Vom Herbstanfang und der Zeit

 

Ende

Verträumt und müde wie ein Schmetterling im September taumelt der Sommer das Gelände entlang. Altweiberfäden wirren sich um seine zerrissenen Flügel und die Blumen, die noch blühen, haben keinen Honig mehr.

Am Hochwald drüben, hinter dem die Sonne glutet, lauert die Nacht, gleich einer großen Spinne, und wie ein engmaschiges Netz hängt sie die Dämmerung vor das verflackernde Abendrot, nach dem der Schmetterling seinen Flug nimmt.

(Cäsar Flaischlen, Ende, in: Lieder und Tagebuchblätter, aus: Von Alltag und Sonne, 1897, Online-Quelle)

 

Herbsthauch

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der blühende Frühling nicht trug,
Werde der Herbst dir noch tragen!

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Immer zu schmeicheln, zu kosen.
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends verstreut er die Rosen.

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.

(Friedrich Rückert, Herbsthauch, in: Viertes Buch. Haus und Jahr, aus: Lyrische Gedichte, 1898, Online-Quelle)

 

Dienstag abends kamen wir mit der Post (aus Hamburg: Mozart ‚Zauberflöte‘, Kunsthalle) wieder in Worpswede an. Schöne, stille Sternennacht, festlich und gut zur Heimkehr. Da entschloß ich mich, in Worpswede zu bleiben. Jetzt schon fühle ich wie mit jedem Tage die Einsamkeit wächst, wie dieses Land, verlassen von Farben und Schatten, immer größer wird, immer breiter und immer mehr Hintergrund für bewegte Bäume im Sturm. Ich will in diesem Sturm bleiben und alle Schauer fühlen dieses großen Ergriffenseins. Ich will Herbst haben. Ich will mich mit Winter bedecken und will mit keiner Farbe mich verraten. Ich will einschneien um eines kommenden Frühlings willen, damit, was in mir keimt, nicht zu früh aus den Furchen steige.

(Rainer Maria Rilke, Tagebücher, 27.09.1900, Online-Quelle)

 

Sonnenuntergang | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die erste Herbstwoche!

 

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Begegnung | (abc.etüden)

Ich wollte IHN in persona sehen oder besser hören. Nein, nein, das ist nicht das Ende – oder der Anfang – einer Lovestory, das ist der Grund, warum ich aufbrach, um dem kanadischen Schriftsteller Michael Ondaatje bei der Vorstellung seines neuen Buches „Kriegslicht“ zu begegnen. Klar kenne ich ihn aus Fernsehen und Internet, lange schon. Alles nicht damit zu vergleichen, dieses Timbre live zu hören.

Die Veranstaltung erwies sich als eine Mischung aus Interview (viel) und Lesung (wenig). Ondaatje beherrschte die Szene auf sehr zurückhaltende, souveräne Art. Für meinen Geschmack hätte er länger lesen dürfen, ich werde nicht müde, ihm zuzuhören, er weiß, was er da tut. Auch das Interview mochte ich: Gute Interviews sind eine Kunst, aber hierbei war kein Fremdschämen nötig, beide hatten größtenteils ihren Spaß, denke ich. Ondaatje performte nicht für die vollen Ränge, er konzentrierte sich auf seinen Gesprächspartner (gleichzeitig Moderator, Interviewer und Dolmetscher) und spielte mit. Und immer diese wachen Augen und dieses verschmitzte Lächeln in dem zauseligen Charakterkopf. Natürlich verflog die angesetzte Zeit im Nu.

Last but not least die ersehnte Signieraktion. Der Mann ist schnell, seine Unterschrift wenig mehr als eine schwungvolle Linie. Irgendwann stand ich am Kopf der Schlange, er sah freundlich zu mir und dem frisch erstandenen Buch auf und murmelte mir ein „For you?“ zu, ich bestätigte das erstaunt, er kritzelte, wir lächelten einander an, ich bedankte mich und zog glücklich mit meinem veredelten Buch von dannen.

Seitdem lese und schwelge ich und bin verzückt, wieder mal. Ach, dieses lyrisch anmutende Verschwenden von überbordenden, die Sinne berührenden Bildern, ein sorgfältig hingetupfter Flickenteppich, den man auf jeder Seite immer wieder neu entrollen kann. Dieses Innehalten, Sich-Wundern, Beglückt-schön-Finden. In jeder Szene freue ich mich schon neugierig und verzaubert auf die nächste; Pageturner im anderen Sinne, fürwahr eine hohe Kunst. Wie ich seine Bücher liebe.

300 Wörter

Die Veranstaltung fand am 11. September im Rolf-Liebermann-Studio des NDR in Hamburg statt. Ondaatje hat am 12. September Geburtstag, er wurde 75. Hier mehr Infos zum Abend und zum Nachhören. Da gibt es auch ein paar anständige Bilder, auf dem Bild vom Publikum bin ich übrigens auch drauf, wie ich festgestellt habe. Ach, war schön.

Mehr Infos zu Ondaatje gibt es auch auf seiner Seite seines deutschen Verlags, dem Hanser-Verlag.

Nebenbei, fast hätte ich es vergessen, ist dies auch noch ein Beitrag für die abc.etüden, Woche 37/38.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die zu verbauenden Worte stammen dieses Mal von mir und lauten: Kunst, müde, verschwenden.

 

Ondaatje "Kriegslicht" Signatur | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Von Tag und Nacht und Herbstwillkommen

 

Keine Wolke stille hält

Keine Wolke stille hält,
Wolken fliehn wie weiße Reiher;
keinen Weg kennt ihre Welt,
und der Wind, der ist ihr Freier.

Wind, der singt von fernen Meilen,
springt und kann die Lust nicht lassen,
einer Landstraß‘ nachzueilen,
Menschen um den Hals zu fassen.

Und das Herz singt auf zum Reigen,
schweigen kann nicht mehr die Brust;
Menschen werden wie die Geigen,
Geigen singen unbewusst.

(Max Dauthendey, Keine Wolke stille hält, aus: Der brennende Kalender, 1905, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 226)

 

Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl ich, wird mein Auge heller;
schon versucht ein Stern zu funkeln,
und die Grillen wispern schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten,
plötzlich stehst du überwältigt.

(Richard Dehmel, Manche Nacht, aus: Weib und Welt, Berlin 1896, S. 25–26, Online-Quelle)

 

Septembertag

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit …

(Christian Morgenstern, Septembertag, aus: Und aber ründet sich ein Kranz, 1902, Online-Quelle)

 

Unterwegs am Teich | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Frühherbst und der Liebe

 

Der Zaubergarten

Herbstnebel dampft.
Aber ich stehe in meinem Zaubergarten.

Auf den mattbesonnten Terrassen
knien die Schleppenträger des Sommers.
Leichtbewegliche Pagen,
purpurn, prangend.

Bald wird die Nacht ihre seidnen Kehlen zerdrücken.

Aber wer wird trauern,
wenn Gottes Nachtigallen
in Rauhreif und blindem Strauchwerk wohnen.

Sie singen.
Oh, wie sie singen!
Tausendfarbig sprüht der wolkige Morgen auf.
Alle Goldaugen spiegeln sich ein in mein Herz.

O Himmelsbürde!
Gott, wie beschenkst Du mich!

Ich stehe im Himmel Deiner Liebe.

(Frida Bettingen, Der Zaubergarten, aus: Gedichte, 1922. Online-Quelle)

 

Herbstblumen.

In des Herbstes weicher Luft
Hab’ ich dir den Strauß gepflückt,
Auf der Schöpfung stiller Gruft
Noch mit Farben bunt geschmückt.

Alle Farben sind hier, schau,
Wie sie nur der Frühling bot,
Violet, gelb, weiß und blau,
Nur kein brennend-heißes Roth.

Mit der Sommerlüfte Glühn
Ist erloschen Rosenbrand,
Aber blassre Blumen blühn
Schön noch an des Lebens Rand.

(Friedrich Rückert, Herbstblumen, aus: Gedichte, 1841, Online-Quelle)

 

Die Tage lassen keine Spur

O Regen sag, Du kommst so hoch daher,
Ist droben auch der Tag spurlos und leer?

Du fällst zum Fluß und schwimmst zum Meer,
Glaubst, Du enteilst dem Leid und suchst Genuß?

O wüßten alle nur, was doch ein jeder wissen muß:
Die Tage lassen keine Spur, so wenig wie der Regen auf dem Fluß, –
Die Liebe nur.

(Max Dauthendey, Die Tage lassen keine Spur, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 378/379)

 

Treibende Blätter | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Aller guten Dinge sind vier!

Letzte Woche hatte mein Blog Geburtstag (und ich war gerade anderweitig schwer beschäftigt). Das ist zwar, wie ich jedes Jahr aufs Neue sage, DIE Gelegenheit, meinen Blog und mich mit Glitzer zu beschmeißen, zu verkünden, wie glücklich und zufrieden ich mit allem bin und knietief im Sternenstaub zu waten, in der Regel klappt es bloß nicht so ganz. Ich bin misstrauisch gegenüber Zuckerwatte, vor allem, wenn ich sie selbst produziere.

Tatsache ist, dass ich im letzten Blogjahr gefühlt eigentlich nichts anderes gemacht habe, als das Etüdenprojekt zu hätscheln betreuen (danke, Ludwig, immer noch, immer wieder), selbst Etüden zu schreiben und montags die Woche mit ein paar Gedichten einzuläuten. Da mein eigener Stresspegel ziemlich hoch war und ist, reicht mir das völlig an Aufwand, aber ganz glücklich bin ich doch nicht damit. Hm.

Ich habe mir lange überlegt, ob ich etwas Besonderes auf meinem Blog zum Bloggeburtstag veranstalte. Und dann fiel mir Folgendes ein: Es gibt irgendeinen Award, der unter anderem dazu auffordert, seine „besten“ Bei-/Einträge aufzulisten. Kann ich nicht. Will ich nicht. Was soll das sein, meine „besten“ Einträge, wer bewertet das? Ich habe Schwierigkeiten mit dem Wort.
Was ich aber kann, ist, euch meine LIEBSTEN Geschichten zu präsentieren und euch lesen zu schicken. Also, holt euch einen Kaffee/Tee/Kakao/WasAuchImmer, bevor wir starten, es wird länger.

***

Wenn ich durchsehe, worüber ich so schreibe, dann sehe ich, dass ich einen Hang zu Geschichten habe, die zwar nicht immer positiv/versöhnlich ausgehen, aber doch meist die Kurve zum Hoffnungsvollen bekommen. Definiert man so einen Optimisten? It ain’t over till it’s over? (Bin ich einfach nur naiv?) Eigentlich ist es mir egal, ich glaube nicht, dass ich mich noch ändern werde, ich will es nicht.
Dann gibt es die Geschichten, wo ich an der Grenze zum Mystischen/Magischen/Fantasy kratze oder sie überschreite, und das, ihr Lieben, sind mir eigentlich die liebsten.

In diese Kategorie gehört eine frühe Geschichte, in der ein Mensch einem Zwerg aus der Klemme hilft und dafür einen Wunsch frei hat: Klappspatens Verwandlung. In einer anderen sitzt Tine im Treppenhaus und weiß weder so genau, wie sie dort hingekommen ist, noch woher ihre Verletzungen rühren: Tragischer Unfall am Weiher. Kurz und knackig waren dagegen meine beide Etüden von einer Meerjungfrau, die in einem Aquarium festsitzt: Alles Fake! (1) und Sirenengesänge (2). Was habe ich beim Zusammenfabulieren Spaß gehabt! Ganz frisch ist die Irgendwie-schon-auch-Liebesgeschichte vom gar nicht wilden Wassermann und der schönen Lilofee, die sich schon beim Schreiben in mein Herz geschlichen hat: Dylan und Lilo. Fast ein Wassermärchen.

Da wir gerade bei „Herz“ sind, möchte ich wieder ins rein Irdische wechseln und stellvertretend nur eine laaaaange Geschichte aufführen, die mir letztes Jahr den Sommer versüßt hat: Der Wassermaler (I) und Der Wassermaler (II).

Nun wird’s kurz: Katastrophenalarm, ein Brief eines Mädchens aus dem Urlaub an die BFF; Rausch handelt vom ultimativen Kick; Sternenwanderer, eine Geschichte, bei der es mich überläuft, warum auch immer; Wie viel? – eine Etüde, in der es nicht um das geht, worum es scheint.

Zum Schluss die Etüden-Trilogie von einem, den ich nicht kennen möchte: Nach Hause (1), Stay tuned (2) und THE END (3).

Wie, kein Fellträger? Na ja, in den meisten Geschichten, in denen er auftaucht, beruht der Witz darin, dass er sich erst im letzten Satz sozusagen zu erkennen gibt. Führe ich die also hier auf? Nein. Aber ich hoffe immer noch, dass sich die Gelegenheit ergibt, die Geschehnisse um eine gewisse rotäugige Zombiekatze (hallo Anton, hallo Frau Flumsel) noch mal aufzugreifen. Hat den eigentlich einer mal wieder gesehen?

***

Bliebe noch zu sagen, dass in diesem letzten Blogjahr meine Followerzahl bis auf um die 600 angestiegen ist, je nachdem, ob man die Mail-Follower mitzählt: Ich tue es, WordPress manchmal ja, manchmal nicht. Wie auch immer, ihr, die ihr dies lest und KEINE Etüden schreibt und/oder bisher nicht kommentiert habt: Herzlich willkommen auf meinem Blog, ich hoffe, ihr mögt es hier!
Ferner ist dies hier der 858. Beitrag, vor einem Jahr zum Bloggeburtstag war es der 674., und ich habe die unglaubliche Zahl von 26.800 Kommentaren überschritten (letztes Jahr über 18.500), und ja, ich weiß, ich habe bestimmt die Hälfte selbst geschrieben. Na und?! Ja, ich würde sagen, wenn ich mir die Zahlen so ansehe, muss ich einräumen, ich habe wohl einen lebendigen Blog.

Das hätte ich mir vor vier Jahren echt nicht träumen lassen, dass dieser Entschluss mein Leben so bereichern würde. Mein Dank und mein Gruß geht daher an alle von euch, die zum Teil schon seit mehreren Jahren meine „Online-Familie“ bilden (bitte, ich sehe das mit seinen Möglichkeiten und Grenzen durchaus auch kritisch, dennoch bedeutet es mir viel), und ganz besonders an die, die ich (quer durchs Land) inzwischen persönlich kennenlernen durfte. Ich danke euch. Gerne mehr davon! Wir sehen, hören und lesen uns!

 

Pusteblume | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Von der Nacht und dem Fernsein

 

Unterwegs

Vor meinem Lager liegt der helle
Mondschein auf der Diele.
Mir war, als fiele
auf die Schwelle
das Frühlicht schon;
mein Auge zweifelt noch.

Und ich hebe mein Haupt und sehe,
sehe den fremden Mond
in seiner Höhe
glänzen. Und ich senke,
senke mein Haupt und denke
an meine Heimat.

(Richard Dehmel, Unterwegs, Online-Quelle)

 

Wir wollen, wenn es wieder Mondnacht wird

Wir wollen, wenn es wieder Mondnacht wird,
die Traurigkeit zu großer Stadt vergessen
und hingehn und uns an das Gitter pressen,
das von dem versagten Garten trennt.

Wer kennt ihn jetzt, der ihn am Tage traf:
mit Kindern, lichten Kleidern, Sommerhüten, –
wer kennt ihn so: allein mit seinen Blüten,
die Teiche offen, liegend ohne Schlaf.

Figuren, welche stumm im Dunkel stehn,
scheinen sich leise aufzurichten,
und steinerner und stiller sind die lichten
Gestalten an dem Eingang der Alleen.

Die Wege liegen gleich entwirrten Strähnen
nebeneinander, ruhig, eines Zieles.
Der Mond ist zu den Wiesen unterwegs;
den Blumen fließt der Duft herab wie Tränen.
Über den heimgefallenen Fontänen
stehn noch die kühlen Spuren ihres Spieles
in nächtiger Luft.

(Rainer Maria Rilke, Wir wollen, wenn es wieder Mondnacht wird, aus: Mir zur Feier/Engellieder, Online-Quelle)

 

Wenn ich in Nächten wandre

Wenn ich in Nächten wandre
Ein Stern wie viele andre,
So folgen meiner Reise
Die goldnen Brüder leise.

Der erste sagts dem zweiten,
Mich zärtlich zu geleiten,
Der zweite sagts den vielen,
Mich strahlend zu umspielen.

So schreit ich im Gewimmel
Der Sterne durch den Himmel.
Ich lächle, leuchte, wandre
Ein Stern wie viele andre.

(Klabund, Wenn ich in Nächten wandre, Online-Quelle)

 

Park bei Nacht | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Leben und Kirchen

 

Sonntag

Sonntag, Sonntag! horch, der Glocken
Lieblich lockernder Ton erschallt!
Wie sie dich zur Kirche locken,
Locken sie mich zum grünen Wald,

Wie verschieden die Wege scheinen,
Einem Ziel doch streben sie zu;
Denn den Ewigen, Einzig-Einen
Suchen wir beide, ich und du.

Gar verschiedene Wege sind es,
Doch sie führen zu einem Ziel:
Mir erscheint es im Säuseln des Windes,
Dir im wogenden Orgelspiel.

(Adolf Schults, Sonntag, Online-Quelle)

 

Die tote Kirche

Auf dunklen Bänken sitzen sie gedrängt
Und heben die erloschnen Blicke auf
Zum Kreuz. Die Lichter schimmern wie verhängt,
Und trüb und wie verhängt das Wundenhaupt.
Der Weihrauch steigt aus güldenem Gefäß
Zur Höhe auf, hinsterbender Gesang
Verhaucht, und ungewiß und süß verdämmert
Wie heimgesucht der Raum. Der Priester schreitet
Vor den Altar; doch übt mit müdem Geist er
Die frommen Bräuche – ein jämmerlicher Spieler,
Vor schlechten Betern mit erstarrten Herzen,
In seelenlosem Spiel mit Brot und Wein.
Die Glocke klingt! Die Lichter flackern trüber –
Und bleicher, wie verhängt das Wundenhaupt!
Die Orgel rauscht! In toten Herzen schauert
Erinnerung auf! Ein blutend Schmerzensantlitz
Hüllt sich in Dunkelheit und die Verzweiflung
Starrt ihm aus vielen Augen nach ins Leere.
Und eine, die wie aller Stimmen klang,
Schluchzt auf – indes das Grauen wuchs im Raum,
Das Todesgrauen wuchs: Erbarme dich unser –
Herr!

(Georg Trakl, Die tote Kirche, entstanden vor 1909, aus dem Nachlass (zu Lebzeiten unveröffentlicht), Online-Quelle)

 

Werkleute sind wir

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen küsste,
die strahlend und als ob sie Alles wüsste
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.

Gott, du bist groß.

(Rainer Maria Rilke, Werkleute sind wir, entstanden 26.09.1899, aus: Das Stunden-Buch/Vom mönchischen Leben, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Am vergangenen Wochenende hatte ich auswärtigen Besuch, der mich fragte, ob wir „in Kultur“ machen könnten. Klar. Was denn? Ja, Kirchen, Museen, historische Plätze und so. Super! Wenn Hamburg eins hat, dann Kirchen. Also schleppte ich sie durch Hamburgs „Big Five“, die Hamburger Hauptkirchen, weniger für um der Kultur und der Historie wegen, sondern mehr um des Gefühls, das diese Kirchen, die so viel miteinander verbindet (also rein vom Alter her vier von ihnen), auf uns ausstrahlten. Die Kultur kann man nachlesen, das Gefühl war sehr besonders.

Ich wollte eigentlich nicht fotografieren, weil es mich immer total isoliert und aus der Zeit fallen lässt. Deshalb hatte ich keine Kamera mit. Aber so ganz blieb es nicht aus, ihr kennt das. Dafür war das Handy dann mit den unterschiedlichen Lichtsituationen in den Innenräumen deutlich überfordert. St. Katharinen ist zum Beispiel eine wunderbar helle Kirche, in der gerade eine Hochzeit vorbereitet wurde, der Orgelspieler orgelte sich ein, es gab Blumenschmuck am Gestühl …

Kommt gut in die neue Woche!

Von Sommer und Sinn

 

Faunsflötenlied
(Für Peter Behrens.)

Ich glaube an den großen Pan,
Den heiter heiligen Werdegeist;
Sein Herzschlag ist der Weltentakt,
In dem die Sonnenfülle kreist.

Es wird und stirbt und stirbt und wird;
Kein Ende und kein Anbeginn.
Sing, Flöte, dein Gebet der Lust!
Das ist des Lebens heiliger Sinn.

(Otto Julius Bierbaum, Faunsflötenlied, in: Irrgarten der Liebe, Berlin/Leipzig 1901, Onlinequelle)

 

Die drei Zigeuner

Drei Zigeuner fand ich einmal
Liegen an einer Weide,
Als mein Fuhrwerk mit müder Qual
Schlich durch sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein
In den Händen die Fiedel,
Spielte, umglüht vom Abendschein,
Sich ein feuriges Liedel.

Hielt der zweite die Pfeif im Mund,
Blickte nach seinem Rauche,
Froh, als ob er vom Erdenrund
Nichts zum Glücke mehr brauche.

Und der dritte behaglich schlief,
Und sein Zimbal am Baum hing,
Über die Saiten der Windhauch lief,
Über sein Herz ein Traum ging.

An den Kleidern trugen die drei
Löcher und bunte Flicken,
Aber sie boten trotzig frei
Spott den Erdengeschicken.

Dreifach haben sie mir gezeigt,
Wenn das Leben uns nachtet,
Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt
Und es dreimal verachtet.

Nach den Zigeunern lang noch schaun
Mußt ich im Weiterfahren,
Nach den Gesichtern dunkelbraun,
Den schwarzlockigen Haaren.

(Nikolaus Lenau, Die drei Zigeuner, in: Nicolaus Lenau’s sämmtliche Werke. Herausgegeben von Anastasius Grün. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 54, Onlinequelle, Onlinequelle)

 

Leben heißt Sehnsucht verehren

Über den leeren mächtigen Bäumen
Hängen die schmächtigen Sterne,
Umdrängen den Mond im Kreise.
Sehnsüchte leben auch in den prächtigen Himmelsräumen,
Und auch Gestirne kommen aus ihrem Geleise.
Keine Sonne, kein Stern kann sich der Sehnsucht erwehren,
Alle Leben leiden und lachen auf gleiche Weise.
Leben heißt Sehnsucht verehren;
Niemals der Tod, die Geliebte allein kann dir Ruhe bescheren.

(Max Dauthendey, Leben heißt Sehnsucht verehren, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 235, Onlinequelle)

 

Tränen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Bin an dem Bild nicht vorbeigekommen, auch wenn es vielleicht nicht wirklich leicht passt.

Kommt gut in die neue Woche!

Vom Leben und Möwen

 

Mein Leben ist wie leise See

Mein Leben ist wie leise See:
Wohnt in den Uferhäusern das Weh,
wagt sich nicht aus den Höfen.
Nur manchmal zittert ein Nahn und Fliehn:
aufgestörte Wünsche ziehn
darüber wie silberne Möven.

Und dann ist alles wieder still. . .
Und weißt du was mein Leben will,
hast du es schon verstanden?
Wie eine Welle im Morgenmeer
will es, rauschend und muschelschwer,
an deiner Seele landen.

(Rainer Maria Rilke, Mein Leben ist wie leise See, aus: Dir zur Feier, 1897/98, Online-Quelle)

 

Die Möwe

Ich hatte daheim eine Liebe,
Mein Gott, wie lange ist’s her!
Die Möwe flog über die Dächer
Und draußen tobte das Meer.

Ich hatte daheim eine Liebe,
Es ging, wie immer es geht.
Heut steh’ ich an alter Stelle,
Mein Mantel flattert und weht.

Ich weinte so viele Tränen,
Mein Gott, wie lange ist’s her.
Die Möwe kämpft mit dem Sturme
Und draußen donnert das Meer.

(Carl Bulcke, Die Möwe, aus: Die Töchter der Salome, 1901, Online-Quelle)

 

Möwe über der Brücke

Dir unterm Fuß,
Zwischen den Ufern Schreitender, spannt
Sich der Brücke gewölbter Bogen.

Und eine Möwe,
Wie ein Gedanke fernher blitzend,
Schießt auf dich ihre blendende Bahn.

Eine Sekunde
Stößt ihr Auge in deines, greift
Dich der weißen Schwinge Umarmung.

Eine Sekunde
Hebt dich der Flug, trägt dich der Geist,
Der schwerelose, brausend empor.

Es weht dich an
Der unendliche Raum, es rauscht
Freiheit dir unermeßlich ums Haupt.

Wie ein Gedanke
Der weiße Vogel, fernhin sich windend,
Und kehrt dir einmal wieder vielleicht

Solange noch
Von Ufer zu Ufer, Wanderer, dich
Der Brücke schweigender Bogen trägt.

(Maria Luise Weissmann, Möwe über der Brücke, aus: Imago, 1922-29, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Sommer und dem Glück

 

Das Glück

Schlafen möcht’ ich,
Der Wind wiegt mich ein,
Und die Sehnsucht singt mich zur Ruh’.
Weinen möcht’ ich.
Schon die Blumen allein
Flüstern Tränen mir zu.

Sieh die Blätter:
Sie blinken im Wind
Und gaukeln Träume mir vor.
Ja und später –
Lacht wo ein Kind,
Und irgendwo hofft ein Tor.

Sehnsucht hab’ ich
Wohl nach dem Glück?
Nach dem Glück.
Fragen möcht’ ich:
Kommt es zurück?
Nie zurück.

(Selma Meerbaum-Eisinger, Das Glück, 18.08.1941, aus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund. Online-Quelle)

 

Hörst du wie die Brunnen rauschen

Hörst du wie die Brunnen rauschen,
Hörst du wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt.
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt,
O wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Daß an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg’, ich wecke
Bald Dich auf und bin beglückt.

(Clemens Brentano, Hörst du wie die Brunnen rauschen, aus: Das Märchen von dem Myrthenfräulein, in: Die Märchen des Clemens Brentano. Zum Besten der Armen nach dem letzten Willen des Verfassers. (Hrsg. Guido Görres) 2 Bände, Stuttgart und Tübingen 1846–1847, S. 485-86, Online-Quelle)

 

Ueber die Welt hin ziehen die Wolken.
Grün durch die Wälder
fliesst ihr Licht.

Herz, vergiss!

In stiller Sonne
webt linderndster Zauber,
unter wehenden Blumen blüht tausend Trost.

Vergiss! Vergiss!

Aus fernem Grund pfeift, horch, ein Vogel. . . .
Er singt sein Lied.

Das Lied vom Glück!

Vom Glück.

(Arno Holz, Ueber die Welt hin ziehen die Wolken, aus: Phantasus, I. Heft, Berlin, 1898, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das Bobby ist, Bobby der Bartkauz, der im Wildpark Lüneburger Heide lebt und dort im Frühling 30 Jahre alt geworden ist. Kann natürlich auch ein*e jüngere*r Kollege/Kollegin gewesen sein. Der Falkner hört allerdings sicher auf Michael Kirchner.  :-)

Kommt gut in die neue Woche!

 

Von Farben und Blumen

 

Rosa Hortensie

Wer nahm das Rosa an? Wer wusste auch,
dass es sich sammelte in diesen Dolden?
Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden,
entröten sie sich sanft, wie im Gebrauch.

Dass sie für solches Rosa nichts verlangen.
Bleibt es für sie und lächelt aus der Luft?
Sind Engel da, es zärtlich zu empfangen,
wenn es vergeht, großmütig wie ein Duft?

Oder vielleicht auch geben sie es preis,
damit es nie erführe vom Verblühn.
Doch unter diesem Rosa hat ein Grün
gehorcht, das jetzt verwelkt und alles weiß.

(Rainer Maria Rilke, Rosa Hortensie, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, Herbst 1907, Paris, oder Frühling 1908, Capri, Online-Quelle)

 

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist gelb in ihnen violett und grau;

Verwaschnes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

(Rainer Maria Rilke, Blaue Hortensie, aus: Neue Gedichte, Juli 1906, Paris, Online-Quelle)

 

Die blaue Kornblum wohnt versteckt

Die blaue Kornblum wohnt versteckt,
So hab ich meinen Schatz entdeckt.
Sie kann nicht meinen Händen wehren,
Wiegt sie wie’s Sommerfeld die Ähren.
Die Ähren sind jetzt körnerschwer,
Als läg schon Brot mannshoch umher,
Und nahrhaft wie im Bäckerhaus
Sieht’s an der langen Landstraß aus.
Mein Schatz die Ähren streicheln tut.
„Nach Leben riechen sie so gut,“
Sagt sie. Und schau ich roten Mohn,
So fang ich auch sein Feuer schon.
Ich gäb gern alle Ähren her,
Und gern wär mir die Hand brotleer,
Blieb mir am Lebensend davon
Liebe betäubend wie der Mohn.

(Max Dauthendey, Die blaue Kornblum wohnt versteckt, aus: Singsangbuch. Liebeslieder, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 151)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Sommer und Heimat

Beschlagnahmefreies Gedicht

Ich bin klein.
Mein Herz ist rein.
Soll niemand drin wohnen als nach Belieben auszufüllen allein.
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
fest steht, daß Ponds Creme das beste für die Haut ist.
Hipp.
Wer seine Obrigkeit läßt walten,
der bleibet immer wohlbehalten.
Hipp, hipp.
Wenn ich nur meinen Adolf hab,
bis an mein schwarz-weiß-rotes Grab.
Hurra.
Ein Veilchen stund an Baches Ranft,
so preußisch-blau, so lind und sanft;
da kam ein kleines Schaf daher,
jetzt steht da gar kein Veilchen mehr,
Hurra.
Ein Richter steht im Walde,
so still und stumm.
Er war republikanisch bis zuletzt,
drum haben sie ihn in den Wald versetzt,
und da steht nun der Richter,
auf seinem linken Bein,
ganz allein.
Lieb Vaterland (siehe oben).
Siehst du die Brigg dort auf den Wellen?
»Rechts müßt ihr steuern!« hallt der Schrei.
Die Republik kann nicht zerschellen,
Frau Wirtin hatte auch ein Ei.
Die Zeiten werden schön und schöner.
Ich denk an Männer, kühn und barsch:
An Noske, Geßler und auch Groener.
Lieb Vaterland (siehe oben).

(Kurt Tucholsky/Theobald Tiger: Beschlagnahmefreies Gedicht, aus: Die Weltbühne, 29.03.1932, Nr. 13, S. 492, Online-Quelle)

 

Am Abend

Weisst du denn – wenn auf Baum und Strauch
Das Astwerk zittert und sich sträubt,
Und wenn der leicht gewellte Rauch
An einer Wetterwand zerstäubt –

Ein scheuer Vogel ohne Laut
An dir vorbei die Flügel schlägt,
Und Wolke sich an Wolke baut –
Wohin dein wilder Wunsch dich trägt?

Weisst du denn, wenn nun alle Welt
Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt,
Und deine Sehnsucht dich befällt, –
Wo deine eigne Heimat liegt?

(Hedwig Lachmann, Am Abend, aus: Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 7-8, Online-Quelle)

 

Und einmal steht das Herz am Wege still

Häuser und Mauern, welche die Menschen überdauern,
Bäume und Hecken, die sich über viele Menschenalter strecken,
Dunkel und Sternenheer, in unendlich geduldiger Wiederkehr,
Kamen mir auf den Hügelwegen in der Sommernacht entgegen.
Nach der Farbe von meinen Haaren, bin ich noch der wie vor Jahren,
Nach meiner Sprache Klang und an meinem Gang
Kennen mich die Gelände und im Hohlweg die Felsenwände.
Viele Wünsche sind vergangen, die wie Sterne unerreichbar hangen,
Und einmal steht das Herz am Wege still,
Weil es endlich nichts mehr wünschen will.

(Max Dauthendey, Und einmal steht das Herz am Wege still, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 349)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!