Dylan und Lilo. (Fast) Ein Wassermärchen. | Etüdensommerpausenintermezzo I-18

 

Sie sagen, unsereins hätte keine Seele, aber ach, was wissen sie schon von der Liebe …

Lilo. Ich kenne sie, seit sie ein Kind war und mit ihren Freundinnen zum Schwimmen an den See kam. Sie durften so weit von zu Hause weg, wie sie die Kirchturmspitze noch sehen konnten, und wenn es abends läutete, mussten sie heim zum Abendessen. Damals war sie ein unbeschwertes Mädchen, das sich gern vor Lachen ausschüttete und dabei ihre weißblonden Haare fliegen ließ. Eine Haarfarbe, die unserer so sehr gleicht, wenn wir an Land gehen, dass ich schon zu jener Zeit dachte, dass sie eine von uns sein müsse. Oder ihre Eltern. Oder einer ihrer Vorfahren. Ein Zeichen. Aber bei uns war sie unbekannt, und wir haben ein gutes Gedächtnis, was die Unseren betrifft.

Sie wuchs heran. Und fast immer, wenn sie allein an den See kam, tauchte ich dort ebenfalls auf: Ein gut aussehender Kerl mit blonden Locken und einer roten Mütze, der im und auf dem Wasser zu Hause zu sein schien oder auf den See hinausstarrte, scheinbar nur wenige Jahre älter als sie. Natürlich sprachen wir bald miteinander, gingen schwimmen, tauchen, bootfahren. Oft sogar. Lilos Vater gehört die Fischkonservenfabrik am Rande der Kleinstadt, sie wuchs mit dem ganzen Firlefanz auf, den reiche Mädchen heutzutage haben, ausgedehnte Urlaube an exotischen Orten, neueste Technik, exklusive Klamotten – all das. Goldener Käfig. Viel Materie, wenig Gefühl. Sie lege keinen Wert darauf, sagte sie, und dass sie ein derartiges Leben überhaupt nicht authentisch fände. Sie liebte die Stille des Sees. Manchmal schwiegen wir den ganzen Abend.
Mir kam das zugute, ich gab das Kontrastprogramm, was sonst hätte ich tun können? Ich machte auf geheimnisvoll und am Geld uninteressiert. Zumindest Letzteres traf zu, ich habe genug. Wirklich. Frauen mögen das Gefühl, dass sie auserwählt sind, und ja, das war sie, jedenfalls, was mich anging. Klar flirtete ich mit ihr, heftig sogar, aber wir küssten uns nicht mal richtig, wir brauchten das nicht. Unser Platz wurde das See-Restaurant. Und solange wir in der Nähe des Wassers blieben, fiel ihr auch nicht auf, dass meine Hose immer ein wenig tropft.

***

Eines Abends setzt sie sich auf der Terrasse zu mir, als die Schlagerkapelle sich durch einen Oldie kämpft: „Deine Heimat ist das Meer, deine Freunde sind die Sterne.“ Ich erschrecke, denn sie ist völlig aufgelöst.

„Ich muss dir was erzählen.“
„Was ist passiert?“
„Mein Vater will mich verheiraten. Ernsthaft.“

Wie bitte? In welchem Jahrhundert leben wir? Es ist mehr als eine fixe Idee ihres alten Herrn, wie ich dann erfahre. Er hatte sie vor einigen Jahren bei einem Deal mit einem Geschäftspartner eingesetzt: Gibst du mir finanzielle Sicherheit, bekommt dein Sohn meine Tochter zur Frau. Was für ein zukunftsweisender Plan, später legt die zweite Generation das Erbe der Väter zusammen und so weiter … genau, diese Nummer. Kein Gedanke daran, dass Lilo studieren wollen und eigene Vorstellungen für die Zukunft entwickeln könnte. Sie hatte doch alles, das würde sich nicht ändern, und wenn sie erst verheiratet war und Kinder da waren, dann wäre Zeit, weiterzusehen. Eigenes Leben, eigene Entscheidung? Fehlanzeige.

Jetzt fordert der besagte Sohn die versprochene Frau, die das heiratsfähige Alter erreicht und ihr Abi in der Tasche hat. Reif für den nächsten Schritt. Oh, man kennt sich, wie Lilo berichtet, er sei nun auch kein Ekel oder so, aber der Funken, der Funken der Leidenschaft, der sei bei ihnen echt nicht in Sicht. Und überhaupt. Sie ist empört.

„Mein eigener Vater VERKAUFT mich!“

Früher war es Sitte, zu anderen Zeiten hätte es ihr zur Ehre gereicht. Es zählte nur, dass man einen Mann bekam, der fähig war, einen zu ernähren. Und die Kinder. Gefühle wurden da nicht so hoch gehängt. Aber das sage ich ihr nicht.
Stattdessen werfe ich Herz in die Waagschale und wage den Schritt, dessen Folgen mein Leben bis heute erschüttern. Ich schlage ihr die einzig vorstellbare Alternative vor. Mich.

„Dann komm mit mir. Heirate mich. Lass alles hinter dir und hau mit mir ab. Die finden uns nie.“
„Ja, aber, Dylan …“

Dylan bin übrigens ich. Jeder Name, der etwas wie „Sohn des Meeres“ bedeutet, ist meiner, da bin ich großzügig.

Lilo ist achtzehn, romantisch, idealistisch und blauäugig. Ich weniger. Wenn der Heiratsdeal platzt, weil sie mit mir geht, was geschieht dann mit der Fabrik, wenn der Geschäftspartner ihres Vaters sein Geld zurückfordert? Wird Lilo mit der Schuld leben können, ihre Eltern in den Ruin gestürzt zu haben, wenn es hart auf hart kommt? Würde ich imstande sein, sie freizukaufen – oder es wollen? Das sind Fragen, die die Luxusprobleme, die sie bisher hatte, weit übersteigen. Ich weiß, dass sie kommen werden, und nicht nur die, aber ich behalte sie für mich. Nicht fair? Nicht fair. Ich lebe schon ein paar Jahrzehnte länger und bin nach ihren Maßstäben vermutlich gerade dabei, ihr Leben zu ruinieren.

„Wo lebst du, Dylan? Und wovon?“

Ich wedele mit der Hand durch die Luft, eine Geste, die den See, der groß ist und durchaus kein popeliger Baggersee, und seine gesamten Zu- und Abflüsse einschließt. Bis zum Meer, das nicht weit weg ist.

„In einem Schloss unter dem Meer.“

Es stimmt. Ich war nie ehrlicher. Sie starrt mich an, als ob sie mich zum ersten Mal sehen würde.

„Aber dann ertrinke ich!“
„Nein. Du atmest normal weiter. Du brauchst nicht mal deine Gestalt zu ändern, wenn du das nicht willst. Dafür sorge ich. Du bist nicht die Erste, die vom Land zu uns kommt, weißt du?“

Sie denkt nach. Schluckt. Hat offensichtlich nicht kapiert, dass die Erscheinungsform, die sie von mir kennt, demnach nicht meine tatsächliche ist. Wahrscheinlich käme sie eh nur auf Fischschwanz. Arielle (der Meerjungfrau) sei Dank, sie haut nicht sofort ab, sondern riskiert eine weitere Frage.

„Wer bist du?“
„Liebste“, sage ich, „ich bin der verdammte Unterwasserkönig. Und du, Lilofee, bist meine Braut – wenn du willst. Entschuldige, dass ich nicht vor dir auf die Knie falle, es kommt auch für mich ein bisschen überraschend.“

Okay, okay. Ich bin EIN Unterwasserkönig. Kein ganz kleiner. Aber das würde jetzt zu weit führen.
Lilo schweigt. Den Schock muss sie erst mal verdauen. Als Ablenkungsmanöver mache ich verstohlen zwei, drei unauffällige Handbewegungen und puste mit gespitzten Lippen. Zum Glück weht bereits eine kleine Brise. So erscheint es fast natürlich, dass plötzlich eine von vier Pferden gezogene Kutsche, geformt aus grünblauem Wasser, Wind und weißem Schaum, quer über den See ihre Bahn zieht und genauso abrupt wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist.

„Schau, für dich!“, zeige ich auf das Spektakel. Von den Nebentischen hören wir erstaunte Ausrufe. Sie lacht auf und freut sich, aus ihrer Grübelei herausgerissen zu werden.
„Lass mich darüber nachdenken.“

Ich nicke. So einige Gebote bin ich bereit zu verletzen, aber nicht das der Freiwilligkeit. Sie muss unsere Verbindung wollen, sie gibt ja ihr ganzes Leben auf. Sonst bin ich nicht besser als ihr Vater, nur der Käfig ist faszinierender. Und ja, ich liebe sie schon viele Jahre; sie wird mich vielleicht lieben lernen, ich gebe mich da keinen Illusionen hin. Liebe ist die stärkste Fußfessel in dem Spiel. Liebe – und die Kinder, auf die ich setze. Denn Lilo kann als Menschgeborene jederzeit das Wasser verlassen, ich werde sie nicht hindern. Unsere Kinder jedoch nicht, nicht so einfach, die würden sterben. Wie ich, wenn unsereins zu lange vom Wasser getrennt ist. So läuft es nun mal.

Also warte ich. Warte und hoffe, dass sie am nächsten Abend wiederkommt. Oder am übernächsten. Oder nächste Woche. Dass sie zustimmt, dass ich ihr den Perlenring anstecke und die Ohrringe und die Kette aus schimmerndem Perlmutt anlege, mit denen sie unter Wasser atmen kann. Dass ich sie küsse und wir Hand in Hand hinabsteigen in mein Reich, um glücklich zu sein. Lilo. Ich werde hier sein.

 

Sommeretüdenintermezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Ich habe mich entschieden, bei diesem Etüdensommerpausenintermezzo folgende 10 Wörter in einem Text beliebiger Länge, in dem zusätzlich eine Gedicht- oder Liedzeile vorkommen muss, einzubauen: Ablenkungsmanöver, Baggersee, Firlefanz, Fischkonservenfabrik, Fußfessel, Kirchturmspitze, Liebe, Luxusproblem, Ohrring, Unterwasserkönig.

 

Erklärungen:
Hier ist der Wikipedia-Artikel zum Thema Wassermann/Nöck, aus dem ich Motive verwendet habe.

Dylan als Name: Wikipedia (dt.), Wikipedia (engl.)

Lilofee: Die Ballade von der schönen Lilofee kenne ich als Gedicht bzw. Volkslied (Projekt Gutenberg) in verschiedenen Variationen, vertont heißt sie oft „Der wilde Wassermann“, hier empfehle ich die Versionen von Faun (YouTube) und Achim Reichel (YouTube).

 

Ja, ist ein bisschen länger … Aber nicht so lang wie letztes Jahr, und hey, es sind NICHT die Etüden, es ist das Etüdensommerpausenintermezzo. Ihr wollt auch? Dann nichts wie ran, noch ist Zeit. Hier ist der Startschuss.

 

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THE END | abc.etüden

Nachts, wenn er die Augen schloss, war das ultraviolette Rauschen in seinem Kopf inzwischen so stark, dass er nicht mehr schlafen konnte. Aber er machte sich davon nicht abhängig, er fand, Schlaf wurde sowieso überbewertet. Stattdessen vertiefte er sich lieber exzessiv in Konzentrations- und Meditationsübungen, um seinen Geist zu klären und von den Schlacken des Alltags zu befreien. Dass sein Herz schließlich zu stolpern begann, hätte ihn ernsthaft irritiert, wenn er in dem Pulsieren nicht Morsezeichen erkannt hätte: dit-dit-dah-dit  dit-dah-dit  dah-dit-dit-dit und so weiter, was in sehr langsamen, sich wiederholenden Sequenzen FRB 121102 ergab.

Noch ein Beweis mehr dafür, dass er auserwählt war.

Die breite Öffentlichkeit war des Geredes über 3 Milliarden Lichtjahre entfernte Strahlungsquellen, Schwarze Löcher, Supernovaüberreste und andere abstrakte astronomische Theorien allerdings schon längst wieder überdrüssig geworden und beschäftigte sich stattdessen mit dem nächsten Supermond.

Er hingegen lief Tag für Tag mit seinem stotternden Herzen durch die Stadt, ein menschlicher Funkturm im Dauereinsatz. Als sich sein körperlicher Zustand verschlechterte, brach er auf der Straße zusammen und wurde in ein Krankenhaus geschafft. Da er sich den empfohlenen Maßnahmen gegenüber völlig uneinsichtig zeigte, ordneten die Ärzte zunächst Zwangsernährung, später Zwangseinweisung an und sprachen von einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung.

Das riesige Raumschiff tauchte in die Erdatmosphäre ein und stand, von allen irdischen Systemen unbemerkt, über der Stadt, aber es war bereits zu spät für ihn.

 

2018_03_3_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 03.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Ludwig Zeidler und lauten: FRB 121102, ultraviolett, Supernovaüberrest.

Okay, ich bin spät, ich weiß, aber ich musste es einfach zu Ende bringen, es hat mir keine Ruhe gelassen … Ja, der Arme.

Es gibt zwei Vorläufer, hier (1) und hier (2). Wer alle drei nicht kennt, sollte mit der ersten anfangen, sie steigern sich.

 

Stay tuned | abc.etüden

Es war notwendig, das RICHTIGE zu tun, damit sie ihn erkannten, wenn sie kamen, und das beschäftigte ihn Tag und Nacht.

Den Gedanken, sich FRB 121102 auf den Kopf zu tätowieren, hatte er verworfen, schließlich war dies ein menschgemachter Name und er wusste noch nicht, wie die Fuhrmänner kommunizierten. Zwar glaubte er nicht daran, dass der Körper, den er kannte, nach dem Start der Raumschiffe noch von Nutzen sein würde, dennoch wollte er das unvollkommene Vehikel, das seinem Geist hier zur Verfügung stand, nicht unnütz beschädigen.

Irgendwann explodierte schließlich eine Gewissheit in ihm und bescherte seinem Geist quasi als Supernovaüberrest die Antwort: Blut.

Sofort begann er damit, sein Blut bestrahlen zu lassen. Nachts, wenn er die Augen schloss, sah er das angereicherte Blut ultraviolett leuchtend durch das Netz seiner Adern pulsieren und fühlte, wie es ihn für die höheren Frequenzen empfänglicher machte.

Das Blut war der Schlüssel.

Immer hatte er auf den Ruf gewartet, sein kleines, bedeutungsloses Leben aufzugeben, nun rauschte er in seinem Innersten und seine Stimme wurde jeden Tag verständlicher.

HALTE DICH BEREIT! WIR SIND NAH!

 

2018_03_1_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 03.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Ludwig Zeidler und lauten: FRB 121102, ultraviolett, Supernovaüberrest.

Falls jetzt jemandem unbehaglich wird und sich wer fragt, ob der Typ (oder ich) vielleicht einen klitzekleinen Schatten hat: Das ist beabsichtigt. Und nein, sag mir keiner, dass das mit dem „Blut bestrahlen“ Schwachsinn ist. Es gibt eine (ähnliche) Methode der Eigenbluttherapie, die hat allerdings nicht diesen Effekt.  ;-)

Den Vorläufer gibt es hier. Den Nachfolger hier. Wer alle drei nicht kennt, sollte mit der ersten anfangen, sie steigern sich.

 

Nach Hause | abc.etüden

Bald würde es offenbar sein.

Nachts, wenn er die Augen schloss, zuckten neuerdings ultraviolette Blitze durch seinen Kopf und kamen stetig näher.

In den vergangenen Tagen und Wochen waren die einschlägigen Medien voll davon gewesen, voll von Berichten über schnelle, sich wiederholende Radiowellen im Millisekundenbereich, die sensationellerweise aus ein und derselben Quelle stammten. Das war das Zeichen, das musste es sein, er hätte schreien können vor Glück, so lange wartete er bereits darauf. Man hatte jener Quelle weit weg im Sternbild Fuhrmann sogar einen Namen gegeben, man nannte sie schlicht FRB 121102 und formulierte Hypothesen über Hypothesen über ihren Ursprung. Aber ob nun Pulsare, Supernovaüberreste, die Verschmelzung Weißer Zwerge, verdampfende Schwarze Löcher oder der Antrieb von Sonnensegel-Transportern von Kardaschow-II-Zivilisationen – ihm war das alles egal.

Denn er … WUSSTE.
Er war einer von ihnen.
Sie waren unterwegs, um ihn zu holen.

Endlich.

 

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Für die abc.etüden, Woche 03.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Ludwig Zeidler und lauten: FRB 121102, ultraviolett, Supernovaüberrest.

Es geht auch kurz (also halbwegs), nur mal so am Rande erwähnt  ;-)

Es gibt Nachfolger, lest bitte hier und hier.

 

„Wie viel?“ | abc.etüden

„Wie viel?“

Sie sagte es ihm.

Bei manchen war die Frequenz, in der sie zu ihr kamen, ganz schön hoch. Immer am liebsten zu ihr, sie wusste auch warum, schließlich achtete sie pingelig auf Sauberkeit. Egal, sie konnte sie alle nicht ausstehen, selbst wenn sie gut zahlten. Besonders die nicht, die immer so taten, als ob ihr Heiligenschein davon Flecken bekäme, und die dann ausnehmend erleichtert aussahen, wenn sie wieder hinaustraten.

„Wie viel?“

Sie sagte es ihm.

Stand von dem niedrigen Hocker auf, griff nach dem Eimer mit den Desinfektionsmitteln und den Lappen und der Bürste, verfluchte ihren schmerzenden Rücken und schlurfte ihm hinterher.
Zeit für die nächste Klorunde.

 

2017_36.17_zwei_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Keine Fragen mehr, oder?  ;-)
Ich wollte mal was wirklich Knappes. Ich übe noch.

Für die abc.etüden, Woche 36.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von mir und lauten: Heiligenschein, Frequenz, erleichtert.

 

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Der Wassermaler, Teil II | Etüdensommerpausenintermezzo

Willkommen bei der zweiten Hälfte meines Etüdensommerpausenintermezzos! Es ist die etwas längere Hälfte *hust* – man sollte mir keine Zeit geben, etwas zu überarbeiten, dann findet sich Halbsatz nach Halbsatz ein … Immerhin habe ich nichts mehr wirklich umgeschrieben!  :-)

(Es geht in diesem Intermezzo darum, folgende Wörter in einen Text beliebiger Länge, in dem REGEN irgendwie eine Rolle spielen muss, einzubauen: Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator, Wassermaler.)

Falls ihr den ersten Teil nicht gelesen habt, solltet/könnt ihr das hier nachholen. So endet der erste Teil:

… Er beschattete mit der Hand die Augen und konzentrierte sich. Da war doch im Tiefen, ein Stück jenseits der Absperrung, eine Badekappe mit einem rosa Schwimmring, oder täuschte er sich? Ihm war gar nicht bewusst, dass er sich in Bewegung gesetzt hatte, als er schon zu der Station der Rettungsschwimmer rannte. Mick und sein Kumpel sahen durch ihre Ferngläser in die Richtung, in die er nach Luft ringend deutete, einer rief „Oh, Scheiße“ und griff nach seinem Funkgerät. Wenige Sekunden später sahen sie einen der Wachgänger ins Wasser rennen und zügig loskraulen.

 

Das Schlimmste war dieses quälende Gefühl des Vorherwissens, was weiter geschehen würde. Die Erinnerung überflutete ihn wieder, er wollte lieber nicht hinsehen, konnte sich aber nicht zurückhalten und wappnete sich irgendwie für das Schlimmste, während er den Weg des Rettungsschwimmers verfolgte. Zu seinem Glück bemerkte er aber noch rechtzeitig, dass an seinem Stand ein Ehepaar darauf wartete, dass er auftauchte, also überließ er das Geschehen halb widerwillig, halb erleichtert dann doch den Profis und ging hin – er konnte es sich nicht leisten, potenzielle Kunden zu ignorieren. Und wirklich, heute war ein guter Tag, sie nahmen zwei Bilder zu einem sehr akzeptablen Preis.
Nachdem sie abgezogen waren und er sich sofort wieder den Hals nach dem Geschehen am Strand verrenkte, sah er lediglich den DLRG-Jüngling mit einem Kind auf dem Arm und dem rosa Schwimmring in der Hand langsam über den Strand wandern und sich seinen Weg zwischen Schirmen und Handtüchern hindurch bahnen. Gott sei Dank. Er atmete tief durch und fühlte sich plötzlich schlapp wie ein angepikter Luftballon und ein bisschen albern. Nichts war passiert, anscheinend, sonst wäre da jetzt die Hölle los.
Alles nur Kino in seinem Kopf.
Schlechtes.
Und ob das Kind die Nicht-Marie war, brauchte ihn jetzt auch nicht mehr zu kümmern. Noch mehr Kids hatten rosa Schwimmringe.
Er beschloss zusammenzupacken und heimzugehen, es sah inzwischen verdammt nach Regen aus, und zwar bald. Genug Aufregung für heute. Schade nur um das Feuerwerk.

 

Sonntag

„Die Rettungsschwimmer haben gesagt, ich solle mich bei dem Wassermaler bedanken, wenn überhaupt, sie hätten nur ihre Pflicht getan und würden nichts dafür annehmen. Das waren doch Sie? Gestern?“
Er sah überrascht von seinem Buch hoch und schob die Lesebrille über den Haarkranz. Kein Wetter zum Malen heute; nach dem Regen, der fast die ganze Nacht über heruntergerauscht war, war es unbeständig und schwül-warm. Aber ihn hielt nichts im Haus, schlechtes Wetter schon mal gar nicht, also hatte er beschlossen, wie jeden Tag zur Seepromenade zu kommen und an der frischen Luft einen Espresso zu trinken. Für alle Fälle lag seine Skizzenkladde neben ihm.

Natürlich erkannte er sie sofort. Die Mutter des Mädchens, das bestimmt nicht Marie hieß. Sie war es also doch gewesen! Heute trug sie einen knallroten Rock und darüber ein schwarzes, ärmelloses Top, das verkündete, sie stünde mit beiden Beinen fest im Glitzer. Na dann.
„War ich“, sagte er, stand auf und streckte ihr die Hand hin, „darf ich mich vorstellen, mein Name ist Max Hansen. Sagen Sie Max.“ Sie ergriff sie.
„Helene Matthies, und sagen Sie bloß nicht Helene, so nennt mich nur meine Oma. Ich bin Lena.“
„Setzen Sie sich, Lena, und trinken Sie einen Kaffee mit mir.“
Ein schneller Blick auf die Uhr.
„Ja, gern.“
„Wie geht es Ihrer Tochter, hat sie den Schreck überstanden? Wie konnte sie überhaupt ins offene Wasser geraten?“
Lena seufzte.
„Lilli behauptet, und ich sage nicht, dass ich ihr das so glaube, dass sie gar nicht bemerkt hätte, dass sie schon jenseits der Absperrung war. Außerdem wären auch noch andere Kinder dabei gewesen, zumindest am Anfang. Und sowieso hätte sie alles voll unter Kontrolle gehabt und sie verstünde gar nicht, warum ich mich jetzt so aufregen würde. Ehrlich gesagt halte ich das mit der Absperrung für einen Fall von ‚Das Gras ist auf der anderen Seite vom Zaun grüner.‘.“
Er lachte los, er konnte sich nicht zurückhalten.
„Sie lachen“, sagte sie und grinste dabei auch ein bisschen schief, „okay, der Rettungsschwimmer, der sie gestern zurückgebracht hat, hat ihr einiges über ‚ablandigen Wind‘, ‚Sog‘, ‚gefährlich‘ und ’sich nicht überschätzen‘ erzählt. Sie findet ihn total toll und will jetzt auch Rettungsschwimmerin werden. Immerhin will sie ihn nicht gleich heiraten. Ich frage mich, was das erst gibt, wenn sie in die Pubertät kommt.“ Sie verdrehte gespielt genervt die Augen.
„Aber Sie hätten das Gezeter gestern Abend hören sollen, weil das Höhenfeuer ausfiel! Wo sie mir schließlich abgetrotzt hatte, dass sie so lange aufbleiben durfte, wegen Ferien und so! Als ob ich gemacht hätte, dass es zur Strafe regnet und das Feuerwerk nicht stattfindet! Und heute Morgen hat sie die ganze Zeit gequengelt, dass ich ihr doch jetzt nicht etwa verbieten würde, zum Schwimmkurs zu gehen, wo sie doch jetzt schon richtig gut wäre. Hatte ich nie vor, muss ich sagen, ich bin ja heilfroh, dass sie so easy schwimmen lernt und Spaß hat. Und überhaupt, meint sie, das gestern sei doch nur ein kleines Missgeschick gewesen. Manchmal frage ich mich, woher sie mit sieben so viele Wörter kennt. Von mir hat sie das nicht.“

„Finde ich gut, dass sie sofort wieder ins Wasser will, das ist wichtig“, sagte er. „Marie, also meine Tochter, war auch so. Nicht aus dem Wasser zu kriegen, nachdem sie erst mal damit vertraut geworden war.“
„War?“, fragte Lena behutsam. Eine Pause entstand, in der er kurz überlegte, ob es fair war, sie mit seinem Kummer zu belasten. Ach, warum nicht.
„Ein Segelunfall“, platzte er heftiger als beabsichtigt damit heraus, „als sie acht Jahre alt war. Der Jüngsten-Segelschein. Auch so ein Kurs, bei dem nie was passiert, wie diese Seepferdchenkurse. Eine plötzliche Windböe, drei Optimistenjollen rasseln zusammen und kentern, ein Kind gerät unglücklich unter Wasser und kann nicht rechtzeitig wiederbelebt werden …
Es ist jetzt gut zehn Jahre her, aber es verfolgt mich manchmal noch immer in den Schlaf. Und Ihre Lilli sieht ihr ähnlich, das muss ich zu meiner Verteidigung sagen.“
„Oh Gott, wie furchtbar!“, stieß sie hervor. „Das muss schrecklich gewesen sein! Entschuldigen Sie bitte, dass ich gefragt habe, ich wollte gewiss keine bösen Erinnerungen aufrühren. Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn Lilli etwas passieren würde. Seit Lillis Vater uns verlassen hat, habe ich nur noch sie.“
Er nickte.
„Ging uns damals auch so. Meine Frau und ich, wir sind beide auf unsere Art damit nicht fertiggeworden. Ich dachte, ich müsste ihr den starken Mann vorspielen und war dabei vielleicht mindestens ebenso bedürftig wie sie, nur halt anders. Habe ihr ständig erzählt, dass sie nach vorn blicken müsste. Und als sie es dann endlich konnte, bin ich eingeknickt und habe sie hängen lassen, weil ich nicht dazu fähig war. Eineinhalb Jahre nach dem Unfall haben wir uns getrennt. Es ging nicht mehr. Ich bin hierher zurückgekommen, weil ich nicht weit weg geboren bin und es dort bei ihr nicht mehr ausgehalten habe.“
Er atmete tief durch und zwang den letzten Schluck kalten Espresso hinunter.
„Hört sich schlimm an, ich weiß, war auch schlimm. Inzwischen geht es mir wieder einigermaßen. Die Zwischenstadien erspare ich Ihnen. Aber so ist dann ganz langsam ein etwas kauziger Wassermaler aus mir geworden.“

Sie schwiegen beide. Er las in ihren Augen, dass er ihr irgendwie leidtat. Na ja, das war normal. War es auch normal, dass er sich irgendwie befreit fühlte, wie von einer Last? Er sprach selten über Marie, und schon gar nicht mit Fremden.
Auf jeden Fall war es ein gutes Gefühl.
„Es ist mir schrecklich peinlich, ausgerechnet jetzt aufbrechen zu müssen“, sagte Lena, „aber in zehn Minuten ist Lillis Seepferdchenkurs aus, und danach bin ich mit ihr bei der Rettungsschwimmer-Station verabredet, weil sie sich bedanken und natürlich schauen will, ob ihr Held von gestern heute auch da ist. Wollen Sie mitkommen? Lilli freut sich. Sie hat gestern nämlich bestimmt dreimal gefragt, ob das auch ganz sicher Sie gewesen wären.“

Früher hätte er abgelehnt, hätte die Situation irgendwie komisch oder doof gefunden und keinem zur Last fallen wollen. Aber auch ein alter Esel konnte lernen.
So nickte und lächelte er und erwiderte schon im Aufstehen: „Wissen Sie was? Die Rettungsschwimmer arbeiten alle ehrenamtlich für ’n Appel und ’n Ei, aber ich kann Ihnen verraten, dass das Café, vor dem wir gerade sitzen, verdammt guten Kuchen hat. Wenn Sie also eine Runde ausgeben wollen, hier böte sich eine gute Gelegenheit. Ich helfe Ihnen gerne tragen.“

ENDE

 

Na, alle noch da? Oder hab ich euch breit gequasselt? Geschieht euch recht!  :-D

 

intermezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

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Der Wassermaler, Teil I | Etüdensommerpausenintermezzo

Als ich euch zu dem Etüdensommerpausenintermezzo aufgerufen habe, liebe Etüden-Fans und -mitschreiber/innen, wusste ich zwar, dass ich die Beschränkung auf 10 Sätze satthatte, dass sich aber dann in meinen Text gefühlt quasi alle in den vergangenen Monaten „eingesparten“ Sätze hineindrängeln würden, war auch für mich eine Überraschung. Daher habe ich beschlossen, diesen Text zu teilen, denn, bei aller Liebe, er hat wirklich einen stolzen Umfang für einen Blogbeitrag.

Zur Erinnerung: Es geht im Intermezzo darum, folgende Wörter in einen Text beliebiger Länge, in dem REGEN irgendwie eine Rolle spielen muss, einzubauen: Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator, Wassermaler.

Der Wassermaler

 

Donnerstag

„Was machst du da?“ krähte es fröhlich vor ihm. Er schreckte auf. Sommersprossen, Pippi-Langstrumpf-Zöpfe, Zahnlücke, Glitzer-T-Shirt mit Regenbogen-Einhorn, das Schmetterlinge pupste. Rosa!
Aua.
„Ich male das Wasser“, erklärte er und ließ den Pinsel sinken.
„Mama fotografiert das Wasser mit dem Handy“, erklärte sie wichtig.
Er seufzte. Ja, klar.
„Das machen die meisten“, antwortete er.
„Und warum du nicht?“
„Weil ich gut malen kann, aber nicht gut fotografieren.“
Sie stellte sich so dicht neben ihn, dass er die Sonnencreme riechen konnte, mit der sie offensichtlich eingeschmiert war, und betrachtete seine Skizze kritisch.
„Finde ich nicht“, entschied sie dann. „Ich muss jetzt! Tschüss!“
Und weg war sie. Er sah ihr nach, wie sie in ihren Badelatschen die Seepromenade entlangrannte, das es nur so klatschte, und musste grinsen. Freche kleine Krabbe. Wie alt mochte sie sein?

Als er am Abend seine Sachen zusammenpackte, stand sie plötzlich wieder vor ihm.
„Guck mal, Mama, der Wassermaler ist noch da!“
Mama war eindeutig die größere Ausgabe. Sommersprossen, Locken, pinkfarbenes T-Shirt, auf dem Mit ein bisschen Glitzer geht alles stand, ziemlich kurzer Rock, rosa lackierte Fußnägel. Maximal Mitte dreißig. Eine große Strandtasche, aus der ein rosa Schwimmring und eine Wasserflasche ragten, lag über ihrer Schulter. Seine Lebensgeister hoben sich und er lächelte sie an.
„Guten Abend“, sagte sie. „Ich hoffe, meine Tochter hat Sie nicht genervt?“
Er schüttelte den Kopf.
„Wenn sie das hätte, hätte ich mit Glitzer geschmissen.“
Sie lachte.
„Psst. Wir sind in einer Einhorn-Phase. Sagen Sie bloß nichts gegen Einhörner. Haben Sie mitbekommen, dass es am Strand heute Quallen-Alarm gab? Sie war mittendrin. Zum Glück ist ihr nichts passiert. Sie lernt gerade schwimmen.“
Er schüttelte den Kopf, überlegte, was er Kluges sagen konnte. Sein Hals war plötzlich wie zugeschnürt.
„Kommst du, Mama?“ rief das Mädchen, das schon vorgegangen war. „Ich hab Hunger!“
Sie nickte ihm zu.
„Na dann! Schönen Abend noch!“
Er sah beiden nach. Schwimmen lernte sie! Es zog in seinem Herz. Die Kleine sah fast aus wie Marie.

 

Freitag

Am nächsten Tag schlug das Wetter um. Der Wind frischte auf, die Wellen wurden rauer, er fand es nicht mehr so drückend und war froh darüber. Er war trotzdem den ganzen Tag draußen gewesen, hatte fast an der gleichen Stelle gesessen und gemalt, aber weder Mutter noch Tochter ließen sich blicken. Na ja, vermutlich war Bettenwechsel oder so etwas. Die Richtung, in die beiden abgezogen waren, ließ auf eine der großen Bettenburgen schließen. Waren jetzt eigentlich noch Schulferien? Früher hätte er es gewusst.
Ach, die Erinnerungen. Das würde kein erfreulicher Abend werden.

 

Samstag

Als er wieder wach wurde, dröhnte ihm der Schädel und sein Magen hing auf halbmast. Die Flasche Rotwein am Abend zuvor hatte mehr Verwüstungen angerichtet, als ihm lieb war, stellte er fest, und dass man nicht jünger wurde, war jenseits der Fünfzig auch kein Geheimnis mehr. War nur ihm so warm oder war es schon wieder heiß? Er schüttelte die Albträume ab und trat auf den Balkon.
Gleißendes Sonnenlicht empfing ihn. Oha. Er blinzelte. Heute würden die Temperaturen richtig hochschnellen und der Strand sich bis zum letzten Handtuch füllen. Wenn das Wetter sogar bis abends hielt, brauchte sich auch das Höhenfeuerwerk nicht um Zuschauer zu sorgen, das wie an jedem ersten Samstag in den Sommermonaten am späten Abend den Himmel erhellen würde. Die Schau- und Trinklustigen, die an den Ständen an der Promenade und am Ostseestrand den einen oder anderen Euro ließen, waren eine wichtige Einnahmequelle für die Kleinstadt. Bei schlechteren Wetterbedingungen konnte es hingegen durchaus passieren, dass es den Qualm bis zu ihm wehte. Aber egal, an der See war schließlich fast immer Wind. Er warf die Kaffeemaschine und den Ventilator an, schüttelte das Bett auf und ließ die Balkontüren weit offen, um den Geruch der Nacht zu verjagen. Dann ging er gähnend erst einmal unter die Dusche. Heute würde er nicht malen, heute würde er verkaufen. Hoffentlich. Hitzefrei kannte er als Wassermaler sowieso nicht. Wassermaler. Der Name gefiel ihm immer besser.

Es lief ganz gut. Es lief sogar so gut, dass er sich am frühen Nachmittag, als eh fast keiner unterwegs war, weil nämlich kluge Leute zu diesem Zeitpunkt Siesta hielten, einen Liegestuhl und einen Iced Coffee Irgendwas leistete und müßig das Treiben an und im Wasser beobachtete. Vor ihm erstreckte sich der Badestrand, ein Gewimmel aus Schirmen und Decken. Schlagermusik wehte zu ihm herüber, und er pries sein Glück, weit weg von deren Quelle zu sein. Auch das Wasser war belebt, in der Nähe der Absperrung zum offenen Wasser sah er lauter bunte Badekappen und Schwimmflügel oder Schwimmringe, die wie Entenküken um ihre Mutter herumwuselten. Vermutlich ein Schwimmkurs für Kinder. Die zwei Entenmütter schienen hier rote Badekappen zu tragen. Wieder durchzuckte ihn der Gedanke an Marie und an das Mädchen, das ihr so ähnlich sah, dann schob er ihn energisch weg und döste ein.

Ein Windstoß weckte ihn. Von fern glaubte er, einen Donner zu hören. Bei der Wolkenwand, die sich im Westen unterdessen aufgebaut hatte, war das nicht unwahrscheinlich. Er ließ seinen Blick über das Wasser schweifen. Aha, die Wasserwacht hatte schon mal die gelbe Flagge aufgezogen, die rechneten also mit Ärger. Vermutlich war sein Freund Mick heute im Einsatz, der war routiniert und ging kein Risiko ein.
Die Entenküken waren auch alle verschwunden … halt! Er beschattete mit der Hand die Augen und konzentrierte sich. Da war doch im Tiefen, ein Stück jenseits der Absperrung, eine Badekappe mit einem rosa Schwimmring, oder täuschte er sich? Ihm war gar nicht bewusst, dass er sich in Bewegung gesetzt hatte, als er schon zu der Station der Rettungsschwimmer rannte. Mick und sein Kumpel sahen durch ihre Ferngläser in die Richtung, in die er nach Luft ringend deutete, einer rief „Oh, Scheiße“ und griff nach seinem Funkgerät. Wenige Sekunden später sahen sie einen der Wachgänger ins Wasser rennen und zügig loskraulen.

Ende des ersten Teils

 

So, ihr Lieben. Lest am Dienstag wieder rein (morgen gibt es das Montagsgedicht, Traditionen möchten gepflegt werden), um zu erfahren, ob es Tote gibt, wer eigentlich Marie ist und wie happy das Ende wird. Bis dahin freue ich mich wie immer auf eure Kommentare.
Schönen Sonntag!

Update: Weiterlesen? HIER.

 

intermezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

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Rausch | abc.etüden

Er hatte schon immer diese Sekunde geliebt, wenn die Achterbahn ihren höchsten Punkt erreicht hatte und quälend langsam vornüberkippte. Das Gefühl war einzigartig, erschreckte einen schier zu Tode und machte einen süchtig, wenn man aus dem richtigen Stoff dafür war. Aber ihm war das auf die Dauer nicht genug. Er wollte mehr, er brauchte den ultimativen Kick des Abgrunds.

Morgen würde er springen und alles aufs Spiel setzen. In einem Wingsuit dahingleiten wie ein Vogel, für wenige Sekunden wild und frei im Rausch des Lebens.
Er legte den Kopf in den Nacken und sah an den Glasfassaden der Straßenschlucht entlang. In der Mitte blieb sein Blick hängen und wurde in die Höhe gezogen: DER TURM.
Sein Schicksal, morgen.

Morgen Abend um diese Zeit war er entweder betrunken oder tot.

 

lz abc.etueden schreibeinladung 3 wortbehagen 27.17 | 365tageasatzadayvisuals: lz. (ludwigzeidler.de | odradet.de)

 

Was ich über Basejumping und Wingsuit-Fliegen weiß ist wenig mehr als der Eintrag in der Wikipedia: Es wird als der gefährlichste Extremsport der Welt bezeichnet, die Todesrate ist echt hoch. Ich bin aus diesem Stoff nicht gemacht, ich hätte mein Leben gern einigermaßen kontrolliert, danke, meine Abenteuer finden woanders statt. Nur manchmal erwischt mich eine Sehnsucht nach dem Leben jenseits der Grenzen …  ;-)

Für die abc.etüden, Woche 27.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Bruni (wortbehagen.de) und lauten: Achterbahn, Straßenschlucht, einzigartig.

 

 

Sternenwanderer | abc.etüden

Der Priester war fett, so unglaublich fett, dass es Merin jedes Mal ekelte, wenn sie ihn ansah. Aber sie musste ihn auch nicht mögen, er war nur der Mittelpunkt der wichtigsten Zeremonie ihres Lebens, zu der sich das ganze Dorf um das große Feuer versammelt hatte. Schon immer war das Sternenwandern ein Vorrecht ihrer Sippe gewesen. Seit ein paar Monden war sie endlich alt genug, nun war sie an der Reihe, hinauszugehen. Oder bleiben zu müssen, das Feuer würde es sagen.
Als er ihr gebieterisch winkte, legte sie ihm den kleinen Lederbeutel mit den seltenen schwarzen Steinsplittern in die Hand, die sie in den letzten Wochen auf ihren einsamen Wanderungen gesammelt hatte. Er warf die Bruchstücke auf die Blechpfanne, die seit Stunden auf dem Feuer stand und glühte. Ein fliederfarbener Lichtschein erhob sich plötzlich, die Umstehenden raunten beeindruckt, die Steine schienen zu schmelzen und färbten sich blutrot. Der Priester begann auf seinem Hocker gefährlich zu schwanken, als er die Augen so verdrehte, dass Merin nur noch die weißen Augäpfel sah. Mit einer Stimme, die sie noch nie von ihm gehört hatte, rief er schallend: „Merin, Sternenwanderer, wo ist dein Herz?“

 

abc.etueden schreibeinladung 10.17 4 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Es gibt Wörter, die sind wie glatt geschliffene Kiesel, sie passen leicht und gefühlt für fast alles, man kann sie schleudern wie Würfel. Die dieser Woche (Sternenwandern, fliederfarben, Bruchstücke) sind dagegen anders, sie sind kantig und schillernd und wunderbar, und es sagt bestimmt etwas über mich aus, dass mein erster Schreibimpuls, der erste Satz, der mir in den Sinn kam (der letzte), in Fantasy-Richtung weist …

Schreibeinladung zu Kürzestgeschichten, 3 Worte in maximal 10 Sätzen, Woche 10/ 17, Gastgeber ist zum Glück wie immer der Herr hinter dem Textstaub, Wortspenderin die famose Frau Westendstorie.

 

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Sirenengesänge | abc.etüden

Gedanken lesen (und unmerkbar hineinsingen) zu können war nicht immer eine ungetrübte Freude: Die Neugier darauf, zu wissen, was die Kerle gerne alles mit ihr anstellen würden, war ihr inzwischen gründlich vergangen.
Allerdings stand seit Neuestem ständig einer vor der Glasscheibe, mit dem würde vielleicht was gehen. Musste ein Abenteurer sein und reich oder so, etwas Mächtiges war in seiner Aura; jedenfalls hatte sie in seinen Gedanken ein Segelschiff gesehen, sie und ihn Händchen haltend unter Wasser schwimmend wie Delphine und sie zeigte ihm Tiefen und Untiefen im kristallklaren Wasser …
Der war ein anderes Kaliber und leider viel zu selten, er schob Phantasien, die sie nur zu gern wieder und wieder mit ihren Sirenengesängen befeuerte und die ihn nachts nicht mehr ruhig schlafen ließen. Er verzehrte sich vor Sehnsucht nach ihr. Fast tat er ihr leid, aber konnte sie sich Skrupel leisten?
Sie übte sich in Geduld, erfuhr aus seinen Gedanken von Verhandlungen mit dem Aquarium und von seinem Wunsch, für sie die Welt aus den Angeln zu heben. Okay, zu einem echten Meermann konnte sie ihn nicht machen, und die Sache mit der Königin war vermutlich auch durch, aber ahoi,  Korallenriff! Sie war fast schon wieder am Start.
Und nie, nie, nie, nie, nie wieder Backerbsen!

 

Achtung, Achtung, Update vom 15.02.: ALTERNATIVES ENDE VON KARIN! Ist es nicht toll?

Eines Tages beorderte Poseidon, der seine Nixe als Königin seines Herzens schon vermisste, einen Wasserfrosch, so ein kleiner, winziger mit gelbgrünen Tupfen auf dem Haupt, in das Aquarium. La Nixe beachtete ihn nicht, doch er scharwenzelte munter um sie herum, bis sie ihn schließlich fragte: „Was willst Du, hässlicher Frosch?“ „Dich erlösen, schöne Meerjungfrau.“ „Du Winzling, wie willst Du das anstellen?“ „Das lass nur meine Sorge sein, einzige Bedingung, Du musst mich als kleines Schmuckstück immer um Deinen Hals tragen.“ La Nixe dachte sich, lieber einen Frosch um den Hals, als einer im … und versprach es ihm.
Da zückte er einen kleinen Zauberstab, schrumpfte sich und sie zu einem winzigen Wassertierchen und beide entfleuchten durch den Abfluss, heuerten auf einem Segelschiff an, keinem russischen; und eines Tages konnte Poseidon, der sich auch vorwiegend in der Karibik aufhielt, Götter haben ja die Wahl, die beiden an seine zottelige Brust drücken. La Nixe bekam ihre alte Gestalt, der Frosch wurde zum Goldstück verwandelt und baumelte selig um ihren Hals. Zwar träumt sie noch immer ab und an von dem Mannsbild mit der Aura, den Backerbsen und Hamburg und stimmt dann ihren schönsten verführerischen Song an, sodass alle Korallen im Korallenriff noch mehr erröten … und wenn sie nicht gestorben sind … dann …

 

abc.etueden schreibeinladung 07.17 3 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Dies ist die Fortsetzung zu Alles Fake! von gestern, und falls sich wer fragen sollte, warum ich die Geschichte so dringend entgegen meiner sonstigen Gewohnheit weitergesponnen habe, der lese die Kommentare bei jenem Eintrag. Nein, ich konnte sie wirklich nicht im Aquarium lassen.

Ansonsten ist dies immer noch ein Beitrag zu dem Schreibprojekt des Herrn Textstaub für diese Woche (KW 7/ 17), die Worte, die es in maximal 10 Sätzen unterzubringen galt, sind Königin, Backerbsen, Korallenriff und entstammen der Phantasie von Frau Graugans.

 

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Alles Fake! | abc.etüden

Jener Menschenmann hatte sie damit gelockt und gefüttert, seine Gebeine sollten auf dem tiefsten Meeresgrund verrotten, er war schuld! Sie erinnerte sich immer noch an seine Küsse und den eigenartigen, leicht süchtig machenden Geschmack der knusprigen Kügelchen, wenn sie sie von ihrer feuchten Haut aufgeleckt hatten. Nun, Backerbsen wurden eindeutig überschätzt, wie Männer auch und die Sache mit den Beinen! Frei sein, ha: Alles Fake.
Sie schlug missmutig mit dem Schwanz, schwamm ein wenig und schnitt ein paar besonders aufdringlichen, tittenstarrenden Jugendlichen eine böse Grimasse, was diese mit einem Handy-Blitzlichtgewitter quittierten. Im Tropenaquarium war sie die Hauptattraktion, und wenn sie Pech hatte, würde sie bis an ihr Lebensende nichts mehr außer den Wänden des größten Beckens und dem Gemüse, was sie hier Wasserpflanzen nannten, sehen. Wenn sie daran dachte, dass sie im Korallenriff Königin hätte werden können! Bitter genug, dass ihre einzige Chance jetzt war, dass einer der geilen Wärter für ihre Befreiung seinen Job riskierte. Aber nein, sie hatte ja diesen fatalen Hang zu Höherem, musste sich ja unbedingt in einen Fußgänger verlieben.
Sie brauchte dringend eine gute Idee.

 

abc.etueden schreibeinladung 07.17 2 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

KW 7/ 17: Wieder die sehnsüchtig erwarteten (ja, okay, ja) Worte aus dem Schreibprojekt des Herrn Textstaub für diese Woche und meine Irritation, als sie sich als Königin, Backerbsen, Korallenriff (danke für das Kopfschütteln, liebe Grete, edle Spenderin) herausstellten. Ich hatte gestern genug anderes zu tun (unter anderem Maskenzauber an der Alster (also ich mit der Kamera, nicht gewandet), Bilder folgen hoffentlich bald), aber dieses Mal dauerte es, bis ich sortiert hatte, wer spricht und was eigentlich los ist. Ach, es macht einfach Spaß.

 

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Katastrophenalarm

Zuerst wollte ich die Geschichte „Mein schönstes Ferienerlebnis“ nennen, aber dann dachte ich, bis die Ironie auffällt, haben alle schon weitergeklickt. Hier ist eine 10-Wort-Geschichte nach dem Aufruf von Tausend, weitere Bedingungen: ein Brief, und nicht länger als 1.500 Zeichen, was prinzipiell betrüblich wenig ist. Aber danke für die Idee, ich hatte echt Spaß.

Die vorgegebenen Worte sind: Schnabel, Zikade, Tau, Esel, Sonnenfinsternis, Eyeliner, Fahrradlenker, Mathe, Paul, Umsatz – das alles wie immer in beliebiger Reihenfolge. 1.500 Zeichen ab jetzt:

 

Liebe Hanna,

hier geht der Punk ab, und natürlich bin ich an allem schuld. Hatte ich dir erzählt, dass ich mir, als Mama den Griechenland-Urlaub gecancelt hat, so ein Insekten-Blechtröten-Geräusch als Klingelton runtergeladen habe? Voll geil. Nervt tierisch. Zikaden in Nordfriesland. YES!

Es fing damit an, dass meine Schwester unbedingt auf dem Esel ins Dorf reiten wollte. Sie kann nicht reiten, du weißt aber auch, dass sie immer im Mittelpunkt stehen will. Warum ist auch klar. Ich glaube, der Idiot heißt Paul und wohnt auf dem Campingplatz. Sie sagt, er ist gut in Mathe und kann ihr Nachhilfe geben, aber nicht mal Mama glaubt das. Das Einzige, was seitdem stark gestiegen ist, ist der Umsatz an Eyeliner im Dorfladen.

Da Mama nicht völlig doof ist, sollte ich mit ins Dorf. Ich also auf dem Fahrrad über die Feldwege, Jule auf dem Esel hinterher. Was passiert? Mein auf super-laut gestelltes Handy geht los, der Esel erschrickt, rennt in mich rein und gibt Gas, ich fliege über den Fahrradlenker, Jule vom Esel und auf mich drauf und … Sonnenfinsternis. Ich glaube, ich war echt paar Minuten weg oder so. Jule ist knapp an der Schnabeltasse vorbeigekommen, die ist übel auf die Fresse geknallt, und ich habe einen fett verstauchten Knöchel. Jetzt hängen wir hier in der Ferienwohnung rum und gucken Uralt-Videos, die Mama ausgegraben hat. Schon mal von Pan Tau gehört? Ich sag jetzt nix.
Der Esel hat übrigens allein heimgefunden.
Regnen tut’s auch. Nur noch drei Tage.

Deine Leonie

 

Esel – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay