This Christmas | abc.etüden

Im Radio läuft Weihnachtsmusik. NUR Weihnachtsmusik. Spartensender, klar, aber einen ganzen Monat vor/inklusive Weihnachten nur Rock-Pop-Weihnachtsmusik, das ist schon Hardcore.

Der große schwedische Energieversorger Hamburgs erhöht erst zum neuen Jahr seine Preise.

Die Weihnachtsmärkte sind »ohne Einschränkungen« offen, die »schönste Zeit im Jahr« ist eingeläutet.

Die Tafeln sind teilweise so überlaufen, dass sie schließen müssen.

Wer genießt eigentlich dieses Jahr noch sorglos oder zumindest nicht halbherzig den Rummel und belohnt sich mit einem Kaufrausch, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben?

Die Tierheime bitten noch dringender um Spenden als sonst, weil sie ihre Kosten anders nicht mehr wuppen können. Hinzu kommen die Tiere, die abgegeben werden, weil deren Halter sie sich nicht mehr leisten können.

Über den Hamburger Weihnachtsmarkt (auf dem Rathausmarkt) schwebt endlich wieder dreimal täglich der Weihnachtsmann im Schlitten auf dem Drahtseil! Seit Corona zum ersten Mal. Weihnachtsmarkt ohne Weihnachtsmann? Undenkbar! Dichtestes Gedränge ist vorprogrammiert.

Maske tragen auf dem Weihnachtsmarkt? Die Corona-Zahlen steigen überall, aber wen interessiert das noch, Corona hatten doch schon alle. Corona ist kein Thema mehr, du Spaßbremse!

Der fliegende Hamburger Weihnachtsmann ist aus Fleisch und Blut. Seit über 20 Jahren ist es die Rolle von Rambo Bügler, einem Mitglied einer berühmten Familie von Hochseilartisten. Und weihnachtsverrückt.

In den großen Einkaufszentren wird regelmäßig für die notleidenden Tafeln gesammelt. Sachspenden und Geld.

Die Weihnachtsbeleuchtung in der Innenstadt wird erstmals auf »Kernzeiten« reduziert: 13 bis 23 Uhr. Das gilt auch für die sogenannte Alstertanne, die bis zum Dreikönigstag auf der Binnenalster erstrahlt und von dort aus besonders besinnlich-weihnachtliches Feeling verbreiten soll.

Ja, auch ich werde in den nächsten Wochen über die Weihnachts- und Kunsthandwerkermärkte bummeln, irgendwann, und dem Geist des Konsums Glühwein und Schmalzkuchen opfern.
Ich hoffe auf etwas, das mein Herz berührt und an dessen Authentizität ich glauben kann.

Ich hasse »Last Christmas«. Mir ist so kalt.


abc.etüden 2022 46+47 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

Für die abc.etüden, Wochen 46/47.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7. Sie lautet: Rolle, halbherzig, belohnen.

Wer etwas über den fliegenden Hamburger Weihnachtsmann lesen möchte: Hier klicken.

Wer sich fragt, was zum Teufel Schmalzkuchen sind: Hier klicken (Link zu YouTube).

 

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Nachts kommt die Angst | abc.etüden

In den Hügeln der Nacht lauert die Angst.
Die Frau erwacht und ist gedankenschnell von einer Woge Angst überschwemmt, einmal, mehrmals, ihr Herz rast, Schweiß bricht aus, sie fühlt sich wie gelähmt, aber hellwach, und sitzt schließlich im Bett.

Nicht schon wieder, fleht sie innerlich und tut, was sie sich mühsam antrainiert hat: die Erstarrung bekämpfen, das Bett verlassen, Bewegung hilft, eine Runde durchs schlummernde Haus, Toilette, Küche, ein Glas Wasser trinken.

Wird es draußen schon hell? Nein. Sie schaut zur Uhr. Noch nicht mal vier.

Was ist eigentlich los, fragt sie und lauscht nach innen, um die bedrohliche Welle mit Bezeichnungen zu belegen. Benannt – bekannt – gebannt. Schwarz, so eine hübsche Farbe. Wenn es zu konkret wird, kann sie die Nacht vergessen, aber sie erlaubt der Unruhe nicht, sie länger aus dem Bett zu vertreiben, denn dann, glaubt sie, ist ihr Schlaf-Wach-Rhythmus ziemlich schnell komplett im Eimer.

Nachts sind Ängste immer dunkler, predigt sie sich. Gibt es etwas, was sie jetzt im Moment tun muss? Nein.

Sie atmet tief durch.

Ihr Körper meldet, dass er es kalt findet – normal –, und sie schlüpft erleichtert wieder ins Bett und kuschelt sich in die Decke. Dankbar für die Ablenkung schaltet sie den Fernseher ein. Wenn die Programmgötter großzügig sind, wird sie irgendeine halbwegs interessante Doku finden und darüber hoffentlich noch einmal einschlafen, während die Angst sich im Schildkrötenschritt zurückzieht und irgendwann für diese Nacht unsichtbar wird.


abc.etüden 2022 44+45 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

Für die abc.etüden, Wochen 44/45.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Natalie mit ihrem Blog Fundevogelnest. Sie lautet: Schildkröte, großzügig, flehen.

Und zu meiner großen Überraschung erwies es sich, dass einer der sogenannten Rahmen aus Myriades aktueller Impulswerkstatt auch passt, und zwar am Anfang … 😉

Miniatur aus unterschiedlichen Aspekten, ein Versuch.


Königin der Nacht | abc.etüden

Und, was hast du aktuell so auf dem Zettel? Was machst du abends so? Ist ja alles nicht so einfach, wenn man allein lebt, jetzt in diesen Zeiten, oder?«

Tja, meine Liebe, wenig. Danke, dass du nicht gefragt hast, wie ich meine Abende gestalte, das ist eins meiner absoluten Hasswörter. Ich inszeniere mein Leben nämlich nicht, schon gar nicht öffentlich. Ich arbeite tagsüber. Ich überlebe abends. Irgendwie. Gern gemütlich. Mit einem Buch, vor dem Computer, vor dem Fernseher, auch mit einem Glas Wein, wenn es keine bessere Gesellschaft gibt. Nein, das ist kein versteckter Hinweis auf ein Alkoholproblem, das könntest du wissen, wenn ich dich tatsächlich interessieren würde.
Ich habe nichts gegen dich, aber ich habe nicht mal Lust auf den Austausch von Belanglosigkeiten, und deine ach so bunte, fröhliche Patchworkfamilien-Fassade glaub ich dir eh nicht, ich bin nicht blind.

Ich entschließe mich, höflich auszuweichen.

»Ach, weißt du, ich habe eine alte Liebe wiederentdeckt. Ich gehe abends öfter mal rüber in die Nachtkönigin zum Billard. Und mit Petermann hinter der Theke kann man immer noch prima klönen.«

»Das ist bestimmt schön für dich. Ich muss jetzt nach Hause, ich bin heute mit dem Abendessen für die Familie dran.«

»Dann dir einen angenehmen Abend!«

Sie nickt mir zu und geht. Treffer, versenkt. Wusste ich es doch. Ich habe seit Jahren keinen Fuß mehr in diese Kneipe gesetzt, es stinkt dort bestimmt immer noch fürchterlich nach Rauch und nach Erinnerungen an unsere gemeinsame Jugendzeit. Billard war übrigens nie mein Ding.

Ob sie versteht, wie das ist, nie wirklich intensiv mit Kindern zu tun gehabt zu haben? Dass man es irgendwann gar nicht mehr will und schon bei dem Gedanken fremdelt, weil es einen überfordert? Vermutlich nicht. Vermutlich tue ich ihr leid. Vermutlich bin ich für sie irgendwie komisch.

Bin ich. Bin ich?


abc.etüden 2022 42+43 | 365tageasatzaday

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Für die abc.etüden, Wochen 42/43.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken. Sie lautet: Billard, aktuell, gestalten.

Das ist eine reichlich fiktive Etüde, die sich aus Menschen, Beobachtungen und Sätzen zusammengefügt hat, die mir in der letzten Zeit so über den Weg gelaufen sind, und der Erkenntnis, dass manche Gräben verdammt tief sind, selbst wenn sie keine*r aufreißen wollte.

 

Der Genussmensch

Ins Gesicht nannten sie ihn »behäbig«, was ein Euphemismus war, wie er sehr wohl wusste, hinter seinem Rücken tuschelten sie »Mein Gott, wie kann man nur so fett sein«. Es störte ihn nicht weiter, er bezeichnete exzessives Essen, oder besser, exzessiven Genuss, als seinen eigentlichen Lebensinhalt. Seinen Kardiologen, der ihn eindringlich gewarnt hatte, dass seine Tage gezählt seien, wenn er weiterhin einen derartigen Lebenswandel pflege, hätte er gern gewechselt, aber das hatte sich als zu schwierig erwiesen.

Sowieso hatte er in den letzten Jahren eher selten das Haus verlassen, meist für Reisen oder für Restaurantbesuche, alles andere konnte man liefern lassen. Schlemmerreisen waren sein Ding. Er wollte Neues kennenlernen und sein Geld genießerisch verprassen, und er war überzeugt, dass die (gesellschafts-)politische Situation in den nächsten Jahren das immer unmöglicher machen würde. Nach einer Bemerkung von Bekannten (keine Freunde, nicht mehr, wer seinen Lebensstil ablehnte, war kein Freund) hatte er sich heute im Internet nach einem verlängerten Wochenende auf See umgesehen. Bisher gefiel ihm die Schiffsreise nach Oslo am besten, Fünfsterneunterkunft und ebensolche Verpflegung an Bord, Fünfsternehotel in Oslo, exklusive Restaurants und Schlemmerbuffets, wohin man nur sah. Einschiffung ab Kiel, er würde so wenigstens Kattegat und Skagerrak durchqueren, leider hauptsächlich nachts. Er schwankte noch, ob er sich nicht doch eine längere Seepassage gönnen sollte, hatte aber kurzfristig nichts gefunden, was seinen Vorstellungen entsprach. Nun, wenn es ihm gefiel, konnte er ja jederzeit wiederkommen.

Gähnend stemmte er sich hoch – die Knie! – und mühte sich von seinem Computer zum Sofa, um sich dort einen letzten Schlummertrunk zu gönnen. Dabei stolperte er über eine Tablettenschachtel, die ihm wohl heruntergefallen sein musste. Er fasste verzweifelt nach der Tischkante, begriff wie in Zeitlupe, dass der Boden immer näher kam. Ein kurzer, heller Schmerz, als sein Kopf ungebremst auf den Perserteppich krachte. Danach war alles dunkel.


abc.etüden 2022 40+41 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

Für die abc.etüden, Wochen 40/41.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Werner Kastens mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Sie lautet: Zeitlupe, behäbig, verprassen.

Liebe geografisch, wasser- und seefahrtbegeisterte Lesende, ich hätte gerne eure Antwort auf folgende Klugscheißerfrage: Heißt es DER Skagerrak oder DAS Skagerrak? Der Duden erlaubt beides, Wikipedia ist für DAS (»auch ›der‹«), Wiktionary für DER. Bevor ich angefangen habe, mir darüber Gedanken zu machen, war ich für DAS, inzwischen zweifle ich und frage mich, ob ich überhaupt jemals etwas anderes als »im/am Skagerrak« gelesen habe. Könnt ihr einen Artikel bestätigen oder entkräften? (DIE Skagerrak bezeichnet Schiffe, um das gleich auszuschließen.) Vielen Dank! 😉

 

Übermut | abc.etüden

Okay, okay, hör auf, mich anzumeckern! Ich wars, ich gebs ja zu! Aber bitte, es ist doch nichts passiert! Ja, ich war vielleicht ein bisschen übermütig. Ja, ich hätte die dicke Katze von nebenan vielleicht nicht verfolgen dürfen. Ja, es war vielleicht nicht so günstig, dass wir in dem Wäschekorb von deiner Nachbarin gelandet sind, nachdem ich sie endlich eingeholt hatte.

Ja, das hab ich nicht gewollt, dass sie die Wäsche jetzt noch mal waschen muss, weil wir – was? Hör mal, die lässt einen Korb mit frischer Bettwäsche draußen rumstehen und wundert sich, dass noch andere das toll finden? Ich bin der Katze hinterher, weil sie mir den Augenaufschlag des Jahrhunderts zugeworfen hat! Ja, erinner mich jetzt nicht daran, ja? Ich bin auch sensibel, schönen Dank. MAN WIRD SICH DOCH MAL VERGESSEN DÜRFEN!!!

Ich bin jetzt eingeschnappt, ich sag gar nichts mehr.

Wie, was willst du damit andeuten, wie ich auf den Baum gekommen bin? Raufgeklettert? Nein, ich wollte das Eichhörnchen eigentlich gar nicht fangen. Aber hast du gesehen, wie dicht ich hinter dem war? So einen Spaß hatte ich schon lange nicht mehr. Und plötzlich war ich ganz oben im Baum, genau. Und als ich mich umgeguckt habe, waren beide weg, das Eichhörnchen und die dicke Katze. Wie, dumm gelaufen? Das ist nun aber wirklich nicht nett von dir.

Ja, ich war früher mal fitter, ich bin abgerutscht und gesprungen, auf dem Rand der blöden Regentonne aufgekommen und hatte vielleicht bisschen viel Speed. Was kann ich dafür, dass die so leicht schwankt?! Ja, ich hab sie umgekippt, hab ich doch schon zugegeben! Aber ich hab mir überhaupt nichts getan, ich bin ganz trocken, oder hast du mich Wasserflecken machen sehen, als ich reingekommen bin?

Wie, Kellerfenster offen? Wie, alles nass?

Oh. Das tut mir jetzt aber echt leid. Echt.


abc.etüden 2022 38+39 | 365tageasatzaday

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Für die abc.etüden, Wochen 38/39.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ellen mit ihrem Blog nellindreams. Sie lautet: Regentonne, sensibel, schwanken.

Und ja, auch wenn die Geschichte nicht meinem Erfahrungsschatz entstammt – ich habe keine Regentonne – Kater (und Katzen), auch ältere, sind in jedem Alter fähig, sich komplett zum Affen zu machen, wenn sie der Hafer sticht. Wieder ein Beweis mehr, wie ähnlich sie uns Menschen sind, denn auch bei ihnen nimmt die Wahrscheinlichkeit mit dem Alter ab … 😉

 

Das andere Gesicht | abc.etüden

Der Wiiinnnnnnnnnnnnnnnnd … hat mir ein Lied erzählt …«

Sie wusste selbst nicht, woher der Brechreiz kam, der sie so plötzlich überfiel, dass sie fast zu den Waschräumen rannte. Zum Glück war dies eines der Restaurants, wo jener Ort nicht mit Musik beschallt wurde. Sie klammerte sich am Waschbecken fest, schloss kurz die Augen, um nicht in den Spiegel sehen zu müssen, atmete tief durch und wartete ab.

Natürlich war es die Stimme, war es der Mann, der diese Stimme so verehrt hatte, der Mann, der in ihrem Leben so wichtig gewesen war und der sie so verraten hatte, dass ihr Körper gegen die bloße Erinnerung aufbegehrte. Jetzt hielt sie es aus, dass sie überschwemmt wurde. Wortlos. Ruhig.

Sie spürte bittere Tränen aufsteigen, fühlte ein Begreifen und schluckte. Als sie aufsah, hatte sich etwas verändert. Das sonst so anschmiegsame Kätzchen musterte sie mit den glühenden Augen einer Furie und klarem Blick. Na, super, dachte sie fast unbeteiligt. Ebenso war die Gewissheit neu, dass diese Frau wusste, wie man Z-O-R-N buchstabierte, vielleicht sogar U-N-V-E-R-S-Ö-H-N-L-I-C-H-K-E-I-T.
Sie konnte tun und lassen, was sie wollte, sie musste nicht immer alles und jeden verstehen und, viel schlimmer noch, entschuldigen.
Es war ihr verdammtes Recht.
Ich hatte mich eingesperrt, begriff sie.
Sie würde nachdenken müssen.

»Alles in Ordnung, Schatz?«, erkundigte sich ihr Begleiter besorgt, als sie zum Tisch zurückkam.

Sie wollte zuerst spontan bejahen, überlegte es sich aber dann. »Macht es dir etwas aus, wenn wir aufbrechen? Ich glaube, mir würde jetzt etwas frische Luft guttun. Lass uns ein paar Schritte gehen.«

»Selbstverständlich.« Er winkte dem Kellner.

Nach kurzer Zeit traten sie nach draußen, und er legte fürsorglich seinen Arm um sie.

»Besser?«, fragte er. Sie nickte und lächelte, und sie schritten gemeinsam davon. Der Abend war mild. Die Musik hörte man nur noch von Weitem.


abc.etüden 2022 36+37 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir


Für die abc.etüden, Wochen 36/37.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder, der nicht mehr bloggt. Sie lautet: Brechreiz, anschmiegsam, buchstabieren.

Ebenso ist dies mal wieder ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt, von der ich mir die beiden „Halbrahmen“ am Anfang und am Ende ausgeliehen habe.

Und last but not least ist das hier das Lied, das sich als Ohrwurm einnistete und das ich mit dieser Etüde hoffe, aus meinem Kopf zu bekommen:

Zarah Leander: Der Wind hat mir ein Lied erzählt (Link zu YouTube)

Ich verstehe nicht, warum scheinbar alle so auf diese Stimme geflogen sind, aber muss ich ja auch nicht.


Die Frau macht die Welle | abc.etüden

Sie öffnete die Tür und drehte sich noch einmal um. Er klebte mit versteinertem Gesicht hinter seinem Schreibtisch und betrachtete sie irritiert. Klar verstand er sie nicht. So ein Angebot, und sie machte hier die Welle!

Sie wurde deutlich. »Und du entblödest dich nicht, mir etwas von der Wiedergeburt unserer großen Liebe vorzuschwafeln? Wir wissen doch beide, was passiert ist: Deine Frau hat das mit uns herausgefunden und dich verlassen. Daraufhin hast du Panik bekommen und die Affäre mit der Labormaus, also mir, schleunigst beendet. Kann ich ja noch verstehen, dass man Prioritäten setzt, du hattest ja auch was zu verlieren. Nur dass sie nach einem halben Jahr immer noch prima ohne dich kann, damit hast du nicht gerechnet. Die eigene Frau schickt den großen Herrn Chef, der seine Firma nach Belieben antanzen lässt, in die Wüste.
Und was tust du? Du willst mich zurück, sagst du. Echt jetzt?
Weißt du, ich hab lange gegrübelt und dich schließlich durchschaut. Ich war immer nur schmückendes Beiwerk, eine Trophäe, ein Statussymbol für deine Mittfünfziger-Potenz, ein Pflaster auf deiner Midlife-Crisis, was weiß denn ich. Das brauche ich nicht noch mal. Mach doch, was du willst. Ohne mich. Dein Laborhexchen mischt lieber wieder Gift.«

Sie zog die Tür sanft zu und atmete tief durch. Das blümerante Gefühl, das ihr signalisierte, dass sie längst nicht so tough war, wie sie tat, würde auch wieder vergehen. Die Hauptdarstellerin verließ die Bühne. Sie fand sich eindeutig zu alt für den Scheiß, aber es war nicht anders gegangen. Hoffentlich erfuhr er zuletzt, dass sie bald woanders arbeiten würde.

Sie nickte den Vorzimmerdamen zu, die sich keinerlei Mühe gaben, ihre Neugier zu verbergen. »Der da ist kein Mann für alle Fälle, Mädels«, sagte sie. »Nicht mal für den Spaß. Spart euch das. Seid klüger als ich.«

Dann ging sie.

 

abc.etüden 2022 25+26 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 25/26.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Donka mit ihrem Blog OnlyBatsCanHang. Sie lautet: Wiedergeburt, blümerant, antanzen.


Ebenso möchte ich mich hiermit aber ein zweites Mal an der »Schreibübung« in Myriades Impulswerkstatt beteiligen, die Idee mit dem Rahmen hat mich nicht losgelassen, nur leider hat in dem Kontext keines der Fotos so richtig zu mir gesprochen.

 

Die Frau regt sich auf | abc.etüden

Sie öffnete die Tür und drehte sich noch einmal zu ihm um.

»Und du wagst es, mir zu sagen, ich müsse mal meine Ansprüche abspecken? Ich? Wer wollte denn unbedingt in diesen Yachtclub eintreten, und das, wo keiner von uns jemals wirklich gesegelt ist? Ich hör dich noch: ›Ja, Schatz, lass uns mehr repräsentieren, wir können uns das jetzt leisten, wir haben so hart dafür gearbeitet!‹
Weißt du, was die Wahrheit ist? Die lachen über uns, weil wir nicht dazugehören und niemals dazugehören werden, egal, wie vielen Bossen du in deiner Firma in den Arsch kriechst, um auf der Karriereleiter noch höher zu klettern! Für die sind wir Fake! Wir passen nicht zu diesen feinen Pinkels, die ohne Tutorial auf Instagram oder YouTube in einer Küche kein Ei gebraten bekommen. Ja, ich war shoppen, als du mir gesagt hast, ich solle mir was gönnen, ja, und? Aber ich glaube, deine Poolparty mit den, äh, Damen, die du letztens geschmissen hast, hat viel eher dafür gesorgt, dass unser Haushaltskonto jetzt so, äh, besenrein aussieht. Also denk mal darüber nach, wer von uns beiden einen verzerrten Blick auf die Realität hat!«

Sie knallte die Tür so heftig zu, dass die Kristallgläser in der Anrichte leise schepperten. Dann ging sie.

 

abc.etüden 2022 23+24 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 23/24.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Anja mit ihrem Blog Annuschkas Northern Star. Sie lautet: Yachtclub, besenrein, abspecken.

Ja, ich weiß, dass echte Kristallgläser klingen und nicht scheppern. 😉


Ebenso möchte ich mich hiermit aber an der „Schreibübung“ in Myriades Impulswerkstatt beteiligen, die mir schon seit Anfang Mai im Kopf herumspukt, Stichwort „Erzeugung einer Atmosphäre“, Modus: Drama.
Vielen Dank, es hat sehr viel Spaß gemacht und stand ganz plötzlich vor mir.

 

Grüner Ring, Vorüberlegungen | abc.etüden

Du frierst doch nicht etwa, frage ich einen gewissen Fellträger, der völlig flach auf der warmen Heizung liegt, den Hals wie eine Giraffe gereckt. Ich dachte, Pelz wärmt?

Ich sehe aus dem Fenster. Der Wetterbericht spricht für das Wochenende von Sonne und 20 °C, aber zurzeit haben wir nachts unter 10 und tags knapp bewölkte 15 °C, Tendenz allerdings steigend. Bei allem Optimismus, DAS ist noch nicht das Wetter, für das ich Sommerpläne gemacht habe. Pläne, die auf die Bezeichnung »Wandern auf dem Grünen Ring« hören. Besagter Grüner Ring (der äußere) ist eigentlich eine gut 100 Kilometer lange Fahrradroute (Freizeitroute 11), die in acht bis zehn Kilometern Entfernung das Hamburger Rathaus umrundet. Klarer Fall von Abenteuer in der Stadt.

Natürlich geht nichts über eine ordentliche Vorbereitung. Die offiziellen Tourenvorschläge listen acht Etappen, aber ich gehe davon aus, dass mir jeder zusätzliche Kilometer (die An- und Abfahrt) in die Beine geht, also peile ich 10-Kilometer-Etappen an, ändern kann man immer. Der Plan sieht so aus, dass wir (eine Freundin will mit, wenigstens probehalber) hier im Süden den Grünen Ring entern, dem Verlauf folgen und uns nach etwa 10 Kilometern in die Öffis Richtung heimwärts werfen. Beim nächsten Mal fahren wir dann mit den Öffis zu dem Punkt, wo wir die Route verlassen haben, laufen auf dem Ring wieder ca. 10 Kilometer usw. So weit die Theorie.

In der Praxis gibt es da noch ein paar zu klärende Punkte. Nachdem ich die Idee verworfen habe, mich nach Papierkarten zu orientieren (schlechter Maßstab!), habe ich entdeckt, dass man sich die Route ins Handy laden und damit dann nach Belieben hineinzoomen kann. Mehr nicht, aber das bedeutet, dass ich live sehen kann, wo wir und ob wir »auf der Spur« sind. Meine Orientierung taugt in der Regel, wenn ich auf eine Karte sehe. Und wir bewegen uns im Hamburger Stadtgebiet, die Wahrscheinlichkeit, Netzabdeckung zu haben, ist hoch. Falls nicht, ist die Route (mit Karte) als PDF dabei.
Aber wie gut ist diese Route? Ich kümmere mich gerade am Rechner um die Etappeneinteilung, und da gab es irritierende Meldungen. Klar, ich suche mir was, wenn notwendig, aber der Sinn ist ja, auf der Route zu bleiben, nicht stattdessen den kürzesten Weg von A nach B zu ermitteln und zu nehmen, und auch nicht, mehrere Kilometer Umweg laufen zu müssen.

Zumindest im Hamburger Süden sind die Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zeitlich löcherig. Ich habe mir beispielsweise eine Bushaltestelle als Etappenpunkt ausgesucht, die einmal alle Stunde angefahren wird, das könnte sich als unglücklich herausstellen. Und einmal darf ich Fähre fahren, ich freu mich total. Sowieso machen die Öffis Halbtagestouren zu Tagestouren.
Finanziell vernünftig ist mein Plan ohne Dauerkarte übrigens nur während der Monate des 9-Euro-Tickets, Hamburgs Nahverkehrspreise sind in Deutschland ganz weit vorn. Das Juni-Ticket habe ich bereits. Und die Tatsache, dass ich darauf einen irisierenden Streifen entdeckt habe, hat mir die Idee zu dieser Etüde beschert.

Pfingstsonntag geht es los, wenn das Wetter mitspielt. Der gewisse Fellträger möchte unterdessen doch lieber draußen schlafen. Ich werde berichten.

 

Extraetüden 22.22 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden (Extraetüden), Woche 22.2022: 5 Begriffe, maximal 500 Wörter. Die Wortspenden stammten dieses Mal von Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) und Puzzleblume (puzzle ❀) und lauteten: Giraffe, mondsüchtig, suchen, Wetterbericht, ordentlich, irisieren; und ich habe leichten Herzens auf »mondsüchtig« verzichtet.

Für die, die es genau wissen wollen, was ich total verstehen kann: Die Route, an der ich mich orientiere, ist die, die man bei hamburg.de (siehe Link unten) herunterladen kann. Ich habe inzwischen auf Radfahrer-Seiten im Netz gelesen, dass es mehrere Varianten geben soll, und angeblich ist die Route an einer Stelle hier im Süden gesperrt, wo es Vorbereitungen für den Bau der A 26 gibt, aber es gibt Helmkameravideos, die belegen, dass man da offenbar durchkommen kann, und es wäre eine autofreie Strecke – ich mag die Alternative nicht.

Ich würde gerne Karten zeigen, bin mir aber unsicher, gerade bei Karten, was davon NICHT dem Urheberrecht unterliegt. Also verweise ich euch bei Interesse auf die entsprechende Seiten bei hamburg.de (»Wandern auf dem Grünen Ring – Tourenvorschläge«), wo ihr euch schlauer machen könnt, und für Details auf die Beschreibung der (Fahrrad-)Strecke. Amüsiert habe ich mich, dass das Foto von den beiden Menschen, die da über diesen Holzsteg wandern, nicht vom Grünen Ring stammt – ich weiß das ganz genau, das ist bei mir am Teich, in der Nähe, aber nicht AUF dem Grünen Ring.

Diese Etüde ist die Konkretisierung von dieser hier.

Ich freu mich.


Mein ganzes Grüner-Ring-Gedöns als Kategorie zum Nachlesen: hier klicken!


 

Vatertag – alle Jahre wieder | abc.etüden

SPRACHNACHRICHT, MITTAGS

Hallo Schatz,

wie geht es dir, ist es sehr schlimm? Kopfwehtabletten hab ich dir im Bad hingelegt, und die Küche sieht auch wieder ordentlich aus, obwohl du viel Dreck reingeschleppt hast. Dass sich zu Vatertag keiner um den Wetterbericht gekümmert hat, war ja eigentlich klar, denn schließlich gibt es kein schlechtes Wetter, nur zu wenig Alkohol. Geschenkt.
Sag mal, bei wem seid ihr bei dem Sauwetter gestern eigentlich gelandet? Du solltest wissen, dass Moppels Frau vorhin angerufen und gedroht hat, dass sie, wenn du das Video von dem tanzenden Moppel mit der Unterhose auf dem Kopf wie angekündigt bei TikTok hochladen würdest, »rechtliche Schritte« gegen uns einleitet. Gefragt, wessen Unterhose ihr Herr Gemahl da auf dem Kopf hat, hat sie sicherheitshalber nicht. Warst du das, der mal gesagt hat, Moppel hätte eine »irisierende« Persönlichkeit, oder meintest du vielleicht sie?

Seit wann nehmt ihr überhaupt Mädels auf die Tour mit? Dir hat x-mal eine Melli gewhatsappt. Irgendwann bin ich ausgeflippt, weil mich das so genervt hat, und habe sie informiert, dass ich nicht glaube, dass du heute nüchtern genug werden würdest, um zu reagieren, und habe bei deinem Handy den Ton abgestellt. Weil Moppels Frau sich so aufgeführt hat, habe ich mir allerdings deine Filmchen angesehen. Ist diese Melli die Besitzerin der fraglichen Unterhose? Falls sie die wenig bekleidete Tussi ist, die an Moppels Ohr rumknabbert, kannst du alle beruhigen: Ich sage es Moppels Frau nicht.

Ich bin vermutlich erst gegen Abend zurück, deine Mutter besteht auf dem Wocheneinkauf. Mir wäre lieber gewesen, ich hätte warten können, bis du wach bist, aber wie du weißt, haben alte Leute ihren Rhythmus, sonst geht die Welt unter. Übrigens ist unser alter Käsehobel endgültig hin, ich glaube, ich will besser auch gar nicht wissen, wofür ihr ihn gebraucht habt.

Bis später, Ku-huss

 

abc.etüden 2022 20+21 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 20/21.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Puzzleblume mit ihrem Blog puzzle ❀. Sie lautet: Wetterbericht, ordentlich, irisieren.

Der eine oder die andere von euch werden sich an die Vorläufer dieser Etüde aus den Jahren 2017 (hier klicken) und 2020 (hier klicken) erinnern: Das ist völlig beabsichtigt. Ich fand es witzig, die vorgegebenen Begriffe in eine eigentlich schon bekannte Geschichte neu einzubauen und die Geschehnisse bisschen zu steigern. Vor fünf (5!) Jahren waren wir gerade in den Anfängen der Etüden, vor zwei Jahren im Corona-Schock …

Vor zwei Jahren habe ich festgestellt, dass einige Leser*innen die Tradition der Vatertagsausflüge (Vatertag (Wikipedia-Artikel) fällt in D immer auf Christi Himmelfahrt und ist daher Feiertag, viele Männer nehmen sich den Freitag frei) nicht kannten. Es sind in der Regel mehr oder weniger heftige (oft mehr) Saufgelage ohne weibliche Beteiligung (daher auch „Herrentag“ oder „Herrentagsausflüge“ genannt), daher ist meine Protagonistin auch relativ entspannt, obwohl ihr das Auftauchen von Melli nicht sonderlich passt. Ja, die sind lange Zeit verheiratet, sie weiß (denkt sie), wann sie die Welle machen muss.

Mir fehlt da komplett der Sinn für, auch für Junggesell*innenabschiede, die ähnlich schlimm alkoholhaltig sein sollen …

Einen schönen Feiertag/Vatertag wünsche ich euch! 😉

 

Die Liebliche | abc.etüden

Was machst du denn um diese Uhrzeit auf dem Balkon?

Und was machst du hier?

Ich habe bei dir das Licht gesehen und wollte wissen, ob du wieder mondsüchtig wirst.

Ob ich schlafwandele? Hmmmmm, auf dem Dachfirst zu gehen habe ich noch nie ausprobiert.

Untersteh dich! Bitte!

SCHWEIGEN.

Konntest du nicht schlafen? Bist du aufgeregt wegen morgen?

Ein bisschen. Eigentlich habe ich gedacht, ich suche mal die Giraffe am Himmel. Gegenüber vom Polarstern übrigens. Aber es ist fast Vollmond, und die Giraffensterne leuchten nur schwach.

Ich wusste gar nicht, dass es ein Sternbild gibt, das Giraffe heißt.

Das deutsche Wort stammt aus dem Arabischen und bedeutet »lieblich«. Hübsch, nicht? Das Sternbild dagegen hat einen lateinischen Namen: Camelopardalis.

Warum Latein?

Wissenschaftssprache. Ursprünglich ist aber Julius Caesar schuld, der hat die erste Giraffe von einem Ägypten-Feldzug nach Europa mitgebracht.

Also nicht nur Kleopatra.

Ob Kleopatra so lieblich war? Die Römer dachten, dieses Tier wäre eine Mischung aus Kamel und Leopard.

Wegen der Flecken?

Ja, vermutlich. Die sogenannte Medici-Giraffe kam erst viele Jahrhunderte später als Geschenk nach Florenz, Ende des 15. Jahrhunderts, man hat sie auf Bildern verewigt, alle wollten sie sehen. Leider soll sie ihre Ankunft nur wenige Monate überlebt haben, es heißt, sie sei mit dem Kopf in den Balken eines extra für sie gebauten Stalls hängen geblieben und habe sich den Hals gebrochen.

Das passiert uns morgen nicht.

So groß bin ich auch gar nicht. Und wer weiß, wie oft ich noch Ausflüge machen kann.

Oma!

Was denn? Ich bin seit drei Tagen 84, auch wenn der Kopf noch funktioniert, der Körper will nicht mehr wie ich. Ich bin froh, wenn ich es morgen überhaupt bis zu den Elefanten, den Giraffen, den Affen und den Löwen schaffe. Wie vor 80 Jahren. Na ja, der Lauf der Welt. Gute Nacht, Kind.

 

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 18/19.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Myriade mit ihrem Blog La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée. Sie lautet: Giraffe, mondsüchtig, suchen.

Seit ich beim Herumstöbern zum Thema Sternbild Giraffe über den lateinischen Namen (Camelopardalis, Wikipedia-Artikel, da steht auch, warum/wie die Giraffe in den Himmel kam – nicht, dass nicht eh alle Giraffen in den Himmel kommen) gestolpert bin und dabei die Medici-Giraffe (Wikipedia-Artikel) entdeckt habe, war ich fasziniert und habe ein bisschen herumgelesen. Da hat es Ende des 15. Jahrhunderts eine Giraffe als Prestigegeschenk an Lorenzo di Medici, den De-facto-Herrscher von Florenz, nach Europa geschafft, natürlich aus politischen Gründen. Bündnispolitik. Ein knallharter Deal war also, was heute irgendwie rührend anmutet. Okay, auch Friedrich II. wird der Erhalt einer Giraffe untergeschoben, ca. 230 Jahre früher. Wirklich belegt scheint aber zu sein, dass der einen Elefanten hatte, bei der Giraffe ist die Quellenlage schwieriger (ein Datum für den Erhalt zu nennen, das 11 Jahre nach dem Tod des Herrschers liegt, erhöht die Glaubwürdigkeit des sonst sehr interessanten Artikels (engl.) diesbezüglich nicht; gab es da noch eine parallele Zeitrechnung? Hm). Und natürlich musste das Tier eine so robuste Gesundheit haben, dass es die Strapaze der Reise überstand, was bei Giraffen nicht so leicht war – Giraffen sind nun mal nicht wirklich kompakt. Und spätestens ab dieser Überlegung ist die Sache eigentlich nicht mehr rührend, sondern Tierquälerei. Dennoch: Exotische Tiere sind und waren Prestigeobjekte, sei es für Zoos oder für Privatpersonen.

Ich möchte zum Thema Zoo oder nicht Zoo hier bitte kein Fass aufmachen, ich sehe da viele (einander widersprechende) Aspekte und ich tue mich mit der Gewichtung schwer. Meine alte Dame freut sich jedenfalls auf einen Ausflug, den man ihr zu ihrem Geburtstag geschenkt hat und der sie an ihre Kindheit erinnert.

Hier ist übrigens das/ein Bild mit der Medici-Giraffe (Wikimedia Commons), schaut mal rechts oben, man geht davon aus, dass der Maler die Giraffe selbst gesehen haben muss.

 

Blind Date | abc.etüden

Sie starrten beide auf die lange Reihe kleiner grünlich-gelb-weißer Würfelchen, die er akribisch auf der Serviette aufgereiht hatte.

»Du kannst es nicht wissen, weil wir uns noch nicht so lange kennen«, sagte er, und seine Stimme klang trügerisch sanft, »aber ich verabscheue dieses Zeug. Wenn du mir einen Gefallen tun willst, dann tu das bitte nie wieder in einen Kuchen, den ich essen soll.«

Sie dachte kurz darüber nach, ob da vielleicht ein »Sonst …« mitschwang. War da nicht überhaupt ein komischer Unterton?

»Es gehörte zum Rezept für Königskuchen«, stellte sie sachlich fest. »Sukkade, auch als Zitronat bekannt. Ein Rezept meiner Mutter aus einem alten Familienbackbuch. Eigentlich mag das doch jeder, nein?«

»Ich bin aber nicht jeder!« Seine Stimme schwoll leicht an. »Und wenn wir uns erst besser kennenlernen – und das wollen wir doch, nicht wahr? –, dann wirst du auch verstehen, wie wichtig es ist, individuelle Eigenheiten zu respektieren.«

Wollen wir das? Wieso lief es ihr gerade so merkwürdig kalt den Rücken herunter?

Hatte sie nicht überhaupt von Schmetterlingen im Bauch geträumt? Hier saß sie mit ihrem durchaus attraktiven Blind Date an einem belebten Bootsanleger in der Innenstadt, hatte drei- oder viermal mit ihm über das Online-Portal gechattet und ihm einen Kuchen gebacken, fühlte sich definitiv unwohl und war froh, dass er nichts Konkretes über sie wusste.
Was war denn mit ihr los?

»Tut mir leid. Dann lass uns halt den restlichen Kuchen an die Enten verfüttern«, schlug sie vor und begann sofort damit. Das war knapp, dachte sie und wunderte sich über sich selbst.

Später ging sie allein nach Hause. Abends löschte sie ihren Account bei dem Datingportal und beschloss, in den nächsten Jahren den Anleger sicherheitshalber zu meiden.
Es war die beste Entscheidung ihres Lebens, aber wie so vieles andere würde sie auch das nie erfahren.

 

abc.etüden 2022 16+17 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 16/17.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder, der nicht mehr bloggt. Sie lautet: Königskuchen, akribisch, träumen.

Komplett fiktiv, die Etüde, bis auf den Bootsanleger 😉, der ein bisschen dem Hamburger Jungfernstieg (sehr weit weg von mir) ähneln soll, und der Tatsache, dass ich eigentlich auch kein Fan von Zitronat bin, speziell nicht von diesem gekauften Zeugs, was für mich am ehesten in Weihnachtsplätzchen und Stollen gehört (wo ich es dann auch gern esse). Und oh, das Backbuch: »Backen macht Freude« von Dr. Oetker, 26. Auflage von 1963. Meine Mutter hat viel damit gemacht, ich greife meist auf ihre Rezeptsammlung zurück.

Aber hattet ihr schon mal das Gefühl, gerade so davongekommen zu sein, wisst aber eigentlich nicht, wieso? 😉