Ludwigs Etüden | Etüdensommerpausenintermezzo

Wer lange genug hier mitliest und mitschreibt, der*die erinnert sich bestimmt an die unnachahmlich schrägen, eigensinnig poetischen, dahingeworfenen Texte von Ludwig, unserem Etüdenerfinder (der bis heute keinen neuen Blog hat, was auch so bleiben soll). Wer nicht, der*die hat meiner Meinung nach was verpasst ;-), aber der*die bekommt beim Lesen hoffentlich ein Gefühl dafür, ob/dass ihm*ihr was entgangen ist. (Ludwigs Illustrationen für die Etüden habe ich übrigens hier gesammelt.)

Was seine Texte angeht, so hatte ich bei ihm angefragt, ob alle seine Etüden den Bach runtergegangen seien oder ob er in den Tiefen seiner Festplatte noch welche wiederfinden könnte, die ich beim Etüdensommerpausenintermezzo veröffentlichen dürfte. Konnte er! Darf ich! Ich habe fünf Texte ausgewählt und leicht editiert.

Ladys and Gentlemen, Irgendwas ist immer proudly presents: abc.etüden von Ludwig Zeidler. Enjoy!
Meine Lieblingsetüde (aus dieser Auswahl) steht am Anfang; alle Etüden unterliegen dem Copyright von Ludwig Zeidler.

 

***

 

Sie hatten sich viel vorgenommen in dieser Minikombüse am Sylter Strand. Edgar und Victor wollten diesen verfluchten Stern, sie kochten wie zwei Höllenhunde aus einer anderen Welt, Erbsenspeckflunderschaum und Safranstaubkussspuren waren nur eine kleine Ouvertüre am Meerwassersandtheater. In den „Lukullischen Samstagnachtstunden“ spielten die Stockhauerbrüder live und ungeschminkt  Zwölfton-Irisreinkarnationslieder, während Victor die Speisenabfolge mit Zauberblüten sowie Meeresbitteralgen auf Knospenkollisionskurs eröffnete. Edgar legte nach, formte Kräuterchipsblätter mit Chiligelee und Hagebuttenknallrauchkaramell.

Sie waren auf einem neuen Weg, mitten in den Dünen, und Käthe mit o schrieb die Menükarten als Lesegedicht für Gaumentänzer. Feuerwerke erhellten den Wolkenspagat und zogen am Strand lange Schatten mit Salzwasserduft.

Eintritt nach Anmeldung.

(Schreibeinladung für die Textwoche 17/17, Wörter: Safranstaubkussspuren, Knospenkollisionskurs, Irisreinkarnationslied)

 

***

 

Bahnhof

Elmar Koschinsky war mehr als genervt. Es war so kalt wie im Tiefkühler von Bofrost, dazu schneidender Ostwind, und von der Seite peitschte ihm schnurdünner Regen auf seine Holzbrille, hinter der sich ihm das Hier mehr als trist offenbarte.

Unterkammerhofen, ein Ort, ein Bahnhof, wie aus den schlechtesten Romanen von Kammerwirt & Schuldlos, sogar Warten bekam hier eine Bedeutung, die man sich weder wünschte noch vorstellen wollte.

Abgesperrt, verschlossen, entmenscht, leblos, trostlos, verlassen, er drückte sich hier in eine Mauernische dieser Baukunstverlassenheit und musste warten, während sich 30 Kilometer weiter Karla Unstruht in Wolle packte, die Schlüssel für den alten Lancia suchte und im Begriff war, ihn abzuholen.

Elmar Koschinsky dachte derweil an Prag, an die Mopedfahrt durch Holland und die wilden Zirkusnächte im vergessenen Tempodrom. Einstürzende Neubauten und der Himmel über Berlin, er dachte sich das Warten schön. Beckett erschien ihm nun in einem völlig neuen Licht.

(Schreibeinladung für die Textwoche 6/17, Wörter: Prag, Moped, Zirkus)

 

***

 

Warten auf die Königin

Sie warteten am Busbahnhof.
Zäh, die Zeit tropfte in den Tag wie falsch angerührter Tapetenkleister, eine Atmosphäre jenseits von Korallenriffen und Backerbsenhochzeit.
Wladimir und Estragon schauten über den See, schauten auf die einfahrenden Busse, warteten auf SIE.
Morgennebel tauchte alles in eine Landschaft wie mit dem Blumensprüher benetzt, es war ein Freitag, Freitag sollte SIE kommen.
Womöglich war es ihre existenzielle, alles beherrschende Aufgabe zu warten.

Und wenn SIE nicht kommt? Und wenn es ein anderer Freitag ist?
Womöglich hat die Königin Godot getroffen, und SIE kommt gar nicht.

Wladimir und Estragon warteten.

(Schreibeinladung für die Textwoche 7/17, Wörter: Königin, Backerbsen, Korallenriff)

 

***

 

Ludmilla hatte sich gefreut, schön gemacht und war, wie es ihrer Art entsprach, alles andere als unpünktlich.

Vierzehn Uhr an der Bushaltestelle, und heute, neunzehnter Dritter. Sie schaute in ihrer Tasche nach ihren Habseligkeiten, nach den Unterlagen, dem tieferen Grund ihrer Verabredung. Er wollte ihr helfen, diese Textarbeit über den Zaunkönig fertigzustellen, er hatte es ihr wohlmeinend angeboten und sie sagte erfreut zu, warum sollte sie daran denken, dass er sie versetzen würde. Sie war mehr als sauer, keine Nachricht, kein Zeichen, nichts, sie kickte in ihrer Wut eine herrenlose Coladose mit solcher Wucht an, dass sie wie eine Murmel über den leeren tristen Platz schepperte und fast am anderen Ende dieser Windhosenarchitektur blechern zum Stillstand kam. Es war jetzt fast fünfzehn Uhr und in die langweilige Tristesse begann es nun auch noch zu tropfen, kaltes Himmelwasser in stetiger Zunahme, sie dachte an Estragon und verfluchte ihre Verabredung mit Georg. Er war schließlich nicht Godot.

Den weiteren Verlauf dieses Tages dürfen Sie sich gerne in freier Form ausmalen.

(Schreibeinladung für die Textwoche 12/17, Wörter: Murmel, Habseligkeiten, Zaunkönig)

 

***

 

Er hatte es sich einfach vorgestellt.

Doch bei genauerer Betrachtung war es die totale Verarschung. Er ließ sich ohne groß nachzudenken auf den Deal ein, sagte Ja und Amen zu diesem sehr eigenartigen Urteil. Und jetzt war Rewohlt auf dieser verdammten Insel, er, der Meeresfrüchte hasste und von Inseln so viel verstand wie sein blasser Bruder von Rimbaud-Gedichten.

Aber da musste er jetzt durch, er mimte den coolen Hausmeister, arbeitete sein Pensum in stoischer Unlust herunter und nützte ansonsten jede freie Minute, um auf dem verlodderten Campingplatz in seiner Hängematte Dostojewski zu lesen.

Er gab sich unspektakulär dem Wind hin.

(Schreibeinladung für die Textwoche 11/17, Wörter: Hängematte, Urteil, Meeresfrüchte)

 

 

Alle Illustrationen unterliegen dem Copyright von Ludwig Zeidler und wurden mir für die Etüden von ihm freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

 

Dies ist ein Beitrag für die Lieblingsetüden des diesjährigen Etüdensommerpausenintermezzos.

 

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Spacig! | Lieblingsetüden

Am 10. Januar 2018 meldete die Süddeutsche: „Ein internationales Astronomen-Team hat Signale eines besonders bizarren Himmelskörpers aufgefangen. Ein drei Milliarden Lichtjahre entferntes Objekt namens FRB121102 schießt demnach stoßweise Mikrowellen extremer Intensität quer durch den Kosmos.“ Natürlich gab es Spekulationen um die Ursache dieser Erscheinung (Schwarzes Loch, Zwerggalaxie, Supernova, Magnetar); aber im gleichen Artikel stand dann auch dieser Satz: „Weil der Entstehungsmechanismus der kurzzeitigen, extrem intensiven Strahlung nicht eindeutig geklärt ist, wollen die Experten nicht kategorisch ausschließen, dass eine hochentwickelte außerirdische Intelligenz am Werk ist.“ (Quelle) Ich hatte mich damals interessehalber ein bisschen belesen und irgendwo (ich find’s nicht mehr) entdeckt, dass, wenn man in den Himmel schaut, dieses Objekt irgendwo im oder in Richtung des Sternbildes Fuhrmann zu finden ist.

So weit, so nett, und ich hätte die Angelegenheit bestimmt schnell wieder vergessen, wenn nicht zu der Zeit eine neue Etüdenrunde gestartet wäre, ich Ludwig um Wörter gebeten hatte und er sich ausgerechnet „FRB 121102“, „ultraviolett“ und „Supernovaüberrest“ ausgesucht hätte.
Ja, herzlichen Glückwunsch! 10 Sätze zu WAS? „Herausforderung“ war da noch leicht untertrieben. Wenn ich mit irgendwelchen Wortspenden mal wirklich ernsthaft in Schwierigkeiten war, dann damit (mehr als mit der Honigpumpe und Interpol).

Und flugs produzierte mein Hirn die Geschichte eines jungen Mannes, der glaubt, dass er einer von „ihnen“ wäre, dass die Lichtblitze Signale seien, dass „sie“ unterwegs wären, ihn abzuholen. Nein, nicht unbedingt die freundliche E.T.-Variante. Falls ihr noch nie davon gehört habt: Es gibt Leute, die höchst ernsthaft von Kontakten mit UFOs/Außerirdischen berichten, es gibt dicke Bücher über außerirdische Rassen, Entführungen etc. Mir kommt vieles dabei ziemlich zwanghaft vor, Stichwort Glaubenssysteme, auserwählt. Ich kannte da mal wen, der sich dafür interessierte.

Zum Schluss jedenfalls fand ich meine Texte – denn es wurden drei, und sie steigern sich – richtig gut und war ziemlich stolz darauf. Daher kommen sie hier in der Reihenfolge, in der sie gelesen werden müssen, und sind nicht einfach verlinkt.

 

Bald würde es offenbar sein.

Nachts, wenn er die Augen schloss, zuckten neuerdings ultraviolette Blitze durch seinen Kopf und kamen stetig näher.

In den vergangenen Tagen und Wochen waren die einschlägigen Medien voll davon gewesen, voll von Berichten über schnelle, sich wiederholende Radiowellen im Millisekundenbereich, die sensationellerweise aus ein und derselben Quelle stammten. Das war das Zeichen, das musste es sein, er hätte schreien können vor Glück, so lange wartete er bereits darauf. Man hatte jener Quelle weit weg im Sternbild Fuhrmann sogar einen Namen gegeben, man nannte sie schlicht FRB 121102 und formulierte Hypothesen über Hypothesen über ihren Ursprung. Aber ob nun Pulsare, Supernovaüberreste, die Verschmelzung Weißer Zwerge, verdampfende Schwarze Löcher oder der Antrieb von Sonnensegel-Transportern von Kardaschow-II-Zivilisationen – ihm war das alles egal.

Denn er … WUSSTE.
Er war einer von ihnen.
Sie waren unterwegs, um ihn zu holen.

Endlich.

(„Nach Hause“, 16.01.2018)

 

Es war notwendig, das RICHTIGE zu tun, damit sie ihn erkannten, wenn sie kamen, und das beschäftigte ihn Tag und Nacht.

Den Gedanken, sich FRB 121102 auf den Kopf zu tätowieren, hatte er verworfen, schließlich war dies ein menschgemachter Name und er wusste noch nicht, wie die Fuhrmänner kommunizierten. Zwar glaubte er nicht daran, dass der Körper, den er kannte, nach dem Start der Raumschiffe noch von Nutzen sein würde, dennoch wollte er das unvollkommene Vehikel, das seinem Geist hier zur Verfügung stand, nicht unnütz beschädigen.

Irgendwann explodierte schließlich eine Gewissheit in ihm und bescherte seinem Geist quasi als Supernovaüberrest die Antwort: Blut.

Sofort begann er damit, sein Blut bestrahlen zu lassen. Nachts, wenn er die Augen schloss, sah er das angereicherte Blut ultraviolett leuchtend durch das Netz seiner Adern pulsieren und fühlte, wie es ihn für die höheren Frequenzen empfänglicher machte.

Das Blut war der Schlüssel.

Immer hatte er auf den Ruf gewartet, sein kleines, bedeutungsloses Leben aufzugeben, nun rauschte er in seinem Innersten und seine Stimme wurde jeden Tag verständlicher.

HALTE DICH BEREIT! WIR SIND NAH!

(„Stay tuned“, 18.01.2018)

 

Nachts, wenn er die Augen schloss, war das ultraviolette Rauschen in seinem Kopf inzwischen so stark, dass er nicht mehr schlafen konnte. Aber er machte sich davon nicht abhängig, er fand, Schlaf wurde sowieso überbewertet. Stattdessen vertiefte er sich lieber exzessiv in Konzentrations- und Meditationsübungen, um seinen Geist zu klären und von den Schlacken des Alltags zu befreien. Dass sein Herz schließlich zu stolpern begann, hätte ihn ernsthaft irritiert, wenn er in dem Pulsieren nicht Morsezeichen erkannt hätte: dit-dit-dah-dit  dit-dah-dit  dah-dit-dit-dit und so weiter, was in sehr langsamen, sich wiederholenden Sequenzen FRB 121102 ergab.

Noch ein Beweis mehr dafür, dass er auserwählt war.

Die breite Öffentlichkeit war des Geredes über 3 Milliarden Lichtjahre entfernte Strahlungsquellen, Schwarze Löcher, Supernovaüberreste und andere abstrakte astronomische Theorien allerdings schon längst wieder überdrüssig geworden und beschäftigte sich stattdessen mit dem nächsten Supermond.

Er hingegen lief Tag für Tag mit seinem stotternden Herzen durch die Stadt, ein menschlicher Funkturm im Dauereinsatz. Als sich sein körperlicher Zustand verschlechterte, brach er auf der Straße zusammen und wurde in ein Krankenhaus geschafft. Da er sich den empfohlenen Maßnahmen gegenüber völlig uneinsichtig zeigte, ordneten die Ärzte zunächst Zwangsernährung, später Zwangseinweisung an und sprachen von einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung.

Das riesige Raumschiff tauchte in die Erdatmosphäre ein und stand, von allen irdischen Systemen unbemerkt, über der Stadt, aber es war bereits zu spät für ihn.

(„THE END“, 20.01.2018)

 

Lieblingsetüde | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Dies ist ein Beitrag für die Lieblingsetüden des diesjährigen Etüdensommerpausenintermezzos.

Off topic: Ich habe versprochen, daran zu erinnern: Die ersten drei Etüden für den Adventskalender sind schon da!

 

Das Schöne vom Tag

Alice schreibt einen Monat lang jeden Tag auf, wofür sie dankbar ist, und sucht noch Mitstreiter. Ich finde die Idee großartig und hatte so was Ähnliches schon mal angedacht, aber hätte ohne ihren Anstoß wohl noch ewig nicht damit begonnen. Ich werde vermutlich nicht jeden Tag etwas posten, dafür werde ich das Projekt aber auch nicht zeitlich befristen.

Hier hinein sollen die kleinen Freuden kommen, das Lächeln des Tages oder oder oder. Ich bin ganz gut darin, das Schöne im Alltäglichen zu sehen, ich übe es mit Begeisterung. In diesem Zusammenhang nehme ich auch Wörter wie Dankbarkeit oder Demut in den Mund – ich bin nicht der Mittelpunkt des Universums, es funktioniert auch ohne mich ganz hervorragend, ich empfinde mich als Teil eines großen, harmonischen Ganzen (okay, abgesehen von Politik und ihren Verwerfungen etc. etc., da gibt es genug) – ich hoffe, ihr versteht, was ich meine.

So, das war die Vorrede. Das Schöne vom Tag (gestern), der auch bei uns sehr heiß war, ist das Foto eines gewissen gähnenden Fellträgers (entstanden ca. 19 Uhr), dem die Hitze anscheinend nicht die Bohne ausmacht, obwohl er draußen die ganze Zeit herumliegt. Ich dachte ja, die Haltung sei selten, bis ich per Mail eines Besseren belehrt wurde … (das zweite Foto ist witzigerweise zur etwa gleichen Uhrzeit bei noch höheren Temperaturen aufgenommen worden.)

Kommt gut durch die Hitze!

 

 

Überraschung! | Lieblingsetüden

Wer ein bisschen länger bei mir liest, der kennt sie: Die Etüden, wo der*die geneigte Leser*in am Ende merkt, dass er*sie aufs Glatteis geführt wurde. Nicht wie in einem Krimi, wo man über die Auflösung nachdenken muss, nein, ganz direkt.

In der Kategorie habe ich einige Etüden, natürlich und speziell ein paar Kattitüden, wo sich der Protagonist irgendwann als ein gewisser Fellträger (Ähnlichkeiten zu lebenden Tieren nicht komplett ausgeschlossen) entpuppt. Klar. Die liebe ich aus den üblichen Gründen auch sehr.

Woran ich euch aber erinnern bzw. euch neu vorstellen möchte, ist eine Etüde aus dem Jahr 2017, Woche 36. Damals galt noch die 10-Sätze-Regel. Ich wollte gern mal etwas wirklich Kurzes schreiben, habe alles weggelassen, was nicht wirklich unbedingt notwendig war, und bin immer noch ziemlich stolz auf das Ergebnis.

 

„Wie viel?“
Sie sagte es ihm.
Bei manchen war die Frequenz, in der sie zu ihr kamen, ganz schön hoch. Immer am liebsten zu ihr, sie wusste auch warum, schließlich achtete sie pingelig auf Sauberkeit. Egal, sie konnte sie alle nicht ausstehen …
Hier gibts die komplette Etüde.

 

Na? Naaaaaaaa??? Was sagt ihr? 😀

Ja, die Kommentare sind da inzwischen zu (Spamschutz, ich finds so nervig). Aber hier nicht.

Dies ist ein Beitrag für die Lieblingsetüden des diesjährigen Etüdensommerpausenintermezzos.

Off topic: Ich habe versprochen, daran zu erinnern: Die ersten beiden Etüden für den Adventskalender sind schon da!

 

Lieblingsetüde | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Vom Sommer und Sommerfrische

 

Sommerfrische

Man soll nicht in die Sommerfrische gehen,
man wird doch seines Lebens nicht so richtig froh.
Ob da nun Berges- oder Meereslüfte wehen,
auf dem Balkon zu Hause weht es grade so.
Man wird gepiesackt von den Schnaken und den Mücken,
im Meer die Quallen sind auch nicht sehr angenehm.
Und dann an alle Welt das Ansichtskartenschicken.
Nee, nee, mir ist schon mies von alledem.
Ich frage Sie: ist das vielleicht Erbauung,
wenn man da schwitzend auf die Berge klimmt?
Und dann: das fremde Wasser stört mir die Verdauung.
Laß mich in Ruh mit diesem ganzen Zimt.
Was brauch ich Schwarzwald? Ich hab eine Edeltanne
und laß den Ventilator durch mein Zimmer wehn.
Statt in den See, kriech ich in meine Badewanne.
Nee, nee, man soll nicht in die Sommerfrische gehn.

(Fred Endrikat, Sommerfrische, aus: Höchst weltliche Sündenfibel, 1940, Online-Quelle)

 

Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in die Fülle der Gräser.
Weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und laß deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiß dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen, als ein Grashüpferhupf.

(Joachim Ringelnatz, Sommerfrische, aus: 103 Gedichte, 1933, Online-Quelle)

 

Sommerfrische

Der Himmel ist wie eine blaue Qualle.
Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel –
Friedliche Welt, du große Mausefalle,
entkäm ich endlich dir .. O hätt ich Flügel –

Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten.
Ein jeder übt behaglich seine Schnauze.
Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten,
hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce.

Wär doch ein Wind .. zerriß mit Eisenklauen
die sanfte Welt. Das würde mich ergötzen.
Wär doch ein Sturm .. der müßt den schönen blauen
ewigen Himmel tausendfach zerfetzen.

(Alfred Lichtenstein, Sommerfrische, aus: Die Aktion, 1913, Online-Quelle)

 

Blühende Wiese | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut durch die neue heiße Woche!

 

Etüdensommerpausenintermezzo 2019-II: Herzen

Zur Idee: Ludwig, der Etüdenerfinder, hat die Etüden im Januar 2017 ins Leben gerufen. Seit April 2017 hoste ich sie. Viele von euch schreiben mit, seit mein Blog die Etüden übernommen hat, einige sind aber auch von Anfang an dabei. Das heißt, die Etüden machen dieses Jahr zum dritten Mal Sommerpause. Aller guten Dinge sind drei? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe in den drei Jahren 158 Etüden als abc.etüden gekennzeichnet, ich dachte mir, da wäre ein kleiner Rückblick doch fein, was es denn schon alles gab.

Laufzeit: 21.07.2019 (Sonntag) bis 03.08.2019 (Samstag) – zwei Lieblingsetüden-Wochen

Jede*r hat Lieblingsetüden. Jede*r hat Etüden, an denen sein*ihr Herz hängt. Sei es, dass ihr das Thema besonders mochtet, sei es, dass ihr gewisse Formulierungen (oder den kompletten Text) besonders gut gelungen/kühn/zum Dahinschmelzen fandet, sei es, dass euch das Feedback aus den Latschen gehauen hat: eure Sache.

Jede*r hat Lieblingsetüden. Verratet der Etüdenwelt, welche das sind! Rebloggt sie bei euch, schreibt einen Beitrag und verlinkt sie bzw. veröffentlicht sie neu! Euch ist völlig freigestellt, wie viele das sind. Wenn ihr mögt, erzählt die Geschichte dazu, wenn es eine gibt, und verlinkt euren Beitrag unbedingt hierher, ich mache zum Ende wieder mal eine Liste!
Meine Bedingung dabei ist nur, dass es die regulären Etüden sind (inklusive Extraetüden, die hatte ich vergessen, danke, dergl), also NICHT die von irgendeinem vergangenen Etüdensommerpausenintermezzo (und erst recht nicht die vom aktuellen), sonst, das schwöre ich euch, dürft ihr meinen „Wassermaler“ (den ich liebe) noch mal in voller Länge lesen, und das wollt ihr doch alle unbedingt, oder? 😉

Abgrenzung: Das müssen nicht unbedingt die Etüden mit den meisten Kommentaren, mit den meisten Likes oder mit den meisten Aufrufen sein. Eure Lieblingsetüde kann auch gerade mal fünf Likes und zwei Kommentare haben – ihr entscheidet. Schietegol, wie sie hier oben sagen. Es geht wirklich und ausschließlich um eure Lieblingsetüden, um die, die euch ans Herz gewachsen sind.

Die Illustration kann wie immer eingebunden werden, muss aber nicht.

Nur für alle Fälle: Den Aufruf für das mit dem Adventskalender habt ihr alle gelesen, ja?

 

Lieblingsetüde | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Etüdensommerpausenintermezzo 2019-I: Die Sache mit dem Adventskalender

Ich hoffe, ihr habt Kaffee und Kuchen parat, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, dies hier wird etwas länger. Denn es gilt nicht nur, die letzte Etüdenrunde zu beleuchten, es gilt auch, zwei Teile des Etüdensommerpausenintermezzos einzuläuten. Dies ist der erste Teil, warum es geteilt ist, dazu später mehr.

Statistik first: Nachdem Gerhard uns zum ersten Mal seine Wörter zum Spielen überließ, hatte ich zwar gehofft, dass diese mehr Mitschreiber auf den Plan rufen würden, der Plan ging aber leider nicht auf. Die Statistik belegt, dass in den letzten beiden Wochen 31 Etüden von 20 teilnehmenden Blogs (Stand ohne Nachzügler) gemeldet wurden. An den Wörtern lag es sicher nicht, da bin ich sicher, wenn ich mir meine eigene Müdigkeit anschaue, dann hat es mich die beiden letzten Wochen überallhin gezogen, nur nicht zum Schreiben an den Rechner. Aber wir haben seit längerer Zeit mal wieder eine Neue: Begrüßt die Hoffende von ihrem Blog „ICH & MEHR“ in unserer Runde!
Die Spitzenplätze der Liste belegen die üblichen Verdächtigen: Werner Kastens mit fünf sowie dergl und Anna-Lena mit jeweils drei Etüden.

dergl von Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel: hier, hier und hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier und hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier, hier und hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
LadyAngeli auf Mein Leben ist bunt: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten: hier, hier, hier, hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
Die Hummel im Hummelweb: hier
Veronika auf vro jongliert: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Jacqueline auf Jacquelines Lebenstagebuch: hier
Die Hoffende auf ICH & MEHR: hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier

Checkt wie immer bitte, ob alles mit euren Links okay ist, und meldet Fehler/Fehlendes oder ob sonst was falsch ist – wie immer, ihr kennt das Prozedere ja inzwischen zu Genüge. Ebenfalls wie immer vielen Dank an alle, die geschrieben, gelesen, gelikt und kommentiert haben – und an Gerhard fürs Vorbeischauen.

Die regulären Etüden starten wieder am 1. September, der passenderweise ein Sonntag ist.

 

Und nun zum *lufthol* Etüdensommerpausenintermezzo (wie ich dieses Wort liebe)!

In 157 Tagen ist Weihnachten, ohne jetzt irgendwen erschrecken zu wollen, und wenn die Etüden wieder losgehen, liegen auch schon wieder Lebkuchen in den Läden … In der Vorweihnachtszeit haben die meisten den Kopf voll mit allem Möglichen, und häufig hat das nicht sehr viel mit Schreiben zu tun. Wenn doch, denke ich nur an die ganzen Jahresrückblicke und diverse Mengen an Grußkarten mit allerherzlichsten Weihnachts- und Neujahrswünschen, die neben dem ganzen familiären Kram, der auch noch koordiniert werden will, zu erstellen sind.

Außerdem wollte ich schon immer mal einen Adventskalender auf meinem Blog … 🙂

Die Idee (hier noch mal die ursprüngliche Idee von dergl nachlesen) ist also, dass ihr jetzt während der Etüdensommerpause eine Etüde schreibt und (NICHT öffentlich!!!) an mich schickt (für die, die meine Mailadresse nicht haben: Ich habe ganz neu ein Kontaktformular), die ich im Dezember im Advent dann veröffentliche. Jeden Tag eine, irgendwann früh am Morgen auf meinem Blog, selbstverständlich mit der genauen Angabe, von wem/welchem Blog sie ist. Ihr kennt das. Und selbstverständlich dürft und sollt ihr rebloggen, ich habe dann die Reblogs auf (danke, Sabine!).
Online stellen möchte ich eure Etüden vom 01.12. bis zum 24.12. bzw., wenn genug Leute mitgemacht haben, bis Silvester. Das kommt dieses Jahr optimal hin, da der 1. Dezember gleichzeitig auch der erste Sonntag des Monats ist. (Das heißt auch, dass es im Dezember keine Extraetüden geben wird.)

Auch wenn in der letzten Zeit eher weniger Leute als zwanzig mitgeschrieben haben, sind wir trotzdem doch viel, viel mehr, und alle, die schon mal eine Etüde veröffentlicht haben, sind teilnahmeberechtigt. Daher geht ein Aufruf auch an die, die nicht regelmäßig dabei sind/sein können: JA, DU AUCH! GERN! (Und sollte irgendwer von euch bei „Etüden-Abtrünnigen“ lesen oder kommentieren: Erinnert sie! 🙂)

Sucht euch von den unten stehenden Wörtern drei aus und schreibt damit in bewährter Manier eine Etüde, soll heißen, mit nicht mehr als 300 Wörtern. Sie soll im Herbst/Winter spielen, und mir ist völlig egal, wo (und wann) der stattfindet, auf Alpha Centauri, in der Südsee, in Hamburg-Altona, in Hintertupfingen oder … Weihnachten kann drin vorkommen, muss aber nicht, es darf geliebt, gehasst und gelebt werden wie immer … eine normale Etüde eben.

Zeitrahmen: Ihr habt dafür Zeit vom (So) 21.07. bis (Sa) 31.08.2019, denn am 01.09. starten die regulären Etüden wieder. Sollten mich bis dahin nicht genügend Etüden erreicht haben, denke ich mir noch was aus bzw. komme zum Jammern rum. Sollten mich mehr Etüden erreichen, als der Dezember Tage hat, kann ich entweder a) losen oder b) frei nach Schnauze aussuchen. Sagt mir unbedingt, was euch lieber wäre. (Update: Nein, vergesst das, war hirnrissig. Keine Einsendung wird irgendwie unter den Tisch fallen. Wenn ich weiß, wie viele ich bekommen habe (also nach dem 1. September), dann sehen wir weiter.)

Ich bin ziemlich happy mit dem Ergebnis der Ziehung, weil es sowohl die „Nussallergie“ als auch die „Jungratte“ geschafft haben 🙂. Eigentlich wollte ich uns nur 15 Begriffe anbieten, uns hier ist aber beim Ziehen entgangen, dass sich zwei Zettel ineinander verhakt hatten. Daraufhin habe ich das als ein Zeichen genommen; sie sind jetzt beide drin. Ich glaube, es waren die beiden Herbst-Begriffe.

Für die, die Grafiken nicht aktiviert haben, dies sind die Wörter:

Armut, Bärenfell, Glatteis, Herbstdepression, Herbststurm, Hundegebell, Hunger, Jungratte, Kuscheltier, Nussallergie, Pudelmütze, Schneeflocken, Steinwüste, Teekanne, Weihnachtszauber, Wintersonnenwende

Hab ich noch was vergessen? Gibt es Kritik, gibt es Anmerkungen? „Mag ich / mag ich gar nicht, weil …“? Her damit! Ansonsten, wie immer: Viel Spaß und gute Ideen! Ich freue mich auf eure Geschichten.

So viel zum ersten Teil des Etüdensommerpausenintermezzos, der „Langläufer“. Ich habe euch ja mehrere Teile versprochen. Hier ist der nächste, der erste „Kurzläufer“! Etüdensommerpausenintermezzo 2019-II: Herzen.

 

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Froschkönig revisited | abc.etüden

Es war nicht so, dass er leicht in sein neues altes Leben zurückgefunden hätte.
Gar nicht.
Es war so verdammt still im Haus.
Offensichtlich waren die Einzigen, die etwas von ihm gewollt hatten, seine Tochter und einer seiner Auftraggeber gewesen.
Bisschen wenig für ein paar Monate.
Es nagte an ihm.

Er hatte beide noch nicht zurückgerufen. Was hätte er auch sagen sollen, wo er abgeblieben war? Ein harmonischer Urlaub war das jedenfalls nicht gewesen.

Leicht verloren saß er vor dem Computer und suchte den YouTube-Kanal, in dem er die Wetternachrichten gesprochen hatte. Und staunte nicht schlecht: Da saßen zwei ziemlich bedröppelt vor der Kamera, berichteten von einem Studiounfall und dass er, der geliebte Frosch, seitdem spurlos verschwunden sei. Sie hätten in, hinter und unter jedes Möbelstück und jeden Teppich geschaut, beteuerte Vanessa, und jetzt käme nur noch infrage, dass er vielleicht irgendwie durch den Spalt der Terrassentür ins Freie gelangt sei, obwohl sie sich das nicht vorstellen könnten. Man vermisse ihn jedenfalls total.

Huch? Geld konnte jedenfalls nicht der Grund für diese Gefühlsaufwallungen sein, dachte der gerührte Nicht-mehr-Frosch ziemlich nüchtern, denn sie hatten für ihn keins bekommen. Dumm gelaufen. Jetzt, im Nachhinein, hätte er es ihnen fast gewünscht. Denn er musste zugeben, Tobi war möglicherweise nicht der Hellste, aber sie hatten echt Spaß miteinander gehabt.

Tobi war es auch, der einen Appell an die Zuschauer richtete: „Leute, falls euch in den letzten Tagen ein sprechender Frosch zugehüpft ist, oder, Frosch, falls du mich hörst, ich weiß ja, dass du plietsch bist und immer irgendwie auf die Füße fällst – na ja, bis jetzt: Wir wohnen hinter dem Schwimmbad. Das blaue Haus. Erdgeschoss. Komm zurück! Ihr anderen: Wir zahlen Finderlohn!“

Der Nicht-mehr-Frosch stand auf und griff nach seinen Autoschlüsseln. Er würde gleich mal hinfahren. Auf ein Bier oder so. Warum denn nicht.

 

abc.etüden 2019 28+29 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 28/29.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Gerhard und seinem Blog Kopf und Gestalt und lauten: Füße, harmonisch, wünschen.

Ich konnte es mir nicht verkneifen. Aber jetzt lasse ich ihn in sich gehen, jetzt ist gut … und Sommer sowieso. Wer die Vorläufer noch mal lesen will, weil er*sie nur Bahnhof versteht: hier.

 

Vier Miniaturen | abc.etüden

 

Bis bald, Uroma!

Sie stand in der Tür und sah dem kleinen Mädchen hinterher, das den Weg entlanglief und mit beiden Füßen in eine Pfütze sprang, dass es nur so platschte! Hach, das Leben, die Zuversicht, die Neugierde! Sie wünschte ihr von Herzen, dass alles immer so harmonisch bleiben könnte. Aber das Schicksal würde auch von ihr seinen Tribut fordern. Wie von jedem. Warum auch nicht, es gehörte dazu.

 

Bis bald, Oma!

Sie sah der Frau hinterher, die lachend ihrem kleinen Sonnenschein nacheilte. Ja, so war sie auch gewesen, diese Sicherheit, dass sie auf die Füße fallen würde, was immer auch die Zukunft bereithielte, die hatte sie von ihr. Ob harmonisch oder nicht, das war jetzt nicht so wichtig, alles wollte in vollen Zügen erlebt sein. Ihre Enkelin feierte das Leben, und sie, die Alte, wünschte ihr nichts anderes, als dass sie es auskosten konnte.

 

Bis bald, Mama!

Vom Auto her winkte die ältere Frau zu ihr herüber. Die Tochter war eine, die war schon fast so wie sie. Ihr war klar, dass es nur galt, auf den Füßen zu bleiben, sich nicht aufzugeben, dem, was vor ihr lag, die Stirn zu bieten. Die Waagschalen ihres Lebens waren oft schon in Schieflage geraten. Nun wusste sie sie harmonisch auszubalancieren, und man konnte ihr nur wünschen, dass die Winde des Schicksals sich nie mehr als tückisch erweisen würden, denn sie hatte hart dafür gearbeitet.

 

Bis bald, Schatz!

Er war nicht mehr bei ihr. Als er zum letzten Mal auf die Füße gekommen war, hatte er diese Welt verlassen und sein Schicksal freudig akzeptiert. Sie hatten einige turbulente und viele harmonische Jahre miteinander verbringen dürfen, bis seine Zeit abgelaufen gewesen war. Und sie wünschte sich, dass er sie erwarten möge, wenn sie sich dereinst auf den Weg über die Schwelle machen würde.

 

abc.etüden 2019 28+29 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 28/29.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Gerhard und seinem Blog Kopf und Gestalt und lauten: Füße, harmonisch, wünschen.

Ich wollte schon lange mal was anderes ausprobieren und Gerhards Wortspende eignet sich optimal dazu. Bin gespannt auf eure Meinung.

 

Von Leben und Urlaub

 

Mit der Uhr in der Hand

Wir leb’n in ’ner eiligen, hastigen Zeit
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
Der eine, der schiebt heut’ den andern beiseit’
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand.
Wir dräng’n alle vorwärts, ob Hinz oder Kunz,
sind stets außer uns, und wir komm’n nie zu uns,
denn wir werden mit uns ja nur flüchtig bekannt
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand.

Der Tag, der beginnt schon in eiligem Lauf
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.
Der Wecker, der weckt uns, wir stehen schon auf
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand.
Schnell zieh’n wir uns an, und wir schling’n unsern Schmaus,
der ist noch nicht runter, da treten wir aus
und sitzen selbst dort, an der hinteren Wand
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand.

Wir fahr’n in die Ferien und sitzen am Strand
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.
Erwarten die Post, den geschäftlichen Stand
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand.
Ein Buch mal zu lesen, das wär’ ein Genuß –
wir lesen den Anfang und schau’n nach dem Schluß,
durchblättern den Heine, durchfliegen den Kant
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand.

Die Liebe, die Ehe betreib’n wir als Sport
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand. –
Wir find’n uns, verbind’n uns und – pflanzen uns fort
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand.
Will sie ihn mal küssen, dann stellt er sich froh –
und denkt sich: „Nu mach schon, ich muß ins Büro!“ –
Und er drückt sie ans Herze und küßt sie galant
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand.

So eil’n wir durchs Leb’n ohne Freud und Pläsier
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand. – –
Da, plötzlich, steht einer, ist mächt’ger als wir,
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand.
Der sagt: „Du brauchst nicht auf die Uhr mehr zu sehn,
Denn meine geht weiter, und deine bleibt steh’n – –“
Und er winkt uns hinüber ins andere Land
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand.

(Otto Reutter, aus: Mit der Uhr in der Hand, Couplet, vollständiger Text hier: Online-Quelle), Originalaufnahme von 1928 auf dieser Seite (ca. Mitte))

 

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Denn auf den letzten Teil der Reise.

So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.

(Joachim Ringelnatz, Die Ameisen, aus: Die Schnupftabaksdose, Piper, München 1912, Online-Quelle)

 

Klarer Tag

Der Himmel leuchtet aus dem Meer;
ich geh und leuchte still wie er.

Und viele Menschen gehn wie ich,
sie leuchten alle still für sich.

Zuweilen scheint nur Licht zu gehn
und durch die Stille hinzuwehn.

Ein Lüftchen haucht den Strand entlang:
o wundervoller Müßiggang.

(Richard Dehmel, Klarer Tag, aus: Weib und Welt, Ein Buch Gedichte, Vierte Ausgabe, 1913, Online-Quelle)

 

Ansichten von Büsum 2019 | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, ihr kennt den 1. Teil ja schon

 

Erklärungen: Das Couplet von Otto Reutter war mir zu lang, um es ganz hereinzunehmen. Ich denke, in den paar Strophen ist alles gesagt. Dennoch, siehe Quellenangabe, empfehle ich auch ausdrücklich die Langversion – und wer die Musik aus der Zeit mag, wird die Originalaufnahme lieben.

Dass Ringelnatz’ Ameisen einen Nachsatz haben, war mir bis dato entfallen, aber es scheint Ausgaben zu geben, wo er steht, ich war jedenfalls recht überrascht, ich vermute, ihr auch. Es ist ja nicht gerade ein unbekanntes Gedicht. Und falls sich wer erinnert, ja, in Hamburg-Altona auf der (Elb-) Chaussee steht/stand tatsächlich ein Denkmal mit zwei Ameisen. Da es stark von Vandalismus betroffen ist/war – ich sag da jetzt nichts zu! –, kann ich nicht sagen, ob es sich aktuell noch dort befindet. Ich denk mal dran, wenn ich das nächste Mal in der Gegend bin.

Ja, den Dehmel hatten wir schon mal, ist gar nicht so lange her. NA UND? Ich wollte euch unbedingt meine zweite Arbeit aus/mit den Büsum-Bildern zeigen, und dazu passt es nun mal ziemlich gut …

Achtung, Etüdenschreiber: Habt ihr schon Wörter gespendet? Hier nachlesen!

Kommt gut in die neue Woche!

 

Etüdensommerpausenintermezzo 2019 – Hinter den Kulissen

Unser Etüdensommerpausenintermezzo besteht auch dieses Jahr wieder aus mehreren Teilen, so viel sei jetzt schon mal verraten. Dies ist das Vorgeplänkel zu dem Teil hinter den Kulissen.

Wer hier länger liest und schreibt, erinnert sich vielleicht an die Adventskalender-Aktion, die dergl vorschlug (hier nachlesen). Ich würde die gern aufgreifen, aber ein wenig abwandeln, Details erfahrt ihr nächsten Sonntag.

In guter Etüdensommerpausentradition brauche ich dazu jetzt erst mal Wörter von euch, aber Achtung, es geht um eine Etüde für einen Adventskalender! Ich möchte die Begriffe nicht unbedingt an die Vorweihnachtszeit geknüpft wissen, ich würde aber schon vorschlagen, dass eure Etüde im kühleren Halbjahr angesiedelt ist (ja, damit ist Oktober bis März gemeint). Und es müssen auch nicht zwangsläufig Naturbeschreibungen sein, ich nehme auch so was wie „Schokoladennikolaus“, „Nässe“ oder „Streusalz“.
Ach ja, ich hätte bitte gern nur Hauptwörter/Substantive: Jede*r darf drei, ich lasse später auslosen. Jede*r, der*die bei den abc.etüden schon mal mitgeschrieben hat, ist spendenberechtigt. (Bitte keine Wörter, die wir schon hatten, die Liste ist hier.) Schreibt eure Spende offen in die Kommentare, ich picke sie mir dann raus.

Die Wörterannahme schließt am Freitag, den 19.07., um 20:00 Uhr CEST.
Das Ergebnis lest ihr nächsten Sonntag, dann gibt es noch mehr Erklärungen und den offiziellen Startschuss.

Ich bin wie immer sooooooooo gespannt!

Oh, noch eine Off-topic-Frage: Weiß jemand, ob es eine Möglichkeit gibt, über die Statistik die Einträge mit den meisten Likes herauszufinden? Wie man an die mit den meisten Aufrufen kommt, weiß ich, aber das ist ja nicht deckungsgleich.

 

Etüdensommerpausenintermezzo goes Adventskalender | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

 

Die aktuelle Liste, wird laufend ergänzt:

 

Abdeckplane

Apfelsine

Alpenglühen

Bärenfell

Eisbaden

Eisblume

Eisnebel

Engelshaar

Erkältungsbad

Flockengestöber

Gänsehaut

Geschenkpapier

Glatteis

Graupelschauer

Hagebutte

Herbstdepression

Herbststurm

Holzstapel

Honigeisaufguss

Hundegebell

Hunger

Jungratte

Kälte

Kamin

Kristall

Kuscheltier

Lawine

Nebelschwaden

Nussallergie

Pudelmütze

Rentier

Ruhe

Rumtopf

Schafwolle

Schneebesen

Schneeflocken

Schneekugel

Schneerose

Schwärze

Schweissperlen

See

Steinwüste

Sturmtief

Teekanne

Topfpalme

Torffeuer

Treibjagd

Wachskerze

Wanne

Weihnachtszauber

Windvogel

Winterschlaf

Wintersonnenwende

Wolkenbruch

Zauberelfe

Zimt

 

Vom Leben und vom Meer

 

Was ist des Menschen Denken? 

Was ist des Menschen Denken?
Ein Labyrinth voll Nacht!

Was ist des Menschen Können?
Ach, eines Kindes Macht!

Was ist des Menschen Wissen?
Von Deinem Meer ein Schaum,

Was ist des Menschen Leben?
Ein kurzer bunter Traum!

(Ludwig Bechstein, Was ist des Menschen Denken?, aus: Faustus. Ein Gedicht, Leipzig 1833, Online-Quelle)

 

Die Wasser tragen alles

Die Wasser tragen alles:
Leg’ nur dein Glück darauf!
Sie heben’s wie auf Händen
Zum Sternenlicht hinauf.

Die Wasser tragen alles:
Leg’ auch dein Leid darauf!
Sie tragen’s nach dem Meere
In nimmermüdem Lauf.

(Karl Ernst Knodt, Die Wasser tragen alles, aus: Von Sehnsucht, Schönheit, Wahrheit, 1910, Online-Quelle)

 

Woher? Vom Meer

Woher?
Vom Meer.
Wohin?
Zum Sinn.
Wozu?
Zur Ruh.
Warum?
Bin stumm.

Klabund, Woher? Vom Meer, aus: Das heiße Herz. Berlin 1922, Online-Quelle)

 

Ansichten von Büsum | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst vom Wochenende

 

ZUGABE: Aus aktuellem Anlass wieder mal ein Lieblings-Ohrwurm: Malediva – Fast schon das Meer sehen. Egal, ob ihr es kennt oder nicht: ENJOY!

Wenn man allein ist ist es ganz oft schwer den Lauf der Welt zu drehn
Dann braucht es einen der dir sagt: lass uns noch ein bisschen gehn
Denn von hier und hier von genau da wo wir stehn
Kann man fast schon das Meer sehn.

(Malediva, Fast schon das Meer sehen, Text steht unter dem Video bei YT)

 

 

Kommt gut in die neue Woche!