Die Frau macht die Welle | abc.etüden

Sie öffnete die Tür und drehte sich noch einmal um. Er klebte mit versteinertem Gesicht hinter seinem Schreibtisch und betrachtete sie irritiert. Klar verstand er sie nicht. So ein Angebot, und sie machte hier die Welle!

Sie wurde deutlich. »Und du entblödest dich nicht, mir etwas von der Wiedergeburt unserer großen Liebe vorzuschwafeln? Wir wissen doch beide, was passiert ist: Deine Frau hat das mit uns herausgefunden und dich verlassen. Daraufhin hast du Panik bekommen und die Affäre mit der Labormaus, also mir, schleunigst beendet. Kann ich ja noch verstehen, dass man Prioritäten setzt, du hattest ja auch was zu verlieren. Nur dass sie nach einem halben Jahr immer noch prima ohne dich kann, damit hast du nicht gerechnet. Die eigene Frau schickt den großen Herrn Chef, der seine Firma nach Belieben antanzen lässt, in die Wüste.
Und was tust du? Du willst mich zurück, sagst du. Echt jetzt?
Weißt du, ich hab lange gegrübelt und dich schließlich durchschaut. Ich war immer nur schmückendes Beiwerk, eine Trophäe, ein Statussymbol für deine Mittfünfziger-Potenz, ein Pflaster auf deiner Midlife-Crisis, was weiß denn ich. Das brauche ich nicht noch mal. Mach doch, was du willst. Ohne mich. Dein Laborhexchen mischt lieber wieder Gift.«

Sie zog die Tür sanft zu und atmete tief durch. Das blümerante Gefühl, das ihr signalisierte, dass sie längst nicht so tough war, wie sie tat, würde auch wieder vergehen. Die Hauptdarstellerin verließ die Bühne. Sie fand sich eindeutig zu alt für den Scheiß, aber es war nicht anders gegangen. Hoffentlich erfuhr er zuletzt, dass sie bald woanders arbeiten würde.

Sie nickte den Vorzimmerdamen zu, die sich keinerlei Mühe gaben, ihre Neugier zu verbergen. »Der da ist kein Mann für alle Fälle, Mädels«, sagte sie. »Nicht mal für den Spaß. Spart euch das. Seid klüger als ich.«

Dann ging sie.

 

abc.etüden 2022 25+26 | 365tageasatzaday

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Für die abc.etüden, Wochen 25/26.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Donka mit ihrem Blog OnlyBatsCanHang. Sie lautet: Wiedergeburt, blümerant, antanzen.


Ebenso möchte ich mich hiermit aber ein zweites Mal an der »Schreibübung« in Myriades Impulswerkstatt beteiligen, die Idee mit dem Rahmen hat mich nicht losgelassen, nur leider hat in dem Kontext keines der Fotos so richtig zu mir gesprochen.

 

Die Frau regt sich auf | abc.etüden

Sie öffnete die Tür und drehte sich noch einmal zu ihm um.

»Und du wagst es, mir zu sagen, ich müsse mal meine Ansprüche abspecken? Ich? Wer wollte denn unbedingt in diesen Yachtclub eintreten, und das, wo keiner von uns jemals wirklich gesegelt ist? Ich hör dich noch: ›Ja, Schatz, lass uns mehr repräsentieren, wir können uns das jetzt leisten, wir haben so hart dafür gearbeitet!‹
Weißt du, was die Wahrheit ist? Die lachen über uns, weil wir nicht dazugehören und niemals dazugehören werden, egal, wie vielen Bossen du in deiner Firma in den Arsch kriechst, um auf der Karriereleiter noch höher zu klettern! Für die sind wir Fake! Wir passen nicht zu diesen feinen Pinkels, die ohne Tutorial auf Instagram oder YouTube in einer Küche kein Ei gebraten bekommen. Ja, ich war shoppen, als du mir gesagt hast, ich solle mir was gönnen, ja, und? Aber ich glaube, deine Poolparty mit den, äh, Damen, die du letztens geschmissen hast, hat viel eher dafür gesorgt, dass unser Haushaltskonto jetzt so, äh, besenrein aussieht. Also denk mal darüber nach, wer von uns beiden einen verzerrten Blick auf die Realität hat!«

Sie knallte die Tür so heftig zu, dass die Kristallgläser in der Anrichte leise schepperten. Dann ging sie.

 

abc.etüden 2022 23+24 | 365tageasatzaday

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Für die abc.etüden, Wochen 23/24.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Anja mit ihrem Blog Annuschkas Northern Star. Sie lautet: Yachtclub, besenrein, abspecken.

Ja, ich weiß, dass echte Kristallgläser klingen und nicht scheppern. 😉


Ebenso möchte ich mich hiermit aber an der „Schreibübung“ in Myriades Impulswerkstatt beteiligen, die mir schon seit Anfang Mai im Kopf herumspukt, Stichwort „Erzeugung einer Atmosphäre“, Modus: Drama.
Vielen Dank, es hat sehr viel Spaß gemacht und stand ganz plötzlich vor mir.

 

Grüner Ring, Vorüberlegungen | abc.etüden

Du frierst doch nicht etwa, frage ich einen gewissen Fellträger, der völlig flach auf der warmen Heizung liegt, den Hals wie eine Giraffe gereckt. Ich dachte, Pelz wärmt?

Ich sehe aus dem Fenster. Der Wetterbericht spricht für das Wochenende von Sonne und 20 °C, aber zurzeit haben wir nachts unter 10 und tags knapp bewölkte 15 °C, Tendenz allerdings steigend. Bei allem Optimismus, DAS ist noch nicht das Wetter, für das ich Sommerpläne gemacht habe. Pläne, die auf die Bezeichnung »Wandern auf dem Grünen Ring« hören. Besagter Grüner Ring (der äußere) ist eigentlich eine gut 100 Kilometer lange Fahrradroute (Freizeitroute 11), die in acht bis zehn Kilometern Entfernung das Hamburger Rathaus umrundet. Klarer Fall von Abenteuer in der Stadt.

Natürlich geht nichts über eine ordentliche Vorbereitung. Die offiziellen Tourenvorschläge listen acht Etappen, aber ich gehe davon aus, dass mir jeder zusätzliche Kilometer (die An- und Abfahrt) in die Beine geht, also peile ich 10-Kilometer-Etappen an, ändern kann man immer. Der Plan sieht so aus, dass wir (eine Freundin will mit, wenigstens probehalber) hier im Süden den Grünen Ring entern, dem Verlauf folgen und uns nach etwa 10 Kilometern in die Öffis Richtung heimwärts werfen. Beim nächsten Mal fahren wir dann mit den Öffis zu dem Punkt, wo wir die Route verlassen haben, laufen auf dem Ring wieder ca. 10 Kilometer usw. So weit die Theorie.

In der Praxis gibt es da noch ein paar zu klärende Punkte. Nachdem ich die Idee verworfen habe, mich nach Papierkarten zu orientieren (schlechter Maßstab!), habe ich entdeckt, dass man sich die Route ins Handy laden und damit dann nach Belieben hineinzoomen kann. Mehr nicht, aber das bedeutet, dass ich live sehen kann, wo wir und ob wir »auf der Spur« sind. Meine Orientierung taugt in der Regel, wenn ich auf eine Karte sehe. Und wir bewegen uns im Hamburger Stadtgebiet, die Wahrscheinlichkeit, Netzabdeckung zu haben, ist hoch. Falls nicht, ist die Route (mit Karte) als PDF dabei.
Aber wie gut ist diese Route? Ich kümmere mich gerade am Rechner um die Etappeneinteilung, und da gab es irritierende Meldungen. Klar, ich suche mir was, wenn notwendig, aber der Sinn ist ja, auf der Route zu bleiben, nicht stattdessen den kürzesten Weg von A nach B zu ermitteln und zu nehmen, und auch nicht, mehrere Kilometer Umweg laufen zu müssen.

Zumindest im Hamburger Süden sind die Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zeitlich löcherig. Ich habe mir beispielsweise eine Bushaltestelle als Etappenpunkt ausgesucht, die einmal alle Stunde angefahren wird, das könnte sich als unglücklich herausstellen. Und einmal darf ich Fähre fahren, ich freu mich total. Sowieso machen die Öffis Halbtagestouren zu Tagestouren.
Finanziell vernünftig ist mein Plan ohne Dauerkarte übrigens nur während der Monate des 9-Euro-Tickets, Hamburgs Nahverkehrspreise sind in Deutschland ganz weit vorn. Das Juni-Ticket habe ich bereits. Und die Tatsache, dass ich darauf einen irisierenden Streifen entdeckt habe, hat mir die Idee zu dieser Etüde beschert.

Pfingstsonntag geht es los, wenn das Wetter mitspielt. Der gewisse Fellträger möchte unterdessen doch lieber draußen schlafen. Ich werde berichten.

 

Extraetüden 22.22 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden (Extraetüden), Woche 22.2022: 5 Begriffe, maximal 500 Wörter. Die Wortspenden stammten dieses Mal von Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) und Puzzleblume (puzzle ❀) und lauteten: Giraffe, mondsüchtig, suchen, Wetterbericht, ordentlich, irisieren; und ich habe leichten Herzens auf »mondsüchtig« verzichtet.

Für die, die es genau wissen wollen, was ich total verstehen kann: Die Route, an der ich mich orientiere, ist die, die man bei hamburg.de (siehe Link unten) herunterladen kann. Ich habe inzwischen auf Radfahrer-Seiten im Netz gelesen, dass es mehrere Varianten geben soll, und angeblich ist die Route an einer Stelle hier im Süden gesperrt, wo es Vorbereitungen für den Bau der A 26 gibt, aber es gibt Helmkameravideos, die belegen, dass man da offenbar durchkommen kann, und es wäre eine autofreie Strecke – ich mag die Alternative nicht.

Ich würde gerne Karten zeigen, bin mir aber unsicher, gerade bei Karten, was davon NICHT dem Urheberrecht unterliegt. Also verweise ich euch bei Interesse auf die entsprechende Seiten bei hamburg.de (»Wandern auf dem Grünen Ring – Tourenvorschläge«), wo ihr euch schlauer machen könnt, und für Details auf die Beschreibung der (Fahrrad-)Strecke. Amüsiert habe ich mich, dass das Foto von den beiden Menschen, die da über diesen Holzsteg wandern, nicht vom Grünen Ring stammt – ich weiß das ganz genau, das ist bei mir am Teich, in der Nähe, aber nicht AUF dem Grünen Ring.

Diese Etüde ist die Konkretisierung von dieser hier.

Ich freu mich.


Mein ganzes Grüner-Ring-Gedöns als Kategorie zum Nachlesen: hier klicken!


 

Vatertag – alle Jahre wieder | abc.etüden

SPRACHNACHRICHT, MITTAGS

Hallo Schatz,

wie geht es dir, ist es sehr schlimm? Kopfwehtabletten hab ich dir im Bad hingelegt, und die Küche sieht auch wieder ordentlich aus, obwohl du viel Dreck reingeschleppt hast. Dass sich zu Vatertag keiner um den Wetterbericht gekümmert hat, war ja eigentlich klar, denn schließlich gibt es kein schlechtes Wetter, nur zu wenig Alkohol. Geschenkt.
Sag mal, bei wem seid ihr bei dem Sauwetter gestern eigentlich gelandet? Du solltest wissen, dass Moppels Frau vorhin angerufen und gedroht hat, dass sie, wenn du das Video von dem tanzenden Moppel mit der Unterhose auf dem Kopf wie angekündigt bei TikTok hochladen würdest, »rechtliche Schritte« gegen uns einleitet. Gefragt, wessen Unterhose ihr Herr Gemahl da auf dem Kopf hat, hat sie sicherheitshalber nicht. Warst du das, der mal gesagt hat, Moppel hätte eine »irisierende« Persönlichkeit, oder meintest du vielleicht sie?

Seit wann nehmt ihr überhaupt Mädels auf die Tour mit? Dir hat x-mal eine Melli gewhatsappt. Irgendwann bin ich ausgeflippt, weil mich das so genervt hat, und habe sie informiert, dass ich nicht glaube, dass du heute nüchtern genug werden würdest, um zu reagieren, und habe bei deinem Handy den Ton abgestellt. Weil Moppels Frau sich so aufgeführt hat, habe ich mir allerdings deine Filmchen angesehen. Ist diese Melli die Besitzerin der fraglichen Unterhose? Falls sie die wenig bekleidete Tussi ist, die an Moppels Ohr rumknabbert, kannst du alle beruhigen: Ich sage es Moppels Frau nicht.

Ich bin vermutlich erst gegen Abend zurück, deine Mutter besteht auf dem Wocheneinkauf. Mir wäre lieber gewesen, ich hätte warten können, bis du wach bist, aber wie du weißt, haben alte Leute ihren Rhythmus, sonst geht die Welt unter. Übrigens ist unser alter Käsehobel endgültig hin, ich glaube, ich will besser auch gar nicht wissen, wofür ihr ihn gebraucht habt.

Bis später, Ku-huss

 

abc.etüden 2022 20+21 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 20/21.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Puzzleblume mit ihrem Blog puzzle ❀. Sie lautet: Wetterbericht, ordentlich, irisieren.

Der eine oder die andere von euch werden sich an die Vorläufer dieser Etüde aus den Jahren 2017 (hier klicken) und 2020 (hier klicken) erinnern: Das ist völlig beabsichtigt. Ich fand es witzig, die vorgegebenen Begriffe in eine eigentlich schon bekannte Geschichte neu einzubauen und die Geschehnisse bisschen zu steigern. Vor fünf (5!) Jahren waren wir gerade in den Anfängen der Etüden, vor zwei Jahren im Corona-Schock …

Vor zwei Jahren habe ich festgestellt, dass einige Leser*innen die Tradition der Vatertagsausflüge (Vatertag (Wikipedia-Artikel) fällt in D immer auf Christi Himmelfahrt und ist daher Feiertag, viele Männer nehmen sich den Freitag frei) nicht kannten. Es sind in der Regel mehr oder weniger heftige (oft mehr) Saufgelage ohne weibliche Beteiligung (daher auch „Herrentag“ oder „Herrentagsausflüge“ genannt), daher ist meine Protagonistin auch relativ entspannt, obwohl ihr das Auftauchen von Melli nicht sonderlich passt. Ja, die sind lange Zeit verheiratet, sie weiß (denkt sie), wann sie die Welle machen muss.

Mir fehlt da komplett der Sinn für, auch für Junggesell*innenabschiede, die ähnlich schlimm alkoholhaltig sein sollen …

Einen schönen Feiertag/Vatertag wünsche ich euch! 😉

 

Die Liebliche | abc.etüden

Was machst du denn um diese Uhrzeit auf dem Balkon?

Und was machst du hier?

Ich habe bei dir das Licht gesehen und wollte wissen, ob du wieder mondsüchtig wirst.

Ob ich schlafwandele? Hmmmmm, auf dem Dachfirst zu gehen habe ich noch nie ausprobiert.

Untersteh dich! Bitte!

SCHWEIGEN.

Konntest du nicht schlafen? Bist du aufgeregt wegen morgen?

Ein bisschen. Eigentlich habe ich gedacht, ich suche mal die Giraffe am Himmel. Gegenüber vom Polarstern übrigens. Aber es ist fast Vollmond, und die Giraffensterne leuchten nur schwach.

Ich wusste gar nicht, dass es ein Sternbild gibt, das Giraffe heißt.

Das deutsche Wort stammt aus dem Arabischen und bedeutet »lieblich«. Hübsch, nicht? Das Sternbild dagegen hat einen lateinischen Namen: Camelopardalis.

Warum Latein?

Wissenschaftssprache. Ursprünglich ist aber Julius Caesar schuld, der hat die erste Giraffe von einem Ägypten-Feldzug nach Europa mitgebracht.

Also nicht nur Kleopatra.

Ob Kleopatra so lieblich war? Die Römer dachten, dieses Tier wäre eine Mischung aus Kamel und Leopard.

Wegen der Flecken?

Ja, vermutlich. Die sogenannte Medici-Giraffe kam erst viele Jahrhunderte später als Geschenk nach Florenz, Ende des 15. Jahrhunderts, man hat sie auf Bildern verewigt, alle wollten sie sehen. Leider soll sie ihre Ankunft nur wenige Monate überlebt haben, es heißt, sie sei mit dem Kopf in den Balken eines extra für sie gebauten Stalls hängen geblieben und habe sich den Hals gebrochen.

Das passiert uns morgen nicht.

So groß bin ich auch gar nicht. Und wer weiß, wie oft ich noch Ausflüge machen kann.

Oma!

Was denn? Ich bin seit drei Tagen 84, auch wenn der Kopf noch funktioniert, der Körper will nicht mehr wie ich. Ich bin froh, wenn ich es morgen überhaupt bis zu den Elefanten, den Giraffen, den Affen und den Löwen schaffe. Wie vor 80 Jahren. Na ja, der Lauf der Welt. Gute Nacht, Kind.

 

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 18/19.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Myriade mit ihrem Blog La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée. Sie lautet: Giraffe, mondsüchtig, suchen.

Seit ich beim Herumstöbern zum Thema Sternbild Giraffe über den lateinischen Namen (Camelopardalis, Wikipedia-Artikel, da steht auch, warum/wie die Giraffe in den Himmel kam – nicht, dass nicht eh alle Giraffen in den Himmel kommen) gestolpert bin und dabei die Medici-Giraffe (Wikipedia-Artikel) entdeckt habe, war ich fasziniert und habe ein bisschen herumgelesen. Da hat es Ende des 15. Jahrhunderts eine Giraffe als Prestigegeschenk an Lorenzo di Medici, den De-facto-Herrscher von Florenz, nach Europa geschafft, natürlich aus politischen Gründen. Bündnispolitik. Ein knallharter Deal war also, was heute irgendwie rührend anmutet. Okay, auch Friedrich II. wird der Erhalt einer Giraffe untergeschoben, ca. 230 Jahre früher. Wirklich belegt scheint aber zu sein, dass der einen Elefanten hatte, bei der Giraffe ist die Quellenlage schwieriger (ein Datum für den Erhalt zu nennen, das 11 Jahre nach dem Tod des Herrschers liegt, erhöht die Glaubwürdigkeit des sonst sehr interessanten Artikels (engl.) diesbezüglich nicht; gab es da noch eine parallele Zeitrechnung? Hm). Und natürlich musste das Tier eine so robuste Gesundheit haben, dass es die Strapaze der Reise überstand, was bei Giraffen nicht so leicht war – Giraffen sind nun mal nicht wirklich kompakt. Und spätestens ab dieser Überlegung ist die Sache eigentlich nicht mehr rührend, sondern Tierquälerei. Dennoch: Exotische Tiere sind und waren Prestigeobjekte, sei es für Zoos oder für Privatpersonen.

Ich möchte zum Thema Zoo oder nicht Zoo hier bitte kein Fass aufmachen, ich sehe da viele (einander widersprechende) Aspekte und ich tue mich mit der Gewichtung schwer. Meine alte Dame freut sich jedenfalls auf einen Ausflug, den man ihr zu ihrem Geburtstag geschenkt hat und der sie an ihre Kindheit erinnert.

Hier ist übrigens das/ein Bild mit der Medici-Giraffe (Wikimedia Commons), schaut mal rechts oben, man geht davon aus, dass der Maler die Giraffe selbst gesehen haben muss.

 

Blind Date | abc.etüden

Sie starrten beide auf die lange Reihe kleiner grünlich-gelb-weißer Würfelchen, die er akribisch auf der Serviette aufgereiht hatte.

»Du kannst es nicht wissen, weil wir uns noch nicht so lange kennen«, sagte er, und seine Stimme klang trügerisch sanft, »aber ich verabscheue dieses Zeug. Wenn du mir einen Gefallen tun willst, dann tu das bitte nie wieder in einen Kuchen, den ich essen soll.«

Sie dachte kurz darüber nach, ob da vielleicht ein »Sonst …« mitschwang. War da nicht überhaupt ein komischer Unterton?

»Es gehörte zum Rezept für Königskuchen«, stellte sie sachlich fest. »Sukkade, auch als Zitronat bekannt. Ein Rezept meiner Mutter aus einem alten Familienbackbuch. Eigentlich mag das doch jeder, nein?«

»Ich bin aber nicht jeder!« Seine Stimme schwoll leicht an. »Und wenn wir uns erst besser kennenlernen – und das wollen wir doch, nicht wahr? –, dann wirst du auch verstehen, wie wichtig es ist, individuelle Eigenheiten zu respektieren.«

Wollen wir das? Wieso lief es ihr gerade so merkwürdig kalt den Rücken herunter?

Hatte sie nicht überhaupt von Schmetterlingen im Bauch geträumt? Hier saß sie mit ihrem durchaus attraktiven Blind Date an einem belebten Bootsanleger in der Innenstadt, hatte drei- oder viermal mit ihm über das Online-Portal gechattet und ihm einen Kuchen gebacken, fühlte sich definitiv unwohl und war froh, dass er nichts Konkretes über sie wusste.
Was war denn mit ihr los?

»Tut mir leid. Dann lass uns halt den restlichen Kuchen an die Enten verfüttern«, schlug sie vor und begann sofort damit. Das war knapp, dachte sie und wunderte sich über sich selbst.

Später ging sie allein nach Hause. Abends löschte sie ihren Account bei dem Datingportal und beschloss, in den nächsten Jahren den Anleger sicherheitshalber zu meiden.
Es war die beste Entscheidung ihres Lebens, aber wie so vieles andere würde sie auch das nie erfahren.

 

abc.etüden 2022 16+17 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 16/17.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder, der nicht mehr bloggt. Sie lautet: Königskuchen, akribisch, träumen.

Komplett fiktiv, die Etüde, bis auf den Bootsanleger 😉, der ein bisschen dem Hamburger Jungfernstieg (sehr weit weg von mir) ähneln soll, und der Tatsache, dass ich eigentlich auch kein Fan von Zitronat bin, speziell nicht von diesem gekauften Zeugs, was für mich am ehesten in Weihnachtsplätzchen und Stollen gehört (wo ich es dann auch gern esse). Und oh, das Backbuch: »Backen macht Freude« von Dr. Oetker, 26. Auflage von 1963. Meine Mutter hat viel damit gemacht, ich greife meist auf ihre Rezeptsammlung zurück.

Aber hattet ihr schon mal das Gefühl, gerade so davongekommen zu sein, wisst aber eigentlich nicht, wieso? 😉

 

Der Plan | abc.etüden

Du kannst herumvibrieren, so lange du willst«, sagte sie mit einem bösen Blick auf ihr Handy, »heute nicht! HEUTE NICHT! Der Tag gehört mir!«
Sie hatte erwogen, das Ding gar nicht erst mitzunehmen, aber man wusste ja nie, ob man es nicht doch brauchen konnte, Netz vorausgesetzt. Wofür konnte man Handys schließlich auf stumm schalten.

Sie schlüpfte in die Wanderschuhe, griff nach dem kleinen Rucksack, der außer der Kamera, Wasser, Essen, Regenjacke, Pflaster und Kartenmaterial nicht viel enthielt, und sah erneut auf die Uhr. Wenn sie den Bus erreichen wollte, musste sie los.
Der Fellträger schnurrte, und sie strich ihm sanft über den Kopf. »Bis heute Abend, Kleiner«, verabschiedete sie sich. »Pass gut auf alles auf.«

Ihre erste größere Tour zu Fuß. Sie hatte sich für den Rundkurs um die Stadt entschieden – ca. 100 Kilometer, aufgeteilt in 8 Etappen, angeblich leider lückenhaft beschildert, was bedeutete, dass sie sich bestimmt verlaufen würde. Das Gute: Sie würde sich immer, einigermaßen zumindest, in der Nähe von öffentlichen Verkehrsmitteln befinden. Und wenn ernsthaft irgendwas sein sollte, dann konnte sie sogar mitten in der Etappe abbrechen, sich nach Hause durchschlagen und irgendwann weiterlaufen. Hetzte sie wer? Höchstens das Wetter. Höchstens ihr Ehrgeiz.

So oder so, es würde Erzählstoff ohne Ende geben. Und Fotos. Sie lächelte der Sonne entgegen, als sie das Haus verließ.

 

abc.etüden 2022 14+15 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 14/15.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Katha mit ihrem Blog Katha kritzelt. Sie lautet: Erzählstoff, sanft, vibrieren.

Die Etüde umreißt genau das, was hier steht: einen Plan. Für irgendwann, wenn es wärmer ist, vielleicht im Sommer, wenn es bei uns ja diese sagenhaften Billigtickets für die Öffis geben soll, vielleicht schon früher, ich weiß es noch nicht.

Gemeint ist der (zweite) Hamburger „Grüne Ring“. Wer mehr Infos braucht, findet die offiziellen auf hamburg.de, und hier die Beschreibung von Florian Renz, der den Ring mit dem Fahrrad abgefahren ist. Vermutlich gibt es noch viel mehr, ich habe zum Beispiel die entsprechenden Apps (die ich nicht habe) noch nicht gecheckt.

 

Was man so alles überlebt | abc.etüden

Melancholie. Schwarzgalligkeit. Depression. Der schwarze Hund. Die graue Dame. Namen gab es viele, und sie fragte sich, ob einer davon wirklich zu ihr passte, und ob es letzten Endes wichtig war. War sie jemals besinnungslos fröhlich gewesen, so als Dauerzustand lachend durch Tag und Nacht getaumelt, wie ihr manche Leute erschienen, die sie kannte und die sie gelegentlich ein bisschen beneidete? Nein. Doch. Na gut, nicht lange, nie.
Nicht, dass sie es ihnen jemals gesagt hätte, denn die gleichen Menschen konnten nervtötend oberflächlich sein und zusätzlich völlig ohne Impulskontrolle. Erst denken, dann sprechen, war denn das so schwer, dass es als spirituelle Errungenschaft verkauft werden musste?

Sie seufzte. Frühling, die ersten warmen Tage, das Herz zitternd entfalten, der erste Espresso draußen in der Sonne am See in Sichtweite der ergrünenden Birken. Sie mit einem Buch Gedichte. Fast zu Klischee, um wahr zu sein.

Hingegen, wenn uns, na, sagen wir es blumig,
Das sogenannte Rad des Lebens –
»Zermalmt« ist da wohl das richtige Wort –
So geschieht das keineswegs sofort.
Das Unglück läppert sich. Mit oder ohne Schuld.

Sie stockte und sah wieder auf. Wenn sie das selbst an ihrem Leben überprüfte, war es wahr? Wie war das bei den Freunden? Sie sah viel zu tief, diese Dichterin, und ihr schweres Schicksal hatte sie schon als Jugendliche berührt. Sprach sie nur von sich? Sicher nicht.

Denn der Tod tut nicht weh.
Nur das Sterben.

Gab es das nicht, dass man den scheinbar vorgezeichneten Weg verlassen konnte? Die Seele entgiften, bis sie frei war wie ein Vogel, nicht nur in irgendwelchen Flucht- und Aufbruchsträumen, sondern in der Realität – und es blieb? Angstgebirge türmten sich sofort vor ihrem inneren Auge auf. Leicht war es keinesfalls. Schritte ins Unbekannte erforderten Mut. Sie? Wirklich?

Ihre innere Kriegerin umarmte sie. Du kannst mehr, als du glaubst.

 

abc.etüden 2022 12+13 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 12/13.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Maren mit ihrem Blog Ich lache mich gesund. Sie lautet: Birke, blumig, entgiften.

Für Paula, die diese Welt letzten Sommer verlassen hat, deren Stimme ich immer im Ohr habe, wenn ich ein Buch von Mascha Kaléko aufschlage, und die mich zu dieser Etüde inspirierte. Obiges Zitat stammt aus »Was man so alles überlebt« und wurde »In meinen Träumen läutet es Sturm« entnommen (meine Auflage ist von 2007, dtv).

Ich dachte ja, ich würde auch bei dieser Runde wieder passen müssen, aber voilà, hier bin ich. Nein, keine völlig unautobiografische Etüde.

 

Trend: Aufatmen | abc.etüden

Die Haut ist dünn dieser Tage, das dürfte bei euch so sein, das ist bei mir so. Von mir wisst ihr seit meiner letzten Etüde zumindest eins, was mir Kummer macht, und da so viele sich mit guten Wünschen eingeklinkt haben, möchte ich die Infos updaten.

Es geht besser. Besagte Freundin hat die Intensivstation verlassen und liegt auf der Normalstation. Sie kann wieder zusammenhängend sprechen und nicht nur einzelne Wörter hauchen: Luft holen – das nächste Wort – Luft holen – das nächste Wort usw. Wir konnten am Donnerstag insgesamt dreißig Minuten telefonieren, und verglichen mit dem, was ich seit letztem Wochenende erlebt habe, hat sie gequasselt wie ein Wasserfall. Feurig ist zwar definitiv das falsche Wort, aber ihr Temperament kam durch: Sie klang wieder wie sie selbst, und das, obwohl ihr klar ist, dass der Sensenmann hereingeschaut hat und alle Ärzte ihr das mehr oder weniger verblümt bestätigt haben.

Da sind noch Baustellen, es ist keineswegs so, dass ihre Schutzengel bereits die Überstunden abbummeln gehen dürften. Ich kann das, was sie mir erzählt, nicht gut einordnen, was Gefährlichkeit und Komplexität angeht, und auch ihr fehlen Infos. Schweben im siebten Himmel ist also nicht angebracht, es ist noch nicht »alles gut«, leider.

Aber verglichen mit letztem Wochenende grenzt dennoch alles an ein Wunder, weil DAS so nicht vorhersehbar war. Ich bin unglaublich dankbar.

Freitagabend: Die Lunge musste zum zweiten Mal in zwei Tagen punktiert werden. Sie hat Schmerzen, ist müde und klingt deutlich schlechter, ihre Stimmung allerdings ist ungebrochen optimistisch: Christiane, wir fahren von Hamburg mit dem Katamaran nach Helgoland. Ich habe noch viel vor. – Liebste Freundin, zähl auf mich.

(Oh. Die Frau mit dem kaputten Fuß hat Zinkleimverbände entdeckt, kühlt, legt hoch, humpelt fluchend durch die Gegend und fährt schon wieder Auto – Automatik, der linke Fuß ist betroffen, Glück im Unglück.)

(Scheißkrieg.)

 

abc.etüden 2022 08+09 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 08/09.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Gerda Kazakou mit ihrem gleichnamigen Blog Gerda Kazakou. Sie lautet: Haut, feurig, schweben.

Wer sich fragt, wie man denn mit dem Katamaran von Hamburg nach Helgoland kommt: Hiermit.

 

Und weil ich mir mit Werners letzter Etüde einen Ohrwurm eingefangen habe, möchte ich ihn an euch weitergeben: Wolfgang Niedecken (ja, der von BAP) und AnnenMayKantereit: Forever young. Ich mag die Jungs total gern, und mit BAP verbindet mich seit den 80ern eine Musikliebe.


 

Krone richten, weiterlächeln? | abc.etüden

Triggerwarnung: Angst, Sorge

Was, zum Teufel, ist zurzeit eigentlich los? Okay, mich bedrückt die politische Situation, innen- wie außenpolitisch, und euch wird es vermutlich ähnlich ergehen, egal, wie ihr die Lage einschätzt. Ich äußere mich normalerweise nicht konkret, dies hier wird keine Ausnahme: Ich bin nicht davon zu überzeugen, dass Gebrüll etwas bringt, ich reagiere inzwischen mit Flucht auf emotionale Anklagen und ich verabscheue fruchtlose Diskussionen, wo jede*r bestenfalls seinen Standpunkt darlegt und so tut, als sei es der einzig sinnvolle.

Denn auch meine persönliche Kuhhaut läuft über. Bei einer meiner allerliebsten Freundinnen sind vorgestern bei/nach einer Routine-OP Komplikationen aufgetreten, es musste nachoperiert werden und plötzlich liegt sie bis auf Weiteres auf der Intensivstation. Upgedatete Info (Samstagabend): Sie schwebt zwischen Leben und Tod. Keine Übertreibung.
Abends ist dann eine aus meinem engsten Bekanntenkreis böse gestürzt und hat die halbe Nacht beim Röntgen wegen Verdacht auf Knochenbruch im Fuß verbracht. Ist keiner, zum Glück, aber verstaucht, gezerrt, fett geschwollen und schmerzhaft.

Ich drehe schier durch vor Sorge. Kennt ihr dieses Gefühl, dass die Einschläge überall näher kommen? So geht es mir jedenfalls, außerdem beinhalten meine höchsteigenen anstrengenden Baustellen zusätzlich noch heftigen Arbeitsstress (inklusive Zeitproblemen), und ich komme relativ schlecht damit klar, wenn/dass Leute aus meinem privaten Umfeld plötzlich drohen wegzubrechen oder kommentarlos wegbleiben, sei es durch Tod oder weil sie beispielsweise selbst zu viel (mit sich) zu tun haben. Es triggert Ängste/Traumata; und geht mir weg mit »Lernaufgaben«-Blabla.
Auf meiner Stimmungsskala stehe ich schon viel zu lange durchschnittlich bei 3 von 10. Ich halte aus, mehr nicht.

Wie gern würde ich mir feurige Liebhaber (ha!) und siebte Himmel ersinnen, aber mir ist die nötige kreative Leichtigkeit/Heiterkeit irgendwann abhandengekommen, und Ausgeglichenheit sowie Zuversicht sind auch ziemlich aus. Wo/wenn/falls ich also momentan bei euch bisschen »komisch« rüberkomme, seht es mir nach, bitte. Ich bin gefühlt am Anschlag.

 

abc.etüden 2022 08+09 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 08/09.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Gerda Kazakou mit ihrem gleichnamigen Blog Gerda Kazakou. Sie lautet: Haut, feurig, schweben.

Dieser Text stammt im Wesentlichen von Freitagnacht. Bei Tag ist das zwar alles immer noch wahr, aber ich sollte gerechterweise hinzufügen: Die Schwäne schwimmen auf dem übervollen Teich, der Fellträger blinzelt träge in die Sonne oder schnarcht auf der Couch, die Vögel singen, die Amseln baden in der Vogeltränke und nicht nur die Krokusse blühen wie doof. Ich bemerke das alles. Ich genieße es auch. Ich gehe nach draußen und atme tief durch. Es tut mir auch gut. Trotzdem.

 

Darf man das | abc.etüden

Diese Etüde ist (hoffentlich) auch für die verständlich, die den vorausgehenden Teil (noch) nicht gelesen haben. Wesentlich schöner ist sie jedoch, wenn ihr besagten Vorgänger kennt, der entstanden ist, als es noch keine Etüden gab und zu meinen erklärten Lieblingsgeschichten gehört. Er heißt: Klappspatens Verwandlung (hier klicken).


Was sitzt du denn schon wieder da? Denkst du schon wieder an den Menschen, den du verwandelt hast? Komm mit nach Hause!

Ich komme nicht darüber hinweg, wie verloren der sich gefühlt haben muss, mich um so was zu bitten. Ein Uhu! Du weißt, ich grübele seitdem, ob ich das Richtige getan habe. Er war ein guter Mensch.

Sagt ein Zwerg.

Nicht jeder hätte unsereinem einfach so geholfen, das weißt du selbst genauso gut wie ich, Frau! Nicht umsonst warnt man uns davor, dass wir in irgendwelche Labore gesperrt oder im besten Fall kreuz und quer durch irgendwelche Fernsehshows geschleppt würden, wenn die Menschen uns erwischen. Es HAT Beispiele gegeben.

Die keiner geglaubt hat, weil alle dachten, das wären Fakes.

Trotzdem. Unsere Regeln verbieten uns, uns den Menschen zu nähern, es sei denn bei Gefahr für Leib und Leben. Und wenn man sich deren sogenannte soziale Medien so ansieht, dann ist das auch sehr gerechtfertigt.

Und deswegen habe ich dich wieder mal hier unter diesem Baum gefunden, wo du worauf genau wartest? Noch dazu nachts?

Dies ist der Baum, wo er mich getroffen hat. Ich dachte, er kommt vielleicht hierher zurück, wenn irgendwas ist. Und sonst vielleicht auch.

Du bist sentimentaler als die Menschen, die du so verachtest.

Ich frage mich, was das ist, Glück. Oder was er darunter versteht, wenn es stimmt, dass es für jeden etwas anderes ist. Und ob er es erreicht hat. Ich wüsste es gern.


Die Äste der Zaubernuss, unter der die beiden Zwerge sich aufhalten, sind nicht besonders geeignet, einem großen Vogel Sichtschutz zu geben. Der Uhu sitzt gegenüber in einer Baumgruppe in einer alten Eiche und bekommt dank seines hervorragenden Gehörs jedes einzelne gewisperte Wort mit.

Möglicherweise lächelt er ein wenig. Dann breitet er seine Flügel aus und fliegt geräuschlos davon.

 

abc.etüden 2022 06+07 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 06/07.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Kain Schreiber mit seinem Blog Gedankenflut. Sie lautet: Zwerg, quer, fühlen.

 

Der Trick | abc.etüden

Hab ich dir schon mal gesagt, dass du ziemlich merkwürdig bist?«

»Merkwürdig oder bemerkenswert?« Sie kam zu ihm ins Wohnzimmer. »Gib acht, was du sagst, und keine unverzeihlichen Flüche bitte, darauf steht Askaban, du weißt! Was meinst du überhaupt … oh!« Sie brach ab. »Ihr habt zu Hause nicht gepuzzelt, was?«

»Nie.« Ihr Freund starrte auf die sieben Holzteile auf dem Tisch. Zwei große, ein mittleres und zwei kleine Dreiecke, ein Quadrat und ein Parallelogramm. »Und was ist das jetzt? Eigentlich sind wir für Holzspielzeug doch zu alt?«

»Tangram. Ich liebe es.«

Sein zärtlicher Blick streifte sie. »Und das ist?«

»Chinesisches Legespiel, jahrhundertealt, ›Siebenschlau‹ genannt. Man muss vorgegebene Figuren nachlegen, wobei alle sieben Teile verwendet werden müssen und keine Teile übereinander liegen dürfen. Stärkt das räumliche Vorstellungsvermögen, heißt es. Angeblich sind Männer darin besser als Frauen.«

Er biss an. SO typisch!

»Was für Figuren?«

»Menschen, Tiere, Gegenstände, geometrische Figuren. Dazu gibt es Spielbücher, such ich dir raus. Fang doch damit an, ein Quadrat zu legen. Oder ein Rechteck.«

Während sie sich um den Kaffeenachschub kümmerte, sah sie ihm amüsiert zu, wie er stirnrunzelnd, aber unverdrossen die Teile hin und her schob und aneinanderfügte. Für einen Anfänger war er gar nicht schlecht.

»Das Parallelogramm musst du kippen«, verriet sie ihm noch, »das ist das einzige Teil, wo sich dadurch signifikant was ändert.«

»Geht klar«, antwortete er geistesabwesend. Er vertiefte sich in das Spiel, und sie konnte seine Gehirnwindungen förmlich knistern hören. Längst hatte sie ihn auf die ersten Spielvorlagen für Tiere angesetzt, die meisten fand sie deutlich leichter zu durchdringen als die kompakten geometrischen Figuren.

»Eigentlich ganz einfach«, stellte er irgendwann fest und sah auf. »Der Trick dabei ist, dass man die Teile in die Figuren hineinprojizieren und das dann nachlegen muss. Und jetzt? Hast du rein zufällig ein zweites Set, damit wir gegeneinander auf Zeit spielen können?«

Hatte sie, aber sie schmollte. »Geschwindigkeit ist das, worin ich nicht gut bin.«

»Meine Chance«, nickte er, »gönn mir doch auch was.«

Hatte sie da etwa einen Hoffnungsschimmer in seinen Augen gesehen? Okay, bitte, wenn er wollte, sie war ja großzügig. »Um was spielen wir?«

»Drei Runden? Der Verlierer kocht UND wäscht ab?«

»Deal.«

Sie gewann. Natürlich. Eigentlich war es unfair, denn sie war nun mal sehr viel erfahrener. Sie gewann so deutlich, dass sie sich fast schämte – und dann misstrauisch wurde. War das eine Falle? Führte der was im Schilde?

Misstrauisch beobachtete sie ihn, als er zum Handy griff. »Ich nehme mal an, für dich eine Pizza Diavolo extrascharf und eine doppelte Portion Wackelpudding grün?«, grinste er. »Bist du mir sehr böse, wenn ich dir gestehe, dass ich überhaupt keine Lust auf den Erbseneintopf von vorgestern habe, den du uns sonst aufgetischt hättest?«

Sie griff sich ein Kissen und zog es ihm über den Kopf. Lachend ließ sie sich neben ihn auf die Couch fallen. »Ich hätte von Anfang an wissen müssen, dass ich dir nicht trauen kann!«
Er legte den Arm um sie. Einträchtig warteten sie auf das Eintreffen des Lieferdienstes.

 

Extraetüden 05.22 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden (Extraetüden), Woche 05.2022: 5 Begriffe, maximal 500 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ludwig Zeidler und Tanja (Stachelbeermond). Die möglichen Wörter lauten: Hoffnungsschimmer, unverzeihlich, nähen, Wackelpudding, unverdrossen, knistern, und ich habe mir die Freiheit genommen, »nähen« nicht unterzubringen.


Ihr habt es gerade gelesen: Ich habe zurzeit null Lust auf Tiefgang oder Stress, heile Welt, bitte bei mir klingeln!

Da das nicht so einfach ist, habe ich mehr oder weniger zufällig eine alte Liebe reaktiviert: Tangram. Ihr habt Glück, ihr kommt um die lange Erklärung herum, bis auf den Verweis auf die Wikipedia (deutsch) (englisch, ist besser) und den Hinweis, dass die Tangram-Teile mathematischen Vorgaben folgen, was die Abmessungen angeht, und dass sich daraus interessante Probleme ergeben. Schaut mal hier auf diese (sehr alte) Seite der Uni Bielefeld, wenn euch derartige Fragen interessieren, und bitte: Verstehen tue ich davon nichts, Rückfragen diesbezüglich also nicht an mich!

 

Ausschnitt Tangram-Spielbuch | 365tageasatzaday

Quelle: Joost Elffers: Tangram – Das alte chinesische Formenspiel, dumont 1976, Ausschnitt S. 24/25

 

Ich habe über die Jahre immer wieder Ausschau nach einer gescheiten Tangram-App für Smartphones gehalten, vor gut 2 Wochen habe ich eine gefunden (nur für Android) und spiele mich mit Feuereifer durch die Vorlagen. Tatsächlich bekomme ich aber im »Experten«-Modus Schwierigkeiten, weil mir das nachzulegende Bild zu klein ist, also ziehe ich es groß und lege es erst mal händisch mit meinen »Bordmitteln«, um es dann im Smartphone nachzubilden. Das sieht dann aus wie folgt:

 

Screenshot Tangram-App | 365tageasatzaday

Quelle: Screenshot Tangram-App

 

Mein geliebtestes Tangram ist das ziemlich unverwüstliche aus Ahornholz, das ihr hier seht, und das ich meiner Erinnerung nach gekauft habe, als ich entweder noch zu Hause oder an der Uni war … es ist also schon bisschen her. Klar habe ich noch mehr, aber die sind alle aus Kunststoff, und wenn sich mit denen auch gut spielen lässt – Holz ist Holz.

 

Tangram-Rechteck aus Ahornholz | 365tageasatzaday

Quelle: ichmeinerselbst, wer denn sonst