Schreibeinladung für die Textwochen 38.39.19 | Wortspende von Make a choice Alice

Inhaltshinweis: Dieser Text diskutiert Triggerwarnungen und gibt Beispiele.

Eine Runde ist das neue Etüdentrimester erst alt, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, und schon stecken wir knietief in der Sch… im Schlamassel. Also holt euch einen Kaffee oder was auch immer, nehmt euch ein bisschen Zeit, es dauert was länger.

  1. Stellt euch vor, ihr seht im Fernsehen einen Film, in der ein Protagonist, ein gestandener Kerl, auf dem Sofa sitzt und draußen Schüsse hört. Aber statt sich darum zu kümmern, was los ist, rollt er sich auf dem Sofa zusammen, zieht sich die Decke über den Kopf, fängt tierisch an zu zittern, ihm wird schlecht, er hat Schweißausbrüche und bekommt keine Luft.
    Was denkt ihr? Weichei? Wer sich ein bisschen auskennt, der denkt irgendwas wie: Oh, verdammt, Flashback, Panikattacke, PTBS – posttraumatische Belastungsstörung –, was hat der denn erlebt? Armes Schwein. Und dann erwartet man die Rückblende, die erklärt, warum der Typ so reagiert und was ihm seine Psyche so ruiniert hat.

Der Typ wurde durch das Hören der Schüsse getriggert. „Der Begriff ‚Trigger‘ stammt aus der Trauma-Forschung und bezeichnet Reize, die bei Betroffenen potenziell Erinnerungen (‚Flashbacks‘) an ein erlebtes Trauma, Angstattacken oder depressive bzw. suizidale Gedanken auslösen können. […] Die Konfrontation mit einem echten Triggerreiz kann nicht ansatzweise mit Unwohlsein oder Empfindlichkeit verglichen werden. Das ist so, als würde man einen Patienten mit offenem Bruch am Arm als empfindlich abtun, weil er über Schmerzen klagt.“ (Quelle [1]).

Jetzt stellt euch vor, dass Menschen mit psychischen Problemen nicht nur dadurch getriggert werden, dass sie erneut in ähnliche Situationen geraten, sondern auch dadurch, dass sie derartige Szenen lesen (im Fernsehen oder im Kino sehen etc.).
Lesen. In den Etüden zum Beispiel. Zu denen ihr und ich beitragt, mit unseren mehr oder weniger harmlosen Geschichten.
Nicht möglich? Doch.

  1. Der eine oder die andere hat mitbekommen, dass auf ein paar Blogs in den letzten beiden Wochen heiß diskutiert wurde. Thema Verantwortung, und zwar Verantwortung für die Inhalte, die wir mit unseren jeweiligen Etüden in die Welt setzen, nämlich Verantwortung für das, was das Lesen unserer Texte möglicherweise beim Leser auslöst. Denn egal, was jede*r von uns schreibt, egal, was „nur mal eben“ probiert wird, wenn es jemand liest, der*die das nicht abkann, dann ist es egal, ob es ernst gemeint war oder wir das Schreiben nur als Spielerei ansehen (die ja eh keiner liest), dann haut es den*die weg. Könnt ihr damit leben? Denkt an das Beispiel mit dem offenen Bruch von oben. Das ist KEIN Spaß. (Muss ja keiner lesen? Ey, wozu seid ihr im Internet? Wollt ihr keine Leser? Mit einem Triggerhinweis gebt ihr Leuten die Chance, eure Leser zu bleiben – denn ihr glaubt doch nicht, dass die ansonsten jemals wieder zu euch kämen?)
  1. Wir haben jetzt – JETZT! – den konkreten Fall, dass (mindestens) eine Etüde aus der letzten Runde mehrere Personen (ich werde auf Wunsch keinerlei Namen nennen) getriggert hat. Folge: massive körperliche und psychische Symptome, die die Gesundheit der Betroffenen stark einschränken. Mir wurde versichert, dass das nicht zum ersten Mal vorgekommen sei, aber ich habe jetzt zum ersten Mal davon gehört. Ich bin schockiert.
    Ich habe spontan darüber nachgedacht, die Etüden zu schließen, der Gedanke ist mir unerträglich. Sicherlich bin ich nicht für das Leid der Welt verantwortlich, aber ich kann dazu beitragen, es nicht zu vergrößern.
  1. Was kann getan werden? Das hier ist ein bisschen ein Schnellschuss, ihr versteht, aber es gibt eine gangbare Lösung, relativ simpel, die in den nächsten Wochen noch verfeinert werden kann. Ihr setzt über eure Etüde eine Triggerwarnung/einen „Inhaltshinweis“. Ich habe eine Liste gefunden, bei welchen Themen Inhaltshinweise angebracht sind (Quelle [2], Auswahl).
  • Suizid, Suizidversuche und suizidales Verhalten von Figuren
  • Selbstverletzendes Verhalten […]
  • Depressionen
  • Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch
  • Gewalt […]
  • Tod
  • Kindesmissbrauch
  • Drogen, Alkohol & Suchtverhalten allgemein
  • Sexismus

Wie diese Inhaltswarnung aussehen soll? Bernd hat es vorgemacht [hier lesen]. Ich habe inzwischen dazu eine Rückmeldung bekommen, dass der betreffenden Person der (modifizierte) erste Satz völlig reichen würde. „Inhaltshinweis: Dieser Text enthält Szenen physischer oder psychischer Gewalt, die belastend sein können.“
Ich habe zwei Artikel (Quelle [1] und [2]) ausgegraben (danke, Werner!), die sich mit dem Thema befassen, Fragen beantworten und zeigen, wie sie es machen. Ihr findet die Links am Ende, bitte schaut rein. In einem wird das Thema m. E. gut zusammengefasst: „Triggerwarnungen sind letzten Endes nicht mehr als einfache Rücksichtnahme. Ihr nehmt auf Menschen Rücksicht, denen es nicht so gut geht, wie euch. […] Es ist nicht viel Aufwand, kann aber für einige Betroffene einen großen Unterschied machen.“ (Quelle [2])
Wenn ihr nicht wisst, ob ihr einen Inhaltshinweis setzen solltet, dann setzt ihn. Natürlich komme ich rum, natürlich gebe ich nach bestem Wissen und Gewissen meinen Senf dazu; und auch euch bitte ich, die Augen offen zu halten, wo eine Etüde einen Inhaltshinweis braucht und ihn nicht hat.

 

Ich habe lang und breit rumgetönt, dass ich an den Regeln nichts ändere, ohne euch, die Mitschreiber*innen, dazu zu befragen. Ich habe jetzt lang und breit erklärt, warum ich das in diesem Fall für nötig halte. Jetzt seid ihr dran. Ich möchte gern von euch hören, wer sich bereit erklärt, über seinen Text, falls er in eine der oben genannten Kategorien fällt, eine Triggerwarnung/Inhaltshinweis zu setzen. Ich habe dazu eine Umfrage erstellt, kann aber natürlich nicht garantieren, dass nur Schreibende abstimmen, daher bitte ich um Wortmeldungen in den Kommentaren.

LINK ZUR ABSTIMMUNG

 

So. Seid ihr noch da? Endlich zum „normalen“ Etüdengeschäft. Die Etüdenstatistik sagt: 36 Etüden von 23 teilnehmenden Blogs. Cool! Die Spitzenplätze der Liste teilen sich Alice und Werner mit jeweils drei Etüden. Vielen Dank, ich freue mich, der Start ist trotz allem gegeglückt.

Hier ist die Liste zum Schmökern, checkt wie immer bitte, ob alles mit euren Links okay ist, und meldet Fehler/Fehlendes oder ob sonst was falsch ist – wie immer, ihr kennt das ja inzwischen zu Genüge.

Corly in Corlys Lesewelt: hier und hier
dergl von Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel: hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier, hier und hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier und hier
fraggle auf reisswolfblog: hier
Jaelle Katz auf Jaellekatz: hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten: hier, hier und hier
René auf Ein Blog von einem Freund. Von Humor. Und Spass. Aus Berlin. Im Ernst!: hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier und hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier und hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Die Hoffende auf ICH & MEHR: hier
Jacqueline auf Meine bunte Textewelt: hier
Die Hummel im Hummelweb: hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
Veronika auf vro jongliert: hier und hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Petra Schuseil auf Wesentlich werden: hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier und hier
Rina auf Geschichtszauberei: hier

Vielen Dank an alle, die geschrieben, gelesen, gelikt und kommentiert haben, und einen speziellen Dank an Ludwig Zeidler, den Etüdenerfinder und Wortspender, dessen Wörter uns dieses Mal diese unvergleichliche Büchse der Pandora beschert haben. Ob ich sauer auf mich bin, dass ich die Wörter akzeptiert habe? Ich hätte gern auf das Öffnen der Büchse verzichtet, aber ganz ehrlich, ich glaube, das wäre eh irgendwann passiert.

Die Wörter für die Textwochen 38 + 39 des Schreibjahres 2019 kommen zum ersten Mal von Alice und ihrem Blog Make a choice Alice. (Alice, es tut mir so leid, dass deine Wortspende von diesem Schlamassel derart überschattet wird. Ich hoffe, es wird dennoch eine sensationelle Runde.) Die Begriffe lauten:

Roman
variabel
entlassen.

 

Der öde blöde Etüden-Disclaimer hat sich noch nicht weiter verändert: Bringt obige 3 Begriffe in einem Text mit maximal 300 Wörtern Länge unter. Die „Inhaltshinweise“ zählen NICHT zum Text.
Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe, den Stress tu ich mir nicht an.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright und sollen/dürfen zur Bebilderung eurer Etüden verwendet werden.
Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen, das ergänzt wird, wenn wir mit der Umfrage durch sind. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die vierte Ausgabe der Extraetüden startet am 29.09.2019, die nächsten regulären Wörter gibt es am 6. Oktober 2019.

 

Die angesprochenen Artikel:

Quelle [1]: https://eleabrandt.de/2019/04/12/mythbusting-triggerwarnungen-in-buechern/
Quelle [2]: https://alpakawolken.de/die-triggerdebatte/

 

abc.etüden 2019 38+39 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

abc.etüden 2019 38+39 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Zu verschenken | abc.etüden

Sie war ambivalent. Sie liebte den Klang des Wortes, es hörte sich so viel melodischer und geheimnisvoller an als die Wahrheit: Sie war im Zwiespalt, zögerte, sich zu entscheiden. Sollte sie oder sollte sie nicht? War ihr Plan komplett bescheuert oder genial?

Noch einmal gab sie sich Phantasien hin, die süße Befriedigung versprachen – und schob sie weg. Ein neues Leben. Das war es doch, was sie wirklich wollte, ein Leben fernab aller Abhängigkeiten. Klar. Straight. Fit. Verantwortlich. Sensibel. Klimabewusst.

Sie sah sich selbst im Sessel hängen und verachtete ihre Schwäche.

„Mach es einfach“, schrie sie sich innerlich an, „los jetzt, Feigling, trau dich, tu einmal was nur für dich!“

Sie atmete tief durch.

Stand entschlossen auf, griff nach dem bereitstehenden Karton und kippte mit Schwung ihre gesamte Süßigkeitenschublade hinein. Ein energischer Griff – Plätzchenrollen aus dem Schrank und Schokoküsse aus dem Kühlschrank segelten hinterher. War das alles? Ja. Sie wusste es genau.

Den vollen Karton unter den Arm geklemmt, lief sie treppab zur Straße. Sie deponierte ihn an der Haltestelle, achtete darauf, dass das Schild „Zu verschenken“ gut sichtbar war, gönnte ihm einen endgültigen, erinnerungsseligen Blick zum Abschied und stapfte eilig zurück in ihren dritten Stock. Geschafft! Der Inhalt des Kartons fand bestimmt schnell Fans, um diese Uhrzeit waren viele Passanten unterwegs.

Sie warf sich auf die Couch und vermisste die Tröster jetzt schon. Aber sie würde es überleben, die ersten Tage würden schlimm sein und morgen würde sie bestimmt das Glas Nussnougatcreme leer fressen … Na und? Entscheidend war, keins mehr nachzukaufen. Sie war auf dem Weg zu einem weitgehend zuckerfreien Leben. Ihrer Gesundheit zuliebe, und nicht nur der.

Eine Verzweiflungstat? Keineswegs, dachte sie. Ein Befreiungsschlag.

 

abc.etüden 2019 36+37 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier und hier), Bearbeitung: ich

 

Für die abc.etüden, Wochen 36/37.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig, dem Etüdenerfinder, und lauten: Verzweiflungstat, ambivalent, hingeben.

Genug Drama in den letzten Tagen. Aber bevor sich jetzt jemand nach meiner geistigen oder sonstigen Gesundheit erkundigt: Danke, alles gut. Ich halte derartige Hauruck-Aktionen in den seltensten Fällen für wirksam. Wer aber dazu neigt, abends den Kühlschrank oder die Plätzchenschublade zu überfallen, dem hilft es möglicherweise, nichts im Haus zu haben …

Ein kritisches Auge auf den eigenen Zuckerkonsum zu haben, ist jedoch auf keinen Fall eine schlechte Idee.

 

Verantwortung | abc.etüden

Zu behaupten, ihre Gefühlslage sei ambivalent, war nicht nur ein Euphemismus, sondern eine fette Lüge. Sie schwankte zwischen zerreißendem Erschrecken und verschlingendem Zorn. Und Mitleid. Und ausgeprägten Schuldgefühlen.

Ihr Vater, der Auslöser der Misere, lag in seinem Krankenhausbett vor ihr und glich mehr denn je einem Häuflein Elend. Diagnose: ein frisch entdeckter, schwerer Diabetes mellitus, verbunden mit einem diabetischen Fuß. Der Arzt hatte soeben das Schreckgespenst Amputation an die Wand gemalt. Fuß ab oder tot, er könne wählen. Gottlob sei diese Verzweiflungstat noch keine medizinische Notwendigkeit, sondern erst das letzte Mittel, wenn nichts anderes anschlüge und er nicht auf der Stelle alles komplett umstelle. Es sei fünf nach zwölf.

Er hatte den Verlust ihrer Mutter vor Jahren nicht gut verkraftet. Nach ihrem Tod hatte er den Kummer mit Essen bekämpft, war kaum noch aus dem Haus gegangen, hatte stark zugenommen und immer weniger auf sich geachtet. Sie sahen einander nur selten, da sie in einer anderen Stadt ihr eigenes Leben lebte, telefonierten irgendwann bloß noch ein-, zweimal im Monat. Er hatte sich abgekapselt und sie hatte es zugelassen.
Manche schweißt ein Tod zusammen, andere nicht.
Jeder trauert anders, nicht wahr, und sie hatte schließlich ihre Mutter verloren. Und er war erwachsen und konnte auf sich selbst aufpassen.
Nun, anscheinend wohl doch nicht.
Nicht mehr.

Immerhin war er selbstständig zum Arzt gegangen, als die Blase, die er sich gelaufen hatte, über Wochen nicht zugeheilt war.

Und jetzt? Sich dem Jammer hinzugeben war auf jeden Fall nicht hilfreich. Die nächsten Monate würden zeigen, welche Veränderungen anstanden. Sie konnte nicht sagen, dass sie sich darauf freute.

„Ach, Papa!“

Er drückte schwach ihre Hand. Sie nickte aufmunternd.

„Gott sei Dank wissen wir jetzt Bescheid“, sagte sie und fühlte die Verantwortung tonnenschwer auf ihren Schultern lasten. „Wird schon wieder, Papa. Wir bekommen das irgendwie hin.“

 

abc.etüden 2019 36+37 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier und hier), Bearbeitung: ich

 

Für die abc.etüden, Wochen 36/37.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig, dem Etüdenerfinder, und lauten: Verzweiflungstat, ambivalent, hingeben.

Diese Etüde ist insofern autobiografisch, als ich mal jemanden kannte, der darunter litt, und bei dem Diabetes exakt so diagnostiziert wurde. Also, Freunde: Wenn ihr bei euch oder bei euren Nächsten schmerzlose (Polyneuropathie) und schlecht oder gar nicht heilende Wunden feststellt, speziell an den Füßen, dann denkt dran, dass der Mensch auch Zucker, sprich Diabetes haben könnte.

Infos Diabetisches Fußsyndrom: Wikipedia, Diabetesinformationsdienst München

 

Schreibeinladung für die Textwochen 36.37.19 | Wortspende von Ludwig Zeidler

*Trommelwirbel* Es geht wieder looooooohooooos!
*Trommelwirbel* Es geht wieder looooooohooooos!
*Trommelwirbel* Es geht wieder looooooohooooos!

Na, alle wach, alle wieder aus dem Urlaub zurück an Bord des Etüdenschiffs?
Willkommen bei der ersten Runde nach den diversen Etüdensommerpausenintermezzos, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, ein Durchgang mit spannenden Wortspenden liegt vor uns. Aber bevor wir uns auf die neuen Wörter stürzen, die wie so oft am Anfang eines Trimesters (klingt das nicht toll gelehrt?) von unserem Etüdenerfinder Ludwig Zeidler freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden, habe ich zwei Punkte zum Etüdensommerpausenintermezzo nachzutragen.

Ich fange mit dem kürzeren Teil an, der Liste von der letzten Schreibaufgabe des Intermezzos. Ich bin nicht sicher, ob ihr fast alle im Sommerloch dem Tiefschlaf verfallen wart oder ob ihr wirklich alle keinerlei Rechnungen mehr mit euren verflossenen Etüden offen habt – auf jeden Fall haben sich betrüblich wenige für meine schöne Idee interessiert. Okay, ist dann so. Ja, ich werde das überleben.

Das Fähnlein der fünf Aufrechten bestand jedenfalls aus:

Katharina auf Katha kritzelt: hier und hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier
Veronika auf vro jongliert: hier, hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier

Ich danke euch, die ihr mitgeschrieben habt. Ich danke auch all denen, die sich den Kopf zerbrochen haben, aber nichts gefunden haben, was sie gereizt hat, den Faden neu aufzunehmen. Auch ich hatte viel weniger Etüden, als ich angenommen hatte, die sich spontan in den Vordergrund drängelten. Trotzdem finde ich es gut, sich mal durch seinen eigenen Kram zu lesen; das fand ich übrigens auch schon bei den anderen Intermezzos dieses Sommers. Und natürlich danke ich wie immer allen, die gelesen und kommentiert haben, was wären wir ohne euch.

Erfreulicher ist die Sache mit dem Adventskalender, siehe Etüdensommerpausenintermezzo 2019-I. Ich habe, Stand jetzt, bisher 20 Etüden für den Adventskalender erhalten, und habe Zusagen für weitere fünf. Wenn die alle eintreffen (wovon ich ausgehe, ein Mann, ein Wort, oder?), dann habe ich nur die Qual der Wahl.
Wenn irgendwas passiert (es kann ja immer was sein), dann kommt es drauf an, wie viele Etüden fehlen. Bei einer schreibe ich sie, bei mehr als einer lose ich aus, wer eine zweite schreiben darf. Ich finde das am fairsten allen Mitschreibenden gegenüber, dann nicht einfach eine von denen zu nehmen, die mir schon freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden (und die ich allesamt sehr schön finde), sondern wie gesagt, allen noch mal die Chance zu geben.
Ich gehe aber nicht davon aus, dass das nötig sein wird.
Die Verlängerung beträgt zwei Wochen (wer sie braucht, bekommt auch vier), ich sollte euch also spätestens bei der ersten Oktober-Schreibeinladung Vollzug melden können.
Nein, wer bis jetzt noch nicht mit mir Kontakt diesbezüglich aufgenommen hatte, kann beim Etüdenadventskalender nicht mehr mitmachen.

So! Nun aber! Die Wörter für die Textwochen 36/37 des Schreibjahres 2019 hat unser Etüdenerfinder Ludwig Zeidler, der zurzeit nicht bloggt, dankenswerterweise gespendet. Die neuen Begriffe lauten:

Verzweiflungstat
ambivalent
hingeben.

 

dergl hat mich dran erinnert, dass es genügend Menschen gibt, für die „Verzweiflungstat“ nicht nur eine literarisch-schreibtechnische Herausforderung darstellt, sondern die damit Gewalt und/oder Depressionen assoziieren – die sie erlebt haben oder gerade erleben. In ihrem eigenen Leben.
Daher für alle Fälle drei Anlaufstellen (kostenlos und anonym):
das „Hilfetelefon“ (Gewalt gegen Frauen, auch Beratung für Angehörige oder Freunde/Bekannte), Tel. 08000 116 016, www.hilfetelefon.de
die „Nummer gegen Kummer“ (für Kinder und Jugendliche; Eltern etc. andere Nummer, bitte über die Webseite aufrufen), Tel. 116 111, www.nummergegenkummer.de
die „TelefonSeelsorge“ (Sorgen von der Seele reden), Tel. 0800 111 0 111, www.telefonseelsorge.de

 

Der öde blöde Etüden-Disclaimer hat sich nicht weiter verändert: Bringt obige 3 Begriffe in einem Text mit maximal 300 Wörtern Länge unter.
Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe, den Stress tu ich mir nicht an.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright und sollen/dürfen zur Bebilderung eurer Etüden verwendet werden. Das Foto mit dem Hochzeitskleid hatte ich irgendwann irgendwo mal gesehen und habe mich auf den Tag gefreut, wo ich es mal verbraten würde, deshalb ist es drin.
Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter kommen am 15. September 2019.
Euch bis dahin viel Spaß damit und gute Ideen!

 

abc.etüden 2019 36+37 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier und hier), Bearbeitung: ich

 

abc.etüden 2019 36+37 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung: ich

 

abc.etüden 2019 36+37 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung: ich

 

Ein Herz für Drachen | Etüdensommerpausenintermezzo

Vor der Sommerpause des letzten Jahres, als wir noch die 10-Sätze-Variante spielten und die Wörter von der hochgeschätzten Frau Flumsel stammten, schrieb ich eine Etüde namens Mutprobe, in der es darin ging, dass ein cleverer Bäckerjunge bei einem öffentlichen Wettkampf einen Drachen überlistete und dafür einen Wunsch frei bekam. Sie endete folgendermaßen:

„Bäckerjunge“, sagte am Abend der Hauptmann der Königsleute bei der Audienz zu ihm, „von allen heute hast du am meisten Einfallsreichtum und Mut bewiesen; dafür gewähren wir dir einen Wunsch.“

„Wenn dem so ist, dann nehmt mich mit an den Hof“, sagte er ohne Zögern, denn er hatte auf die Frage gehofft, „ich respektiere das Handwerk, aber ich hasse die Backstube, ich will Drachenpfleger werden!“

Und nun setzt das Etüdensommerpausenintermezzo ein, und zwar mit dem vorgeschriebenen Satz.

 

Am nächsten Tag war alles anders.

Mittags trat der Hauptmann der Königsleute in die Backstube des Vaters und erkundigte sich, ob der Junge in drei Stunden aufbrechen könne. Der hatte sich bis dahin allerdings eingeredet, dass sein Sohn sich bei der Audienz einen unbedachten Scherz erlaubt hätte. Da der Hauptmann jedoch überall Aufsehen auf sich zog, wohin er auch ging, lief bald die gesamte Familie sowie das halbe Dorf in der Backstube zusammen. Das Ansehen des Bäckers stand auf dem Spiel.

„Er kommt nicht mit“, beschied er den Hauptmann daher brüsk. „In meiner Familie treten die erstgeborenen Söhne seit Generationen in die Fußstapfen ihrer Väter. Taro wird später meine Backstube übernehmen und nach ihm wird es sein Sohn tun.“

Der Hauptmann seufzte innerlich, aber selbst wenn er „sturer Dörfler“ dachte, so zeigte er es nicht. Dafür bestand er darauf, den Jungen selbst sprechen zu können. Sein Bruder wurde ausgeschickt, ihn zu holen. Als sie zurückkamen, trug der Ältere eine große Reisetasche und hielt den wütenden Blicken des Vaters stand.

„Bei allem Respekt dem Handwerk und dir gegenüber, Vater“, erklärte er höflich, „aber ich bin ungeeignet. Mein Herz gehört den Drachen. Ich werde mit dem Hauptmann an den Hof des Königs gehen.“

„Ob du geeignet bist oder nicht, bestimme immer noch ich“, brüllte der Vater erschrocken los. „Du bist erst sechzehn, was weißt du schon? Du hältst die Ohren offen und den Mund geschlossen und erlernst das Handwerk, das in unserer Familie liegt!“

„Das tut er doch sowieso bereits“, warf die Mutter begütigend ein, die neben ihren Mann trat. „Du selbst überlässt ihm doch seit fast zwei Jahren die Backstube und die ganzen Vorbereitungen für die Brote mitten in der Nacht, bevor du aufstehst. Hast du nicht neulich erst gesagt, dass er seine Sache gut macht, fast besser als du in seinem Alter?“

Der Vater nickte. Taro wechselte einen Blick mit Lado, seinem Bruder.

„Bitte, sag du es ihm“, flüsterte dieser. Taro nickte. Sie hatten dieses Geheimnis mit so vielen Mühen gehütet, aber jetzt mussten sie Farbe bekennen.

„Es ist er, nicht ich“, gestand er dann. „Du, Vater, hast es mich zu lehren versucht, und ich habe es an Lado weitergegeben. Seit zwei Jahren stehen wir nachts gemeinsam in der Backstube. Aber er weiß, was zu tun ist, mir gerät kein Handgriff. Er denkt sich Rezepte aus, nicht ich. Ich schleiche mich nachts davon, um die Spiele der Drachen am Himmel zu beobachten, und wünsche mich fort. Er wird einmal dein würdiger Nachfolger sein. Ich wünschte, er wäre an meiner Stelle als Erster geboren.“

Es war zu viel Wahrheit auf einmal. Der Vater starrte sie beide an, griff sich ans Herz, drehte sich abrupt um und verließ die Backstube. Seine Söhne eilten ihm nach, aber die Mutter stellte sich Taro in den Weg und ergriff ihn an den Schultern.

„Ich habe die ganze Zeit gewusst, dass du einen findigen und rebellischen Geist hast, mein Sohn“, sagte sie fest. „Wenn es deine Bestimmung ist, mit Drachen zu arbeiten, dann ist es jetzt an der Zeit für dich, dein Schicksal in deine eigenen Hände zu nehmen und uns zu verlassen. Geh mit meinem Segen und vergiss das Dorf nicht, aus dem du stammst.“ Sie küsste ihn liebevoll auf die Stirn und auf beide Wangen. „Komm noch einmal kurz vorbei, wenn ihr aufbrecht. Dein Vater wird es sich nicht verzeihen, wenn ihr euch nicht verabschieden konntet. Um den Rest kümmere ich mich. Und nun geht.“

So geschah es. Noch ein halbes Leben später, als Taro längst erster Drachenhüter des Königs war, trug er immer noch die Drachenkralle, die sein Vater ihm am Tag seines Fortgehens geschenkt hatte. Die Drachenkralle, die dieser gefunden hatte, als er noch ein Kind gewesen war, ein erster Sohn, der Drachen nicht lieben durfte.

 

Etüdensommerpausenintermezzo: Die Veränderung | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Dies ist ein Beitrag für das Etüdensommerpausenintermezzo IV: Am nächsten Tag war alles anders.

„Taro“ und „Lado“ sind übrigens Namen, die angeblich „Erstgeborener“ und „Zweitgeborener“ bedeuten.

 

Etüdensommerpausenintermezzo IV: Am nächsten Tag war alles anders

Die Tage der Statistik liegen hinter uns, liebe Etüdenschreibende und -lesende. Trotzdem möchte ich es nicht lassen, euch noch die Listen derer zu präsentieren, die mitgemacht haben. Man folgt ja nicht allen und hat auch nicht Zeit, alle zu lesen, und schon gar nicht weiß man meistens, welche Etüden oder Themen den anderen am Herzen liegen.

Lieblingsetüden: Fazit

dergl von Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel: hier, hier, hier, hier und hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten bei mir in den Kommentaren (hier und hier) mit folgenden Links: hier und hier, später hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier, hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier und hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier und hier
Natalie im Fundevogelnest: hier, hier, hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier, hier, hier und hier
Ludwig Zeidler auf Irgendwas ist immer: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier und hier
Bettina auf Wortgerinnsel: hier, hier und hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier und hier
Veronika auf vro jongliert: hier
Rina auf Geschichtszauberei: hier
fraggle auf reisswolfblog: hier

 

Etüdengold: Fazit

dergl von Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten bei mir in den Kommentaren (hier und hier) mit folgenden Links: hier, hier und hier, später hier, hier und hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier und hier
Rina auf Geschichtszauberei: hier
Petra Schuseil auf Wesentlich werden: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Veronika auf vro jongliert: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier
Bettina auf Wortgerinnsel: hier

Zur Sicherheit gefragt: Fehlt wer oder was? Bitte, ihr kennt das, es ist kein böser Wille, es kann sein, dass mir mal ein Link durchrutscht oder nicht ankommt. Meldet euch bitte!

 

 

Und nun, ihr Lieben, muss ich euch gestehen, dass ich ein kreatives Sommerloch habe. Ich bin sicher, dass es nicht an den Etüden liegt, aber ach: Ich bin eigentlich mehr als urlaubsreif und würde den Rechner gerne mal mehrere Tage sich selbst überlassen können, ohne dass es mir Nachteile brächte (man soll ja immer vorsichtig mit dem sein, was man sich wünscht, und ich hänge echt viel vor der Kiste. Ob ich das KÖNNTE, soll hier nicht diskutiert werden …).

Ich habe mir mehrere Schreibideen durch den Kopf gehen lassen und fand sie alle irgendwann – bemüht. Also habe ich mich schließlich für etwas ganz Schlichtes entschieden. Ihr habt, auch wenn ihr in eure Lieblingsetüden nicht der Öffentlichkeit vorstellen wolltet oder euch für keine entscheiden konntet, vermutlich in euren alten Sachen herumgelesen. Nehmt, und das ist jetzt die Aufgabe, eine alte Etüde, mit der ihr gefühlt noch eine Rechnung offen habt, und schreibt sie weiter. Die einzige Bedingung ist der erste Satz: „Am nächsten Tag war alles anders.“ Wobei dieser Satz (danke, dergl) auch: „Am nächsten Tag ist alles anders“, lauten kann, je nachdem, in welcher Zeit ihr schreibt. (Das dürft ihr gern für euch passend machen, solange klar bleibt, dass diese Veränderung nicht in der Zukunft liegt.)

Ob wirklich alles anders ist oder ob ihr das im übernächsten Satz schon wieder relativiert, ist mir dabei völlig egal. Ob die Veränderung positiv oder negativ ist, ist euer Ding. Ob ihr die Grenzen der Physik, des Verstandes oder des guten Geschmacks überwindet: völlig gleichgültig. Ob ihr das in 50, 100, 300, 3.000 oder 10.000 Wörtern macht: Es sei, wie es euch gefällt. Aber: Etwas sollte sich verändert haben, eure Figuren sollten dabei in Schwierigkeiten irgendwelcher Natur geraten sein und ihr, ihr müsst sie da herausbekommen (oder eben auch nicht). Ihr habt zwei Wochen Zeit. Ich freue mich.
Wie immer darf die Illustration verwendet werden, muss aber nicht.

 

Nach den zwei Wochen geht es mit den „normalen“ Etüden weiter, dann ist nämlich schon September, und die ersten Lebkuchen treffen in den Läden ein. Was heißt das außerdem? Genau, Mitte der Woche werde ich die Glücklichen ziehen, die Worte spenden dürfen. Ich glaube (und das hatten wir auch noch nicht), dass alle bereits öffentlich genickt haben, die als Wortspender infrage kommen (2 Etüden innerhalb des letzten „Trimesters“, ab Ostern bis zum Intermezzo). Ich bin schon sehr gespannt!

Und nun, ran an die Etüdenfortsetzung(en). Ihr dürftet natürlich auch mehrere schreiben …

 

Etüdensommerpausenintermezzo: Die Veränderung | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Die Meistgelikten und -kommentierten | Etüdengold

Gestern hatte ich die Meistgeklickten, heute geht es weiter mit den Etüden, die die meisten Kommentare sowie die meisten Likes abräumen konnten. Und, o Wunder, keinerlei Übereinstimmung 😉

Also kommen hier zuerst die Etüden mit den meisten Kommentaren.

 

Platz 3: Lotta schreibt ein Gedicht  (78 Kommentare, 55 Likes, 102 Aufrufe, Februar 2018)

Ich muss schon sagen, über Lotta habe ich mich gefreut, denn das war eine Etüde, bei der mir zuerst dieser Blödelreim einfiel, den ich dann Lotta untergeschoben habe. Lotta, die Nachwuchsdadaistin, wie Ulli sagte, in Kombination mit Grüner Soße, die ich ausgesprochen lecker finde.

 

Platz 2: Das Geständnis  (97 Kommentare, 49 Likes, 105 Aufrufe, März 2019)

Eine Fastenetüde. Genau gesagt, zum Thema Intervall-Fasten, sehr en vogue, kommt im Herbst bestimmt wieder, wenn es wieder Anlässe gibt, Diätphasen auszurufen. Die Kommentare waren dementsprechend, weil das etwas ist, zu dem eigentlich jede*r etwas beitragen kann. Ich mag die Diskussionen zur Sache auf meinem Blog sowieso und war bei dieser hier sehr erfreut.

 

Platz 1: Um Himmels willen (101 Kommentare, 48 Likes, 113 Aufrufe, November 2018)

Eine Etüde zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ mit fundamentalem (Milieu-) Einschlag. Ein Dauerbrenner-Thema, und mir war sehr wichtig, den Zeigefinger nicht so doll zu erheben. Es kann jede*r passieren, dass das Gegenüber durchdreht. Auch hier verweise ich wieder auf die Kommentarspalte.
Mich hat überrascht, dass ich nicht mehr Aufrufe hatte, bei den ganzen #schweigenbrechen-Aktionen, die da liefen. Aber okay, es ist, wie es ist.

 

Und nun … die Etüden mit den meisten Likes.

 

Platz 3: Nachhauseweg (57 Likes, 63 Kommentare, 117 Aufrufe, Dezember 2017)

Eine Etüde über einen Horror-Weihnachtsbesuch bei den Eltern, weil die dann trinken und ausfällig werden, und der Frage, wie man aus so was rauskommt und ob das, was mein Protagonist in der Etüde tut, realistisch ist. Ein Beitrag zu den Weihnachts-/Neujahrsetüden von 2017.
Ich liebe Weihnachten sehr. Aber je älter ich werde, desto mehr ist mir bewusst, dass andere meine Erinnerungen, die nie heiler sind als zu Weihnachten (na ja), nicht teilen können, weil bei denen Weihnachten regelmäßig in bösen Stress übelster Kajüte ausartet.

 

Platz 2: Lifestyle  (59 Likes, 74 Kommentare, 127 Aufrufe, Oktober 2017)

Eine Etüde, die erstaunlich gut gelaufen ist (obwohl ich die zweite dazu besser fand), mit den denkwürdigen Wörtern „Interpol, Honigpumpe, Trabantenstadt“. Es lesen eben doch mehr Frauen (Mütter!) als Männer mit, und ich vermute, dass so einige fett gegrinst und sich erinnert haben.

 

Platz 1: Ein ganzes Leben  (65 Likes, 42 Kommentare, 116 Aufrufe, Januar 2017)

Diese hier, ihr Lieben, ist die allererste Etüde, die ich für dieses schöne Projekt geschrieben habe, und zwar zum Etüdenstart, als Ludwig die Etüden noch hatte – auch ich bin/war vom Anfang an dabei. Die Wörter waren „Schnee, Buchladen, Rotwein“, und ich bin immer noch begeistert von meiner Idee, aus damals aktuellen Buchtiteln (von der SPIEGEL-Bestsellerliste) einen kurzen und knappen Text zu entwickeln, und finde nach wie vor, dass mir das richtig gut gelungen ist.

 

Etüde mit den meisten Aufrufen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Dies ist ein Beitrag für das Etüdengold des diesjährigen Etüdensommerpausenintermezzos.

 

Die Meistgeklickten | Etüdengold

Wenn ich mir anschaue, welche meiner Etüden bisher am meisten geklickt wurden, dann komme ich aus dem Staunen nicht mehr raus. WARUM gerade die? Ich kann es mir (wir hatten das Thema schon bei Myriade) nur so erklären, dass ich irgendwelche Begriffe verbraten habe, die in den Suchmaschinen zu dem Zeitpunkt „gut gerankt“ haben. Das würde übrigens auch ein hohes Ranking meiner „Löffellisten“-Etüde erklären. Es sind einfach Begriffe, die gefunden und aufgerufen werden, völlig unabhängig von dem Inhalt des Eintrags.

 

Platz 3: Wo ist die Liebe geblieben?  (145 Aufrufe, 52 Kommentare, 43 Likes)

Okay, ich glaube, hierbei war es Bourani, schließlich ist der Titel eine Textzeile aus dem verlinkten „Auf anderen Wegen“. Denn die Geschichte über den notorischen Fremdgeher, der darüber nachdenkt, seine Gattin, die zu viel Stress macht, mit Tabletten ins Jenseits zu befördern, kann es eigentlich nicht gewesen sein.

Ich erinnere mich dafür noch gut an die Diskussion, in der dergl meinte, das mit den Tabletten wäre zu billig als Ausweg. DAS überlege ich mir wirklich, wenn ich mal wieder meine, jemanden in einer Etüde meucheln zu wollen – wie lebensnah ist das, würde ich / mein*e Protagonist*in das tatsächlich tun, und ein bisschen auch: Will ich das wirklich, oder ist das so ein Deus-ex-machina-Ding, weil mir sonst keine Lösung einfällt?

 

Platz 2: Namen tanzen  (146 Aufrufe, 34 Kommentare, 39 Likes)

Denkt wer bei „Namen tanzen“ nicht an die Waldorfschulen und an mehr oder weniger dämliche Kommentare und Witze zu Eurhythmie und dem Konzept im Allgemeinen? Das Internet hat dazu einiges zu bieten, denn ich HABE es gegoogelt, ich wollte wissen, wie „Namen tanzen“ geht (Link zum Eurhythmie-Alphabet bei YT, schaut und staunt).

Prompt fiel mir beim Schreiben der Informatikstudent ein, der unter seiner Waldorf-Vergangenheit leidet, sich dann aber leider in ein Mädchen verliebt, dass mit ihm zum Sternenwandern möchte („Sternenwandern“ musste da nämlich auch noch rein) … ;-)
Jedenfalls ist das eine Etüde, bei der ich immer noch grinsen muss, wenn ich sie lese.

 

Platz 1: Die Bedrohung  (155 Aufrufe, 54 Kommentare, 49 Likes)

Hier ist es meiner Meinung nach eine Kombination aus zwei Faktoren: Zum einen Reizwörter wie „ergebnisoffen“ und „postfaktisch“ (und der „Quadratscheißer“, die einzubauenden Wörter, „Scheiße“ zieht bestimmt), zum anderen die Tatsache, dass sich in dieser Geschichte Anton versteckte, der bei mir ein Aquarium abgefischt hatte, noch relativ frisch Zombiekatze war und plötzlich auf diversen Blogs gesichtet wurde.
„Postfaktisch“ war Wort des Jahres 2016, „ergebnisoffen“ war vermutlich in der Auswahl zum Wort des Jahres 2017. Und auch, wenn es nur eine Etüde war, rein sprachlich war sie wohl topaktuell. Auch dies ist eine Etüde, die mich befriedigt nicken lässt, wenn sie wiederlese, aber die meisten Aufrufe … nee, echt nicht, sorry.

 

Etüde mit den meisten Aufrufen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Lest in der nächsten Etüdengold-Ausgabe: Meine Etüden mit den meisten Kommentaren und Likes, eine Best-of-Liste, die meinem eigenen Gefühl sehr viel näherkommt.

Dies ist ein Beitrag für das Etüdengold des diesjährigen Etüdensommerpausenintermezzos.

 

Weil es so Spaß macht | Lieblingsetüden

Beim Versuch, meine Etüden in Lieblinge oder nicht einzuteilen, verzweifle ich fast. Es gibt so viele, und es gibt auch so viele unterschiedliche. Und überhaupt ist heute Weltkatzentag, sollte ich dann nicht mindestens eine Kattitüde unterbringen?

Ich habe mich für ein paar Etüden entschieden, bei denen ich mich schon beim Schreiben diebisch gefreut und halb totgekichert, mit Lieblingsmenschen konferiert und sie auch anschließend immer noch mit Herzblut geliebt habe. Völlig unabhängig vom Erfolg auf meinem Blog. Vielleicht erinnert ihr euch.

Da sind zuerst einmal „Alles Fake!“ und „Sirenengesänge“, ganz frühe Etüden, in denen eine Meerjungfrau in einem Aquarium festsitzt und Pläne schmiedet, wie sie dort wieder herauskommt.

Später kam „Frau Zaunpfeifer strikes back!“, inspiriert von einem Radiospot der Radiozentrale, ich bin ziemlich sicher, dass viele Radiohörer noch diese großartige Stimme der Lehrerin im Ohr haben.

„Letzte Chance“ beschreibt ein Wiedertreffen nach vielen Jahren und einen Chor namens „Pissnelken“, Entschuldigung, „Fis-Nelken“. Ja, der Name ist immer noch belegt.

„The day after … Vatertag“ ist eine Nachricht einer abgeklärten Ehefrau an ihren bei einer Vatertagstour abgestürzten Göttergatten.

Und last but not least „Schröder, übernehmen Sie!“, wo es um eine Frau geht, die den Hals ziemlich voll hat, und um deeskalierende Maßnahmen …

 

Lieblingsetüde | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Dies ist ein Beitrag für die Lieblingsetüden des diesjährigen Etüdensommerpausenintermezzos.

PS: Könntet ihr so langsam bitte mal in die Hufe kommen, was eure Beiträge zum Adventskalender angeht? Ihr habt nur noch bis zum Ende des Monats!

PPS: Dies ist der 1.000 Beitrag auf „Irgendwas ist immer!“ 😊

 

 

Etüdensommerpausenintermezzo 2019-III: Zwischenfazit Herzen („Lieblingsetüden“) und Kronen

 

Lieblingsetüden: Zwischenfazit

Vielen Dank erst mal an die kleine, feine Runde, die mitgemacht hat! Es haben weniger Bloggende genossen, in ihren Erinnerungen zu kramen und ihre Schätzchen hervorzuholen, als ich vermutet hatte. Wer jetzt „Ach, schade, verpasst“ denkt: Nein! Da Sommer ist, gehe ich einfach davon aus, dass viele den Aufruf gar nicht gelesen haben, bzw. dass es Besseres zu tun gab, als am Rechner zu hängen, das war bei mir ja auch so (hallo Myriade!) Daher möchte ich die Lieblingsetüden spontan UM EINE WOCHE verlängern! Wer also noch nicht hat: HIER ist der ursprüngliche Aufruf, der alles erklärt. Wenn ihr „noch eine letzte Etüde“ habt: prima, es ist noch Zeit! Wer weiß, dass er*sie noch mal will (ich zum Beispiel), der*die weiß ja eh schon, wie es geht.
Parallel läuft jedoch ab heute wie angekündigt das „Etüdengold„, dazu gleich mehr.

Hier kommt jedoch erst mal die versprochene Liste. Viel Spaß beim Lesen!

dergl von Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel: hier, hier, hier, hier und hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten bei mir in den Kommentaren (hier und hier) mit folgenden Links: hier und hier, später hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier, hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier
Natalie im Fundevogelnest: hier, hier, hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier, hier, hier und hier
Ludwig Zeidler auf Irgendwas ist immer: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier und hier
Bettina auf Wortgerinnsel: hier, hier und hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier und hier
Veronika auf vro jongliert: hier
Rina auf Geschichtszauberei: hier

Habe ich wen/was vergessen, hat ein Link nicht geklappt? Ich habe einige nur per Zufall gefunden, weil nicht die „Herzen“ verlinkt wurden, sondern der Adventskalenderaufruf oder meine erste Lieblingsetüde.
Bitte also unbedingt melden, ihr wisst …

 

Kronen

Zur Idee: Das mit den Lieblingsetüden ist die eine Seite der Medaille, die persönliche Vorliebe. Jetzt frage ich nach der anderen. Welche von euren Etüden hatten die meisten Aufrufe, welche kam am besten an? Mögt ihr die auch noch mal vorstellen? (Ich weiß nicht, ob die Statistik noch andere Zahlen liefert, bezogen auf den einzelnen Eintrag, da dürft ihr mich gerne erleuchten.) Als ich diese Statistik bei mir entdeckt habe, habe ich jedenfalls sofort danach geschaut und war echt überrascht.

Laufzeit: 04.08.2019 (Sonntag) bis 17.08.2019 (Samstag) – zwei Etüdengold-Wochen

Okay, ich hör schon die*den eine*n oder andere*n fragen, wie man diese Statistik findet.

So: https://wordpress.com/stats/day/posts/xxxxxxxxxxxxxxxxxxx.wordpress.com?startDate=2019-08-04&summarize=1&num=-1
Ihr ersetzt jetzt bitte die xxxxx durch euren Blognamen, also z. B. dergl durch alpinerot, Ulli durch cafeweltenall, Myriade durch laparoleaetedonneealhomme etc. Ich weiß nicht, ob es bei denen, die ihren Tarif upgedatet haben, auch so geht, sollte eigentlich, wenn ihr weiterhin Jetpack am Start habt. Gerdas Link sollte demnach zum Beispiel

https://wordpress.com/stats/day/posts/ gerdakazakou.com?startDate=2019-08-04&summarize=1&num=-1

lauten. Wichtig ist auf jeden Fall das „?“ zwischen eurem Blognamen und dem Rest, wobei eigentlich jeder Buchstabe wichtig ist. Computer halt. Und nein, man kann keine fremden Statistiken aufrufen ;-)

Dann bekommt ihr eine Liste aller eurer Blogposts, sortiert von dem mit den meisten Aufrufen bis zu dem mit den wenigsten. Bei mir liegen ganz klar die Schreibeinladungen vor den Etüden, was natürlich gar nicht verwunderlich ist. Da ich nicht twittere und meine Sachen auch nicht auf Facebook oder Instagram teile, halten sich meine Zahlen in Grenzen, aber falls ihr Etüden habt, bei denen die Aufrufe „durch die Decke“ gegangen sind, und ihr wisst, weshalb, dann mögt ihr ja vielleicht die Geschichte dazu erzählen.

Mich würden ja auch die Etüden mit den meisten Likes interessieren, und natürlich die mit den meisten Kommentaren, in der Hoffnung, dass die die interessantesten Diskussionen widerspiegeln – ja, ich weiß selbst, ist oft nicht so. Aber ich habe keine Ahnung, wie und ob man das herausbekommen kann. Und NATÜRLICH ist das alles kein Kriterium für Qualität, jedenfalls nicht zwingend, viel eher eins dafür, wie gut eine Person/ein Blog vernetzt ist.

Veronika (siehe Kommentare) hat mir erklärt, wie man die Etüden mit den meisten Kommentaren findet, wenn man (ACHTUNG!) wie ich die Etüden in einer KATEGORIE abgelegt hat. So:

https://xxxxxxxxx.wordpress.com/wp-admin/edit.php?orderby=comment_count&order=desc&s&post_status=all&post_type=post&action=-1&m=0&cat=0&filter_action=Filter&paged=1&action2=-1

Die xxxxx wieder durch euren Blognamen ersetzen. Dieser Aufruf sortiert erst mal ALLE eure Posts nach Anzahl der Kommentare. Dann müsst ihr bei „Alle Kategorien“ eure Etüden-Kategorie auswählen und daneben auf „Filter“ klicken. Man scheint nicht nach Likes sortieren zu können, aber wenigstens stehen sie daneben. Vielen Dank, Veronika!

 

Ich bin gespannt auf euren Input. Die Zeit dafür läuft am 17. August ab, am 18. kommt was Neues, wo ihr dann wieder kreativ schreiben dürft, sozusagen zum Vorglühen für die nächste Etüdenrunde.

Und dürfte ich noch mal alle an die Sache mit dem Adventskalender erinnern? Bis jetzt sind vier Etüden eingetroffen, danke an die edlen Spender*innen!

Wer sich übrigens fragt, woher ich die bescheuerte Überschrift („Kronen“) habe: Ein Herz und eine Krone, nie gehört oder gesehen?

Die Illustration kann wie immer eingebunden werden, muss aber nicht.

 

Etüde mit den meisten Aufrufen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Ludwigs Etüden | Etüdensommerpausenintermezzo

Wer lange genug hier mitliest und mitschreibt, der*die erinnert sich bestimmt an die unnachahmlich schrägen, eigensinnig poetischen, dahingeworfenen Texte von Ludwig, unserem Etüdenerfinder (der bis heute keinen neuen Blog hat, was auch so bleiben soll). Wer nicht, der*die hat meiner Meinung nach was verpasst ;-), aber der*die bekommt beim Lesen hoffentlich ein Gefühl dafür, ob/dass ihm*ihr was entgangen ist. (Ludwigs Illustrationen für die Etüden habe ich übrigens hier gesammelt.)

Was seine Texte angeht, so hatte ich bei ihm angefragt, ob alle seine Etüden den Bach runtergegangen seien oder ob er in den Tiefen seiner Festplatte noch welche wiederfinden könnte, die ich beim Etüdensommerpausenintermezzo veröffentlichen dürfte. Konnte er! Darf ich! Ich habe fünf Texte ausgewählt und leicht editiert.

Ladys and Gentlemen, Irgendwas ist immer proudly presents: abc.etüden von Ludwig Zeidler. Enjoy!
Meine Lieblingsetüde (aus dieser Auswahl) steht am Anfang; alle Etüden unterliegen dem Copyright von Ludwig Zeidler.

 

***

 

Sie hatten sich viel vorgenommen in dieser Minikombüse am Sylter Strand. Edgar und Victor wollten diesen verfluchten Stern, sie kochten wie zwei Höllenhunde aus einer anderen Welt, Erbsenspeckflunderschaum und Safranstaubkussspuren waren nur eine kleine Ouvertüre am Meerwassersandtheater. In den „Lukullischen Samstagnachtstunden“ spielten die Stockhauerbrüder live und ungeschminkt  Zwölfton-Irisreinkarnationslieder, während Victor die Speisenabfolge mit Zauberblüten sowie Meeresbitteralgen auf Knospenkollisionskurs eröffnete. Edgar legte nach, formte Kräuterchipsblätter mit Chiligelee und Hagebuttenknallrauchkaramell.

Sie waren auf einem neuen Weg, mitten in den Dünen, und Käthe mit o schrieb die Menükarten als Lesegedicht für Gaumentänzer. Feuerwerke erhellten den Wolkenspagat und zogen am Strand lange Schatten mit Salzwasserduft.

Eintritt nach Anmeldung.

(Schreibeinladung für die Textwoche 17/17, Wörter: Safranstaubkussspuren, Knospenkollisionskurs, Irisreinkarnationslied)

 

***

 

Bahnhof

Elmar Koschinsky war mehr als genervt. Es war so kalt wie im Tiefkühler von Bofrost, dazu schneidender Ostwind, und von der Seite peitschte ihm schnurdünner Regen auf seine Holzbrille, hinter der sich ihm das Hier mehr als trist offenbarte.

Unterkammerhofen, ein Ort, ein Bahnhof, wie aus den schlechtesten Romanen von Kammerwirt & Schuldlos, sogar Warten bekam hier eine Bedeutung, die man sich weder wünschte noch vorstellen wollte.

Abgesperrt, verschlossen, entmenscht, leblos, trostlos, verlassen, er drückte sich hier in eine Mauernische dieser Baukunstverlassenheit und musste warten, während sich 30 Kilometer weiter Karla Unstruht in Wolle packte, die Schlüssel für den alten Lancia suchte und im Begriff war, ihn abzuholen.

Elmar Koschinsky dachte derweil an Prag, an die Mopedfahrt durch Holland und die wilden Zirkusnächte im vergessenen Tempodrom. Einstürzende Neubauten und der Himmel über Berlin, er dachte sich das Warten schön. Beckett erschien ihm nun in einem völlig neuen Licht.

(Schreibeinladung für die Textwoche 6/17, Wörter: Prag, Moped, Zirkus)

 

***

 

Warten auf die Königin

Sie warteten am Busbahnhof.
Zäh, die Zeit tropfte in den Tag wie falsch angerührter Tapetenkleister, eine Atmosphäre jenseits von Korallenriffen und Backerbsenhochzeit.
Wladimir und Estragon schauten über den See, schauten auf die einfahrenden Busse, warteten auf SIE.
Morgennebel tauchte alles in eine Landschaft wie mit dem Blumensprüher benetzt, es war ein Freitag, Freitag sollte SIE kommen.
Womöglich war es ihre existenzielle, alles beherrschende Aufgabe zu warten.

Und wenn SIE nicht kommt? Und wenn es ein anderer Freitag ist?
Womöglich hat die Königin Godot getroffen, und SIE kommt gar nicht.

Wladimir und Estragon warteten.

(Schreibeinladung für die Textwoche 7/17, Wörter: Königin, Backerbsen, Korallenriff)

 

***

 

Ludmilla hatte sich gefreut, schön gemacht und war, wie es ihrer Art entsprach, alles andere als unpünktlich.

Vierzehn Uhr an der Bushaltestelle, und heute, neunzehnter Dritter. Sie schaute in ihrer Tasche nach ihren Habseligkeiten, nach den Unterlagen, dem tieferen Grund ihrer Verabredung. Er wollte ihr helfen, diese Textarbeit über den Zaunkönig fertigzustellen, er hatte es ihr wohlmeinend angeboten und sie sagte erfreut zu, warum sollte sie daran denken, dass er sie versetzen würde. Sie war mehr als sauer, keine Nachricht, kein Zeichen, nichts, sie kickte in ihrer Wut eine herrenlose Coladose mit solcher Wucht an, dass sie wie eine Murmel über den leeren tristen Platz schepperte und fast am anderen Ende dieser Windhosenarchitektur blechern zum Stillstand kam. Es war jetzt fast fünfzehn Uhr und in die langweilige Tristesse begann es nun auch noch zu tropfen, kaltes Himmelwasser in stetiger Zunahme, sie dachte an Estragon und verfluchte ihre Verabredung mit Georg. Er war schließlich nicht Godot.

Den weiteren Verlauf dieses Tages dürfen Sie sich gerne in freier Form ausmalen.

(Schreibeinladung für die Textwoche 12/17, Wörter: Murmel, Habseligkeiten, Zaunkönig)

 

***

 

Er hatte es sich einfach vorgestellt.

Doch bei genauerer Betrachtung war es die totale Verarschung. Er ließ sich ohne groß nachzudenken auf den Deal ein, sagte Ja und Amen zu diesem sehr eigenartigen Urteil. Und jetzt war Rewohlt auf dieser verdammten Insel, er, der Meeresfrüchte hasste und von Inseln so viel verstand wie sein blasser Bruder von Rimbaud-Gedichten.

Aber da musste er jetzt durch, er mimte den coolen Hausmeister, arbeitete sein Pensum in stoischer Unlust herunter und nützte ansonsten jede freie Minute, um auf dem verlodderten Campingplatz in seiner Hängematte Dostojewski zu lesen.

Er gab sich unspektakulär dem Wind hin.

(Schreibeinladung für die Textwoche 11/17, Wörter: Hängematte, Urteil, Meeresfrüchte)

 

 

Alle Illustrationen unterliegen dem Copyright von Ludwig Zeidler und wurden mir für die Etüden von ihm freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

 

Dies ist ein Beitrag für die Lieblingsetüden des diesjährigen Etüdensommerpausenintermezzos.

 

Spacig! | Lieblingsetüden

Am 10. Januar 2018 meldete die Süddeutsche: „Ein internationales Astronomen-Team hat Signale eines besonders bizarren Himmelskörpers aufgefangen. Ein drei Milliarden Lichtjahre entferntes Objekt namens FRB121102 schießt demnach stoßweise Mikrowellen extremer Intensität quer durch den Kosmos.“ Natürlich gab es Spekulationen um die Ursache dieser Erscheinung (Schwarzes Loch, Zwerggalaxie, Supernova, Magnetar); aber im gleichen Artikel stand dann auch dieser Satz: „Weil der Entstehungsmechanismus der kurzzeitigen, extrem intensiven Strahlung nicht eindeutig geklärt ist, wollen die Experten nicht kategorisch ausschließen, dass eine hochentwickelte außerirdische Intelligenz am Werk ist.“ (Quelle) Ich hatte mich damals interessehalber ein bisschen belesen und irgendwo (ich find’s nicht mehr) entdeckt, dass, wenn man in den Himmel schaut, dieses Objekt irgendwo im oder in Richtung des Sternbildes Fuhrmann zu finden ist.

So weit, so nett, und ich hätte die Angelegenheit bestimmt schnell wieder vergessen, wenn nicht zu der Zeit eine neue Etüdenrunde gestartet wäre, ich Ludwig um Wörter gebeten hatte und er sich ausgerechnet „FRB 121102“, „ultraviolett“ und „Supernovaüberrest“ ausgesucht hätte.
Ja, herzlichen Glückwunsch! 10 Sätze zu WAS? „Herausforderung“ war da noch leicht untertrieben. Wenn ich mit irgendwelchen Wortspenden mal wirklich ernsthaft in Schwierigkeiten war, dann damit (mehr als mit der Honigpumpe und Interpol).

Und flugs produzierte mein Hirn die Geschichte eines jungen Mannes, der glaubt, dass er einer von „ihnen“ wäre, dass die Lichtblitze Signale seien, dass „sie“ unterwegs wären, ihn abzuholen. Nein, nicht unbedingt die freundliche E.T.-Variante. Falls ihr noch nie davon gehört habt: Es gibt Leute, die höchst ernsthaft von Kontakten mit UFOs/Außerirdischen berichten, es gibt dicke Bücher über außerirdische Rassen, Entführungen etc. Mir kommt vieles dabei ziemlich zwanghaft vor, Stichwort Glaubenssysteme, auserwählt. Ich kannte da mal wen, der sich dafür interessierte.

Zum Schluss jedenfalls fand ich meine Texte – denn es wurden drei, und sie steigern sich – richtig gut und war ziemlich stolz darauf. Daher kommen sie hier in der Reihenfolge, in der sie gelesen werden müssen, und sind nicht einfach verlinkt.

 

Bald würde es offenbar sein.

Nachts, wenn er die Augen schloss, zuckten neuerdings ultraviolette Blitze durch seinen Kopf und kamen stetig näher.

In den vergangenen Tagen und Wochen waren die einschlägigen Medien voll davon gewesen, voll von Berichten über schnelle, sich wiederholende Radiowellen im Millisekundenbereich, die sensationellerweise aus ein und derselben Quelle stammten. Das war das Zeichen, das musste es sein, er hätte schreien können vor Glück, so lange wartete er bereits darauf. Man hatte jener Quelle weit weg im Sternbild Fuhrmann sogar einen Namen gegeben, man nannte sie schlicht FRB 121102 und formulierte Hypothesen über Hypothesen über ihren Ursprung. Aber ob nun Pulsare, Supernovaüberreste, die Verschmelzung Weißer Zwerge, verdampfende Schwarze Löcher oder der Antrieb von Sonnensegel-Transportern von Kardaschow-II-Zivilisationen – ihm war das alles egal.

Denn er … WUSSTE.
Er war einer von ihnen.
Sie waren unterwegs, um ihn zu holen.

Endlich.

(„Nach Hause“, 16.01.2018)

 

Es war notwendig, das RICHTIGE zu tun, damit sie ihn erkannten, wenn sie kamen, und das beschäftigte ihn Tag und Nacht.

Den Gedanken, sich FRB 121102 auf den Kopf zu tätowieren, hatte er verworfen, schließlich war dies ein menschgemachter Name und er wusste noch nicht, wie die Fuhrmänner kommunizierten. Zwar glaubte er nicht daran, dass der Körper, den er kannte, nach dem Start der Raumschiffe noch von Nutzen sein würde, dennoch wollte er das unvollkommene Vehikel, das seinem Geist hier zur Verfügung stand, nicht unnütz beschädigen.

Irgendwann explodierte schließlich eine Gewissheit in ihm und bescherte seinem Geist quasi als Supernovaüberrest die Antwort: Blut.

Sofort begann er damit, sein Blut bestrahlen zu lassen. Nachts, wenn er die Augen schloss, sah er das angereicherte Blut ultraviolett leuchtend durch das Netz seiner Adern pulsieren und fühlte, wie es ihn für die höheren Frequenzen empfänglicher machte.

Das Blut war der Schlüssel.

Immer hatte er auf den Ruf gewartet, sein kleines, bedeutungsloses Leben aufzugeben, nun rauschte er in seinem Innersten und seine Stimme wurde jeden Tag verständlicher.

HALTE DICH BEREIT! WIR SIND NAH!

(„Stay tuned“, 18.01.2018)

 

Nachts, wenn er die Augen schloss, war das ultraviolette Rauschen in seinem Kopf inzwischen so stark, dass er nicht mehr schlafen konnte. Aber er machte sich davon nicht abhängig, er fand, Schlaf wurde sowieso überbewertet. Stattdessen vertiefte er sich lieber exzessiv in Konzentrations- und Meditationsübungen, um seinen Geist zu klären und von den Schlacken des Alltags zu befreien. Dass sein Herz schließlich zu stolpern begann, hätte ihn ernsthaft irritiert, wenn er in dem Pulsieren nicht Morsezeichen erkannt hätte: dit-dit-dah-dit  dit-dah-dit  dah-dit-dit-dit und so weiter, was in sehr langsamen, sich wiederholenden Sequenzen FRB 121102 ergab.

Noch ein Beweis mehr dafür, dass er auserwählt war.

Die breite Öffentlichkeit war des Geredes über 3 Milliarden Lichtjahre entfernte Strahlungsquellen, Schwarze Löcher, Supernovaüberreste und andere abstrakte astronomische Theorien allerdings schon längst wieder überdrüssig geworden und beschäftigte sich stattdessen mit dem nächsten Supermond.

Er hingegen lief Tag für Tag mit seinem stotternden Herzen durch die Stadt, ein menschlicher Funkturm im Dauereinsatz. Als sich sein körperlicher Zustand verschlechterte, brach er auf der Straße zusammen und wurde in ein Krankenhaus geschafft. Da er sich den empfohlenen Maßnahmen gegenüber völlig uneinsichtig zeigte, ordneten die Ärzte zunächst Zwangsernährung, später Zwangseinweisung an und sprachen von einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung.

Das riesige Raumschiff tauchte in die Erdatmosphäre ein und stand, von allen irdischen Systemen unbemerkt, über der Stadt, aber es war bereits zu spät für ihn.

(„THE END“, 20.01.2018)

 

Lieblingsetüde | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Dies ist ein Beitrag für die Lieblingsetüden des diesjährigen Etüdensommerpausenintermezzos.

Off topic: Ich habe versprochen, daran zu erinnern: Die ersten drei Etüden für den Adventskalender sind schon da!