What a wonderful world

Der Mann mit der Trompete sah leicht fassungslos auf den Schein, den ihm der ältere Herr in den Hut gelegt hatte. Seit einer guten Viertelstunde hatten er und die Frau, die er zärtlich an sich gezogen hielt, ihm gelauscht. Auch nicht mehr häufig, dass sich jemand so lange Zeit für einen Straßenmusiker nahm. Er setzte das Instrument ab, um sich zu bedanken.
„Wir haben zu danken“, sagte die Frau, die sichtlich gerührt war.
Er lächelte sie an. „Es ist mir ein Vergnügen, solche Zuhörer zu haben. Haben Sie vielleicht einen speziellen Musikwunsch?“
Sie zierte sich nicht. „Kennen Sie ‚What a wonderful world‘?“
„Wer kennt das nicht?“ Er hob wieder die Trompete.

Peter sah Luise hinterher, die sich durch die Touristen an den Hamburger Landungsbrücken in Richtung der Toiletten schob. Er lächelte versonnen. Dass es das Leben noch einmal so gut mit ihm gemeint hatte! Er hätte sie sofort auf Händen getragen, wenn sie es sich von ihm gewünscht hätte, aber nein, sie war … einfach nur liebenswert. Und erstaunlich unkompliziert. Wenn er da an seine erste Ehe dachte … Seine Finger berührten das kleine Kästchen in seiner Jackentasche. Zusammenreißen! Schließlich hatte er einen Plan. Er wandte sich dem Trompeter zu.
„Könnte ich Sie vielleicht noch um etwas bitten?“
„Worum geht es?“
Er erklärte es ihm. Der Mann wiegte den Kopf.
„Und was ist, wenn es nicht klappen sollte?“
„Mein Risiko.“
Ein zweiter Schein wechselte den Besitzer. Danach warteten beide auf die Rückkehr der Dame.

„Und jetzt?“ Luise sah zu Peter auf. Der sah ihr tief in die braunen Augen und küsste sie.
„Peter!“ Sie tat entrüstet, obwohl sie sich geradezu unverschämt glücklich fühlte.
„Ja, Madame?“
Sie schüttelte den Kopf. Sie konnte ihm nicht übelnehmen, dass er ausführte, woran sie dachte, oder? Unter vier Augen zu sein und noch ganz andere Dinge zu tun, wäre jetzt auch nett gewesen. Aber andererseits war es so schön hier draußen.
„Was machen wir jetzt?“ wiederholte sie.
„Ich habe gedacht, wir nutzen das gute Wetter aus und schauen uns den Hafen an. Vom Schiff aus.“ Er wies auf einen blau-weißen Raddampfer mit einem imposanten roten Schaufelrad, der an den Landungsbrücken lag und Passagiere für die nächste Hafenrundfahrt einsammelte.
„Louisiana Star“, las seine Angebetete vor. „Schaukelt das sehr?“ verlangte sie dann zu wissen. „Ich bin nämlich nicht besonders seefest.“
„Nein“, beruhigte er sie. „Nicht auf so einem großen Schiff. Und heute haben wir außerdem wenig Wind, also auch kaum Wellengang. Also, was sagst du? Hast du Lust?“
„Klar!“ Sie hängte sich bei ihm ein. Welche Freude er daran hatte, ihr alles zu zeigen! Gemeinsam gingen sie an Bord. In gebührendem Abstand folgte ihnen Pavlos, der Trompetenspieler.

Es lag etwas in der Luft, und es war nicht nur der Frühling. Luise hatte es die ganzen Tage schon ganz deutlich gespürt. Zuerst hatte sie es darauf geschoben, dass Peter endlich ihre Familie besser kennengelernt hatte – sie hatten Weihnachten zu zweit verbracht und mit allen ehernen Familienregeln gebrochen, aber zu ihrem Geburtstag vor einer guten Woche waren ihre Tochter mit Mann und Kind dann angerückt. Bei Peter!
„Du bist ja fast nie mehr zu Hause!“ Luise hatte zugeben müssen, dass sie sich seit Weihnachten fast durchgehend bei Peter aufgehalten hatte und es herrlich fand. Früher hatte man Herzklopfen, seinen Liebsten den Eltern vorzustellen und heute den Kindern. Manche Dinge schienen sich nie zu ändern. Aber abgesehen davon, dass Torsten Peter „vielleicht ein bisschen alt“ fand, hatte es keine ernsthaften Probleme gegeben, und die Kinder schienen bei dem Gedanken auch nicht allzu unglücklich zu sein, dass da jetzt wieder ein Mann war, der „auf Mama aufpasste“, wie Sandra es formuliert hatte. Luise hätte dazu einiges zu sagen gehabt, es dann aber um des lieben Friedens willen unterlassen. Schließlich kannte sie ihre Tochter. Und Peter war nur drei Jahre älter als sie. Torsten hatte keine Ahnung.

Luise und Peter hatten auf dem Freideck an einem kleinen Tisch an der Reling Platz gefunden, wo die Lautsprecher nicht so dröhnten. Begeistert lauschten sie den Worten des Fremdenführers, eines älteren Kapitäns, der ihnen allerlei Wissenswertes über den Hafen im Wandel der Zeiten, Containerschiffe, Anekdoten und typisches Seemannsgarn erzählte, während sie die Elbe hinauf und hinab und durch die Hafenbecken schipperten. Es war nur ein bisschen windig, und Peter fand, dass Luises Augen in der Sonne mit ihr um die Wette funkelten. Sie hatte mit ihrem geliebten Hütchen auch einen Teil einer gewissen Reserviertheit zu Hause gelassen und war unternehmungslustig und fast ausgelassen.

Schließlich kam der Moment, den Peter herbeigesehnt und gefürchtet hatte. Der Kapitän, der bisher neben ihnen auf dem Freideck hin- und hergegangen war und dabei fast ununterbrochen geredet hatte, schaltete sein Mikro aus, nachdem er etwas von „Stimme ölen müssen“ genuschelt hatte. Pause. Peter stand auf und deutete auf das Fenster, aus dem heraus alles verkauft wurde, was die Bordrestauration zu bieten hatte. Er sah, dass Pavlos ihn vom Ende des Decks her beobachtete und sich ebenfalls langsam erhob. Gut.
„Schatz?“ sagte er. „Ich dachte, ich hole uns was. Wie wäre es mit Kaffee? Butterkuchen?“
Sie legte den Kopf in den Nacken und blinzelte ihn an. „Gern“, antwortete sie.

Andere waren auf die gleiche Idee gekommen, Peter war der Letzte in der Schlange.
„Zwei Kaffee und zwei Butterkuchen“, sagte er.
„Mit Sahne?“
„Nein, danke.“
Peter zahlte. Vor den Augen der irritierten Verkäuferin legte er beide Stücke Butterkuchen aufeinander, reichte ihr den überschüssigen Teller zurück, steckte in den Kuchenstapel zwei herzförmige Wunderkerzen und stellte die beiden Pötte Kaffee rechts und links davon. Dann legte er das kleine Päckchen vor den Butterkuchen, strich die große, goldene Schleife glatt und zündete die Wunderkerzen an. Sein Herz pochte vor Aufregung so schnell, dass ihm beinahe schwindelig wurde. Er nahm das Tablett auf, drehte sich um und ging zu Luise zurück. Vorsichtig stellte er die kostbare Fracht vor ihr ab. Sie sah ihn mit großen Augen an. Er holte tief Luft.
„Luise“, sagte er, „ich bin bestimmt ein alter Esel, und bevor ich dich kennengelernt habe, hatte ich mir geschworen, mich nie, nie wieder aufs Eis zu wagen. Aber hier stehe ich und kann nicht anders, ich liebe dich, ich kann und will mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen. Möchtest du mich heiraten?“
Luise schossen die Tränen in die Augen. Ihr Herz stieg auf und jubilierte, sie war zum Zerspringen glücklich und der Kloß, der plötzlich in ihrem Hals saß, ließ sie nach Luft schnappen. Es gab kein Nachdenken. Sie sprang auf, lief um den Tisch herum und warf sich in seine Arme.
„Ja“, jauchzte sie, „ja, Peter, das will ich!“
Sie hätte ohne Zweifel noch mehr gesagt, aber da erklang schon die Trompete neben ihnen, und Peter küsste sie.
What a wonderful world.

Spätestens jetzt wurden alle Gäste auf dem Schiffsdeck darauf aufmerksam, dass hier gerade etwas Ungewöhnliches passierte. Alle Köpfe wandten sich ihnen zu, auch der Kapitän mit seinem Mikrofon kam angeschritten und besah sich das Paar, das sich immer noch küsste, und den Trompetenspieler, der sein Stück gerade beendet hatte.
„Sie, Musik machen ist an Bord nicht gestattet“, schnarrte er, „und darf ich fragen, ob es etwas zu gratulieren gibt?“
„Wonach sieht das denn aus, Herr Kapitän?“ gab Pavlos milde zurück. „Und an Ihrer Stelle würde ich mal fragen, ob die Kombüse zwei Sekt locker macht. Zur Feier des Tages.“
Der Kapitän besann sich auf seine gute Kinderstube. „Wissen Sie was, junger Mann, das ist mal eine Idee. Hören Sie, spielen Sie uns doch noch etwas.“

Und während Pavlos mit allem Schmelz, den er in seine Trompete legen konnte, „When a man loves a woman“ blies und der Kapitän zwei Gläser Sekt loseiste, öffnete Luise das kleine Kästchen mit der großen goldenen Schleife und ließ sich von ihrem Peter einen schlichten Diamantring an den Finger stecken. Er war ein bisschen zu weit, aber das würde sich richten lassen. Alles würde sich richten lassen, davon war sie plötzlich überzeugt. Zumindest heute. Heute war ihr Tag.

 

Louisiana Star Hamburg | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Gerade rechtzeitig zu Weihnachten hat Jutta ihren Geschichtengenerator angeworfen und gebeten, aus „Luise (ältere Dame mit Hut)“, „Schiffsdeck“ und „Butterkuchen?“ eine Geschichte zu stricken. Dies ist meine dritte Geschichte mit dieser Luise (ich habe zwei) als Hauptperson (hier und hier; in einer weiteren kommt sie vor), und ich wusste spontan, was geschehen würde.

Ich wollte die Geschichte eigentlich an Weihnachten spielen lassen, aber es ist einfach zu kalt (und zu windig), um auf der „Louisiana Star“ draußen zu sitzen, selbst wenn man Heizstrahler aufstellen würde, und die beiden müssen draußen sitzen, weil Peter doch den Butterkuchen holen und die Überraschung präparieren muss, und es sonst überall nur Tischservice gibt.
Hereingedrängelt hat sich dagegen Pavlos, der Trompeter, weiß auch nicht, warum.

 

 

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Taubengedöns [Bildergeschichte]

 

Taubengedöns 1 – 365tageasatzaday

Ob ich mitkomme? Hast du keine Augen im Kopf? Neee du, echt, ich habe gerade was Besseres zu tun …

 

Taubengedöns 2 – 365tageasatzaday

Ach, daher weht der Wind! Nein, ich meine wirklich nicht, dass ich dir was abgeben muss, nur weil du zufällig hier rumgekommen bist. Das ist doch voll ungerecht!

 

Taubengedöns 3 – 365tageasatzaday

Alter, an mir kommst du nicht vorbei, und wenn du dich auf den Kopf stellst! Was soll das heißen, wo sind die anderen? Typisch, erst anfangen und dann nach der Mutter schreien!

 

Taubengedöns 4 – 365tageasatzaday

 

Und ein schönes Leben noch! Was war das denn nun? Oh Mann, solche Typen wie du sind so eine Zeitverschwendung … Sieh bloß zu, dass du Luft gewinnst!

 

Diese nicht so ganz ernst gemeinte Bildergeschichte entstand unter der freundlichen Zuhilfenahme von Sätzen aus Juttas aktuellem Aufruf zum Geschichtengenerator („Kommst du mit?“, „Das ist ungerecht!“, „Wo sind die anderen?“ und „Was war denn das?“). Nein, ich gebe es zu, dies ist wohl eher kein Schulhof, aber es könnte ja einer sein, so auf der Mauer zu einem … oder so. 🙂

 

KLICK MACHT GROß! Obligatorische Quellenangabe: alle Bilder ichmeinerselbst

 

Mutter schmeißt den Laden

Luise stand herum und fühlte sich deplatziert und ein bisschen angetütert. Nicht, dass der Abend bisher nicht angenehm gewesen wäre und das Büffet bestimmt großartig sein würde, schließlich war die Location ja eine Kantine, deren Innenarchitekt schon Preise gewonnen hatte, nicht wahr? Die Lichtführung jedenfalls war aller Ehren wert, nach dem, was sie sah. Ihr verstorbener Mann war Elektromeister gewesen und Licht eines seiner Hobbys.

Also, nicht dass sie ihrer nach Höherem strebenden Tochter die Ehrung nicht gönnte. Aber ob sie, Luise, wirklich hierhin gehörte, unter all die Feingeister aus dem Verlag, die ihre Tochter „Kollegen“ nannte, das bezweifelte sie insgeheim dann doch. Die junge Frau, die sich während der offiziellen Feier so nett um sie gekümmert hatte, war ihr irgendwo abhanden gekommen, vermutlich fand sie sie zu langweilig. Menschen standen in Grüppchen zusammen, tranken und talkten. Luise sah sich suchend um. Wo war denn ihre Tochter geblieben? Sie hatte sie vorhin doch sogar ihrem Chef vorgestellt. Hm. Ob es ihr auffiel, wenn sie verschwand?

„Mama, was stehst du denn hier so allein herum?“ Da war ihre Tochter und wollte ihr ein weiteres Glas Sekt in die Hand drücken.
„Danke, Kind, aber ich brauche etwas zu essen, sonst merke ich den Alkohol zu sehr“, wehrte Luise ab. „Du weißt doch, Sekt.“ Sandra nickte gehorsam.
„Geht ja auch gleich los. Ach, wenn doch nur Papa hier sein könnte“, sagte sie.
Huch?
„Ist etwas passiert?“ fragte Luise vorsichtshalber.

Das Problem war, wie sich sehr schnell herausstellte, die ausgefallene Beleuchtung in der Ecke, wo gegessen werden sollte. Sandra, die ungern etwas dem Zufall überließ und sich für alles verantwortlich fühlte, nahm diese unverhoffte Misslichkeit persönlich. Und natürlich war um diese Uhrzeit weit und breit kein Hausmeister aufzutreiben.

Endlich ein handfestes Problem. „Ich seh mir das mal an. Wo ist der Sicherungskasten?“ fragte die Frau des Elektrikers.
„Im Treppenhaus. Mama! Und wenn dir was passiert?“
Aber Luise war schon unterwegs.

Am Sicherungskasten lauerte ein Kantinenmitarbeiter, der bisher nichts weiter getan hatte, als zu versuchen, die herausgeflogene Sicherung wieder reinzudrücken, was diese nicht zuließ.
„Es gab hier neulich schon Probleme nach dem Unwetter, wissen Sie?“, sagte er düster. „Ich glaube nicht, dass es die Sicherung ist. Vielleicht gibt es hier irgendwo einen Kurzschluss. Da können wir uns tot suchen.“ Luise gab ihm im Stillen recht. Trotzdem griff sie nach der herumstehenden Taschenlampe.
„Was suchen Sie?“
„Die Zuleitung für die ausgefallene Beleuchtung da oben.“
„Als die Elektriker das letzte Mal hier waren, waren sie dort über der Tür zugange. Vielleicht fangen Sie dort am besten an.“ Er zeigte nach draußen. „Warten Sie, wenn Sie was sehen wollen, brauchen Sie eine Leiter.“

Ich bin verrückt, dachte Luise, als sie ihr Hütchen absetzte und aus ihren Pumps schlüpfte, die für das Klettern auf eine Leiter nun wirklich völlig ungeeignet waren. Ach, egal. Oben sah sie sich dann tatsächlich einer Verteilerdose gegenüber, die auch schon bessere Tage gekannt hatte und deren Deckel ihr nach ein wenig Rütteln entgegenfiel.

„Oh“, sagte sie.
„Ja?“
„Junger Mann …“
„Frank.“
„Frank, können Sie die Taschenlampe halten? Und gleichzeitig aufpassen, dass keiner an den Sicherungskasten geht, damit ich hier nicht tot herunterfalle? Hier ist etwas gar nicht in Ordnung.“ Der nickte.
„Und in meiner Handtasche muss ein Schweizer Messer sein. Geben Sie mir das mal.“
Eins musste man ihm lassen, er zickte nicht rum und versuchte nicht, sie davon abzubringen. Da war sie von ihrer Tochter Schlimmeres gewohnt.
„Können Sie das denn?“ versicherte er sich etwas lahm.
„Natürlich kann ich das!“ antwortete Luise und griff nach dem Offiziersmesser. Bloß Tatsachen schaffen, bevor ihm einfiel, dass er garantiert keinen Betriebsfremden an die Elektrik lassen durfte. Schon gar nicht eine ältere Dame ohne Hut mit Sekt intus.

Schweizer Offiziersmesser enthalten eine Menge nützliche Dinge. Viele Leute benutzen höchstens noch den Korkenzieher oder den Flaschenöffner, aber, wie Luise sehr genau wusste, gehörte zum Funktionsumfang ihres Messers auch noch ein Drahtabisolierer, eine Kombizange und mehrere Schraubenzieher. Fix beseitigte sie verschmorte Drähte, isolierte Adern neu ab, die zum Glück gerade noch lang genug waren, verband sie über die Klemmleiste neu und schraubte alles gut fest. Gelernt war schließlich gelernt. Ihr Mann hatte ihr vieles beibringen können und hatte ihr schließlich das Messer geschenkt. Man wusste ja nie.

Inzwischen umstand ein Pulk Menschen die Leiter, ganz nah bei ihr ihre aufgeregte Tochter. Als Luise die Arme sinken ließ und „Fertig, Frank“ sagte, reckte sie ihr die Hand entgegen, um ihren Abstieg von der Leiter zu sichern. Frank wartete, bis sie sicheren Boden unter den Füßen hatte, und betätigte die Sicherung. Es flackerte und wurde Licht.

„Aaaaaah“, erklang es andächtig aus der Menge. Jemand begann übermütig zu applaudieren, die anderen fielen ein. Luise lächelte, schlüpfte wieder in ihre Schuhe und rückte ihren Hut zurecht.
„Sandra, ich könnte jetzt doch was zu trinken vertragen“, sagte sie schlicht. „Außerdem habe ich Hunger.“

 

Kabel – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kinder! Zu Hause nicht nachmachen! 😀 Ich hoffe doch sehr, dass diese Geschichte NICHT so in der deutschen Realität vorkommen kann, sondern nur meinem Kopf für Juttas Geschichtengenerator entschlüpfen durfte. Gegeben waren dieses Mal: Luise, Kantine und „Natürlich kann ich das!“

 

Aus der Traum

Abgehängt. Emma starrte ihr Handy an. Sie hatte sich ja vieles vorgestellt, aber dass der werte Herr Thomas Michael Alexander offensichtlich kneifen würde, war in ihren kühnsten Träumen nicht vorgekommen. Da telefonierte und mailte sie seit Wochen, ach was, seit Monaten mit ihm, hatte mit ihm Bilder ausgetauscht, mit ihm gelacht, geweint, diskutiert, gestritten und sich versöhnt und sich noch auf ganz andere Dinge am Telefon eingelassen – und dann das.

„Du bist wo? Hier in der Stadt? Heute schon? Entschuldige, das geht mir jetzt gerade zu schnell. Ich melde mich, okay?“

Ein Schlag auf den Kopf war dagegen freundlich. Nicht, dass sie ihm nicht seit Monaten von diesem Seminar erzählte, das am Montag beginnen und drei Tage dauern würde und ihr endlich die unverbindliche Möglichkeit bot, seine Stadt und damit ihn zu besuchen. Nicht, dass er nicht begeistert darauf eingestiegen war und ihr seit Monaten schon vorschwärmte, dass sie sich dann ja endlich kennenlernen könnten. Herausfinden, ob die Chemie auch live stimmen würde, und wie sehr er sich darauf freute. Sie schüttelte den Kopf. Nicht, dass da nicht in ihrem Hinterkopf das Stimmchen gewesen wäre, dass sie hartnäckig an die Sache mit dem Mann fürs Leben erinnerte.

Natürlich hatte sie nicht mit ihm darüber gesprochen. Jedenfalls nicht so. Hatte ihre Ungeduld und ihre überschäumende Vorfreude gezügelt, war klug gewesen wie immer, hatte zurückgesteckt, hatte ihn nicht eingeengt, bis sie sich fast gefesselt gefühlt hatte. Bah! Hatte niemals, niemals gefragt, ob er vielleicht auch Gefühle oder wenigstens Hoffnungen in diese Fernbeziehung – sie nannte es schon Beziehung, er wohl eher nicht – steckte, über die er lieber nicht sprach. Um sie nicht zu enttäuschen, um selbst nicht enttäuscht zu werden. Männer und Gefühle, ein heikles Thema. Okay, sie waren in dieser Hinsicht beide gebrannte Kinder, so viel stand schon mal fest.

Nein, sie hatte ihm nicht gesagt, dass sie schon am Freitagabend statt am Montagmorgen ankommen würde. Das war eine dieser berühmten spontanen Ideen ihrer lebenserfahrenen, älteren Freundin Luise gewesen. „Riskier doch mal was, Emmaschatz, du bist doch viel zu ernst. Entweder er zieht mit oder nicht, aber das Risiko, dass du dich mit dem Kerl in was verrannt hast, besteht doch sowieso. Und Hamburg ist eine tolle Stadt, da kannst du auch allein viel machen, falls nötig.“ Luise hatte gut reden, bei ihr hatte es ja schließlich geklappt mit der Internetbekanntschaft. Ihr Peter war mit fliegenden Fahnen zu ihr übergelaufen, als er ihrer ansichtig geworden war. Seitdem sprach Luise immer öfter davon, vielleicht nach Hamburg ziehen zu wollen.

Erst als sie mechanisch nach einem Taschentuch griff, fiel Emma auf, dass sie heulte. Na, großartig. So hatte sie sich ihren ersten Abend ganz bestimmt vorgestellt. Sie trat an das Fenster ihres Hotelzimmers und blickte über die Dächer hinweg in den Nachthimmel, den gerade bunte Raketen durchzogen, Feuerwerk, das offensichtlich über einem Rummel abgeschossen wurde. Ein hell erleuchtetes Riesenrad drehte sich langsam. Eigentlich schön. Aber wollte sie jetzt noch allein weg? Wo sie doch schon mal hier war? Die Reeperbahn war um die Ecke, so viel wusste sie. Andere Leute würden jetzt rausgehen und so richtig einen draufmachen, um den Frust zu vergessen.

Nein, entschied sie. Nicht allein in der fremden Stadt. Überhaupt war sie eine dieser rechtschaffen langweiligen Personen, die in den Krimis überwiegend als Leiche vorkamen und keinen weiter interessierten. Nicht mal Herrn Thomas Michael Alexander. Sie würde jetzt in die Badewanne steigen, sich weit hinaustreiben lassen und ihre Enttäuschung einfach in heißem Wasser, Wohlgeruch und Wein auflösen. Und das Handy abschalten. Der konnte sie mal! Arschloch! Ist doch wahr!
Es war das Schwerste, was sie seit Langem getan hatte.

Als sie wieder bereit war, sich ihrem Telefon zu stellen, war es schon Samstagmittag. Der Kater am Morgen war beträchtlicher als erwartet ausgefallen, und um ihn zu bekriegen, hatte sie ein ausführliches, ziemlich salzig-fettiges und insgesamt sehr gutes Frühstück genossen und war dann zu Fuß zu einer Hamburg-Erkundung aufgebrochen. Luise hatte ihr von einem Flohmarkt vorgeschwärmt, von dem ein paar ihrer aktuellen Lieblingsstücke stammten. Das Wetter war okay, es war nicht sehr weit und Emma gab innerhalb von zwei Stunden relativ viel Geld für relativ wenige wunderschöne kleine Dinge aus, inklusive einem regenbogenfarben schillernden Loop, dessen Rand genäht werden musste, einem zweisprachigen Gedichtband von Emily Dickinson mit wenigen Unterstreichungen, einer traumhaften Umhängetasche aus Naturleder und einem blauen Glasherz an einer Kette. Fehlte noch ein Hut und eine große Sonnenbrille, und sie würde aussehen wie ein Althippie. Prima.

Sie fühlte sich innerlich gewappnet genug, ihr Handy anzuschalten, aber ganz wohl war ihr nicht dabei.

Sieben – sieben! – Anrufe in Abwesenheit von Herrn Thomas Michael Alexander. Der erste noch gestern Abend, der letzte vor einer Stunde. Es ging ihr schlagartig besser. Und – immerhin – eine SMS. „Liebste Emma, ich bin so ein Idiot. Ich habe doch nicht gemeint, dass ich dich nicht sehen will! Bitte ruf mich zurück, wenn du dies liest, bitte! Dein Tom.“

Die Erleichterung überfiel sie so unvermittelt, das sie fast schon wieder geheult hätte. Das Handy lenkte sie ab, indem es klingelte. Er.

„Ja?“
„Emma? Emma, gottseidank, wo bist du?“
„Ich stehe mitten auf einem Flohmarkt in deiner wunderschönen Stadt.“
Pause.
„Kann ich dich treffen? Emma, ich hab da gestern was gesagt, was ich nicht so gemeint habe. Ich war nur so überrascht, ich bin eigentlich nicht so spontan. Ich könnte jetzt zu dir kommen, wenn du mir sagst, wo du bist.“
„Wenn ich das richtig mitbekommen habe, bin ich auf der Flohschanze.“
„Ha, guter Platz! Warte … siehst du die Straße, wenn du dich umschaust? Wenn du über die Straße gehst, bist du in der Rindermarkthalle, da ist eine Kaffeerösterei, die heißt auch so, die machen guten Kaffee.“
„Ich sehe“, Emma reckte den Hals, „eine Tankstelle. Und rechts dahinter so einen großen Klotz.“
„Genau da musst du hin. Die Rösterei ist gleich neben dem Eingang. Wenn du mir eine halbe Stunde gibst, dann können wir uns dort treffen. Ich bin der Typ mit der Rose und dem Fahrrad.“
„Und ich bin die mit dem bunten Tuch. Bis in einer halben Stunde, Tom.“
„Bis gleich, Emma!“

Ihr Name wie eine Liebkosung, ihr Herz ein einziges „Komm!“. Sie blinzelte in die Sonne und lächelte glücklich. Hatte sie auf der anderen Seite nicht einen Stand gesehen, wo es quietschbunte Fahrradklingeln gab? So viel Zeit war bestimmt noch.
Und überhaupt war Hamburg die schönste Stadt der Welt.

 

Schmuck auf dem Markt – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ich habe nicht zwangsläufig vor (na ja, mal schauen), meine „verpassten“ Beiträge zu Juttas Geschichtengenerator nachzuholen, aber diese Geschichte hält sich jetzt schon seit längerer Zeit in meinem Hirn, also will ich sie auch freilassen. Kommt Zeit, kommt Geschichte … Hier also mein Nachzügler zu Juttas Aufruf zu Emma, dem Flohmarkt und dem magischen „Komm!“

Und ja, die Orte sind real, es gibt besagten Flohmarkt und das Café, und Emma ist offensichtlich zu einer Zeit in der Stadt, wo Dom ist, denn der hat jeden Freitag ein Feuerwerk.

 

Tragischer Unfall am Weiher

„Tine! Um Himmels Willen, was ist passiert? Hattest du einen Unfall? Soll ich die Polizei rufen?“
Die Stimme störte. Sie kam nur langsam zu sich. Ihre ganze rechte Seite tat furchtbar weh. Wo war sie? Sie spürte sengenden, ungezügelten Zorn in sich aufsteigen, schreckte hoch und riss die Augen auf. Das Gesicht vor ihr zuckte zurück.
„Tine! Ich bins doch!“

Birte, die Nachbarin von unten. Sie saß auf einer Treppenstufe in ihrem vertrauten Treppenhaus, wie sie erleichtert feststellte. Langsam wich ein roter Nebel aus ihrem Kopf. Irgendwas war mit ihren Augen nicht okay. Warum erwartete sie, eine … Schnauze … zu sehen? Warum fühlte sie sich mit ihren 50 Kilo … massig? Und sie hatte hämmernde Kopfschmerzen. Vorsichtig lehnte sie den zerbrechlichen Kopf an das Geländer.
„Hallo, Birte“, krächzte sie mühsam, „was ist los?“ Warum tat ihr Hals so weh? Sie war doch nicht erkältet.
„Das frage ich dich gerade! Deine Hose ist total zerrissen! Bist du überfallen worden?“
Sie sah an sich herunter. Das rechte Bein ihrer Jogginghose war bis übers Knie aufgerissen, das linke sogar ziemlich zerfetzt und schmutzig. Joggen, richtig. Sie war am frühen Abend joggen gewesen. Ihre übliche Strecke um den Weiher. Sie erinnerte sich nicht an die komplette Runde, nur an eine wahnsinnige Wut. Als sie ihre Hände betrachtete, sah sie dunkle Ränder unter den Nägeln und eine Spur auf einem Handrücken. Sie widerstand der Versuchung, daran zu lecken, war aber plötzlich überzeugt, dass es Blut war. Ihr Blut? Wessen Blut? Oh! Verdammt, warum wusste sie nicht, was passiert war? Eins war zum Glück sicher, sie war nicht vergewaltigt worden.
„Weiß nicht. Glaub nicht. Keine Ahnung. Muss irgendwie hingeknallt sein.“

Sie stand stöhnend auf und wäre beinahe umgeknickt, so sehr schmerzte ihr Knöchel. An ihrem rechten Handgelenk baumelte am gewohnten Band ihr Wohnungsschlüssel … falsch. Der Schlüsselgriff. Ihr Schlüssel war abgebrochen! Sie betrachtete den Überrest fassungslos. Langsam wurde ihr unheimlich.
„Birte, ich brauche wohl meinen Schlüssel von dir zurück. Und hilfst du mir nach oben? Ich glaube, ich will als erstes in die Badewanne.“

Zwei Stunden später lag Tine im Bett. Ihre ganze rechte Körperhälfte war übersät mit Prellungen, der Fußknöchel ziemlich geschwollen und zwei Finger der rechten Hand taten auch übel weh. Sie fiel trotzdem fast sofort in einen tiefen Schlaf.

***

Im Traum lief sie noch mal am Weiher entlang. Sie liebte diese Strecke, die größtenteils durch ein Naturschutzgebiet führte. Es waren wenig Leute unterwegs, vermutlich war es den meisten bereits zu dunkel. Sie hatte keine Angst, sie kannte jeden Abschnitt des Weges, begrüßte die Möwen, ihre alte Lieblingseiche, die Blässhühner, Enten und Teichhühner, sah weiter hinten den Kranich an seinem gewohnten Platz stehen und die Wasserfläche beobachten. Dort schwamm ein Schwan, wo mochte sein Partner sein? Ach da vorn, am Ufer vor den Bäumen, ganz allein. Komisch. Ob er wohl brütete?

Stimmen störten ihren Traum. Stimmen, die den Schwan auf dem Trockenen aufscheuchten und ihm Angst machten. Junge Stimmen. Dumme Stimmen.
„Ey, komm schon, ist doch nur ein Vogel, ist doch lustig.“
Sie waren zu zweit, der flügelschlagende Schwan würde keine Chance haben, sein Nest zu verteidigen.

Als sie sogar im Traum erneut von dem roten Nebel überschattet wurde, bekam sie nur noch mit, dass sie schreiend durch Unterholz rannte, dass sie sich auf ein anderes Wesen warf und voller Inbrunst auf ihm herumtrampelte und dass jemand wieder und wieder verzweifelt versuchte, ihr in die Seite zu treten …

***

Als Tine am nächsten Tag erwachte, war es Mittag und sie fühlte sich erschöpft, aber gut. Keine Spur von einem roten Nebel. Keine Alpträume. Sie beschloss zu versuchen, den Unfall zu vergessen. War ja nichts passiert. Die Prellungen hatten sich in Blutergüsse verwandelt, gebrochen schien nichts zu sein, die Schmerzen waren erträglich. Die Sonne schien. Morgen würde sie wieder im Büro sitzen können. Und in den nächsten Wochen war halt Studiotraining statt Laufen angesagt.

Sie entdeckte die Meldung am Wochenende im Wochenblatt.

Tragischer Unfall am Weiher. Bei einem tragischen Unfall am Weiher sind am vergangenen Dienstag zwei Jugendliche zum Teil schwer verletzt worden. Alexander F. (14) und Kevin K. (16) waren abseits des Weges am Ufer unterwegs, als sie von einem großen Wildschwein angegriffen und überrannt wurden. Kevin K. erlitt einen mehrfachen Schenkelbruch und Fleischwunden, Alexander F. wurde bei dem Versuch, das Tier abzulenken, ebenfalls zum Ziel und konnte sich mit einem gebrochenen Unterarm nur durch einen Sprung in den Weiher retten. Spaziergänger hörten Hilferufe und riefen den Notarzt. Es wird angenommen, dass das Wildschwein Junge führte und von den Jugendlichen aufgeschreckt wurde. Von den Tieren fehlt jede Spur.  

Das Wochenblatt wusste nichts von einem Schlüsselbart, der operativ aus dem Oberschenkel von Kevin K. entfernt werden musste. Das Schwanenpaar brütete in diesem Jahr immerhin zwei Junge aus.

 

Wildschwein – 365tageasatzdayQuelle: Pixabay

 

Ich fürchte, das ist nicht die „Treppenhaus“-Geschichte, die Jutta sich in ihrem letzten Geschichtengenerator-Aufruf vorgestellt hat, aber irgendwie hat die Treppenhaus-Szene diesmal bei mir nicht gezündet und ich musste warten, bis eine Idee vorbeikam, die zumindest einen Aufenthalt im Treppenhaus abwarf. Betonen möchte ich, dass vor/während der Erstellung dieser Geschichte weder Menschen noch Tiere zu Schaden kamen … man weiß ja nie. 😉

 

Lilly greift ein

Jenny hatte ihm öfter vorgeworfen, dass er ein beziehungsunfähiger Sack wäre. Unfähig, die Bedürfnisse anderer zu erkennen oder noch schlimmer: daran nicht mal interessiert. Sie hatte noch ganz andere Dinge gesagt, aber „beziehungsunfähig“ war immer dabei gewesen. Zum Schluss hatte er gar nicht mehr zugehört.
Unfähig. Er war eben einfach unfähig. Ein Versager. Ein Vollhorst.
Glaubte er das? Ach na ja. An guten Tagen nicht.
Sie hatten ganz bestimmt unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Haus bauen, Sohn zeugen, Baum pflanzen – nicht sein Ding. Noch nicht. Bei ihr dagegen tickte wohl schon die biologische Uhr, das war ihm nicht klar gewesen. Frauen waren manchmal komisch.

Wo also war dieses verdammte Vieh? Die Sucherei machte Thomas nervös. So groß war seine Wohnung nun auch wieder nicht, obwohl seine Schwester ihn gerade deswegen gebeten hatte, ihr Herzblatt für die Zeit, die sie im Krankenhaus verbringen würde, aufzunehmen. Er hatte nicht ablehnen können, obwohl Katzen nicht so sein Ding waren.
„Komm schon, Tom“, hatte sie zu ihm gesagt, „du kennst ihn, er kennt dich, ist doch optimal. Gib ihm regelmäßig zu fressen, streichel ihn, sprich mit ihm und sag ihm, dass ich bald wiederkomme und ihn vermisse, sieh zu, dass er immer auf sein Klo kann und gib acht, dass du die Tür nicht auflässt, damit er nicht abhaut. Weißt ja, bei mir darf er nicht raus. Meine ganzen Freunde wohnen in so Schuhschachteln, bei dir hätte er wenigstens zwei große Zimmer und die Küche als Auslauf.“ So war Lene. Nur das Beste für die, die ihr am Herzen lagen.
Außerdem war er ihr noch was schuldig gewesen wegen Helfen nach der Sache mit Jenny und so.
Sie hatte ihm nicht gesagt, dass der betagte Kater ein Kletterkünstler war und sich gern auf den Schränken und in den Regalen versteckte. Zwischen der Bügelwäsche. Unter dem Bett sowieso. Hinter den Gardinen oder den Büchern. Schubladen sollte man auch besser keine offenlassen. Lilly erwies sich als kreativ.

Thomas stand in der Küche und starrte nachdenklich auf das unberührte Futter. Er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. WO ZUM TEUFEL WAR LILLY? Er war heute Morgen spät dran gewesen, hatte nicht nach ihm geschaut, hatte nur das Futter aufgefüllt und war zur Arbeit gehetzt. Hatte den Pelzigen der Katzenschlag getroffen und er vergammelte jetzt unter irgendeinem Schrank oder hinter den Büchern? Bitte nicht. Lene würde ihn umbringen.
Konnte er entwischt sein? Ausgeschlossen!
Oder? Er dachte nach.
Oh Gott!
Er hatte gestern Abend gewaschen. Im Keller, wo in diesem Haus die Waschmaschinen standen. Möglicherweise hatte er seine Tür nur angelehnt gehabt und das neugierige Vieh war ihm gefolgt. Verdammt, verdammt, verdammt.
So schnell war er noch nie die Treppen vom ersten Stock in den Waschkeller hinunter gerannt. Riss die Tür auf, knipste das Licht an.
„Lilly? Lilius?“ Die dumpfe Wärme des schlecht belüfteten Kellers empfing ihn. Es roch nach Feuchtigkeit, Waschmittel und Weichspüler. Keine wartende Katze.

Thomas hielt sich am Türrahmen fest, als seine Knie plötzlich weich wurden, und schloss die Augen. Horrorszenarien überfielen ihn, spielten sich vor seinem inneren Auge ab. Lilly, durch die zufallende Haustür nach draußen auf die Straße entwischt, von dem ungewohnten Lärm erschreckt, vor einem Hund flüchtend, vor ein Auto gelaufen, über die befahrene Straße gerannt, in den Vorgärten oder dem Park streunend, immer wieder verscheucht, verängstigt, frierend, hungrig …

Und alles war seine Schuld. Jenny hatte ihn schon richtig erkannt, er hatte sich während ihrer ganzen Beziehung niemals so intensiv wie jetzt etwas gewünscht, jetzt, wo er den Gedanken nicht ertragen konnte, dass er das, was seiner Schwester fast das Liebste war, durch sein Desinteresse verloren hatte. Voll verkackt, Alter, aber sowas von. Er war ein unfähiger, selbstgefälliger Versager.

Er verließ die Waschküche und machte sich auf den Weg nach oben. Ihm graute davor, Lene anrufen zu müssen. Als er die Treppe in den ersten Stock in Angriff nehmen wollte, hörte er die Haustür gehen. Angestrengte Schritte näherten sich langsam. Die Nachbarin von unten, die wahrscheinlich vom Einkaufen kam. Nun, er konnte ja mal fragen.
„Äh, guten Abend. Entschuldigen Sie, Sie haben nicht zufällig gestern Abend oder heute hier im Treppenhaus eine schwarz-weiße Katze gesehen? Mit einem schwarzen Fleck am Kinn?“
Offensichtlich erkannte sie ihn als den neuen Mieter von oben, denn sie nickte grüßend und stellte ihre Einkaufstaschen ab, um ihre Wohnungstür aufzuschließen.
„Habe ich nicht, nein, und auch nichts gehört. Aber Sie wissen, junger Mann, dass Tierhaltung in diesem Haus verboten ist?“
Thomas unterdrückte den spontanen Wunsch, den Tag mitsamt der älteren Dame in die Tonne zu treten.
„Wusste ich nicht, nein, und es ist auch nur vorübergehend. Die Katze gehört meiner Schwester. Aber jetzt ist sie abgehauen und ich dachte, ich frag mal rum.“
„Ja, das ist dann immer nicht so schön“, sagte der Drachen hilfsbereit. „Haben Sie schon das Tierheim angerufen, ob sie dort vielleicht abgegeben worden ist? Oder Zettel gemacht mit Ihrer Telefonnummer? Die können Sie ja dann in der Gegend aufhängen.“
Thomas schluckte die Feststellung hinunter, dass er nicht wüsste, was er lieber täte. Ein einziger Alptraum. Sein Hirn marterte ihn mit Bildern von Lilly, der von Hunden gejagt auf einen Baum geflüchtet war und klagte … und er war nicht da gewesen, um sich um ihn zu kümmern.
„Danke“, sagte er und wankte zur Haustür. Öffnete sie, sah hinaus, halb darauf gefasst, halb hoffend, ein Miauen aus den Gärten gegenüber zu hören. Nichts. Es dämmerte, aber heute hatte er keinen Blick für das Abendrot. Er ließ die Tür wieder ins Schloss fallen und machte sich erneut ziemlich mutlos auf den Weg nach oben, als sein Blick routinemäßig die Pinnwand in der Nische mit den Bekanntmachungen für das Haus streifte. Über all den Müllabfuhrterminen,  Notrufnummern und sonstigem Kram prangte ein großer Zettel.

Liebe Nachbarn! Wer vermisst eine Katze? Schwarz-weiße Katze zugelaufen! Bitte melden bei Mina, WG, 2. Stock

Zum zweiten Mal für heute traf ihn fast der Schlag. Dieser allerdings vertrieb alles Blei aus seinen Knochen. Thomas sprintete förmlich in den zweiten Stock. Auf sein Klingeln hin öffnete ein junger Typ, der so blass war, dass es sogar Thomas auffiel.
„Ja?“
„Jemandem von euch ist eine Katze zugelaufen?“
Der Typ nickte.
„Komm rein, mach die Tür zu. Sie ist bei Mina.“
Er drehte sich um. Thomas trat ein und stand in einem langen Flur voller Türen, der mit allerlei Kram vollgemüllt war.
„Mina?“ rief der Blasse, bevor er rechts in einer der offenen Türen verschwand.
„Ja?“
„Hier ist jemand wegen der Katze!“
„Ich komme!“
Weiter hinten hörte er ein Geräusch.
„Nein, hiergeblieben“, sagte die Stimme freundlich. Aber dann erschien eine Katze im Türrahmen und marschierte auf Thomas zu.
„Lilly!“ rief er. „Lilius! Komm her, Katerchen! Wo hast du denn gesteckt?“ Er ließ sich auf die Knie fallen und beobachtete den großen Kater, der majestätisch auf ihn zuschritt, sich vor ihm aufbaute und darauf wartete, dass Thomas eine Hand ausstreckte, damit er seinen Kopf in ihr versenken und sich kraulen lassen konnte.
„Na, du Abenteurer“, sagte Thomas. „Wenn wir das in einer stillen Stunde deinem Frauchen erzählen, dann kriegen wir aber beide mächtig Stress.“ Er stand auf und nahm den Kater auf den Arm. Mina war zu ihnen gekommen. Auf ihrer Schulter saß ein rotgetigertes Katzenkind.
„Hi“, sagte Thomas. „Ich würde dir ja gern die Hand schütteln und mich bedanken, wenn ich nicht gerade verhindert wäre. Ich bin Thomas und wohne eins tiefer. Wie hat der Strolch denn zu dir gefunden?“
„Das frag den Zwerg auf meiner Schulter“, sagte Mina grinsend. „Die maunzte an der Tür rum, und als ich rausguckte, stand er davor und wollte unbedingt rein. Dann hat er Emmas Futternapf leer geputzt, sich auf die Couch gelegt und so getan, als ob er hier wohnt. Ganz schönes Macho-Gehabe, aber Emma fand das cool, also hab ich die beiden gelassen. Nur als er dann heute keine Anstalten machte aufzubrechen, dachte ich, dass ihn bestimmt wer vermisst und hab unten den Zettel hingehängt.“
„Da war ich vermutlich schon weg zur Arbeit.“
„Ist er dir abgehauen? Wie heißt er? Lilly?“
„Er hörte schon auf Lilly, bevor meine Schwester vor vielen Jahren merkte, dass er ein Kater ist“, bestätigte Thomas. „Er gehört ihr. Ich sage manchmal Lilius zu ihm, aber Lene findet das nicht witzig. Gestern war ich unten zum Waschen und habe wohl verpennt, die Tür ins Schloss zu ziehen, da muss er raus sein. Danach hab ich nicht sofort gemerkt, dass er weg war, weil er sich eh viel versteckt. Er ist bei mir bloß zwischengeparkt, ich hab mir nie so viel aus Katzen gemacht. Und wenn ich mir überlege, was alles hätte passieren können, mache ich mir Vorwürfe, dass ich so ein Idiot war.“
Mina nickte und betrachtete Lilly, der inzwischen den Kopf auf Thomas‘ Schulter gelegt hatte.
„Versteh ich gut, aber mach dich nicht fertig. ‚Einem Menschen, den Kinder und Tiere nicht leiden können, ist nicht zu trauen‘, heißt es. Er hier mag dich auf jeden Fall. Falls es dir hilft und ich das sagen darf, ich finde, du bist durchaus am Gewinnen. Wenigstens vorläufig.“
Lilly begann mit geschlossenen Augen zu schnurren. Seine Welt war also anscheinend wieder ganz okay. Thomas hätte vor Erleichterung heulen können. Vielleicht würde er sein Leben ja doch nicht als Vollhorst beschließen.

 

Lilly – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Tom (sucht etwas), Treppenhaus und Ausgeschlossen! spuckte Juttas Geschichtengenerator für diese Woche aus. Nun, nachdem ich aus diversen Beiträgen und Kommentaren erfahren hatte, dass Tom bereits durchaus negative Erfahrungen mit Treppenhäusern gemacht hatte, wollte ich ihn nicht schon wieder vor verschlossenen Türen stehen lassen. Und dann wusste ich, dass Tom verzweifelt eine Katze suchen würde …

 

Nicht mit mir

Wer sich endlich mal der Frage stellt, ob er für alle der Arsch ist, und das bejahen muss, wird leicht ein bisschen komisch. Viktor hielt sich nicht für den Typ, der die Welt in die Luft sprengt. Sich das Hirn vollzuknallen kam als Dauerlösung auch nicht mehr infrage, nicht, dass er das nicht schon reichlich betrieben hatte. Nach dem ersten „Ihr könnt mich alle mal“-Schock schaltete Viktor („der Sieger“, ha!) seine Umwelt auf stumm, ging in sich und blieb da.

„Schatz, du wolltest mir doch …“
„Nein.“
„Sohn, du hast uns aber versprochen …“
„Nein.“
„Herr Schumann, ich erwarte von Ihnen … Herr Schumann?“

Dieses Nein wurde sein neues Lieblingswort. Es schrie danach, dass er sein Leben radikal änderte und glitzerte magisch. Viktor verfiel der Versuchung und plante methodisch und undercover einen Ausstieg aus allen Inszenierungen.

Job? Unbezahlter Urlaub. Egal, er wusste eh noch nicht, ob er zurückkommen würde.
Beziehung? Abgehakt. Gründlich. Wenn er ehrlich war, schon länger. Sex gegen zusammen Klamotten kaufen gehen und abends Dschungelcamp gucken? Nicht mit ihm, nicht mehr.
Hund, Katze, Maus, Elefant, Topfpflanze? In gute Hände abgegeben. Das mit dem Hund war sauschwer gewesen, aber er war dem Hund was schuldig, der hatte immer zu ihm gehalten.
Auto? Freunden überlassen. Irgendwie hatte er sich mit der Karre jahrelang verwachsen gefühlt, das würde noch hart werden.
Wohnung? Untervermietet, Post umgeleitet. Er würde das Ding durchziehen. Er war so bereit, wie er nur sein konnte.

Als er nach vier Wochen vormittags aus der Tür seiner Wohnung trat, war er auch äußerlich verändert. Die obere Hälfte seines Gesichts bedeckten Strickmütze und Sonnenbrille, die untere ein zögerlich sprießender Hipster-Bart. Ungewohnt. Er schulterte den Rucksack, warf den Schlüssel in den Briefkasten und versenkte zum letzten Mal die Tüte in der Mülltonne.

Frei und aller Pflichten ledig zu sein war ihm ziemlich fremd. Vor der Tür schaute er gen Himmel, als ob er ihn noch nie gesehen hätte, atmete tief ein und hustete. Sogar die Luft war hier Sondermüll. Er musste fort, jetzt oder nie. Nein, es tat ihm nicht leid, beschloss er. Und seine jäh aufwallende Angst vor dem Abenteuer Leben würde er gleich mit entsorgen.

Seine Lieblingsmusik auf den Ohren machte er sich auf in Richtung Bahnhof. Ein lässiger Spruch hätte ihm jetzt gut in den Kram gepasst, aber ihm fiel nichts ein. Er fühlte sich großartig.

 

Sag einfach Nein! – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Dies hier ist mein Beitrag zu dem aktuellen Aufruf von Juttas Geschichtengenerator, wer mich kennt, den wird das nicht weiter wundern. Eigentlich sollte Viktor ja „beim nächsten Mal Nein sagen“, aber 1.: wer weiß, ob er das nicht tut, und 2. sah ich ihn mit dem Rucksack vor die Tür treten und in die Sonne blinzeln, aufgebrochen wohin auch immer, bevor es zu spät war. Da konnte ich nicht mehr zurück.

Euch einen schönen Sonntag!

 

Wofür Mathe alles gut ist

Klassenclown sein ist echt scheiße. Okay, meistens nicht, ist schon krass, wenn alle dir nachschauen und lachen und deine Sprüche gut finden. Wenn aber das einzig coole Mädchen auf dem ganzen Planeten sich immer wegdreht und anfängt, mit ihrer besten Freundin zu kichern, wenn sie dich sieht und du hundertprozentig weißt, die reden über dich … dann, Alter, hast du ein Problem.

Es hatte Erkan erwischt. Und zum ersten Mal kam er nicht weiter. Seine großmäuligen Reden interessierten sie nicht. Andere Weiber hingen ihm an den Lippen, sie ging einfach weg und tat so, als hätte sie nichts gehört. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen, oder? Er verdoppelte seine Anstrengungen. Mit dem Erfolg, dass sie den Klassenraum verließ, wenn er reinkam, oder nur genervt die Augen verdrehte und durch ihn hindurchsah, als wäre er nicht da.

Wenn er unbeobachtet war, starrte er ihr hinterher. Es musste ihr doch auffallen, dass er mehr für sie empfand! Irgendwann stellte ihn sein Bruder zur Rede, der mitbekam, dass Erkan fast gegen eine Laterne lief, als vor ihnen ein gewisses Mädchen um die Ecke bog und er sie mit Blicken fast verschlang.

„Alter, du bist ja so was von weg! Wie heißt sie denn?“
„Julia.“
„Ist es was Ernsthaftes?“
„Was?“
Hassan, fünf abgeklärte Jahre älter, seufzte.
„Weiß sie überhaupt, dass es dich gibt?“
„Klar.“
„Also nicht. Und?“
„Sie will nichts von mir. Sie spricht nicht mal mit mir.“
„Bitter. Habt ihr irgendwelche Kurse zusammen?“
„Nee. Doch. Mathe, ab nächster Woche. Der Müller ist krank, die legen die Kurse zusammen.“
„Sieh zu, dass du irgendwo bei ihr sitzt. Mit bisschen Glück fragt sie dich, wenn sie was nicht schnallt. Mädchen können oft kein Mathe.“
Erkan sah zu seinem Bruder auf.
„Aber ich, ja?“
„Aber du hast einen Bruder, der Mathematik studiert und die nächste Zeit Semesterferien hat. Ich könnte dir helfen. Wenn du kapierst, was ich sage, natürlich.“
„Natürlich kann ich das!“
„Deal.“

In den folgenden Wochen fieberte Erkan den Mathe-Stunden entgegen, denn Julia, die wunderbare Julia, hatte wirklich keinen Plan von Mathe. Also, jedenfalls noch viel weniger als er. Und Erkan entdeckte, dass er ganz gut erklären konnte, nachdem er in Julias Gegenwart wieder erlernt hatte, wie man atmet und spricht. Ohne Sprüche zu klopfen. Okay, meistens.
Bald saßen sie nach der Mittagspause immer am gleichen Tisch hinten in der Kantine neben den bodenhohen Fenstern, tranken Kaffee, steckten die Köpfe zusammen, machten Hausaufgaben und diskutierten über alles. Manchmal waren Kumpels dabei, meistens ihre Freundin, selten waren sie allein. Julia würde nie ein Mathe-Crack werden, aber dafür hatte sie bedeutend mehr Ahnung von Latein als Erkan. Er half ihr, sie half ihm. Immer noch raste sein Herz, wenn er sie ansah. Immer noch ließ ihr Lächeln ihn schlucken.

„Schau mal“, sagte sein Bruder eines Abends. Er zog eine Postkarte heraus und gab sie ihm. Eine Spirale in Schwarz-Gold. Er war sich nicht ganz sicher, ob es eine Computergrafik war oder ein Foto eines Stoffmusters.
„Krass! Was ist denn das?“
„Mathematik.“
„Hä?“
Hassan lachte.
„Die Abbildung einer Julia-Menge. Unter anderem. Hat was mit Chaosforschung zu tun. Schlag mal Mandelbrot-Menge und Apfelmännchen nach, wenn du wissen willst, was wir an der Uni so treiben.“
Erkan hörte nur ‚Julia‘. Was anderes hätte Hassan auch gewundert.
„Kann ich die haben?“
„Sicher.“

Erkans Chance kam schon am nächsten Tag. Als Julia nachmittags ohne ihre Freundin zu ihrem üblichen Tisch kam, zog er die Karte hervor.
„Für dich.“
„Ohhh, echt? Ist die schön! Tolle Farben! Was ist das?“
„Eine Julia-Menge. Hat was mit Chaosforschung zu tun“, sagte er und hatte Angst, wie ein Klugscheißer zu klingen. Sie sah ihm in die Augen, worauf er prompt rot wurde. Er hielt ihrem Blick stand.
„Äh, sag mal“, begann er, „gehst du heute Abend mit mir ins Kino?“
Sie überlegte.
„In was?“
„Egal. Such dir was aus. Hauptsache, nur du und ich.“ Es war raus. Er hatte es wirklich gesagt!
„Wirklich? Du bist ja süß. Ja, gern.“

Erst dachte er, er hätte sich verhört. Dann raste die Erleichterung wie eine Welle durch seinen Körper und machte, dass ihm schwindlig wurde. Er wusste genau, dass seine Beine ihn jetzt auf keinen Fall tragen würden, also blieb er sitzen und legte vorsichtig seine Hand auf ihre, als wäre das das Normalste überhaupt. Sie lachte ihn an, und die Welt blieb stehen.

 

Julia-Menge, Fraktal – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Achachach. Da präsentiert uns Jutta in ihrer neuesten Schreibanregung den „ziemlich verliebten“ Erkan, und morgen ist Valentinstag. Ein Schelm, der Böses dabei denkt? Nachdem ich den Valentinstag meist souverän ignoriere (und nicht nur ich), konnte ich jedoch der Aufforderung, an einer Liebesgeschichte zu basteln, zu meinem eigenen Erstaunen nicht widerstehen. Nicht mal irgendeine drohende Verdammnis musste hinein. Hm. Sehr merkwürdig.
Sagt mir bitte, ob ich zu sehr in den Kitschtopf getreten bin, ich habe versucht, es zu umgehen … wenn man nicht generell diese Art Geschichten schon für Kitsch hält.

Ach so: Mehr Infos zur Mandelbrot- und Julia-Menge gibt es hier und hier, Apfelmännchen werden hier erklärt, und ich behaupte nicht, dass ich irgendwas davon verstanden habe.

 

Und nicht einmal die Uhren bleiben stehn …

An der Wand tickte leise die Uhr. Zehn vor elf. Luise saß bei ihrem Vormittagskaffee am Küchentisch und starrte wie betäubt auf die aufgeschlagene Zeitung. Da stand es schwarz auf weiß. SIE war tot. Keine große Sache vielleicht, wenn eine Schauspielerin mit 91 Jahren stirbt, nicht so für Luise.

Geboren wurde sie als Renate Luise Schneider. In jenem Sommer waren Bombennächte in Deutschland noch nicht selbstverständlich häufig, aber Leben war bereits kostbar geworden. So gab ihr die Mutter die Namen von Zweien, die sie vor kurzem im Bombenhagel verloren hatte. Um die Erinnerung wachzuhalten. Ihre Mutter blieb traurig, wenn sie sie ansah, und das kleine Mädchen dachte, sie wäre schuld. Als sie später verstand, dass keiner ihrer Namen wirklich ihr gehörte, fühlte sie sich betrogen. Irritiert. Wer war sie?

Sie war 15einhalb, als sie sich ins Kino schlich und SIE zum ersten Mal sah. Ab heute wird alles anders? Ja, buchstäblich. Nachts schlief sie nicht, lag im Schein einer Kerze wach und starrte grübelnd an die Decke. Sie hatte gefühlt, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmte, und nun wusste sie plötzlich einen Weg. Es war wie eine Befreiung. Am nächsten Tag eröffnete sie ihrer Mutter, dass sie das Elternhaus verlassen und auf die höhere Schule weggehen würde. Und dass alle sie von nun an „Luise“ nennen sollten. Ihre Mutter stimmte befremdet nach langen Wortgefechten zu, dachte aber bei sich, dass das Leben ihrer Ältesten schon die Flausen austreiben würde. Sie irrte sich. Luise hatte im Kino erkannt, was sie von ihren Eltern nicht lernen würde – vorwärts zu schauen.

Ihr Leben verlief nicht gradlinig, aber sie sah nicht zurück. Sie schaffte das Abitur und wollte Kunstlehrerin werden, heiratete aber dann noch während des Studiums und blieb zu Hause. Ein kleines Häuschen im Vorort, ein Garten, in dem sie Gemüse zog. Das erste Kind war ein Sohn, er gedieh gut und erwies sich als fleißig, sehr zur Freude seines Vaters. Die erhoffte Tochter starb kurz nach der Geburt, schwerstbehindert wegen Blutgruppenunverträglichkeit, zu spät erkannt. Jedes weitere Kind ein tödliches Risiko. Luise war untröstlich, ihr Mann niemandem eine Hilfe, auch nicht sich selbst.

Bleierne Tage, graue Zeiten.

Hin und wieder sah sie SIE im Kino, später im Fernsehen, und hielt mit ihr innere Zwiesprache. Das Gefühl der Nähe wich nicht. Feiertage für ihre Seele. SIE war und blieb für sie eine starke, unabhängige Frau, herzlich und wunderschön. Luise verachtete unterwürfig zur Schau getragene Bewunderung, aber sie verbarg eine Mappe im Schrank, in der sie Berichte über SIE sammelte, die sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Ihr ganzer Stolz war ein Autogramm von IHR, für das sie extra das Fernsehen anschreiben musste, und das sie wie ihren Augapfel hütete.

Sie wurden gemeinsam alt. In Würde. Längst war Luise mehrfache Großmutter, trug ihre weißen Locken ungefärbt und hatte ein künstliches Hüftgelenk. Zuletzt hatte sie vor fünf oder sechs Jahren eine Dokumentation über SIE im Fernsehen gesehen, SIE war mit Mitte 80 nach wie vor eine geistreiche Persönlichkeit und offensichtlich auch von anderen unvergessen. Sie hatte IHR anerkennend zugenickt.

Und nun war SIE tot. Ab heute würde alles anders sein. Irgendwie.

Das Radio fragte, ob denn Liebe Sünde sein könne. Ach Hilde, dachte Luise und stand auf. Die Hüfte schmerzte bei den ersten Schritten, aber das würde vergehen. Den Artikel konnte sie auch später noch aus der Zeitung ausschneiden. Sie machte das Radio aus, zog Schuhe und Mantel an, griff nach ihrer Handtasche und verließ das Haus. Ihr Mann war schon nach dem Frühstück in seiner Werkstatt verschwunden, wo er bestimmt wieder eine alte Uhr oder einen Wecker zum Leben erweckte. Hauptsache, er musste nicht mit Menschen sprechen. Er genügte sich selbst. Seine Leidenschaft gehörte allem, was tickend die Zeit maß.

Im Schaufenster des Blumengeschäfts an der Bushaltestelle musterte sie sich und korrigierte den Sitz ihres Hutes. Eine alte, kerzengerade aufgerichtete Frau mit traurigen Augen auf dem Weg zur Theaterprobe. Sie atmete tief durch.
Jeder hat so seine Träume.

 

Taschenuhr – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

Anmerkungen:

  • Die Titelzeile ist der Schluss eines Gedichtes von Mascha Kaléko, Ein kleiner Mann stirbt (erwähnt hier, bitte nicht zitieren wg. Copyright).
  • Ja, es gibt den Film. Er kam Anfang 1957 in die Kinos.
  • Ja, es gibt die Schauspielerin. Sie ist im letzten Monat gestorben, ich bin sicher, der/die eine oder andere weiß, wen ich meine.
  • Ja, ich habe mit Luises Alter bisschen geschwindelt. Der Film war zwar ab 16 Jahren freigegeben, aber Luise konnte damals maximal 14einhalb sein, vor 1942 gab es keine größeren Luftangriffe auf zivile Ziele … oder?
  • Ja, auch dies ist wieder ein Geschichtengenerator-Beitrag zu Juttas aktuellem Aufruf, dieses Mal habe ich mir aus dem „Fundus“ noch den Satz „Ab heute wird alles anders“ geborgt.

 

Ein schönes Wochenende euch!

 

Das Löwentor

„Komm!“ hörte sie eine Stimme. Tief. Grollend. Lockend. Oder war sie nur in ihrem Kopf? Flo hielt sich am Türrahmen des Ateliers fest und spähte durch die offene Tür hinein. Keiner zu sehen. Ganz leise, damit die Dielen nicht knarrten und sie verrieten, schlich sie hinein. Bestimmt sollte sie nicht hier sein.

Wo war Hubert, der alte Mann, der hier oben immer malte und den sie oft abends mit ihrem Vater in der Gaststube beim Wein große Reden schwingen hörte? Egal. Sie sah sich um. Durch das große Fenster fiel Licht auf den abgescheuerten Teppich mit den vielen Farbflecken in der Mitte. An der Wand weggeräumt stand eine Staffelei mit einem Bild. Auf dem Teppich lag ein Buch.

So ein Buch hatte Flo noch nie gesehen. Es war groß und ganz sicher schwer, denn sein Einband war aus dunklem, dickem Leder. Die Ecken waren mit goldenen Ornamenten verziert und zwei Buchschließen hielten es geschlossen. Seltsam, nirgendwo stand ein Titel oder ein Verfasser. Aber in der Mitte des Buchdeckels prangte ein sehr großes rankenartiges Ornament, und darauf war ein fein gearbeiteter Löwenkopf aus Metall, der einen Ring im Maul hielt. Flo hielt den Atem an. Es war so schön!
Sie setzte sich davor auf den Boden und betrachtete das Buch, nicht sicher, was sie jetzt tun sollte. Weglaufen wollte sie nicht, obwohl sie von unten Türenklappen und Rufe hörte, die ihr verrieten, dass ihre Brüder aus der Schule gekommen waren. Bald würde es sicher Essen geben, und dann würde man sie vermissen.
Vorsichtig streckte sie eine Hand aus und strich über eine Ecke. Plötzlich erschrak sie. Unter dem Löwenkopf öffneten sich zwei Augen! Sie sahen ein bisschen wie Katzenaugen aus und strahlten orange. Dann begannen sie, sich hin und her zu bewegen. Sie suchten sie!
Flo machte sich ganz klein. Vielleicht würden die Augen sie ja nicht finden. Gesehen werden war nie gut. Sie wollte nicht wieder Fragen beantworten müssen und Dinge erklären, die sie selbst nicht wusste.

„Hallo!“, sagte die ihr schon bekannte tiefe Stimme in ihrem Kopf. Flo schielte über ihre Knie. Die Augen waren auf sie gerichtet und sahen eigentlich ganz freundlich aus.
„Hallo“, flüsterte sie schüchtern. Sie konnte doch nicht mit einem Buch sprechen! Oder?
„Mach es wie ich. Du kannst auch nur die Antworten denken“, antwortete das Buch sofort. „Ich kann dich hören, wenn du mich direkt dabei anschaust.“
Flo nickte. Und jetzt? Was sollte sie sagen? Schließlich siegte die Neugier.

„Was für eine Art Buch bist du?“ dachte sie schließlich. „Ich habe so etwas wie dich noch nie gesehen.“
„Ah“, sagte das Buch und wirkte unerwartet vorsichtig. „Ich fürchte, ich muss dich etwas fragen, was du komisch finden wirst. Darf ich?“
Flo nickte zögernd.
„Wie sehe ich aus?“ fragte das Buch. „Und wo bin ich?“ Flo guckte erstaunt. „Ich erkläre es dir gleich“, sagte das Buch eilig. „Aber erst du.“
Flo fand es auf einmal gar nicht mehr merkwürdig, sich mit einem Buch mit Katzenaugen zu unterhalten, sondern ziemlich aufregend. Sie richtete sich auf und schlug die Beine unter.
„Also“, sagte sie, „du bist ein dickes, altes Buch mit einem Ledereinband. Du hast einen Löwenkopf mit einem Ring dran auf dem Deckel, und darunter sind deine Augen.“
„Halt“, unterbrach das Buch sie. „Kannst du mich aufschlagen?“
Flo schüttelte den Kopf und fasste an die Seite. „Da sind zwei goldene Buchschließen“, berichtete sie, „die sind aus Metall, und die sind fest zu. Vielleicht mache ich was kaputt, wenn ich versuche, die aufzukriegen. Übrigens siehst du richtig toll aus.“
„Das freut mich“, sagte das Buch und machte irgendwie, dass die Katzenaugen strahlten. „Und du magst Bücher, ja?“
„Oh ja. Ich lese eigentlich die ganze Zeit, wenn ich nicht in der Schule bin oder Mama helfen muss“, sagte sie eifrig. „Ich habe schon ganz viele dicke Bücher gelesen.“

„Flo! Mittagessen!“ rief eine Frauenstimme laut von unten. Flo erstarrte. Mist! Mist! Mist!
„Bist du Flo?“ fragte das Buch. Flo nickte bedrückt.
„Ich hab jetzt keinen Hunger“, rief sie. „Ich esse später was, okay?“
„Ich habe keine Lust auf deine Sonderwünsche, Florentine“, kam prompt von unten die gereizte Antwort. „Du kommst sofort essen! Auf der Stelle!“
Flo seufzte. Warum hatte ihre Mutter sie nicht vergessen? „Als nächstes wird sie was davon erzählen, dass ich mir bloß nichts einbilden soll. Aber für meine Brüder macht sie immer alles extra, das ist total ungerecht! Die dürfen essen, wann sie wollen!“
„Und wenn du nicht gehst?“ fragte das Buch.
„Dann kommt sie mich holen“, antwortete Flo. „Und meckert an mir rum, dass ich kein richtiges Mädchen bin, weil ich nicht bei ihr in der Küche sein und kochen lernen will. Und wenn sie richtig sauer ist, nimmt sie mir die Bücher weg und lässt mich putzen. Ich hasse Putzen! Oder Bügeln! Wenn das bedeutet, ein Mädchen zu sein, wäre ich viel lieber ein Junge geworden!“
„Florentine!“
„Ich geh besser runter“, sagte Flo unglücklich. „Ich komme wieder, sobald ich kann, okay? Bitte bleib hier, ich wäre sonst echt fertig!“
Das Buch lächelte.

Der Abend dämmerte schon, als Flo erneut über das Leder strich. Der Maler war nicht wieder aufgetaucht, und Flo hoffte, dass er bei seiner Freundin war und heute nicht mehr kommen würde. Sofort schlug das Buch die Augen auf und musterte sie.
„Du hast auch schon mal glücklicher ausgesehen. Entschuldige, ich weiß nicht, woher ich den Spruch habe.“
Flo war nicht zum Lachen zumute.
„Was ist los?“, fragte das Buch.
„Es ist so ungerecht! Immer muss ich all das machen, worauf die keine Lust haben. Ich hab nichts dagegen zu helfen, aber ich hab was dagegen, dass es von mir automatisch erwartet wird und mir auch noch Spaß machen soll! Meine Brüder können auch mal einen Teil übernehmen und die sind so ätzend zu mir! Immer ich! Und dann wirft sie mir vor, dass ich nicht normal bin, weil ich mich nicht wie andere Mädchen benehme. Wenn ich ihr aber dann sage, dass die Mädchen in meiner Klasse viel mehr dürfen, sagt sie, dass ich frech und egoistisch bin und ihre Arbeit nicht respektiere. Dabei tu ich das doch. Ich will bloß nicht so werden wie sie.“
Das Buch hörte zu.
„Ich glaube, das ist das Problem, dass ich nicht so bin, wie sie will. Ich wünschte, ich könnte einfach hier weg“, fuhr Flo nach einer Pause fort. „Irgendwo anders hingehen. Dort die Schule fertigmachen und dann was Sinnvolles. Mit Leuten, die mir helfen rauszufinden, wer ich bin und was ich kann. Ist nicht so, dass sie mich hier nicht lieben, ich weiß das, aber ich bin nicht so drauf wie die. Weißt du, ich hab dieses Leben so satt. Manchmal liege ich nachts wach und stelle mir vor, dass ich woanders wäre.“ Sie schwieg und legte das Kinn auf die Knie.
„Wirklich?“ fragte das Buch leise. „Bist du dir ganz sicher?“
Flo nickte.
„Dann“, sagte das Buch leise, „muss ich dir was erklären. Ich bin nämlich überhaupt kein Buch. Ich bin ein Tor. Eins von vielen. Das Löwentor, um genau zu sein. Wer eine große Sehnsucht hat, kann mich finden. Entscheide, ob du durch mich hindurchgehen willst. Wenn du es tust, wird sich alles ändern. Wenn du es nicht tust, bin ich morgen, wenn du aufwachst, nicht mehr da.“
Flo machte große Augen. Dann nickte sie langsam.
„Kann ich … kann ich eine kleine Tasche mit Sachen mitnehmen?“
„Musst du nicht. Alles, was du brauchst, wird da sein. Aber ja, kannst du.“
Flo rannte raus.

Eine knappe Stunde später war sie wieder da und schleppte einen unförmigen Beutel mit.
„Ich habe Angst“, gestand sie.
„Normal“, sagte das Tor. „Aber das Wichtigste ist, dass du willst, dass sich was Grundlegendes in deinem Leben ändert und dass du bereit bist, das Risiko einzugehen.“
Flo atmete tief durch. „Bin ich“, sagte sie. „Was muss ich tun?“
„Mein Löwe trägt einen Ring im Maul, richtig? Mit dem musst du dreimal klopfen und dich dabei darauf konzentrieren, dass sich das Tor öffnen soll. Der Rest ist meine Sache.“
„Okay.“

Flo konzentrierte sich wie sonst vorher höchstens vor einer schwierigen Tanzfigur. Dann griff sie nach dem Ring und ließ ihn wie einen Türklopfer dreimal fallen. Er war unerwartet schwer. Eins. Zwei. Drei. Das Klopfen schallte laut durch das ganze Haus. Plötzlich erstrahlte das ganze Atelier kurz und intensiv in rotem und weißem Licht. Tor und Mädchen verschwanden.

 

Löwentor – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Diese Geschichte hätte es in dieser Form nicht gegeben, wenn ich nicht dieses bezaubernde Bild dazu entdeckt hätte. Vorher war das Tor nämlich nur ein großes, altes Buch mit Messingbeschlägen …

Auch diese Geschichte verdankt ihren Anschub dem Geschichtengenerator von Jutta Reichelt, und zwar dem aktuellen Aufruf. Gegeben waren „Flo“, das „Atelier“ und „Komm!“. Okay, es sind keine Vampire, aber es sieht so aus, als käme ich aus der Fantasy-Ecke so schnell nicht raus … es macht einfach zu viel Spaß. 🙂

Euch einen schönen Sonntag und viel Spaß beim Lesen!