Vom Sommer und dem Fliegen

 

Sommermonde machen Stroh aus Erde,
Die Kastanienblätter wurden ungeheuer von Gebärde,
Und die kühnen Bäume stehen nicht mehr auf dem Boden,
Drehen sich in Lüften her gleich den grünen Drachen.
Blumen nahen sich mit großen Köpfen und scharlachen,
Blau und grün und gelb ist das Gartenbeet, hell zum Greifen,
Als ob grell mit Pfauenschweifen ein Komet vorüberweht.
Und mein Blut, das atemlos bei den sieben Farbenstreifen stille steht,
Fragt sich: wenn die Blum’, Baum und Felder sich verschieben,
Ob zwei Menschen, wenn die Welt vergeht,
Zweie, die sich lieben, nicht von allen Wundern übrig blieben.

(Max Dauthendey, Sommermonde machen Stroh aus Erde, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 361)

 

Flugzeuggedanken

Dort unten ist die Erde mein
Mit Bauten und Feldern des Fleißes.
Wenn ich einmal werde nicht mehr sein,
Dann graben sie mich dort unten hinein,
Ich weiß es.

Dort unten ist viel Mühe und Not
Und wenig wahre Liebe. –
Nun stelle ich mir sekundenlang
Vor, daß ich oben hier bliebe,
Ewig, und lebte und wäre doch tot…
Oh, macht mich der Gedanke bang.

Mein Herz und mein Gewissen schlägt
Lauter als der Propeller.
Du Flugzeug, das so schnell mich trägt,
Flieg schneller!

(Joachim Ringelnatz, Flugzeuggedanken, aus: Flugzeuggedanken, Berlin 1929, S. 7, Online-Quelle)

 

Mondnacht.

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Aehren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

(Joseph von Eichendorff, Mondnacht., 1835, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst, aber mit Freuden!

 

Ich bin, ich muss es gestehen, ein Fan von Flugvorführungen. Also Greifvögel, dass wir uns richtig verstehen. Nein, ich besuche jetzt keine Tierparks extra dafür, aber wenn ich schon mal in die Nähe von so etwas Attraktivem wie der Adlerwarte Berlebeck gerate und genug Zeit habe, dann muss ich da rein. Und natürlich kommt die Kamera dann zum Einsatz, auch wenn leider Gottes (in diesem Fall) prallste Sonne ist und ich WEISS, dass alle weißen Stellen rettungslos überstrahlt und ausgefressen sind, weil die Biester halt verdammt nicht stillsitzen und ich nicht beliebig rumrennen kann und darf (bei Blümchen geht das ja meist noch) und ich einfach nur diese wunderschönen Tiere knipsen möchte. Gleiches gilt, mit Abstrichen, übrigens auch für die ebenso wunderhübschen Gaukelviecher, die ich Herrn Autopict versprochen habe (dieser unruhige Schmetterlingsflieder-Hintergrund killt mich, aber was solls).

 

Last but not least, mit Dank & zum Start für die neue Woche den Soundtrack des Tages:

Musik for the Kitchen: Ich steh mit Ruth gut!

 

Kommt gut in die neue Woche! :-)

 

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Vom Sommer und Müdigkeit

 

Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose steh’n,
Sie war, als ob sie bluten könne, roth;
Da sprach ich schauernd im Vorübergeh’n:
So weit im Leben, ist zu nah‘ am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

(Friedrich Hebbel, Sommerbild, 1844, aus: Friedrich Hebbel: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Besorgt von Richard Maria Werner. 1. Abteilung: Werke, Berlin, 1911 ff., Bd. 6, S. 230., Online-Quelle)

 

 

Sommerlich die Gärten tönen

Sommerlich die Gärten tönen,
singen Vögel, rauscht das Laub.
Hinter all dem zärtlich Schönen
geht die Raserei auf Raub.
Sie verstockt sich, nicht zu hören
auf des Lebens Harmonie;
stets nur konnte sie zerstören,
was in Friedlichkeit gedieh.
Wir, die dankerfüllt genießen,
was in Busch und Baum geschieht,
die sich gern bezaubern ließen
durch der Jahreszeiten Lied,
wittern plötzlich das Verderben,
das mich, der das Leben liebt,
dennoch läßt gewaltsam sterben,
wenn es alles dies noch gibt,
ungestört vom Bomber-Dröhnen,
gegen Schlachten-Donner taub:
sommerlichen Glückes Tönen,
Lerche und bewegtes Laub.

(Max Herrmann-Neisse, Sommerlich die Gärten tönen, 1940, Online-Quelle)

 

Spruch für eine Sonnenuhr

Der Tag geht über mein Gesicht.
Die Nacht, sie tastet leis vorbei.
Und Tag und Nacht ein gleich Gewicht
und Nacht und Tag ein Einerlei.

Es schreibt die dunkle Schrift der Tag
und dunkler noch schreibt sie die Nacht.
Und keiner lebt, der deuten mag,
was beider Schatten ihm gebracht.

Und ewig kreist die Schattenschrift.
Leblang stehst du im dunklen Spiel.
Bis einmal dich die Deutung trifft:
Die Zeit ist um. Du bist am Ziel.

(Rudolf Binding, Spruch für eine Sonnenuhr (am Hochzeitsturm in Darmstadt, Bild), 1927, Online-Quelle)

 

 

Von Sommer und Sehnsucht

 

Brief in die Sommerfrische

Ich habe so Sehnsucht nach Dir.
Weil alles so gut steht
Auf unserem Gemüsebeet.
Und Du bist in England. Nicht hier
Bei mir.
Frau heißt auf Englisch „wife“;
Muß man, um das zu lernen,
Sich so weit und so lange entfernen?
Bei uns ist alles Gemüse reif.
Meinst du, daß ich das allein
Esse? Kommt gar nicht in Frage.
Und so vergehen die Tage.
Könnte doch zu zweit so billig sein.

Bis August und noch September vergeht,
Ist alles verfault auf dem Beet.
Aber Englisch ist wichtiger als Gemüse,
Das es schließlich auch in Büchsen gibt.
Und ich gönne dir das alles sehr. Grüße
Dich!
Dein Mann (einsam in Dich verliebt).

(Joachim Ringelnatz, Brief in die Sommerfrische, aus: Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute, 1934, Online-Quelle)

 

In seinem Garten wandelt er allein

In seinem Garten wandelt er allein;
In alle Bäume gräbt er immer wieder
Gedankenschwer den einz’gen Namen ein,
Und in dem Namen klagen seine Lieder.

Sanft blaut der Himmel, milde Rosen webt
Die Sommerzeit durch mächt’ge Blättermassen.
Er schaut sie nicht; die Zeit, in der er lebt,
Ist alt, verblüht, von allen längst verlassen.

(Theodor Storm, In seinem Garten wandelt er allein, Online-Quelle)

 

Lesebuch

Wunderlichstes Buch der Bücher
Ist das Buch der Liebe;
Aufmerksam hab ich’s gelesen:
Wenig Blätter Freuden,
Ganze Hefte Leiden;
Einen Abschnitt macht die Trennung.
Wiedersehn! ein klein Kapitel,
Fragmentarisch. Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos, ohne Maß.
O Nisami! – doch am Ende
Hast den rechten Weg gefunden;
Unauflösliches, wer löst es?
Liebende, sich wieder findend.

(Johann Wolfgang von Goethe, Lesebuch, aus: West-Östlicher Divan/Buch der Liebe, Online-Quelle)

 

Im Biergarten | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche, ob ihr in der Sommerfrische (was für ein schönes Wort!) seid oder nicht!

 

Sommer und Regen

 

Kinderlied

Regen, Regen,
Himmelssegen!
Bring’ uns Kühle, lösch’ den Staub
Und erquicke Halm und Laub!

Regen, Regen,
Himmelssegen!
Labe meine Blümelein,
Laß sie blüh’n im Sonnenschein!

Regen, Regen,
Himmelssegen!
Nimm dich auch des Bächleins an,
Daß es wieder rauschen kann!

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Regen, Regen, Online-Quelle)

 

Regen in der Dämmerung

Der wandernde Wind auf den Wegen
War angefüllt mit süßem Laut,
Der dämmernde rieselnde Regen
War mit Verlangen feucht betaut.

Das rinnende rauschende Wasser
Berauschte verwirrend die Stimmen
Der Träume, die blasser und blasser
Im schwebenden Nebel verschwimmen.

Der Wind in den wehenden Weiden,
Am Wasser der wandernde Wind
Berauschte die sehnenden Leiden,
Die in der Dämmerung sind.

Der Weg im dämmernden Wehen,
Er führte zu keinem Ziel,
Doch war er gut zu gehen
Im Regen, der rieselnd fiel.

(Hugo von Hofmannsthal, Regen in der Dämmerung, Online-Quelle)

 

Vor dem Sommerregen

Auf einmal ist aus allem Grün im Park
man weiß nicht was, ein Etwas fortgenommen;
man fühlt ihn näher an die Fenster kommen
und schweigsam sein. Inständig nur und stark

ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer,
man denkt an einen Hieronymus:
so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
aus dieser einen Stimme, die der Guß

erhören wird. Des Saales Wände sind
mit ihren Bildern von uns fortgetreten,
als dürften sie nicht hören was wir sagen.

Es spiegeln die verblichenen Tapeten
das ungewisse Licht von Nachmittagen,
in denen man sich fürchtete als Kind,

(Rainer Maria Rilke, Vor dem Sommerregen, aus: Neue Gedichte, Erster Teil 1907, Online-Quelle, Interpretation)

 

Quelle: ichmeinerselbst  :-)

 

Ich bin ja bekanntermaßen pluviophil, daher: Dies ist kein Gemecker über Nasses von oben, der Regen, welcher hier in den letzten Tagen schön und sacht immer wieder gefallen ist, war dringend notwendig und überaus ersehnt. (Der Fellträger sieht das allerdings anders.)
Was ich bemängele, ist die damit einhergegangene deutliche Abkühlung: Petrus, wir sind nachts unter 15 °C und tagsüber knapp drüber, könntest du da nicht bitte was drehen?

Kommt gut in die neue Woche!

 

Von der Nacht und dem Vergehen

 

Bitte

Weil auf mir, du dunkles Auge,
Übe deine ganze Macht,
Ernste, milde, träumerische,
Unergründlich süße Nacht!

Nimm mit deinem Zauberdunkel
Diese Welt von hinnen mir,
Daß du über meinem Leben
Einsam schwebest für und für.

(Nikolaus Lenau, Bitte, Quelle)

 

Ich lösch das Licht

Ich lösch das Licht
Mit purpurner Hand,
Streif ab die Welt
Wie ein buntes Gewand

Und tauch ins Dunkel
Nackt und allein:
Das tiefe Reich
Wird mein, ich sein.

Groß’ Wunder huschen
Durch Dickicht hin,
Quelladern springen
Im tiefsten Sinn,

O spräng noch manche,
Ich käm in’ Kern,
Ins Herz der Welt
Allem nah, allem fern.

(Hugo von Hofmannsthal, Ich lösch das Licht, Quelle)

 

Lösch mir die Augen aus

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

(Rainer Maria Rilke, Lösch mir die Augen aus, aus: Das Stunden-Buch, Zweites Buch: Das Buch von der Pilgerschaft (1901), Quelle; zur Interpretation im Rilke-Forum)

 

Mondsichel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Mit Dank an Karin (der Blog auf privat steht, daher kein Link) für den Hofmannsthal.

Kommt gut in die neue Woche!

 

Träume

 

… Und sagen sie das Leben sei ein Traum: das nicht;
nicht Traum allein. Traum ist ein Stück vom Leben.
Ein wirres Stück, in welchem sich Gesicht
und Sein verbeißt und ineinanderflicht
wie goldne Tiere, Königen von Theben
aus ihrem Tod genommen (der zerbricht).

Traum ist Brokat der von dir niederfließt,
Traum ist ein Baum, ein Glanz der geht, ein Laut –;
ein Fühlen das in dir beginnt und schließt
ist Traum; ein Tier das dir ins Auge schaut
ist Traum; ein Engel welcher dich genießt
ist Traum. Traum ist das Wort, das sanften Falles
in dein Gefühl fällt wie ein Blütenblatt
das dir im Haar bleibt: licht, verwirrt und matt –,
hebst du die Hände auf: auch dann kommt Traum,
kommt in sie wie das Fallen eines Balles –;
fast alles träumt –,
                  du aber trägst das alles.

Du trägst das alles. Und wie trägst du’s schön.
So wie mit deinem Haar damit beladen.
Und aus den Tiefen kommt es, von den Höhn
kommt es zu dir und wird von deinen Gnaden…

Da wo du bist hat nichts umsonst geharrt,
um dich die Dinge nehmen nirgend Schaden,
und mir ist so als hätt ich schon gesehn,
daß Tiere sich in deinen Blicken baden
und trinken deine klare Gegenwart.

Nur wer du bist: das weiß ich nicht. Ich weiß
nur deinen Preis zu singen: Sagenkreis
um eine Seele,
                  Garten um ein Haus,
in dessen Fenstern ich den Himmel sah –,

Und wenn es Nacht ist –: was für große Sterne
müssen sich nicht in diesen Fenstern spiegeln …

(Rainer Maria Rilke, … Und sagen sie das Leben sei ein Traum; aus dem Gedichtkreis für Madeleine Broglie, wahrsch. Paris, Juni 1906; aus: Gedichte 1906 bis 1926, Sammlung der verstreuten und nachgelassenen Gedichte aus den mittleren und späteren Jahren, Insel-Verlag 1953, S. 303. Online-Quelle)

 

 

Terzinen III

Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,

Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf
Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
… Nicht anders tauchen unsre Träume auf,

Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,
Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht,

Das Innerste ist offen ihrem Weben;
Wie Geisterhände in versperrtem Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.

Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.

(Hugo von Hofmannsthal, Terzinen über Vergänglichkeit III, 1895, Quelle)

 

Mond im Baum – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, ist schon bisschen her

 

Ja, den Rilke kannte ich auch noch nicht, auf den bin ich per Zufall gestoßen … und jetzt freue ich mich, dass ich mein neu erworbenes Gedichtbuch zum Einsatz bringen konnte, denn die späten Gedichte sind online nicht so wirklich verbreitet, daher auch die möglichst genaue Quellenangabe.

Der Hofmannsthal hingegen gehört zu meinen Lieblingsgedichten, und wenn ich schon was zum Thema „Träume“ suche (siehe Etüden für diese Woche), dann springt der mir natürlich sofort in den Kopf.

Kommt gut in die neue Woche!

 

Regen und Sommer

 

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten

Draußen die Regenwolken, die schwimmend großen,
Sind wie die Fische mit grauen Flossen,
Die Wasser aus den Kiemen stoßen.

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten,
Laute Wasserfluten schwemmen vom Dach;
Ein früher Abend kommt zu uns ins Gemach.

Wir hören die langen Finger vom Regen,
Die fahrig sich am Fenster bewegen,
Als will der Regen sich zu uns auf die Kissen legen.

(Max Dauthendey, Der Regen schlägt das Haus mit Ruten, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 255/256)

 

Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn –
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald –
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn –
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

(Christian Morgenstern, Von den heimlichen Rosen, aus: Ein Sommer. Verse. S. Fischer, Berlin, 1900, Online-Quelle)

 

Einsamkeit

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen
geht sie zum Himmel der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber welche nichts gefunden
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen …

(Rainer Maria Rilke, Einsamkeit, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, S. 47, 1906, Online-Quelle)

 

Wann immer ich dieses Gedicht lese, habe ich die Stimme von Katharina Franck im Ohr. Da sich das zu einem Dauerzustand auswächst (interessant!), möchte ich euch das dazugehörige Video ans Herz legen: Klickt bitte hier für den Link zu YouTube.

Draußen ist in den letzten beiden Tagen doch erfreulicherweise recht viel Regen gefallen, zum Glück ohne größere Flurschäden anzurichten. Daher habe ich die Abkühlung genossen und gern unter dem rauschenden Regen geschlafen … bis ein gewisser Herr Fellträger verkündete, ER sei jetzt nass und hungrig, ob ich wirklich gewillt sei, damit zu leben, dass er unglücklich sei … undsoweiter :-)

Kommt gut in die neue Woche!

 

Quelle: ichmeinerselbst; Klick macht groß!

 

Im Frühling: Liebe

Unterm weißen Baume sitzend
Hörst du fern die Winde schrillen,
Siehst wie oben stumme Wolken
Sich in Nebeldecken hüllen;

Siehst, wie unten ausgestorben
Wald und Flur, wie kahl geschoren; –
Um dich Winter, in dir Winter,
Und dein Herz ist eingefroren.

Plötzlich fallen auf dich nieder
Weiße Flocken, und verdrossen
Meinst du schon mit Schneegestöber
Hab’ der Baum dich übergossen.

Doch es ist kein Schneegestöber,
Merkst es bald mit freud’gem Schrecken;
Duft’ge Frühlingsblüthen sind es,
Die dich necken und bedecken.

Welch ein schauersüßer Zauber!
Winter wandelt sich in Maye,
Schnee verwandelt sich in Blüthen,
Und dein Herz, es liebt aufs Neue.

(Heinrich Heine, Unterm weißen Baume sitzend, 1844, aus: Neue Gedichte, Onlinequelle)

 

Liebesanfang

O Lächeln, erstes Lächeln, unser Lächeln.
Wie war das Eines: Duft der Linden atmen,
Parkstille hören – , plötzlich in einander
aufschaun und staunen bis heran ans Lächeln.

In diesem Lächeln war Erinnerung
an einen Hasen, der da eben drüben
im Rasen spielte; dieses war die Kindheit
des Lächelns. Ernster schon war ihm des Schwanes
Bewegung eingegeben, den wir später
den Weiher teilen sahen in zwei Hälften
lautlosen Abends. – Und der Wipfel Ränder
gegen den reinen, freien, ganz schon künftig
nächtigen Himmel hatten diesem Lächeln
Ränder gezogen gegen die entzückte
Zukunft im Antlitz.

(Rainer Maria Rilke, Liebesanfang, Frühjahr oder Sommer 1915, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 94. Onlinequelle)

 

Die Amsel

Da die Nacht mit Laternen noch draußen stand,
Der Schlaf und der Träume glitzender Fächer
Um Haus und Himmel ausgespannt,
Da sang an mein Bett weit über die Dächer,
Da sang vor der Stund’, eh’ mit bläulicher Hand
Der Morgen sich unter den Sternen durchfand,
Eine Amsel aus Finster und Fernen.
Eh‘ noch den Laternen das Licht verflackt,
Hat schon die Amsel die Sehnsucht gepackt.
Sie sang von Inbrunst aufgeweckt
Mit dem Herz, das ihr heiß in der Kehle steckt.
Sie sang von Lieb’, die sich aufgemacht
Und durch die schlafenden Mauern lacht.

(Max Dauthendey, Die Amsel, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 296. Onlinequelle)

 

Kann mir wer sagen, wer oder was sich da im Anflug befindet? Weiteres Fotomaterial auf Wunsch vorhanden. Ich komm und komm nicht drauf …

(Seht ihr das Cookie-Banner immer noch? Könnt ihr es wegklicken?)

Kommt gut in die neue Woche!

 

 

 

Abend

 

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

(Georg Heym, Träumerei in Hellblau, aus: Der Kondor, 1912, Quelle)

 

An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll’s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik –
trunken schwamm’s in die Dämmrung hinaus …

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
– Hörte Jemand ihr zu? …

(Friedrich Nietzsche, An der Brücke stand, 1888, aus: Ecce Homo / Warum ich so klug bin 7, Onlinequelle)

 

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben
Und schwinden wir
Und messen unsre trägen Tritte
Nach Raum und Zeit;
Und sind (und wissen’s nicht) in Mitte
Der Ewigkeit.

(Johann Gottfried Herder: aus: Amor und Psyche auf einem Grabmal, Onlinequelle)

 

Mein sind die Jahre nicht die mir die Zeit genommen/
Mein sind die Jahre nicht/ die etwa möchten kommen
Der Augenblick ist mein/ und nehm’ ich den in acht
So ist der mein/ der Jahr und Ewigkeit gemacht.

(Andreas Gryphius, Epigramme 76. Betrachtung der Zeit, Onlinequelle)

 

Quelle: Ichmeinerselbst | Klick macht groß

 

Stille

 

Für Viele

Wieviel Schönheit ist auf Erden
unscheinbar verstreut;
möcht’ ich immer mehr des inne werden;
wieviel Schönheit, die den Taglärm scheut,
in bescheidnen alt und jungen Herzen!
Ist es auch ein Duft von Blumen nur,
macht es holder doch der Erde Flur,
wie ein Lächeln unter vielen Schmerzen.

(Christian Morgenstern, Für Viele, aus: Melancholie/Melencolia, Berlin 1906, Onlinequelle)

 

Mittag

Am Waldessaume träumt die Föhre,
Am Himmel weiße Wölkchen nur;
Es ist so still, daß ich sie höre
Die tiefe Stille der Natur.

Rings Sonnenschein auf Wies’ und Wegen,
Die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach,
Und doch, es klingt, als ström’ ein Regen
Leis tönend auf das Blätterdach.

(Theodor Fontane, Mittag, aus: Gedichte, 1905, Onlinequelle)

 

Ob auch die Stunden uns wieder entfernen

Ob auch die Stunden uns wieder entfernen:
wir sind immer beisammen im Traum
wie unter einem aufblühenden Baum.
Wir werden die Worte, die laut sind, verlernen
und von uns reden wie Sterne von Sternen, –
alle lauten Worte verlernen:
wie unter einem aufblühenden Baum.

(Rainer Maria Rilke, Ob auch die Stunden uns wieder entfernen, aus: Dir zur Feier, entstanden 1897/98, unveröffentlicht, Onlinequelle)

 

Mag auch die Spieglung im Teich
oft uns verschwimmen:
Wisse das Bild.
Erst in dem Doppelbereich
werden die Stimmen
ewig und mild.

(Rainer Maria Rilke, aus: IX. Sonett, aus: Die Sonette an Orpheus, Erster Teil, 1922, Onlinequelle)

 

Kommt gut in die neue Woche, so oder so!

 

Quelle: Ichmeinerselbst; Klicken macht groß!

 

Von Sonne und Erde

 

Und Sonne und Erde sind wieder vertraut

Nun halten die Spatzen laut Schule am Dach,
Die Fenster sind wach, und der Morgen blaut,
Der Himmel neuangekommen ausschaut.
Die Sonne ist durch den Äther geschwommen,
Und Sonne und Erde sind wieder vertraut,
Und jeder Fink pfeift seiner Braut.
Auch ich find‘ keine Ruhe in der Haut;
Vom Fleck rückt gern der Fuß im Schuh
Und wandert auf zwei Augen zu.

(Max Dauthendey, Und Sonne und Erde sind wieder vertraut, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 233)

 

Ich seh‘ nur Blumen taumeln, wo ich steh‘

Der Flieder streut sich auf die Erde blau,
Der Weißdorn schüttet seinen warmen Schnee,
Die Ahornblüte regnet über Weg und Au,
Ich seh‘ nur Blumen taumeln, wo ich steh‘:
Schneeballen, welche keinen schmerzen,
Goldregenbaum, dem helle Ketten fallen,
Und feuerblaue Iris hingestellt zum Gartensee.
Doch ohne dich, Geliebte, ich an allen
Stumm wie ein Winterstumpf vorübergeh‘.

(Max Dauthendey, Ich seh‘ nur Blumen taumeln, wo ich steh‘, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 266)

 

An die Frau Prinzessin M. von B.

Wir sind ja. Doch kaum anders als den Lämmern
gehn uns die Tage hin mit Flucht und Schein;
auch uns verlangt, sooft die Wiesen dämmern,
zurückzugehn. Doch treibt uns keiner ein.

Wir bleiben draußen Tag und Nacht und Tag.
Die Sonne tut uns wohl, uns schreckt der Regen;
wir dürfen aufstehn und uns niederlegen
und etwas mutig sein und etwas zag.

Nur manchmal, während wir so schmerzhaft reifen,
daß wir an diesem beinah sterben, dann:
formt sich aus allem, was wir nicht begreifen,
ein Angesicht und sieht uns strahlend an.

(Rainer Maria Rilke, An die Frau Prinzessin M. von B., Frühsommer 1906, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 10.)

 

Quelle: Ichmeinerselbst in den letzten Tagen

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

 

Menschliches Elende

 

XI. Menschliches Elende.

Was sind wir Menschen doch? ein Wohnhaus grimmer Schmertzen.
Ein Ball deß falschen Glücks / ein Irrlicht dieser Zeit.
Ein Schauplatz herber Angst / besetzt mit scharffem Leid /
Ein bald verschmeltzter Schnee vnd abgebrante Kertzen.
Diß Leben fleucht davon wie ein Geschwätz vnd Schertzen.
Die vor vns abgelegt deß schwachen Leibes Kleid
Vnd in das todten-Buch der grossen Sterbligkeit
Längst eingeschrieben sind / sind vns auß Sinn vnd Hertzen.
Gleich wie ein eitel Traum leicht auß der acht hinfällt /
Vnd wie ein Strom verscheust / den keine Macht auffhält:
So muß auch vnser Nahm / Lob Ehr vnd Ruhm verschwinden /
Was itzund Athem holt / muß mit der Lufft entflihn /
Was nach vns kommen wird / wird vns ins Grab nach zihn
Was sag ich? wir vergehn wie Rauch von starcken Winden.

(Andreas Gryphius, Menschliches Elende, 1637, Quelle, Informationen)

 

Auf YouTube anhören, gesprochen von Katharina Thalbach
https://www.youtube-nocookie.com/embed/kTWQZZSQzQc?rel=0

(Also, mal im Ernst, noch mal Thema DSGVO: Findet ihr das schön, die Darstellungsform meine ich? Ich nicht.)

 

Nachts im Wald

Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
wo du deinen eignen Fuß nicht sahst?
Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
Dich führt der Weg.

Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
daß du zitterst, welchem Ziel du nahst?
Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
Dich führt dein Weg.

(Christian Morgenstern, Nachts im Wald, Quelle)

 

Ja, ich weiß, ein großer Bogen. Kommt gut in den Mai und habt eine gute Woche!

 

Friedhof, Steinmetzarbeit | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay