Wenn nur die Sehnsucht nicht wäre | abc.etüden

Wer annahm, dass Weihnachten das Fest der Liebe war, glaubte vermutlich auch, dass Einhörner Regenbogen pupsten. Er jedenfalls hatte zu viele Weihnachtsfeste nur mit der Rotweinflasche verbracht. Hatte nachts im Fernsehen Frauen angestarrt, die mit transparenten Dessous und später nur noch mit neckischem Nikolausmützchen bekleidet waren, bis ihm die Augen zufielen.

Wenn nur die Sehnsucht nicht wäre.

Natürlich war ihm bewusst, dass der Weihnachtsrummel vor allem deshalb veranstaltet wurde, um die Umsätze nach oben zu treiben. Wen kümmerten da die paar Millionen Menschen, die sich wünschten, dass Weihnachten so schnell wie möglich vorbei ginge – oder besser, gar nicht erst stattfände. Aus Gründen.

Wenn nur die Sehnsucht nicht wäre.

Er hatte sie gekannt, die fröhlichen Weihnachten, hatte gefühlte Unsummen für Frau und Kind ausgegeben, und das gern. Hatte klaglos die ganzen unsäglichen Besuchsarien bei Omas, Opas, Eltern, Tanten und Onkeln und Cousins mitgemacht, hatte sich in den Weihnachtsgottesdienst schleifen lassen, weil man das so tat, und nicht einmal darüber gemeckert, dass es jedes verdammte Jahr immer wieder nur Gans gab. Es hatte sich richtig angefühlt.

Wenn nur die Sehnsucht nicht wäre.

Auf der Seepromenade lauschte er gerade den hervorragenden lettischen Blechbläsern in Nikolausmänteln, als jemand ihm auf die Schulter tippte. Er sah in ein fragendes Gesicht.
„Entschuldigung – Max? Max! Gut siehst du aus!“
„Sanne? Mein Gott. Was machst du denn hier?“
„Urlaub. Bis Dreikönig. Lebst du noch hier?“
Er nickte.
„Wollen wir uns mal treffen? Irgendwo? Nur reden?“
„Gib mir mal deine Nummer.“
„Ist die alte. Hast du die noch?“
Er nickte. „Ich melde mich.“

Wenn nur die Sehnsucht nicht wäre.

Zwei Stunden später spielten die Letten: „Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will.“ Das war zu viel. Etwas zerbrach. Der Kummer hatte sein Herz die ganzen Jahre bluten lassen, er konnte genauso gut etwas wagen. Entschlossen griff er zum Handy.

 

2018 51+52 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 51/52.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von dergl und lauten: Regenbogen, transparent, bluten.

 

Falls sich wer fragt, wer da spricht, es ist mein „Wassermaler“ (hier und hier lesen), er lebt an der Ostsee, Sanne ist seine geschiedene Frau, sie hatten eine Tochter, die tragisch gestorben ist …
Oh, und besagte Letten (aus Riga, hab leider kein Foto) stehen zurzeit auf dem Hamburger Weihnachtsmarkt am Rathaus. Ein Genuss.

 

 

Sollten wir uns nicht mehr lesen, wünsche ich euch besinnliche und frohe Feiertage! Dieser Blog macht keine Weihnachtsferien, befindet sich jedoch ab Heiligabend (und den Montagsgedichten) häufiger im Außer-Haus-Modus.

 

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Von Dezember und Weihnachten

 

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

(Rainer Maria Rilke, Advent, aus: Erste Gedichte/Advent, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Es gibt so wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
uu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

(Rainer Maria Rilke, Es gibt so wunderweiße Nächte, aus: Erste Gedichte/Traumgekrönt, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Bürgerliches Weihnachtsidyll

Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Ein Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich.
O Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da komm ich nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannebaum! O Tannebaum!

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprungen!
Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!

(Klabund, Bürgerliches Weihnachtsidyll,  aus: Die Harfenjule, 1927, Online-Quelle)

 

Und kämest Du wieder

Und kämest Du wieder,
Kleinbübelig, arm und gerade so
Landfahrender Leute Kind im Stroh
Wie in jener alten, blitzenden Nacht,
Und es nähm’ Dich ein Geißlein zuerst in acht,
Dann ein Melkbub und dann eine Hirtenmagd,
Und es hält’ in der großen, allweisen Stadt
Ein Senne, der Milch zu vertragen hat,
Dein erstes Grüßchen angesagt;
Meinst Du nicht, es klänge im alten Ton:
„Das ist ja doch nur des Zimmermanns Sohn!“

Und kämest Du wieder,
In den Zeitungen wär’ beim Vermischten zu lesen:
„Eine Frau ist von einem Knäblein genesen,
Das munter wie alle Bübchen ist;
Sie aber nennen es den Heiligen Christ!“ –
Und von hoher Kanzel würd’ heilig gewarnt:
„Passet auf, dass der Schwindel euch nicht umgarnt!“
Und von der obersten Polizei
Kämen sicher schnauzwirbelnde zwei oder drei
Und schnarrten: „Auf ollerhöchsten Befehl
Muss Euer Junge in Staatskuratel.“ –

Und kämest Du wieder,
Die da sitzen in Gold und Kranz und Schrift,
Die Dein Pochen um Einlass am lautesten trifft,
Sie stopften die Ohren, sie brüllten Dich nieder,
Besudelten, schlügen Dich, kreuzigten wieder

Und stemmten sich hart aufs versiegelte Grab,
Und nur ein paar Fischer, ein paar Fabrikler,
Verschupfte und Sieche und Straßenpickler
Und die Kinder auch knieten vor Dir ab.
Doch die übrige Welt würd’ nicht reiner und runder
Durch tausend Jahre und tausend Wunder.

Und kämest Du wieder!
Doch Du hast an der einen Weihnacht genug,
An einem Kreuz, woran man Dich schlug.
Man hat Dich gesehen und gehört und gesuhlt
Wie eine Sonne, die brennt, wie ein Meer, das kühlt.
Und es funkelt davon und kühlet noch immer
Durch alle vielwinkligen Erdenzimmer,
So das nur die wollenden Tauben und Blinden
Deine seligen Spuren noch heute nicht finden.
Sie sind kein zweites Christkind wert.
Ihr Los ist Christus mit dem Schwert.

(Heinrich Federer, Und kämest du wieder, aus: Ich lösche das Licht, 1930, Online-Quelle)

 

Krippenfigur Christkind | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Auf zum (vorweihnachtlichen) Endspurt?! Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwoche 51.52.18 | Wortspende von dergl

Es ist so weit, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, Weihnachten und damit das Jahresende naht. Erfreulich wenige Blogs (auf denen ich lese) haben sich bisher in mehr oder weniger stimmungsschwangeren Jahresrückblicken geübt – und ich werde bestimmt nicht damit anfangen. Dennoch hatte ich angekündigt, dass die Etüdenneuerungen erst mal bis Weihnachten gelten, also sollte/möchte ich über deren Fortlaufen ein paar Worte verlieren.

1. Wie geht es weiter?
Wenn ihr nicht vehement protestiert, so wie gehabt. Bei mir hat die Umstellung viel Stress rausgenommen. Ich mag die Sache mit den 300 Wörtern als Obergrenze und möchte nicht zurück. Und auch der 14-tägige Rhythmus kommt mir momentan sehr entgegen.

2. Also bleibt alles, wie es war?
Äh, nein. Ich würde gern festlegen, dass die regulären Schreibeinladungen für die Etüdenwörter (also das, was ihr gerade lest) jeweils am 1. und am 3. Sonntag des Monats erscheinen. Ab und an haben Monate allerdings 5 Sonntage. Der Dezember ist so einer – der 30. Dezember ist der 5. Sonntag. (Der nächste ist Ende März.) Dann gibt es einen Aufruf zu Extraetüden, dann tanzen die Etüden eine Woche lang aus der Reihe. Lasst euch überraschen!

3. Wortspenden
Wörter darf spenden, wer mit dem Erscheinen dieser Schreibeinladung zwei Etüden zur laufenden Saison beigetragen hat und seinen Wunsch bekundet hat, Wörter spenden zu wollen. Auf meiner Liste sind dafür eingetragen: Anna-Lena, Bernd, Bettina, dergl, Elke H. Speidel, Frau Flumsel, Frau Vro, Gerda, Jaelle Katz, m.mama, Myriade, Natalie, Nina, Petra Schuseil, René, Rina, Ulli, Viola, Werner Kastens, Yvonne. Wenn ich eine*n von euch runternehmen soll, sagt bitte Bescheid. Sollte ich wen vergessen haben, bitte ebenfalls brüllen! Pronto!

Nachfragen möchte ich bei Agnes, Isabel und dem werten Herrn fraggle, unserem Neuzugang (hurra!). Wenn ihr in die Reihe derer, deren Namen in den Topf für die Ziehung kommen, aufgenommen werden möchtet, dann hinterlasst mir doch bitte bis inklusive Mittwoch (19.12.) einen Kommentar. Dies dient auch (aber nicht nur) den Regeln der DSGVO, damit sei euch nämlich dann bekanntgegeben, dass ich eure Mailadresse speichere, um euch ggf. anschreiben zu können.

4. Ziehung der Wortspender
Der Fellträger findet es zwar nett, dass ich mir so viel Mühe gebe, dass er mit den leeren (und wegen Katzen-Leckerli klappernden) Ü-Eiern spielen soll, die gelben Plastikteile interessieren ihn aber immer noch null.

Fellträger mit Ü-Eiern | 365tageasatzaday

Daher werde ich die Ziehung einem befreundeten Menschen übertragen – und sie wird relativ bald stattfinden. Die nächste „Saison“ geht bis Ostern (= 8 reguläre Termine), den ersten Termin schenke ich Ludwig, unserem Etüdenerfinder, zu Weihnachten (hallo, Ludwig!), also bleiben noch 7 Leute, die gezogen und dann von mir angeschrieben werden (irgendwann zwischen den Jahren, ich hoffe, ihr schaut dann nach euren Mails).

5. Illustrationen
Ludwig liest zwar ab und an bei uns mit, hat aber momentan keine Lust auf Bloggedöns. Also kümmere ich mich weiter darum.
Ein Wort zu den Weihnachtsillustrationen: Ich gehe nicht davon aus, dass die Anzahl der Etüden Rekorde brechen wird, schließlich ist Weihnachten. Als ich die Illus erstellt habe, konnte ich aber irgendwie die Finger nicht davon lassen, daher sind es so viele. Und bitte: Ich will auch eure hässlichen Etüden, die unfrohen, die dunklen, die mit dem Knoten im Herz, die mit Blut und Gift und bösen Worten. Die haben genauso ihre Berechtigung wie das heitere glockenklingende White-/Last-Christmas-Gedöns mit Schnee und Gänsebraten und Happy-family-Kitsch.
dergl hat dankenswerterweise sehr vielseitige Wörter dafür gefunden.

6. Statistik
Bald ist Weihnachten, die Leute haben Besseres/anderes im Kopf, als Etüden zu schreiben. Wundert es wen? Ich finde es dennoch erstaunlich, dass 17 Blogs 35 Etüden eingereicht haben. Das ist echt nicht viel weniger als vor 14 Tagen. Danke dafür! Und wir haben noch einen Neuzugang zu verzeichnen, nämlich den wertgeschätzten Herrn fraggle, dessen Blog ich schon ziemlich lange folge, weil er extrem gute Rezensionen schreibt und bei ihm selbst die manchmal recht drögen „Freitagsfragen“ zu Highlights meines Tages geraten. Willkommen in unserer Runde, mögest du festwachsen und deine Etüdenideen blühen und gedeihen!

Hier kommt also erst mal die Liste zum Nachlesen. Irgendwas falsch? Hab ich wen/was vergessen? Bitte sagt Bescheid!

dergl auf Die Tinterkleckse sehen aus wie Vögel: hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier, hier und hier
Werner Kastens hat in den Kommentaren mehrere PDFs eingeliefert: hier, hier und hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier, hier und hier
Frau Vro auf vro jongliert: hier,  hier und hier
Jaelle Katz auf Jaellekatz: hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
René auf From a friend of Friends or How Überweiss changed my life: hier
Frau Flumsel auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier
fraggle auf reisswolfblog: hier und hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier, hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier, hier und hier
m.mama auf Mein Name sei MAMA: hier, hier und hier

Nachzügler:
Rina auf Geschichtszauberei: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier
Natalie aus dem Fundevogelnest: hier

 

Vielen Dank allen, die mitgeschrieben, und denen, die mitkommentiert haben! Ich freue mich sehr, dass ihr die Etüden und damit meinen Blog immer wieder anlauft …

7. Die neuen Wörter
Die Wortspende für über Weihnachten, für die Textwochen 51/52 des Schreibjahres 2018, stiftete dergl von Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel. Ihre Wörter lauten:

Regenbogen
transparent
bluten.

 

Der Etüden-Disclaimer: Die Headline heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, das wäre doch schade, oder?
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright.
Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Die erste Ausgabe der Extraetüden gibt es am 30.12.2018, die nächsten (regulären) Wörter am 06. Januar 2019. Euch viel Spaß und erst mal gelungene Festtage! Ich hoffe, dass es euch allen gut ergeht und ihr gut und möglichst fröhlich und mit möglichst wenig Blessuren welcher Art auch immer über die Runden kommt!

 

2018 51+52 | 365tageasatzaday

 

2018 51+52 | 365tageasatzaday

 

2018 51+52 | 365tageasatzaday

 

2018 51+52 | 365tageasatzaday

 

Wahrheit | abc.etüden

Lumi ist abgehauen in Richtung Wald (hier lesen), weil ihre Tante so nervt. Sie will zur Familienblockhütte und begegnet dort dem geheimnisvollen Keijo (hier lesen), der ihr das Raureifproblem damit erklärt, dass ihr Vater ein Elf wäre (hier lesen) …

***

„Was?“ Sie entriss ihm die Hände, sprang auf und wich ein paar Schritte zurück. „Mein Vater war was? Du spinnst! Es gibt keine Elfen!“
„Lumi!“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und musterte den Boden um ihre Füße böse, auf dem sich bereits nasskalt-frostig ein Raureifkreis abzeichnete. „Ich habe ja wohl jedes Recht, mich aufzuregen!“
„Hast du. Es war für mich auch ein Schock. Ich wusste bis dahin nicht mal, dass ich adoptiert war.“
Plötzlich tat er ihr leid. „Wusste ich immer. Okay. Erzähl von meinem Vater.“
„Elfen leben in einer anderen Art Welt, es ist so, als ob sie zusätzlich zu unserer noch eine Dimension mehr hätten. Frag mich nicht, wie das geht, sie antworten darauf nicht. Obwohl sie besondere Fähigkeiten haben, sehen sie eigentlich so aus wie wir auch. Das Problem ist bloß, wenn Menschen und Elfen aufeinandertreffen, verlieben sie sich oft fürchterlich ineinander.“
„Ja, und?“
Er verzog das Gesicht. „Die Kinder, Lumi. Wenn dabei Kinder rauskommen, überleben entweder die Mütter oder die Kinder die Geburt nicht. Es gibt da irgendetwas, was nicht passt. Genetisch, was weiß ich. Hat noch keiner herausgefunden. Du und ich, wir sind beide bei Menschenfamilien gelandet, weil unsere elfischen Verwandten ihren verlorenen Familienmitgliedern nachgetrauert haben und sich nicht zutrauten, uns artgerecht aufzuziehen.“
Sein Lächeln saß schief.
„Liebe ist ihnen kostbar, Lumi. Sie leben länger als wir, bleiben immer im Verborgenen. Aber trotz all dieser Liebe erinnern wir Kinder sie natürlich ständig an ihren Verlust.“

„Ich muss darüber nachdenken, Keijo“, sagte sie leise. „Und jetzt will ich heim. Bringst du mich ein Stück?“
„Klar.“ Er hatte genauso wenig eine Jacke an wie sie und beide lächelten unwillkürlich.

Das Letzte, was sie von ihm sah, nachdem sie sich getrennt hatten, war, wie er an einen Winterbaum, eine Birke, gelehnt dastand und ihr Winken erwiderte.

 

2018 49+50 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 49/50.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Elke H. Speidel und lauten: Winterbaum, nasskalt, nachtrauern.

 

Eröffnung | abc.etüden

Jaaa, hat ein bisschen gedauert mit der Auflösung des Cliffhangers, sorry. Erinnert ihr euch noch?

Also, Lumi (hier lesen) ist abgehauen in Richtung Wald. Sie will zur Familienblockhütte und begegnet dort Keijo (hier lesen), der angesichts ihres Raureifproblems sagt, da habe er sie ja gerade noch rechtzeitig gefunden …

 

***

 

Erst mal hatte Lumi seinen Ton satt.

Rechtzeitig heißt?“, pampte sie zurück. „Bevor ich das ganze Haus in eine Eiswüste verwandele?“
Keijo nickte, aber sie sah den Schalk in seinen Augen tanzen. „Genau, wie im Kino. Alles, was du anfasst, ERSTARRT“, raunte er, „du machst aus Badeseen Eisbahnen, indem du die Hände reinhältst, und du musst im Hochsommer nur irgendeinen Baum berühren, damit er alle Blätter abwirft und aussieht wie ein schockgefrosteter Winterbaum!“
„Hör auf, das ist nicht witzig!“, brüllte sie ihn an und hätte am liebsten geheult.
Er lachte und hielt ihr beide Hände hin. „Fass an, du Eisklotz. Na los, mach schon!“

Sie waren warm. Richtig warm. Sie sah ihn verwirrt an.

„Und das heißt? Oder ist das wieder nur so ein Trick?“
Er schüttelte den Kopf. „Das mit dem Raureif passiert, wenn du dich aufregst. Ich wette, du kannst stundenlang bei so nasskaltem Wetter wie jetzt nur mit einem Pulli draußen herumrennen, ohne dass du dich erkältest?“
„Ja.“
„Für Leute wie uns ist das normal, Lumilein. Es kommt immer irgendwann in der Pubertät. Und es geht von alleine wieder weg.“
„Nee, echt?“
„In deinem Körper balanciert sich was aus. Kälteunempfindlich bleibst du vermutlich, aber das ist hierzulande ja nicht gerade von Nachteil. Bekommst du im Sommer in der Sonne Kopfweh?“
„Schon immer. Kann man das steuern, das mit dem Raureif?“
„Wenn du unterdrücken meinst, nein. Falls es bei dir so bleibt, hatte ich es erheblich schlimmer als du.“
„Okay.“

Sie schwieg, fasste einen Entschluss. Die Blicke zweier klargrüner Augenpaare kreuzten sich.

„Komm mir nicht damit, dass ich den guten alten Zeiten nachtrauern werde, als ich noch jung und unwissend war“, sagte sie. „Du weißt, was mit mir los ist, oder jedenfalls tust du so. Was ist es?“

Er atmete tief durch.

„Lumi, dein Vater war ein Elf.“

 

2018 49+50 | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Für die abc.etüden, Woche 49/50.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Elke H. Speidel und lauten: Winterbaum, nasskalt, nachtrauern.

 

Vom Trauern und Advent

 

Letzte Bitte

Lege deine Hand auf meine Augen,
daß mein Blut wie Meeresnächte dunkelt:
fern im Nachen lauscht der Tod.

Lege deine Hand auf meine Augen,
bis mein Blut wie Himmelsnächte funkelt:
silbern rauscht das schwarze Boot.

(Richard Dehmel, Letzte Bitte, aus: Erlösung, Berlin 1898, 2. Auflage, S. 310, Online-Quelle)

 

Das Ende wird so wie der Anfang sein

Das Ende wird so wie der Anfang sein:
Wir werden gehn, wie wir gekommen.
Wie man im Traum durch fremde Wege schreitet,
Auf nackter Heide, endlos hingeweitet.
Ein Fünkchen flackert, geisternd hergeschwommen,
Gelb, tanzend, quirlend, leis und heiß erglommen –
Wie du auch zweifelst, du vertraust dem Schein.

Du gehst mit ihm, dir ist nicht mehr so schwer.
Dir ist, als ob dich große Flügel decken,
Als ob du stiegst und fühltest nicht das Steigen,
Als ob du schwiegst und redetest im Schweigen,
Als ob dich, nachtbeklemmt, Gesichte schrecken,
Als ob dich früh am Morgen Lerchen wecken –
Doch, was du siehst, ist nicht die Erde mehr.

(Gustav Schüler, Das Ende wird so wie der Anfang sein, vermutlich aus: Meine grüne Erde, 1904/1925, Online-Quelle)

 

Die hohen Tannen atmen heiser

Die hohen Tannen atmen heiser
im Winterschnee, und bauschiger
schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.
Die weißen Wege werden leiser,
die trauten Stuben lauschiger.

Da singt die Uhr, die Kinder zittern:
Im grünen Ofen kracht ein Scheit
und stürzt in lichten Lohgewittern, –
und draußen wächst im Flockenflittern
der weiße Tag zur Ewigkeit.

(Rainer Maria Rilke, Die hohen Tannen atmen heiser, aus: Erste Gedichte/Gaben an verschiedene Freunde, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Gefrorenes Gänseblümchen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Für alle, die jetzt denken, nanu, was ist denn das, denen sei gesagt, dass heute jemand Geburtstag hätte, um den ich trauere. Es ist nicht mehr diese wilde, alles zerreißende Trauer, aber er bleibt unvergessen – und ich habe kein Gedicht, von dem ich absolut sicher wüsste, dass es ihm gefallen hat, und ich mag in diesem Rahmen keine Schnipsel der „Big Bang Theory“ verlinken  ;-)

Kommt gut in die neue Woche!

 

Alltag | Dezember

Letztes Wochenende war es wieder so weit: Ulli rief dazu auf, Einblicke in unseren Alltag zu zeigen. Sie lädt ein, „… einmal im Monat, ein Jahr lang, jeweils zum ersten Wochenende eines Monats, ein Bild, einen Text, ein Musikstück mit dem Thema „Alltag“ vorzustellen.“

 

Quelle: Ulli Gau

 

Ich habe lange überlegt, was ich dieses Mal zeigen wollte, und mich dann für meine neueste Lieblingsbeschäftigung entschieden: Apfelbrot backen. Gehört momentan als Genussfaktor zum Alltag. Ich bin nämlich eher kein vorweihnachtlicher Plätzchenbäcker, ich bin eigentlich sogar ein ziemlicher Selten-Bäcker, aber ich habe zu dieser Jahreszeit verstärkt das Bedürfnis nach etwas Simplem, Selbstgemachtem. Apfelbrot also, ich liebe Äpfel. Und wenn es aufgegessen ist, backe ich neu.

 

Apfelbrot

 

750 g Äpfel (geschält und geputzt, möglichst sauer, ich: Boskoop)
200 g Zucker
(ich: normaler Kristallzucker)
200 g Rosinen
(ich: Sultaninen)
200 g Mandeln, gemahlen
(ich: gemahlen gekauft)
500 g Mehl
(ich: ordinäres Typ-403-Weizenmehl)
1 Pck. Backpulver
2 EL Kakao

1 TL Zimt
(gemahlen)
1 Messerspitze Nelken
(gemahlen)
1–2 EL Rum
(gelingt auch ohne)

 

Vorbereiten: Äpfel schälen und raspeln (siehe Bild), ich nehme dafür eine grobe Haushaltsreibe. Mit dem Zucker bedeckt etwa 3 Stunden stehen lassen, um Saft zu ziehen. (Wichtig! Zeit unbedingt einhalten! Es gibt Rezepte, da werden ungeschälte Äpfel verwendet und die Ruhezeit beträgt 12 Std./“über Nacht“. Noch nicht probiert.)

 

Making of Apfelbrot 1 | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Danach vermische ich die „nassen“ und die „trockenen“ Zutaten erst mal getrennt voneinander, also in einer Schüssel Mehl, Backpulver, Kakao, Zimt und Nelken, in der anderen Äpfel, Zucker, Mandeln und Rosinen. Das geschieht nur, damit sich alles wirklich gut mischt, speziell die trockenen Zutaten, schließlich soll das Brot hinterher aufgehen – und wenn die Äpfel dazukommen, braucht man einen Knethaken, dann wird es mühsam. Die Äpfel sollten nach den drei Stunden relativ kräftig Saft gezogen haben, das Mischen der „nassen“ Zutaten daher kein großes Ding sein. Danach füge ich beides zusammen und knete gut durch (Bild unten). So ungefähr sollte es aussehen. Wenn der Teig zu wenig geschmeidig sein sollte, kippe ich den Rum dazu. (Nur für die besondere Note geht natürlich auch.)

 

Making of Apfelbrot 2 | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Backen: Teig in gebutterte Kastenform füllen (Bild) und im vorgeheizten Ofen bei 180 °C (Ober- und Unterhitze!) ca. 60–80 Minuten backen. Das Brot geht noch auf, bleibt aber dennoch relativ kompakt und feucht, das ist der eigentliche Effekt der Äpfel (Bild).
Hier muss man für den eigenen Ofen das goldene Mittelmaß zwischen „zu nass“ und „außen verbrannt“ finden. 60 Minuten ist bei mir die Untergrenze, danach habe ich eine wachsame Nase Richtung Küche. Stäbchenprobe! (Bild)

Je nach Geschmack mit Butter (und z. B. Johannisbeergelee) bestreichen.

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Variante: 100 g gemahlene, 100 g blanchierte Mandeln, macht das Aussehen im Teig interessanter; Haselnüsse (gemahlen)

Kalorien: Also, was an Zutaten reingeht, hat Pi mal dicken Daumen 5.000 kcal. Ich bekomme ein Apfelbrot von ca. 1.600 g raus und kann euch nicht sagen, wie viele Scheiben es gibt. Wiegt im Zweifelsfall selbst. 100 g hätten nach dieser Rechnung 312,5 kcal.

Feedback: Es gab bisher keine*n, der/dem mein Apfelbrot nicht geschmeckt hat (man sieht ja, was übrig bleibt), ich habe aber auch schon gehört, dass es „nicht sehr nach Äpfeln schmecken“ würde. Stimmt. Es ist ein Brot; die Äpfel machen den Teig locker und feucht, wer ausgeprägten Apfelgeschmack sucht, sollte über die Herstellung eines Apfelkuchens nachdenken.

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Bemerkung: Das Brot steht und fällt (erst mal) mit den Äpfeln. Eher süße Äpfel ziehen viel mehr Saft, eher mürbe zerfallen beim Raspeln, die Konsistenz bildet sich hinterher im Teig deutlich ab. Bei den beiden oberen Bildern ist das erste von der heutigen Partie (mit Boskoop; zu früh angeschnitten, war noch heiß, ich denke, wenn es durchgekühlt gewesen wäre, wäre das anders gewesen, aber was solls, im Winter sind die Tage kurz), das andere (mit der angeschnittenen Scheibe) von der davor, da hatte ich als Äpfel Red Jonaprince ausprobiert. Beide Apfelbrote sind übrigens mit Haselnüssen gemacht, und heute habe ich noch ein halbes Päckchen Lebkuchengewürz zusätzlich verbacken. Geschmackstest steht noch aus, da ich aber Zimtfan bin, fürchte ich mich nicht.

Ich wäre neugierig auf eure Erfahrungen, ich bin sicher, dass ihr zum Teil mit anderem Mehl und mit anderem Zucker backen werdet – und vielleicht hat ja auch eine*r was zum Über-Nacht-mit-Schale-ziehen-lassen zu sagen. Das Rezept habe ich übrigens ursprünglich hier gefunden, und es hat ziemlich lange gedauert, bis ich raushatte, dass man die Temperaturangabe NICHT für Umluft halten sollte.

 

Vom Dezember und Advent

 

Weihnachtsabend

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
„Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:
„Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn Unterlass;
Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfasste mich die Angst im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein
Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

(Theodor Storm, Weihnachtsabend, 1852, Online-Quelle)

 

Der Abend kommt von weit gegangen

Der Abend kommt von weit gegangen
durch den verschneiten, leisen Tann.
Dann preßt er seine Winterwangen
an alle Fenster lauschend an.

Und stille wird ein jedes Haus;
die Alten in den Sesseln sinnen,
die Mütter sind wie Königinnen,
die Kinder wollen nicht beginnen
mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen
nicht mehr. Der Abend horcht nach innen,
und innen horchen sie hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Der Abend kommt von weit gegangen, aus: Erste Gedichte/Gaben an verschiedene Freunde, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne

Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne
Und beleuchtet grübelnd die Nacht und die Ferne.
Da sind Zimmer, in denen Weingläser lachen,
Zimmer, wo Gedanken sich zu Büchern machen,
Zimmer, wo Hände gerungen beten,
Zimmer, wo Füße das Leben zertreten.

Da leuchten Zimmer rot, als ob sie bluten,
Kahle, wo die Not pfeift mit eisigen Ruten,
Blaue, die unklar im Mondschein schweben,
Graue, die in Sack und Asche leben.

Still leuchten die Zimmerlaternen, die bunten,
Alle locken die Blicke herauf von unten;
Sie locken in des Lebens Gänge hinein,
Und alle wollen Bühnen zum Liebesspiel sein.

(Max Dauthendey, Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne, aus: Der weiße Schlaf, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 415)

 

Verschneite Kleinstadt | 365tageasatzadaQuelle: Pixabay

 

Es ist ein Kreuz mit dieser Jahreszeit, also dem Advent und den Tagen vor Weihnachten, gedichtetechnisch gesehen. Entweder ist die Welt in den Gedichten schon fast unerträglich heil, oder es liegt Schnee. Letzteres ändert sich vielleicht vor Weihnachten zwar noch und macht damit den Kitschanspruch perfekt, ersteres ist heutzutage viel zu oft einfach unrealistisch und befördert nur den Weihnachtskitsch. Klar, mag ich auch. Manchmal. Ich blicke schließlich auch auf viele Kinder-Kitsch-Weihnachten zurück. Ich versuche hier also einen Spagat, und weiß eigentlich jetzt schon, dass ich meinen eigenen Wünschen nicht gerecht werden werde: Ich hoffe, ihr mögt meine Auswahl trotzdem. Die Verklärung ist in den modernen Gedichten übrigens längst nicht mehr so – aber die darf ich nicht zitieren, da ich hier ja auf die geltenden Urheberrechte achte, und deren Verfasser in der Regel noch keine 70 Jahre tot sind. Ja, phhhhh, genau.

Das Bild zeigt laut der Stichworte bei Pixabay übrigens Schiltach im Schwarzwald.

Kommt gut in die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwoche 49.50.18 | Wortspende von Elke H. Speidel

Dass der Dezember nicht unbedingt mit Schnee einhergeht, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, wissen wir ja alle inzwischen, zumindest wir hier im Norden Deutschlands können ein leidvolles Lied davon singen. Ich habe nichts dagegen, wenn es überhaupt regnet, es fehlt immer noch an Wasser vom Himmel, nur vor Weihnachten habe halt auch ich dekorativen Kitsch im Hirn. Das soll euch aber nicht davon abhalten, wahrhaftige und bitterliche Etüden zu schreiben, wenn ihr mögt! Gelogen wird vor Weihnachten bestimmt so viel wie an Weihnachten, also nur zu!

Zur Statistik der letzten beiden Wochen: Bettina, „deine“ Wochen führen nach wie vor, wir konnten sie nicht schlagen. 17 Blogs haben 36 Etüden eingereicht. Und dieses Mal liegen, was die Anzahl angeht, weder Gerda noch Werner an der Spitze, sondern (erfreulicherweise) Frau Flumsel, die fünf Etüden abgeliefert hat, gefolgt von Werner, René (hey, René!) und mir mit jeweils drei.

Ihr wollt die Liste? Hier. Irgendwas falsch? Hab ich wen/was vergessen? Bitte sagt Bescheid!

dergl auf Die Tinterkleckse sehen aus wie Vögel: hier und hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier und hier
René auf From a friend of Friends or How Überweiss changed my life: hier, hier und hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
m.mama auf Mein Name sei MAMA: hier, hier und hier
Frau Flumsel auf Wortgeflumselkritzelkram: hier, hier, hier, hier und hier
Werner Kastens hat in den Kommentaren mehrere PDFs eingeliefert: hier, hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier, hier und hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier
Frau Vro auf vro jongliert: hier,  hier und hier
Agnes auf Agnes Podczeck: hier und hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier und hier
Yvonne auf umgeBUCHt: hier
Gerda auf GERDA KAZAKOU: hier

Nachzügler:

Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier
Natalie aus dem Fundevogelnest: hier

 

Vielen Dank allen, die mitgeschrieben, und denen, die mitkommentiert haben! Von euch leben die Etüden (auch), ihr wisst das, ich wollte es nur noch mal sagen …

 

Die neuen Wörter für die Textwochen 49 und 50 des Schreibjahres 2018 stiftete Elke H. Speidel von Transworte auf Litera-Tour. Sie lauten:

Winterbaum
nasskalt
nachtrauern.

 

Der übliche Etüden-Disclaimer: Die neue Headline heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die Liste, und das wäre doch schade, oder?
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright.
Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Die nächsten Wörter gibt es am 16. Dezember. Euch viel Spaß und zwei inspirierte Wochen! Und – natürlich – einen schönen 1. Advent euch, oder, falls ihr es mit dem Gedöns nicht so habt, einen schönen Sonntag!

 

2018 49+50 | 365tageasatzaday

 

2018 49+50 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay und ichmeinerselbst, Bearbeitung von mir

 

 

Im Blockhaus | abc.etüden

Okay, okay, nachdem René ein gutes Wort für Tante Kristina eingelegt hatte, hatte ich die Überleitung …

Also, Lumi (hier lesen) ist abgehauen in Richtung Wald. Sie will zur Familienblockhütte …

 

***

 

Sündig, pah! Die hatten Sorgen! „Das kann so nicht weitergehen!“, äffte Lumi ihre Tante im Stillen nach. Dabei gab es da wirklich jemanden, der ihr nicht aus dem Kopf ging. Aber nicht so!

Gelegentlich hatte Lumi beim Herumstreifen im Wald einen Mann gesehen. Groß, schlank und sofort wieder verschwunden wie ein Geist. Und er hatte lange Haare, die genauso waren wie ihre.
Alle mochten sie zu Hause, aber keiner sonst war so wie sie.
Sie musste unbedingt mit ihm sprechen, bloß wie?

Es dämmerte bereits. Sie zog den Schlüssel für die Hütte aus ihrer Tasche und erstarrte fast augenblicklich. ER lehnte an der vom Wind abgewandten Seite und beobachtete sie. Sie wusste nicht, ob sie schreien oder lieber weglaufen sollte. Er sagte irgendwas, was sie nicht verstand, und sie schüttelte langsam fragend den Kopf.
„Ah, sorry.“ Er sah sie entschuldigend an. „Ich hab dich wohl verwechselt. Darf ich näher kommen?“
„Klar.“ Cool bleiben, Lumi!

Sie stieß die Tür der Familienblockhütte auf und ging hinein. Als sie sich zu ihm umdrehte, stand er im Türrahmen. Abendlicht fiel auf sein Gesicht. Ein Schock durchfuhr sie so heftig, dass sie nach der Stuhllehne griff. Klargrüne Augen, weißblonde Haare, durchscheinend helle Haut. Maximal ein paar Jahre älter als sie. Ihr kam es vor, als ob sie in einen Spiegel schauen würde. Er hätte ihr Zwilling sein können.

„Wer bist du?“, keuchte sie.
„Keijo. Und du?“
„Lumi.“
Er nickte.
„Wir sehen voll gleich aus!“, platzte es aus ihr heraus.
„Ich bin möglicherweise dein Bruder“, sagte er aufreizend gelassen.

Verdammt, was? Bei dem Versuch, sich festzuklammern, verrückte sie den Stuhl ein Stück. Die ganze Lehne überzog sich prompt mit Raureif. Ihr neuestes Problem. Aber nicht mal das schien ihn zu irritieren.
„Sieht so aus, als hätte ich dich gerade noch rechtzeitig gefunden“, stellte er fest.

 

2018 47+48 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier), Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 47/48.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Yvonne und lauten: Raureif, sündig, verrücken.

Ja, ja *kicher*, böser Cliffhanger, ich weiß. Nächste Woche geht es weiter!

 

Lumi | abc. etüden

„Es ist egal, wie du es entschuldigst, es ist sündig!“ Kristina sah ihre jüngere Schwester strafend an. „Ich bin sicher, dass es gottgefällig war, dass du sie aufgenommen hast, nur ist sie jetzt fast erwachsen. Das kann so nicht weitergehen!“

Hanna senkte den Blick auf den Küchentisch. Sünde war Quatsch, ihre Schwester lief zu oft in die falsche Kirche. Okay, das Mädchen, das vor Jahren plötzlich vor ihrer Tür aufgetaucht war, war tatsächlich besonders. Sehr helle Haare, ebensolche Haut, klargrüne Augen. Das einzige Wort, das sie beherrscht hatte, war „Lumi“ gewesen, worauf sie schließlich getauft worden war. Ihre ganze Familie hatte sie sofort in ihr Herz geschlossen und sich darum gerissen, ihr das Sprechen beizubringen.

Wenn da bloß nicht dieser Hang gewesen wäre, immer allein draußen sein zu wollen. Seit Neuestem bettelte sie ständig, im Familienblockhaus im Wald übernachten zu dürfen. Auch jetzt noch.
Im November.
In der ungeheizten Hütte.
Klar, dass Leute wie Kristina denken mussten, es stecke etwas anderes dahinter … oder jemand.

Vier Kinder hatten Hanna gelehrt, wie wichtig es war, die eigenen Grenzen regelmäßig zu überprüfen und gegebenenfalls zu verrücken. Sie war überzeugt davon, dass Männer das Letzte waren, was Lumi interessierte. Ihr Geheimnis umgab sie, und Hanna war sich nicht mal sicher, ob ihre Ziehtochter selbst es kannte.

„Du musst sie einsperren, wenn sie mit dem Herumstreunen nicht aufhört“, befand ihre Schwester, „man hat sie spätnachts im Wald gesehen, die Leute reden schon.“
„Pst, sprich doch leise“, zischte Hanna, die genau wusste, dass Kristinas laute Stimme bis in Lumis Zimmer durchdringen würde, „sie kann uns …“

Aber es war bereits zu spät. Die Haustür krachte ins Schloss und sie sahen dem in Richtung der Bäume davoneilenden Mädchen nach. Jeder von Lumis Schritten hinterließ sekundenlang Raureifkreise auf der Wiese. Hanna lief es kalt den Rücken hinunter.

 

2018 47+48 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier), Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 47/48.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Yvonne und lauten: Raureif, sündig, verrücken.

„Lumi“ ist ein finnischer Frauenname, der „Schnee“ bedeutet. (Hier nachlesen.) Daher habe ich mich auch mit den anderen Namen bisschen ans Nordische angepasst und meine Geschichte in einen nicht näher definierten Norden verlegt.

Nach all den „ernsthaften“ Geschichten der letzten Wochen musste eine mit einem „mysteriösen“ Touch jetzt mal dringend wieder sein …

 

Vom Finden und Verlieren

 

Orpheus. Eurydike. Hermes

Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
Wie stille Silbererze gingen sie
als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
Sonst war nichts Rotes.

Felsen war da
und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres
und jener große graue, blinde Teich,
der über seinem fernen Grunde hing
wie Regenhimmel über einer Landschaft.
Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut
erschien des einen Weges blasser Streifen
wie eine lange Bleiche hingelegt.

Und dieses einen Weges kamen sie.

Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg
in großen Bissen; seine Hände hingen
schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten
und wußten nicht mehr von der leichten Leier,
die in die Linke eingewachsen war
wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums.
Und seine Sinne waren wie entzweit:
indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
umkehrte, kam und immer wieder weit
und wartend an der nächsten Wendung stand, —
blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.
Manchmal erschien es ihm, als reichte es
bis an das Gehen jener beiden andern,
die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.
Dann wieder war’s nur seines Steigens Nachklang
und seines Mantels Wind was hinter ihm war.
Er aber sagte sich, sie kämen doch;
sagte es laut und hörte sich verhallen.
Sie kämen doch, nur wären’s zwei
die furchtbar leise gingen. Dürfte er
sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun
nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,
das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen,
die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:

Den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,
die Reisehaube über hellen Augen,
den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
und flügelschlagend an den Fußgelenken;
und seiner linken Hand gegeben:  s i e .

Die So-geliebte, daß aus einer Leier
mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;
daß eine Welt aus Klage ward, in der
alles noch einmal da war: Wald und Tal
und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;
und daß um diese Klage-Welt ganz so
wie um die andre Erde eine Sonne
und ein gestirnter stiller Himmel ging,
ein Klagehimmel mit entstellten Sternen —:
Diese So-geliebte.

Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
Sie war in sich wie Eine hoher Hoffnung
und dachte nicht des Mannes der voranging
und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.
Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
erfüllte sie wie Fülle.
Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel,
so war sie voll von ihrem großen Tode,
der also neu war, daß sie nichts begriff.

Sie war in einem neuen Mädchentum
und unberührbar; ihr Geschlecht war zu
wie eine junge Blume gegen Abend,
und ihre Hände waren der Vermählung
so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes
unendlich leise leitende Berührung
sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.

Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.

Sie war schon aufgelöst wie langes Haar
und hingegeben wie gefallner Regen
und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.

Sie war schon Wurzel.
Und als plötzlich jäh
der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
die Worte sprach: Er hat sich umgewendet —,
begriff sie nichts und sagte leise:  W e r ?

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

(Rainer Maria Rilke, Orpheus. Eurydike. Hermes, aus: Neue Gedichte, 1908. Online-Quelle)

 

Antelope Canyon, Arizona, USA | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ja, heute mal bloß eins. Sagt selbst: Geht neben diesem Gedicht noch was? Ich finde, nein. (Ja, war schon mal. Egal.)

Ich bin kein großer Freund von Interpretationen, viel zu oft zerreden sie mir alles („… sie sprechen alles so deutlich aus“) oder treffen für mein Gefühl nicht das Wesentliche. Da aber nicht jeder die griechischen Mythen auf Abruf parat hat, kommen hier doch noch drei Links, um zu erklären, worum es eigentlich geht: Orpheus (Wikipedia), Eurydike (Wikipedia), das Gedicht im Rilke-Forum (hier).

Ja, mir geht’s gut, danke der Nachfrage. Ich kenne und mag das Gedicht schon viele, viele Jahre und bin gerade in der passenden Stimmung.

Natürlich gibt es zu Orpheus wunderbare (klassische) Musik, und ich bin nach wie vor ausgesprochen wenig bewandert darin. Aber einen Link enthalte ich euch nicht vor:

Philipp Glass: Orphee Suite (YouTube: Link zum ersten Teil der Suite, das ist eine Playlist, die anderen Teile sollten danach auch kommen. Enjoy, wie der Lateiner sagt.)

 

Kommt gut in die neue Woche!