Das Geburtstagsgeschenk II | abc.etüden

 

„Äh, Entschuldigung?“

Sie fuhr herum. Der neue Herr Dozent. Der kam gerade recht. „Was willst du?“, fauchte sie. Kein Gedanke an ein „Sie“.

„Reden, zur Abwechslung. Ich hab nämlich unsere doch eher flüchtige Bekanntschaft nicht vergessen.“
Sie auch nicht. Im Gegenteil! Das ging ihn allerdings nichts an. Sie wartete.

„Sag mal, leben die Tulpenzwiebeln denn noch? Was sollte der ganze Scheiß überhaupt?“

Sie nickte leicht widerwillig. „Ein paar haben die Wühlmäuse geholt, aber die meisten schon. Nur meine Mutter schmiert mir das immer noch aufs Brot. Obwohl sie danach den schönsten Vorgarten der Siedlung hatte.“

„Ich hab dich damals für einen Einbrecher gehalten, deshalb hab ich den Alarm ausgelöst. Ich konnte ja nicht wissen, dass da bloß ein Mädchen die Rabatten der Musterhaussiedlung plündert.“

„War als Geburtstagsgeschenk für meine Mutter gedacht. Ich wusste natürlich nicht, dass es einen Wächter für die Anlage gab. Du hast mich ziemlich erschreckt, als du da plötzlich vor mir standest.“

„Studentenjob. War ein kurzweiliger Abend. Du bist abgehauen wie eine Rakete.“

„Mit Grund!“

„Hab ich dann auch kapiert. Und dann tat es mir irgendwie leid.“

„Heimlicher Anarchist, was?“

Er zuckte mit den Achseln, fand ihre Kratzbürstigkeit erfrischend und sie einen ziemlichen Hingucker.

„Woher wusstest du eigentlich, dass ich das war?“

Er lachte los. „Wusste ich nicht. Aber ich dachte mir, dass meine verschwundene Diebin vielleicht aus der Gegend ist und bin die Tage drauf immer wieder mal durch die Siedlung gelaufen. Bei euch im Vorgarten war eindeutig gebuddelt worden und im nächsten Frühjahr hab ich die Tulpen wiedererkannt. Falls es dich beruhigt: Ich hatte auch noch andere Gärten im Visier.“

Sie sah ihn zweifelnd an.

„Schwamm drüber“, sagte er. „Darf ich dir einen Kaffee ausgeben? Ohne die Vergangenheit ständig auferstehen zu lassen, versprochen. Ich heiße übrigens Sebastian.“

„Laura.“

Er schien wirklich ganz nett zu sein.

 

abc.etüden 2019 15+16 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 15/16.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Veronika und ihrem Blog Vro jongliert und lauten: Tulpenzwiebel, kurzweilig, auferstehen.

Nein, ich weiß nicht, ob da in Zukunft was geht, und nein, ich schreibe die Geschichte nicht weiter.

Wer gestern den ersten Teil verpasst hat: hier.

Disclaimer: Von den geplünderten Rabatten einer Musterhaussiedlung wurde mir erzählt – es waren keine Tulpen. Der Rest, also alle Umstände wie auch die handelnden Personen, entspringt komplett meiner Fantasie.

 

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Das Geburtstagsgeschenk I | abc.etüden

Erster Schulungstag bei dem neuen Dozenten. Laura lehnte sich unentspannt zurück. Er war bereits mehrfach in der Kantine gesichtet worden und das Gerücht war angeblich bestätigt, er sähe heiß aus. Am Morgen hatte Laura schon feststellen können, dass die Mädels alle in ihren besten oder zweitbesten Outfits angerückt waren, was selbstverständlich keine zugab. Einigermaßen jung sollte er auch noch sein. Die Jagd war also eröffnet – die kommende Woche würde bestimmt kurzweilig werden. Na dann.

Eine halbe Stunde später hätte sie alles dafür gegeben, in einem anderen Kurs zu sitzen. Vor ihr hatte ein hochgewachsener Mann Platz genommen, der routiniert seine Vorstellung abwickelte, kompetent und witzig Fragen beantwortete und immer wieder amüsiert zu ihr herübersah. Oh Erdboden, tu dich auf! Wie peinlich! Aus welcher Gruft war der denn wiederauferstanden, und dann auch noch ausgerechnet hier? Sie brauchte dringend frische Luft.

Alles ging gut bis zum Ende der Stunde. Als sie sich nach dem Pausengong mit ihrer Freundin im Schlepptau an seinem Tisch vorbeischob, sah er auf.
„Ach, Frau Feldmann?“ Das war sie.
„Ja?“
„Haben Sie immer noch diese leicht absonderliche Vorliebe für Tulpenzwiebeln?“

Sie erstarrte, und das sagte ihm wohl alles, was er wissen wollte, denn er begann zu grinsen. Ar…mleuchter! Zum Glück rettete Anna sie.

„Also, wenn das Ihr bester Anmachspruch gewesen sein sollte, dann muss ich Ihnen leider sagen, dass Sie noch ein bisschen üben müssen, das war erst mal nichts! Kommst du, Laura?“

Sie zog sie weg. Laura ließ es geschehen. Draußen ließen sie sich auf eine Bank fallen. Anna zürnte.

„Was war denn das für ein Blödspruch? Laura, kennt der dich? Sag nicht, dass du mal was mit dem hattest! Du warst die ganze Stunde schon so merkwürdig.“

„Nein!“, protestierte Laura, „der ist doch viel zu alt!“

Oh nein, sie würde nicht damit rausrücken, nicht freiwillig!

 

abc.etüden 2019 15+16 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 15/16.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Veronika und ihrem Blog Vro jongliert und lauten: Tulpenzwiebel, kurzweilig, auferstehen.

Mal wieder was Leichteres. Jaha, das ist ein Cliffhanger. Ihr habt bis morgen Zeit, darüber zu spekulieren, woher die beiden sich kennen und was die Überschrift soll. Ich bin bereit zu wetten, dass keine*r draufkommt. Und falls doch, weiß ich nicht, ob ich es zugeben würde … ;-)

Update: Hier geht es weiter.

 

Frühlingsgefühle | abc.etüden

Der Frühling kam, wie er immer kam: mit Macht, mit Möwengekreisch, mit frischem Wind und Bäumen, die sich wie über Nacht in ein weiches Grün kleideten. Und mit ihm kamen die Osterferien und die Touristen. Ersteres war Max Hansen ziemlich schnuppe, letztere nicht, schließlich kauften sie seine Bilder. Von irgendwas musste man ja abbeißen.

Als er am Morgen aus dem Fenster sah, seufzte er. Nieselregen mit der Option auf mehr, nach den Wolken zu schließen. Ausgerechnet heute, wo er zum ersten Mal Susanne wieder treffen würde! Flanieren auf der Strandpromenade konnte er damit wohl knicken, sie zu sich einzuladen hatte er sich nicht getraut. Das könnte missverstanden werden, und dann wäre der ganze Tag verdorben.

Als sie in seinem Lieblingscafé einfielen, weil es draußen wie erwartet vor sich hin pladderte, fremdelten beide zuerst. Sie widmete sich genüsslich ihrem Schokoladenkuchen und leckte sich hin und wieder die Finger ab. Er sah ihr gebannt dabei zu.
Wie viel Sinnlichkeit sie ausstrahlte! Wie lange hatte er nicht mehr so an sie gedacht?
Sie bemerkte seine Blicke und lächelte heiter. Das brach das Eis. Sein nervöser Magen beruhigte sich.

„Ach, Sanne, ich war so ein Esel damals“, platzte es aus ihm heraus, während sie entspannt über Gott und die Welt plauderten. „Was würde ich darum geben, wenn ich wiedergutmachen könnte, was passiert ist.“
„Kannst du nicht“, antwortete sie. „Was vorbei ist, ist vorbei. Ich bin auch nicht stolz auf mich. Wir haben unsere Ehe damals gründlich an die Wand gefahren.“
„Es tut mir so leid. Glaubst du mir wenigstens das, trotz all meiner Fehler?“
Sie lehnte sich zurück und musterte ihn aufmerksam.
„Weißt du eigentlich, Max Hansen, dass du immer mein Traummann warst? Seit wir uns kennengelernt haben, was übrigens morgen vor fünfundzwanzig Jahren war?“
Ihre Augen strahlten. Sein Herz machte einen kleinen unverhofften Sprung.
„Du hast mir auch gefehlt. Ehrlich gesagt habe ich jede Frau mit dir verglichen. Und mich irgendwann damit abgefunden, dass du weg warst, dass Marie tot und mein Leben kaputt war.“
„Und seitdem sitzt du rum und hast keine Freude mehr.“ Das war eine Feststellung, keine Frage.
„Außer beim Malen.“
Sie nickte. „Zum Glück für dich. Kannst du dir überhaupt noch vorstellen, aus deinem Schneckenhaus auch wieder rauszuwollen?“
Er wusste nicht, ob er den Satz so verstehen durfte, wie er möglicherweise gemeint war, entschied sich jedoch für die Wahrheit. „Ich weiß nicht, ob das noch geht“, gab er zu. „Ich wollte seitdem nie, weißt du? Also nie so wirklich.“
„Aber damit fängt es an. Mit der Sehnsucht. Der Angst davor, dass man sich irrt und am Ende wieder bloß Scherben stehen. Und irgendwann der Entscheidung, das Risiko einzugehen.“

Er zögerte zu lange. Sie erhob sich abrupt.
„Max, ich will heute noch in die Therme. Sehen wir uns morgen wieder? Gleiche Zeit, gleicher Ort?“
Er nickte verdattert und dann rauschte sie auch schon davon. Obwohl er ihr hinterherstarrte, drehte sie sich nicht um.
Es dauerte, bis Max auffiel, dass er bis über beide Ohren grinste.
Frühlingsgefühle. Eindeutig.

 

Extraetüden 14.19 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Ausgabe Extraetüden, Woche 14.2019: 5 Begriffe (aus 6), maximal 500 Wörter. Ich habe alle Wörter verwendet, weil es mir gerade passte: Nieselregen, weich, irren, Café, verdorben, beißen.

Mir ist gerade so. Und ja, das ist mein Wassermaler, der seine Ex-Frau über Weihnachten doch nicht wieder getroffen hatte, ich weiß allerdings nicht, wieso. Immerhin haben sie ein paarmal telefoniert. Wer die vorhergehenden Teile noch nicht kennt: hier, hier und hier.

 

 

Das Geständnis | abc.etüden

Es war seine Firma. Er durfte überall hinein. Auch in ihr Büro. Auch wenn die Tür geschlossen war. Auch wenn normale Menschen den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. Konnte doch nicht so schwer sein, oder?

Er trat ein und setzte sich auf die Kante des Schreibtischs.

„Hör mal“, begann er in ernstem Ton, „ich glaube, ich muss dich was fragen. Lisa vom Empfang sagt, du stiefelst seit Anfang der Woche morgens mit einem Gesicht an ihr vorbei, als hätte dich wer gebissen. Du kommst nicht zum Kaffeetrinken in den Aufenthaltsraum. Du willst nicht mal mehr, dass man dir zur Frühstückspause was vom Café mitbringt. Ich würde sagen, irgendwas ist faul im Staate Dänemark. Und damit es nicht bald verdorben ist und stinkt und wir es alle ausbaden müssen, dachte ich, ich erkundige mich mal.“

Er sah sie auffordernd an.

Wow! Großartig! Wie er seine Bildung herauskehrte! Sie überlegte, ob sie was Geistreiches erwidern konnte, und schwieg. Vielleicht hatte sie es wirklich übertrieben?

Sie sah zur Wand. Er folgte ihrem Blick. Ein großes, handgeschriebenes Plakat.
NICHT VOR 12, VERDAMMT!
Klar, verstand er nicht, er war ein Mann.
Sie seufzte. „Ich bin seit Anfang der Woche auf Diät, weißt du? Intervall-Fasten. Ich esse nichts vor zwölf. Auch keinen Kaffee mit Milch. Ich hab einfach eine Scheißlaune. Wird bald besser. Hoffentlich.“

„Ah.“ Sie sah ihn den Rückzug antreten. Frauensachen!

Über ihre inneren Kämpfe vor der Auslage beim Bäcker schwieg sie besser. Sie hatte so Lust auf Süßes! Intervall- UND Zuckerfasten standen auf ihrer Fahne, um genau zu sein. Das volle Pfund, jawohl. Und so gesund.

„Gehst du nachher mit uns essen oder darf ich das jetzt nicht mehr fragen?“ Er erhob sich.

„Doch.“ Sie nickte gnädig. „Wenn ihr nach zwölf losgeht, komme ich mit.“

Der Kampf ging weiter. Noch gab sie nicht auf.

 

abc.etüden 2019 12+13 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 12/13.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Rina.P und ihrem Blog Geschichtszauberei und lauten: Café, verdorben, beißen.

Eine Fasten-Etüde, irgendwie. Zuckerfasten scheint mir speziell zu dieser Jahreszeit sehr en vogue zu sein, was nur noch durch den neuen Trend zum Intervallfasten getoppt wird. Ich frage mich, ob das hilft, oder ob man dennoch nachts den Kühlschrank leerfrisst. Aber vielleicht ist das auch nicht die gleiche Klientel.

 

 

 

Das Gedicht | abc.etüden

Es war einer jener Tage, an denen es überall hakte, aber es war der Welttag der Poesie*. In ihrer Mittagspause setzte sie sich im Großstadtrauschen nach draußen in die Sonne und schlug das mitgebrachte Gedichtbuch auf. Man konnte es ja versuchen.

Die gewünschte Ablenkung wollte sich nicht einstellen. Ständig kreisten ihre Gedanken um den Alltag. Ein Missverständnis mit einer Freundin. Ein geliebter Hund, der vom Krebstod bedroht war, zum Glück nicht ihrer. Ärztliche Untersuchungsergebnisse, die einen Freund erschreckten. Wikipedia protestierte mit eintägiger Abschaltung gegen drohende Uploadfilter und Abgeordnete bestätigten in Pressekonferenzen, „dass Presseverlage mit schlechter Wahlberichterstattung gedroht haben, wenn Abgeordnete gegen die #Urheberrechtsreform stimmen“.** Da musste man nicht mal mehr überlegen, wer von dem Uploadfilter profitieren würde. Sie erwog, am Wochenende demonstrieren zu gehen.

Der bestellte Café au Lait und ihr Franzbrötchen kamen und dufteten herrlich. Gedankenverloren biss sie ein kleines Stück ab. Israels politisch rechte Justizministerin machte in ihrem neuesten Wahlkampfwerbespot Werbung für ein Parfum namens „Faschismus“.*** Nun, was wusste sie über Israel, außer dass die Gesellschaft kontrastreich war und ziemlich anders zu ticken schien? Nicht viel, gab sie zu, aber allüberall schienen die Rechten auf dem Vormarsch zu sein mit ihrer Speerspitze der dumpfen Pöbler, die erst schrien, später schlugen oder schossen. Manchmal auch umgekehrt. Amokläufe per Helmkamera live ins Internet zu übertragen: Wahrscheinlich nur eine konsequente Weiterentwicklung, aber sie schauderte dennoch. In was für einer Welt würde sie ihre Tage beschließen, wenn das so weiterging? Würde es überhaupt noch eine geben?

Ihr Blick fiel auf ein wahllos aufgeschlagenes Gedicht.

„Das Gedicht ist nicht der Ort, wo das Sterben begütigt
wo der Hunger gestillt, wo die Hoffnung verklärt wird.“****

Es endete mit: „Das Gedicht ist nicht der Ort, wo der Engel geschont wird.“****

Na, großartig. Sie klappte das Buch zu. Jetzt war ihr die Laune endgültig verdorben.

 

abc.etüden 2019 12+13 | 365tageasatzadayQuelle: Photo by DREW GILLIAM on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 12/13.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Rina.P und ihrem Blog Geschichtszauberei und lauten: Café, verdorben, beißen.

 

Die Links dazu.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Welttag_der_Poesie

** https://twitter.com/Senficon/status/1108674187529515011

*** https://derstandard.at/2000099816497/Ein-Hauch-von-Faschismus-umweht-Israels-Justizministerin

**** http://culturmag.de/litmag/litmag-weltlyrik-christoph-meckel/87898

Das zitierte Gedicht stammt von Christoph Meckel und heißt „Rede vom Gedicht“. Man darf es selbstverständlich nicht gänzlich zitieren (Urheberrecht), daher habe ich eine Online-Quelle verlinkt, von der ich hoffe, dass sie es darf, mir geht es eh nur um die zitierten Zeilen. Es ist in dem 1974(!!!) erschienenen Gedichtband „Wen es angeht“ zu finden (Christoph Meckel: Wen es angeht. Gedichte. Mit Graphiken des Autors. Düsseldorf: Eremiten-Presse 1974, S. 15).

Oh, und wer wissen will, ob morgen in seiner Nähe eine Demo stattfindet, kann das hier nachschauen, nämlich auf der Seite von savetheinternet.info: HIER KLICKEN.

 

Katzengold | abc.etüden

Es tat weh. Sie starrte auf die Mail. Soso, sie war ihm also nicht gut genug. Soso, er wünschte sich eine, die mehr auf Augenhöhe war. Soso.

Sie verkörperte den Satz, dass der Mensch nicht vom Brot allein existiert, denn unter ihrem Dach lebten die Musen. Musik umgab sie, Bücher und Bilder waren kostbare, geliebte Gefährten und brachten Regale und Wände in schöner Regelmäßigkeit fast zum Bersten, für ihre Abonnements für Konzerte, Oper und Schauspiel verzichtete sie auf manches andere. Aus reiner Lust unterhielt sie eine Präsenz im Internet, wo sie Gleichgesinnten ihre gesammelten Preziosen vorstellte.

Nicht genug? Sie fühlte sich deklassiert. Er nämlich vollbrachte wichtige Arbeit für die Gesellschaft. Tatkräftig, hochintellektuell, beredt, charakterstark. Eine Führungspersönlichkeit. Sie dagegen spielte mit bunten Steinen.
Es war erschreckend leicht, sich klein zu fühlen.

„Man kann einen Wasserhahn nicht streicheln, bis er kräht“, hätte ihr viel zu früh verstorbener Partner nüchtern geurteilt. Auch er war nicht von ihrer Art gewesen, aber er hatte sich dadurch nicht bedroht gefühlt, dass es Gebiete gab, in denen sie ihn weit überflügelte.
„Lass den, Mama, der ist doch weich in der Birne, wenn er nicht sieht, wer du bist“, hörte sie ihren Sohn wie von fern sagen, praktisch wie eh und je.

Nun, es stimmte wohl, dass sie für unterschiedliche Dinge im Leben brannten. Wenn ihre Schätze für ihn Katzengold waren, weil er glaubte, schon weiter zu sein – ha! –, dann hatte sie sich leider geirrt.

Sollte sie also vom Olymp der schönen Künste in den Nieselregen der Alltäglichkeiten hineintreten, um auf Augenhöhe zu sein? Für einen Mann, der Mozart nicht von Wagner unterscheiden konnte? Wirklich nicht. Was war sie eigentlich bereit, sich selbst anzutun, um endlich von ihrem Prinzen auf sein weißes Pferd gehoben und bewundert zu werden?

„Werd erwachsen“, schalt sie sich.

Es tat weh.

 

abc.etüden 2019 10+11 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 10/11.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Natalie und ihrem Blog Fundevogelnest und lauten: Nieselregen, weich, irren.

Bitte: Die Protagonistin ist fiktiv, eine Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder Ereignissen nicht beabsichtigt. Alle anderen Möglichkeiten sind mir zu spät aufgefallen und ich mochte es nicht mehr ändern. Frauen machen gemeinhin in Kunst und Mode, Männer in Wissenschaft oder Wirtschaft: Dass Männer und Frauen / Mädels und Jungs in zwei sehr unterschiedlichen Welten leben, ist anscheinend gerade wieder sehr modern; und sich blöd benehmen kann man in jedem Alter. Der Verweis auf Lagerfeld gilt nicht. Und oh, Anwesende sind sowieso natürlich ausgenommen.

 

Unwiederbringlich | abc.etüden

Der Regen entsprach ihrer Stimmung. Es war kein sanfter Nieselregen, den sie ansonsten sehr liebte, nein, draußen rauschte es hernieder und prasselte auf ihr Dach, dass es die wahre Freude hätte sein können. In ihren Gedanken bekämpften sich die Tropfen jedoch wie in einem schlechten Western: „Nimm das, du Schurke!“ – „Stirb, du Schuft!“

Die ganze Sache war extrem dumm gelaufen, so viel stand fest. Sie hatte die allerbesten Absichten gehegt, das konnte sie sich zugutehalten. Aber manchmal zeitigten Ereignisse Konsequenzen, die nicht vorhersehbar waren und das Leben erst mal ins Schleudern brachten. Unwiederbringlich.

Sie starrte aus dem Fenster in die niedergehenden Fluten. Irgendwann bemerkte sie, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. „All dead, all dead“, tröpfelte es aus dem Radio, „all the dreams we had, and I wonder why I still live on.“ Eines der selten gespielten Lieder einer alten Lieblingsplatte, das heute ihr Gefühl so genau umriss, dass sie sich ihr Herz schier in Stücke schluchzte und im Kummer versank. Ach, scheißegal.

Keine Ahnung, wie lange sie nichts mitbekommen hatte, aber es hatte gereicht, dass sie sich ganz weich und matschig in der Birne fühlte. Die Tränen waren inzwischen versiegt. Als sie den Kopf hob und einen Blick aus dem Fenster warf, flimmerte ihr vor einer dunklen Wolkenwand ein schon halbwegs transparentes Stück Regenbogen entgegen.

Wie jetzt? Sie beäugte die zarte Erscheinung leicht fassungslos. „Findest du nicht, dass du ein bisschen übertreibst?“, fragte sie niemanden im Besonderen und seufzte tief.

Irren ist menschlich. Wenn auch nicht human.
Es war Zeit für einen Kaffee und den Versuch einer rationaleren Bestandsaufnahme.

 

abc.etüden 2019 10+11 | 365tageasatzadayQuelle: Johannes Roth auf unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 10/11.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Natalie und ihrem Blog Fundevogelnest und lauten: Nieselregen, weich, irren.

Die Etüde zitiert ein Lied von Queen, „All dead, all dead“ (von „News of the World“) (Video bei YouTube); „Irren ist menschlich. Wenn auch nicht human.“, ist eine Zeile aus dem von mir sehr geschätzten Gedicht „Heiligenscheinheilige“ von Mascha Kaléko, zu finden zum Beispiel in „Die paar leuchtenden Jahre“ (dtv, Link zum PDF, S. 15).

Nein, keine Sorge, diese Etüde ist fiktiv, was jedoch nicht heißt, dass ich mich nie so gefühlt habe.

Katzenfans bitte UNBEDINGT HIER KLICKEN, das ist (auch auf YouTube) das obige Lied mit – äh – Cat Content und Lyrics. Zauberhaft!

 

 

Komisches Gefühl | abc.etüden

„Oh Gott, ich werde alt!“

War heute etwa Drama angesagt? Anna legte das Lesezeichen in ihren Thriller und sah neugierig zu ihrer Freundin hinüber. Nicole ließ sich in dem Stuhl auf dem Elbanleger nieder und balancierte dabei routiniert das kleine Tablett mit Latte macchiato und Zitronenkuchen. Nach krank oder gar altersschwach sah das eigentlich nicht aus. Beruhigend.

„Ja, Tach auch, schön, dass es dir gut geht“, antwortete sie also amüsiert. „Willst du mir nicht vielleicht erst mal erzählen, was los ist?“
„Unser Sohn hat uns heute am Mittagstisch mitgeteilt, dass er offiziell mit einem Mädchen aus seiner Klasse geht! Anna, er ist zwölf!“
„Immerhin, er hat es euch gesagt. Ist sie denn nett?“

Falsche Antwort.

„Aaaach, und ich erinnere mich doch noch, die Geburt, weißt du nicht mehr, wie du uns ins Krankenhaus gefahren hast und sie mich gleich dortbehalten haben? Als er laufen gelernt hat … Kindergarten … der erste Schultag … der Fußballverein … Und plötzlich spricht er von ›Freundin‹?! Anna, wo sind die Jahre geblieben?“

Okay, Hüpfen vor Freude war wohl nicht angesagt. Bei nüchterner Betrachtung schien dagegen wahrscheinlich, dass Alexander Leon demnächst kräftig in die Pubertät einsteigen würde. Auf ihrer imaginären To-do-Liste vermerkte sie: Hilfe-bei-Pubertät-Bücher raussuchen. Sollte sie Öl ins Feuer schütten und Nicole auf die Sache mit den Bienchen und Blümchen und die Möglichkeit, in absehbarer Zeit Oma zu werden, hinweisen? Lieber nicht, beschloss sie. Ein Schock pro Tag langte.

„Erinnerst du dich, wie wir drauf waren, als wir so alt waren?“, fragte sie grinsend zurück. Das Leben rundete sich, es geschah einfach. Alle rückten ein Feld vor, nicht nur Nicole und ihr Sohn, sie auch. Nur anders.
„Ich hatte in dem Alter jedenfalls noch keine Jungs im Kopf“, begehrte Nicole auf. Dann lächelte sie mit. „Ach, Mensch, Anna. Mein Baby wird groß. Komisches Gefühl.“

 

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier), Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 08/09.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Sabine und ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram und lauten: Lesezeichen, altersschwach, hüpfen.

Ich hab das tatsächlich so gehört, dieses „Oh Gott, ich werde alt“, weil der Sohn die erste Freundin hat. Am Nebentisch. Ja, ja …

 

Die Herausforderung | abc.etüden

„Wie kannst du nur jetzt schon über das Sterben nachdenken? Du bist doch noch viel zu jung!?“

Ihr versteht nichts, dachte sie. Wie sie das liebte, am Fluss Kaffee zu trinken, den Schiffen nachzusehen und zu lesen. Ein Zeitschriften-Psychotest hatte ihr neulich eine Frage beschert: Was ist zurzeit Ihre größte Herausforderung? Sie hatte lange darüber nachgedacht.
Der Umbruch. Von „voll im Leben“ zu etwas anderem. Sich mit dem Altern anfreunden.

Oh, wie sie alle geschrien hatten, als sie sich mit ihnen darüber unterhalten wollte, was denn jetzt noch käme. Man müsse doch. Man dürfe doch nicht. Ob sie nicht vielleicht depressiv sei und zum Arzt gehen sollte? Am lautesten waren die, deren Hamsterrad am bequemsten gepolstert war und die daher verständlicherweise Angst davor hatten, etwas zu ändern. Konnte man es ihnen verdenken?

Sie war schon weiter. Menopause, klar, aber nicht nur. Es hatte Tode in ihrem Leben gegeben, die sie verändert hatten. Die Stille dahinter faszinierte sie, sogar wenn sie manchmal Angst davor hatte, dass „der Abgrund auch in sie hineinblickte“, wenn sie zu lange hinsah. Wer würde zurückschauen?

Jenes Schweigen war schwer auszuhalten, manchmal. Die Perspektive zu ändern, sich selbst mehr als eines von vielen Lesezeichen im Buch der Zeit zu begreifen, nicht besonders bedeutungsvoll vielleicht, aber dennoch auf ihre Art einzigartig. Was würde von ihr bleiben? Würde man sich an sie erinnern? War ihr das wichtig? Sie wusste es nicht.

Sie jedenfalls war noch weit davon entfernt, altersschwach zu sein, und hatte keine Lust, jetzt schon irgendeinen Löffel abzugeben. Wenige Meter neben ihr mühten sich die Kids damit ab, Steine über das Wasser hüpfen zu lassen. Der Winkel war leider falsch, das sah man auf den ersten Blick. Nun ja. Sie würden es lernen. Oder eben nicht.

Sie blinzelte in die Vorfrühlingssonne und fand das Leben echt schön.

 

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier), Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 08/09.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Sabine und ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram und lauten: Lesezeichen, altersschwach, hüpfen.

Das mit dem Abgrund ist tatsächlich ein Zitat und zwar von Friedrich Nietzsche: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (Aph. 146, aus: Jenseits von Gut und Böse, 1886, Online-Quelle)

 

Schröder, übernehmen Sie! | abc.etüden

Heute war wieder einer dieser Tage, wo er ihr nichts recht machen konnte. Dabei war er an den Winterreifen ohne vorwurfsvollen Seitenblick vorbeigegangen (sehr schmutzig, jemand würde sich darum kümmern, aber nicht er) und hatte die wehende, trocknende Wäsche ignoriert (sowieso nicht seine Aufgabe). Doch einfach nur draußen auf der Bank in der Sonne sitzen, seinen Gedanken nachhängen und die frisch erblühten Krokusse bewundern, das durfte er offensichtlich auch nicht.

Er hörte, dass sie am Telefon sprach. Bestimmt mit ihrer komischen Freundin.
„Wenn das jeder hier machen würde! Weißt du, manchmal würde ich am liebsten alles hinschmeißen und mich auch raus in die Sonne setzen und darauf warten, dass wer mit Kaffee und Kuchen vorbeikommt. Aber nein, an mir bleibt wieder mal alles hängen. Hier sieht es aus, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Gestern Abend bin ich gestolpert und fast hingeschlagen, weil hier keiner seinen Dreck alleine wegmachen kann, nicht mein wertgeschätzter Ehemann und die Kids schon mal gar nicht. Was glauben die, wer ich bin, die Putzfrau? Ich sag’s dir, ich hab so einen Hals, SO EINEN HALS, glaub mir.“

Weia. Das roch nicht nur nach dicker Luft, das klang nach Krise. Er war insgeheim überzeugt, dass sie ein bisschen eifersüchtig auf ihn war, weil er das Leben so gelassen anging. Schröder, übernehmen Sie! Deeskalierende Maßnahmen waren dringend angezeigt.

Den Kaffeepott in der einen Hand, das Handy in der anderen kam sie zu ihm und ließ sich neben ihn fallen. Sie schloss die Augen und hielt das Gesicht in die wärmende Vorfrühlingssonne. Amseln und Meisen machten Radau, sonst war alles friedlich. Auch sie.

„Na?“, sagte sie irgendwann vorsichtig in seine Richtung.
Geht doch, dachte er.

Langsam stand er auf, setzte sich auf ihren Schoß, rollte sich zusammen, blinzelte noch einmal in die Sonne und begann zu schnurren.

 

Etüden 2019 06+07 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 06/07.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Petra Schuseil und lauten: Winterreifen, eifersüchtig, stolpern.

Ja nee, ist klar, oder? Fellträger neigen dazu, sich selbst als den Nabel des Geschehens zu begreifen, was jede*r Dosenöffner*in weiß. Außerdem haben sie meist eine eigene Meinung zu allem. Manchmal schweigen sie allerdings auch. Mehr oder weniger.

Ulli hat ihre letzte Etüde in den Kommentaren spaßeshalber als „Plattitüde“ bezeichnet. Ich werde etwaige Fellträger-Etüden ab jetzt (daran angelehnt) „Kattitüden“ nennen, danke schön! Und: Hatte nicht neulich schon mal wer „… übernehmen Sie“ im Titel, oder bilde ich mir das nur ein?

 

Der Hausdrache | abc.etüden

Sie war die, die eingeladen wurde, weil man Paare immer zusammen einlud. Weil sich das so gehört.
Ihn hingegen wollten alle. Er sah gut aus, war gebildet und redegewandt. Konnte eine Pointe so fein einfärben, dass eine leichte Zweideutigkeit mitschwang, die gewisse Damen höchst interessant fanden. Geistvolles, unverbindliches Geplänkel war sein Metier. Er glänzte gern und gut.

Lief da mehr? Man munkelte davon, aber man wusste es nicht. Jedenfalls hatte er diese Gattin. Warum er die mal geheiratet hatte, er hätte doch bestimmt jemanden finden können, der passender gewesen wäre. Sie wird wohl Geld gehabt haben oder vielleicht auch andere Qualitäten, na, wir waren alle ja mal jung.

Sie wusste Bescheid. Sah sich im Zerrspiegel der Damenrunden zu einem eifersüchtigen Monster mutieren, das besessen über seine Pfründe wachte und dem armen Mann jeden ach so unschuldigen Spaß vergällte.

Oh ja. Tat sie.
Wenn die wüssten.

Mit Küssen auf dem Stadtfest hatte es angefangen, hinter dem Feuerwehrschuppen mit den Winterreifen. Sie war unerfahren und voller Ideale, hatte naiv an Liebe geglaubt, hatte sich begehrt gefühlt und war an seiner Hand in eine höchst erwünschte Ehe gestolpert.

Das böse Erwachen kam bald. Sie war zwar eine glanzvolle Trophäe, aber er verlor schnell die Lust an ihr. Auch weil sie darauf bestand, dass er sein Leben änderte. Wollten sie nicht das Gleiche?
Er entzog sich, machte sein Ding und überließ ihr den Rest. Ihre Existenz war schließlich bequem und schützte vor allen anderen Ansprüchen, die man vielleicht an ihn hätte stellen können, vor allem emotionaler Natur.

Scheidung? Da war die Familie, und wohin hätte sie gekonnt? Man hatte sie nicht für ein selbstständiges Leben erzogen. Der ewige Prinz hatte sie in der Rolle des Hausdrachens etabliert und sie hatte es zugelassen.
Sie hasste ihn. Ließ es ihn spüren.
Sie hasste sich.
Leben?
Verarscht.

 

Etüden 2019 06+07 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Für die abc.etüden, Wochen 06/07.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Petra Schuseil und lauten: Winterreifen, eifersüchtig, stolpern.

Ich bin gerade definitiv nicht heiter, tut mir leid. ;-)

 

Für das Leben | abc.etüden

 

Liebster,
meine weise Freundin hat mir geraten, dass ich dir einen Brief schreiben soll. Einen, in dem ich Dank sage.

Ich danke dir also für all das, was in unserer Liebe besonders war: für das Wir, die überschäumende Verrücktheit, die geistigen Höhenflüge, die unendliche Anziehung und das seidige Leuchten. Dafür, dass du in mir das gesehen hast, was noch keiner außer mir gesehen hat, dass du mich für das geliebt hast, wofür mich noch keiner geliebt hat, auch ich nicht, und dass du scheinbar keine Grenzen akzeptiert hast. Dafür, dass ich dich erkennen durfte. Mit dir zusammen hatte ich das Gefühl, dass alles möglich ist. Wir waren trotz allem auf Augenhöhe, zumindest eine Zeit lang.

Ja, wir haben das Ding an die Wand gefahren. Mich hat das fast zerrissen. Es ist sehr großzügig von dir, dafür die Verantwortung zu übernehmen, und sehr bequem für mich. Wahr ist, dass wir Unterschiedliches gewollt und gekonnt haben. Dass wir fehlerbehaftete Individuen sind, die sich durch ihre eigenen Dschungel schlugen und dabei auch beim anderen Wunden hinterließen. Ich trage noch daran, aber es war nie böse Absicht, denke ich, sondern eher, wie sagt man, Kollateralschaden.

Unsere Wege haben sich getrennt, du hast einen anderen Weg eingeschlagen als ich. Mich hätte deiner zerstört, ich weiß es so sicher, wie ich nur etwas weiß.
Dir nur Gutes für dein neues Leben. Sei glücklich. Pass auf dich auf.

***

Sie stöhnte. Wann hatte sie zuletzt so viel mit der Hand geschrieben? Na, egal. Das Blatt in die Salatschüssel aus Porzellan gelegt ging sie nach draußen auf die Terrasse und hielt ein Streichholz daran. Sie hatte Tränen in den Augen, als der Brief aufflammte und zu Asche verbrannte.
Mit einer Handbewegung wischte sie die Salatschüssel vom Tisch, die auf dem Steinboden in fünf Scherben zerbrach.
Sie nickte beifällig.
Vorbei.

 

Etüden 2019 04+05 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 04/5.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Myriade und lauten: Salatschüssel, seidig, übernehmen.

Mich hat meine Etüde von letzter Woche („Die Doku“) nicht losgelassen, ich musste unbedingt nach einem Abschluss, einer Wendung suchen, der/die für mich passte. Beim Schreiben habe ich dann wieder mal festgestellt, dass ich so gar nicht der Typ für Bösartigkeit und schmutzige Wäsche bin. Nicht mal in den Etüden. (Manchmal finde ich das schade, aber wirklich nur sehr selten.)
Ich bin auch in der Realität so, ich empfinde das künstliche Hineinsteigern in tatsächliche oder gefühlte Kränkungen als Zeitverschwendung und Energie für die falschen Kanäle – nicht zu verwechseln mit einer sachlichen Bestandsaufnahme.
Also musste es anders gehen. Tatsächlich fühlt sich mein schreibendes Ich/die Protagonistin jetzt besser.

Ja, das ist unbedingt die Salatschüssel aus der letzten Etüde. Nein, nicht die aus dem Bild, die ist zu hübsch.

Bin gespannt, was ihr sagt.