Erinnerungen | abc.etüden

Sie presste sich in die Ecke der Couch und schloss die Augen. Die Helligkeit der Lampe verblasste zu einem orangen Fleck auf dem Inneren ihrer Augenlider. Die Musik tröpfelte sanft aus dem Lautsprecher. Sie atmete tief aus und ließ sich einsinken. Mit der Musik kamen die Erinnerungen.

Er war der erste Welterklärer gewesen. Stundenlang. Begeistert. Der erste Mann, der sie ernst genommen hatte, mit ihr diskutiert hatte, mit dem sie ihre Wertvorstellungen entwickelt hatte. Und mehr.

Auch mit ihm hatte sie diese Musik gehört, die ihn so gar nicht ansprach, und die er zu verstehen und mögen versucht hatte, weil es ihre war. Für die sie in jenem rauchgeschwängerten Arbeitszimmer die Anlage aufdrehen durfte, bis die Klänge das Haus ausfüllten und erschütterten.

Der erste in ihrem Leben, der gescheitert war. Der erste, der ungewollt viel zu früh gehen musste. Der erste, dessen Zerbrechlichkeit sie erkannte und dessen Verletzlichkeit sie zu beschützen versucht hatte, weil sie es weder anders gewusst noch gekonnt hätte.
Dessen Wärme und Liebe sie vermisste.

Mal mehr, mal weniger, aber immer wieder.

Die Musik schwoll auf, ebbte schließlich ab und verstummte. Sie stand auf, wischte ein paar verirrte Tränen weg und sah auf das Bild an der Wand.

»Happy Birthday, Papa.«

 

abc.etüden 2021 03+04 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 03/04.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ulrike und ihrem Blog Blaupause7. Sie lauten: Lautsprecher, orange, erschüttern.

Ja, auch (AUCH!) autobiographisch. Er wäre dieser Tage 95 geworden.
Und ich wollte auch mal eine Miniatur.

 

Die Musik zur Etüde: Mike Oldfield, Platinum, Part I bis Part IV (bis 19:13)

 

Das Bild zur Etüde ❤

Foto: privat 🙂

 

 

Weihnachtspause

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr.
Da hörst du alle Herzen gehn und schlagen
wie Uhren, welche Abendstunden sagen.
Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr.

Da werden alle Kinderaugen groß,
als ob die Dinge wüchsen, die sie schauen
und mütterlicher werden alle Frauen
und alle Kinderaugen werden groß.

Da mußt du draußen gehn im weiten Land
willst du die Weihnacht sehn, die unversehrte,
als ob dein Sinn der Städte nie begehrte,
so mußt du draußen gehn im weiten Land.

Dort dämmern große Himmel über dir,
die auf entfernten, weissen Wäldern ruhn,
die Wege wachsen unter deinen Schuhn,
und große Himmel dämmern übern dir.

Und in den großen Himmeln steht ein Stern,
ganz aufgeblüht zu selten großer Helle,
die Fernen nähern sich wie eine Welle,
und in den großen Himmeln steht ein Stern.

(Rainer Maria Rilke, Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr, 1901, aus einem Brief an seine Frau Clara, Online-Quelle)

 

Herzkerze – 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst

 

Ich kenne viele Menschen, für die Weihnachten nicht gerade der stillste Tag im Jahr ist, und vielleicht gehört ihr auch dazu. Ich begreife es so, dass damit eine innere Stille gemeint ist, eine Offenheit …
Was ich an diesem Gedicht so mag, ist Rilkes Haltung, die sich hier ausdrückt, die Bereitschaft, einem Wunder zu begegnen.
Rilke war Mitte Dezember 1901 zum ersten Mal Vater (einer Tochter, Ruth) geworden. Wenn es also in Rilkes Vorstellung ein „ideales Weihnachten“ (wir würden das heute vermutlich kitschig nennen) gab, dann war es vermutlich dieses. Außerdem war er erst Mitte 20.

Ich wünsche euch dieses Innehalten, diese tiefen Momente wortlosen Glücks, die überquellende Sehnsucht, das Ergriffensein vom Schönen – was, nicht falsch verstehen, absolut null mit „Religion“ zu tun haben muss und ganz sicher nicht an Weihnachten gekoppelt ist.

 

Dieser Blog geht so langsam ebenfalls in den Feiertagsmodus: Er schließt nicht, aber ich lasse ihn liegen, bis ich Lust habe, mich darum zu kümmern … Kommt gut und heil und „entschleunigt“ durch diese Tage, die dieses Jahr vielleicht auch bei euch ein bisschen anders ausfallen als üblich, und passt auf euch auf.

 

Und vielleicht hat ja jemand Sinn hierfür … Hört einfach mal rein.

 

Lichtgebet · Elbcanto & Helge Burggrabe · Text aus der Sufi-Tradition

 

 

… unruhig wandern, wenn die Blätter treiben

 

Nur noch Liebe, Frankfurt, Nähe Hauptwache, Ende September 2020 | 365tageasatzaday

Nur noch Liebe, Frankfurt, Nähe Hauptwache, Ende September 2020

 

And the sign said: „The words of the prophets are written on the subway walls and tenement halls …“

(aus: „Sounds of Silence“, in diesem Fall bitte die Version von Disturbed)

 

Ja, gleich zwei Zitate, schlechter Stil, ich weiß.

 

 

 

Ist da jemand | abc.etüden

 

»Na, Schnecke, alles okay?«

Seine Stimme reißt sie aus ihren trüben Gedanken. »Klar!«, beteuert sie mit Nachdruck, versteckt sich hinter ihrem engelhaftesten Lächeln und starrt ihn an. Ein fast unfehlbares Mittel, in Ruhe gelassen zu werden, wenn sie es einigermaßen durchhält.

Klappt bei diesem hier nicht. Er kennt sie zu lange.

»Schon gut, gib dir keine Mühe«, brummt er und lässt sich neben sie auf die Parkbank fallen. »Hätte ja sein können.«

Sie schweigt und schaut stur geradeaus. Normalerweise hätte sie jetzt auf dem Handy was gecheckt, aber nicht mal das will sie heute. Sie merkt, dass er sie ab und zu von der Seite ansieht. Er macht sich Sorgen.

»Hör mal, das ist ja nicht auszuhalten, so gesprächig bist du«, sagt er irgendwann. »Ich hab ’ne Idee: Komm mit, wir vergraben uns vor dem Fernseher, ziehen uns irgendwelchen Mist rein und saufen uns einen an. Ich schmeiß ’ne Runde Pizza.«

»Ich will Eis«, sagt sie.

»Kriegst du. Wir gehen beim Laden vorbei.« Er seufzt. »Liebeskummer? Familienpackung?«

Sie will nicken, unterdrückt es und zuckt stattdessen mit den Schultern. »Auch. Ach, alles.«

»Dann los.« Er steht auf, hält ihr die Hand hin und zieht sie hoch. Sie lässt es geschehen. »Kenne ich ihn? Einer aus der Clique? Wenn ich jemandem die Fresse polieren oder in Grund und Boden stampfen soll, sagst du Bescheid, okay?«

Sie kann nicht anders, sie muss lächeln. »Mach ich. Ist mit der Tussi von neulich was gelaufen?«

Er schüttelt den Kopf.

»Hätte ich dir da schon sagen können.«

»Halt die Klappe.«

»Weibliche Intuition.« Außerdem wäre ihr einzigartiger großer Bruder für DIE viel zu gut gewesen. Bestimmt.

Er legt seinen Arm um ihre Schultern, sie hängt den Daumen in eine seiner Gürtelschlaufen und schaut zu ihm auf. Er grinst sie an. Gemeinsam trotten sie davon.

 

abc.etüden 2020 37+38 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 37/38.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal aus der Feder des Etüdenerfinders Ludwig Zeidler, danke dir, Ludwig! Sie lauten: Idee, engelhaft, vergraben.

 

Song zur Etüde: Adel Tawil – Ist da jemand

 

 

Zum Songtext bei songtexte.com

 

 

Tag 29 | 30 Days Book Challenge

 

29 Ein Gedicht, das Du magst

Heimspiel! Dies ist nicht nur der Etüden-Blog (in Sommerpause), seit März 2017 gibt es hier auch das/die Montagsgedicht(e). Ich hab da also echt die Qual der Wahl. 😉

Und da sie vergangenen Montag zugunsten von Musik ausgefallen sind, greife ich doch mal in die Vollen und bewerfe euch zuerst mit Rilke.

 

(X)

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt –

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.

(Rainer Maria Rilke, Wunderliches Wort, aus: Aus dem Nachlaß des Grafen C. W., Erste Reihe, X., Ende Nov. 1920, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 116, Online-Quelle)

 

Dazu habe ich euch eine Rarität auf YT aufgetrieben: die Vertonung von Laith al-Deen.

 

 

 

Zugabe? Bitte schön. Diesmal wird es gefühlvoll.

 

Du machst mich traurig – hör
(Hans Adalbert)

Bin so müde.
Alle Nächte trag ich auf dem Rücken
Auch deine Nacht,
Die du so schwer umträumst.

Hast du mich lieb?
Ich blies dir arge Wolken von der Stirn
Und tat ihr blau.

Was tust du mir in meiner Todesstunde?

(Else Lasker-Schüler, Du machst mich traurig – hör, 1917, aus: Gesammelte Gedichte, Online-Quelle)

 

Auch dazu gibt es eine absolut wunderbare und zarte Vertonung, und zwar von Mieze (MIA).

 

 

 

Tag 29 | 30 Days Book Challenge | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Mein Dank verfolgt unverdrossen Ulrike von Blaupause7, von der die Aufgaben für diese Challenge stammen und die auch eine Teilnehmerliste führt.

 

Off topic: Adventüden (hier klicken): 7 bereits erhalten, 16 weitere Zusagen. Sehr schön! Weiter so!

 

Songs For Love

 

Heute mal keine Gedichte, dafür schicke ich euch mit drei Ohrwürmern (hoffentlich) in die neue Woche …

 

Bryan Adams, Rod Stewart, Sting – All For Love
1994. Soundtrack zur Verfilmung der drei Musketiere. Ach, so jung waren die alle mal …

Lyrics findet ihr hier auf songtexte.com: HIER KLICKEN

 

 

 

Phil Collins – Can’t Stop Loving You

2002. Auch noch bessere Zeiten für Mr. Phil.

Lyrics auf songtexte.com: HIER KLICKEN

 

 

 

 

Einer DER Klassiker schlechthin: Simon & Garfunkel – Bridge Over Troubled Water (Live)

Infos zum Song: Wikipedia
Lyrics auf der Website von S&G: HIER KLICKEN

Ursprünglich 1970 erschienen, ist dies eine späte Aufnahme, vermutlich aus den 2000ern, ich weiß es nicht, eine*r von euch vielleicht? Es wird behauptet, dies wäre DAS Lied von Simon & Garfunkel, ich teile diese Ansicht nicht, finde es aber in dieser winzigen Reihe überaus passend.

 

 

Es gibt aktuell eine Doku über Simon & Garfunkel auf arte – Simon & Garfunkel: Traumwandler des Pop (HIER KLICKEN) – bis zum 21.10.2020, dir mir den Anlass für diese Serie beschert hat. Wenn ihr Zeit habt, schaut rein, sie ist sehr sehenswert.

 

Was immer ihr gerade tut, kommt gut in und durch die neue Woche! 🙂

 

Tag 13 | 30 Days Book Challenge

 

13 Ein Buch, das Du magst, obwohl Du das Genre sonst nicht so gerne liest

Es steht in Stein gemeißelt, und zwar so ziemlich überall, wo ich was über meine Lesegewohnheiten erzähle: Ich lese nichts aus dem Horror-Bereich. Never ever, niemals, höchstens aus Versehen, bis es mir klar wird. Denn, natürlich, wenn man mir nicht sagt (oder es aufs Buch schreibt), dass etwas unter „Horror“ fällt – ich wüsste es nicht. Ich lese auch keinen Stephen King, obwohl ich sein Buch über das Schreiben („Das Lesen und das Schreiben“) jederzeit empfehlen würde.

Was ich aber durchaus lese/gelesen habe (wenn auch eher selten), ist „Gruselkram“. Und da möchte ich euch an einen erinnern, der zu den Vätern des Genres gehört: Edgar Allan Poe.
Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht mehr, was ich alles von ihm kenne/gekannt habe. Natürlich „The Raven“ (Themenseite, dt., Wikipedia) (Link zur Sammelseite der Texte und Übersetzungen bei Wikipedia), natürlich „Tell Tale Heart“ (Themenseite „Das verräterische Herz“, dt. Wikipedia) (Originaltext, Wikisource), aber in welchem Setting? Ich habe mit Sicherheit über die Schullektüre hinausgelesen, auch später noch, da bin ich sicher.
Es ist lange her.

Was ich euch aber nicht vorenthalten will, ist etwas, was ihr vielleicht (nicht) kennt und woran ihr euch gern erinnert: Musik. Alan Parsons Project startete 1976 mit dem Konzeptalbum „Tales of Mystery and Imagination“. „Tales of Mystery and Imagination basiert auf ausgewählten Werken des Autors Edgar Allan Poe und vertont diese in einer Mischung aus Rocksongs und sinfonischer Musik, versetzt mit Zitaten aus seinen Texten“, beschreibt die Wikipedia (hier klicken).

Ich finde es heute noch einfach gut. Hört mal rein!

 

 

Tag 13 | 30 Days Book Challenge | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Mein Dank verfolgt unverdrossen Ulrike von Blaupause7, von der die Aufgaben für diese Challenge stammen und die auch eine Teilnehmerliste führt.

 

Off topic: Adventüden (hier klicken): Zwei bereits erhalten, zehn weitere Zusagen. Sehr schön! Weiter so!

 

 

Von Meer und Liebe

 

Aus tausend Quellen quillt die Nacht

Aus tausend Quellen quillt die Nacht
Und übernimmt den Himmel unsrer Träume.
Da ist ein Licht noch – dort noch Bäume,
Dann nichts mehr. Sintflut. Nur noch Nacht.

Aus Ozeanen ohne Licht erheben sich Gedanken,
Wie Meerestiere schwimmen unsre Träume
Mit schweren Flossen durch die Finsternis der Räume
Und kreisen um die Hoffnungsschiffe, die versanken.

(Guido Zernatto, Aus tausend Quellen quillt die Nacht, aus: Gedichte, 1950, Online-Quelle)

 

Diese Rose von heimlichen Küssen schwer:
Sieh, das ist unsre Liebe.
Unsre Hände reichen sie hin und her,
unsre Lippen bedecken sie mehr und mehr
mit Worten und Küssen sehnsuchtsschwer,
unsre Seelen grüßen sich hin und her –
wie über ein Meer – – wie über ein Meer – –
Diese Rose vom Duft unsrer Seelen schwer:
Sieh, das ist unsre Liebe.

(Christian Morgenstern, Diese Rose von heimlichen Küssen schwer, aus: Stuttgarter Ausgabe, Bd. 1, Online-Quelle)

 

Naturgesetz

Zwei reißende Ströme, die fluten und fließen,
um sich gemeinsam ins Meer zu ergießen –

Zwei himmelaufsprühende, lodernde Flammen,
im heiligen Feuer schlagend zusammen –

Zwei Wetterwolken, die sich begegnen,
Im Frühlingsgewitter die Welt zu segnen – –

Dein Herz und mein Herz, die jubelnd sich finden
Im Muß? Im Wollen? Wer mag es ergründen!

(Clara Blüthgen, Naturgesetz, aus: Paul Grabein, Liebeslieder moderner Frauen, 1902, Online-Quelle)

 

Ein Frühlingswind

Mit diesem Wind kommt Schicksal; laß, o laß
es kommen, all das Drängende und Blinde,
vor dem wir glühen werden –: alles das.
(Sei still und rühr dich nicht, daß es uns finde.)
O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
über das Meer her was wir sind.

… Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
(Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.)
Aber mit diesem Wind geht immer wieder
das Schicksal riesig über uns hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Ein Frühlingswind, Februar 1907, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 15/16. Online-Quelle, zur Interpretation)

 

Herzmuschel | 365tageasatzaday Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut in und durch die neue Woche und bleibt heiter!

 

Und weil ich gestern zufällig drauf gestoßen bin, hier ein anderes „Meer“-Lied als mein übliches, da man das Meer sowieso gerade nicht sehen kann: AnnenMayKantereit, „Ozean“. Hier ist der Text. „Hennings Version“, weil ich die Stimme so geil finde.

 

 

 

Das Schöne vom Tag

 

Zum Einschlafen und vielleicht auch zum Aufwachen. Für alle, die mit Meditation (und Singen) zumindest ansatzweise was am Hut haben. Ich finde den Gesang einfach … magisch.

 

 

Heute entdeckt bei Mystik aktuell.
Außerdem möchte ich die Gute-Nachrichten-Initiative von René damit unterstützen.

Bei Mystik aktuell findet sich auch der Text sowie der Hinweis, dass dieser Text aus der Sufi-Tradition stamme.

 

Oh du mein Gott,
gib mir Licht,
stärke mein Licht,
mache mich zu Licht.

Gott setze Licht in mein Herz,
Licht in meine Seele,
Licht in meinen Geist,
Licht in mein Bewusstsein,
Licht in mein Denken und
Licht in mein Tun.

Gott setze Licht auf meine Zunge,
Licht in meine Augen,
Licht in meine Ohren,
Licht in meine Nerven,
Licht in mein Blut und
Licht in meine Haut.

Gott setze Licht zu meiner Rechten,
Licht zu meiner Linken,
Licht hinter mir,
Licht vor mir,
Licht über mir und
Licht unter mir.

 

Mir ist schon klar, dass viele von euch keine Ader dafür haben, andere aber vielleicht um so mehr.

Kommt gut durch die Nacht und in den neuen Tag!

 

 

Vom Sturm und dem Leben

 

Ich will den Sturm!

Ich will den Sturm, der mit den Riesenfäusten
Vom Boden der Alltäglichkeit mich reißt
Und mich hinauf in jene Höhen schleudert,
Wo erst das Leben wahrhaft Leben heißt!

Ich will den Sturm, der mit gewaltgem Athem
Zur lichten Gluth die stillen Funken schürt
Und, alle Kräfte dieser Brust entfesselnd,
Zum Siege oder zur Vernichtung führt!

Laß mich nicht sterben, Gott, eh meine Seele
Ein einzig Mal in Siegeslust gebebt –
Ich kann nicht ruhig in der Erde schlafen,
Eh ich nicht einmal, einmal ganz gelebt!

(Anna Ritter, Ich will den Sturm!, aus: Befreiung. Neue Gedichte, 1900, Online-Quelle)

 

Vorgefühl

Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
Die Thüren schließen noch sanft und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.

Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.

(Rainer Maria Rilke, Vorgefühl, aus: Buch der Bilder, Erstes Buch, 1906, Quelle)

 

Der Sturm

Steht ein Rosenstrauch in deinem Garten
und er ist noch gar nicht grün.
Und du kannst es kaum erwarten,
daß die erste Knospe komme, zart und dünn,
und daß sie verkünde neues Leben.
Wartest, wartest voller Angst und Beben,
bis ein Morgen kommt – und sie ist da.

Und sie ist so fein und schlank und hell,
ganz geschlossen noch und kaum gesehn
und du möchtest, daß sie aufbricht, ganz, ganz schnell,
da du weißt, wie rasch die Zarten untergehn.
Doch es enteilt ein Tag und es enteilt ein zweiter
und die Himmel werden blauer, werden weiter
und die Knospe bricht nicht auf.

Und du weißt: wenn jetzt ein Frost kommt, stirbt sie,
stirbt und hat das Leben nicht gelebt.
Möchtest gerne helfen und weißt doch nicht wie,
fürchtest sehr, daß nicht ein Wind sich hebt,
der sie dir vom Stamme bricht –
in der Nacht, du schläfst und siehst es nicht,
und sie ist bei Tag schon tot.

Kommt dann eine Nacht, und Stürme brausen um dein Haus,
um dein Haus, mit den verschloßnen Toren.
Und du bäumst dich auf und willst und willst hinaus
und dir klingt’s wie Wimmern in den Ohren.
Endlich bist du draußen – und du siehst den Rosenstrauch dir an –
Sieh – es ist die Knospe aufgebrochen.
Was die Sonne nicht vermocht’ in langen Wochen,
hat ein einz’ger Sturm getan.

(Selma Meerbaum-Eisinger, Der Sturm, März 1941, aus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt, Online-Quelle, mehr zu Selma hier)

 

Gewitter hinter Baumsilhouetten in der Nacht | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Klar, dass es heute Sturmgedichte sein müssen, oder? Kommt gut durch den Sturm und in die neue Woche!

Update: Musik zum Tag. Enjoy!

 

 

 

Von Feiern und Musik

 

Christbaumfeier

Piano, Geige: Hupf mein Mädel (forte),
Im Christbaum zucken gelblich ein paar Lichter,
Und an die Rampe tritt Kommis und Dichter
Und stottert stockend tannendufte Worte.
Man trampelt: „Bravo, Bravo“ mit den Füßen
Und prostet mit den Krügen nach dem Helden,
Indem sich schon zwei weiße Fräuleins melden,
Mit „Stille Nacht“ die Menge zu begrüßen.
Man säuft, man schreit, man giert und man verlost
Die Lebenslust – Rosa, unwiderstehlich,
Bringt lächelnd ihrem Buben bei (allmählich),
Daß er mich Papa ruft. – Na danke. Prost.

(Klabund, Christbaumfeier, aus: Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!, 1913, Online-Quelle)

 

Bettellied/Christmas is coming

Weihnacht kommt näher
Die Gänse werden fetter
Gebt einen Groschen
Dem armen, alten Bettler!

Habt ihr keinen Groschen
Ein halber tuts zur Not
Und wenn ihr keinen halben habt
Dann helf euch Gott!

(Christmas is coming, altenglisch, Online-Quelle)

 

In die Zeit, als ich noch viel Sting gehört habe, fiel auch seine Weihnachtsplatte „If on a Winter’s Night“, die ich sehr mochte und immer noch höre. Darauf befindet sich ein Stück namens „Soul Cake“, das ich euch unten eingebunden habe, welches obigen Text enthält (die zweite Strophe).

Interessant finde ich den Wikipedia-Eintrag zu den Soul Cakes als Halloween-Tradition (hier lesen). Die Quellen des Liedes reichen zurück bis ins Jahr 1891/3, wobei Sting sich wohl wirklich Peter, Paul & Mary angeschlossen hat, denn er gibt deren Quelle bei sich ebenfalls an (im Original steht nicht „Till Christmas Time“ (was Sting singt), sondern „Till this time“ (Quelle: englische Wikipedia zu Soul Cake). Die englische Wikipedia weiß aber auch, dass schon 1893 Zeilen aus Weihnachtsliedern vorkamen (unter anderem obiges „Christmas is coming“, womit sich der Kreis schließt). Insgesamt ist der englische Beitrag zum Thema erheblich detailreicher und exakter, falls es euch interessiert und ihr des Englischen mächtig seid, lest den.

Wie ich beim Herumsuchen entdeckt habe, gibt es viele schöne Versionen dieses Liedes auf YT (nicht nur von Sting), sollte es euch gefallen, wünsche ich euch viel Spaß beim Herumhören!

Kommt gut in und durch die neue Woche!