Von den Fragen

 

Laß die heil’gen Parabolen

Laß die heil’gen Parabolen,
Laß die frommen Hypothesen –
Suche die verdammten Fragen
Ohne Umschweif uns zu lösen.

Warum schleppt sich blutend, elend,
Unter Kreuzlast der Gerechte,
Während glücklich als ein Sieger
Trabt auf hohem Roß der Schlechte?

Woran liegt die Schuld? Ist etwa
Unser Herr nicht ganz allmächtig?
Oder treibt er selbst den Unfug?
Ach, das wäre niederträchtig.

Also fragen wir beständig,
Bis man uns mit einer Handvoll
Erde endlich stopft die Mäuler –
Aber ist das eine Antwort?

Heinrich Heine, Laß die heil’gen Parabolen, in: Gedichte 1853 und 1854. VIII. Zum Lazarus, aus: Vermischte Schriften, Online-Quelle)

 

Zufall und Wesen

Mensch, werde wesentlich; denn wenn die Welt vergeht
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.

(Angelus Silesius (Johannes Scheffler), Zufall und Wesen, aus: Der Cherubinische Wandersmann, Buch II, Vers 30, 1657, Online-Quelle)

 

Der Spruch

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

(Ernst Stadler, Der Spruch, aus: Der Aufbruch, 1914, Online-Quelle)

 

Schmetterling | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

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Vom Winter und dem neuen Jahr

 

DER LETZTE TAG DES VERGANGNEN JAHRS

Ich ging auf Abenteuer
Durch finsteres Gassengewirr.
Ein Fenster in schiefem Gemäuer.
Inseits ein leises Geklirr
Und ein kleines, bläuliches Feuer. –
Durchaus ganz geheuer:
Feuerzangen
Bowle. Bin weitergegangen.

Das Eckhaus ist ein Bordell,
Die ganze Stadt weiß es.
Ich ging ganz langsam, nicht schnell,
Wegen des Glatteises
Hin und hinein.
Da saß unterm Christbaum allein
Ein magerer Zuhälter.
Er konnte siebzig, auch älter,
Er konnte auch Lebegreis sein.

Wir wechselten falsche Namen,
Und weil gar keine Damen
Da waren, sangen wir traurig ein Lied,
Seltsam war die Stimme des Greises.
Ich schied,
Schlich langsam wegen des Glatteises.
Das glättste von allen Wintern,
Die je ich erlebt.
Kein Sand gestreut.
Man geht – sitzt auf dem Hintern,
Hat nichts gebrochen – erhebt
Sich wieder – und sitzt erneut.

Quer übern Weg plötzlich lief
Eine Katze. Also: ich trat
Schnell drei Schritt zurück. Da rief
Hinter mir „Au!“ ein Marinesoldat.

Wir gestanden als Wasserratten,
Was wir zuvor schon getrunken hatten.
Wir haben uns an-ahoit.
Kein Sand war gestreut.
Wir lagen. – Was soll ich lange noch sagen –
Liefen, lagen, liefen –.

Und riefen
Die Damen herunter, wollten was tun,
Wildes, wie Stierkampf oder Taifun.
Doch wir entschliefen
Ohne Weiber unter dem Baum.
Der Lebezuhälter
Pfiff rückwärts im Traum.

Der nächste Tag war viel kälter.

(Joachim Ringelnatz, Der letzte Tag des vergangnen Jahrs, aus: Flugzeuggedanken, Berlin 1929, Online-Quelle)

 

Winterschlaf

Indem man sich nunmehr zum Winter wendet,
Hat es der Dichter schwer,
Der Sommer ist geendet,
Und eine Blume wächst nicht mehr.

Was soll man da besingen?
Die meisten Requisiten sind vereist.
Man muß schon in die eigene Seele dringen
– Jedoch, da haperts meist.

Man sitzt besorgt auf seinen Hintern,
Man sinnt und sitzt sich seine Hose durch,
– Da hilft das eben nichts, da muß man eben überwintern
Wie Frosch und Lurch.

(Klabund (Albert Henschke), Winterschlaf, aus: Die Harfenjule, Berlin 1927, S. 25, Online-Quelle)

 

Ein großer Teich war zugefroren

Ein großer Teich war zugefroren,
Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
Durften nicht ferner quaken noch springen,
Versprachen sich aber im halben Traum,
Fänden sie nur da oben Raum,
Wie Nachtigallen wollten sie singen.
Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
Nun ruderten sie und landeten stolz
Und saßen am Ufer weit und breit
Und quakten wie vor alter Zeit.

(Johann Wolfgang von Goethe, Ein großer Teich war zugefroren (Die Frösche), aus: Parabolisch [1], in: Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827, Online-Quelle)

 

Eis | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche, mit Winter oder ohne!

 

Alltag | Januar

Eine feine Idee: Ulli ruft dazu auf, Einblicke in unseren Alltag zu zeigen. Sie lädt ein, „… einmal im Monat, ein Jahr lang, jeweils zum ersten Wochenende eines Monats, ein Bild, einen Text, ein Musikstück mit dem Thema „Alltag“ vorzustellen“, oder besser, aus unseren „Alle-Tagen“.

 

Quelle: Ulli Gau

 

„Alle Tage“, das ist dann auch mein Stichwort. Abgesehen davon, dass ich den Weg nicht „alle Tage“ gehe, und schon gar nicht zur gleichen Uhrzeit, möchte ich euch einen Ausblick vorstellen. Ich zücke jedes Mal, JEDES MAL, wenn ich dort vorbeikomme, mein Handy. Das geschieht oft genug, um ein Jahr (= ein Bild pro Monat) damit füllen zu können, und nein, ich habe mir kein Kreuz auf den Boden gemalt, dass ich immer an der gleichen Stelle stehe, daher gibt es schon gewisse Abweichungen, wenn man genau hinschaut …
Und auch ja, ich habe den Tagen mit dem abwechslungsreicheren (= mit Wolken) Himmel den Vorzug gegeben – dieser strahlend blaue Himmel nervt mich a) sowieso, b) kann die Handy-Cam damit nicht so gut (oder ich); diesen gleißenden Eindruck, wenn die Sonne auf einen knallt und man nicht im Schatten steht, habe ich bisher noch nicht so gut einfangen können, daher verfälscht das schon etwas, denn auch bei uns war der letzte Sommer sehr lang und sehr heiß und sehr trocken.
Das Bild kann man übrigens groß klicken.

 

Außenmühle 2018 | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, in mühevoller Kleinarbeit

 

Da es mich nervt, dass immer bei den Nachzüglern zu sein, erscheint dieser Eintrag heute Abend und damit gerade noch fristgerecht  ;-), bricht aber meine eigene Regel von „möglichst nicht zwei Posts am Tag“. Sei es drum. Seht es mir bitte nach.

 

Von Silvester zu Silvester

 

Zum neuen Jahr

Zum neuen Jahr ein neues Herze,
ein frisches Blatt im Lebensbuch.
Die alte Schuld sei ausgestrichen.
Der alte Zwist sei ausgeglichen
Und ausgetilgt der alte Fluch.
Zum neuen Jahr ein neues Herze,
Ein frisches Blatt im Lebensbuch!

Zum neuen Jahr ein neues Hoffen!
Die Erde wird noch immer grün.
Auch dieser März bringt Lerchenlieder.
Auch dieser Mai bringt Rosen wieder.
Auch dieses Jahr lässt Freuden blühn.
Zum neuen Jahr ein neues Hoffen.
Die Erde wird noch immer grün.

(Karl von Gerok, Zum neuen Jahr, aus: Heilige Zeiten, in: Palmblätter, 1878, S. 125, Online-Quelle)

 

Sylvesternacht

Die letzte Nacht im alten Jahr
Steigt auf so licht und sternenklar.
Ihr Sterne, wenn ihr niedergeht,
Die neue Zeit am Himmel steht.

Ihr wandert droben heiter fort
Und findet den bestimmten Ort.
Hier unten lebt sich’s sehnsuchtsvoll;
Wir wissen nicht, was werden soll.

Ihr tragt mit unverwandtem Sinn
Den Glanz durch Ewigkeiten hin.
Wir tun mit bangem Angesicht
Viel schneller aus das kurze Licht.

Ihr hört nicht auf den Stundenschlag;
Wir haben einen kurzen Tag,
Und was wir glauben, was wir tun,
Wird bald mit uns im Grabe ruhn.

Drum, Sterne, webt aus Silberglanz
Mir um die Stirn den Freudenkranz,
Daß ich mit heiterm Geist und frei
Der Gast des neuen Jahres sei.

(Paul Haller, Sylvesternacht, aus: Gedichte, 1922, Online-Quelle)

 

SILVESTER

Daß bald das neue Jahr beginnt,
Spür ich nicht im Geringsten.
Ich merke nur: die Zeit verrinnt
Genau so wie zu Pfingsten,

Genau wie jährlich tausendmal.
Doch Volk will Griff und Daten.
Ich höre Rührung, Suff, Skandal,
Ich speise Hasenbraten.

Mit Cumberland, und vis-à-vis
Sitzt von den Krankenschwestern
Die sinnlichste. Ich kenne sie
Gut, wenn auch erst seit gestern.

Champagner drängt, lügt und spricht wahr.
Prosit, barmherzige Schwester!
Auf! In mein Bett! Und prost Neujahr!
Rasch! Prosit! Prost Silvester!

Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt
In heimlichen Geweben.
Wenn heute nacht ein Jahr beginnt,
Beginnt ein neues Leben.

(Joachim Ringelnatz, Silvester, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

 

Jahreswechsel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

2019 steht vor der Tür! Kommt gut ins neue Jahr! Möge es gedeihlich werden, fröhlich, gesund, ertragreich in Worten wie in Taten … sucht euch aus, was ihr braucht!

 

Von Weihnachten zu Weihnachten

 

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

(Joseph von Eichendorff, Weihnachten, Erstdruck 1837, aus: Gedichte/6. Geistliche Gedichte, Online-quelle)

 

Weihnachten

Nun ist das Fest der Weihenacht,
das Fest, das alle glücklich macht,
wo sich mit reichen Festgeschenken
Mann, Weib und Greis und Kind bedenken,
wo aller Hader wird vergessen
beim Christbaum und beim Karpfenessen; —
und Groß und Klein und Arm und Reich, —
an diesem Tag ist alles gleich.
So steht’s in vielerlei Varianten
in deutschen Blättern. Alten Tanten
und Wickelkindern rollt die Zähre
ins Taschentuch ob dieser Mähre.
Papa liest’s der Familie vor,
und alle lauschen und sind Ohr…
Ich sah, wie so ein Zeitungsblatt
ein armer Kerl gelesen hat.
Er hob es auf aus einer Pfütze,
dass es ihm hinterm Zaune nütze.

(Erich Mühsam, Weihnachten, Erstdruck in: Der Krater. Berlin (Morgen) 1909, Online-Quelle bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft)

 

Einsiedlers heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an der Türe gepocht,

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: „Herein!“

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

(Joachim Ringelnatz, Einsiedlers Heiliger Abend, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

 

Weihnachtsbeleuchtung in Moskau | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ich habe neulich den Satz gehört (nein, nicht in der Werbung), der alles für mich auf den Punkt brachte: Ohne Liebe ist es nur ein Fest.
Friedliche und fröhliche, stille, entspannte, harmonische Tage wünsche ich euch also. Nicht gleich abwehren, bitte! Eine Sehnsucht zu haben, in der man sich wiederfindet, ist wichtig.
Also: von Herzen. Mit Liebe.

 

 

 

Von Dezember und Weihnachten

 

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

(Rainer Maria Rilke, Advent, aus: Erste Gedichte/Advent, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Es gibt so wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
uu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

(Rainer Maria Rilke, Es gibt so wunderweiße Nächte, aus: Erste Gedichte/Traumgekrönt, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Bürgerliches Weihnachtsidyll

Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Ein Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich.
O Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da komm ich nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannebaum! O Tannebaum!

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprungen!
Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!

(Klabund, Bürgerliches Weihnachtsidyll,  aus: Die Harfenjule, 1927, Online-Quelle)

 

Und kämest Du wieder

Und kämest Du wieder,
Kleinbübelig, arm und gerade so
Landfahrender Leute Kind im Stroh
Wie in jener alten, blitzenden Nacht,
Und es nähm’ Dich ein Geißlein zuerst in acht,
Dann ein Melkbub und dann eine Hirtenmagd,
Und es hält’ in der großen, allweisen Stadt
Ein Senne, der Milch zu vertragen hat,
Dein erstes Grüßchen angesagt;
Meinst Du nicht, es klänge im alten Ton:
„Das ist ja doch nur des Zimmermanns Sohn!“

Und kämest Du wieder,
In den Zeitungen wär’ beim Vermischten zu lesen:
„Eine Frau ist von einem Knäblein genesen,
Das munter wie alle Bübchen ist;
Sie aber nennen es den Heiligen Christ!“ –
Und von hoher Kanzel würd’ heilig gewarnt:
„Passet auf, dass der Schwindel euch nicht umgarnt!“
Und von der obersten Polizei
Kämen sicher schnauzwirbelnde zwei oder drei
Und schnarrten: „Auf ollerhöchsten Befehl
Muss Euer Junge in Staatskuratel.“ –

Und kämest Du wieder,
Die da sitzen in Gold und Kranz und Schrift,
Die Dein Pochen um Einlass am lautesten trifft,
Sie stopften die Ohren, sie brüllten Dich nieder,
Besudelten, schlügen Dich, kreuzigten wieder

Und stemmten sich hart aufs versiegelte Grab,
Und nur ein paar Fischer, ein paar Fabrikler,
Verschupfte und Sieche und Straßenpickler
Und die Kinder auch knieten vor Dir ab.
Doch die übrige Welt würd’ nicht reiner und runder
Durch tausend Jahre und tausend Wunder.

Und kämest Du wieder!
Doch Du hast an der einen Weihnacht genug,
An einem Kreuz, woran man Dich schlug.
Man hat Dich gesehen und gehört und gesuhlt
Wie eine Sonne, die brennt, wie ein Meer, das kühlt.
Und es funkelt davon und kühlet noch immer
Durch alle vielwinkligen Erdenzimmer,
So das nur die wollenden Tauben und Blinden
Deine seligen Spuren noch heute nicht finden.
Sie sind kein zweites Christkind wert.
Ihr Los ist Christus mit dem Schwert.

(Heinrich Federer, Und kämest du wieder, aus: Ich lösche das Licht, 1930, Online-Quelle)

 

Krippenfigur Christkind | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Auf zum (vorweihnachtlichen) Endspurt?! Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Vom Trauern und Advent

 

Letzte Bitte

Lege deine Hand auf meine Augen,
daß mein Blut wie Meeresnächte dunkelt:
fern im Nachen lauscht der Tod.

Lege deine Hand auf meine Augen,
bis mein Blut wie Himmelsnächte funkelt:
silbern rauscht das schwarze Boot.

(Richard Dehmel, Letzte Bitte, aus: Erlösung, Berlin 1898, 2. Auflage, S. 310, Online-Quelle)

 

Das Ende wird so wie der Anfang sein

Das Ende wird so wie der Anfang sein:
Wir werden gehn, wie wir gekommen.
Wie man im Traum durch fremde Wege schreitet,
Auf nackter Heide, endlos hingeweitet.
Ein Fünkchen flackert, geisternd hergeschwommen,
Gelb, tanzend, quirlend, leis und heiß erglommen –
Wie du auch zweifelst, du vertraust dem Schein.

Du gehst mit ihm, dir ist nicht mehr so schwer.
Dir ist, als ob dich große Flügel decken,
Als ob du stiegst und fühltest nicht das Steigen,
Als ob du schwiegst und redetest im Schweigen,
Als ob dich, nachtbeklemmt, Gesichte schrecken,
Als ob dich früh am Morgen Lerchen wecken –
Doch, was du siehst, ist nicht die Erde mehr.

(Gustav Schüler, Das Ende wird so wie der Anfang sein, vermutlich aus: Meine grüne Erde, 1904/1925, Online-Quelle)

 

Die hohen Tannen atmen heiser

Die hohen Tannen atmen heiser
im Winterschnee, und bauschiger
schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.
Die weißen Wege werden leiser,
die trauten Stuben lauschiger.

Da singt die Uhr, die Kinder zittern:
Im grünen Ofen kracht ein Scheit
und stürzt in lichten Lohgewittern, –
und draußen wächst im Flockenflittern
der weiße Tag zur Ewigkeit.

(Rainer Maria Rilke, Die hohen Tannen atmen heiser, aus: Erste Gedichte/Gaben an verschiedene Freunde, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Gefrorenes Gänseblümchen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Für alle, die jetzt denken, nanu, was ist denn das, denen sei gesagt, dass heute jemand Geburtstag hätte, um den ich trauere. Es ist nicht mehr diese wilde, alles zerreißende Trauer, aber er bleibt unvergessen – und ich habe kein Gedicht, von dem ich absolut sicher wüsste, dass es ihm gefallen hat, und ich mag in diesem Rahmen keine Schnipsel der „Big Bang Theory“ verlinken  ;-)

Kommt gut in die neue Woche!

 

Alltag | Dezember

Letztes Wochenende war es wieder so weit: Ulli rief dazu auf, Einblicke in unseren Alltag zu zeigen. Sie lädt ein, „… einmal im Monat, ein Jahr lang, jeweils zum ersten Wochenende eines Monats, ein Bild, einen Text, ein Musikstück mit dem Thema „Alltag“ vorzustellen.“

 

Quelle: Ulli Gau

 

Ich habe lange überlegt, was ich dieses Mal zeigen wollte, und mich dann für meine neueste Lieblingsbeschäftigung entschieden: Apfelbrot backen. Gehört momentan als Genussfaktor zum Alltag. Ich bin nämlich eher kein vorweihnachtlicher Plätzchenbäcker, ich bin eigentlich sogar ein ziemlicher Selten-Bäcker, aber ich habe zu dieser Jahreszeit verstärkt das Bedürfnis nach etwas Simplem, Selbstgemachtem. Apfelbrot also, ich liebe Äpfel. Und wenn es aufgegessen ist, backe ich neu.

 

Apfelbrot

 

750 g Äpfel (geschält und geputzt, möglichst sauer, ich: Boskoop)
200 g Zucker
(ich: normaler Kristallzucker)
200 g Rosinen
(ich: Sultaninen)
200 g Mandeln, gemahlen
(ich: gemahlen gekauft)
500 g Mehl
(ich: ordinäres Typ-403-Weizenmehl)
1 Pck. Backpulver
2 EL Kakao

1 TL Zimt
(gemahlen)
1 Messerspitze Nelken
(gemahlen)
1–2 EL Rum
(gelingt auch ohne)

 

Vorbereiten: Äpfel schälen und raspeln (siehe Bild), ich nehme dafür eine grobe Haushaltsreibe. Mit dem Zucker bedeckt etwa 3 Stunden stehen lassen, um Saft zu ziehen. (Wichtig! Zeit unbedingt einhalten! Es gibt Rezepte, da werden ungeschälte Äpfel verwendet und die Ruhezeit beträgt 12 Std./“über Nacht“. Noch nicht probiert.)

 

Making of Apfelbrot 1 | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Danach vermische ich die „nassen“ und die „trockenen“ Zutaten erst mal getrennt voneinander, also in einer Schüssel Mehl, Backpulver, Kakao, Zimt und Nelken, in der anderen Äpfel, Zucker, Mandeln und Rosinen. Das geschieht nur, damit sich alles wirklich gut mischt, speziell die trockenen Zutaten, schließlich soll das Brot hinterher aufgehen – und wenn die Äpfel dazukommen, braucht man einen Knethaken, dann wird es mühsam. Die Äpfel sollten nach den drei Stunden relativ kräftig Saft gezogen haben, das Mischen der „nassen“ Zutaten daher kein großes Ding sein. Danach füge ich beides zusammen und knete gut durch (Bild unten). So ungefähr sollte es aussehen. Wenn der Teig zu wenig geschmeidig sein sollte, kippe ich den Rum dazu. (Nur für die besondere Note geht natürlich auch.)

 

Making of Apfelbrot 2 | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Backen: Teig in gebutterte Kastenform füllen (Bild) und im vorgeheizten Ofen bei 180 °C (Ober- und Unterhitze!) ca. 60–80 Minuten backen. Das Brot geht noch auf, bleibt aber dennoch relativ kompakt und feucht, das ist der eigentliche Effekt der Äpfel (Bild).
Hier muss man für den eigenen Ofen das goldene Mittelmaß zwischen „zu nass“ und „außen verbrannt“ finden. 60 Minuten ist bei mir die Untergrenze, danach habe ich eine wachsame Nase Richtung Küche. Stäbchenprobe! (Bild)

Je nach Geschmack mit Butter (und z. B. Johannisbeergelee) bestreichen.

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Variante: 100 g gemahlene, 100 g blanchierte Mandeln, macht das Aussehen im Teig interessanter; Haselnüsse (gemahlen)

Kalorien: Also, was an Zutaten reingeht, hat Pi mal dicken Daumen 5.000 kcal. Ich bekomme ein Apfelbrot von ca. 1.600 g raus und kann euch nicht sagen, wie viele Scheiben es gibt. Wiegt im Zweifelsfall selbst. 100 g hätten nach dieser Rechnung 312,5 kcal.

Feedback: Es gab bisher keine*n, der/dem mein Apfelbrot nicht geschmeckt hat (man sieht ja, was übrig bleibt), ich habe aber auch schon gehört, dass es „nicht sehr nach Äpfeln schmecken“ würde. Stimmt. Es ist ein Brot; die Äpfel machen den Teig locker und feucht, wer ausgeprägten Apfelgeschmack sucht, sollte über die Herstellung eines Apfelkuchens nachdenken.

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Bemerkung: Das Brot steht und fällt (erst mal) mit den Äpfeln. Eher süße Äpfel ziehen viel mehr Saft, eher mürbe zerfallen beim Raspeln, die Konsistenz bildet sich hinterher im Teig deutlich ab. Bei den beiden oberen Bildern ist das erste von der heutigen Partie (mit Boskoop; zu früh angeschnitten, war noch heiß, ich denke, wenn es durchgekühlt gewesen wäre, wäre das anders gewesen, aber was solls, im Winter sind die Tage kurz), das andere (mit der angeschnittenen Scheibe) von der davor, da hatte ich als Äpfel Red Jonaprince ausprobiert. Beide Apfelbrote sind übrigens mit Haselnüssen gemacht, und heute habe ich noch ein halbes Päckchen Lebkuchengewürz zusätzlich verbacken. Geschmackstest steht noch aus, da ich aber Zimtfan bin, fürchte ich mich nicht.

Ich wäre neugierig auf eure Erfahrungen, ich bin sicher, dass ihr zum Teil mit anderem Mehl und mit anderem Zucker backen werdet – und vielleicht hat ja auch eine*r was zum Über-Nacht-mit-Schale-ziehen-lassen zu sagen. Das Rezept habe ich übrigens ursprünglich hier gefunden, und es hat ziemlich lange gedauert, bis ich raushatte, dass man die Temperaturangabe NICHT für Umluft halten sollte.

 

Vom Dezember und Advent

 

Weihnachtsabend

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
„Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:
„Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn Unterlass;
Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfasste mich die Angst im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein
Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

(Theodor Storm, Weihnachtsabend, 1852, Online-Quelle)

 

Der Abend kommt von weit gegangen

Der Abend kommt von weit gegangen
durch den verschneiten, leisen Tann.
Dann preßt er seine Winterwangen
an alle Fenster lauschend an.

Und stille wird ein jedes Haus;
die Alten in den Sesseln sinnen,
die Mütter sind wie Königinnen,
die Kinder wollen nicht beginnen
mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen
nicht mehr. Der Abend horcht nach innen,
und innen horchen sie hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Der Abend kommt von weit gegangen, aus: Erste Gedichte/Gaben an verschiedene Freunde, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne

Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne
Und beleuchtet grübelnd die Nacht und die Ferne.
Da sind Zimmer, in denen Weingläser lachen,
Zimmer, wo Gedanken sich zu Büchern machen,
Zimmer, wo Hände gerungen beten,
Zimmer, wo Füße das Leben zertreten.

Da leuchten Zimmer rot, als ob sie bluten,
Kahle, wo die Not pfeift mit eisigen Ruten,
Blaue, die unklar im Mondschein schweben,
Graue, die in Sack und Asche leben.

Still leuchten die Zimmerlaternen, die bunten,
Alle locken die Blicke herauf von unten;
Sie locken in des Lebens Gänge hinein,
Und alle wollen Bühnen zum Liebesspiel sein.

(Max Dauthendey, Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne, aus: Der weiße Schlaf, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 415)

 

Verschneite Kleinstadt | 365tageasatzadaQuelle: Pixabay

 

Es ist ein Kreuz mit dieser Jahreszeit, also dem Advent und den Tagen vor Weihnachten, gedichtetechnisch gesehen. Entweder ist die Welt in den Gedichten schon fast unerträglich heil, oder es liegt Schnee. Letzteres ändert sich vielleicht vor Weihnachten zwar noch und macht damit den Kitschanspruch perfekt, ersteres ist heutzutage viel zu oft einfach unrealistisch und befördert nur den Weihnachtskitsch. Klar, mag ich auch. Manchmal. Ich blicke schließlich auch auf viele Kinder-Kitsch-Weihnachten zurück. Ich versuche hier also einen Spagat, und weiß eigentlich jetzt schon, dass ich meinen eigenen Wünschen nicht gerecht werden werde: Ich hoffe, ihr mögt meine Auswahl trotzdem. Die Verklärung ist in den modernen Gedichten übrigens längst nicht mehr so – aber die darf ich nicht zitieren, da ich hier ja auf die geltenden Urheberrechte achte, und deren Verfasser in der Regel noch keine 70 Jahre tot sind. Ja, phhhhh, genau.

Das Bild zeigt laut der Stichworte bei Pixabay übrigens Schiltach im Schwarzwald.

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Finden und Verlieren

 

Orpheus. Eurydike. Hermes

Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
Wie stille Silbererze gingen sie
als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
Sonst war nichts Rotes.

Felsen war da
und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres
und jener große graue, blinde Teich,
der über seinem fernen Grunde hing
wie Regenhimmel über einer Landschaft.
Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut
erschien des einen Weges blasser Streifen
wie eine lange Bleiche hingelegt.

Und dieses einen Weges kamen sie.

Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg
in großen Bissen; seine Hände hingen
schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten
und wußten nicht mehr von der leichten Leier,
die in die Linke eingewachsen war
wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums.
Und seine Sinne waren wie entzweit:
indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
umkehrte, kam und immer wieder weit
und wartend an der nächsten Wendung stand, —
blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.
Manchmal erschien es ihm, als reichte es
bis an das Gehen jener beiden andern,
die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.
Dann wieder war’s nur seines Steigens Nachklang
und seines Mantels Wind was hinter ihm war.
Er aber sagte sich, sie kämen doch;
sagte es laut und hörte sich verhallen.
Sie kämen doch, nur wären’s zwei
die furchtbar leise gingen. Dürfte er
sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun
nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,
das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen,
die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:

Den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,
die Reisehaube über hellen Augen,
den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
und flügelschlagend an den Fußgelenken;
und seiner linken Hand gegeben:  s i e .

Die So-geliebte, daß aus einer Leier
mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;
daß eine Welt aus Klage ward, in der
alles noch einmal da war: Wald und Tal
und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;
und daß um diese Klage-Welt ganz so
wie um die andre Erde eine Sonne
und ein gestirnter stiller Himmel ging,
ein Klagehimmel mit entstellten Sternen —:
Diese So-geliebte.

Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
Sie war in sich wie Eine hoher Hoffnung
und dachte nicht des Mannes der voranging
und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.
Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
erfüllte sie wie Fülle.
Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel,
so war sie voll von ihrem großen Tode,
der also neu war, daß sie nichts begriff.

Sie war in einem neuen Mädchentum
und unberührbar; ihr Geschlecht war zu
wie eine junge Blume gegen Abend,
und ihre Hände waren der Vermählung
so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes
unendlich leise leitende Berührung
sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.

Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.

Sie war schon aufgelöst wie langes Haar
und hingegeben wie gefallner Regen
und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.

Sie war schon Wurzel.
Und als plötzlich jäh
der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
die Worte sprach: Er hat sich umgewendet —,
begriff sie nichts und sagte leise:  W e r ?

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

(Rainer Maria Rilke, Orpheus. Eurydike. Hermes, aus: Neue Gedichte, 1908. Online-Quelle)

 

Antelope Canyon, Arizona, USA | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ja, heute mal bloß eins. Sagt selbst: Geht neben diesem Gedicht noch was? Ich finde, nein. (Ja, war schon mal. Egal.)

Ich bin kein großer Freund von Interpretationen, viel zu oft zerreden sie mir alles („… sie sprechen alles so deutlich aus“) oder treffen für mein Gefühl nicht das Wesentliche. Da aber nicht jeder die griechischen Mythen auf Abruf parat hat, kommen hier doch noch drei Links, um zu erklären, worum es eigentlich geht: Orpheus (Wikipedia), Eurydike (Wikipedia), das Gedicht im Rilke-Forum (hier).

Ja, mir geht’s gut, danke der Nachfrage. Ich kenne und mag das Gedicht schon viele, viele Jahre und bin gerade in der passenden Stimmung.

Natürlich gibt es zu Orpheus wunderbare (klassische) Musik, und ich bin nach wie vor ausgesprochen wenig bewandert darin. Aber einen Link enthalte ich euch nicht vor:

Philipp Glass: Orphee Suite (YouTube: Link zum ersten Teil der Suite, das ist eine Playlist, die anderen Teile sollten danach auch kommen. Enjoy, wie der Lateiner sagt.)

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Von Liedern und Wind

 

Nur ein Lied färbt die Grauseele bunter

Ich setze mich hin untern nächstbesten Busch
Und sing’s Blau mir vom Himmel herunter;
Nur ein Lied färbt die Grauseele bunter.
Aus dem Grautag, in welchen die Sorge öd weint,
Wird ein Blautag, sobald nur ein Lied hell erscheint;
Die verstockteste Wolke wird munter.
Wo ein Liebeslied rot wie die Sonne aufgeht,
Jede Wange frohleuchtend voll Herzblut dasteht.
So ein Rot geht dann schwer mehr herunter.

(Max Dauthendey, Nur ein Lied färbt die Grauseele bunter, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 253)

 

Merkspruch

Flamme, o Seele, und züngle empor,
lass dir vom Himmel die Antwort geben!
Horche dem Winde, lauschendes Ohr,
über die Welt weht Liebe und Leben!

Kommst du dann wieder zu Enge und Leuten,
sorge, dass nicht dein Sinn es vergisst:
auch in den Seelen hat nur Bedeuten,
was von Wind und vom Himmel ist!

(Georg Reicke, Merkspruch, aus: Winterfrühling, ersch. 1901, Online-Quelle)

 

Ein Frühlingswind

Mit diesem Wind kommt Schicksal; laß, o laß
es kommen, all das Drängende und Blinde,
vor dem wir glühen werden –: alles das.
(Sei still und rühr dich nicht, daß es uns finde.)
O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
über das Meer her was wir sind.

… Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
(Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.)
Aber mit diesem Wind geht immer wieder
das Schicksal riesig über uns hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Ein Frühlingswind, Februar 1907, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 15/16. Online-Quelle, zur Interpretation)

 

Frau vor Abendhimmel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Mir ist gerade so. Nein, ich bin den Herbst nicht leid, trotzdem …
Kommt gut in die neue Woche!

 

Von Herbst und Vergehen

 

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind,
Weit hinaus in die freie Einsamkeit,
Wo dir Wolken, Berge, Bäume und Wind
Großes reden von Später und Ewigkeit.

Und dort schöpfe, fasse und füll dir die Brust,
Daß – kommt einst die Stille zu dir als Braut –
Daß du die Hand ihr gibst in tiefster Lust,
Weil du schon lange mit ihr vertraut.

(Joachim Ringelnatz, Dorthin geh, wo die Andern nicht sind, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

 

Kühle

Alles das ist nur ein Träumen,
Und ich sollte nie erwachen:
Das wär schön.

Denn der Tag hat kalte Farben,
Und die Wahrheit geht in Wolle,
Rauh und grau.

Wirklichkeit, die alte Vettel,
Zückt schon ihre Klapperschere
Und sie grinst:
Weg die bunten Seidenbänder,
Weg die langen Ringellocken,
Weg den Tand!

Und ein kurzer Krampf im Herzen
Und das alte böse Lachen:
Siehst du wohl?

(Otto Julius Bierbaum, Kühle, aus: Gesammelte Werke. Band 1: Gedichte, München 1921, S. 187, Online-Quelle)

 

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod,
das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

(Rainer Maria Rilke, O Herr, gib jedem seinen eignen Tod, aus: Das Stunden-Buch/Das Buch von der Armut und vom Tode, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!
(In einem der Bilder sind drei Graureiher versteckt. Ja, ich hab sie beim Vorbeilaufen gesehen. 😁)