An den eignen Geist

Wurzelnd ruhet der Berg, tief mit der Erde verwachsen,
Aber sein Scheitel ragt zu den Gestirnen empor.
Du bist beiden verwandt, mein Geist, dem Zeus wie dem Hades,
Und doch von beiden getrennt. Mahnend ertönt dir der Ruf:
Wahre dein Recht auf des Weltalls Höhn! Nicht haftend am Niedern
Sinke vom Staube beschwert dumpf in des Acheron Flut!
Nein, vielmehr zum Himmel empor! Dort suche die Heimat!
Denn wenn ein Gott dich berührt, wirst du zu flammender Glut.

Giordano Bruno, An den eignen Geist, aus „Von der Ursache, dem Princip und dem Einen“, Quelle)

 

Annapurna | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, der Berg ist die Annapurna

 

Gedicht zuerst gefunden bei Mystik aktuell. Zu Giordano Bruno mehr hier, der Acheron gilt in der altgriechischen Mythologie „als Fluss des Leides, des Schmerzes und auch als Totenfluss, über den die Seelen der Toten übergesetzt werden oder den sie durchschwimmen müssen“ (Wikipedia).

Kommt gut in die neue Woche!

Ah, Achtung! Merkt euch den 2. Oktober vor (ein Montag, klar), vielleicht wollt ihr ja mitmachen?! BALLADENTAG!

 

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Fern her übt noch eine Flöte | O Grille, sing

Herr Dauthendey hat, es wundert euch sicher nicht, auch Herbstgedichte geschrieben …

 

Fern her übt noch eine Flöte

 

Wieder ging die Sonne aus,
Ging wie jedes Blutes Röte.
Sterne suchen überm Haus,
Fern her übt noch eine Flöte.
Auskriecht eine Sehnsucht leis,
Die den Weg für Lust und Nöte
Ohne Licht im Dunkel weiß.

(Max Dauthendey, Fern her übt noch eine Flöte, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 362)

 

Sonnenuntergang | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

O Grille, sing

 

O Grille, sing,
Die Nacht ist lang.
Ich weiß nicht, ob ich leben darf,
Bis an das End‘ von Deinem Sang.

Die Fenster stehen aufgemacht.
Ich weiß nicht, ob ich schauen darf,
Bis an das End‘ von dieser Nacht.

O Grille, sing, sing unbedacht,
Die Lust geht hin,
Und Leid erwacht.
Und Lust im Leid –
Mehr bringt sie nicht, die lange Nacht.

(Max Dauthendey, O Grille, sing, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 363)

 

Milchstraße | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

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September, die Ersten

Septembertag

 

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit …

Christian Morgenstern, Septembertag, aus: Und aber ründet sich ein Kranz (1. Auflage 1902), Quelle

 

Berge | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Herbst

 

Nun lass den Sommer gehen,
Lass Sturm und Winde wehen.
Bleibt diese Rose mein,
Wie könnt ich traurig sein?

Joseph von Eichendorff (Quelle)

 

Rose | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

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Liebeslieder

Da sie mich so bezaubern, noch zwei gar erstaunliche Liebesgedichte von Herrn Dauthendey … ich finde sie so … wohltuend.

 

Auf der Welt habe ich nur einen Weg

 

Die Äste der Bäume sind Flöten geworden,
Die Vögel begleiten mich.
Auf der Welt habe ich nur einen Weg,
Den, auf dem du mir entgegenkommst.

Deine Augen machen meinen Tag;
Sie sitzen wie ein Königspaar,
Und wer an ihnen vorübergeht,
Legt Stirn und Herz vor ihnen nieder.

(Max Dauthendey, Auf der Welt habe ich nur einen Weg, aus: Die ewige Hochzeit. Liebeslieder, Quelle)

 

Und deine Füße steigen in mein Bett

 

Du siehst in die Welt feierlich wie der Abend,
Und alle Menschen legen die Hände in den Schoß
Und schauen dich an.

Du dringst sanft in mich wie die Dunkelheit und weckst die Nachtigall,
Und deine Füße steigen in mein Bett,
Sie haben nie einen andern Schritt gelernt.

(Max Dauthendey, Und deine Füße steigen in mein Bett, aus: Die ewige Hochzeit. Liebeslieder, Quelle)

 

landschaft weg | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

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In der grünen Stille

Nun sind wir draußen in der grünen Stille
Und gehen sonder Wille für uns hin.
Nur Blätter sprechen laut um uns mit Sausen.
Es jagt vor uns des Morgenwindes Brausen,
Und Baum und Blätter wollen mit ihm fliehn.
Er ist ein Reiter, einer von den Kühnen,
Und Schatten winken hinter ihm im Grünen.

Vom Haselstrauch und Eichenlaub umgeben
Sind stille Winkel, wo kein Lufthauch geht;
Wo man sich taub hinlegt vom lauten Leben,
Und wo das Gras voll Sommerwärme steht.

Die Meisen zirpen, und die Gräser raunen
Und warten auf den Tag und seine Launen.
Man starrt mit ihnen in den Morgenrauch, den blauen,
Und küßt und könnte überm Küssen gern ergrauen.

(Max Dauthendey, In der grünen Stille, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 326)

 

Im Wald | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Barbara Allen

Es war im Herbst, im bunten Herbst,
Wenn die rotgelben Blätter fallen,
Da wurde John Graham vor Liebe krank,
Vor Liebe zu Barbara Allen.

Seine Läufer liefen hinab in die Stadt
Und suchten, bis sie gefunden:
»Ach unser Herr ist krank nach dir,
Komm, Lady, und mach‘ ihn gesunden.«

Die Lady schritt zum Schloss hinan,
Schritt über die marmornen Stufen,
Sie trat ans Bett, sie sah ihn an:
»John Graham, du ließest mich rufen.«

»Ich ließ dich rufen, ich bin im Herbst
Und die rotgelben Blätter fallen,
Hast du kein letztes Wort für mich?
Ich sterbe, Barbara Allen.«

»John Graham, ich hab‘ ein letztes Wort,
Du warst mein All und Eines;
Du teiltest Pfänder und Bänder aus,
Mir aber gönntest du keines.

John Graham, und ob du mich lieben magst,
Ich weiß, ich hatte dich lieber,
Ich sah nach dir, du lachtest mich an
Und gingest lachend vorüber.

Wir haben gewechselt, ich und du,
Die Sprossen der Liebesleiter,
Du bist nun unten, du hast es gewollt
Ich aber bin oben und heiter.«

Sie ging zurück. Eine Meil‘ oder zwei,
Da hörte sie Glocken schallen;
Sie sprach: Die Glocken klingen für ihn,
Für ihn und für – Barbara Allen.

»Liebe Mutter mach ein Bett für mich,
Unter Weiden und Eschen geborgen;
John Graham ist heute gestorben um mich
Und ich sterbe um ihn morgen.«

(Theodor Fontane, Barbara Allen, aus: Gedichte, 1898, Quelle)

rosenblätter | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Dieses Gedicht ist nicht nur ein Liebeslied, sondern auch eine Ballade (hallo, Balladentag, sollten wir vielleicht auch mal wieder?), es ist auch ungeheuerlich bekannt. Nein, nicht das, was ihr da gerade gelesen habt, das englische Original scheint zum ersten Mal 1666 erwähnt worden zu sein, es scheint eine schottische Ballade zu sein und es scheint mehr Variationen davon zu geben, als mein Arm lang ist.
Wikibooks sagt dazu:

Auch wenn ‚Barbara Allen‘ erst Mitte des 18. Jh. aufgeschrieben wurde, war es schon fast hundert Jahre früher bekannt. Die früheste bekannte Erwähnung des Liedes steht im einem Tagebucheintrag des Samuel Pepys. Der Eintrag vom 02.01.1666 bezieht sich auf ein „kleines schottisches Lied von ‚Barbary Allen'“. Es gibt unzählige Text- und Melodievariationen dieses Liedes. Die meisten Versionen erzählen von einem schwer erkrankten jungen Mann, der vergeblich auf den Zuspruch von Barbara Allen hofft. Die unerwiderte Liebe führt zum Tod. Am Sterbebett bricht Barbara Allen in Tränen aus und stirbt selbst kurz darauf. Oft wachsen aus den Gräbern zwei Rosenstöcke, die sich zu einem verbinden. Theodor Fontane dichtete eine deutsche Version dieser Ballade. (Quelle)

Und wer das Ganze noch mal in Englisch und in lang lesen möchte, findet hier mehr Info.

Selbstverständlich ist dieses Gedicht auch vertont worden, das Original, versteht sich. Und da ich mich nicht entscheiden kann, präsentiere ich sie euch beide:
Joan Baez (deren Timbre ich anbete) mit ihrer Version von „Barbara Allen“ und Pete Seeger, beide in diesem Genre (und nicht nur da) weiß Gott keine Unbekannten.

 

 

Bruni und Torsten, ihr habt es so gewollt. Kommt gut in die neue Woche, allesamt!

 

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Ein grünes Blatt | Inserat

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf daß es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.

(Theodor Storm, Ein grünes Blatt, aus: Gedichte, Erstes Buch (1885), Quelle)

 

green man | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Inserat

Die verehrlichen Jungen, welche heuer
Meine Äpfel und Birnen zu stehlen gedenken,
Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen
Wo möglich insoweit sich zu beschränken,
Daß sie daneben auf den Beeten
Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.

(Theodor Storm, Inserat, aus: Gedichte, Erstes Buch (1885), Quelle)

 

Stillleben Äpfel Birnen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Jaaaaaa, das ist derselbe Storm, von dem auch die Regentrude stammt (Näheres zum Beispiel auf meinem neuen Blog, der Regensucherin, und zwar hier) und der auch ein ganz entzückendes Katzengedicht geschrieben hat („Von Katzen„), das bestimmt auch der eine oder die andere von euch kennt …

Kommt gut in die neue Woche!

 

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Am Meer

Weil es so schön ist, und weil Hamburg gerade mal Sommer hat, gibt es heute mal zwei Liebesgedichte von … erraten, meinem neuen Lieblingsdichter, dem Herrn Max Dauthendey.

Am Ufer bei uralten Steinen

Mein Ohr, das ist voll Stimmen,
Die Luft schallt um mich her,
Am Ufer bei uralten Steinen
Spricht mit sich laut das Meer.

Es wird nie fertig mit Reden,
Was weiß es nur, daß es nie ruht?
Erzählt es von seiner Geliebten?
Das Meer, das spricht wie mein Blut.

(Max Dauthendey, Am Ufer bei uralten Steinen, aus: Die ewige Hochzeit, Quelle)

ocean | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Wir gehen am Meer im tiefen Sand

Wir gehen am Meer im tiefen Sand,
Die Schritte schwer und Hand in Hand.
Das Meer geht ungeheuer mit,
Wir werden kleiner mit jedem Schritt.
Wir werden endlich winzig klein
Und treten in eine Muschel ein.
Hier wollen wir tief wie Perlen ruhn,
Und werden stets schöner, wie die Perlen tun.

(Max Dauthendey, Wir gehen am Meer im tiefen Sand, aus: Die ewige Hochzeit, Quelle)

 

Muschel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

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Die grüne Stube

Gern ich ein Julifeld mir küre
Als grüne Stube ohne Türe.
Bin Hausherr dort, bin nicht allein,
Es ziehen tausend Mieter ein:
Die Hummel, die wie’s Feuer summt,
Die Grille, die niemals verstummt,
Die Krähe, die nach Regen schreit,
Der Himmel und die Ewigkeit.
Ich sitz’ im grünen Staatsgemach
Und denk’ der kleinsten Ameis’ nach,
Und meine Möbel und Gardinen
Sie haben stündlich neue Mienen.
Heut sind sie grau und morgen heiter,
Das Muster webt von selber weiter.
Ich kann dort ganze Stunden liegen,
Den Kopf auf meinen Schultern wiegen,
Und kommt der Abend still heran,
Hab ich unendlich viel getan;
Sah ich nur in der Hecke drin
Dengelnd ’ne kleine Schnitterin.
Und wird sie dabei etwas rot,
Dank’ ich für meine Mieter Gott,
Bin mit der grünen Stub’ zufrieden,
Und denk’: man wohnt doch gut hienieden!

(Max Dauthendey, Die grüne Stube, aus: Singsangbuch, Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

Neuigkeiten von meinem Regengedicht: keine. Je mehr ich von ihm lese, für desto wahrscheinlicher halte ich es, dass es von ihm ist, der Ton ist schon sehr typisch. Nun ja, ich suche weiter.

 

Feldeinsamkeit

Ich ruhe still im hohen grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben,
Von Grillen rings umschwirrt ohn‘ Unterlass,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.

Und schöne weiße Wolken ziehn dahin
Durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume. –
Mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.

(Hermann Allmers, Feldeinsamkeit, Quelle)

„Am 1. September 1852 entstanden die Verse, die durch Johannes Brahms‘ Vertonung als Inbegriff des deutschen Kunstliedes zu Weltruhm gelangten. Vermutlich nach 1879 komponiert wurde das Lied 1881 in Strassburg uraufgeführt. Die Urschrift schenkte Brahms dem Dichter zu dessen 75. Geburtstag im Februar 1896.“ (Quelle)

Ich bin zwar so gar nicht der Fan des deutschen Kunstliedes, aber wenn/da es so bekannt ist, will ich es nicht übergehen. Hier ist eine Vertonung (von vielen).

 

Wolkenspiegelung | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

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