Von Herbst und Vergehen

 

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind,
Weit hinaus in die freie Einsamkeit,
Wo dir Wolken, Berge, Bäume und Wind
Großes reden von Später und Ewigkeit.

Und dort schöpfe, fasse und füll dir die Brust,
Daß – kommt einst die Stille zu dir als Braut –
Daß du die Hand ihr gibst in tiefster Lust,
Weil du schon lange mit ihr vertraut.

(Joachim Ringelnatz, Dorthin geh, wo die Andern nicht sind, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

 

Kühle

Alles das ist nur ein Träumen,
Und ich sollte nie erwachen:
Das wär schön.

Denn der Tag hat kalte Farben,
Und die Wahrheit geht in Wolle,
Rauh und grau.

Wirklichkeit, die alte Vettel,
Zückt schon ihre Klapperschere
Und sie grinst:
Weg die bunten Seidenbänder,
Weg die langen Ringellocken,
Weg den Tand!

Und ein kurzer Krampf im Herzen
Und das alte böse Lachen:
Siehst du wohl?

(Otto Julius Bierbaum, Kühle, aus: Gesammelte Werke. Band 1: Gedichte, München 1921, S. 187, Online-Quelle)

 

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod,
das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

(Rainer Maria Rilke, O Herr, gib jedem seinen eignen Tod, aus: Das Stunden-Buch/Das Buch von der Armut und vom Tode, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!
(In einem der Bilder sind drei Graureiher versteckt. Ja, ich hab sie beim Vorbeilaufen gesehen. 😁)

 

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Alltag | November

Seit dem vergangenen Wochenende läuft es, Ullis „Projekt Alltag“. Sie lädt uns dazu ein, „… einmal im Monat, ein Jahr lang, jeweils zum ersten Wochenende eines Monats, ein Bild, einen Text, ein Musikstück auf deiner Seite mit dem Thema „Alltag“ vorzustellen und dieses mit diesem Beitrag zu verlinken.“

Nun ist das erste Wochenende eines Monats aus verschiedenen Gründen zurzeit bei mir eher belegt, und ich muss zugeben, dass ich es 1. hasse, etwas zu posten und dann nicht online zu sein, um auf Kommentare reagieren zu können, und 2. ausnehmend ungern zwei Sachen an einem Tag poste, um dann wieder mehrere Tage völlig still zu sein. Daher, liebe Ulli, hoffe ich, dass du mir verzeihen kannst: Ich bin ein Nachzügler.

Auch ich habe nach einem Gegenstand aus meinem Alltag gesucht, den ich euch zeigen könnte.

Palmström legt des Nachts sein Chronometer,
um sein lästig Ticken nicht zu hören,
in ein Glas mit Opium oder Äther.

Morgens ist die Uhr dann ganz ›herunter‹.
Ihren Geist von neuem zu beschwören,
wäscht er sie mit schwarzem Mokka munter.

(Christian Morgenstern, Palmström legt des Nachts sein Chronometer, 1910, Online-Quelle)

Ähm, nein, kein Chronometer. Voilà, ich präsentiere: meinen Kaffeebecher, und, ähm, nein, Mokka geht da drin auch irgendwie verloren …

Kaffeebecher | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Es gibt Leute, die sammeln Schuhe oder Handtaschen. Ich komme schwer an Ständen mit Töpfereiwaren vorbei. (Oh, und mit Ohrringen, wenn wir schon mal dabei sind.) Bis bei mir der Verstand eingesetzt hat, war ich bei fast jedem Töpfereistand in Gefahr, einen oder zwei (selbstverständlich später fast nie gebrauchte) Becher nach Hause zu tragen. Dieser Becher stammt aus der Töpferei Porzelius-Reder in Bamberg in der Nähe von Dom und Michaelsberg und ist völlig undefinierbaren Alters (außer dass die Töpferin diese Größe nicht mehr herstellt, und ich war da schon seit knapp 10 Jahren nicht mehr) und absolut ständig in Gebrauch.

Meine Definition von „anständigem Kaffee“ ist eh, dass ich so viel Kaffee in die Milch tue, dass die Milch warm wird. Der Becher fasst ca. 400 ml und eignet sich hervorragend für Milchkaffee.

Mein Becher ist nun wirklich nicht der einzige, den ich besitze, aber wenn der irgendwann mal das Zeitliche segnet, dann weiß ich jetzt schon, dass ich völlig aufgeschmissen vor der Frage stehen werde, woraus ich meinen Kaffee trinken soll …

Für Lakritze und alle, die es interessiert: Dies ist der Becher mit der kleinen Schwester. Klein ist relativ, es passen auch 250–300 ml hinein. Das Bild dagegen ist links verzogen, es sieht ungleichmäßig bauchig aus, das stimmt natürlich so nicht.

 

Kaffeebecher | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbstinallerEile

 

 

Projekt Alltag von Ulli Gau

Projekt Alltag von Ulli Gau

Vom Herbstwerden und dem Nebel

 

Herbst

Astern blühen schon im Garten,
Schwächer trifft der Sonnenpfeil
Blumen, die den Tod erwarten
Durch des Frostes Henkerbeil.

Brauner dunkelt längst die Heide,
Blätter zittern durch die Luft.
Und es liegen Wald und Weide
Unbewegt im blauen Duft.

Pfirsich an der Gartenmauer,
Kranich auf der Winterflucht.
Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
Welke Rosen, reife Frucht.

(Detlev v. Liliencron, Herbst, aus: Werke, Bd. 1, Frankfurt am Main, 1977, Online-Quelle)

 

Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
Drängt die Welt nach innen;
Ohne Not geht niemand aus;
Alles fällt in Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,
Stiller die Gebärde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
Träumen Mensch und Erde.

(Christian Morgenstern, Novembertag, Online-Quelle)

 

Ich war wie die erfrorenen Bäume

Die Glocken läuten in den Stühlen, wenn sich der Mittag stolz erfüllt,
So läutet jubelnd mir mein Blut, wenn ich dich küsse und die Sehnsucht stirbt.

Ich war wie die erfrorenen Bäume armselig und blind vor der Sonne,
Doch als unsere Blicke sich kreuzten, rauchte mein Herz.

Wie ein Stahl steckt mir dein Blick in der Brust,
Ziehst du ihn aus, muß ich verbluten und sterben.

(Max Dauthendey, Ich war wie die erfrorenen Bäume, aus: Die ewige Hochzeit. Liebeslieder, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 177)

 

Morgennebel | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Zaubertrank, Hamburg, Hilfe, sofort und dringend

Ihr Lieben (aus Hamburg und drumherum),

im Januar bereits habe ich euch um Hilfe für den Zaubertrank gebeten. Jetzt ist die Bombe geplatzt: Der Gerichtsvollzieher war da, sie werden geräumt, sie brauchen immer noch DRINGEND neue Räumlichkeiten, aber mindestens genauso dringend Möglichkeiten, Sachen irgendwo unterzustellen, und natürlich auch Hilfe bei Umzug. Wer etwas weiß, der möge bitte schnellstmöglich reagieren.

Hans-Georg schreibt:

„Jetzt am Sonnabend ab 07:30 Uhr will der Gerichtsvollzieher mit der Räumung unseren Ladens beginnen. Wenn Du Platz hast von mir Sachen bei Dir zu lagern, z.B.: Kisten, Fässer o.ä., dann melde Dich bitte sofort. Wenn Du mithelfen kannst, diese Dinge bei mir mit rauszuräumen ebenfalls.
Telefonisch erreicht Ihr uns wieder unter den Zaubertranknummern. Auch unter der Handynummer 0160/xxxxxxx.
Einige wichtige Dinge konnten wir mitnehmen und können die auch liefern. Telefonische Orts- und Zeitabsprache vorausgesetzt.
Wir brauchen für die Dinge in unserem Laden ab sofort etwa 400 qm bis 600 qm, je nach Raumschnitt und Deckenhöhe. Wenn es geht im Hamburger Stadtgebiet nördlich der Alster und nicht im Überschwemmungsgebiet. Und günstig sollte die Miete auch sein, nicht dass wir nach wenigen Monaten pleite sind.
Hoffentlich finden wir bald Räume, sonst gibt es den Zaubertrank bald nicht mehr und das wäre sehr schade.“

Der Zaubertrank (Link zur Homepage) ist erreichbar unter der Festnetznummer 040 22 00 60 4. Wer die Handynummer braucht, von der ich annehme, dass sie halb privat ist, melde sich bitte in den Kommentaren, damit ich die Mailadresse habe, ich bin heute und morgen viel unterwegs.

 

Zaubertrank Hans-Georg Schaaf | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, allerdings schon bisschen älter

 

Von Herbst und Wandel

 

Lied im Herbst

Wie Krieger in Zinnober
Stehn Bäume auf der Wacht.
Ich taumle durch Oktober
Und Nacht.

Blut klebt an meinem Rocke.
Mein Weg ist weit und lang.
Des Tales dunkle Glocke
Verklang.

Auf einem schwarzen Pferde
Reit ich von Stern zu Stern.
Die Sonne und die Erde
Sind fern.

Ich bin von vielen Winden
Zu Gott emporgereicht,
Werd ich den Frühling finden?
Vielleicht …

(Klabund, Lied im Herbst, aus: Dragoner und Husaren, 1916, Online-Quelle)

 

Im Herbst

Es fällt das Laub wie Regentropfen
So zahllos auf die Stoppelflur;
Matt pulst der Bach wie letztes Klopfen
Im Todeskampfe der Natur.

Still wird’s! und als den tiefen Frieden
Ein leises Wehen jetzt durchzog,
Da mocht’ es sein, daß abgeschieden
Die Erdenseele aufwärts flog.

(Theodor Fontane, Im Herbst, aus: Gedicht, 1851, Online-Quelle)

 

Ende des Herbstes

Ich sehe seit einer Zeit
wie alles sich verwandelt.
Etwas steht auf und handelt
und tötet und thut Leid.

Von Mal zu Mal sind all
die Gärten nicht dieselben;
von den gilbenden zu der gelben
langsamem Verfall:
wie war der Weg mir weit.

Jetzt bin ich bei den leeren
und schaue durch alle Alleen.
Fast bis zu den fernen Meeren
kann ich den ernsten schweren
verwehrenden Himmel sehn.

(Rainer Maria Rilke, Ende des Herbstes, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Online-Quelle)

 

Vögel im Baum | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Herbst und dem Abschied

 

Jetzt ist es Herbst

Jetzt ist es Herbst,
Die Welt ward weit,
Die Berge öffnen ihre Arme
Und reichen dir Unendlichkeit.

Kein Wunsch, kein Wuchs ist mehr im Laub,
Die Bäume sehen in den Staub,
Sie lauschen auf den Schritt der Zeit,
Jetzt ist es Herbst, das Herz ward weit.

Das Herz, das viel gewandert ist,
Das sich verjüngt mit Lust und List,
Das Herz muß gleich den Bäumen lauschen
Und Blicke mit dem Staube tauschen.
Es hat geküßt, ahnt seine Frist,
Das Laub fällt hin, das Herz vergißt.

(Max Dauthendey, Jetzt ist es Herbst, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 363)

 

Herbstschöne.

Nun sind im Jahresreigen
Verstummt die hellen Geigen
Mit ihrem Lustgetön.
Die glühen Sommerfarben
Sie welkten schon und starben,
Und dennoch ist es schön. –

Wenn auch das Sonnenprangen
Vom Wolkenflor verhangen,
Und wenn auch Nebel brau’n –
Du mußt es nur verstehen
Im Sterben und Vergehen
Die Schönheit noch zu schau’n.

(Heinrich Kämpchen, Herbstschöne, aus: Was die Ruhr mir sang, 1909, S. 159–160, Online-Quelle)

 

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke, Herbsttag, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, S. 48, 1902 (Entstehungsdatum), Online-Quelle)

 

Herbstliche Allee | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Allen, die über den Rilke meckern (wehe!), sei erzählt, dass ich auf diesem Ohr völlig taub bin – ich liebe dieses Gedicht seit meiner Jugend, die nun auch schon ein paar Tage her ist, und werde es zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zitieren, also mindestens einmal im Jahr. Oder so.

Zum Nachhören hätte ich hier den großartigen Otto Sander (Link zu YouTube) für euch, der mir sogar noch besser gefällt als die in den Kommentaren gepriesene Vertonung durch Oskar Werner.

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Herbst und dem Dank

 

Im Herbst

Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Die ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewußt bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.

(Wilhelm Busch, Im Herbst, aus: Zu guter Letzt, 1904, Online-Quelle)

 

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit,
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: „Junge, wist’ ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb’ ne Birn.“

So ging es viel Jahre, bis lobesam]
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit,
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit in’s Grab.“
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner, mit Feiergesicht
Sangen „Jesus meine Zuversicht“
Und die Kinder klagten, das Herze schwer,
„He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“

So klagten die Kinder. Das war nicht recht,
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt,
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er that,
Als um eine Birn’ in’s Grab er bat,

Und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.
Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung’ über’n Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: „wiste ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew’ Di ’ne Birn.“

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

(Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, 1889. Online-Quellen: Wikipedia, Wikisource), Link zur gesprochenen, ganz entzückend illustrierten Version auf YouTube, Link zur Homepage derer von Ribbeck)

 

Alle gute Gabe

Wir pflügen und wir streuen
den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen
steht in des Himmels Hand;
der tut mit leisem Wehen
sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen,
Wuchs und Gedeihen drauf.

Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt,
und hofft auf ihn.

Er sendet Tau und Regen
und Sonn und Mondenschein
und wickelt seinen Segen
gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende
in unser Feld und Brot;
es geht durch unsre Hände,
kommt aber her von Gott.

Was nah ist und was ferne,
von Gott kommt alles her,
der Strohhalm und die Sterne,
das Sandkorn und das Meer.
Von ihm sind Büsch und Blätter
und Korn und Obst, von ihm
das schöne Frühlingswetter
und Schnee und Ungestüm.

Er läßt die Sonn aufgehen,
Er stellt des Mondes Lauf;
Er läßt die Winde wehen
und tut die Wolken auf.
Er schenkt uns so viel Freude,
Er macht uns frisch und rot;
Er gibt dem Viehe Weide
und seinen Menschen Brot.

(Matthias Claudius: Alle gute Gabe/Bauernlied; 1783 erschienen unter dem Titel „Bauernlied“ mit ursprünglich 16 Strophen, von denen acht zur heutigen Form zusammengestellt wurden (Online-Quelle). Mehr Infos: Wikipedia, Zeno.org für das Original, gesungene Version von „Das Solistenensemble“ auf YouTube, sehr hörbar)

 

Birnen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Erst als ich über dieses „Bauernlied“ gestolpert bin, wurde mir klar, dass ich einzelne Strophen daraus tatsächlich kenne, seit ich Kind bin, und es vermutlich auch schon selbst gesungen habe. Nur den Rest, den kannte ich nicht, daher war mir das eine wirkliche Freude, die Geschichte dazu zu entdecken.
Ähnlich geht es mir mit dem Ribbeck auf Ribbeck, den auch ich in der Schule auswendig lernen musste, was mir aber das Gedicht nicht sonderlich vermiest hat, bin ich doch auf dem Land aufgewachsen.

Und wir hatten es neulich davon: Wenn man die Erinnerung an die „ollen Kamellen“ nicht erhält, sind es irgendwann keine ollen, sondern nur noch vergessene Kamellen. Und Erinnerung kommt durch Wiederholung, es ist einfach so. Und der Wilhelm Busch, der fügte sich in die doch allesamt etwas bezopften Gedichte einfach gut ein …

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Herbst und dem Gefühl

 

Die Welt ist allezeit schön

Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast Smaragden Schein.

Im Sommer gläntzt das reife Feld,
Und scheint dem Golde gleich zu seyn.

Im Herbste sieht man, als Opalen,
Der Bäume bunte Blätter strahlen.

Im Winter schmückt ein Schein, wie Diamant
Und reines Silber, Fluth und Land.

Ja kurtz, wenn wir die Welt aufmercksam sehn,
Ist sie zu allen Zeit schön.

(Barthold Hinrich Brockes, Die Welt ist allezeit schön, 1727, Online-Quelle)

 

Angst packt mich an

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll großer Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Faß meine Hand an.
Hilf mir lieben!

(Erich Mühsam, Angst packt mich an, aus: Die Wüste. 1898 – 1903. Online-Quelle)

 

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke, Herbst, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Online-Quelle)

 

Herbstbaum | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut in die neue Woche (und in den Oktober)!

 

Vom Herbstanfang und der Zeit

 

Ende

Verträumt und müde wie ein Schmetterling im September taumelt der Sommer das Gelände entlang. Altweiberfäden wirren sich um seine zerrissenen Flügel und die Blumen, die noch blühen, haben keinen Honig mehr.

Am Hochwald drüben, hinter dem die Sonne glutet, lauert die Nacht, gleich einer großen Spinne, und wie ein engmaschiges Netz hängt sie die Dämmerung vor das verflackernde Abendrot, nach dem der Schmetterling seinen Flug nimmt.

(Cäsar Flaischlen, Ende, in: Lieder und Tagebuchblätter, aus: Von Alltag und Sonne, 1897, Online-Quelle)

 

Herbsthauch

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der blühende Frühling nicht trug,
Werde der Herbst dir noch tragen!

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Immer zu schmeicheln, zu kosen.
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends verstreut er die Rosen.

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.

(Friedrich Rückert, Herbsthauch, in: Viertes Buch. Haus und Jahr, aus: Lyrische Gedichte, 1898, Online-Quelle)

 

Dienstag abends kamen wir mit der Post (aus Hamburg: Mozart ‚Zauberflöte‘, Kunsthalle) wieder in Worpswede an. Schöne, stille Sternennacht, festlich und gut zur Heimkehr. Da entschloß ich mich, in Worpswede zu bleiben. Jetzt schon fühle ich wie mit jedem Tage die Einsamkeit wächst, wie dieses Land, verlassen von Farben und Schatten, immer größer wird, immer breiter und immer mehr Hintergrund für bewegte Bäume im Sturm. Ich will in diesem Sturm bleiben und alle Schauer fühlen dieses großen Ergriffenseins. Ich will Herbst haben. Ich will mich mit Winter bedecken und will mit keiner Farbe mich verraten. Ich will einschneien um eines kommenden Frühlings willen, damit, was in mir keimt, nicht zu früh aus den Furchen steige.

(Rainer Maria Rilke, Tagebücher, 27.09.1900, Online-Quelle)

 

Sonnenuntergang | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die erste Herbstwoche!

 

Begegnung | (abc.etüden)

Ich wollte IHN in persona sehen oder besser hören. Nein, nein, das ist nicht das Ende – oder der Anfang – einer Lovestory, das ist der Grund, warum ich aufbrach, um dem kanadischen Schriftsteller Michael Ondaatje bei der Vorstellung seines neuen Buches „Kriegslicht“ zu begegnen. Klar kenne ich ihn aus Fernsehen und Internet, lange schon. Alles nicht damit zu vergleichen, dieses Timbre live zu hören.

Die Veranstaltung erwies sich als eine Mischung aus Interview (viel) und Lesung (wenig). Ondaatje beherrschte die Szene auf sehr zurückhaltende, souveräne Art. Für meinen Geschmack hätte er länger lesen dürfen, ich werde nicht müde, ihm zuzuhören, er weiß, was er da tut. Auch das Interview mochte ich: Gute Interviews sind eine Kunst, aber hierbei war kein Fremdschämen nötig, beide hatten größtenteils ihren Spaß, denke ich. Ondaatje performte nicht für die vollen Ränge, er konzentrierte sich auf seinen Gesprächspartner (gleichzeitig Moderator, Interviewer und Dolmetscher) und spielte mit. Und immer diese wachen Augen und dieses verschmitzte Lächeln in dem zauseligen Charakterkopf. Natürlich verflog die angesetzte Zeit im Nu.

Last but not least die ersehnte Signieraktion. Der Mann ist schnell, seine Unterschrift wenig mehr als eine schwungvolle Linie. Irgendwann stand ich am Kopf der Schlange, er sah freundlich zu mir und dem frisch erstandenen Buch auf und murmelte mir ein „For you?“ zu, ich bestätigte das erstaunt, er kritzelte, wir lächelten einander an, ich bedankte mich und zog glücklich mit meinem veredelten Buch von dannen.

Seitdem lese und schwelge ich und bin verzückt, wieder mal. Ach, dieses lyrisch anmutende Verschwenden von überbordenden, die Sinne berührenden Bildern, ein sorgfältig hingetupfter Flickenteppich, den man auf jeder Seite immer wieder neu entrollen kann. Dieses Innehalten, Sich-Wundern, Beglückt-schön-Finden. In jeder Szene freue ich mich schon neugierig und verzaubert auf die nächste; Pageturner im anderen Sinne, fürwahr eine hohe Kunst. Wie ich seine Bücher liebe.

300 Wörter

Die Veranstaltung fand am 11. September im Rolf-Liebermann-Studio des NDR in Hamburg statt. Ondaatje hat am 12. September Geburtstag, er wurde 75. Hier mehr Infos zum Abend und zum Nachhören. Da gibt es auch ein paar anständige Bilder, auf dem Bild vom Publikum bin ich übrigens auch drauf, wie ich festgestellt habe. Ach, war schön.

Mehr Infos zu Ondaatje gibt es auch auf seiner Seite seines deutschen Verlags, dem Hanser-Verlag.

Nebenbei, fast hätte ich es vergessen, ist dies auch noch ein Beitrag für die abc.etüden, Woche 37/38.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die zu verbauenden Worte stammen dieses Mal von mir und lauten: Kunst, müde, verschwenden.

 

Ondaatje "Kriegslicht" Signatur | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Von Tag und Nacht und Herbstwillkommen

 

Keine Wolke stille hält

Keine Wolke stille hält,
Wolken fliehn wie weiße Reiher;
keinen Weg kennt ihre Welt,
und der Wind, der ist ihr Freier.

Wind, der singt von fernen Meilen,
springt und kann die Lust nicht lassen,
einer Landstraß‘ nachzueilen,
Menschen um den Hals zu fassen.

Und das Herz singt auf zum Reigen,
schweigen kann nicht mehr die Brust;
Menschen werden wie die Geigen,
Geigen singen unbewusst.

(Max Dauthendey, Keine Wolke stille hält, aus: Der brennende Kalender, 1905, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 226)

 

Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl ich, wird mein Auge heller;
schon versucht ein Stern zu funkeln,
und die Grillen wispern schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten,
plötzlich stehst du überwältigt.

(Richard Dehmel, Manche Nacht, aus: Weib und Welt, Berlin 1896, S. 25–26, Online-Quelle)

 

Septembertag

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit …

(Christian Morgenstern, Septembertag, aus: Und aber ründet sich ein Kranz, 1902, Online-Quelle)

 

Unterwegs am Teich | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Frühherbst und der Liebe

 

Der Zaubergarten

Herbstnebel dampft.
Aber ich stehe in meinem Zaubergarten.

Auf den mattbesonnten Terrassen
knien die Schleppenträger des Sommers.
Leichtbewegliche Pagen,
purpurn, prangend.

Bald wird die Nacht ihre seidnen Kehlen zerdrücken.

Aber wer wird trauern,
wenn Gottes Nachtigallen
in Rauhreif und blindem Strauchwerk wohnen.

Sie singen.
Oh, wie sie singen!
Tausendfarbig sprüht der wolkige Morgen auf.
Alle Goldaugen spiegeln sich ein in mein Herz.

O Himmelsbürde!
Gott, wie beschenkst Du mich!

Ich stehe im Himmel Deiner Liebe.

(Frida Bettingen, Der Zaubergarten, aus: Gedichte, 1922. Online-Quelle)

 

Herbstblumen.

In des Herbstes weicher Luft
Hab’ ich dir den Strauß gepflückt,
Auf der Schöpfung stiller Gruft
Noch mit Farben bunt geschmückt.

Alle Farben sind hier, schau,
Wie sie nur der Frühling bot,
Violet, gelb, weiß und blau,
Nur kein brennend-heißes Roth.

Mit der Sommerlüfte Glühn
Ist erloschen Rosenbrand,
Aber blassre Blumen blühn
Schön noch an des Lebens Rand.

(Friedrich Rückert, Herbstblumen, aus: Gedichte, 1841, Online-Quelle)

 

Die Tage lassen keine Spur

O Regen sag, Du kommst so hoch daher,
Ist droben auch der Tag spurlos und leer?

Du fällst zum Fluß und schwimmst zum Meer,
Glaubst, Du enteilst dem Leid und suchst Genuß?

O wüßten alle nur, was doch ein jeder wissen muß:
Die Tage lassen keine Spur, so wenig wie der Regen auf dem Fluß, –
Die Liebe nur.

(Max Dauthendey, Die Tage lassen keine Spur, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 378/379)

 

Treibende Blätter | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!