Dummes Fleisch | abc.etüden

In der Szene nannte man sie die „skrupellose Lady“. Anfangs hatte sie noch versucht richtigzustellen, dass sie „skrupulös“ war, nicht „skrupellos“, aber die meisten kapierten den Unterschied nicht. Okay, dann eben mit Grusel, umso besser fürs Geschäft.

Bei ihr musste alles stimmen. Sie hatte es gern exakt und nach ihrem Willen. Und den setzte sie durch, damit die Ergebnisse dem nahekamen, was sie sich vorstellte. Sie hatte eine gewisse Handschrift und schließlich auch einen Ruf zu verteidigen, nicht wahr? Selbst ihr Vater, der es besser hätte wissen können, hatte nicht verstanden, dass bestimmte Dinge in einer bestimmten Reihenfolge geschehen mussten, um befriedigend zu sein. War es nicht überwältigend, wenn man seine Berufung entdeckte? Das, was den ureigenen inneren Instinkten entsprach? Manchmal beschrieb sie sie als eine Verbindung von Akkuratesse und künstlerischer Ader.

Sie sah konzentriert und leicht abschätzig auf den Körper hinunter, der verkrampft vor ihr lag und tatsächlich ein wenig zuckte. Ein Kunstwerk war im Entstehen. Schade, dass anscheinend nur sie das so sah, sonst hätten sie den Genuss vielleicht sogar teilen können, den der Akt und das Blut – nie viel! – gelegentlich bei ihr auslösten. Hatte sich das Jüngelchen vorhin ernsthaft über „schneidende Schmerzen“ beklagt?! Weichei.

Ein Spruch fiel ihr ein: „In jedem Mann steckt hin und wieder auch was Gutes. Zum Beispiel ein Küchenmesser.“ Was glaubte der hier denn eigentlich, wo er war? Unterzog sich freiwillig – freiwillig! – einem Männlichkeitsritual und jammerte? Tja, durchgefallen, mein Lieber, eindeutig durchgefallen. Nur dummes Fleisch, einer mehr.

Lächelnd kniff sie die Augen zusammen. Zog mit ruhiger Hand eine allerletzte Linie nach und ließ die Tattoomaschine sinken. Fertig.

 

2018 41+42 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 41/42.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Gerda Kazakou und lauten: Genuss, skrupulös, schneiden.

Den Spruch habe ich wirklich vor ein paar Tagen im Radio gehört (als Werbung für die Show im Hamburger Quatsch Comedy Club). Und natürlich sind alle Tätowierer*innen, die kennenzulernen ich jemals die Ehre hatte, charakterlich über jeden Zweifel erhaben, aber … ich habe noch nie festgestellt, dass alle Menschen den Ehrgeiz haben, als Engel in die Geschichte einzugehen. Ihr versteht.

 

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Ruhestörung | abc.etüden

„… ich nehm den Schmerz von dir, ich nehm den Schmerz von dir“, zerschnitt lauter männlicher Gesang die nächtliche Stille.
Sie fuhr hoch.
5:25 Uhr.
Himmelherrgott! Halt die Klappe, Adel Tawil! Wo ging das Scheißding bloß aus?
Ihre Hand ertastete auf der Oberseite des Brüllwürfels einen großen Button, den sie probehalber drückte. Ah! Erfolg! Paradiesische Stille. Sie ließ sich in die Kissen zurücksinken.

Da hatte man schon mal das Privileg, dass einem die liebste Freundin das eigene Schlafzimmer abtrat, und dann hatte diese vergessen, den Wecker abzustellen. Am Wochenende! Gerade wollte sie sich wieder in die Kissen kuscheln und sich noch einige Stunden dem Genuss eines jetzt hoffentlich ungestört bleibenden Schlafs hingeben, als sie sich erinnerte, dass die Problemlösung „Snooze“ wohl maximal zehn Minuten vorhielt.
Mürrisch knipste sie das Licht an. Den Stecker herauszuziehen war leider keine Option, nur kannte sie sich mit Radioweckern im Allgemeinen und diesem im Besonderen nicht wirklich aus. Also untersuchte sie das antiquierte Teil skrupulös nach einem Schalter, der den Wecker deaktivieren würde. Bis sie ihn gefunden hatte, war sie endgültig wach. Großartig.

Jetzt schon die Freundin im anderen Zimmer zu wecken kam nicht infrage. Blogpflege auch nicht, dies war allein ihre Zeit. Offline. Entschlossen streckte sie sich wieder aus, zog die Decke hoch und forderte ihren Körper auf, sich zu entspannen.

Es gelang, ihre Gedanken beruhigten sich. Nicht mal die am Tag vorher müde gelaufenen Füße taten weh. Sie fühlte sich geborgen und sogar ziemlich fröhlich in ihrem fremden und doch von vorherigen Besuchen so vertrauten Schlafnest. Der Morgen wehte erste Straßengeräusche durch das gekippte Fenster herein.
Als es ihr endlich auffiel, lächelte sie. „Ich nehm den Schmerz von dir.“ Das war mal ein Versprechen, an das sie sich gern erinnern würde. Erneut glitt sie in das Reich ihrer Träume zurück.

298 Wörter

 

2018 41+42 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 41/42.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Gerda Kazakou und lauten: Genuss, skrupulös, schneiden.

Das angesprochene Lied, das da aus dem Radiowecker quoll, ist übrigens „Vom selben Stern“ von Ich + Ich (Link zu YouTube), und ja, das ist wirklich so passiert.

 

Schreibeinladung für die Textwochen 41.42.18 | Wortspende von Gerda Kazakou

Liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, DAMIT hätte ich ja nicht gerechnet: Die Etüden wachsen wieder! Gehofft, ja, klar, aber gerechnet nie!
Da sie beim letzten Mal so gut aufgenommen wurde, habe ich dieses Mal nachgezählt und präsentiere hier die Statistik: 29 Etüden von 15 Leuten, ich inklusive. Das sind 6 Etüden mehr als beim letzten Mal! Und nein, das ist komplizierter, als es aussieht, das heißt nicht, dass etwa jede/r Mitschreiber/in (knapp) zwei Etüden abgeliefert hätte: Myriade ist die Autorin von alleine sechs und Agnes von vier! Und da Agnes neu eingestiegen ist UND sich gleich zu einer Fortsetzungsgeschichte hat hinreißen lassen, geht der Gummibaum der Woche eindeutig an beide. Klar, oder? (Und hey, Bettina ist aus ihrer Schreibpause zurück, wie schön!)

Hier also wieder eine Übersicht derer, die in den letzten beiden Wochen mitgemacht haben. Ich habe (hoffentlich) alles drin, ansonsten bitte ich um Nachmeldungen.

dergl auf Die Tinterkleckse sehen aus wie Vögel: hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier und hier und hier (Durch das Polarmeer 1–3);  hier und hier (Öffnung 1 + 2); hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier und hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
Frau Flumsel auf Wortgeflumselkritzelkram: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Agnes auf Agnes Podczeck: hier und hier und hier und hier (Reisen für eine bessere Welt 1–4)
Natalie im Fundevogelnest: hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier
Frau Vro auf vro jongliert: hier und hier
Bettina auf Wortgerinnsel: hier
Gerda auf GERDA KAZAKOU: hier und hier
Werner hat in den Kommentaren ein PDF eingeliefert: hier
Rina auf Geschichtszauberei: hier

Vielen Dank euch allen!

Und jeeeeeeetzt *die Spannung steigt ins Unermessliche* die neuen Wörter!
Die Wörter für die Textwochen 41 und 42 im Jahr 2018 spendete Gerda Kazakou. Sie lauten:

Genuss
skrupulös
schneiden.

 

Neuer Etüden-Disclaimer: Die neue Headline heißt: 3 Begriffe in maximal! 300 Wörtern.
Wenn jemand nicht weiß, wie er/sie die Wörter gezählt bekommt, bitte melden!
Euren Beitrag verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin (immerhin, das ist geblieben) und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.
Die Illustrationen unterliegen meinem Copyright und glaubt mir, ich hatte RICHTIG Spaß beim Gestalten! Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Oh, und die nächsten Wörter gibt es am 21. Oktober. Euch viel Spaß und zwei inspirierte Wochen!

 

2018 41+42 | 365tageasatzaday

 

2018 41+42 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, hier und hier, Bearbeitung von mir

 

Traumschiff | abc.etüden

Früher hatte sie sich gern vorgestellt, wie es wäre, beim Käpt’ns Dinner am Arm von Sascha Hehn oder auch Siegfried Rauch den Speisesaal zu betreten. Top gekleidet und gestylt, mit High Heels, auf denen sie natürlich nicht wie ein Storch im Salat stelzen würde, liebreizend und witzig, eine Freude für alle, die sich mit ihr unterhalten wollten, selbstverständlich viele an der Zahl …

Sie seufzte kurz auf.
„Ist Ihnen nicht gut?“, erklang sofort eine besorgte Stimme neben ihr. „Wollen wir aufbrechen?“
„Nein, nein“, wehrte sie ab und ruckelte ein bisschen auf der Bank herum, „alles in Ordnung.“

Ihr Rücken tat weh. Ihre Füße taten weh. Wenn sie ehrlich war, sah sie erheblich weniger, als sie zugab, und den leicht rutschigen Weg hierher hatte ihre Begleiterin, wie hieß sie gleich, Gabriele, Karin, Olga, eben „gemeingefährlich“ genannt. Gefährlich, pah – aber sie war wirklich nicht mehr die Jüngste.

Heute roch der Fluss anders und die Geräusche klangen nicht so wie sonst, sondern dumpfer, irgendwie wattiger. Wie sie ihre Bank liebte, an der die großen Schiffe vorbeifuhren und manchmal tuteten. Nur deshalb kam sie jeden Tag hierher, saß ein wenig da und hing ihren Träumen nach. Träume, die sie nie jemandem erzählt hatte, weil man das nicht tat.
Ihre einzige Kreuzfahrt fiel ihr ein, damals, mit dem angehimmelten Mann, der sie beeindrucken wollte. Das war ihm leider gelungen. Der Luxus hatte sie geblendet und sie auch vergessen lassen, dass auf Versprechen Taten folgen mussten.

„Gehen wir“, sagte sie abrupt und stand auf, „ich mag den Nebel heute nicht.“

Gabriele deckte ihre Schutzbefohlene mit einer Decke zu, weil die sich vor dem Abendessen noch ein wenig hinlegen wollte. Was hatte sie bloß mit „Nebel“ gemeint? Den ganzen Tag war es klar und sonnig gewesen. Sie hörte die alte Frau tief durchatmen. Dann war es still.

300 Wörter

 

2018 39+40 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 39/40.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Anna-Lena und lauten: Kreuzfahrt, gemeingefährlich, stelzen.

 

Gewissensentscheidung | abc.etüden

„Das kann nicht euer Ernst sein, da ertrinken jeden Tag unschuldige Menschen – und ihr wollt auf eine Kreuzfahrt? Im verdammten Mittelmeer? Echt jetzt? Ohne mich! Sagt, dass das nicht wahr ist!“

Zwecklos, zu erklären, dass das Mittelmeer größer war als nur jene Strecke, die als Fluchtroute unrühmliche Bekanntheit erlangt hatte. Mittelmeer stand neuerdings für sinnloses Leid ohne Grenzen.

„Willst du vielleicht die ganze Zeit beten, dass euch keine Boote mit Geflüchteten vor den Bug kommen, höchstens nachts, damit ihr weiter schön alles ignorieren könnt, was euch nicht in den Kram passt, und nicht sehen müsst, wie ein Haufen Neger absäuft? Weil das Schiff nämlich vermutlich gar nicht stoppen und helfen darf, weil es sonst in Teufels Küche kommt, gibt ja Beispiele genug? Und damit meine ich nicht, dass die euch die Restaurants leerfressen könnten! Aktion Seebrücke, unterlassene Hilfeleistung, nur um ein paar Stichworte zu nennen? Mama, ich hätte ein bisschen mehr politisches Bewusstsein von dir erwartet. Oder wenigstens Konsequenz.“

Ruhig bleiben. Wenn sich die Tochter politisch unkorrekt ausdrückte, wollte sie provozieren. Kannte man inzwischen.

„Aber nee, lieber all-inclusive jeden Tag am Pool liegen, auf dem Deck Tennis spielen und abends angeschickert aus einer der Bars in die Kabine stelzen. Und immer schön das Image und die Cellulite pflegen. Wir haben’s ja. Nötig! Ich nenne das gemeingefährliche Dummheit.
Mama, ich bitte dich, wenn du dich schon nicht engagieren willst, dann unterstütz diese Ignoranz nicht auch noch.“

Ein vernichtender Blick vor dem theatralischen Abgang.

„DENKT DOCH MAL NACH! Ein einziges Mal!“

Es hatte sich längst schon abgezeichnet, dass das rebellische Kind bald eigene Wege gehen würde. Sie hatten ein letztes Mal gemeinsam verreisen wollen und hätten ihr gern etwas Besonderes geboten. Ganz so dicke hatten sie es nicht, finanziell gesehen, und sie liebten das Meer im Süden. Alle drei. Eigentlich.

Sie verzichteten.

300 Wörter

 

2018 39+40 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung: ichmeinerselbst

 

Für die abc.etüden, Woche 39/40.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Anna-Lena und lauten: Kreuzfahrt, gemeingefährlich, stelzen.

Das ist die Sache mit dem ersten Gedanken. Ich habe ihn einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommen: Wie kann man dort jetzt Urlaub machen, wo andere sterben? Und was sagt das über uns (als Gesellschaft/jeden Einzelnen) aus, diese Tatsache zu ignorieren? So einseitig wie diese Sicht auch sein mag, diese Etüde musste geschrieben werden. Ich habe keine Antworten.

 

Schreibeinladung für die Textwochen 39.40.18 | Wortspende von visitenkartemyblog

Na, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, war das nicht ein gelungener Auftakt zu den Etüden im neuen Gewand? Vielen Dank für die freundlichen Rückmeldungen, ich bin so glücklich, dass ihr alle dabei seid – und, äh, zwei Wochen = zwei Etüden? Hmmmmmmmmm?
Erzählt es ruhig weiter, ich/die Etüden-Verrückten freue/n mich/sich über jede und jeden Schreiber*in, der/die Lust hat, sich von den Etüden herausfordern zu lassen. Und nicht zu vergessen die Wiedereinsteiger bzw. die, die überlegen, ob sie sollen/wollen. Macht doch, 300 Wörter fühlen sich ganz anders an als 10 Sätze! Myriade und ich haben uns (zum Beispiel) sogar von den reinen Geschichten zu Betrachtungen hinbewegt, auch das ein spannendes neues Feld, und unser Running Gag, Anton, Frau Flumsels Zombiekatze, ist auch wieder unter den, äh, Lebenden *hust*.

Hier kommt eine kurze Übersicht derer, die in den letzten beiden Wochen mitgemacht haben. Ich habe (hoffentlich) alles drin, was bis zum Erscheinen dieses Beitrags aufgelaufen ist.

dergl auf Die Tinterkleckse sehen aus wie Vögel: hier
Jaelle Katz auf Jaellekatz: hier
Berta auf Zuhause im Drei-Kronen-Land Schweden: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier und hier
Yvonne auf umgeBUCHt: hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier
Werner Kastens hier in den Kommentaren: hier, hier und hier
Frau Flumsel auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Frau Vro auf vro jongliert: hier
Anne Seltmann auf Wortperlen: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier und hier
Gerda auf GERDA KAZAKOU: hier und hier
Isabel auf Wortverzauberte: hier

15 Leute (plus ich) haben insgesamt 23 Etüden geschrieben! Vielen Dank dafür!
Und jeeeeeeetzt *TUSCH* *TROMMELWIRBEL*:

Die Wörter für die Textwochen 39 und 40 des Jahres 2018 stammen aus der Feder von Anna-Lena von Meine literarische Visitenkarte und lauten:

Kreuzfahrt
gemeingefährlich
stelzen.

 

UPDATE: Ich bin so blöde, verdammt! dergl, Entschuldigung, ich habe es echt schon wieder vergessen, dass du mit WASSER-Wörtern eigentlich nicht kannst. Wenn es bei „Kreuzfahrt“ wieder zuschlägt, würdest du dir bitte ein Wort aus dem Umfeld suchen, gern auch irgendwas mit der Seebrücke, das du stattdessen verwenden kannst? Ich könnte mich echt schlagen. Tut mir leid.

Neuer Etüden-Disclaimer: Die neue Headline heißt: 3 Begriffe in maximal! 300 Wörtern.
Wenn jemand nicht weiß, wie er/sie die Wörter gezählt bekommt, bitte melden!
Euren Beitrag verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin (immerhin, das ist geblieben) und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.
Die Illustrationen unterliegen meinem Copyright und ich behalte mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Oh, und die nächsten Wörter gibt es am 7. Oktober. Euch viel Spaß und zwei inspirierte Wochen!

 

2018 39+40 | 365tageasatzaday

 

2018 39+40 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, hier und hier, Bearbeitung von mir

 

Begegnung | (abc.etüden)

Ich wollte IHN in persona sehen oder besser hören. Nein, nein, das ist nicht das Ende – oder der Anfang – einer Lovestory, das ist der Grund, warum ich aufbrach, um dem kanadischen Schriftsteller Michael Ondaatje bei der Vorstellung seines neuen Buches „Kriegslicht“ zu begegnen. Klar kenne ich ihn aus Fernsehen und Internet, lange schon. Alles nicht damit zu vergleichen, dieses Timbre live zu hören.

Die Veranstaltung erwies sich als eine Mischung aus Interview (viel) und Lesung (wenig). Ondaatje beherrschte die Szene auf sehr zurückhaltende, souveräne Art. Für meinen Geschmack hätte er länger lesen dürfen, ich werde nicht müde, ihm zuzuhören, er weiß, was er da tut. Auch das Interview mochte ich: Gute Interviews sind eine Kunst, aber hierbei war kein Fremdschämen nötig, beide hatten größtenteils ihren Spaß, denke ich. Ondaatje performte nicht für die vollen Ränge, er konzentrierte sich auf seinen Gesprächspartner (gleichzeitig Moderator, Interviewer und Dolmetscher) und spielte mit. Und immer diese wachen Augen und dieses verschmitzte Lächeln in dem zauseligen Charakterkopf. Natürlich verflog die angesetzte Zeit im Nu.

Last but not least die ersehnte Signieraktion. Der Mann ist schnell, seine Unterschrift wenig mehr als eine schwungvolle Linie. Irgendwann stand ich am Kopf der Schlange, er sah freundlich zu mir und dem frisch erstandenen Buch auf und murmelte mir ein „For you?“ zu, ich bestätigte das erstaunt, er kritzelte, wir lächelten einander an, ich bedankte mich und zog glücklich mit meinem veredelten Buch von dannen.

Seitdem lese und schwelge ich und bin verzückt, wieder mal. Ach, dieses lyrisch anmutende Verschwenden von überbordenden, die Sinne berührenden Bildern, ein sorgfältig hingetupfter Flickenteppich, den man auf jeder Seite immer wieder neu entrollen kann. Dieses Innehalten, Sich-Wundern, Beglückt-schön-Finden. In jeder Szene freue ich mich schon neugierig und verzaubert auf die nächste; Pageturner im anderen Sinne, fürwahr eine hohe Kunst. Wie ich seine Bücher liebe.

300 Wörter

Die Veranstaltung fand am 11. September im Rolf-Liebermann-Studio des NDR in Hamburg statt. Ondaatje hat am 12. September Geburtstag, er wurde 75. Hier mehr Infos zum Abend und zum Nachhören. Da gibt es auch ein paar anständige Bilder, auf dem Bild vom Publikum bin ich übrigens auch drauf, wie ich festgestellt habe. Ach, war schön.

Mehr Infos zu Ondaatje gibt es auch auf seiner Seite seines deutschen Verlags, dem Hanser-Verlag.

Nebenbei, fast hätte ich es vergessen, ist dies auch noch ein Beitrag für die abc.etüden, Woche 37/38.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die zu verbauenden Worte stammen dieses Mal von mir und lauten: Kunst, müde, verschwenden.

 

Ondaatje "Kriegslicht" Signatur | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Schöpfung | abc.etüden

Die Muse ist keine sanfte Geliebte. Jedenfalls ihre nicht, sie springt sie nächtens an und bezwingt sie, verbeißt sich in sie, bis sie gequält zum Stift greift, wie von Sinnen Sätze aufs Papier schleudert, die Idee verfolgt und vorantreibt und sich dem Rausch mit seiner inneren Logik hingibt. Im Licht des Morgens starrt sie dann auf das Ergebnis: Manchmal erkennt sie es, manchmal nicht. Nur der Einfluss der Wilden macht daraus Kunst, ihren Kuss versucht sie zu locken, bis sie in den durchwachten Stunden über sich hinauswächst und später nicht mehr so recht weiß, woher das stammt, was da steht.
Kurzfristig verschmolzen. Mit wem? War ich das? Keine Antwort.

Hinterher ist sie erschöpft, wieder allein, zutiefst müde. Aber sie ist gut, diese Mattigkeit, sie fühlt sich richtig an. Sie hat das Ihre großzügig verschwendet und ist selbst zum Gefäß geworden. Hat aufs Neue Himmel und Erde erschaffen und ihnen ihre Namen gegeben. Und dann ruht sie.

 

2018_37+38_1_250 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung: ich

 

Für die abc.etüden, Woche 37/38.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von mir und lauten: Kunst, müde, verschwenden.

Na, die ist mal kurz, alles, was recht ist. Ich habe zur Sicherheit nachgezählt, ob ich über 10 Sätze hinaus bin – geübt ist geübt – ja, bin ich. Ach, diese Freude, Zweiwortsätze schreiben zu dürfen. Aber irgendwie … sehr interessantes Ergebnis des Experiments, das da oben.

 

Relaunch: Schreibeinladung für die Textwochen 37.38.18 | Wortspende von Irgendwas ist immer

Es geht wieder los, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, es ist viel passiert in der Sommerpause und nicht alles ist fröhlich. Lasst es mich zusammenstellen:

1. Nach Absprache mit euch habe ich den Modus geändert. Zumindest bis zum Ende des Jahres kommen die neuen Wörter jetzt alle zwei Wochen, und ich werde an dieser Stelle jeweils ansagen, wann der nächste Termin ist. Nächster Termin also: 23.09.2018.

2. Nach Absprache mit euch spielen/schreiben wir ab jetzt mit einer maximalen Wortanzahl. Soll heißen, ihr zählt jetzt nicht mehr Sätze, ihr zählt Wörter. (Und zwar, für die, die es genau wissen wollen: Wörter im TEXT. Soll heißen, die Überschrift zählt nicht mit.) Die Abstimmung ist mit einer sehr deutlichen Mehrheit (300 Wörter: 8 (inkl. dergl in den Kommentaren), 250 Wörter: 4, 200 Wörter: 4; Stand 08.09.2018) zugunsten einer maximalen Anzahl von 300 Wörtern ausgegangen. Ich räume ein, dass auch ich für die 300 Wörter war und mich freue, endlich mal wieder Ein-Wort- oder Zwei-Wort-Sätze verbraten zu können, ohne innerlich zu fluchen.

3. MAXIMAL heißt ja nicht, dass ihr immer bis an die Grenze gehen müsst. Da wir jetzt im Zwei-Wochen-Rhythmus sind, könnte ich mir durchaus vorstellen, in der einen Woche eine „lange“ Etüde zu schreiben und in der anderen eine „kurze“. Es gibt für alle, die lieber mit 250 Wörtern spielen/schreiben würden, passende Illustrationen, siehe unten. Wenn ihr auch noch 200er haben wollt, sagt Bescheid, es war mir heute einfach zu viel Aufwand.

4. Denn Ludwig, unser Etüdenerfinder und Illustrator, hat (zum wiederholten Mal) aufgrund seines Stalkers seinen Blog gelöscht. Damit ging einher, dass er mir die Mitarbeit an den Etüden (zumindest vorläufig) aufgekündigt hat, weil er zurzeit einfach keine Lust auf Internet im Allgemeinen und die Bloglandschaft im Besonderen habe. Mir ist das passende Wort dafür eingefallen: Kollateralschaden. Ich mache also aus meinem Herzen eine MÖRDERGRUBE und verschone euch damit, was ich von dieser Sache halte; wie ich anderswo zu anderer Gelegenheit schon mal schrieb, ist öffentliches Emotionen-Hochkochen selten von Vorteil.
Beklagenswerterweise bedeutet das demnach, dass ihr mit meinen Illustrationen vorliebnehmen müsst. Nein, ich meine damit nicht, dass ich nicht irgendwie mit Photoshop umgehen könnte, natürlich kann man die Dinger ansehen, ohne schreiend wegzulaufen. Ich liebe an Ludwigs Illustrationen extrem, dass aus ihnen sein eigener schräger, unabhängiger, kreativer Künstlergeist spricht, der sogar verlaufene Farbe oder Hingekritzeltes, was bei mir wie ein Unfall aussehen würde (und wohl auch wäre), zu Absicht und damit zu einem Hingucker erhebt. Weil er’s kann. Kunst eben. Und daher, weil ich finde, dass seine Arbeiten meinen Blog und speziell die Etüden so unendlich bereichern, werde ich ihn geduldig weiter nerven, die Illus wieder aufzunehmen. Irgendwann. Versprochen.

5. Lange Vorrede. Kommen wir also nun endlich zu den neuen Wörtern für die Textwochen 37 und 38 des Jahres 2018, die dieses Mal, wie eigentlich immer am Anfang einer „Saison“, von mir (oder Ludwig) gespendet werden. Also, dies sind meine Wörter:

Kunst
müde
verschwenden.

Neuer Etüden-Disclaimer: Die neue Headline heißt: 3 Begriffe in maximal! 300 Wörtern.
Wenn jemand Hilfe beim Zählen braucht, meldet euch, man kann in jedem Schreibprogramm Wörter zählen lassen, und auch WordPress zählt die Wörter eines Beitrags automatisch, ich helfe euch gern dabei, das herauszufinden, wenn ihr nicht wisst, wo es steht (wobei ich mich mit der WP-App nicht auskenne).
Euren Beitrag verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin (immerhin, das ist geblieben) und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

Die Illustrationen unterliegen meinem Copyright und ich behalte mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

 

2018_37+38_1_300 | 365tageasatzaday

 

2018_37+38_1_250 | 365tageasatzaday

 

2018_37+38_2_300 | 365tageasatzaday

 

2018_37+38_2_250 | 365tageasatzadayQuelle: beide Originale von Pixabay, hier und hier, Bearbeitung: ich

 

Etüdengedöns mit Umfrage

Ihr Lieben, es war eigentlich keine große Überraschung, dass sich die Mehrheit von euch dafür entschieden hat, zu einer festgelegten Wortanzahl bei den Etüden zu wechseln. Dennoch hat es mich überrascht, dass von 18 Leuten nur 4 explizit gesagt haben, dass ihnen die Variante mit den Sätzen lieber ist. Damit haben wir die von Bernd angeregte Dreiviertelmehrheit für eine Änderung auf eine feste Wortanzahl. Jau! Tusch! Kamelle!
Ihr Lieben, die ihr für die 10 Sätze gestimmt habt, tragt ihr das mit? Frau Vro, dergl, was die zurzeit aktiven Schreiberinnen angeht, Petra, Mrs Postman? Ich habe die Hoffnung ja noch nicht aufgegeben, dass ihr wieder einsteigen mögt. Falls ihr es völlig blöd findet, könnte ich anbieten, dass wir das zum Jahresende noch mal neu verhandeln (siehe auch unten).

Ihr wisst alle, dass WordPress (PC) unten links oder unten rechts die „Anzahl Wörter im Text“ anzeigt, sodass wirklich NIEMAND von Hand zählen muss? Möchte es jemand erklärt bekommen? Und ja, DIE ÜBERSCHRIFT ZÄHLT NICHT MIT! Auch bei Word gibt es eine Wörterzählfunktion, bei allen Schreibprogrammen gibt es die, soweit ich weiß. Was ich nicht weiß, ist, ob man die Wörteranzahl eines Textes auch in der App angezeigt bekommt, weil ich nie über die App schreibe. Kann das bitte mal eine*r von euch bestätigen?

Wortanzahl: Okay, wie viele Wörter sollen es denn sein? Schaut doch eure letzten Etüden mal durch. Ich habe festgestellt, dass bei mir SEHR wenige Etüden über 300 und unter 200 Wörtern sind (und habe Ähnliches auch schon von anderen gehört), also würde ich vorschlagen, dass wir über 200, 250 und 300 Wörter abstimmen. Ich wollte schon immer mal ausprobieren, wie das mit einer Umfrage geht (siehe unten, Mistding), aber es wäre mir sehr lieb, wenn ihr, die ihr mitschreibt und mitüberlegt habt, euch in den Kommentaren äußern könntet, ich weiß ja nicht, wer alles klickt, und ich möchte das nicht über eure Köpfe entscheiden.
(Kennt sich jemand von euch mit Polldaddy aus? Der klägliche Link ist definitiv NICHT, was ich möchte. Wofür kann ich mir eine Optik für die Umfrage aussuchen, wenn ich dann nur weitergeleitet werde? Ich glaube, ich mache was falsch. Und nee, wenn ich den WP-Shortcode einfüge, passiert einfach nichts. Schon die Vorschau geht nicht.)

Wortanzahl für die Etüden
(Polls)

Etüdenrhythmus: Mir wäre es zurzeit lieb, wenn ich ein bisschen mehr Zeit für mich haben könnte. Daher möchte ich gern den zweiwöchigen Rhythmus mal ausprobieren. Und zwar (hallo Elke!) erst mal bis zum Jahresende, dann sehen wir weiter. Das sind tatsächlich nur 8 Termine bis Weihnachten. Ob die Etüden zwischen den Jahren ruhen (der Termin wäre am 30.12.), weiß ich noch nicht.

Wortspender: Wie komme ich also nun an die Wortspender für die 8 Termine? Der erste Termin, der 9. September, den losen Ludwig und ich unter uns aus, wir eröffnen die „Saison“ ja immer. Die anderen 7 Termine möchte ich in Zeiten der DSGVO wie folgt vergeben.
Ich habe von folgenden aktiven Wortspender*innen der letzten Saison die Mailadressen und sie damit in meiner „Wortspenderdatei“: Anna-Lena, Bernd, dergl, Elke, Gerda, Myriade, m.mama, Natalie, Frau Flumsel, Frau Vro, Viola, Werner, Yvonne. (Wenn ihr nicht mehr wollt, bitte melden!)
Wer sonst von den aktiven Schreiber*innen noch Wörter spenden möchte, der/die vermerke das bis Mittwochabend bitte in den Kommentaren, damit habe ich dann die Mailadresse. Dann mache ich Donnerstag für alle kleine Zettelchen, stecke sie in Ü-Eier (nein, ich habe das Drumherum nicht gegessen!) und lasse den Fellträger ziehen. Er freut sich schon. Und die Gezogenen schreibe ich dann an. Sollte wer nicht innerhalb 3 Tagen geantwortet haben, ziehe/nominiere ich nach.

Ich bin sicher, das wird eine überraschende Runde bis zum Jahresende!

 

Fellträger mit Ü-Eiern | 365tageasatzaday

 

Kloß im Herz | Etüdensommerpausenintermezzo II-18

Sie stand hinter dem Fenster und blickte nach draußen. Wenn sie sich vorbeugte, konnte sie die Decke mit der kleinen bepelzten Kugel sehen, die im Tiefschlaf pustete. Die Bank, auf der die Kugel lag, war eines der Dinge, die noch von zu Hause stammten, solides Holz, Fichte, glaubte sie, und erinnerte sich daran, dass sie ihrem Vater als Kind geholfen hatte, es abzuschleifen, bevor unter seinen Händen die Bank entstanden war, die später meist ihren Dienst in der kühlen, immer leicht feucht riechenden Waschküche verrichtete, durch deren winzige Fenster auch eine ebensolche Kugel aus und ein gegangen war.
Was nahm man mit, wenn man eine Wohnung, ein Haus, ein Leben auflöste? Wenn aus einer Gegenwart Erinnerungen wurden, unwiederbringlich, deren Gewicht für lange Zeit das Herz abschnürte?

Wir haben doch alles.

Sie hatte sich schweren Herzens nur für Dinge entschieden, die sie nicht so schnell loslassen konnte oder wollte, die halfen, die klaffende Wunde zu verpflastern. Wertgegenstände halt, auch wenn der Wert eher ideell als materiell war. Das geliebte Schränkchen. Bücher. Die Trauringe ihrer Eltern, die scheußliche goldene Kette, die die Mutter „für gut“ getragen und sehr in Ehren gehalten hatte. Küchenkram, na klar. Praktische Kleinigkeiten, die ihr später irgendwann ein Lächeln abringen würden, weil sie so sehr den Geist ihrer Mutter atmeten. Und vieles, was sie mit ihrer eigenen Kindheit verband.
Ach, dachte sie, mit der Zeit ist es wie mit einer Wanderbaustelle, irgendwann ist es vorbei. Und was wird dann von mir bleiben außer einem Namen auf dem Friedhof? Und ist es nicht gut so, wie es ist? Wer bin ich denn schon? „Mein Teil, es soll verloren gehen“, eine Zeile aus einem Bachmann-Gedicht, gelesen, zugestimmt, erschrocken ob der Endgültigkeit und nie vergessen.

Ihre Gedanken verweilten bei ihrer Mutter, die abends mit langsamen Schritten das Haus umrundet hatte, im Garten kontrollierte, ob etwa Erdbeeren oder Johannisbeeren so reif waren, dass sie gepflückt werden mussten, oder wie es um die Äpfel stand. Im Sommer kam es der Tochter manchmal so vor, als ob die Mutter bei den abendlichen Telefonaten nur von den Falläpfeln sprach: Apfelmus, Apfelpfannkuchen, Blechkuchen mit Äpfeln und Rosinen und Zimt zu allen Gelegenheiten, die sich nur ergeben konnten. Und Zwetschgen. Später im Jahr dann die Zeit, wo sie am Gartentor stand und das fliegende V hoch über ihr flüchtige Anzeichen von Heimweh auslöste: Graugans nach Graugans, nach Nordosten oder von dort zurück, Ostpreußen. Ferne, schöne Heimat, für immer überschattet von Krieg und Vertreibung.
Sie hatte über fast alles Schlimme geschwiegen, hatte ihre Lebensgeschichten ihrer Tochter nicht zumuten wollen, auch wenn die sich an Geschichten über Muckefuck und Ernteeinsätze und Badeausflüge zur Ostsee erinnerte, und dass sich die Mutter entgegen aller Flüsterpropaganda, was mit ihnen unter den Russen geschehen würde, geweigert hatte, ein Schiff zu besteigen, als alles verloren war: Wasser hat keine Balken! Wie war es wirklich, hatte sie gefragt. Furchtbar, hatte die Mutter gesagt und abwehrend den Kopf geschüttelt, aber es gibt gute und schlechte Menschen überall, ich glaube nicht, dass die deutschen Soldaten immer besser waren. Es gab so viel, was wir damals nicht wussten.
Dass ihr Volk, das der Dichter und Denker und der Waldeinsamkeit, dazu fähig war, Vernichtungslager zu bauen und zu betreiben, hatte ihren Glauben an die Welt nachhaltig erschüttert. Sie hatte als Jugendliche die dahinterstehenden Ideen unkritisch mitgetragen, ihre Tochter hatte sich manchmal gefragt, ob sie ihr Schicksal als eine Art Buße dafür angesehen hatte, so gutgläubig gewesen zu sein. Heute ist es leichter, sich zu informieren, dachte sie nun, aber die Schlüsse daraus sind genauso schwierig und oft nicht weniger falsch.

Draußen auf der Terrasse schwangen die solarbetriebenen Lampions im abendlichen Windhauch. Die Pelzkugel stand auf, machte einen Buckel, warf ihr einen langen Blick zu und ging gemessen ihrer Wege.

 

Sommeretüdenintermezzo II-1 | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Ich habe mich entschieden, bei diesem zweiten Etüdensommerpausenintermezzo folgende 10 Wörter in einem Text beliebiger Länge einzubauen:
Flüsterpropaganda, Graugans, Holz, Johannisbeeren, Lampion, Muckefuck, Schritte, Waldeinsamkeit, Wanderbaustelle, Windhauch.

Gestern Abend habe ich mich mit Myriade darüber unterhalten, wie wir schreiben, da wir beide uns oft aus den Etüden einen Ausgangsbegriff herauspicken (ich oft unbewusst, wie mir aufgefallen ist), um den herum sich die Geschichte dann entwickelt. Dazu merkte sie dann an: „Na ja, ich denke es gibt verschiedene Herangehensweisen. Man kann die Geschichte um ein Wort bauen und die anderen hereinziehen oder zuerst eine Geschichte haben und die Wörter dann einbauen oder nur die Wörter irgendwie aneinanderreihen. Sehr spannend finde ich irgendetwas Persönliches zu schreiben und dann zu sehen, ob die Wörter irgendwelche zusätzliche Gedanken oder Themen eröffnen. Das ist dann so ähnlich wie ein Rohrschach-Test nur mit Wörtern. Das ist für mich ein Gewinn, ansonsten könnte ich ja genauso gut einfach irgendeine Geschichte erfinden oder Betrachtungen über irgendwas schreiben. Aber es würde mich sehr interessieren, wie andere an die Sache herangehen.“ (Originalkommentar hier.) Und ich dachte, oh, das probiere ich mal aus, mich anders zu nähern, denn mir war fast gleichzeitig der Eintrag von Petra Schuseil im Totenhemd-Blog ins Auge gesprungen, wo sie fragt, ob man schon mal eine Wohnung aufgelöst habe. Ja, musste ich, und es ist auch nicht mehr ganz frisch, also war es relativ leicht, daraus eine Geschichte zu spinnen …

 

10 aus 15 | Etüdensommerpausenintermezzo II-18

Eine Pause ist eine Pause ist eine Pause. Mir jedenfalls tut sie gut, immer noch, führt sie doch dazu, dass sich bereits ZWEI Ideenpakete bei mir eingestellt haben, von denen ich das Gefühl habe, dass sie mein Leben verändern könnten – und die nichts mit den Blogs zu tun haben, okay, eine könnte sich vielleicht in die Richtung ausdehnen. Alles zu seiner Zeit. Habe ich also Lust, meine Sommerfrische zu beenden? Mitnichten! Ich harre der Dinge, die da kommen, und lebe. (Und arbeite.) Offline. Weitgehend.

Da trifft es sich gut, dass ich (aus anderen Gründen, manche werden sie kennen) dergl (deren momentane Abstinenz ich bedaure, aber verstehe und hoffe, dass sie bald beendet ist und sie wieder mitschreibt) gebeten hatte, dass sie aus der Liste der von euch gespendeten Wörter 15 neue aussucht, auf dass wir mit ihnen spielen/schreiben können. Und wem meine Wörter ein bisschen zu sehr dem bunten Bällebad entsprungen waren, der wird sich sicherlich jetzt über mehr Tiefe freuen, der Tenor ist ganz anders.

Sucht euch aus der Liste (mindestens) 10 Wörter aus und verarbeitet sie in einem Text. LÄNGE: egal. TEXTART: egal. Zusätzliche Gedicht- oder Liedzeile: gestrichen.

 

Hier sind sie (in alphabetischer Reihenfolge):

Flüsterpropaganda
Graugans
Holz
Johannisbeeren
Kaninchenstallscharnier
Knäckebrot
Lampion
Langsamkeitswahn
Muckefuck
Sarkasmus
Schaukelbär
Schritte
Waldeinsamkeit
Wanderbaustelle
Windhauch

 

Anders als ursprünglich geplant, geht es mit den Etüden nicht am ersten Septemberwochenende weiter, sondern erst am zweiten, wir sprechen also über Sonntag, den 9. September. Vorher melde ich mich bei euch, WIE es denn nun weitergeht. Die Abstimmung zeigt bisher jedenfalls, dass ihr mit großer Mehrheit eine maximale Wörteranzahl statt 10 Sätzen befürwortet bzw. zumindest tolerieren würdet. Wir können es ja mal probieren. Wie gesagt, Näheres dazu kommt.

Last but not least sind des Herrn lz. wunderhübsche Illustrationen (danke, Ludwig) dazu gedacht, als Bilder von euch bei euren Beiträgen eingebunden zu werden (die Frage tauchte neulich auf). Kein Muss, aber ein Angebot.

Und bitte hierhin verlinken/kommentieren … ich freue mich und bin wie immer sehr gespannt, was euch so einfällt! Viel Spaß beim Aussuchen und Schreiben!

 

Sommeretüdenintermezzo II-1 | 365tageasatzaday

 

Sommeretüdenintermezzo II-2 | 365tageasatzaday