Biedermeier beichtet (fast) | abc.etüden

Eine Kaffeetafel am Morgen.

»Wir müssen reden.«

»Müssen wir?«

»Ja. Ich halte es nicht mehr aus. Wenn ich sehe, wie unnormal fröhlich du in den letzten Wochen hier rumflötest, dann denke ich, dass du mir etwas verschweigst. Und ständig diese Treffen mit dieser ARBEITSGRUPPE! Ich wüsste gern, was es damit auf sich hat.«

Er denkt nach.

»Sag mal, kann es sein, dass du Angst hast, ich würde dich stinknormal niederträchtig betrügen?«

Sie schweigt.

»Schatz! O Gott, wirklich? Hey, das sollte ein Witz sein! Ich liebe dich!«

Sie lehnt sich zurück. Er glaubt, Tränen in ihren Augenwinkeln zu sehen.

»Okay. Heute ist unser Hochzeitstag. Das heißt, wir gehen später bei deinem Lieblingsonkel vorbei und gratulieren ihm zum Geburtstag, danach gehen wir schick essen, ich habe eine Überraschung für dich.«

Sie starrt ihn an.

»Du hast recht, da ist was im Busch, ich freue mich schon darauf, dir alles zu erzählen! Aber ich schwöre tausend Eide, es hat nichts mit dir zu tun! Es ist eine Überraschung zu unserem Firmenfest am Samstag, und ja, die Arbeitsgruppe ist nicht halb so langweilig, wie ich behauptet habe. Kannst du vielleicht noch zwei Tage durchhalten und mir glauben, dass ich immer noch derselbe Trottel bin, den du geheiratet hast, jedenfalls, was eheliche Treue angeht? Wir haben nämlich alle versprochen, auch privat zu schweigen. Okay, ich würde eine Ausnahme machen, weil du so unglücklich bist, aber …«

Sie nickt zögerlich und er bricht auf, nachdem er ihr noch tausendmal versichert hat, dass kein Grund zur Sorge bestünde. Vermutlich wird sie ihn nicht mal erkennen, wenn er kostümiert und geschminkt ist: Ihn hat der Tanzvirus erwischt, die Arbeitsgruppe probt unermüdlich. Historische Tänze in echten Biedermeier-Damenroben aus dem Theaterfundus. Er hat sich neu entdeckt, und er fühlt sich verwandelt, lebendig und höchst verrucht. Was sie wohl sagen wird?

 

abc.etüden 2021 42+43 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 42/43.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Heide mit ihrem Blog Puzzle❀. Sie lautet: Biedermeier, niederträchtig, flöten.

Fortsetzung von Die Lüge 😉

Ich habe wirklich lange gegrübelt, ob Olaf bei Hinterzimmer-Pokerpartys Haus und Hof verspielt hat oder bei seinen Kolleginnen den wilden Hengst gibt. Aber dann bin ich bei dem geblieben, was ich für wahrscheinlicher halte: Ja, ihm ist langweilig, er ist auf der Suche, aber das hat mit seiner Ehe nichts zu tun, und als ein Kollege diese Tanzgruppe auf die Beine gestellt hat, hat er sich überreden lassen mitzumachen und Feuer gefangen. Wir sind in Meiningen, erinnert euch an Biedermann aus der letzten Etüde, Meiningen ist für sein Theater (mitsamt Fundus) bekannt. Bisschen Crossdressing darf für das bürgerliche Prickeln da gerne rein.

Ilona hat mitgekriegt, dass sich was bei ihm verändert, dass etwas anders ist als sonst, und hat aus ihren eigenen Ängsten Gewissheiten geformt: Es kann nur daran liegen, dass sie zu »schlecht« ist und dass er eine andere hat. Wahlweise ist er niederträchtig, kennt man ja.

Euch ist aufgefallen, dass ihm sehr wohl bewusst ist, dass sie am Geburtstag eines ihrer Lieblingsmenschen geheiratet haben, weil man sich das so wunderbar merken kann? 😉

Schlechte Aussichten für die Beziehung? Na ja, ja und nein, denke ich. Auf jeden Fall sollten beide sehen, dass sie mehr miteinander als nebeneinander her leben, und auch ja, das ist viel leichter gesagt als getan.

Wem das zu leicht und zu geschwätzig geraten ist: Mein Leben ist gerade wenig heiter, ich bin froh, wenn ab und an mal ein Lächeln durchbricht und sich als Etüde manifestiert.

 

Die Lüge | abc.etüden

Okay, Ilona, und du glaubst wirklich, dass es eine andere gibt? Bist du denn sicher? Kann es nicht sein, dass er etwas organisiert, um dich zu eurem Hochzeitstag zu überraschen, und deshalb was verbirgt? Irgendetwas … Nettes?«

»Ha, das wüsste ich aber, dass Olaf sich freiwillig daran erinnert! Du kennst ihn doch. Der ist zwar super, was Namen und Fachbegriffe angeht, aber wenn er könnte, würde er sogar meinen Geburtstag vergessen! Der buchstabiert dir ja noch, wie die Rottöne in seiner Krawatte heißen. Nein, dieses Mal ist wirklich was im Busch.«

»Und du denkst …?«

»Ich fürchte, dass meine Ehe gerade flöten geht, du darfst es ruhig aussprechen. Wobei sie das hundertprozentig tut, wenn er sich wirklich eine Flötistin angelacht hat, die bei ihm Flöte spielt, das versichere ich dir! Dann ist endgültig Schluss! Ich lasse mich doch nicht hintergehen! Schon gar nicht von diesem, diesem niederträchtigen …!«

»Nun reg dich nicht so auf! Wo genau will er gewesen sein? Im Theater?«

»Im Theater. Mit der Arbeitsgruppe aus der Firma. In, ich zitiere: ›Biedermeier und die Brandstifter‹.«

»Ja, und? Stand darüber nicht sogar was in der Zeitung?«

»Susanne.«

»Schau mich nicht so an, Ilona, ich hatte Deutsch schon im Abi abgewählt.«

»Zu Recht! Heute muss er übrigens länger arbeiten. Sagt er.«

»Letzte Woche auch, oder?«

»Ja, schon seit ein paar Monaten. Überstunden wegen dieser Zertifizierung in seiner Firma. Sagt er.«

»Und warum betonst du das jetzt so?«

»Na ja, nicht nur du liest Zeitung. Erstens ist die Premiere Mitte November, wohlgemerkt, die Premiere –«

»Oh.«

»Und zweitens heißt das Stück ›Biedermann und die Brandstifter. Ein Lehrstück ohne Lehre‹. Max Frisch. Schullektüre.«

»Biedermann? Wie passend. Aber du wirst daraus eine Lehre ziehen?«

»Mit Sicherheit. Aber vielleicht eine andere, als er glaubt.«

 

abc.etüden 2021 42+43 | 365tageasatzaday
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Für die abc.etüden, Wochen 42/43.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Heide mit ihrem Blog Puzzle❀. Sie lautet: Biedermeier, niederträchtig, flöten.

Mein Punkt bei dieser Etüde ist nicht, dass Olaf gelogen hat, das hat er eindeutig. Mein Punkt ist, wie seine Frau darauf reagiert. Ich stelle mir vor, dass die beiden lange genug verheiratet sind, dass »der Lack ab« ist, wie man so schön sagt. Mir sagte neulich jemand (bezogen auf Beziehungen): »Das Wohlwollende und Freundliche bleibt als Erstes auf der Strecke.« Ich zweifle an »als Erstes«, aber an genau dem Punkt ist meine Protagonistin: Ich als ihre Autorin weiß tatsächlich nicht, ob ihr Olaf fremdgeht, ob er nur mit der Arbeitsgruppe Pokerpartys schmeißt – was er ihr sicher auch nicht erzählen würde – oder ob sie projiziert bzw. vielleicht schlicht Angst hat, nicht mehr zu genügen, warum auch immer. Sie unterstellt ihm auf jeden Fall in aller Deutlichkeit ein Fehlverhalten.
Die Etüde kann nicht beantworten, was in den Jahren im Vorfeld passiert ist, aber den Ist-Zustand dieser Beziehung finde ich so alltäglich wie bedrückend.

»Biedermann und die Brandstifter« wird übrigens ab dem 11. November 2021 im Staatstheater Meiningen gespielt. Ich zitiere von deren Website: »Das Stück thematisiert die Konfliktfrage, inwieweit ein Mitläufer, der abseits steht und sich dem Verbrechen entzieht, es aber nicht aufhält, sich selbst schuldig macht« (Link zum Stück). Wer es genauer wissen möchte, findet den ausführlichen Wikipedia-Eintrag hinter diesem Link.

Eine Ergänzung zum Thema »flöten gehen«: Wissen.de hat das Wahrig Herkunftswörterbuch online. Rufe ich den Eintrag »flöten gehen« über das Handy auf (hier klicken, geht bei mir nur da), stoße ich auf einen Eintrag, der mich informiert, »dass es im 17. Jahrhundert im Niederländischen eine Wendung gab, die weggaan om te fluiten ›urinieren gehen‹ lautete. Flöte und Penis werden vom Volksmund aufgrund ihrer Form oft miteinander gleichgesetzt […]«. Ich wundere mich etwas, dass keiner der üblichen Verdächtigen dies noch erwähnt, und sei es nur als Nebenbedeutung – hier der Link zum Wiktionary.

Update: Hier gibt es die Fortsetzung! Biedermeier beichtet (fast)

Gehabt euch wohl und ein schönes Wochenende!

 

Über das Liken | abc.etüden

Ich möchte mich mal kurz aufregen. Da berichten Blogger*innen über Themen und Ereignisse, die sie zutiefst bewegen und vielleicht sogar schmerzen (und ich meine damit Persönliches, explizit nicht Corona, die Impffrage oder Politik generell). Reaktion: Schweigen im Walde. Ein ergriffenes? Trauriges? Desinteressiertes? Tja. Wer weiß? Auf jeden Fall: Kein Like, kein Kommentar. Oder wenn ja, dann höchstens sperrig: »Tut mir leid, das ist ja sooo schlimm, das kann ich aber wirklich nicht liken.«

Hallo? Bitte, überlegt doch mal eins: Wie wollt ihr denn sonst öffentlich Unterstützung oder Teilnahme ausdrücken, wenn nicht – mindestens – über ein Like, das »Habs gelesen, ja, furchtbar« besagt? Es steht euch nicht auf der Stirn geschrieben, dass ihr vor Mitleid überquellt, ihr Geheimkünstler! Und wer, Charakterfrage, wenn wir gerade schon mal dabei sind, FREUT sich denn über etwas Fürchterliches, das ein anderer berichtet, sodass man das Like dann wirklich als ein klassisches »Gefällt mir« auffassen könnte? Glaubt ihr ernsthaft von euren Followern, die bei euch regelmäßig liken oder kommentieren, dass die so drauf sind?

Klar, es gibt Schadenfreude. Klar, es gibt Fehden (und man kann Likes nicht sperren), aber wer sich häufiger mit seinen Followern auseinandersetzt und Wert auf eine gewisse Gesprächskultur legt, der kennt (normalerweise) seine Pappenheimer und weiß, wo ein Like Unterstützung suggeriert und wo nicht.

Ja, manchmal lese ich bei anderen von Dingen und Ereignissen, die mir nicht gefallen und wofür ich keine Worte finde. Aber dann kann ich das transportieren, kann etwas kommentieren wie: »Ach, wie schlimm. Da fehlen mir die Worte.«
Denn ich denke immer, wenn jemand etwas Bedrückendes postet, dann soll das Aufmerksamkeit erzeugen. Und dann hilft mir persönlich eine Rückmeldung wie »Ich kann dir zwar nicht helfen, aber ich sehe dich und deinen Schmerz« schon weiter und trägt mich.
Oder einfach ein simples Like.
Alles ist besser als Schweigen.

 

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Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 40/41.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Yvonne mit ihrem Blog umgeBUCHt. Sie lauten: Geheimkünstler, sperrig, suggerieren.

Nach – wie heißt es so schön – einer wahren Begebenheit. Eigentlich sogar nach so einigen. Dieses: „Das kann ich aber nicht liken“, begegnet mir so häufig immer wieder, dass ich es echt schon ärgerlich finde, dass die Betreffenden nicht weiterdenken, warum jemand das wohl eingestellt hat.

Ja, ist auch mein persönliches Ding, meine Auffassung vom Bloggen, die nicht die anderer sein muss, schon klar 😉 Ich bin ein bekennender Hab-ich-gelesen-Liker. Mein Like muss NICHT zwangsläufig heißen, dass ich den gelikten Blogeintrag gut finde oder gar der dort vertretenen Meinung zustimme, sondern erst mal nur, dass ich anzeigen möchte, dass ich es gelesen habe. Okay, wenn ich eure Beiträge like und euch schon länger folge, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass ich eurer Meinung bin, aber das ist sekundär. Außerdem kann ich ja auch noch kommentieren 😉

Und ihr so?

 

Ein Geschenk | abc.etüden

Ich kenne den Blick. Er soll mir suggerieren, dass ich etwas unglaublich Wertvolles übersehe. Ich kenne aber auch den, der so guckt. Hm.
Außerdem ist es früher Morgen. Also, ziemlich früh.

Ein Geschenk? Bestimmt. Ist hier irgendetwas anders als sonst? Nein. Dann muss er es versteckt haben.

»Soll ich suchen?«, frage ich und sehe diesen erwartungsvollen Glanz in seinen Augen. Okaaaaay. Also mustere ich das Regal – nichts – und umrunde das sperrige Sofa. Bingo!

Da liegen sie: DREI Leichen in, äh, unterschiedlichen Zuständen der Vollständigkeit. Ich wusste es doch. Wahrscheinlich haben sie nicht geschmeckt.

Und das vor dem ersten Kaffee.

»Oha, da hast du heute Nacht ganz im Verborgenen aber eine ordentliche Strecke gemacht, mein Geheimkünstler«, lobe ich ihn. Schnurrend kommt er an, stößt seinen Kopf gegen mein Bein und streicht daran entlang. Ich kraule den getigerten Pelz. Ohne jeden Zweifel ist jetzt eine Belohnung fällig.

»Na, dann komm mal mit in die Küche, dann gebe ich dir was«, seufze ich und nehme auch gleich die Utensilien mit, um die Spuren der Großwildjagd zu beseitigen. Ich muss dran denken, fürs Erste die Katerklappe zu verriegeln, das war schon das dritte Mal in zwei Wochen, dass er etwas hereingebracht hat, und man weiß nie, ob nicht doch eine nur halb tote Beute dabei ist und demnächst in einer Ecke vor sich hin rottet.

Den Schrecken der Mäuseschaft (Vögel sind zum Glück meist zu schnell, er wird ja auch älter) interessiert das alles freilich nicht mehr. Er hat sich den Bauch vollgeschlagen und schläft auf dem Sofa den Schlaf des Gerechten.

 

abc.etüden 2021 40+41 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by krakenimages on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 40/41.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Yvonne mit ihrem Blog umgeBUCHt. Sie lauten: Geheimkünstler, sperrig, suggerieren.

Jaaaa, eine Kattitüde mal wieder! Die könnte sich sogar hier abgespielt haben, wenn 1. ich eine Katzenklappe hätte (aus den in der Etüde erwähnten Gründen nicht) und 2. der Herr Fellträger tatsächlich in einer derartigen Frequenz Mäuse erbeuten würde, aber momentan ist es nachts draußen eher ruhig und morgens steht nur ein hungriges Pelztier vor der Tür, das kräftig anfängt, Winterfell zu entwickeln.
Schlafen kann er allerdings wie gemalt.

Kleine Zwischendurch-Etüde ohne größeren Anspruch, ich hab einfach zu viel um die Ohren.

 

Great Wide Open | abc.etüden

Wo soll das alles nur enden?«, hatte die Oma früher immer gefragt, und er hatte sich daraufhin regelmäßig verkrümelt, weil er diese ängstliche, fast weinerliche Stimmung nicht aushalten konnte. Vielleicht müssen Frauen so sein, hatte er gedacht.
Es hatte ihn nicht weiter berührt, er war darüber hinweggegangen, weg von zu Hause, into the great wide open, was sollte schon sein, gut würde es werden, er war jung und doch ein anständiger Kerl, oder? Was brauchte es mehr? The future was wide open, und die Alte sollte ihre düsteren Prophezeiungen ruhig stecken lassen.

Out in the great wide open, a rebel without a clue? Inzwischen verstand er sie besser, die Oma. Manches, was man wusste, konnte man nicht mehr vergessen, und es färbte die Sicht auf die Zukunft, auch wenn es einem nicht gefiel. Er gab den Cowboy, schüttelte lässig eine Zigarette aus dem Päckchen, ließ das Feuerzeug aufschnappen, sog den Rauch tief ein und hustete. Eigentlich hatte er längst aufgehört, aber das war jetzt auch egal.
Er war sich nicht mehr sicher, was noch zählte.

Wo soll das alles enden.

The sky was the limit.

Und jetzt?

Weiterlächeln.

Na dann.

 

abc.etüden 2021 38+39 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 38/39.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Werner Kastens mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Sie lauten: Prophezeiung, anständig, verkrümeln.

Mini-Etüde, Stimmungsding, gemischt mit einem alten Lieblingssong aus dem Radio, nämlich Tom Petty & The Heartbreakers: Into the Great Wide Open, aus dem die kursiven Zeilen sind. Bei Songfacts (eine sehr nützliche Seite) findet sich allerlei zu Song und Video sowie der Text, allerdings auf Englisch (für Übersetzungen empfehle ich DeepL), auf YouTube sollte man das Originalvideo schauen (hier klicken) – mit einem sehr jungen Johnny Depp! 🙂
Tom Petty ist übrigens morgen vor 4 Jahren gestorben. Mit 66. Versehentliche (laut Wikipedia) Überdosis Schmerzmittel.

 

Waldmensch | abc.etüden

Ich betrete ein Wäldchen. Viele Birken, viele Buchen, die Sonne scheint, der vor mir liegende Weg wirkt licht und grün, ich sehe, dass sich Häuser in die Hänge kuscheln. Wohnen im Wald – wie herrlich, denke ich, und dass uns Deutschen ja sowieso eine intensive Beziehung zum Wald nachgesagt wird und es im Deutschen schier unendlich viele Bezeichnungen für Grüns gäbe. Wir sind irgendwie Waldmenschen, denke ich, lächle und fühle mich in meinem Dahingehen wohl.

Waldmenschen. Es trifft mich wie ein Schlag. »Waldmensch«, das ist die Übersetzung von »Orang-Utan«, einer Affenart, an deren Ausrottung wir Menschen gerade mit aller Macht arbeiten, indem wir für Holz- und Palmölgewinnung ihre Lebensräume vernichten und sie jagen, um sie zu essen oder als Haustiere zu verkaufen. Big Business. Orang-Utans sind die größten heute noch lebenden Baumsäugetiere sowie die einzigen überlebenden Großen Menschenaffen Asiens. Ein paar dürfen in Zoos herumsitzen und sich fortpflanzen, ja, klar, aber leben? Leben?

Ich denke ein bisschen beschämt an meine Mitgliedschaft im NABU, die mir plötzlich wie ein Feigenblatt vorkommt, anständig und bemüht, wie ich nun mal bin, und daran, dass Palmöl heute in etwa jedem zweiten Produkt steckt, das in deutschen Supermärkten zu kaufen ist.

Ich trotte weiter. Der Wald um mich herum leuchtet, Spechte klopfen, es ist wunderschön. Es gibt Zahlen, wie viel Prozent der Bäume aktuell bereits schwer geschädigt sind, die tendenziell steigenden Temperaturen und die Trockenheit machen die Sache nicht besser. Ich überlege, dass ich mich nicht so einfach aus der Welt verkrümeln kann, wie ich demnächst diesen Wald hinter mir lassen werde. Und was das bedeutet.

Früher sah man gefühlt überall diesen Aufkleber mit der (angeblichen) Prophezeiung der Cree-Indianer: »Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.«

Abgelutscht, aber wahr.

 

abc.etüden 2021 38+39 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 38/39.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Werner Kastens mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Sie lauten: Prophezeiung, anständig, verkrümeln.

Alles an dieser Etüde stimmt: Der Weg durch den Wald, die Assoziationen, sogar die Sache mit der Prophezeiung, die allgemein als »Weissagung der Cree« verkauft wird, ist mir dort eingefallen. Geht also auch ohne Hund (hallo, Werner).

Die Links, mit denen ich euch jetzt füttern möchte, die musste ich allerdings nachschlagen.

Orang-Utans: Dazu gibt es unglaublich viel Bewegendes, und ihr werdet vermutlich einiges selbst kennen. Ich fange einfach mal ganz simpel mit dem WWF (hier) und mit der Wikipedia (hier) an.
Von der WWF-Seite stammt auch die Aussage mit dem Palmöl (hier lesen).

Hier ist ein weiteres (Schweizer) Projekt zum Schutz von Orang-Utans vor Ort, ich möchte nicht, dass der Link in den Kommentaren untergeht: PanEco – Der SMARTe Regenwaldschutz.

Wald: »Nur noch einer von fünf Bäumen weist keine erkennbaren Schäden an seiner Krone auf«, fasst GEO den aktuellen Waldbericht der Bundesregierung 2021 zusammen. Mehr siehe dort.

Weissagung: Die »Weissagung« ist mitnichten eine Weissagung (und erst recht keine Prophezeiung), sondern ein Zitat einer (späteren) kanadischen Filmemacherin, die einem Volk der First Nations entstammt, hat der »Quote Investigator« Garson O’Toole herausgefunden (hier, engl.). Der Wikipedia-Eintrag (hier) listet außerdem noch ein paar Infos um das Zitat herum auf, z. B. die Verwendung durch Greenpeace, wodurch es in D sehr bekannt wurde.

Ja, ich weiß, ich bin früh dieses Mal, aber ich wollte verhindern, dass eine*r von euch vor mir mit diesem Aufkleber ankommt … 😉

 

Gedankenkarussell | abc.etüden

Sie war zutiefst traurig. Sie haderte mit sich. Sie war überzeugt, alles falsch gemacht zu haben, und gleichzeitig hätte sie nicht gewusst, wie sie anders hätte handeln sollen. Wieder mal.
Warum hatte sie eigentlich immer das schlechte Gewissen und die Schuldgefühle?
Warum putzten sich die anderen den Ärger und den Streit einfach von der Backe und taten so, als ob alles easy wäre?
Bluteten die nicht innerlich?
WAREN die einfach so abgebrüht?
Sie war hier falsch. Ihr ganzes Leben schon.
Gute Miene zum bösen Spiel, ha, voll ihr Ding, sich tot zu stellen. Emotional tot.
Sie hasste alle.
Wie oft konnte ein Herz eigentlich brechen?
Nur ein nettes Mädchen ist ein gutes Mädchen, und nett ist … na? Eben.

Sie stapfte blind vorwärts. Sie durchquerte den schönsten grünen Wald, die Sonne schien, die Vögel riefen ihren Namen, Spaziergänger grüßten freundlich.

Sie blieb steinern. Sie sah nichts, hörte nichts und verabscheute jeden. Sie hatte zugleich Angst vor allem, weil das irgendwie dazugehörte, denn wer würde sie schon lieben, wenn sie doch alle hasste? Bestimmt niemand! Niemals!

Sie stolperte, konnte sich gerade noch abfangen und saß plötzlich auf dem Waldboden. Neben ihr stand ein Fliegenpilz. Sie musterte ihn verdutzt. Ominös. War das das Zeichen, dass sie sich besser gleich umbringen sollte?

»Sei nicht so bescheuert«, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf.

Ihr Knöchel schmerzte wie Hölle. Das hatte jetzt gerade noch gefehlt!

»Darf ich mich vorstellen: dein Orientierungssinn.« Die Stimme seufzte. »Ich hätte ja gern früher eingegriffen, aber dieser Schlick, den du Gedanken nennst, war zu zäh. Du bist schon zweimal falsch abgebogen. Und jetzt musst du da vorne rechts, ohne Widerrede, sonst kannst du das Auto vergessen, und das findet dein Knöchel garantiert nicht so lustig!«

Sie humpelte los, sich innerlich verfluchend, und bis auf Weiteres vollständig im Hier und Jetzt.

 

abc.etüden 2021 36+37 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 36/37.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ludwig Zeidler. Die Wörter lauten: Schlick, ominös, putzen.

Nein, das ist nicht sehr autobiografisch. Ich meine, natürlich kenne ich Gedankenkarusselle, wer nicht, aber meine sehen anders aus. Tatsache ist dagegen, dass ich mich am Sonntag bei bestem Wetter im Wald wirklich zweimal verlaufen und (nicht nur) einen Fliegenpilz gesehen habe – allerdings ohne die erwähnte Assoziation. Und da angekommen, wo ich hingewollt habe (ohne Stolpern), bin ich schließlich auch, wobei ich der Meinung bin, dass der Weg eklatant schlecht ausgeschildert ist/war. Aber hübsch. Sehr hübsch. Ich beabsichtige zu berichten.

 

Bekenntnisse einer Pralinenliebhaberin | abc.etüden

Das Problem mit den Pralinen ist, dass ihre Lebensdauer in meiner Umgebung so extrem kurz ist, dass es für Inspiration nicht ausreicht: Kaum sind sie da, sind sie auch schon wieder weg. Andererseits sind mir Menschen seit jeher suspekt, die beim Anblick eines Apfels oder einer Salatgurke in Verse ausbrechen. Sagen Sie selbst, was soll man von solch prosaischen Gemütern halten? Ich habe da kein Verständnis.

Ein weiteres Problem ist, dass sie meist so klein sind. Ja, natürlich, man soll Pralinen genießen, so heißt es überall, sie mit den Augen verzehren, zärtlich beknabbern wie eine angebetete Person, vielleicht sogar halbieren oder vierteln. Jedenfalls nicht mit einem herzhaften Happs verschlingen! Aber was soll ich sagen, beim Liebesakt bin ich da eben etwas handfester, und ich stehe dazu.

Ein unverschämter Mensch, den ich für einen lieben Freund gehalten habe, hat mich kürzlich ernsthaft gefragt, ob ich schon mal darüber nachgedacht hätte, sie zu kauen, bevor ich sie herunterschlucke, es würde schließlich die Geschwindigkeit der – äh – Genussmittelaufnahme heruntersetzen und ich hätte länger was davon. Wofür hält der mich! Wollte der mich erschrecken, sodass mir die Pralinen im Halse stecken bleiben? Nun, Fehlanzeige!
Jetzt muss ich meine Pralinen wenigstens mit niemandem mehr teilen. Schade um ihn, er hatte eigentlich einen guten Geschmack.

Wo ich gerade so nett mit Ihnen plaudere: Hat jemand von Ihnen Interesse an sehr gut erhaltener, hochwertiger Damengarderobe, Größe 46 bis 48? Ich brauche sie nicht mehr und würde mich freuen, von Ihnen zu hören. Es ist mir ein wenig peinlich, aber sonst wandert alles in den Secondhandladen zu meiner Freundin, und die hat sich bereits eine goldene Nase an mir verdient.

Ach, wenn mir früher mal jemand vorausgesagt hätte, was für Opfer ich für meine Leidenschaft bringen würde, nichts davon hätte ich geglaubt. Ach ja, das Leben geht seltsame Wege.

 

abc.etüden 2021 25+26 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Nathana Rebouças on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 25/26.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken. Die Wörter lauten: Praline, herzhaft, wandern.

Diese Etüde hat eine Vorgeschichte, und zwar beginnt sie mit dem ersten Satz, den Myriade gestern als Kommentar bei mir postete (hier nachlesen), und woraus sich ergab, dass wir beide eine Etüde damit schreiben würden. Nun denn. Myriades diesbezügliche Etüde ist übrigens hier nachzulesen.

Ansonsten: Nein, diese Etüde ist nicht autobiografisch, nicht sehr. Natürlich mag ich Pralinen und Schokolade (und Torten, mjamm), aber ich bin weitaus eher in Gefahr, im Sommer einem Eiswagen nachzulaufen … 😉

 

Einmal W5, einfach | abc.etüden

Wenn zwei Frauen miteinander unterwegs sind, kann das mehrere Vorteile haben: Gesellschaft; ausprobieren zu können, ob man auch miteinander schweigen kann; dass hoffentlich eine mitgenommen hat, was der anderen fehlt (alles zwischen Wasser, Pralinen und Blasenpflaster – o ja, Schokolade kann sehr wichtig sein) und, last but not least, wenn beide über einen fahrbaren Untersatz verfügen, kann man einen am Ende der Wanderstrecke deponieren und gemeinsam zum Anfang fahren.

So geschehen am letzten Sonntag, und wohin ging es? Na, erraten? Richtig: W5 und der Karlstein, die Gegend lässt mich nicht los. Dieser Rundweg W5 ist in Gänze laut Karte etwa 18 Kilometer lang und kann auch in zwei Schleifen erlaufen werden, ihr erinnert euch vielleicht. Was ich bisher noch nicht hatte, war die Variante mit den beiden Autos.

Ich war im kühlen März vermutlich zuletzt dort und sehr überrascht, wie verändert sich dieser Wald im Sommer präsentiert, wie grün, wie wohlriechend, wie anders das Licht, wie magisch. Man durchquert auf dieser Strecke sowohl Laubwälder, Mischwälder und Nadelwälder, und jeder transportiert seine spezifische Stimmung, wenn man das Herz öffnen kann. Unglaublich anrührend.

Als einzige unrühmliche Ausnahme erwies sich ein höchst aggressiver Mountainbiker, der meinte, uns vollpöbeln zu müssen, weil wir Dero Gnaden bei seinem Erscheinen nicht weitestmöglich Platz gemacht hatten (es war ein breiter, gut befestigter Wanderweg, er hätte vorbeigekonnt, wir waren höflich – er sah das anders), und der bei mir prompt kurzfristig den Wunsch erweckte, ihn von seinem Rad zu holen und herzhaft in den Waldboden … Ja, ich. Tatsächlich. Mea culpa.

Nun, nichts dergleichen ist passiert, wir wanderten kopfschüttelnd und eher amüsiert weiter und beendeten unseren Weg nach ca. 10 Kilometern am Wildpark Schwarze Berge. Da W5 ein Rundweg ist, könnten wir auch noch die andere Schleife erobern (die anstrengender ist, weil mit steileren Abhängen), und ich überlege, das vorzuschlagen.

 

abc.etüden 2021 25+26 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 25/26.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken. Die Wörter lauten: Praline, herzhaft, wandern.

 

Ich möchte sicherheitshalber ein Wort zur Ehrenrettung der Mountainbiker verlieren: Dieser Wald ist von Pfaden aller Art durchzogen, Trails für Mountainbiker gehören dazu (wir waren auf keinem), und natürlich benutzen alle manche Wege gemeinsam. Ich habe ansonsten bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht, die meisten grüßen im Vorbeifahren, dieser Aggro-Typ hier war der Erste und ist absolut nicht repräsentativ.

Der Moisburger Stein ist ein alter Forstgrenzstein, davon stehen hier im Wald noch einige, ein Thema für sich, ich habe nicht nur für geschichtlich Interessierte dazu einen Blog entdeckt, auf den ich gern verlinken möchte: hier.

Und oh, Schokolade ist prima, auch unterwegs, aber niemals würde ich echte Pralinen auf eine Wanderung mitschleppen, sorry, Monika, hier habe ich deine wunderbare Wortspende passend gemacht 🙂

 

Quelle: ichmeinerselbst, Klicken macht groß!

 

Das Kleid – Die Aussprache | abc.etüden

Nachdem ich die ersten beiden Etüden entworfen hatte, war mir klar, dass es da noch offene Fragen gab, die eine Antwort verdienten. Warum war sie so ausgeflippt? Warum war ihr nicht aufgefallen, dass mit ihm etwas nicht okay war, hätte das nicht eigentlich sein müssen?
Eure Fragen/Kommentare (danke!) haben mich darin bestärkt, dass es eine dritte Etüde geben muss, denn die Lösung ist ziemlich simpel und damit begründbar, dass jede*r halt manchmal sein individuelles Brett vor dem Kopf hat …

Bitte schön, hier ist sie.

Es ist sinnvoll, alle drei nacheinander zu lesen. Hier sind die beiden ersten Teile (von vorgestern und gestern).

Das Kleid – Sie
Das Kleid – Er


 

Fühl mich bei dir geborgen, setz mein Herz auf dich …«

Sie starrte ihn an. »Und das ist wirklich alles? Mehr ist nicht?«

Nun, DAS war nicht ganz die erwartete Reaktion. »Mehr ist nicht«, bestätigte er feierlich.

»Aber du hast was mit ›Fettfleck‹ gesagt, als du mich gesehen hast!«

Er nahm einen Zipfel der Picknickdecke und wischte ihr über das tränennasse Gesicht.

»Hab ich nicht. Ich hab ›nettes Kleid‹ oder etwas ähnlich Bescheuertes gesagt. Ehrlich.«

»Ich bin aber fett geworden während Scheißcorona. Und du auch. Wir haben beide zu viel gegessen und sind nicht rausgegangen. Wohin denn auch.«

Absolut zutreffend.

»Ich hab gedacht, du findest mich nicht mehr attraktiv, und als du mich dann noch beleidigt hast, dachte ich, du hast eine andere. Weil – es ist ja gerade wirklich wenig im Bett los zwischen uns.«

»Schatz, hör doch mal. Normalerweise hätte ich dir dein Kleid mit diesem höchst verwegenen Ausschnitt vom Leib gerissen. Okay, ist schon bisschen her, aber das weißt du noch, oder?«

Sie bejahte. Zögerlich. Gottseidank.

»Aber wenn ich etwas verspreche, dann will ich es auch halten, und das kann ich gerade nicht. Leider. Nur, dass du glauben würdest, dass ich fremdgehe, weil ich mich zurückziehe, darauf hätte ich kommen können. Das ist nicht gut gelaufen. Es tut mir leid.«

Sie schniefte. »Warst du beim Arzt? Du hast doch bestimmt schon alles Mögliche dazu recherchiert.«

Er nickte. »Noch nicht. Weißt du, meine allererste Frage ist: Was macht das mit mir, wenn ich nicht mehr kann? Wie sehr definiere ich mich über Sex? Und die zweite: Bleibst du trotzdem bei mir?«

Nun klang sie empört. »Du bist mein Mann. Das ist nicht nur eine Bettgeschichte. Über alles andere reden wir später.«

Er legte den Arm um sie und zog sie an sich. Ein Glas kippte um. Der Rotwein versickerte.

 

abc.etüden 2021 23+24 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Jennie Clavel on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 23/24.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ellen mit ihrem Blog »nellindreams«. Die Wörter lauten: Picknickdecke, verwegen, recherchieren.

 

Wer wissen möchte, woraus ich zitiere: Herbert Grönemeyer: Halt mich

 

Und wehe, irgendwer findet meine Lösung unrealistisch ;-). Ich habs mit Enden, die irgendwie positiv offen sind.

 

Das Kleid – Er | abc.etüden

Nachdem „Das Kleid“ ungewöhnlich viele Reaktionen hervorrief (vielen herzlichen Dank dafür), meldete sich mein Protagonist zu Wort und bat nachdrücklich darum, seine Sicht der Dinge darstellen zu dürfen. In Wirklichkeit ist nämlich alles ganz anders.

Darum: Wer die erste Etüde nicht gelesen hat, der möge das bitte tun.

Das Kleid – Sie


 

Er zeugte sieben Kinder in einer Nacht und über seine Feinde hat er nur gelacht …«

Dass »Mann« immer konnte, wann hatte er angefangen, das als »verwegene Hypothese« zu bezeichnen? Klar, anfangs waren sie wild gewesen, auf der Picknickdecke und darunter, später in all den Betten, die sie sich geteilt hatten. Sie war seine Knutschkugel, rund und fröhlich, und er liebte jedes Extrakilo an ihr. Oder besser: Es war ihm völlig egal, denn sie war nicht nur die Frau seines Lebens, sie kochten und aßen auch gern gemeinsam.

Dann war die Pandemie gekommen, die ihnen Angst um ihre Gesundheit gemacht und vieles verwehrt hatte, Rituale, die ihnen wichtig gewesen waren: Reisen, Veranstaltungen, Kino, Freunde treffen.

Er hatte sich eingerichtet, sich zurückgezogen. Es war ihm immer leichter gefallen. Ihr auch. Jedenfalls hatte er das gedacht. Bis diese Einladung zu diesem Charity-Event gekommen war und sie überschwänglich begeistert reagiert hatte.

Er nicht.

Die Aussicht, zu dieser Wichtigtuerveranstaltung mitgeschleppt zu werden, hatte ihn derartig entsetzt, dass es ihn selbst schockiert hatte. Selbstverständlich hatte er ihr das verschwiegen. Sie freute sich doch so, nur er, er zog nicht mit.

Als sie sich vorhin in diesem schicken roten Kleid präsentiert hatte … früher hätte er sie daraufhin vernascht, so viel war sicher. Aber heute?
Da hatte ihm auch kein Recherchieren im Netz geholfen.
Da hatte sich bei ihm einfach nichts gerührt. Bei aller Lust.

War er in diesen anderthalb Jahren unbemerkt vom Strom des Lebens in einen Nebenarm abgebogen? War er ALT geworden? Was bedeutete das für sie beide?

Jetzt musste er sich um sie kümmern. Alle Karten auf den Tisch legen. Dass sie nicht schon längst wieder flammenden Auges vor ihm aufgetaucht war, war kein gutes Zeichen.

Die Glastür hatte einen Sprung. Mit ihrem Lieblingswein und zwei Gläsern bewaffnet ging er sie suchen.

 

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Quelle: Photo by Jennie Clavel on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 23/24.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ellen mit ihrem Blog »nellindreams«. Die Wörter lauten: Picknickdecke, verwegen, recherchieren.

 

Wer wissen möchte, woraus ich zitiere: Ich hab vor dem Fernseher gesessen und rumgehimmelt, als das lief 😉

Dschinghis Khan mit dem gleichnamigen Lied, ESC 1979. Ohne Worte, komplett 😉

 

Update: Fortsetzung hier: Das Kleid – Die Aussprache

 

Das Kleid – Sie | abc.etüden

Hast du etwas getan, was sonst keiner tut? Hast du hohe Schuhe oder gar einen Hut, oder hast du etwa ein zu kurzes Kleid getragen …«
Ja, in der Tat, das hatte sie vorgehabt. Eigentlich war nichts an ihrem Outfit besonders ungewöhnlich. Fand sie. Das Kleid war knallrot. Sie würde leuchten, und das war dem Anlass angemessen, schließlich war es eine Abendveranstaltung, die erste seit – ach, keine Ahnung. Jahren. Nein, fröhliches Schwarz war nicht vorgeschrieben, und so alt war sie noch nicht, sich freiwillig selbst zu kasteien.

Okay, Affekthandlung, okay, aber es hatte SO GUT getan, die Tür beim Rausstürzen hinter sich zuzuschlagen. Okay, es war eine Glastür. Gewesen. Sie waren versichert.

Sie hatte sich spontan in das Kleid verliebt und war sich beim Kauf verwegen vorgekommen. Endlich mal wieder der Seele etwas gönnen, das Leben feiern, draußen, ein schickes Charity-Dinner auf der Seeterrasse mit Lokalprominenz und Presse. Wenn er ihr vorgeworfen hätte, mit dem Kleid ein wenig overdressed zu sein, hätte sie das noch verstanden, aber sie hatte in der Klatschpresse recherchieren können, dass da durchaus mit noch Ausgefallenerem zu rechnen war.

»Schatz, meinst du nicht …« Nein! Herrgott, sie wog nun mal keine siebzig Kilo! Seit sie ihn kannte, hatte sie noch nie siebzig Kilo gewogen! Und er hatte häufig beteuert, jedes Pfund an ihr zu lieben, auch als es jetzt einige mehr geworden waren. War das also wirklich derselbe Mann, der vorhin etwas von »Fett…« gemurmelt hatte, als er ihrer ansichtig geworden war?

Sie hatte ihn nicht genau verstanden, aber das musste sie auch nicht. Warum saß sie jetzt seit Stunden im Garten in der Hollywoodschaukel und heulte, eingehüllt in ihre liebste Picknickdecke, obwohl sie so enttäuscht von ihm war, dass sie ihn am liebsten umgebracht hätte? Die Tränen liefen.
Wo war er?
Sie wusste nicht weiter.

 

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Quelle: Photo by Jennie Clavel on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 23/24.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ellen mit ihrem Blog »nellindreams«. Die Wörter lauten: Picknickdecke, verwegen, recherchieren.

 

Wer wissen möchte, woraus ich zitiere: Es sind (natürlich) DIE ÄRZTE mit ihrem Klassiker: Lasse redn

 

Ich hatte mir eigentlich etwas Heitereres gewünscht, aber plötzlich saß da diese unglückliche Frau weinend in ihrer Hollywoodschaukel im Garten … 😉

Update: Fortsetzung hier – Das Kleid – Er