(Selma Meerbaum-Eisinger, Der Sturm, März 1941, aus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt, Online-Quelle, mehr zu Selma hier)

 

Gewitter hinter Baumsilhouetten in der Nacht | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Klar, dass es heute Sturmgedichte sein müssen, oder? Kommt gut durch den Sturm und in die neue Woche!

Update: Musik zum Tag. Enjoy!

 

 

 

Von Feiern und Musik

 

Christbaumfeier

Piano, Geige: Hupf mein Mädel (forte),
Im Christbaum zucken gelblich ein paar Lichter,
Und an die Rampe tritt Kommis und Dichter
Und stottert stockend tannendufte Worte.
Man trampelt: „Bravo, Bravo“ mit den Füßen
Und prostet mit den Krügen nach dem Helden,
Indem sich schon zwei weiße Fräuleins melden,
Mit „Stille Nacht“ die Menge zu begrüßen.
Man säuft, man schreit, man giert und man verlost
Die Lebenslust – Rosa, unwiderstehlich,
Bringt lächelnd ihrem Buben bei (allmählich),
Daß er mich Papa ruft. – Na danke. Prost.

(Klabund, Christbaumfeier, aus: Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!, 1913, Online-Quelle)

 

Bettellied/Christmas is coming

Weihnacht kommt näher
Die Gänse werden fetter
Gebt einen Groschen
Dem armen, alten Bettler!

Habt ihr keinen Groschen
Ein halber tuts zur Not
Und wenn ihr keinen halben habt
Dann helf euch Gott!

(Christmas is coming, altenglisch, Online-Quelle)

 

In die Zeit, als ich noch viel Sting gehört habe, fiel auch seine Weihnachtsplatte „If on a Winter’s Night“, die ich sehr mochte und immer noch höre. Darauf befindet sich ein Stück namens „Soul Cake“, das ich euch unten eingebunden habe, welches obigen Text enthält (die zweite Strophe).

Interessant finde ich den Wikipedia-Eintrag zu den Soul Cakes als Halloween-Tradition (hier lesen). Die Quellen des Liedes reichen zurück bis ins Jahr 1891/3, wobei Sting sich wohl wirklich Peter, Paul & Mary angeschlossen hat, denn er gibt deren Quelle bei sich ebenfalls an (im Original steht nicht „Till Christmas Time“ (was Sting singt), sondern „Till this time“ (Quelle: englische Wikipedia zu Soul Cake). Die englische Wikipedia weiß aber auch, dass schon 1893 Zeilen aus Weihnachtsliedern vorkamen (unter anderem obiges „Christmas is coming“, womit sich der Kreis schließt). Insgesamt ist der englische Beitrag zum Thema erheblich detailreicher und exakter, falls es euch interessiert und ihr des Englischen mächtig seid, lest den.

Wie ich beim Herumsuchen entdeckt habe, gibt es viele schöne Versionen dieses Liedes auf YT (nicht nur von Sting), sollte es euch gefallen, wünsche ich euch viel Spaß beim Herumhören!

Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

 

 

 

Vom Leben und vom Meer

 

Was ist des Menschen Denken? 

Was ist des Menschen Denken?
Ein Labyrinth voll Nacht!

Was ist des Menschen Können?
Ach, eines Kindes Macht!

Was ist des Menschen Wissen?
Von Deinem Meer ein Schaum,

Was ist des Menschen Leben?
Ein kurzer bunter Traum!

(Ludwig Bechstein, Was ist des Menschen Denken?, aus: Faustus. Ein Gedicht, Leipzig 1833, Online-Quelle)

 

Die Wasser tragen alles

Die Wasser tragen alles:
Leg’ nur dein Glück darauf!
Sie heben’s wie auf Händen
Zum Sternenlicht hinauf.

Die Wasser tragen alles:
Leg’ auch dein Leid darauf!
Sie tragen’s nach dem Meere
In nimmermüdem Lauf.

(Karl Ernst Knodt, Die Wasser tragen alles, aus: Von Sehnsucht, Schönheit, Wahrheit, 1910, Online-Quelle)

 

Woher? Vom Meer

Woher?
Vom Meer.
Wohin?
Zum Sinn.
Wozu?
Zur Ruh.
Warum?
Bin stumm.

Klabund, Woher? Vom Meer, aus: Das heiße Herz. Berlin 1922, Online-Quelle)

 

Ansichten von Büsum | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst vom Wochenende

 

ZUGABE: Aus aktuellem Anlass wieder mal ein Lieblings-Ohrwurm: Malediva – Fast schon das Meer sehen. Egal, ob ihr es kennt oder nicht: ENJOY!

Wenn man allein ist ist es ganz oft schwer den Lauf der Welt zu drehn
Dann braucht es einen der dir sagt: lass uns noch ein bisschen gehn
Denn von hier und hier von genau da wo wir stehn
Kann man fast schon das Meer sehn.

(Malediva, Fast schon das Meer sehen, Text steht unter dem Video bei YT)

 

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Für die Vielfalt

Vor zwanzig Jahren hab ich es schon mitgesungen bzw. mitgesprochen, heute ist es aktueller denn je. Es gibt aktuell ein Cover des Liedes von Konstantin Wecker, „Sage Nein!“, durch den Dresdner Musiker Ezé Wendtoin.

 

 

Nein, das heißt nicht, dass ich unkritisch sofort alles gut finde, was aus einer bestimmten Ecke kommt. Meine Überzeugung ist lediglich, dass man Ars…her nicht automatisch an ihrer Hautfarbe, ihrem Glauben, ihrem Sexualverhalten, ihren Essensgewohnheiten oder … (sucht euch was aus) erkennt. Ich glaube letzten Endes an die Verantwortung und an die Entscheidungsfreiheit jedes Einzelnen (ob hier geboren oder nicht), ob er „Fremdes“/“Abweichendes“ als Bedrohung oder als Bereicherung ansieht.

Wir müssen alle miteinander leben, wir haben nur diese Welt. Verstehen wollen hilft. Veränderungen zulassen hilft. Sich auseinandersetzen hilft.
(Und wer dazu beiträgt, Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzuhetzen, muss sich fragen lassen, was er davon hat. Unser System ist kapitalistisch, also muss eine wichtige Frage sein, um zu verstehen: Wer hat was davon? Wo/wie/warum fließt das Geld, und an wen?)

Hier wird über Ezé Wendtoin und den Song berichtet (Dresdner Zeitung). Gefunden bei Red Skies over Paradise, ich hätte rebloggt, wenn es gegangen wäre. Für alle Fälle (man weiß ja nie) weise ich darauf hin, dass ich auf meinem Blog Kommentare moderiere.

Kommt gut ins Wochenende!

 

Der Umschwung | abc.etüden

Es hatte die ganze Nacht geregnet. Sie hatte das Geräusch geliebt, das Prasseln auf dem Dach, das Wehen des Windes, den klatschnassen Fellträger abzutrocknen, ein Ritual, das er inzwischen geduldig über sich ergehen ließ, bevor er sich bei ihr schlafen legen durfte. Der Vormittag danach war trüb und verhangen gewesen, sie hatte das Gesicht ungeduldig dorthin gedreht, wo sie die Sonne wusste und nach ihr gerufen. Immerhin war es trocken. Die Wettervorhersage hatte versprochen, dass es gegen Abend besser sein würde. Mehr brauchte sie nicht. Sie würde warten.

Als sie schon fast zu zweifeln begann, geschah es. Wind kam auf, der die Wolken auseinanderblies, ein gleitender Übergang zwischen ziemlich ungemütlich und ziemlich nett. Es schien, als hätte der himmlische Strippenzieher seinen Malkasten ausgepackt und gut gelaunt überall ein wenig klare Farben hingetupft. Himmelblaus und Wasserblaus. Baumgrüns in allen Schattierungen. Weiß (nicht nur) von den Kastanienkerzen, Ginstergelb, erstes Mohnrot. Letzter Fliedergeruch, der in der Luft lag und bestimmt bald wieder von Grillfleisch überlagert werden würde. Und, oh, sie hielt inne, staunte und freute sich besonders: Sieben kleine Schwäne in ihrem Lieblingsteich, das Ritual alle Jahre im Mai, Schwäne gucken und zählen. Das Schwanenpaar hatte es wieder geschafft. Wenn das kein gutes Vorzeichen war, egal, wofür.

O nein, das Wetter würde ihre Laune nicht torpedieren, versprach sie sich. Wozu gab es windfeste Jacken. Sie sah einem langen Wochenende mit netten Menschen entgegen – voller Pläne. Sie würde es genießen.

 

abc.etüden 2019 21+22 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 21/22.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal vom Team dergl und dergls Blog Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel und lauten: Malkasten, gleitend, torpedieren.

Ihr Lieben, dies ist sozusagen eine Ich-bin-dann-mal-unterwegs-Etüde, denn ich habe zurzeit eine geliebte Freundin zu Besuch und bin daher aus allerlei nachvollziehbaren Gründen eigentlich nicht online. Das beeinflusst sowohl meine (verspäteten) Reaktionen auf eure Etüden als auch meine Möglichkeiten, bei euch zu lesen und meinen Senf dazuzugeben, was ein bisschen schade ist, weil mich speziell die Miksang-Debatte bei Myriade und Gerda auch sehr interessiert. Ich hole es nach. Nächste Woche. Bis dahin werde ich aber wenig online sein und bitte um Nachsicht, ich habe überwiegend anderes (Erfreuliches) im Kopf.

 

 

 

Vom Mai und der Liebe

 

Im wunderschönen Monat Mai

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

(Heinrich Heine, Im wunderschönen Monat Mai, aus: Buch der Lieder, 1827, Online-Quelle)

 

Kleines Liebeslied

Läßt Du mich allein, mein Lieber,
Gibt es viel, worüber ich
Mich betrübe, und mich härme.
Plötzlich denke ich an Dich.
Da erfaßt mich eine Wärme,
Schnell und strahlend, zart und nah’,
Wie ein rasches, leichtes Fieber,
Und mir scheint, Du wärest da.

Was ich habe, was ich bin,
Von dem Kopf bis zu den Füßen,
Denkt an Dich, träumt zu Dir hin,
Und läßt grüßen, läßt Dich grüßen! –

Und es scheint mein Herz voll Ruhe,
Und verhaltner Kraft zu sein.
Und es hüllt mich diese Welle
Süß und heiter brennend ein.
Und das Dunkle und das Helle,
Mischt sich sanft, wie schöner Samt,
Was ich denke, was ich tue,
Ist verzaubert, ist entflammt. –

(Lessie Sachs (engl.), Kleines Liebeslied, aus: Lessie Sachs Collection 2, Online-Quelle 1, Online-Quelle 2)

 

Eine verliebte Ballade für Yssabeau d’Außigny

Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund,
ich schrie mir schon die Lungen wund
nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht,
da blüht ein schöner Zeitvertreib
mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal
dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.

Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar,
da schlief ich manches Sommerjahr
bei dir, und schlief doch nie zuviel.
Ich habe jetzt ein rotes Tier im Blut,
das macht mir wieder frohen Mut.
Komm her, ich weiß ein schönes Spiel
im dunklen Tal, im Muschelgrund…
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!

Die graue Welt macht keine Freude mehr,
ich gab den schönsten Sommer her,
und dir hats auch kein Glück gebracht;
hast nur den roten Mund noch aufgespart
für mich so tief im Haar verwahrt…
Ich such ihn schon die lange Nacht
im Wintertal, im Aschengrund…
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund.

Im Wintertal, im schwarzen Erdbeerkraut,
da hat der Schnee sein Nest gebaut
und fragt nicht, wo die Liebe sei.
Und habe doch das rote Tier so tief
erfahren, als ich bei dir schlief.
Wär nur der Winter erst vorbei
und wieder grün der Wiesengrund!
… ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!

(Paul Zech, Eine verliebte Ballade für Yssabeau d’Außigny, aus: Die Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn François Villon, 1931, Artikel Wikipedia, Online-Quelle)

 

Frau mit rotem Hut und Erdbeeren | 365tageasatzadayQuelle: Bild von Efes Kitap auf Pixabay

 

Ja, ich jetzt auch. Ist ja schließlich Mai, und wenn es einen klassischen Monat dafür gibt, dann ist es ja wohl dieser. Wer übrigens mein diesbezügliches Fliedergedicht (außer der Reihe) verpasst hat, der möge bitte hier klicken, danke.

Der Erdbeermund also. Wen den zitiert, DARF den Hinweis auf den Klassiker der Vertonung nicht unterlassen, nämlich zu Klaus Kinski. Nun verbindet mich mit Kinski eine gesunde Hassliebe, daher soll hier nur der Hinweis stehen, dass sich hinter diesem Link eine Aufnahme von besagtem Erdbeermund bei YouTube verbirgt. Wer es nicht kennt: Hört rein, da bleiben wirklich keine Fragen offen, wovon die Rede ist. Kinski ist (hier) großartig.

Was ich euch dagegen nicht vorenthalten will, ist eine (viel zahmere) Aufnahme von Subway to Sally, die sich neben vielen anderen (siehe Wikipedia-Artikel) auch dieses Textes angenommen haben.

 

 

Kommt (natürlich) gut in die neue Woche!

 

Von Liebe oder so

 

FRAGE

Ist deine Liebe wie eine Herde von Wölfen!
Lautlos rennt sie durch die endlose Steppe;
Ihnen heißt der Himmel, der endlos grau
Über den Wütigen hängt, ihr Hunger.

Oder lauerst du auf Beute:
Im Geröll als Natter verborgen?

Wer bist du? Gib acht: eine flüchtige Katze
Nimmt deine Seele mit sich.

(Otfried Friedrich Krzyzanowski, Frage, aus: Unser täglich Gift, 1919, Online-Quelle)

 

Als Mahl beganns

Als Mahl beganns. Und ist ein Fest geworden, kaum weiß man wie. Die hohen Flammen flackten, die Stimmen schwirrten, wirre Lieder klirrten aus Glas und Glanz, und endlich aus den reifgewordnen Takten: entsprang der Tanz. Und alle riß er hin. Das war ein Wellenschlagen in den Sälen, ein Sich-Begegnen und ein Sich-Erwählen, ein Abschiednehmen und ein Wiederfinden, ein Glanzgenießen und ein Lichterblinden und ein Sich-Wiegen in den Sommerwinden, die in den Kleidern warmer Frauen sind.

Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde rauschend in den Traum der Nacht.

(Rainer Maria Rilke, aus: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, Erzählung, 1899, Online-Quelle, [22])

 

Mein Liebstes

Was ich am liebsten höre,
Ist deiner Stimme Laut,
Du hast die liebsten Augen,
In die ich je geschaut.

Du hast das liebste Lächeln,
Das je mein Herz erhellt,
Du bist für alle Zeiten
Mein Liebstes auf der Welt!

(Auguste Zinck, Mein Liebstes, aus: Vom Ostseestrand. Belletristisches Jahrbuch aus Mecklenburg herausgegeben von Eduard Hobein, Bd. II (Rostock), 1868, Online-Quelle, Online-Quelle)

 

Gedicht | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Könnt ihr das lesen? Ihr könnt doch, oder? Es gibt eine Geschichte zu dem letzten Gedicht, das ich nämlich kürzlich per Zufall fotografieren durfte. Es ziert die Rückseite eines Portraits, dieses Portrait zeigt den Großvater (Bernhard R.) der Eigentümerin (deshalb nenne ich keine weiteren Details zur Person), sie sagt, es sei etwa 90 Jahre alt. Als sie das Bild aus dem Rahmen nahm, entdeckte sie, dass auf der Rückseite dieses Gedicht geschrieben war, und zwar, genauer, auf der Papprückwand, nicht auf dem Abzug. Das Gedicht wirkt unten abgeschnitten, vielleicht sollte der Autor verschwiegen werden, vielleicht war er aber auch nicht (mehr) bekannt. Wenn ihr das Gedicht mit dem Foto vergleicht, werdet ihr feststellen, dass es Abweichungen gibt, also ist das Gedicht vielleicht aus dem Gedächtnis zitiert und festgehalten worden.
Nähere Umstände waren bis jetzt nicht eruierbar. Wir fragen uns: War es ein Gedicht von ihm an seine Frau Margarethe, oder ist es ihre Handschrift? Was denkt ihr, ist das die Handschrift einer Frau oder eines Mannes?

 

Oh, und ganz ausnahmsweise gibt es heute mal Musik, und zwar nichts aus der gewohnten Kiste. Aus Gründen.

 

 

Wie dem auch immer sei: Kommt gut in die neue Woche!

 

Liebeserklärung an den Norden

Ich gestehe, ich bin keiner großer Poetry-Slam-Freund. Leute, die sich professionell (oder unprofessionell, noch schlimmer) öffentlich aufregen, sind mir meist unsympathisch, dazu gehören oft auch Politiker und Comedians. Ich bin auch kein guter Fremdschämer.
Gestern Abend nun stieß ich im Blog meiner Blogger-Freundin Petra Schuseil, die sich gerade auf Schreibreise auf Zypern befindet, auf eine „Liebeserklärung an den Norden“. Von einer Norddeutschen, mitgeschnitten im Juni 2015 in Deggendorf (Niederbayern), eine jedenfalls am Anfang noch leicht unsichere Frau namens Mona Harry. Das mit der Verlegenheit legt sich dann aber sehr schnell, und dann geht’s los (ab 1:30), alter Schwede!

Liebe Südlichter, solltet ihr euch jemals gefragt haben, warum wir „unseren“ Norden lieben und uns in „eurem“ Süden nicht so ganz heimisch fühlen (wollen oder können), dann hört mal rein: „… stell deinen Blickwinkel neu ein. Deine Kleider sollen fortan aus Seemannsgarn sein. Wirf deine Netzhäute aus, um zwischen den Wellen nach neuen Sichtweisen zu fischen.“

Mona Harry hat damit abgeräumt und das Video ist viral gegangen, mit allen Folgen. Ich wusste das natürlich alles nicht, aber es wundert mich kein Stück, dass alle möglichen Leute und Institutionen aufgesprungen sind. Dies hier ist die Originalversion des Videos, in dem sie dem Publikum erklärt, was der Norddeutsche an Süddeutschland nicht liebt – wobei ich nicht weiß, ab wo bei ihr Süddeutschland anfängt, für viele Nordlichter spätestens ab Höhe Kassel. Der Harz ist auf jeden Fall schon nicht mehr norddeutsch. Wegen der Berge, genau.

„… dass Wind auch bloß Himmel ist, der sich Hautkontakt traut.“ Hier traut sich der Himmel gerade noch mehr: Es regnet (endlich).

Habt einen schönen Tag!

 

 

Vom Sommer und dem Fliegen

 

Sommermonde machen Stroh aus Erde,
Die Kastanienblätter wurden ungeheuer von Gebärde,
Und die kühnen Bäume stehen nicht mehr auf dem Boden,
Drehen sich in Lüften her gleich den grünen Drachen.
Blumen nahen sich mit großen Köpfen und scharlachen,
Blau und grün und gelb ist das Gartenbeet, hell zum Greifen,
Als ob grell mit Pfauenschweifen ein Komet vorüberweht.
Und mein Blut, das atemlos bei den sieben Farbenstreifen stille steht,
Fragt sich: wenn die Blum’, Baum und Felder sich verschieben,
Ob zwei Menschen, wenn die Welt vergeht,
Zweie, die sich lieben, nicht von allen Wundern übrig blieben.

(Max Dauthendey, Sommermonde machen Stroh aus Erde, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 361)

 

Flugzeuggedanken

Dort unten ist die Erde mein
Mit Bauten und Feldern des Fleißes.
Wenn ich einmal werde nicht mehr sein,
Dann graben sie mich dort unten hinein,
Ich weiß es.

Dort unten ist viel Mühe und Not
Und wenig wahre Liebe. –
Nun stelle ich mir sekundenlang
Vor, daß ich oben hier bliebe,
Ewig, und lebte und wäre doch tot…
Oh, macht mich der Gedanke bang.

Mein Herz und mein Gewissen schlägt
Lauter als der Propeller.
Du Flugzeug, das so schnell mich trägt,
Flieg schneller!

(Joachim Ringelnatz, Flugzeuggedanken, aus: Flugzeuggedanken, Berlin 1929, S. 7, Online-Quelle)

 

Mondnacht.

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Aehren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

(Joseph von Eichendorff, Mondnacht., 1835, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst, aber mit Freuden!

 

Ich bin, ich muss es gestehen, ein Fan von Flugvorführungen. Also Greifvögel, dass wir uns richtig verstehen. Nein, ich besuche jetzt keine Tierparks extra dafür, aber wenn ich schon mal in die Nähe von so etwas Attraktivem wie der Adlerwarte Berlebeck gerate und genug Zeit habe, dann muss ich da rein. Und natürlich kommt die Kamera dann zum Einsatz, auch wenn leider Gottes (in diesem Fall) prallste Sonne ist und ich WEISS, dass alle weißen Stellen rettungslos überstrahlt und ausgefressen sind, weil die Biester halt verdammt nicht stillsitzen und ich nicht beliebig rumrennen kann und darf (bei Blümchen geht das ja meist noch) und ich einfach nur diese wunderschönen Tiere knipsen möchte. Gleiches gilt, mit Abstrichen, übrigens auch für die ebenso wunderhübschen Gaukelviecher, die ich Herrn Autopict versprochen habe (dieser unruhige Schmetterlingsflieder-Hintergrund killt mich, aber was solls).

 

Last but not least, mit Dank & zum Start für die neue Woche den Soundtrack des Tages, denn der wunderbare Tag wurde von einem ebensolchen Abend gefolgt:

Musik for the Kitchen: Ich steh mit Ruth gut!

 

Klickt rein, es lohnt sich!
Und kommt gut in die neue Woche! :-)

 

Versiegelt | abc.etüden

Sie sah auf den Handzettel, den ihr die junge Frau am Ausgang der U-Bahn routiniert in die Hand gedrückt hatte: Parkettversiegelung. Was für ein Mist, wen kümmerte so was schon, es war doch egal, alles war egal, seit … ja, seit.

Jeder Tod kommt immer zu früh.

Ihr ganzes Leben war seitdem versiegelt, das war ein gutes Wort dafür. Sie hatte nicht mehr weinen wollen, hatte den Kummer nicht ausgehalten, da waren das Lachen und alle anderen Gefühle gleich mit auf der Strecke geblieben.

Wie jeden Tag bog sie auf ihrem Heimweg auf den sonnenbeschienenen Weg durch den Park ab und sah es plötzlich zum ersten Mal in diesem Jahr durch die Luft torkeln und flattern. Rötlich braun, das war doch … ein Pfauenauge, ein Kleiner Fuchs, ein Admiral … und die, die sie einst die Namen der Schmetterlinge gelehrt hatte, die konnte sie nun nicht mehr fragen.

Sie stockte, als der Schmerz brüllend mit Messern auf sie einstach, aber sie nahm ihn hin, akzeptierte, wie verlassen und klein sie sich fühlte, gestattete sich eine Träne und fühlte sich in ihrer Trauer von der Sonnenwärme umarmt und gehalten.

Aus ihrem in sich gekehrten Dahinhasten war ein schon fast gemütliches Schlendern geworden. Und zu Hause würde sie ausprobieren, ob dieser Handzettel Papierfliegerqualitäten aufwies.

 

2018_11_1_eins lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 11.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Natalie aus dem Fundevogelnest und lauten: Pfauenauge, versiegelt, schlendern.

Und vielleicht, wer es noch kennt, so als Lied für den Tag …  ;-)