Absturz

Lasst uns doch mal wieder Geschichten zusammen schreiben. Oh, gern, Mia, ich bin dabei. Diesmal gilt es nur neun Begriffe einzubauen: Abgefahren | Aufgetakelt | Aufgeschäumt | Speckgürtel | Stadtpflanze | Landei | Heißes Pflaster | Freier Fall | Gute Stube

 

Was war von ihren aufgeschäumten Hoffnungen geblieben? Sie hob die Hand, und der Barmann streifte sie mit einem mitleidigen Blick, als er ihr noch einen Mojito rüberschob. Egal. Heute war ihr das alles egal. Sie nippte. Es schmeckte nach nichts.

Was machte sie überhaupt hier? Ihre gute Stube war ein vertrauter Ort, aber wollte sie das wirklich? Jahrelang war es ihr Spiel gewesen, am Wochenende aufgetakelt in der teuren Cocktailbar zu sitzen und sich von den Kerlen einladen zu lassen. Insgeheim suchte sie den Märchenprinzen. Dass sie Frösche küsste, gehörte dazu, schließlich durfte es ja auch Spaß machen. Im Laufe der Zeit hatte sie so einige Frösche an die Wand geknallt, aber nach einem tiefen Blick in ihre wohlgeschminkten dunklen Augen lagen ihr die Herren zu Füßen. Bis dieses Landei auftauchte, der sie mit lässigem Charme und trockenem Humor bezauberte. Abgebrühte Stadtpflanze träumt vom Glück. Mann, Kinder, Häuschen im Speckgürtel. Der große Wurf. Kein Spiel mehr.

Bis er feststellte, dass dies ein zu heißes Pflaster war.
Bis er sie als geldgeile Schlampe in High Heels beschimpfte und die Tür hinter sich zuschlug.
Bis ihr Herz im freien Fall abstürzte und zerbarst.
Und blutete. Und blutete.
Der Zug war nicht nur abgefahren, die Gleise waren gesprengt.
Es tat so weh.

 

Mojito – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Zugegeben, das war mehr als eine halbe Stunde Arbeit. Und nein, diesen Text gibt es nicht in fröhlich, nur um Anmerkungen vorzubeugen. ;-)

Kommt gut in die neue Woche!

 

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Alles in Schnittlauch

Es war ein schöner Tag, der letzte (Sonntag) im April. Die Sonne brannte heiß … nein, aus, falsches Lied! ;-)
Am Sonntag gab es bei Mia Westendstorie wieder 10 frische Worte, um eine neue Geschichte daraus zu bauen. Hier steht, um was es geht, hier kommen nochmal die Worte:

Kalender | Rückfahrkarte | Schnittlauch | Chromosomen | Schneckengift | Radkappe | Gefahr | Zärtlichkeit | Elend | Gewinn

Alles in Schnittlauch

„WAS IST DAS?????“ Er deutete auf die Blumenschale, die zwischen ihnen stand. Sie wischte sich die Erde von den Händen. Wenn er sich so aufblies, war Gefahr im Verzug.
„Was blüht um diese Jahreszeit?“, antwortete sie so sanft wie möglich. Was wollte der denn? „Osterglocken. Tulpen. Primeln. Stiefmütterchen. Guck mal auf den Kalender.“
„Die meine ich nicht. Darunter! Du hältst mich wohl für doof, was?“
Jetzt zu antworten, wäre sehr unklug gewesen. Seine Freundin, die immer behauptete, große Brüder seien doch so ein Gewinn, war natürlich wieder mal nicht da. Hin und wieder brachte es Vorteile, aus einem aufgemotzten Cabrio auszusteigen, okay, aber grundsätzlich konnte sie brüllende Typen nicht ab.
„Das ist meine RADKAPPE! Meine! Spinnst du? Gib die sofort her!“
Oh, verdammt! Sie hatte die Dinger für irgendwelche komischen Untersetzer gehalten, die wunderbarerweise im Schuppen herumlagen. Dafür eigneten sie sich auf jeden Fall prima. Fast hätte sie eine schon als Bierfalle eingegraben, als Alternative zu Schneckengift, aber die war eigentlich zu flach. Und das Risiko mit betrunkenen Igeln wollte sie lieber auch nicht eingehen.
Taktik war angesagt. Sie legte erschrockenes Elend in ihre Stimme. „Yannick, tut mir leid, echt“, jammerte sie.
Er griff sich seine Radkappe und sah sie verächtlich an. „Du und dein Kräuterfimmel! Im Mittelalter hätten sie dich als Hexe verbrannt, Spatzenhirn!“ Weg war er, zog wütend ab in Richtung Auto.

Zärtlichkeit wallte in ihr auf, als sie sich umsah. Es stimmte schon, sie war die Gärtnerin in der Familie. Die Pflanzen mochten sie, sie hatte wohl wirklich den Schnittlauch in den Chromosomen, wie ihre Mutter immer grinsend sagte. Und wenn Yannick sich nicht schnellstens wieder abregte, würde sie ihn dahin schicken, wo der Pfeffer wächst. Ohne Rückfahrkarte. Und seine Freundin gleich mit, die blöde Kuh. Für alles wuchs schließlich ein Kraut. Sie lächelte.

 

Blühender Schnittlauch – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Unterwegs

„Ich will nicht.“ „Doch, du willst, lüg doch nicht“, sagte die Muse. „Nimm die Wörter halt mit in deinen Traum, wird schon was herauskommen, was dir gefällt. Ich bin ja bei dir.“

Hurra, es geht weiter! 10 Wörter, eine Geschichte, ich bin dabei! Hier ist das Kleingedruckte, hier kommen nochmal die aktuellen zehn Wörter: Frigide | Schattenspiele | Greifvogel | Krokus | Grotesk | Strippenzieher | Tango | Email | liebevoll | Rilke

Unterwegs

 

Frigide Ziege!“
„Impotenter Bock!“
Sie brachen in Gelächter aus, küssten einander leidenschaftlich und gingen zielstrebig Hand in Hand weiter durch den Park.
Die Abendsonne zog einen einzeln stehenden Krokus grotesk in die Länge und verhalf ihren Umrissen zu unförmigen Schatten. Immer noch lachend streckte sie die Hände nach oben, legte die Daumen aufeinander und bewegte die Handflächen. Es sah aus, als würde ein Greifvogel mit den Flügeln schlagen. Sie liebte Schattenspiele seit ihrer Kindheit.
„Ich habe heute eine Email bekommen“, sagte er plötzlich, „mit einem Zitat von Rilke. Über Tanz.“
„Weißt du es auswendig?“ fragte sie, und er nickte und überlegte noch einen Moment lang.
„… Und endlich aus den reifgewordnen Takten: entsprang der Tanz. Und alle riss er hin. Das war ein Wellenschlagen in den Sälen, ein Sich-Begegnen und ein Sich-Erwählen … tut mir leid, es ging noch weiter, mehr weiß ich nicht.“
Sie sah ihn mit leuchtenden Augen an.
„Oh, das ist schön!“
Er zog sie liebevoll an sich. Das hatte der große Strippenzieher schon gut eingerichtet, dachte er wieder einmal, dass er ausgerechnet sie beide zusammenfinden ließ. Immer Außenseiter, immer zu anders, waren sie schließlich miteinander vertraut geworden.
Die Musik drang aus der offenen Tür und wurde lauter, als sie näherkamen. Ein Tango von Astor Piazolla. Magisch.
Die Nacht gehörte ihnen, und sie wussten es.

 

Tango – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Die Wächterin – Montag, 8. Dezember 2014

„Komm schon, krieg dich wieder ein“, murmelte die Muse, als sie mich verzückt auf die neuesten zehn (echt zauberhaften) Wörter starren sah, aus denen sich für die nächste Runde „10 Wörter – eine Geschichte“ schon eine Idee in meinem Kopf zu bilden begann. „Ich hab was für dich, schreib lieber.“

(Hier sind die Wörter: Wasserbild | Feen | magisch | Bembel | Herzschlag | Verbundenheit | Tanbura | Indien | Gleichklang | Droschke.)

Die Wächterin

„Schau hinein und hab keine Angst!“ Sie entleerte den Bembel mit geübtem Schwung in die schwarze Schale. Skeptisch blickte ich auf das Wasserbild. In der Mitte schien auf dem Boden etwas zu liegen. Als ich versuchte, mich darauf zu konzentrieren, blies sie auf die Oberfläche. Alles verschwamm.

Plötzlich war ich in einem fremden Land. Hitze. Pagoden. Elefanten. Menschen mit Turbanen, die auf Droschken kauerten. Ein Markt. Indien?
Ich verlor mich in den Eindrücken. Ich sog Gerüche auf und trank Farben, um deren Existenz ich nicht einmal gewusst hatte. Dunkle Augen lächelten mich einen Herzschlag lang scheu an. In mir wallte eine Verbundenheit auf, eine Sehnsucht … ich zitterte, mein Herz wollte brechen.
„Nicht weinen.“ Vorsichtig legte sie beschützend den Arm um mich. Hinter uns entlockte jemand einer Tanbura ihre sanften Lautenklänge und summte dazu. Sie begann leise mitzusingen, und der harmonische Gleichklang erfüllte das Zelt.

Dieser Traum war wirklicher als mein Büroalltag! Höchste Zeit, dorthin zurückzukehren, sonst würde ich bleiben wollen. Ich seufzte und erhob mich.
Sie stand vor mir und sah mir in die Augen. Einen flüchtigen Moment lang waren Licht und Farben um sie, und es schien mir, als ob sich ihr Gesicht kurz in etwas sehr Altes veränderte.

Sie nickte, anscheinend zufrieden. „Das Geschenk der Feen“, sagte sie. „Ich verrate dir ein Geheimnis. Es gibt magische Pforten. Nichts ist, wie es scheint. Wenn du mehr wissen willst, komm wieder, es gibt noch viel zu entdecken.“

 

*****

Nein, ein Bembel nimmt dadurch keinen Schaden, dass er auch mal mit Wasser gefüllt wird. Ganz sicher.

 

Indien, Taj Mahal – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kein Weihnachtswunder – Montag, 1. Dezember 2014

Wie schön, „10 Wörter – eine Geschichte“ gehen in die nächste Runde. Hier ist die Einladung zum Mitmachen, hier sind die 10 einzubauenden Wörter, falls ihr nicht schauen wollt:

Irrlicht | Rübezahl | Tannenwald | Johannisbeere | Weihnachtswunder | schnabelnasig | Varieté | Eierlikördusel | kleinwüchsig | schnarcht

 

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Er hatte Fruchtpunsch (mit Johannisbeere!) schon immer für eine bedenkliche Geschmacksverirrung gehalten. Wiedergutmachung war jedoch dringend angesagt, nachdem sie das Irrlicht als „schnabelnasige Missgeburt“ bezeichnet und gespottet hatten, sie beide könnten ja auch im Varieté auftreten, so wie sie aussähen. Die Alternative, in Schokoladenfingerhüten (für offensichtlich Kleinwüchsige) angeboten, schlug ihm leider auf den Magen. Besänftigen konnte man ihn nicht so schnell. Die Flasche in einem Zug  zu leeren und einfach abzuhauen war zwar konsequent, aber dennoch nicht seine beste Idee gewesen. Er fühlte sich benebelt. Gefährlich. Bevor er sich auf sein Lager fallen ließ und schnarchte, hatte er den widerlichen Eierlikördusel gründlich ausgekotzt. Jetzt ging es ihm besser.
Sollte das selbstherrliche Pärchen doch sehen, wie sie wieder aus dem finsteren Tannenwald herausfanden, so unfähig wie sie waren. Rübezahl stand nicht auf Weihnachtswunder.

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Tannenwald – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

10 Wörter, eine Geschichte – Dienstag, 14. Oktober 2014

Weil es so viel Spaß gemacht hat, kommt dieses Mal mein Beitrag für die nächste Runde bisschen früher. Hier ist die Einladung mit der aktuellen Wortliste; hier sind die 10 einzubauenden Worte für alle, die nicht fremdschauen wollen: Toleranz, Diplomatie, Mainstream, richtig, falsch, Nüstern, Seelenschmerz, eloquent, schön, hervorragend.

 

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Sie war schön. Sie entsprach allerdings dem Mainstream, auch wenn sie das nicht gern hörte, sie wollte lieber einzigartig und hervorragend sein. Sollten doch Schwächere Toleranz üben. Diplomatie verachtete sie. Sie war gewohnt, zu bekommen, was sie begehrte. War das falsch?
Natürlich wurde sie umschwärmt. Dichter priesen mit viel Seelenschmerz die Rundung ihrer Augen. Sie fand das richtig und normal. Nur auf den einen, der besonders eloquent die intime Weichheit ihrer Nüstern in den Himmel gehoben hatte, war sie wütend.
Ihr Lieblingsmensch kam zu ihr. „Heute ist sie ein bisschen unruhig“, hörte sie ihn zu den Umstehenden sagen, „naja, auch Kamele haben manchmal ihre Launen.“

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Nein, ich habe keine Ahnung von Kamelen, sie sollen als „hochmütig“ verschrien sein. Was stimmt, ist, dass es Gedichte (und Gedichtwettbewerbe, soweit ich weiß in arabischsprachigen Ländern) über Kamele gibt.

 

 

kamel – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kitschoffensive – Sonntag, 12. Oktober 2014

Da fängt man an, was zu schreiben. Breitet (gestern) in wohlgesetzten Worten ein kleines, feines Bild eines familiären Unfriedens aus.
Und was kommt? „Kannst du auch nett?“ Oder, in lang: „Schreibst du mir morgen aus den Worten eine fröhliche, glückliche Geschichte?

Lieber Herbert. Wenn ich das nicht als mein privates Schreibexperiment, sprich, als Spielwiese ansehen würde, dann würde ich mich jetzt empört aufplustern und dir was von den Reifen, durch die man nicht springen muss, erzählen.
Da ich neugierig war und es ausprobieren wollte, spare ich mir das und nicke. Ja, kann ich. Ich hoffe, es gefällt dir, aber rechne nicht damit, dass der Trick öfter klappt.
Und von allen anderen wüsste ich gern, was euch mehr anspricht.

Nein, ich werde diesen Erguss nicht nochmal bei der lieben Frau Ahnungslos einreichen. Schaut bei dem gestrigen Beitrag nach, wenn ihr nochmal was über das Procedere lesen wollt.
Zur leichteren Übersicht sind hier aber erneut die 10 Worte, die die Geschichte bestimmen: Sprache, Schönheit, Anerkennung, Frieden, Spätsommer, Tee, Kerzen, Häkeldecke, Wiedersehensfreude, Wollkiste.

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Nicht mehr lange, dann würde er endlich wieder bei ihr sein! Wiedersehensfreude war die schönste Vorfreude von allen, das hatte sie schon immer geglaubt. Der Spätsommer überstrahlte ihren Garten mit leisem Frieden und lud auf die Terrasse ein.
Alles war vorbereitet. Für den Fall, dass es später kühl werden würde, legte sie die Häkeldecke draußen auf die Bank. Mohair! Groß genug für zwei! Und warm! Als sie einander kennenlernten, war sie ihr ganzer Stolz gewesen.
Sie lächelte in der Erinnerung an seine ersten Kämpfe mit den deutschen Umlauten. Inzwischen zollte sie ihm für die Beherrschung ihrer Sprache, die längst zu seiner geworden war, gern mehr als Anerkennung.
Sie warf einen letzten Blick in ihr Wohnzimmer. Graue Katzenpfoten ragten aus der Wollkiste neben der Couch, ihr schlafender Liebling war wie immer ein Bild entspannter Schönheit. Sie entzündete die Kerzen auf dem Tisch und sah nach dem Tee.
Als es klingelte, lief sie beschwingt zur Tür.

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Bank am Teich – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

10 Wörter, eine Geschichte – Samstag, 11. Oktober 2014

Nachdem ich schon einige Wochen immer wieder mal bei westendstories über den Aufruf zum Mitschreiben gestolpert bin (hier ist der Start, ein tolles Projekt), dachte ich Anfang der  Woche: so, nun aber.

Gestern Abend habe ich mir dann endlich die aktuelle Wortliste geschnappt: Sprache, Schönheit, Anerkennung, Frieden, Spätsommer, Tee, Kerzen, Häkeldecke, Wiedersehensfreude, Wollkiste.

Nur friedlich wurde mir dabei nicht zumute. Kurz wollte ich auch bleiben. Okay, here we go!

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Verflucht sei der laue Spätsommer! Die hätten auch woanders knutschen können! Sie fröstelt, stopft die Häkeldecke jedoch wütend in die leere Wollkiste und schlägt die Terrassentür zu. Frieden, Wiedersehensfreude, Eierkuchen? Sie hatte sich den Sonntagnachmittag anders vorgestellt. Jetzt bleibt ihr nur die Anerkennung einer bitteren Tatsache: Ihre Tochter ist endgültig verloren. An einen Dichter. Sie schnaubt höhnisch, als sie sich an ihren Streit am Telefon über die Schönheit seiner Sprache erinnert. Brotlose Kunst! Die letzte Tasse Tee zittert in ihrer Hand. Liebe!, hatte die Tochter erwidert, Leidenschaft!, und was sie denn schon davon verstehe.
Draußen hört sie die beiden im Auto wegfahren. Im Wohnzimmer verlöschen flackernd die Kerzen. Sie ist allein.

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streuobstwiese – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay