Ein Lächeln in der Tristesse

In welchem Kontext auch immer dieser sagenhafte Ausspruch jemals stand (er grassiert im Netz als Zitat ohne Herkunftsangabe); da die Häuser so aussehen, als könnten dort demnächst weitere größere Umgestaltungsmaßnahmen (sprich: Abriss) vor sich gehen, habe ich das Handy mal schnell durch den allgegenwärtigen Bauzaun gehalten: Baby it was real and we were the best.

Klingt ja schon fast wieder wie eine Geschichte. Bestimmt eine Liebesgeschichte, oder? Das Ende? Ein Anfang?  ;-)
Ich überlasse es euch und bin gespannt auf eure Vermutungen.

 

Baby it was real | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

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World Poetry Day

Auf den letzten Metern noch was zum heutigen „Welttag der Poesie“ gefunden … so schön!

 

A Readmill of my mind

Zum Tag der Poesie

He Wishes for the Cloths of Heaven

by W. B. Yeats (1865-1939)

Had I the heavens’ embroidered cloths,
Enwrought with golden and silver light,
The blue and the dim and the dark cloths
Of night and light and the half-light,
I would spread the cloths under your feet:
But I, being poor, have only my dreams;
I have spread my dreams under your feet;
Tread softly because you tread on my dreams.

 Er wünscht sich die Kleider des Himmels

Hätte ich des Himmels bestickte Kleider,
Durchwirkt mit goldnem und silbernem Licht,
Die blauen, die düstren und die dunklen Kleider,
Der Nacht, des Lichts und des halben Lichts,
Ich legte sie zu deinen Füßen aus:
Doch bin ich arm und hab nur meine Träume;
Die legte ich zu deinen Füßen aus,
Tritt sacht, du trittst auf meine Träume.

(eigene Übersetzung)

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Berauschter Abend

Purpurschwere, wundervolle Abendruhe
Grüßt die Erde, kommt vom Himmel, liebt das Meer.
Tanzgestalten, rotgewandet, ohne Schuhe,
Kamen rasch, doch sie versinken mehr und mehr.

Furchtbar rot ist jetzt die Stunde. Wutentzündet
Drohen Panther. Grausamfunkelnd. Aufgebracht!
Dieser bleibt: ein Knabe reitet ihn und kündet
Holder Wunder tollen Jubel in die Nacht.

Nacht! der Abend, aller Scharlach mag verstrahlen.
Auch der Panther schleicht im Augenblick davon.
Aber folgt dem Knaben! Sacht, in schmalen Glutsandalen
Tanzt er nackt im alten Takt von Babylon.

Alle Flammen abgeschüttelt? Auf der Füße
Blassen Spitzen winkt und fiebert jetzt das Kind:
Weltentschwunden? Sterne sind die sichern Grüße
Stiller Keuschheit überm Meere, vor dem Wind!

(Theodor Däubler, Berauschter Abend, aus „Das Sternenkind“, Quelle)

 

Däubler, Sternenkind | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Letzte Woche schlug Marion mir vor, es müsse eigentlich jeden Montag ein Gedicht geben, und ich überlegte daraufhin, ob mir eine Reihe „Montagsgedichte“ passen würde. Ja, würde sie, wenn da nicht … ihr kennt das. Also gibt es jetzt ein Montagsgedicht, das am Dienstag erscheint.

Dieses Gedicht mogelte sich letzte Woche in Fetzen in mein Gedächtnis. Erst war es was mit „Sterne“ (klar, ich war Sternenwandern), dann was mit „Zehenspitzen“ und „Kind“ (sucht das mal, ihr werdet verrückt!), dann mit „blass“. Und ich wusste die ganze Zeit, dass ich es mal gut gekannt hatte … Ich hatte die Zeit schon ungefähr eingekreist und nichts gefunden, bis ich zu meinem alten Lieblingsgedichtbuch griff und fündig wurde. Dann spuckte natürlich auch das Internet was aus; und ich entdeckte, dass ich das schmale Büchlein, aus dem das Gedicht stammt („Das Sternenkind“) in einer alten Insel-Ausgabe selbst hier stehen hatte … welche Freude!

Planet Lyrik bringt hier unter „Nachbemerkung“ (unten) etwas zur Rezeption des „blaubesternten Bändchens“, was ich ebenfalls in meiner Ausgabe am Ende finde, und hängt eine Lesung von Konstantin Wecker an, die ich euch natürlich ebenfalls nicht vorenthalten will.

Kommt gut durch die Woche!

 

 

Überfließende Himmel verschwendeter Sterne

Überfließende Himmel verschwendeter Sterne
prachten über der Kümmernis. Statt in die Kissen,
weine hinauf. Hier, an dem weinenden schon,
an dem endenden Antlitz,
um sich greifend, beginnt der hin-
reißende Weltraum. Wer unterbricht,
wenn du dort hin drängst,
die Strömung? Keiner. Es sei denn,
dass du plötzlich ringst mit der gewaltigen Richtung
jener Gestirne nach dir. Atme.
Atme das Dunkel der Erde und wieder
aufschau!       Wieder.       Leicht und gesichtslos
lehnt sich von oben Tiefe dir an. Das gelöste
nachtenthaltne Gesicht giebt dem deinigen Raum.

(Rainer Maria Rilke, April 1913, Paris
Gedichte an die Nacht, Quelle)

 

Es ist Montagvormittag, es regnet, und mir ist so … rilkig … zumute. Zeit für ein Montagsgedicht. Dazu passt, dass es eine wunderbare Vertonung dazu gibt (mit Hannelore Elsner), die ich euch natürlich nicht vorenthalten will.

 

 

Kommt gut in und durch die Woche!

 

Vorfrühling

Der Schnee des Rasens wird schon räudig,
Weil ihn ein kleiner Wind berennt.
Der Himmel dehnt sich traurig-freudig,
Ein leerer Rekonvaleszent.

Das Strauchwerk krampft den Arm nach oben.
Die Ruten dulden leidbereit,
Daß Spatzenvölker sie durchtoben
Mit pöbelnder Begehrlichkeit.

Noch ist kein Schaft zu treiben willig,
Da er die Weckung nicht begreift,
Indes die Vogelwolke schrillig
Um Einlaß schon und Anfang keift.

(Franz Werfel, Vorfrühling, aus der Sammlung Unruhe, Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Minus 4 Grad, eisiger Wind, zögerlich Sonne, Schneereste sind alle weg, aber erneuter Schneefall ist angesagt … zumindest bis Samstagmittag. Die Spatzenhorden allerdings durchtschilpen wirklich schon die Hecke/n, diese Bilder sind nur ein paar Tage alt.

 

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Lieder in den Wind gesungen | abc.etüden

Lieder in den Wind gesungen, sie sind verführerisch. Auf der großen Wiese tanzte sie für sich allein, hingegeben an die Bewegung, versunken in ihren eigenen Rhythmus, zu einer Musik, die nur sie zu hören schien. Die Sonne fing sich in ihrem langen, hellen Haar, das wie Gold funkelte. Er war bezaubert. Plötzlich fühlte er sich ungeschlacht und tölpelhaft vor so viel Anmut. Bis in alle Ewigkeiten wollte er ihr zusehen, ihr Lachen hören, ihr folgen, sich nie mehr von ihr trennen.
Als hätte sie seine Gedanken gespürt, wirbelte sie auf ihn zu. Staunend braune Augen blickten in leuchtend grüne. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus, er nahm sie. Man hat keinen von beiden jemals wieder gesehen.

 

Verwunschene Wiese | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Weils so Spaß macht, eine Feengeschichte für die Textstaub’schen abc.etüden, KW 5/ 17. Kürzestgeschichten in 10 Sätzen um die Liebe oder so. Vorgegebene Wörter diese Woche: Hand, Wind, Gold.

 

Tattoo: Mörder in spe

Der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter. […] Wenn ein tätowierter in freiheit stirbt, so ist er eben einige jahre, bevor er einen mord verübt hat, gestorben.

(Adolf Loos, Ornament und Verbrechen, 1908, Quelle)

Unveränderliche Kennzeichen: 1 Tattoo …  :-D
Ich habe also fertig (wer sich an die Vorgeschichte nicht erinnert, lese hier, hier und hier).

Seit Mittwochmittag lebe ich mit einem Löwenkopf auf meinem Unterarm. Wie kommt ein (relativ) introvertierter Couch-Potato (ich) auf einen Löwen, außer dass selbiger unbestritten auch ein Fellträger ist und ich Fellträger liebe? Nein, nicht der virtuelle Duft von Freiheit und Abenteuer, nein, keine Kompensation für nicht durchgeführte Safari-Pläne etc., echt nicht. Der Löwe hat für mich eine Bedeutung, die ich schlecht in Worte fassen kann, und die ich schon mal gar nicht öffentlich breittreten werde.

Gestatten ... | 365tageasatzaday

Wo? Linker Unterarm, Außenseite.
Wie groß? Längs vom obersten Punkt bis zur untersten Ornamentspitze 11,5 cm, quer (ca. bei den Augen) von der Mähnenspitze zur Mähnenspitze knapp 6 cm.
Wie lang hat’s gedauert? 1,5 Stunden auf dem Stuhl mit Vor- und Nachbesprechung etc. eine Dreiviertelstunde mehr.
Wo gestochen? Vaders.dye, Colonnaden, Hamburg.
Von wem? Melina Wendlandt (Instagram), von ihr stammt auch das Design, in das ich mich ursprünglich so verguckt habe, es wurde nach meinen Vorstellungen modifiziert.
Wie teuer? Sag ich nicht, aber es gibt sicher günstigere (und teurere) Tätowierer.
Bleiben die Linien so dünn? Hoffe ich doch. Fragt mich in ein paar Jahren noch mal.

Ablauf: Bei der Terminvereinbarung muss man bereits angegeben, was für ein Tattoo man möchte (und wie groß), denn auf der Basis davon wird der Zeitbedarf (und die Kosten) geschätzt. Als ich kam, hat Melina zuerst mit mir das Design besprochen, damit mein Löwe auch so aussah, wie ich es wollte, und das dann auf den Computer übertragen. Ich hatte mich schon von vornherein ziemlich festgelegt,  es war also einfach. Melina mag Verzierungen bei ihren Löwen, speziell auf dem Kopf, ich bin da geradliniger, der Kompromiss gefällt mir sehr. Das fertige Ergebnis wird dann ausgedruckt und auf der gewünschten Körperstelle platziert (und ggf. korrigiert). Das Ding färbt, und wenn alles okay ist, trägt eure Haut dann die Vorzeichnung, eine Vorlage, die „nur noch“ nachgestochen werden muss (siehe Bild). Dann ging es los. Ich durfte währenddessen fotografieren, deshalb steht der Löwe bei den „Bei der Arbeit“-Bildern kopf. Als wir durch waren (ohne Pause), musste das Ergebnis natürlich fotografisch festgehalten werden – vielleicht schafft mein Löwe es sogar irgendwann zu seinen Löwenverwandten auf ihren Instagram-Account.

Hat’s sehr wehgetan? Neee. Freundlicherweise nicht. Ich war reichlich verunsichert, weil sehr viele sich offensichtlich vor dem Schmerz, der mit einem Tattoo verbunden ist, fürchten und mir andererseits sogar Masochismus unterstellt wurde. (Ich meine, jedem das Seine, aber ich kann gut ohne Schmerzen.) Ich wusste irgendwann, dass die Außenseite des Unterarms bei Tätowierungen als relativ schmerzunempfindlich gilt (Thema Körperstellen hier nachlesen). Bleibt die Sache mit dem persönlichen Schmerzempfinden. Im Normalfall denke ich darüber nicht groß nach, was zwar heißt, dass ich mich nicht als super empfindlich ansehe, aber wissen tue ich es nicht, ich habe das immer als subjektiv angesehen (Thema Schmerzen beim Tätowieren hier nachlesen), und ich habe leider doch viel mehr Stress als ich möchte.
Bei mir fühlte sich das Tätowieren die meiste Zeit so an, als ob mir jemand mit einer Stecknadel mit Nachdruck über die Haut kratzt. Und selbst das eigentliche Stechen (die feinen Punkte) war nicht schlimm im Sinne von wirklich schmerzhaft. Kuschelig ist anders, okay, und dort, wo Melina die Linien ausgefüllt hat, war es unangenehmer, denn irgendwann ist die Haut echt gereizt. Als sie fertig war, war ich ziemlich froh, denn es schaukelt sich dann schon hoch. Ich kann mir daher durchaus vorstellen, dass, wenn bei einem Tattoo große Flächen ausgefüllt/schraffiert werden müssen, das kein Zuckerschlecken ist. (Ich werde Tribals ab sofort mit sehr viel mehr Respekt betrachten ;-) .) Melina erklärte mir aber auch, dass es beim Tätowieren unterschiedliche Techniken gäbe und sie ganz sicher nicht zu den „Bauarbeitern“ gehören würde.

Und danach? Danach brauchte ich erst mal einen Kaffee und was zu essen. Und irgendwann war ich tierisch platt. Immerhin kämpft(e) der Körper gerade mit der (übrigens veganen) Farbe.

Und gestern so? Ich schätze mich selbst als unkompliziert ein, was Allergien etc. angeht. Von daher behandele ich das Tattoo lediglich streng nach Pflegeanweisung und werde es weiter tun. Ihr seht auf den Bildern von Mittwoch noch eine ziemlich ausgeprägte Rötung, die sind direkt als Abschluss des Tätowierens entstanden. Das Pic von gestern ist bereits erheblich unaufgeregter. Mein Arm ist dort aber immer noch bisschen geschwollen und die Stelle ist viel wärmer als der Rest. Das Tattoo ist stoßempfindlich, und mit dem Fellträger werde ich mich die nächsten Tage auch nicht prügeln.
Ich glaube jedoch nicht, dass ich Grund zur Besorgnis habe, und wenn sich das ändern sollte, könnte ich jederzeit im Studio anrufen oder vorbeigehen und die Experten draufschauen lassen, was ich sowieso in etwa 4 Wochen machen soll, damit man sich dort überzeugen kann, dass alles okay ist. Ich habe alle, mit denen ich dort zu tun hatte, als ausgesprochen kompetent und freundlich erlebt, ich mochte die helle, professionelle Atmosphäre des Studios sehr (das ist eindeutig nicht die Klischee-Hinterzimmer-Butze, den Hamburgern wird allein die Adresse Colonnaden schon was sagen), und ich für meinen Teil kann den Laden weiterempfehlen. Okay, noch ist nicht aller Tage Abend, was mein Tattoo angeht, aber (Stand jetzt) sollte ich je über ein zweites Tattoo nachdenken, wäre Vaders.dye wieder meine erste Wahl.

Mein spezieller Dank geht schließlich an zwei meiner Freundinnen (die beide nicht bloggen), die extra einen Urlaubstag opferten, um zum Händchenhalten anzureisen, denn natürlich war ich überhaupt nicht aufgeregt. Danke, ihr Lieben, es hat viel mehr Spaß mit euch gemacht, es bedeutet mir viel.
Und selbstverständlich danke ich allen, die im letzten halben Jahr ihre Meinung zu diesem Thema mit mir geteilt haben und es noch tun werden.

Quelle: ichmeinerselbst, bzw. zumindest ist es mein Arm ;-)

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Balladenwochenende: Die Füße im Feuer – Nichts für schwache Nerven

Ich gebs ja zu: Ich drücke mich. Kein Goethe, kein Schiller, kein Gerede über das Balladenjahr, kein Aufschrei und/oder keine Geschichte über die Glocke, die unsägliche. „Von der Stirne heiß | rinnen muss der Schweiß.“ Hier nicht. Jedenfalls nicht beim Glockengießen.

Stattdessen nehme ich euch mit nach Frankreich in die Zeit der Hugenottenverfolgung. Die Hugenotten: französische Protestanten calvinistischen Glaubens; in Frankreich seit 1562 vom Katholizismus benachteiligt und unterdrückt. Zwischenzeitlich durch das Edikt von Nantes von 1598 bis 1685 eigentlich vom Staat geschützt, leitete nach der Übernahme der Regierung 1661 der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. eine groß angelegte, mit Bekehrungs- und Missionierungsaktionen verbundene systematische Verfolgung der Protestanten ein, die er aufgrund der einsetzenden Flüchtlingswellen 1669 mit einem Emigrationsverbot verband und die schließlich in den berüchtigten Dragonaden 1681 ihren Höhepunkt fanden. In einer Zeit der Aufklärung und Wissenschaft geschahen die größten Greueltaten an Protestanten (Quelle | Wikipedia).

Zurzeit dieser Verfolgungen durch die Dragoner spielt (vermutlich) das Gedicht. Einer dieser Berittenen (als Bote im Dienste des Königs unterwegs) gerät in einer unwirtlichen Gegend in ein Unwetter und sucht Schutz. Man öffnet ihm und lässt ihn ein, aber erst, nachdem er drin ist, erkennen Herr und Gast, dass jener von drei Jahren schon einmal in übler Absicht im Schloss war …

 

Conrad Ferdinand Meyer: Die Füße im Feuer (Quelle)

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann …

– »Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!«
– »Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmerts mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!«
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild …
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft …
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal …
Die Flamme zischt. Zwei Füsse zucken in der Glut.

Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiss. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt …
Die Flamme zischt. Zwei Füsse zucken in der Glut.

– »Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sinds … Auf einer Hugenottenjagd …
Ein fein, halsstarrig Weib … ›Wo steckt der Junker? Sprich!‹
Sie schweigt. ›Bekenn!‹ Sie schweigt. ›Gib ihn heraus!‹ Sie schweigt.
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf …
Die nackten Füsse pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut … ›Gib ihn heraus!‹ … Sie schweigt …
Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hiess dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.« –
Eintritt der Edelmann. »Du träumst! Zu Tische, Gast …«

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an –
Den Becher füllt und übergiesst er, stürzt den Trunk,
Springt auf: »Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!« Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr …
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht … Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? …
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draussen plätschert Regenflut.

Er träumt. »Gesteh!« Sie schweigt. »Gib ihn heraus!« Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füsse zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …
– »Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!«
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad,
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedselge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräftgen Erdgeruch,
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug,
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: »Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wisst, dass ich dem grössten König eigen bin.
Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!« Der andre spricht:
»Du sagsts! Dem grössten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst … Mein ist die Rache, redet Gott.«

 

Kaminfeuer | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Warum hat der Schlossherr, der seinen Gast jederzeit hätte aufsuchen und töten können (die Tapetentür), darauf verzichtet? Mehr als „Mein ist die Rache, redet Gott“, bietet Meyer/der Schlossherr uns als Begründung nicht an. Er umreißt mit diesen Worten eine ganze Ethik, einen Verhaltenskodex, die Unterwerfung unter die als absolutes Gesetz angesehenen göttlichen Regeln, den Glauben an die göttliche Gerechtigkeit. Seine Frau ist für ihn und für die gemeinsame Religion gestorben. Würde er jetzt seinem Hass freien Lauf lassen, würde er gegenüber seinem Glauben und dem Andenken an sie wortbrüchig, würde er sich selbst verraten und das, woran er glaubt. Diese Erkenntnis (symbolisiert durch den einsetzenden Regen) rettet dem Mörder seiner Frau das Leben, auch wenn der jene Nacht wohl ebenfalls nie mehr vergessen wird. Aber das Ringen um diese Entscheidung (dem „höchsten König“ eigen zu sein; sehr schön: der Dragoner meint den (irdischen) König, der Schlossherr den himmlischen, hört mal auf die Betonung bei Gert Westphal) lässt den Schlossherrn über Nacht ergrauen. Kennen wir das heute noch, nur dem Gewissen verpflichtet zu sein und das auch durchzuziehen, selbst bei einer Sache auf Leben und Tod? Mir flößt dieses Dilemma einen Heidenrespekt ein, und ich bin froh, dass ich nicht drinstecke.

Wer dieses Gedicht (ziemlich genial) gesprochen hören möchte, dem sei Gert Westphal empfohlen:

 

 

Und natürlich, last but not least, wieder das Projektbild. Bedient euch, wenn ihr mitmachen möchtet, muss ja nicht heute sein.

 

Blog goes Ballade | 365tageasatzaday

 

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Balladenwochenende: Belsazar – Gewogen und zu leicht befunden

Bel-šarru-uṣur (auch Belsazar; griechisch Baltạsar) war ein babylonischer Kronprinz, der von 552 bis 543 v. Chr. die Regierungsgeschäfte führte. Sein Name bedeutet: „Bēl (Baal) beschütze den König“. Belsazar nun kommt auf die Idee, sich bei einem großen Fest zu besaufen und dann aus den schicken heiligen Gefäßen, die sein Vater aus Jerusalem geraubt hat, weiterzutrinken und seine eigenen Götter hochleben zu lassen. Götter zu ver…eiern war immer schon eine schlechte Idee, die reagieren dann oft komisch, und der, dem die Gefäße gehören, ist keine Ausnahme. Es erscheint eine geisterhafte Hand ohne Körper und schreibt geheimnisvolle Worte an die Wand, die keiner versteht. Belsazar erschrickt tierisch und verspricht Gold und Macht demjenigen, der ihm vorlesen und deuten kann, was da steht. Schließlich schafft man einen jüdischen Weisen namens Daniel zu ihm, der ihm erklärt, an der Wand stünde „Mene mene tekel u-parsin“: „Gezählt, gewogen (und zu leicht befunden) und zerteilt.“ Belsazar hält sein Versprechen Daniel gegenüber, wird aber noch in der gleichen Nacht ermordet (Quellen: Belsazar und Menetekel, beides Wikipedia). Sein Reich fällt an die Perser.

Ja, das ist eine biblische Geschichte (Daniel 5, 1–30), aber darauf will ich jetzt gar nicht hinaus, das ist mir sogar ziemlich egal. Aus der Bibel zu stammen erklärt nur, wieso dieses Motiv der Hand, die geisterhaft irgendwelche Wahrheiten an die Wand schreibt, die erst mal keiner versteht, bzw. der Schrift an der Wand so ungeheuer populär werden konnte. Sozusagen der Ursprung von allem „Dumm gelaufen“.

Rembrandt van Rijn [Public domain], via Wikimedia Commons

Rembrandt van Rijn [Public domain], via Wikimedia Commons

Ungeheuer bekannt ist Rembrandts Gemälde, „Das Gastmahl des Belsazar“ (hier mehr Info). Belsazar oder die Hand oder die Schrift an der Wand tauchen bei ungeheuerlich vielen Gelegenheiten (nicht nur) in der deutschen Geistesgeschichte auf. Eine davon ist die Ballade, bei der ich jetzt endlich gelandet bin.

 

Heinrich Heine: Belsatzar (Quelle)

Die Mitternacht zog näher schon;
In stummer Ruh lag Babylon.

Nur oben, in des Königs Schloß,
Da flackert’s, da lärmt des Königs Troß,

Dort oben, in dem Königssaal,
Belsatzar hielt sein Königsmahl.

Die Knechte saßen in schimmernden Reih’n,
Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht’;
So klang es dem störrigen Könige recht.

Des Königs Wangen leuchten Glut;
Im Wein erwuchs ihm kecker Muth.

Und blindlings reißt der Muth ihn fort;
Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.

Und er brüstet sich frech, und lästert wild;
Die Knechtenschaar ihm Beifall brüllt.

Der König rief mit stolzem Blick;
Der Diener eilt und kehrt zurück.

Er trug viel gülden Geräth auf dem Haupt;
Das war aus dem Tempel Jehovas geraubt.

Und der König ergriff mit frevler Hand
Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand’.

Und er leert ihn hastig bis auf den Grund,
Und rufet laut mit schäumendem Mund:

Jehovah! dir künd’ ich auf ewig Hohn, –
Ich bin der König von Babylon!

Doch kaum das grause Wort verklang,
Dem König ward’s heimlich im Busen bang.

Das gellende Lachen verstummte zumal;
Es wurde leichenstill im Saal.

Und sieh! und sieh! an weißer Wand
Da kam’s hervor wie Menschenhand;

Und schrieb, und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand.

Der König stieren Blicks da saß,
Mit schlotternden Knien und todtenblaß.

Die Knechtenschaar saß kalt durchgraut,
Und saß gar still, gab keinen Laut.

Die Magier kamen, doch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.

Belsatzar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.

 

Bemerkenswert sind die Abweichungen von der biblischen Geschichte am Ende. Offensichtlich ging Heine davon aus, dass seinen Lesern die Geschichte so vertraut war, dass er gar nicht mehr andeuten musste, was an der Wand stand: Beispielsweise das Scheitern des politischen Systems, in dem er lebte, denn Belsazar ward ja in selbiger Nacht … eben. Heine schrieb die Ballade 1827; und „gewogen und zu leicht befunden“, dieses Gefühl habe ich dieser Tage oft an allen Ecken und Enden, nur das Vertrauen, dass alles besser wird, mit Umsturz oder ohne, das fehlt mir grundlegend. Aber ich bin ein grimmiger Optimist, was das angeht: Aufgeben ist auch keine Lösung.

Es gibt einige moderne Adaptionen der Ballade, von denen ich persönlich die von Achim Reichel am liebsten mag (und am besten kenne) (und online nicht finde), zurzeit höre ich mich aber gerade in Händels „Belshazzar“-Oratorium ein.

Hier ist also der freundliche Herr Stavenhagen (und nein, ich finde Vogelfrey und JDD nicht besser)

 

 

Blog goes Ballade | 365tageasatzaday

 

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Aufruf! Balladenwochenende: Die Brück‘ am Tay

Balladen sind, kurz erklärt, Romanhandlungen in einem Gedicht zusammengefasst. Das macht das Gedicht in der Regel länger, jawohl, und zumindest wenn es eine klassische Ballade ist, macht es das Gedicht auch gereimt, auf jeden Fall gibt es so etwas wie ein Versmaß. Und meist ist es dramatisch (was sehr oft wörtliche Rede bedeutet), womit es dann erstens (hoffentlich) nicht langweilig ist und zweitens gleich drei Literaturgattungen vereint: Lyrik, Epik, Drama.

Klingt eigentlich ganz nett? Ist es auch. Wäre es noch viel mehr, wenn nicht ungezählte Schüler/innen in ungezählten Jahrgängen damit geplagt worden wären, eines dieser Trümmer auswendig lernen und aufsagen zu müssen. Ich hatte auch diese Sorte Lehrer, die einem alles versauen können. Bei mir haben sie es nicht geschafft, aber wenn ich Balladen nicht vorher schon gekannt und geliebt hätte, wäre es knapp geworden. Ich vermute mal, ihr habt da eigene Geschichten.

Daher und auch, weil es ein grau-weißer, kalter, stürmischer Freitag der 13. im Winter ist und ich finde, dass wir alle „Lieder vor dem Ofen zu singen“ brauchen und singen sollten, damit die Welt bunt bleibt, mein Aufruf an euch: Macht mit beim Balladenwochenende! Füllt drei Tage lang eure Blogs mit Balladen! Postet eure Lieblingsballaden bei euch, stoßt ein Fenster in andere Welten auf, erzählt, warum ihr diese Ballade besonders liebt oder hasst oder was euch mit ihr verbindet! Ich freue mich, wenn mein Bildchen benutzt wird und/oder ihr hierher verlinkt, aber das steht euch natürlich völlig frei.

 

Blog goes Ballade | 365tageasatzadayQuelle: Bild Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Meine Freitags-Ballade, die mich damals unglaublich beeindruckt hat, basiert auf einem wahren Vorfall.

 

Theodor Fontane: Die Brück‘ am Tay (Quelle)

(28. Dezember 1879)
When shall we three meet again?
Macbeth

»Wann treffen wir drei wieder zusamm?«
»Um die siebente Stund‘, am Brückendamm.«
»Am Mittelpfeiler.«
»Ich lösche die Flamm.«
»Ich mit.«

»Ich komme vom Norden her.«
»Und ich vom Süden.«
»Und ich vom Meer.«

»Hei, das gibt einen Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.«

»Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund’?«
»Ei, der muß mit.«
»Muß mit.«

»Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand!«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus —
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu,
Sehen und warten, ob nicht ein Licht
Übers Wasser hin »Ich komme« spricht,
»Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
Ich, der Edinburger Zug.«

Und der Brückner jetzt: »Ich seh’ einen Schein
Am anderen Ufer. Das muß er sein.
Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,
Unser Johnie kommt und will seinen Baum,
Und was noch am Baume von Lichtern ist,
Zünd’ alles an wie zum heiligen Christ,
Der will heuer zweimal mit uns sein, —
Und in elf Minuten ist er herein.«

Und es war der Zug. Am Süderturm
Keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,
Und Johnie spricht: »Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
Die bleiben Sieger in solchem Kampf.
Und wie’s auch rast und ringt und rennt,
Wir kriegen es unter, das Element.

Und unser Stolz ist unsre Brück’;
Ich lache, denk’ ich an früher zurück,
An all den Jammer und all die Not
Mit dem elend alten Schifferboot;
Wie manche liebe Christfestnacht
Hab’ ich im Fährhaus zugebracht
Und sah unsrer Fenster lichten Schein
Und zählte und konnte nicht drüben sein.«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus —
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu;
Denn wütender wurde der Winde Spiel,
Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel’,
Erglüht es in niederschießender Pracht
Überm Wasser unten… Und wieder ist Nacht.

»Wann treffen wir drei wieder zusamm?«
»Um Mitternacht, am Bergeskamm.«
»Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.«

»Ich komme.«
»Ich mit.«
»Ich nenn’ euch die Zahl.«
»Und ich die Namen.«

»Und ich die Qual.«
»Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«
»Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand.«

 

Weshalb ich diese Ballade niemals völlig vergessen werde, hat mehrere Gründe. Das Unglück, über das Fontane berichtet, hat es wirklich gegeben, Fontane spricht „vom Einsturz der Firth-of-Tay-Brücke in Schottland am 28. Dezember 1879, der mit einem Eisenbahnzug 75 Menschen in den Tod riss. Die Firth-of-Tay-Brücke war 1871–1878 unter enormem Aufwand erbaut worden und bereits eineinhalb Jahre nach ihrer Eröffnung im Sturm zusammengebrochen“ (Quelle: Wikipedia, seht euch die Bilder an, ich zumindest war damals schon fassungslos).

Ferner ist diesem Gedicht ein Zitat aus Shakespeares „Macbeth“ vorangestellt. Ich will hier überhaupt keine Diskussion über Shakespeare vom Zaun brechen, seine Werke sind (mit anderen) das Fundament, auf dem die moderne Geistesgeschichte steht. Meine Erinnerung an Macbeth ist eine Off-Topic-Erinnerung an den Englischunterricht der Oberstufe, als wir das Teil ungelogen mindestens ein Jahr durchgekaut und alles, wirklich alles, durchdiskutiert haben. (Wir haben uns, trotz der Orson-Welles-Verfilmung, teilweise rechtschaffen gelangweilt. Der Parallelkurs hatte mit „Romeo und Julia“ mehr Glück.) Und drittens geht es um das Wirken von Hexen.

Ich habe schon immer ein Faible für Hexen gehabt. Ich fand es meist doof, wie sie in den Märchen wegkamen, ich hatte immer das Gefühl, dass da mehr dahintersteckte, als man mir erzählte. Auch Fontane benutzt Hexen hier nur scheinbar als Sündenböcke, in Wirklichkeit kritisiert er die Industrialisierung, die Fortschritts- und Technikgläubigkeit der Menschen, die glauben, die Macht der Naturgewalten (hier symbolisiert durch die Hexen, siehe Macbeth) bezwungen zu haben. Kommt mir als Thema heute immer noch sehr vertraut vor.

Und schließlich gibt es da noch Terry Pratchetts Eingangsszene zu „MacBest“.

Wind heulte. Blitze stachen ziellos herab, wie ein ungeschickter Mörder. Donner rollte über das dunkle, regengepeitschte Land. […] Mitten im elementaren Stürmen, neben tropfnassen Stechginsterbüschen, glühte Feuerschein wie Tollheit im Auge eines Wiesels. Das flackernde Licht fiel auf drei Gestalten. Es blubberte im nahen Kessel, und eine unheimliche Stimme kreischte: Wann soll’n wir drei uns wiedersehen?“
Eine kurze Pause folgte.
Schließlich erwiderte eine andere und weitaus normaler klingende Stimme: „Tja, ich hätte nächsten Dienstag Zeit.“

Willkommen auf der Scheibenwelt! Wer jetzt bildlich sehen möchte, worauf Terry Pratchett sich bezieht, klicke hier, dies ist die Eingangsszene von Macbeth in der grandiosen Verfilmung mit Orson Welles.

Reicht das? Das reicht. Also, ich freue mich darauf, eure liebsten Balladen zu lesen.

Und last but not least gibt es nach so viel Shakespeare noch ein Bröckchen Otto Sander zu herrlichen Bildern von William Turner.

 

 

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Ein Lied hinterm Ofen zu singen

Heute Nacht: -10 °C, jetzt wenig weniger, trockene, sternklare Kälte und glücklicherweise kaum Wind, der unverdrossene Fellträger hatte zum Thema „kalte Pfoten“ einiges anzumerken, als er am Morgen draußen herumbrüllte, dass er nach drei Stunden nun ENDLICH! WIEDER! hereinwolle.

Trotz Kälte ist es atemberaubend schön. Draußen jagen sich die Eichhörnchen, und ich werde gleich ein paar Nüsse rausbringen. Obwohl noch Schnee fehlt, kann ich nicht umhin, das für Winter zu halten … und oh, dieses Licht!

 

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht süß noch sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs,
Und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an,
Und läßt’s vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluß im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
Und alle warme Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn’s Holz im Ofen knittert,
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich‘ und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
Denn will er sich tot lachen. –

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.

(Matthias Claudius, Ein Lied hinterm Ofen zu singen, Quelle)

Winterseelicht | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

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Auf ein Neues!

Man kann einen seligen, seligsten Tag haben, ohne etwas anders dazu zu gebrauchen, als blauen Himmel und grüne […] Erde.
(Jean Paul, Der Papierdrache Bd. 1, Drittes Stück, S. 148, Quelle)

In den letzten Tagen habe ich für meine Verhältnisse geradezu exzessiv mit Weihnachts- und Neujahrswünschen um mich geschmissen. Solltet ihr davon verschont geblieben sein, warum auch immer, trifft es euch jetzt: Frohes Neues! Möge dieses Jahr besonders für euch werden, ob gut oder schlecht möge in eurer Hand liegen (auch das ist ja leider nicht selbstverständlich).

Wer regelmäßig bei mir liest, den wird nicht wundern, dass ich das vergangene Jahr nicht so richtig lieb gewonnen habe. Von daher freue ich mich auf „neues Spiel, neues Glück“ (auch wenn der Mensch diese Zäsuren willkürlich setzt, Strukturen sind wichtig) und habe mir seit Jahren mal wieder was vorgenommen (ja, Vorsätze, ja):

  1. Mehr lesen (also: BÜCHER, nicht auf irgendeinem Reader)
  2. Öfter ins Kino gehen

Das heißt allerdings nichts anderes, als dass ich meinen Tagesablauf umstrukturieren muss, denn ich hänge die meiste Zeit vor dem Rechner, beruflich und gern auch privat, zum Beispiel für den Blog und und und. Ersteres hoffe ich beispielsweise damit zu erreichen, dass ich mich einer Buch-Challenge angeschlossen habe (hier mehr dazu), für letzteres habe ich ganz frisch den Newsletter unseres Programmkinos abonniert. Immerhin.

Was das alles nun mit obigem Zitat zu tun hat? Nichts, gar nichts, nur dass es was mit „Zeit“ zu tun hat, die ja auch immer ein wenig im Zentrum von allen Neujahrsposts steht und ich ja auch noch fotografiere und daraus jedes Jahr ein Kalenderposter von Hand klöppele. Das Zitat prangt in der Mitte der Kalenderkachel, wie man eher nicht lesen kann, ich weiß.
Aber auch dieses Jahr verschönert mein Kalender vorwiegend Türen ausgewählter Menschen, was mich sehr freut.

Ich wünsche mir und euch also erst einmal einen geruhsamen Winter, und den Rest verbrauche ich, wie er kommt. Übrigens findet mein erster (geplanter) Aufreger schon Ende Januar statt: mein Tattoo!

 

Kalender 2017 | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, aber sowas von!

 

Euch noch einen schönen Restabend und einen guten Start in die erste Woche des neuen Jahres!

 

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