Wie Fuchs und Hase keine Freunde wurden

Der Hase schreckte durch ein schrilles Geräusch auf. Ein Signal? Hatte er etwa verpennt, dass die anderen zum Ostereier-Verteilen loszogen?!? Er raste über Berg und Tal zum Sammelplatz. Dort aber schlich nur ein hungriger Fuchs herum.
„Wo sind …?“
„Dummes Karnickel! Ostern ist erst in zwei Wochen“, sagte der. „Aber das wirst du leider nicht mehr erleben.“
Plötzlich sah der Hase einen Schatten bedrohlich aufragen. „Hinter dir!“ rief er. „Rette dich!“
„Darauf falle ich nicht rein“, sagte der Fuchs und sprang. Das Gewehr des Jägers knallte, und der Fuchs war mausetot.
Ziemlich fertig mit der Welt hoppelte der Hase heim.

 

Fuchs und Hase | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Die Aufgabe

„Sag’s mit 100 Worten“ fordert Tante Tex in ihrer aktuellen Schreibaufgabe zum Story-Samstag, „schreibt ein Drabble“, und erklärt:

Ein Drabble ist eine meist pointierte Geschichte, die aus exakt 100 Wörtern bestehen muss. Dabei wird die Überschrift nicht mitgezählt.

Aha?! Oha. Nun denn. Großartig. Ich hab so was in der Art schon mal gemacht, 10 Worte in 1500 Zeichen und als Brief. Widerlicher Zählkram.  😉
Einzubauen waren außerdem: Hase, Berg, Geräusch. Irgendwo muss die Richtung ja herkommen; HASE drängte mich in Richtung Osterhase, und BERG sowie GERÄUSCH unterstützten das.
Ich mag Oster-Kitsch nicht so. Also hatte ich anfangs ernsthaft überlegt, das hinterher alle tot wären, aber dann fand ich das doch unfair dem Häschen gegenüber.

Diese Drabbleparade scheint vom Tuschenputtel losgetreten worden zu sein, die auch wissen möchte, wo sich ihre Parade gerade so herumtreibt. Herzlichen Dank für die Idee, es hat großen Spaß gemacht.

Weiter geht die Parade!

Ich möchte keinen nominieren, aber ich hätte drei neue Wörter für euch, falls jemand sie aufgreifen mag: Frühlingsgefühle, schillernd, Trommel.

  1. Schreibt einen Text, der genau 100 Worte hat (ein Drabble eben), in dem die drei Worte vorkommen.
  2. Verlinkt zu mir (dieser Beitrag) und zum Beitrag vom Tuschenputtel.
  3. Denkt euch drei neue Worte aus.
  4. Falls ihr Blogs nominieren möchtet, benachrichtigt die.

Und jetzt viel Spaß euch allen!

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Ein Kaff mit K

Wer mich kennt, dem könnte aufgefallen sein, dass mich Aufforderungen wie „Schreibe um diese 3 (5, 10) Begriffe einen Text“ magisch anziehen. So geschehen bei dem neu entdeckten Blog von Tante Tex, die mir mit ihrem Story-Samstag sogar ein kontinuierliches Vergnügen verspricht.

Einzubauen waren nur drei von fünf, wie mir dann später auffiel. Ziel übererfüllt. Ich nun wieder.
Die Wörter waren: Nikolaus, Assoziation, Umfrage, Karthago und Orchester; und ich fands sauschwer, zumindest den Anfang.

 

„Sag mir mal eine Stadt mit K …“
„Karthago.“
„… an der Mosel. An der MOSEL! Lass den Asterix liegen, den lese ich gerade!“
„Koblenz. Karthago ist aber viel spannender als dieses Kaff. K wie Kaff. Wofür? Geographie?“
„Hä?“
„Erdkunde. In Quizduell: Rund um die Welt.“ Sie verdreht die Augen.
Nehm ich nie.“
„Schon klar.“ Sie seufzt. Schwestern.
„Nee, Geschichte. Hausaufgabe. Wir sollen einen Mann rausfinden. Stichworte: Bischof und Kardinal, eine Stadt mit K an der Mosel und eine Karte.“
„Wie aufregend.“ Sie zieht einen Flunsch. „Was für eine Karte?“
„Weiß ich doch nicht. Petermann wollte früher los wegen dem Spiel nachher, hat was von ‚Assoziation‘ und ‚ganz leicht‘ gemurmelt und ist abgehauen. Fehlte bloß noch ‚Schwarmintelligenz‘. Kennt man ja. Wir sind dann jedenfalls auch alle weg.“
„Paul hat jetzt Orchesterprobe, sonst könnten wir bei denen mal ’ne Umfrage starten.“
„Ach, immer dein geliebter Paul! Damit uns seine arschcoolen Kumpels von der Bigband wieder sagen, dass Mädchen höchstens gut genug sind, vor der Band zu tanzen? Komm schon! Wer fällt dir ein, wenn du ‚Bischof und Kardinal‘ hörst?“
„Ey, wenn wir alleine sind, ist der ganz anders, echt!“ Sie schmollt ein bisschen. „Mir fällt Ratzi ein, aber der war Papst. Und so modern ist der Petermann nicht.“
„Neee, und so, wie der das gesagt hat, ist irgendein Trick dabei. Kennst ihn ja.“
„Okay, der heilige Nikolaus, der ist Bischof und bekannt und auf jeden Fall ziemlich alt. War der Kardinal? Der kam aus Kleinasien. Wieder K. Hilft das? Wo seid ihr in Geschichte?“
„Mittelalter. Warte mal, ich guck den mal nach.“

Sie beginnt, auf ihrem Smartphone herumzutippen. Zuerst langsam, dann hektisch und kopfschüttelnd.

„Ey, ich fass es nicht! Der hat uns voll verarscht!“
„Wieso?“
„Ich hab’s gefunden, glaube ich. Gegen wen spielen wir heute Abend, mit Herrn Petermann an der Spitze?“
„Cusanus-Gymnasium. Und?“
„Und wer ist Cusanus? Na? Müsstest du doch wissen, Superhirn. Quizduell: Zeugen der Zeit.“
In Quizduell ist sie besser. Viel besser. Und ihre Schwester ist nur neidisch. Sie muss sie nicht erwürgen. „Irgendein Mathematiker, oder?“
„Universalgelehrter, Philosoph, Bischof und Kardinal. Steht hier. Wikipedia. Deutscher Name: Nikolaus von Kues. Und wo liegt Kues, Watson? Ich werde es dir sagen: an der Mosel. Heißt heute Bernkastel-Kues.“
„Da kommt doch Omas Familie her! Da waren wir schon!“
„Ja, im Sommer, furchtbar öde, genau. Die Cusanus-Karte ist jedenfalls eine mittelalterliche Weltkarte. Und stell dir vor, nach dem Typen heißt sogar ein Mondkrater!“

Sie klickt noch ein bisschen rum und fängt an, schallend zu lachen.

„Was?“
„Weißt du, wie der Nachbarkrater von dem Cusanus heißt?“
„Nein.“
„Petermann. Ein Einschlagkrater am nordöstlichen Rand der Mondvorderseite.“ Sie grinst breit. „Tja, da ist bei der Landung von Petermann wohl was schiefgegangen.“
Die Schwester staunt. „Neee, echt jetzt? Krass. Petermann? Warum ist der nicht dort geblieben? Ob die ihn nicht haben wollten? Versteh ich gaaaar nicht.“ Sie kichert.
„Vielleicht sind Bilbo und die Zwerge vorbeigekommen.“
„Hat ein Pittermännchen auf den Tisch gestellt und war dabei? Leider erst nach der Sache mit dem Drachen. Kein Schatzzzzzzz für Peterweis Petermann.“
„Glaubst du, da hätte eins gereicht? Dumm gelaufen, irgendwas ist immer.“ Sie steckt ihr Smartphone weg. „Okay, ich bin durch, lass uns los und sehen, ob sie Pittermännchen und seine Truppe heute wieder auf den Mond schießen.“
„Gib mir zehn Minuten, dann bin ich dabei.“

 

Update: Irgendwann abends ist mir aufgefallen, dass man diese Geschichte als eine Art Weiterführung von „Katastrophenalarm“ ansehen könnte. Ebenfalls zwei Schwestern, ebenfalls ein Typ namens Paul. War nicht geplant. Interessant.

 

Cusanusstift in Bernkastel-Kues 1831. Aquatinta von F. Hegi nach einer Vorlage von Karl Bodmer, handkoloriert.

Cusanusstift in Bernkastel-Kues 1831. Aquatinta von F. Hegi nach einer Vorlage von Karl Bodmer, handkoloriert. (Quelle: Wikimedia Commons)

 

Merken

Merken

Katastrophenalarm

Zuerst wollte ich die Geschichte „Mein schönstes Ferienerlebnis“ nennen, aber dann dachte ich, bis die Ironie auffällt, haben alle schon weitergeklickt. Hier ist eine 10-Wort-Geschichte nach dem Aufruf von Tausend, weitere Bedingungen: ein Brief, und nicht länger als 1.500 Zeichen, was prinzipiell betrüblich wenig ist. Aber danke für die Idee, ich hatte echt Spaß.

Die vorgegebenen Worte sind: Schnabel, Zikade, Tau, Esel, Sonnenfinsternis, Eyeliner, Fahrradlenker, Mathe, Paul, Umsatz – das alles wie immer in beliebiger Reihenfolge. 1.500 Zeichen ab jetzt:

 

Liebe Hanna,

hier geht der Punk ab, und natürlich bin ich an allem schuld. Hatte ich dir erzählt, dass ich mir, als Mama den Griechenland-Urlaub gecancelt hat, so ein Insekten-Blechtröten-Geräusch als Klingelton runtergeladen habe? Voll geil. Nervt tierisch. Zikaden in Nordfriesland. YES!

Es fing damit an, dass meine Schwester unbedingt auf dem Esel ins Dorf reiten wollte. Sie kann nicht reiten, du weißt aber auch, dass sie immer im Mittelpunkt stehen will. Warum ist auch klar. Ich glaube, der Idiot heißt Paul und wohnt auf dem Campingplatz. Sie sagt, er ist gut in Mathe und kann ihr Nachhilfe geben, aber nicht mal Mama glaubt das. Das Einzige, was seitdem stark gestiegen ist, ist der Umsatz an Eyeliner im Dorfladen.

Da Mama nicht völlig doof ist, sollte ich mit ins Dorf. Ich also auf dem Fahrrad über die Feldwege, Jule auf dem Esel hinterher. Was passiert? Mein auf super-laut gestelltes Handy geht los, der Esel erschrickt, rennt in mich rein und gibt Gas, ich fliege über den Fahrradlenker, Jule vom Esel und auf mich drauf und … Sonnenfinsternis. Ich glaube, ich war echt paar Minuten weg oder so. Jule ist knapp an der Schnabeltasse vorbeigekommen, die ist übel auf die Fresse geknallt, und ich habe einen fett verstauchten Knöchel. Jetzt hängen wir hier in der Ferienwohnung rum und gucken Uralt-Videos, die Mama ausgegraben hat. Schon mal von Pan Tau gehört? Ich sag jetzt nix.
Der Esel hat übrigens allein heimgefunden.
Regnen tut’s auch. Nur noch drei Tage.

Deine Leonie

 

Esel – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Klappspatens Verwandlung

Respekt ist anders. Hinter seinem Rücken bezeichneten sie ihn als Klappspaten. Rudi konnte damit leben. Mit einem Klappspaten kannte er sich wenigstens aus, sehr im Gegensatz zu seinen sogenannten Kumpels. Unter seinen Händen gedieh alles, was wuchs. Schon wahr, er war ein bisschen eigenartig und nicht wie sie. Aber auch das hatte ihn nie gestört. Bis … ja, bis …

Ihr Name war Elin. Sie war die Cousine von Kumpel Magnus, dessen Familie vor ein paar Jahren aus Island eingewandert war. So hatte sich Rudi immer eine Fee vorgestellt: schlank, blond, groß und lieblich. Er hatte sie im Wald getroffen, mit einem eleganten Jagdhund an ihrer Seite, und sie hatte ihn nach Eulen gefragt. Einmal war sie mit ihm und den Kumpels tanzen gegangen. Spätnachts hatte sie die Tanzfläche für sich allein gehabt und sich verträumt  im Licht der Spots hin und her gewiegt, umwabert von dicken Schwaden aus der Nebelmaschine. Ihr Kleid mit dem ausladenden Rock umgab sie wie eine fließende Sahnewolke. Danach hatte er ein Gedicht geschrieben. Aber am nächsten Tag fand er es schwülstig und traute sich nicht, es ihr zu schenken. Sie könnte ja lachen. Und dann müsste er sterben. Ganz bestimmt. Er seufzte bei dem Gedanken. Er war ihr verfallen. Ein hoffnungsloser Fall.

 

Die fünfte Rauhnacht dämmerte schon fast herein, als Rudi den Baum entdeckte, der versteckt in dem verlassenen Garten der Nachbarn stand und gelb blühte. Kurz nach Weihnachten, mitten im Winter, der bisher ungewöhnlich mild gewesen war. Neugierig trat er näher. Am Fuß des Stammes saß ein Zwerg. Jedenfalls war es etwas, was so aussah, wie Rudi sich immer einen Zwerg vorgestellt hatte. Ziemlich klein, ziemlich rundlich, und es trug tatsächlich eine Zipfelmütze. Und roch.

„Guten Abend“, grüßte Rudi höflich.
„Guten Abend“, antwortete der Zwerg. „Du kannst mich also sehen.“ Er klang deprimiert.
„Ja“, sagte Rudi überrascht, „ist das schlimm? Ich habe noch nie einen Zwerg gesehen. Außerdem riechst du nach Pfefferminze.“
„Menschen!“ rief der Zwerg aus. „Zwerge sind keine Gestaltwandler, es hat einen guten Grund, dass ihr uns normalerweise nicht seht, schon mal daran gedacht?“
„Nein“, gab Rudi zu. „Aber was machst du dann hier? Gibt es ein Problem, bei dem ich dir helfen kann?“
Der Zwerg, der Rudi knapp übers Knie reichte, musterte ihn lange und intensiv. Das Ergebnis schien positiv auszufallen, denn er nickte.
„Vielleicht“, sagte er. „Ich stecke in einer furchtbaren Patsche. Schau hier.“ Er wies auf seinen Fuß. Jetzt sah Rudi, was ihm bisher entgangen war. Ein Bein des Zwerges war bis zur Hälfte ein dicker, grauer Klumpen.
„Was ist das?“ fragte Rudi erschrocken.
„Weiß ich nicht“, sagte der Zwerg und klang ziemlich verzweifelt. „Eine Falle vielleicht. Ich bin hineingetreten und ausgerutscht, als ich durch eine unserer geheimen Türen zurück wollte. Es ist sofort fest geworden, ich konnte gerade noch mein Bein losreißen und weglaufen, sonst stünde ich immer noch dort. Jetzt suchen sie mich bestimmt schon, und ich kriege das Zeug nicht ab!“
„Darf ich mal?“ fragte Rudi und beugte sich vor.
„Bitte sehr“, sagte der Zwerg. Rudi klopfte darauf. Hart. Zement. Im Zweifelsfall sogar Blitzzement.
„Tut das weh?“
„Nein“, sagte der Zwerg und zögerte, „es ist nur … ich kann es dir nicht erklären, aber ich kann damit nicht über den normalen Weg zurück, solange das da an meinem Bein ist. Dinge aus deiner Welt und so. Und jetzt kommt die Nacht, sogar eine Rauhnacht, und das heißt, es ist extrem gefährlich für mich, draußen zu sein. Pfefferminze hilft zwar gegen Katzen, heißt es, aber das ist längst nicht alles. Ich muss hier weg!“
Rudi fielen nur Hammer und Meißel ein. Beides konnte er organisieren, aber nicht sofort, von den Unannehmlichkeiten einer derartigen Behandlung mal ganz abgesehen. Außerdem schien die Zeit ja zu drängen.
„Ich könnte bei dir bleiben“, schlug Rudi vor.
„Lieb von dir. Du hast ein gutes Herz.“
„Gibt es keine andere Möglichkeit?“
„Doch“, sagte der Zwerg. „Weißt du, unter was für einem Baum wir hier sitzen?“
Rudi nickte. „Hamamelis. Zaubernuss. Blüht im Winter. Kleine schwarze Samen.“
Der Zwerg sah ihn erstaunt an. „Du kennst dich aus.“
„Ich mag Bäume. Warum fragst du?“
„Ich brauche so einen Samen. Ich habe hier alles abgesucht, aber keinen gefunden.“
„Ich wohne dort drüben“, sagte Rudi und streckte die Hand aus. „Es ist nicht weit. Bleib hier. Ich bin gleich wieder da.“

Es dauerte wirklich nicht lange, bis er schnell atmend angelaufen kam und dem Zwerg die geöffnete Handfläche entgegenstreckte. Fünf Zaubernuss-Samen lagen darin. „Nimm so viele du willst“, sagte er.
Der Zwerg nahm alle. „Ich muss sie kauen“, erklärte er, „und wenn es wirkt, ist der Effekt ziemlich minimalistisch: Ich bin dann einfach weg. Aber falls es klappt, und ich habe es noch nie ausprobiert, dann verdanke ich dir möglicherweise sogar mein Leben. Und dann hast du einen Wunsch frei. Was wünschst du dir?“

Rudi dachte an Elin und an seinen Wunsch, ihr nah zu sein. Er sagte es ihm.
„Du bist verrückt, Mensch“, erwiderte der Zwerg ungläubig, „du hast doch Verwandte, die dich vermissen werden.“
„Keinen einzigen“, antwortete Rudi ernst. „Mach, dass mich ihr Hund mag und dass sie keine Angst vor mir hat. Geht das?“
Der Zwerg sah ihn abschätzend an und nickte schließlich. „Du wirst es bedauern“, stellte er knapp fest. „Aber von meiner Seite gilt der Handel. Wenn alles wie erhofft funktioniert hat, heute um Mitternacht.“
Sie nickten einander feierlich zu. Dann steckte sich der Zwerg den ersten Samen in den Mund, kaute, wartete, darauf den zweiten, den dritten … und war fort.

 

Der letzte Glockenschlag zur Mitternacht war kaum verklungen, als der majestätische Uhu aus dem offenstehenden Fenster herausflog und zielstrebig in die Nacht verschwand. Er zögerte nicht. Er sah sich nicht um. Er wusste, wohin er wollte.

 

Tänzerin – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Wer sich fragt, wie man denn auf so was kommt: schaut hier.

 

Dies ist mein Beitrag zu der neuesten Runde von 10 Wörter eine Geschichte – Blogger schreiben gemeinsam, ausgelobt von Mia Westendstorie mit Wortgeschenken der Karfunkelfee. Folgende Wörter galt es einzubauen: schwülstig | Klappspaten | Rauhnacht | Zaubernuss | Blitzzement | Nebelmaschine | Sahnewolke | Pfefferminze | minimalistisch | Gestaltwandler.

Ich hoffe, ihr lasst euch ein wenig verzaubern. Habt einen guten Tag!

 

Musenlaune im Mondschein

Hurra, Mia hat wieder zu „Blogger schreiben gemeinsam“ gerufen … Ich ging mit der Frage ins Bett, was „Ausstellungskadaver“ eigentlich sind oder sein könnten und erwachte lächelnd mit einem Mutter-Tochter-Gezänke in meinem Kopf 😀

Hier sind die einzubauenden 10 Worte: Raumzeit | Erdbeergelee | Veilchen | Musenlaune | Ausstellungskadaver| Literaturschleuder | Furie | Gurkenhobel | Cremetörtchen | Schlürfen

 

„Ohhhhh, Tim, aber ich kann heute echt nicht weg, du weißt doch, Mama hat gleich hier in der Galerie diese Musenscheiße im Mondschein, und ich muss …“
„Viktoria Emilia Sophie!“ Sie hörte sich schon an wie eine Furie, und sie wusste es. Umgeben von einer deutlichen Veilchenparfümwolke drehte ihre Tochter ihr den Rücken zu, entfernte sich ein paar Schritte über die Terrasse und hob lässig eine manikürte Hand. Hätte noch besser ausgesehen, wenn nicht die Fingernägel von Zeige- und Mittelfinger deutlich ramponiert gewesen wären. Wieder mal in den Gurkenhobel gekommen, was?, dachte Simone hämisch, deine Küchenfertigkeiten solltest du aber noch optimieren, nicht nur deinen Style. Obwohl sie heute bereitwillig geholfen hatte, das musste sie ihr lassen. Sie seufzte. Teenagertöchter entstammten wirklich einer anderen Raumzeit. Na ja, da mussten sie nun durch. Alle.

„Ja, hab ich dir doch erzählt, diese Soiree“, Simone konnte ihr Augenrollen fast hören, „wo alle ihre Ausstellungskadaver um kleine Stehtische gruppieren, tierisch viel Kohle dafür bezahlen, dass sie dabei sein dürfen und sich furchtbar wichtig vorkommen. Und irgendwann, wenn alle vom Champagner-Schlürfen breit sind, gibt es eine Tombola. Mama verlost zehn Bücher und ich bin die Literaturschleuder, das heißt, ich soll die Gewinner ziehen. Willst du nicht auch kommen? Dann hätte ich hier wenigstens …“

Simone schüttelte energisch den Kopf. „Musenlaune im Mondschein“ würde auch ohne den neuen Freund ihrer Tochter bestens funktionieren. Um ihre Nerven zu beruhigen nahm sie sich ein rotes Cremetörtchen und fing entsetzt an zu keuchen. Um Himmels Willen, wer hatte so viel Chili in die Erdbeergelee-Füllung getan? Sie sah sich nach ihrer Tochter um. Die Terrasse war leer.

 

Champagner – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Absturz

Lasst uns doch mal wieder Geschichten zusammen schreiben. Oh, gern, Mia, ich bin dabei. Diesmal gilt es nur neun Begriffe einzubauen: Abgefahren | Aufgetakelt | Aufgeschäumt | Speckgürtel | Stadtpflanze | Landei | Heißes Pflaster | Freier Fall | Gute Stube

 

Was war von ihren aufgeschäumten Hoffnungen geblieben? Sie hob die Hand, und der Barmann streifte sie mit einem mitleidigen Blick, als er ihr noch einen Mojito rüberschob. Egal. Heute war ihr das alles egal. Sie nippte. Es schmeckte nach nichts.

Was machte sie überhaupt hier? Ihre gute Stube war ein vertrauter Ort, aber wollte sie das wirklich? Jahrelang war es ihr Spiel gewesen, am Wochenende aufgetakelt in der teuren Cocktailbar zu sitzen und sich von den Kerlen einladen zu lassen. Insgeheim suchte sie den Märchenprinzen. Dass sie Frösche küsste, gehörte dazu, schließlich durfte es ja auch Spaß machen. Im Laufe der Zeit hatte sie so einige Frösche an die Wand geknallt, aber nach einem tiefen Blick in ihre wohlgeschminkten dunklen Augen lagen ihr die Herren zu Füßen. Bis dieses Landei auftauchte, der sie mit lässigem Charme und trockenem Humor bezauberte. Abgebrühte Stadtpflanze träumt vom Glück. Mann, Kinder, Häuschen im Speckgürtel. Der große Wurf. Kein Spiel mehr.

Bis er feststellte, dass dies ein zu heißes Pflaster war.
Bis er sie als geldgeile Schlampe in High Heels beschimpfte und die Tür hinter sich zuschlug.
Bis ihr Herz im freien Fall abstürzte und zerbarst.
Und blutete. Und blutete.
Der Zug war nicht nur abgefahren, die Gleise waren gesprengt.
Es tat so weh.

 

Mojito – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Zugegeben, das war mehr als eine halbe Stunde Arbeit. Und nein, diesen Text gibt es nicht in fröhlich, nur um Anmerkungen vorzubeugen. 😉

Kommt gut in die neue Woche!

 

Alles in Schnittlauch

Es war ein schöner Tag, der letzte (Sonntag) im April. Die Sonne brannte heiß … nein, aus, falsches Lied! 😉
Am Sonntag gab es bei Mia Westendstorie wieder 10 frische Worte, um eine neue Geschichte daraus zu bauen. Hier steht, um was es geht, hier kommen nochmal die Worte:

Kalender | Rückfahrkarte | Schnittlauch | Chromosomen | Schneckengift | Radkappe | Gefahr | Zärtlichkeit | Elend | Gewinn

Alles in Schnittlauch

„WAS IST DAS?????“ Er deutete auf die Blumenschale, die zwischen ihnen stand. Sie wischte sich die Erde von den Händen. Wenn er sich so aufblies, war Gefahr im Verzug.
„Was blüht um diese Jahreszeit?“, antwortete sie so sanft wie möglich. Was wollte der denn? „Osterglocken. Tulpen. Primeln. Stiefmütterchen. Guck mal auf den Kalender.“
„Die meine ich nicht. Darunter! Du hältst mich wohl für doof, was?“
Jetzt zu antworten, wäre sehr unklug gewesen. Seine Freundin, die immer behauptete, große Brüder seien doch so ein Gewinn, war natürlich wieder mal nicht da. Hin und wieder brachte es Vorteile, aus einem aufgemotzten Cabrio auszusteigen, okay, aber grundsätzlich konnte sie brüllende Typen nicht ab.
„Das ist meine RADKAPPE! Meine! Spinnst du? Gib die sofort her!“
Oh, verdammt! Sie hatte die Dinger für irgendwelche komischen Untersetzer gehalten, die wunderbarerweise im Schuppen herumlagen. Dafür eigneten sie sich auf jeden Fall prima. Fast hätte sie eine schon als Bierfalle eingegraben, als Alternative zu Schneckengift, aber die war eigentlich zu flach. Und das Risiko mit betrunkenen Igeln wollte sie lieber auch nicht eingehen.
Taktik war angesagt. Sie legte erschrockenes Elend in ihre Stimme. „Yannick, tut mir leid, echt“, jammerte sie.
Er griff sich seine Radkappe und sah sie verächtlich an. „Du und dein Kräuterfimmel! Im Mittelalter hätten sie dich als Hexe verbrannt, Spatzenhirn!“ Weg war er, zog wütend ab in Richtung Auto.

Zärtlichkeit wallte in ihr auf, als sie sich umsah. Es stimmte schon, sie war die Gärtnerin in der Familie. Die Pflanzen mochten sie, sie hatte wohl wirklich den Schnittlauch in den Chromosomen, wie ihre Mutter immer grinsend sagte. Und wenn Yannick sich nicht schnellstens wieder abregte, würde sie ihn dahin schicken, wo der Pfeffer wächst. Ohne Rückfahrkarte. Und seine Freundin gleich mit, die blöde Kuh. Für alles wuchs schließlich ein Kraut. Sie lächelte.

 

Blühender Schnittlauch – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Unterwegs

„Ich will nicht.“ „Doch, du willst, lüg doch nicht“, sagte die Muse. „Nimm die Wörter halt mit in deinen Traum, wird schon was herauskommen, was dir gefällt. Ich bin ja bei dir.“

Hurra, es geht weiter! 10 Wörter, eine Geschichte, ich bin dabei! Hier ist das Kleingedruckte, hier kommen nochmal die aktuellen zehn Wörter: Frigide | Schattenspiele | Greifvogel | Krokus | Grotesk | Strippenzieher | Tango | Email | liebevoll | Rilke

Unterwegs

 

Frigide Ziege!“
„Impotenter Bock!“
Sie brachen in Gelächter aus, küssten einander leidenschaftlich und gingen zielstrebig Hand in Hand weiter durch den Park.
Die Abendsonne zog einen einzeln stehenden Krokus grotesk in die Länge und verhalf ihren Umrissen zu unförmigen Schatten. Immer noch lachend streckte sie die Hände nach oben, legte die Daumen aufeinander und bewegte die Handflächen. Es sah aus, als würde ein Greifvogel mit den Flügeln schlagen. Sie liebte Schattenspiele seit ihrer Kindheit.
„Ich habe heute eine Email bekommen“, sagte er plötzlich, „mit einem Zitat von Rilke. Über Tanz.“
„Weißt du es auswendig?“ fragte sie, und er nickte und überlegte noch einen Moment lang.
„… Und endlich aus den reifgewordnen Takten: entsprang der Tanz. Und alle riss er hin. Das war ein Wellenschlagen in den Sälen, ein Sich-Begegnen und ein Sich-Erwählen … tut mir leid, es ging noch weiter, mehr weiß ich nicht.“
Sie sah ihn mit leuchtenden Augen an.
„Oh, das ist schön!“
Er zog sie liebevoll an sich. Das hatte der große Strippenzieher schon gut eingerichtet, dachte er wieder einmal, dass er ausgerechnet sie beide zusammenfinden ließ. Immer Außenseiter, immer zu anders, waren sie schließlich miteinander vertraut geworden.
Die Musik drang aus der offenen Tür und wurde lauter, als sie näherkamen. Ein Tango von Astor Piazolla. Magisch.
Die Nacht gehörte ihnen, und sie wussten es.

 

Tango – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Die Wächterin – Montag, 8. Dezember 2014

„Komm schon, krieg dich wieder ein“, murmelte die Muse, als sie mich verzückt auf die neuesten zehn (echt zauberhaften) Wörter starren sah, aus denen sich für die nächste Runde „10 Wörter – eine Geschichte“ schon eine Idee in meinem Kopf zu bilden begann. „Ich hab was für dich, schreib lieber.“

(Hier sind die Wörter: Wasserbild | Feen | magisch | Bembel | Herzschlag | Verbundenheit | Tanbura | Indien | Gleichklang | Droschke.)

Die Wächterin

„Schau hinein und hab keine Angst!“ Sie entleerte den Bembel mit geübtem Schwung in die schwarze Schale. Skeptisch blickte ich auf das Wasserbild. In der Mitte schien auf dem Boden etwas zu liegen. Als ich versuchte, mich darauf zu konzentrieren, blies sie auf die Oberfläche. Alles verschwamm.

Plötzlich war ich in einem fremden Land. Hitze. Pagoden. Elefanten. Menschen mit Turbanen, die auf Droschken kauerten. Ein Markt. Indien?
Ich verlor mich in den Eindrücken. Ich sog Gerüche auf und trank Farben, um deren Existenz ich nicht einmal gewusst hatte. Dunkle Augen lächelten mich einen Herzschlag lang scheu an. In mir wallte eine Verbundenheit auf, eine Sehnsucht … ich zitterte, mein Herz wollte brechen.
„Nicht weinen.“ Vorsichtig legte sie beschützend den Arm um mich. Hinter uns entlockte jemand einer Tanbura ihre sanften Lautenklänge und summte dazu. Sie begann leise mitzusingen, und der harmonische Gleichklang erfüllte das Zelt.

Dieser Traum war wirklicher als mein Büroalltag! Höchste Zeit, dorthin zurückzukehren, sonst würde ich bleiben wollen. Ich seufzte und erhob mich.
Sie stand vor mir und sah mir in die Augen. Einen flüchtigen Moment lang waren Licht und Farben um sie, und es schien mir, als ob sich ihr Gesicht kurz in etwas sehr Altes veränderte.

Sie nickte, anscheinend zufrieden. „Das Geschenk der Feen“, sagte sie. „Ich verrate dir ein Geheimnis. Es gibt magische Pforten. Nichts ist, wie es scheint. Wenn du mehr wissen willst, komm wieder, es gibt noch viel zu entdecken.“

 

*****

Nein, ein Bembel nimmt dadurch keinen Schaden, dass er auch mal mit Wasser gefüllt wird. Ganz sicher.

 

Indien, Taj Mahal – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kein Weihnachtswunder – Montag, 1. Dezember 2014

Wie schön, „10 Wörter – eine Geschichte“ gehen in die nächste Runde. Hier ist die Einladung zum Mitmachen, hier sind die 10 einzubauenden Wörter, falls ihr nicht schauen wollt:

Irrlicht | Rübezahl | Tannenwald | Johannisbeere | Weihnachtswunder | schnabelnasig | Varieté | Eierlikördusel | kleinwüchsig | schnarcht

 

***

Er hatte Fruchtpunsch (mit Johannisbeere!) schon immer für eine bedenkliche Geschmacksverirrung gehalten. Wiedergutmachung war jedoch dringend angesagt, nachdem sie das Irrlicht als „schnabelnasige Missgeburt“ bezeichnet und gespottet hatten, sie beide könnten ja auch im Varieté auftreten, so wie sie aussähen. Die Alternative, in Schokoladenfingerhüten (für offensichtlich Kleinwüchsige) angeboten, schlug ihm leider auf den Magen. Besänftigen konnte man ihn nicht so schnell. Die Flasche in einem Zug  zu leeren und einfach abzuhauen war zwar konsequent, aber dennoch nicht seine beste Idee gewesen. Er fühlte sich benebelt. Gefährlich. Bevor er sich auf sein Lager fallen ließ und schnarchte, hatte er den widerlichen Eierlikördusel gründlich ausgekotzt. Jetzt ging es ihm besser.
Sollte das selbstherrliche Pärchen doch sehen, wie sie wieder aus dem finsteren Tannenwald herausfanden, so unfähig wie sie waren. Rübezahl stand nicht auf Weihnachtswunder.

***

 

Tannenwald – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay