Stille Novembertage

Tage, wie Blätter still

Oft halten sich Tage wie Blätter still,
Der Himmel regnen nur regnen will.
Als wären die Häuser ganz menschenleer,
Es gehen die Menschen wie Schemen umher,
Und einem Verliebten trauern die Ohren,
Er horcht auf ein Lied hinterm Regen verloren.

(Max Dauthendey, Tage, wie Blätter still, aus: Singsangbuch, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 156)

 

Die Winterwolke spricht von Schnee

Kein Vogel fliegt im leeren Strauch.
Das Gras, das gelb beim Erdreich liegt,
Ist tags noch weiß vom nächt’gen Hauch.

O, armes Gras, du tust mir weh,
Bist müde gleich dem Vogelvolk;
Die Winterwolke spricht von Schnee.

Den Weg des Todes zieht die Welt,
So wie das Blut das Herz einst flieht
Und der Gedank’ in nichts zerfällt.

(Max Dauthendey, Die Winterwolke spricht von Schnee, aus: Der weiße Schlaf, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 413/14)

 

Nebelmoor | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

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Löffelliste oder die Sache mit dem Apfelbäumchen

 

Ach komm, geh weg! Annäherung.

Ich kann nicht mit Listen, grummele ich, das ist doch voll unkreativ und engt nur ein. Ich mache mir höchstens Einkaufslisten, so! Aber Listen haben doch was mit Struktur zu tun? Struktur(en) finde ich sehr nützlich. Und Kreativität braucht auch Struktur, da erzähl mir keiner was anderes, am besten eine selbst entwickelte.
Außerdem liebte mein Vater Listen, daher KANN das schon mal nichts Schlechtes sein. Ja, sehr logisch, weiß ich. Hm. So weit, so gut.

Okay, Löffelliste. Du hast zugesagt, dass du mitmachst (Aufruf zur Challenge im Totenhemd-Blog, da war ich noch hoffnungsfroh, dass es easy werden würde, danke, Petra!), also setz dich hin, schreib eine: Was willst du in deinem Leben unbedingt noch auf die Reihe kriegen, bevor du den Löffel abgibst?

„Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Okay, die erste Assoziation mal beiseite, darum geht es nicht. Wer weiß, dass er bald stirbt, wird das Bedürfnis haben, in seinem Leben ein paar Dinge zu klären und etwas dafür zu tun, dass ihn was überlebt. Klar.

Ich habe nicht mal Lust, mir Gedanken zu machen, meutere ich innerlich. Nicht darüber, den Löffel abzugeben, das ist unausweichlich, das juckt mich nicht, jetzt noch nicht, aber dieser ganze Bucket-List-Kram (das ist der englische Begriff dafür), das erinnert mich so furchtbar an „100 Orte, wo du im Leben gewesen sein musst“, „100 Dinge, die du gemacht haben musst, bevor du 30/40/50/60 bist“ – solche Sachen. Diese Listen zu lesen, das ist manchmal ja schon ganz witzig, aber genauso oft denke ich dabei, ich bin echt im falschen Film. Warum soll ich das jetzt machen oder wollen, wer hat mir das vorzuschreiben, das hat doch mit mir null zu tun? („Hast du schon mal bei Liebeskummer im Bett gesessen und einen ganzen Becher Eis gegessen, weil du im TV gesehen hast, dass man das dann so macht?“ Äh, nein, bin ich bescheuert?)

Aus mir ist in diesem Leben keine Reisende geworden, aber als Kind habe ich mir schon gewünscht, die Welt zu sehen, das bedaure ich irgendwo, die Zeit ist fast rum, wo das easy geht. Aber so viel von diesem ganzen hippen Scheiß von den Listen passt einfach nicht auf mich und mein kuscheliges Leben. Ich bin weder wahnsinnig gut (und begeistert), was Heim, Küche und Familie angeht, noch im Job der finanzielle Überflieger, noch der Fashion-/Party-/Serienvictim mit dem großen Freundes- und Bekanntenkreis und dem ach so aufregenden Leben, mit dem andere ihre Blogs und Bücher füllen. Das ist das Gefährliche, was die Medien einem vorleben und die Twitter- und Instagram-Kultur nachlebt: Die Messlatte liegt hoch, und wenn es nicht klappt mit der coolen Selbstinszenierung, fühlt man sich wie der letzte Versager. Das passiert mir ab und an, manchmal fällt es mir gar nicht leicht, das zuzugeben.

Fakt ist für mich: Ich stehe am Rand, egal wovon. Das verbessert zwar den Überblick (finde ich), aber verschiebt die Prioritäten.

 

Gesagt …

Es geht hier nur um die Löffelliste, hallo, komm mal wieder runter! Deine wird also nicht in die Top 100 der angesagtesten Listen kommen, aber was sollte denn nun rauf?

Okay, okay. Ich unterteile mal in den Teil, den man mit Geld kaufen kann, und in den ohne, und ich fange mit letzterem an, der ist kürzer.

Klar, es gibt eine Menge Sachen, die ich noch erreichen möchte, die ich noch machen möchte, wo Geld nur die nachgeordnete Rolle spielt. Ich möchte zum Beispiel wieder fit genug werden, zu Fuß auf den Michelturm steigen zu können. 452 Stufen (83 Meter), ist (noch) nicht drin, ihr seht den Turm in der Ferne auf einem der Bilder, da gibt es eine Plattform oben über der Uhr (und einen Fahrstuhl). Tolle Aussicht übrigens auch von da.
Lebensträume, Ziele, es gibt dafür viele Worte. Eins ist aber sicher: Davon wird hier nichts stehen, das geht die Öffentlichkeit schlichtweg nichts an. Schreibe nichts im Internet, was du nicht auch auf einem Marktplatz erzählen würdest. Danke also, nein.
Zu gegebener Zeit vielleicht, wenn was konkret ist und ich den Blog noch habe. Dann komme ich vielleicht auch auf die Sache mit dem Apfelbäumchen in meiner Fasson zurück (ein Zitat, das definitiv nicht von Luther stammt).

Würde mir dagegen dieser berühmte Pott mit Gold in den Schoß fallen, würde ich schon gern reisen. Ostafrika ist tatsächlich ein alter Traum, auch Neuseeland (ja, Herr der Ringe, ich geb’s zu), den Westen von Kanada würde ich ebenfalls gern sehen, die USA sind inzwischen mit einem weinenden Auge dauerhaft von der Wunschliste gestrichen, Asien lockt mich nicht, die Südsee muss auch nicht sein und mit Kreuzfahrten kann man mich jagen (okay, da gäbe es bei genauem Nachdenken mindestens eine Ausnahme). Mein Europa hat auch noch jede Menge weiße Flecken.
Wird mein Alltag ohne Lottogewinn aber eher nicht hergeben, und nein, das ist keine selbsterfüllende Prophezeiung, das sagt ein nüchterner Blick auf mein Bankkonto. Denn bevor ich reisen kann, muss der Alltag stehen, und wenn ich für eine hypothetische Reise auf den Ausflug am Wochenende, den Restaurantbesuch mit Freunden, Klamotten oder Bücher verzichten muss, um zu sparen, ich greife jetzt einfach mal was raus, dann weiß ich, was ich wähle, und bedaure es nicht.

Dann gibt es das, was ich in meiner Löffellisten-Etüde als „kreative Unwesentlichkeiten“ benannt habe. Das sind die Sorte Wünsche, bei denen ich entzückt „Oh ja, wollte ich auch immer mal“ sage, die Wünsche, bei denen ich breit grinse, wenn ich daran denke, und wo mein Herzchen hüpft. Wichtig, klar, gut für die Farbe im Leben. Aber „unbedingt haben müssen“? UNBEDINGT?

Davon kann ich gern etwas teilen, die Reihenfolge ist keine Wertung:

  • Heißluftballon fahren
  • Tandemsprung Paragliden von irgendeinem Berg oder größerem Hügel
  • Käse selber machen
  • Einen Tag mit Greifvögeln verbringen
  • Bei „Voice of Germany“ im Publikum sitzen, gern bei den Blind Auditions
  • Zu Silvester um Mitternacht auf der Cap San Diego (siehe Bild) das Horn betätigen (wer jemals Silvester im Hamburger Hafen war, weiß, wovon ich spreche)
  • Einen Baum pflanzen und ihn über Jahre hinweg wachsen sehen, und zwar NICHT in meinem Vorgarten, ja, siehe oben, dürfte auch ein Apfelbaum sein, ich mag Äpfel …

Falls es wer bemerkt hat, ein zweites Tattoo steht NICHT auf der Liste. Jedenfalls nicht im Moment, ich schließe langfristig nichts aus.

 

… getan!

Es ging auch darum, von der Liste irgendwas abzuhaken. Was hast du nun davon schon gemacht?

Zur letzten Kategorie gehörte eindeutig auch die Feststellung, dass ich mal in die Elbphilharmonie muss, sehr low-level, das Ziel. Nicht zwangsläufig ins Konzert, wobei ich das bestimmt auch noch hinbekomme, aber wenigstens mal rein, nachdem ich das Teil während des Baus nach Kräften ignoriert habe, und mich jetzt erst so langsam an die prägende Silhouette ohne Baukräne gewöhne. Man sieht das Ding gefühlt wirklich von überall, wenn man in der Stadt unterwegs ist. Über die Umstände, unter denen sie erbaut worden ist, Stichwort „Millionengrab“, rege ich mich dagegen immer noch auf.

In die Elbphilharmonie kann man auch so rein, nämlich in/auf die sogenannte Plaza (hier mehr darüber lesen), erreichbar mit Zugangskarte (um den Zulauf der Massen zu steuern) über die „Tube“ (Röhre), eine gebogene, lange Rolltreppe. Dort passiert zwar nicht sehr viel außer dem Elbphilharmonie-Shop und einem Café bzw. dem Restaurant (und Hotel) und den Aufgängen zum Großen und Kleinen Saal, also den eigentlichen Eingängen ins Konzerthaus, und den Aufzügen zu den Wohnungen, zum Hotel, dem Parkhaus etc., aber man kann dort ins Freie („Außenplaza“) und auf einem Drittel Höhe quasi einmal um die Elbphilharmonie herumgehen. De facto ist die Plaza eine Aussichtsplattform auf 37 Meter Höhe, nämlich an der Stelle, wo diese monströse Glas-Dingsda-Konstruktion auf den alten Kaispeicher A (Kakao, Kaffee, Tee) aufgesetzt worden ist. Deshalb stehen daneben auch (wieder) drei alte Schiffsentladekräne (Halbportalkräne), um zu zeigen, dass Hamburg die Geschichte des Ortes nicht vergessen hat *augenroll*.

Die Plaza ist schon sehr beeindruckend, aber sie hat den Charme eines neuen Bahnhofswartesaals, es herrscht Rauchverbot auch draußen auf der Außenplaza, es ist ein Eldorado für Fotografen, die Spiegelungen und Aussichten lieben, aber es zieht wie Sau, trotz dieser unglaublichen geschwungenen Glaswände. Mag bei Wärme ja ganz nett sein, ich spare mir jetzt aber weitere Ausführungen zum Thema Hamburg und Sommer. Die Aussicht jedenfalls ist zum Niederknien umwerfend, die Temperatur ist es ebenso, jedenfalls zurzeit *hust*.

Wer fotografiert, und ihr wisst, dass ich das tue, versteht, dass man da hoch MUSS. Ich habe also ein paar Außenaufnahmen, ein paar Innenaufnahmen und ein paar Aufnahmen von Blicken über Hamburg, gemacht von der Plaza, für euch. Wenn es wieder wärmer ist, gehe ich unbedingt noch mal hin. Ob der Kaffee taugt, weiß ich nämlich noch nicht; aber für die Schneekugel wäre ich mit EUR 29,90 dabei gewesen. Und jetzt kommt ihr.

 

Und die Moral von der Geschicht’? Ich für mich, ich weiß immer noch nicht, wofür für mich eine  Löffelliste dienlich sein soll. Was ich allerdings immer gut finde, ist, sich über seine Prioritäten im Klaren zu sein. So als Beitrag zu dem viel größeren und unendlich spannenden Thema „Erkenne dich selbst“. Wer bin ich, wer könnte ich vielleicht sein, was will ich (überhaupt, noch)? Sich dafür eine (Löffel-) Liste zu schreiben und sich auf diese Weise (von hinten durch die Brust ins Auge) auf die Spur zu kommen, tiefer in die eigene Seele einzutauchen, sich sich selbst und seinen Sehnsüchten, auch den enttäuschten, zu stellen, dafür ist so eine Liste nur eine Möglichkeit von vielen – und dann wiederum finde ich sie voll korrekt.

Tut mir leid, ist wohl ’n bisschen länger geworden. Schön, dass ihr alle noch da seid.  😉

 

 

 

 

 

November

Graue Winde schütteln den Wald,
Winde rütteln am Haus,
In den Eichen Regengebraus,
Regen hämmert aufs Dach.
Mein leer Herz liegt wach,
Lauscht auf das Schütteln und Gießen.
Mein Herz kann nicht mehr weinen um mich,
Herz, die Himmel weinen für dich.

(Max Dauthendey, Graue Winde schütteln den Wald, aus: Reliquien, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 115)

 

Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
Drängt die Welt nach innen;
Ohne Not geht niemand aus;
Alles fällt in Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,
Stiller die Gebärde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
Träumen Mensch und Erde.

(Christian Morgenstern, Novembertag, Quelle)

 

Baum im Nebel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!  😀

 

Heilig

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

(Friedrich Hölderlin: Hälfte des Lebens, 1804, aus: Nachtgesänge, Quelle)

 

Menschenbeifall

Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll,
Seit ich liebe? warum achtetet ihr mich mehr,
Da ich stolzer und wilder,
Wortereicher und leerer war?

Ach! der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt,
Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;
An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.

(Friedrich Hölderlin, Menschenbeifall, 1798, Gedichte 1784-1800, Quelle)

 

Herzkerze | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, eines meiner Lieblingsbilder

 

Ich verdanke das zweite Gedicht Gerda, die es bei Ulli zu ihrem Beitrag „Heilig“ (31.10., sehr lesenswert, besonders der Kommentarstrang) gepostet hat (hier klicken). Und die klirrenden Fahnen aus dem ersten, viel bekannteren Gedicht nehmen mein (Sturm- und Fahnen-) Thema von letzter Woche auf …, abgesehen davon, dass es mich auch schon seit meiner Jugend begleitet.

Was ist heilig, was ist mir heilig? Ich würde es auf jeden Fall anders definieren als Ulli, deren Gedanken, dass „heilig“ und „profan“ zwei Seiten einer Münze sind, ich auch bejahe. Diese ihre Frage ist auch meine, ich grüble noch über meiner Antwort.

Kommt gut in die neue Woche!

 

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Hottest Trendy Hairstyle Ideas 2018

Wat mutt, dat mutt.
Eines der Projekte, auf deren Ergebnisse ich mich jedes Jahr aufs Neue freue, sind die „Hairstyles“ bei Herrn autopict, der einfach nur genial fotografiert und auch sonst ein ziemlich freundlich geratener Vertreter der Kategorie „Mensch“ zu sein scheint. Leider löscht räumt er in unregelmäßigen Abständen seine Blogeinträge auf, daher GEHT BITTE JETZT HIN, bevor ihn der Aufräumtrieb wieder mal erwischt. Danke.

Update: Nachdem wir genug rumgenervt haben, hat er die Hairstyles der vergangenen Jahre wieder sichtbar gemacht. Das macht meinen Aufruf nicht weniger dringlich!  😀

autopict

Ich finde, dankbar zu sein, ist eines der Geheimnisse des Lebens.
Dann ist dein Herz offen, du bist dankbar,
und so kann die Schönheit der Liebe und des Lebens
in dich hineinfließen.

(Gillian Helfgott in „Hello I am David – Eine Reise mit David Helfgott“ / 2016)

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Vorgefühl

Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Thüren schließen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.

Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.

(Rainer Maria Rilke: Vorgefühl, aus: Buch der Bilder, Erstes Buch, 1906, Quelle)

 

Entenwerder Fahne | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Karin hat heute zeitgleich auch Rilke auf ihrem Blog, „Der Schauende“, auch ein Sturmgedicht. Vielleicht mögt ihr bei ihr vorbeischauen, ich darf verlinken.

Nein, ich kann die Version mit Karlheinz Böhm als Sprecher nicht leiden.

Ich hoffe, ihr seid gut durch den Sturm gekommen. Kommt (auch auf jeden Fall) gut in die neue Woche, Brückentag oder nicht!

Ach, und wer mehr wissen möchte, was dieses „Entenwerder“ ist, der lese hier (bei der Elbgängerin) und hier (bei Maren Wulf), und frage mich jetzt bitte nicht, ob ich denn sonst kein Foto gemacht hätte. Dochdochdochdochdoch. Durchaus. Aber es passt halt gerade keins.

 

Soundtrack für den Tag: Billy Joel – Storm Front

 

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Terzinen III

Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,

Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf
Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
… Nicht anders tauchen unsre Träume auf,

Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,
Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht,

Das Innerste ist offen ihrem Weben;
Wie Geisterhände in versperrtem Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.

Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.

(Hugo von Hofmannsthal, Terzinen über Vergänglichkeit III, 1895, Quelle)

 

Vollmond hinter Zweigen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kategorie: Lieblingsgedicht, der eine oder die andere erinnert sich vielleicht. Und wenn nicht, macht es auch nichts …  😉
Kommt gut in die neue Woche!

 

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke, Herbst, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Quelle)

 

Herbstbaum | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Es ist kein Geheimnis, dass ich dieses Gedicht mag, und ja, Rilkes anderes allseits bekanntes Herbstgedicht (Herbsttag) liebe ich ebenfalls sehr. Zuerst entlasse ich euch aber mit der Stimme von Otto Sander in die neue Woche. Möge sie euch gut gelingen!

 

 

Betrachtung der Zeit

Mein sind die Jahre nicht die mir die Zeit genommen/
Mein sind die Jahre nicht/ die etwa möchten kommen
Der Augenblick ist mein/ und nehm‘ ich den in acht
So ist der mein/ der Jahr und Ewigkeit gemacht.

(Andreas Gryphius: Betrachtung der Zeit, Epigramme. Das erste Buch, 1663, Quelle)

 

 

Mir war so danach. Ja, Otto Sander, ist er nicht einfach großartig? Ja, das ist ein Fehler im Vorspann, der Autor ist nicht Paul Fleming sondern Andreas Gryphius (obwohl Fleming ein Zeitgenosse von Gryphius war).

Kommt gut in die neue Woche!

 

Aufruf! Balladenmontag: Graf Eberstein

In der ersten Zeit nach Wahlen geht es mir immer so, dass ich keine großen Versprechungen und Appelle mehr hören oder lesen mag, nicht mal in Gedichten. Meist glaube ich sie nicht, meist kümmert sich bald eh keiner mehr drum (kommt es nur mir so vor?), es sei denn, der- oder diejenige stünde vor den Kameras.

Also habe ich mich für den heutigen Balladenmontag (ach, ihr seid verwundert? Ich HABE in den letzten beiden Wochen vorgewarnt) um etwas Handfesteres bemüht, ging zurück in die Romantik und fand … eine Sagenballade, Graf Eberstein von Ludwig Uhland (Wikipedia, Zeno.org).

 

Zu Speyer im Saale, da hebt sich ein Klingen,
Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen.
Graf Eberstein
Führet den Reihn
Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein.

Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen,
Da flüstert sie leise, sie kann’s nicht verschweigen:
„Graf Eberstein,
Hüte dich fein!
Heut nacht wird dein Schlößlein gefährdet sein.“

Ei! denket der Graf, Euer kaiserlich Gnaden,
So habt Ihr mich darum zum Tanze geladen!
Er sucht sein Roß,
Läßt seinen Troß
Und jagt nach seinem gefährdeten Schloß.

Um Ebersteins Veste, da wimmelt’s von Streitern,
Sie schleichen im Nebel mit Haken und Leitern.
Graf Eberstein
Grüßet sie fein,
Er wirft sie vom Wall in die Gräben hinein.

Als nun der Herr Kaiser am Morgen gekommen,
Da meint er, es seie die Burg schon genommen.
Doch auf dem Wall
Tanzen mit Schall
Der Graf und seine Gewappneten all.

„Herr Kaiser! beschleicht Ihr ein andermal Schlösser,
Tut’s not, Ihr verstehet aufs Tanzen Euch besser.
Euer Töchterlein
Tanzet so fein,
Dem soll meine Veste geöffnet sein.“

Im Schlosse des Grafen, da hebt sich ein Klingen,
Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen.
Graf Eberstein
Führet den Reihn
Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein.

Und als er sie schwingt nun im bräutlichen Reigen,
Da flüstert er leise, nicht kann er’s verschweigen:
„Schön Jungfräulein,
Hüte dich fein!
Heut nacht wird ein Schlößlein gefährdet sein.“

(Ludwig Uhland, Graf Eberstein, Erstdruck 1815, Quelle)

 

Blog goes Ballade | 365tageasatzadayQuelle: Bild Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Hübsch, oder? Kann man sich doch auch bestens verfilmt vorstellen … mit heimlicher Liebe, rauschenden Festen, düsteren Schurken, prächtigen Kostümen, Politik (ach nee, das wollte ich ja lassen), Happy End und so weiter.

Die Sache mit dem Hintergrund zu dieser Geschichte (den es natürlich gibt!, schließlich ist es eine Sage), gestaltet sich allerdings schwierig. Unzweifelhaft scheint sich hier um die Burg Alt-Eberstein zu handeln, gelegen auf einer dem Schlossberg nördlich vorgelagerten Bergkuppe direkt über dem Baden-Badener Stadtteil Ebersteinburg.

Wikipedia berichtet zu der zugehörigen Sage: Der Straßburger Bischof liegt im Streit mit Kaiser Otto I., in dem die Grafen von Eberstein dem Bischof zur Seite stehen. Der Kaiser ist darüber wenig erfreut und beschließt die Belagerung der Burg, um die Grafen auszuhungern. Als nach über einem Jahr noch kein Erfolg der Belagerung abzusehen ist, denkt sich der Kaiser eine List aus, um der Burg habhaft zu werden. Er lädt die Grafen zu einem Turnier nach Speyer ein. Sein Hintergedanke ist, ohne die Anwesenheit der Grafen die Burg leicht einzunehmen. Des Kaisers Tochter findet jedoch Gefallen am jüngsten Grafen und verrät ihm den Plan ihres Vaters. Die eiligst zurückkehrenden Grafen von Eberstein können den erneuten Angriff der kaiserlichen Soldaten gerade noch abwehren und bleiben siegreich. […] Der Kaiser, den die Belagerung zu viel Geld kostet, zeigt sich von der Listigkeit der Grafen beeindruckt und macht sie zu seinen Verbündeten, indem er seine Tochter Wendelgard dem jüngsten Grafen Eberhard zur Frau gibt. (Quelle)

Die Geschichte findet sich zum ersten Mal 1508 in einer Weltchronik des Passauer Dompfarrers und Kustos Johannes Staindl, allerdings ohne Turnier und Verrat durch das Töchterlein. Problematisch sind dabei mehrere Dinge:

Alt-Eberstein wurde erst um 1050-1100 erbaut. „Fraglich ist allerdings, ob es im 10. Jahrhundert überhaupt schon Ebersteiner gab. Im Jahr 1085 werden sie zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt. Das heißt zu dieser Zeit muss die Burg Alteberstein bereits seit einiger Zeit existiert haben, da sich das Geschlecht nach ihr benannte. Bis in die Zeit Ottos I. geht die Burg aber mit Sicherheit nicht zurück. Zu dieser Zeit baute sich der Adel noch keine Namen gebenden Stammsitze. […] Einen Aufstand gegen Kaiser Otto im Jahr 938 gab es tatsächlich. Der Straßburger Bischof Ruthard unterstützte die Aufrührer und wurde vom Kaiser vorübergehend inhaftiert. Von einer Eroberung von Straßburg hören wir allerdings nichts und auf welcher Seite die späteren Ebersteiner standen, ist völlig unbekannt.“ (Quelle)

„Die Quellen des Passauer Autors liegen im Dunkeln, aber seine Erzählung wurde bald von anderen aufgegriffen und ausgeweitet, zuerst von dem Humanisten Dr. Caspar Baldung (gestorben 1540). Dass der Kaiser die Ebersteiner mit einer Einladung zum Turnier nach Speyer von ihrer Burg weglockt und die Kaisertochter einem der drei Grafen beim Tanzen den Plan ihres Vaters verrät, sind Zutaten Baldungs.“ (Quelle)

Was aber hatte Baldung davon? Nun, das ist einfach: Caspar Baldung hatte einen Bruder, den Maler Hans Baldung, jener wiederum arbeitete für den Straßburger Domherrn von Eberstein. Jener und dessen Nachfahren waren begeistert, denn die Ebersteins hatten ihre Bedeutung als Adelsgeschlecht längst verloren und konnten auf diese Weise ihre Vergangenheit kräftig aufpolieren. Eine klassische Win-Win-Situation.  😉
Was ja auch funktioniert hat, quod erat demonstrandum. (Hier jetzt endlich den gesamten Quellen-Artikel auf literaturdesign.de lesen.)

 

Jakob Götzenberger: Alt-Eberstein, Fresko, Trinkhallen Baden-Baden

Quelle: Wikimedia

 

Nichtsdestotrotz: Trotz mangelnder historischer Genauigkeit/Wahrheit: die Sage ist/war bekannt. Als 1844 Jakob Götzenberger die Baden-Badener Trinkhalle mit Motiven aus Szenen aus Mythen und Sagen der Region ausmalte, gehörte dazu auch die Sage von Burg Alt-Eberstein.
Ob es einen Grund oder Anlass dafür gab, dass knapp 30 Jahre zuvor Ludwig Uhland die Sage von Alt-Eberstein aufgegriffen hat, entzieht sich meiner Kenntnis, wenn ihr irgendwas darüber wisst, freue ich mich auf eure Kommentare. Aber nicht nur dann  😉

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

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