Die grüne Stube

Gern ich ein Julifeld mir küre
Als grüne Stube ohne Türe.
Bin Hausherr dort, bin nicht allein,
Es ziehen tausend Mieter ein:
Die Hummel, die wie’s Feuer summt,
Die Grille, die niemals verstummt,
Die Krähe, die nach Regen schreit,
Der Himmel und die Ewigkeit.
Ich sitz’ im grünen Staatsgemach
Und denk’ der kleinsten Ameis’ nach,
Und meine Möbel und Gardinen
Sie haben stündlich neue Mienen.
Heut sind sie grau und morgen heiter,
Das Muster webt von selber weiter.
Ich kann dort ganze Stunden liegen,
Den Kopf auf meinen Schultern wiegen,
Und kommt der Abend still heran,
Hab ich unendlich viel getan;
Sah ich nur in der Hecke drin
Dengelnd ’ne kleine Schnitterin.
Und wird sie dabei etwas rot,
Dank’ ich für meine Mieter Gott,
Bin mit der grünen Stub’ zufrieden,
Und denk’: man wohnt doch gut hienieden!

(Max Dauthendey, Die grüne Stube, aus: Singsangbuch, Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

Neuigkeiten von meinem Regengedicht: keine. Je mehr ich von ihm lese, für desto wahrscheinlicher halte ich es, dass es von ihm ist, der Ton ist schon sehr typisch. Nun ja, ich suche weiter.

 

Feldeinsamkeit

Ich ruhe still im hohen grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben,
Von Grillen rings umschwirrt ohn‘ Unterlass,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.

Und schöne weiße Wolken ziehn dahin
Durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume. –
Mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.

(Hermann Allmers, Feldeinsamkeit, Quelle)

„Am 1. September 1852 entstanden die Verse, die durch Johannes Brahms‘ Vertonung als Inbegriff des deutschen Kunstliedes zu Weltruhm gelangten. Vermutlich nach 1879 komponiert wurde das Lied 1881 in Strassburg uraufgeführt. Die Urschrift schenkte Brahms dem Dichter zu dessen 75. Geburtstag im Februar 1896.“ (Quelle)

Ich bin zwar so gar nicht der Fan des deutschen Kunstliedes, aber wenn/da es so bekannt ist, will ich es nicht übergehen. Hier ist eine Vertonung (von vielen).

 

Wolkenspiegelung | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

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Die einfachen Sterne

Die einfachen Sterne haben sich hoch über die Bäume geschoben.
Manchen, der nie tags sein Auge vom Boden gehoben,
Den machen nachts kopfhoch die blauen Lampen droben,
Die urewig gleichmäßig Wandelnden,
Die ewig fernen und nie laut Handelnden,
Die Sterngeister, die blauen, der großen Ruhe leuchtende Meister,
Die dem Weisen Zeichen und Weglicht geben,
Die alle Erdenkönige samt allen Königreichen überleben,
Die wie feurige Liebesgedanken über den nächtlichen Dächern schweben.

(Max Dauthendey, Die einfachen Sterne, aus: Lusamgärtlein, Quelle)

 

Milchstraße | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ich habe eine Gesamtausgabe Dauthendey-Gedichte geschossen (blaues Leinen, Dünndruckausgabe, Fraktur!, 1930), dies ist mein erster Fund daraus. Ja, ich bin immer noch auf der Suche nach dem nämlichen Regengedicht, ich kann schon mal sagen, dass es unter dem Titel nicht auffindbar ist.

Kommt gut in die neue Woche!

 

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Rosen | Sommer

Rosen

Ach, gestern hat er mir Rosen gebracht,
Sie haben geduftet die ganze Nacht,
Für ihn geworben, der meiner denkt –
Da hab’ ich den Traum der Nacht ihm geschenkt.

Und heute geh’ ich und lächle stumm,
Trag’ seine Rosen mit mir herum
Und warte und lausche, und geht die Thür,
So zittert mein Herz: ach, käm er zu mir!

Und küsse die Rosen, die er gebracht,
Und gehe und suche den Traum der Nacht …

(Thekla Lingen: Rosen, aus: Am Scheidewege, 1898, Quelle)

 

Sommer

Sieh, wie sie leuchtet,
Wie sie üppig steht,
Die Rose –
Welch satter Duft zu dir hinüberweht!
Doch lose
Nur haftet ihre Pracht –
Streift deine Lust sie,
Hältst du über Nacht
Die welken Blätter in der heissen Hand …

Sie hatte einst den jungen Mai gekannt
Und muss dem stillen Sommer nun gewähren –
Hörst du das Rauschen goldener Aehren?
Es geht der Sommer über’s Land …

(Thekla Lingen: Sommer, aus: Am Scheidewege, 1898, Quelle)

 

Da ich diese Schriftstellerin noch gar nicht kannte, hier ein Link zu mehr Gedichten und zu einer Kurzbiographie.

Die Rosen habe ich vor dem Regen in Planten un Blomen (hallo, Blumenmädchen), einem großen Hamburger Park, fotografiert. Kommt gut in die neue Woche!

 

Quelle: ichmeinerselbst *stolzguck*

 

Drinnen im Strauß

Der Abendhimmel leuchtet wie ein Blumenstrauß,
Wie rosige Wicken und rosa Klee sehen die Wolken aus.
Den Strauß umschließen die grünen Bäume und Wiesen,
Und leicht schwebt über der goldnen Helle
Des Mondes Sichel wie eine silberne Libelle.
Die Menschen aber gehen versunken tief drinnen im Strauß,
Wie die Käfer trunken und finden nicht mehr heraus.

(Max Dauthendey, Drinnen im Strauß, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, Quelle)

 

Abendwolken im Juni  | 365tageasatzadayQuelle: Ichmeinerselbst an einem sonnigen Abend im Juni

 

Heiß oder nicht (hier im Norden definitiv nicht, die letzten Tage waren hier eher unter als über 20 °C), kommt gut und frisch in die neue Woche!

 

Sommer

Am Abend schweigt die Klage
Des Kuckucks im Wald.
Tiefer neigt sich das Korn,
Der rote Mohn.

Schwarzes Gewitter droht
Über dem Hügel.
Das alte Lied der Grille
Erstirbt im Feld.

Nimmer regt sich das Laub
Der Kastanie.
Auf der Wendeltreppe
Rauscht dein Kleid.

Stille leuchtet die Kerze
Im dunklen Zimmer;
Eine silberne Hand
Löschte sie aus;

Windstille, sternlose Nacht.

(Georg Trakl, Sommer, Quelle)

 

Gewitter | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Sommerhitze oder nicht – kommt gut in und durch die neue Woche!

Ich erwarte ab heute Schwierigkeiten mit meinem Internetanschluss: Umstellung auf digital. Weiß nicht, wann ich wieder regulär online sein kann, hoffentlich schon Dienstag. Seht mir bitte nach, wenn ich wenig und in größeren Zeitabständen als sonst kommentiere.

 

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Schöne Junitage

Mitternacht, die Gärten lauschen,
Flüsterwort und Liebeskuß,
Bis der letzte Klang verklungen,
Weil nun alles schlafen muß –
     Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Sonnengrüner Rosengarten,
Sonnenweiße Stromesflut,
Sonnenstiller Morgenfriede,
Der auf Baum und Beeten ruht –
     Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Straßentreiben, fern, verworren,
Reicher Mann und Bettelkind,
Myrtenkränze, Leichenzüge,
Tausendfältig Leben rinnt –
     Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Langsam graut der Abend nieder,
Milde wird die harte Welt,
Und das Herz macht seinen Frieden,
Und zum Kinde wird der Held –
     Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

(Detlev von Liliencron, Schöne Junitage, aus: Neue Gedichte, 1892, Quelle)

Rosen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

Falls ich so was wie einen privaten „Gedichtkanon“ haben würde, wäre dies hier drin. Interessante Frage übrigens, habt ihr so was?

(Der guten Ordnung halber: Die jeweils letzte Zeile pro Strophe gehört eingerückt, leider lässt das der Editor nicht zu.)

Kommt gut in die neue Woche!

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Dicke, gelbe Butterblumen!

Dicke, gelbe Butterblumen!
Der Rasen blinkt, die Götter glänzen.
Eine nackte Venus untersucht ihr Knie, ein steinerner Hercules schlägt die
Leyer.

Die Wasser stürzen, die Wolken eilen,
die Welt voll Sonne.

Frühling!

In meinem Herzen
träumt das Bild eines kleinen Mädchens
mit geöffneten Lippen und lachenden Augen.

(Arno Holz, aus: Phantasus, 2. Heft, Quelle)

 

Passt zum Wetter, oder? Wir hier oben sind auf jeden Fall mit den Temperaturen gerade nicht verwöhnt, „Frühling“ trifft da besser zu als „Sommer“.
Ich bin mir übrigens durchaus nicht sicher, ob Arno Holz mit seinen „dicken, gelben Butterblumen“ nicht vielleicht Sumpfdotterblumen (auch gelb) gemeint hat, ich kenne „Butterblume“ als Synonym für vieles, Hauptsache gelb, und Sumpfdotterblumen sind auf jeden Fall dicker …
Aber für mich waren Butterblumen primär immer diese hier, Hahnenfuß. (Ich glaube, das ist Scharfer Hahnenfuß, oder? Korrigier mich sonst wer.)

Ach, und wer einen Tipp oder Link zu NICHT BESINNLICHEN Pfingstgedichten hat, der möge sich bitte damit in den Kommentaren verewigen.

Schöne Restpfingsten euch und kommt gut in die neue Woche!

 

Butterblumen im Gras | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

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An die Wolken

Und immer wieder,
wenn ich mich müde gesehn
an der Menschen Gesichtern,
so vielen Spiegeln
unendlicher Torheit,
hob ich das Aug
über die Häuser und Bäume
empor zu euch,
ihr ewigen Gedanken des Himmels.

Und eure Größe und Freiheit
erlöste mich immer wieder,
und ich dachte mit euch
über Länder und Meere hinweg
und hing mit euch
überm Abgrund Unendlichkeit
und zerging zuletzt
wie Dunst,
wenn ich ohn Maßen
den Samen der Sterne
fliegen sah
über die Acker
der unergründlichen Tiefen.

(Christian Morgenstern, An die Wolken, Quelle)

 

Wolkenhimmel im Mai | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Neues Mailied (Zum Mitsingen)

1
Der Mai ist zum Kotzen,
am Tag ist er zu heiß:
als wollte er protzen,
bringt er uns in Schweiß.
Sinkt der Abend hernieder,
friert man in seinem dünnen Rock
und sehnt sich schon wieder
nach Heizung und Grog.

2
Der Mai ist zum Speien,
die Bowlen schlagen aus.
Du latschest im Freien
und kehrst kaputt nach Haus,
hast zerrissene Sohlen,
im Bauche eine Wut
und was man sonst noch holen
sich im Mailüfterl tut.

3
Der Mai ist für Narren
ein Bluff und ein Trick,
die Dummen erharren
im Mai sich das Glück.
Der Geizhals spielt Genießer,
die Pärchen werden wild.
Die ältesten Spießer
stelln ein kitschiges Bild.

4
Der Mai macht sich mausig,
ein richtger Ramschbasar.
Es tut, ach, herztausig
das dümmste Dromedar.
Das Maiblumengelbe,
der Stempel weißer Saft:
s‘ ist jedes Jahr dasselbe
und nicht sehr dauerhaft.

5
Das ist noch das Beste,
daß bald zerplatzt die Poesie;
die schäbigen Reste
verbraucht die Ansichtskarten-Industrie.
Die Pärchen dort glotzen
noch fort mit koloriertem Angesicht.
Der Mai ist zum Kotzen!
Doch was, was ist es nicht?

(Max Herrmann-Neiße (Wikipedia), Neues Mailied, 1927 (Quelle))

 

Maibaum | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ich bin nicht so ein Fan von dem blank geputzten, launigen Mai-Gedöns, was in Gedichten ja bedauerlicherweise vorherrscht. Als ich also über dieses Gedicht stolperte, war ich angenehm überrascht und entschloss mich spontan dafür. Allerdings war ich nur erfreut, bis ich etwas über die Biografie von Max Herrmann-Neiße gelesen hatte, die liegt ein bisschen schwer im Magen.

Wer sich nun fragt, auf welche Melodie dies garstig Mailied zu singen sei: Es ist „Der Mai ist gekommen“. Probiert es ruhig aus!

 

 

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