Elbspaziergang im Frühling (mit Fotos) | abc.etüden

Sie stand auf dem Deich und sah sich in alle Richtungen um. Blühende Landschaft? Na ja. Wenig mehr als haltlose Wünsche, bei aller Liebe. Okay, die Vorgärten, okay, in geschützten Ecken hatten wagemutige Magnolien tatsächlich schon Knospen angesetzt und die Forsythien blühten auch. Trotzdem: Die Hunde trugen zwar keine Mäntel mehr, Herrchen und Frauchen aber sehr wohl noch ihre Winterjacken, die Temperaturen hielten sich hartnäckig im einstelligen Bereich. Später sollte es regnen, der Wind schob jetzt schon graue Wolken heran, also war es höchste Zeit, jetzt loszustapfen. Wenn überhaupt.

Sie überlegte, ob es vielleicht ein bisschen zu viel verlangt war, sich zu wünschen, man würde im April schon einen Sonnenhut brauchen. Ganz sicher hätte es dann jemanden gegeben, der wegen eventueller Trockenheit gemeckert hätte.

Der alte Fischkutter lag wieder an seinem üblichen Platz vor Anker, sehr schön. Sie hielt die Nase in den Wind. Es war fast Flut, schätzte sie, selbst hier vor dem Hafen gab es noch mehrere Meter Tidenhub. Ha, Elbluft, dieser charakteristische Geruch, ihr Herz wurde weit. Wellen leckten an der Uferbefestigung, vor ihren Füßen blühte Huflattich, und drüben auf der anderen Flussseite, der weiße Fleck, das war mit Chance ein brütender Schwan. Fast ein Wunder, dass der durch die passierenden Radfahrer, von denen es dort bestimmt öfter welche gab, nicht gestört wurde. Sie folgte den vorbeifliegenden Gänsen – den Schreien nach waren es Graugänse gewesen – mit dem Blick stromaufwärts und sah die Fähre den Fluss überqueren. Der Anleger war ein Ort, wo sich Biker aller Couleur massiert trafen, auch weil die dort angesiedelten Imbissbuden inzwischen garantiert wieder geöffnet hatten.

Sie setzte sich Richtung Fähre in Bewegung. Wenn sie wieder an ihrem Auto eintreffen würde, hatte sie sich das Stück Torte aus dem Hofladen, das sie auf der Rückfahrt zu kaufen gedachte, redlich verdient. Sie lächelte zufrieden.

 

abc.etüden 2021 14+15 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 14/15.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler und von mir mit meinem Blog Irgendwas ist immer. Sie lauten: Sonnenhut, haltlos, massieren.

Das ist momentan so was wie meine Standardrunde, wenn ich zum Deichtreten gehe. Meistens bin ich dann dort irgendwo unterwegs, schätzungsweise zwischen Elbkilometer 599 und 604 😉

 

Quelle: ichmeinerselbst | Anklicken macht groß!

 

Vom April

Amsel singt im Himmelssaal

Amsel singt im Himmelssaal.
Eine kahle Pappelspitze
Wählte sie sich aus zum Sitze
Für ihr Lied hoch überm Tal.
Wolken stiegen in den Raum,
Wie die Pferde ohne Zaum,
Jagen an dem Berg entlang,
Leidenschaftlich von Gebärde
Wie der frische Amselsang.

(Max Dauthendey, Amsel singt im Himmelssaal, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 234/235)

April

Das erste Grün der Saat, von Regen feucht,
Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht.
Zwei große Krähen flattern aufgescheucht
Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.

Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht,
So ruhn die Berge hinten in dem Blau,
Auf die ein feiner Regen niedergeht,
Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.

(Georg Heym, April, aus: Der ewige Tag, 1911, Online-Quelle)

Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Aeste den Tag, wie er leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

(Rainer Maria Rilke, Aus einem April, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch, Teil 1, 1906 Online-Quelle)

 

Blühende Milchsterne neben Narzissen | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, Klicken macht groß

 

Vor drei Jahren erhielt ich von einer gewissen Blumenfee im Tausch ein paar austreibende Milchsterne in einem Töpfchen. Sie erblühten und verblühten zur Freude aller Beteiligten, der Fellträger fraß sie nicht und ich durfte die Zwiebelchen auspflanzen und sich selbst überlassen. 2019 habe ich darüber berichtet, dass sie überlebt hatten, vom letzten Jahr finde ich nur ein eiliges Handypic im Vorübergehen, aber am Samstag habe ich sie bei schönstem Wetter blühen sehen und mich total gefreut.

Euch wunderbare Rest-Ostern! Kommt gut in und durch die neue Woche und passt auf euch auf! 😀

 

Schreibeinladung für die Textwochen 14.15.21 | Wortspende von Ludwig Zeidler und Irgendwas ist immer

Willkommen zu einer neuen Runde Etüden, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen. Ich hoffe, euer Ostern ist oder war eierreich, fröhlich, friedlich und freundlich, und ihr habt Lust (und Zeit), euch mehr oder weniger fröhliche, friedliche und freundliche Geschichten zu der neuen Wortspende auszudenken.

Ich brauche wieder neue Wortspender, daher meine Frage an die neu Mitschreibenden, die mehr als eine Etüde in den letzten drei Monaten geschrieben haben: Möchtet ihr in den Topf, aus dem ich die Wortspender ziehe? Falls ja, dann hinterlasst mir bitte möglichst zügig einen entsprechenden Kommentar. Entschuldigung für den Umstand, aber erstens wollen nicht alle spenden und zweitens hat das Datenschutzgründe: Dann, und nur dann, darf ich mir eure Mailadressen wegspeichern und euch anschreiben, falls ihr ausgelost worden seid.

Interessanterweise waren es in den letzten beiden Wochen NICHT signifikant mehr Mitschreibende/Etüden als in den beiden Wochen vorher, die „Klassenkeile“ (hallo, René) kann es also scheinbar doch nicht gewesen sein. Allerdings ist meine Laune nicht viel besser geworden und mein Reader hatte gefühlt nach wie vor weniger Beiträge als sonst – wie geht es euch?
Weiß inzwischen jede*r, die*der möchte, wie sie*er den alten/klassischen Editor und die Verwaltungsfunktionen im Blog zurückbekommt?

Zu Statistik und Liste: Ich verzeichne diesmal 53 Etüden von 32 Blogs, und mein Dank gebührt den Männern, denen scheinbar einfach mehr einfällt – ich weiß nicht, ob mich das frustriert oder nicht. 😉 Und ich erhoffe mir mehr Ping-Pong-Etüden, was Myriade und Werner begonnen hatten (Stichwort „Alex“ bei Myriade), bevor sie sich um anderes kümmern musste. 😀
Die Liste führen jedenfalls sehr souverän Gerhard mit 6 und Christian mit 5 Etüden an. Danke euch sehr! ❤

Vielen Dank wie immer an alle, die mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert haben! Mein herzliches Danke schön an Puzzleblume, die ebenfalls kommentierend durch die mitschreibenden Blogs gezogen ist, und an jede*n, den ich in den teilnehmenden Blogs getroffen habe und der*die dort kommentiert/mitdiskutiert hat.

Wie immer bitte ich euch, die Liste zu kontrollieren, ob jede eurer Etüden dort verzeichnet ist oder ob euch sonst was komisch vorkommt. Ich trage gerne nach, wenn irgendwas nicht stimmt, ihr wisst, es ist keine böse Absicht, manchmal habe ich einfach Tomaten auf den Augen und manchmal geht auch was mit den Pings/Verlinkungen schief …
Kaffee und Keks Osterei zur Hand? Hier kommt die Liste.

Disclaimer: Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt.

Anja auf Annuschkas Northern Star: hier
Jane auf Blood, Tears, Gold & Minds: hier
Heidi auf heidimariaskleinewelt: hier
Heidi auf Erinnerungswerkstatt: hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier, hier, hier, hier, hier und hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Ellen auf nellindreams: hier
Puzzleblume auf Puzzle❀: hier, hier und hier
Melina auf Innen-Reise-Wege: hier
Kain Schreiber auf Gedankenflut: hier, hier und hier
Ulrike auf Blaupause7: hier und hier
Christian auf Wortverdreher: hier, hier, hier, hier und hier
Resi Stenz auf Gschichtldruckerei Resi Stenz: hier
Werner auf Werner Kastens: hier, hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier
Maren auf Ich lache mich gesund: hier
Judith auf Mutiger leben: hier und hier
Lea auf Kommunikatz: hier
Bernd von Red Skies over Paradise: hier, hier und hier
Torsten auf Wortman: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier und hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Emma auf Emma Escamilla: hier
Donka auf onlybatscanhang: hier
Yvonne auf umgeBUCHt: hier
Monika auf Allerlei Gedanken: hier
Doro auf DORO|ART: hier
Veronika auf vro jongliert: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier

Nach guter Tradition werden die Wörter im Break immer von dem Etüdenerfinder oder von mir gespendet. Für die Textwochen 14/15 des Schreibjahres 2021 haben wir uns zusammengetan. Die Wörter stammen also von Ludwig Zeidler (bloggt nicht mehr), und Irgendwas ist immer. Sie lauten:

Sonnenhut (ist übrigens auch eine (Heil-)pflanze, Echinacea)
haltlos
massieren.

Wie immer an dieser Stelle der Verweis auf den Etüden-Disclaimer. Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eventuelle Inhaltshinweise (Triggerwarnungen) und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der zugehörigen Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt (höchstwahrscheinlich) nicht auf die nächste Liste bzw. muss meckern, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig. Wer sich die Illustrationen herunterladen möchte, sollte sie vorher großklicken, danach kann man sie in der Regel downloaden und bei sich wieder hochladen.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 18. April 2021.
Habt weiterhin ein schönes Wochenende und gute Einfälle – und genießt, was es zu genießen gibt!

Ja, es gibt 3 Illustrationen, ich konnte mich nicht entscheiden.

 

abc.etüden 2021 14+15 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

abc.etüden 2021 14+15 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

abc.etüden 2021 14+15 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Fastenzeit | abc.etüden

Ihre Stimme klang anklagend. »Ich habe dich beobachtet. Wir waren übereingekommen, nicht vor Mittag etwas zu essen!«

Er ignorierte sie und starrte zur Spüle, wo noch die Reste des Essens standen. Ihres Essens. Fisch und Chips, wie er das hasste, schon den Geruch. Er hätte ihr etwas von der »Fressformel«, der süchtig machenden Kombination von Kohlehydraten und Fetten erzählen können, das Lieblingsthema der Professorin, ach, warum hatte er die eigentlich verlassen.
Aber wo als Krönung der Mahlzeit ein fruchtig-süßlicher Curryketchup auf den Tisch kam, da würde er damit kein Gehör finden.
Er seufzte innerlich. So viel zu gesundem Essen in diesem Haushalt.

Na schön, er war nicht mehr so schlank wie früher. Okay, ja, er verstand sogar, was sie mit »Rettungsringen« meinte. Zugegeben, er mochte vielleicht eher ein Gourmand als ein Gourmet sein, aber ihn so abzukanzeln, nur weil er sich aus dem Kühlschrank bedient hatte? Was bildete die sich denn ein? In diesem Ton? Und überhaupt, das waren Reste gewesen!

ER hatte jedenfalls gar nichts zugestimmt. Bestimmt nicht.

Er runzelte die Stirn und hoffte, es würde sie besänftigen, weil sie seine sogenannten Dackelfalten ja so toll fand. Überhaupt, noch so etwas! Denkerstirn ließ er sich ja gerade noch gefallen, aber Ähnlichkeit mit einem Dackel? Er? Das ging wirklich zu weit. Er musste dringend die Gesamtsituation überdenken. Allein.

Als die Klingel an der Haustür verheißungsvoll schepperte und sie ihrer Nachbarin öffnete, schoss er an ihr vorbei aus dem Haus, überquerte den Rasen mit drei Sprüngen, erklomm den Birnbaum und hockte sich erst mal schwer atmend in eine Astgabel.

Die beiden Frauen betrachteten ihn nachdenklich. »Ich hab es dir vorausgesagt, dass es bei der Ernährungsumstellung Schwierigkeiten geben könnte«, bemerkte die Nachbarin. »Nicht alle Katzen stehen auf Intervallfasten.«

 

abc.etüden 2021 12+13 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 12/13.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Puzzleblume und ihrem Blog Puzzle❀. Sie lauten: Dackelfalten, fruchtig, scheppern.

Weiß nicht, wie es bei euch ausschaut, aber in meinem Bekanntenkreis mehren sich die Intervallfaster. Für mich ist es nichts, da ich mit meiner Milchdosis im Morgenkaffee das Fasten breche, auch wenn ich zehnmal vor Mittag nichts esse …

 

Von der Zeit und ihrem Lauf

Überlass es der Zeit

Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuch’s nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlass es der Zeit.
Am ersten Tage wirst du feige dich schelten,
Am zweiten lässt du dein Schweigen schon gelten,
Am dritten hast du’s überwunden;
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

(Theodor Fontane, Überlass es der Zeit, aus: Gedichte (Ausgabe 1898), Online-Quelle)

Palmströms Uhr

Palmströms Uhr ist andrer Art,
reagiert mimosisch zart.

Wer sie bittet, wird empfangen.
Oft schon ist sie so gegangen,

wie man herzlich sie gebeten,
ist zurück- und vorgetreten,

eine Stunde, zwei, drei Stunden,
je nachdem sie mitempfunden.

Selbst als Uhr, mit ihren Zeiten,
will sie nicht Prinzipien reiten:

Zwar ein Werk, wie allerwärts,
doch zugleich ein Werk – mit Herz.

(Christian Morgenstern, Palmströms Uhr, aus: Palmström, Gedichte entstanden meist zwischen 1905 und 1910, Online-Quelle)

Vergehe Zeit!

Vergehe Zeit und mach einer besseren Platz!
Wir haben doch nun genug verloren.
Setz einen Punkt hinter den grausamen Satz
»Ihr habt mich heraufbeschworen.«

Was wir, die Alten, noch immer nicht abgebüßt,
Willst du es nicht zum Wohle der Jugend erlassen?!
Kaum kennen wir’s noch, daß fremde Hände sich fassen
Und Fremdwer zu Ungleich sagt. »Sei herzlich gegrüßt.«

Lass deine Warnung zurück und geh schnell vorbei,
Daß wir aufrecht stehen.
Vergönne uns allen zuinnerst frei
Das schöne Grün unserer Erde zu sehen.

(Joachim Ringelnatz, Vergehe Zeit!, in: In Teplitz ausgespielt, aus: Die Flasche und mit ihr auf Reisen (Tagebuch von 1932), Online-Quelle)
(Die „Flasche“ war ein von Ringelnatz verfasstes Drama, mit dem er 1932 auf Tournee war.)

 

Quelle: Pixabay

 

Na, auch schon wach? Ich dachte mir, wenn wir uns wieder einmal durch die Zeitumstellung quälen müssen, kann ich euch auch ein paar Gedichte zur Zeit zeigen …

Kommt gut in und durch die Woche, bald ist Ostern … 😉

 

Aus dem Stundenbuch | Myriades Impulswerkstatt

Aller guten Dinge sind drei, heißt es: Nun denn, hier ist mein dritter Beitrag für Myriades Impulswerkstatt (März), und es wird sicherlich auch der kürzeste.

 

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
Der große Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.

(Rainer Maria Rilke, Denn wir sind nur die Schale und das Blatt, aus: Das Buch von der Armut und vom Tode, in: Das Stundenbuch, 1903, Online-Quelle)

 

Ich werde den Teufel tun, mich interpretatorisch an Rilkes »Stundenbuch« zu wagen. Ich bin nämlich nicht mal sicher, das Stundenbuch jemals komplett gelesen zu haben, denn ich gerate immer wieder über Stellen, von denen ich denke: Oh, hier war ich noch nie. Meine Begeisterung für den Dichter Rilke ist groß und ehrlich, meine Ernüchterung über den Menschen ist es auch – Rilke eignete sich nicht zum Halbgott. Sigmund Freud hat ihn als einen »großen, im Leben ziemlich hilflosen Dichter« (Quelle) bezeichnet. Dazu kommt, dass ich Rilkes Gedichte manchmal zu schwärmerisch finde, irgendwie zu »drüber«, was dazu führt, dass ich ihn nur häppchenweise genieße.

Dankenswerterweise gibt es Tonnen an Sekundärliteratur zu fast allen Aspekten, und speziell das Stundenbuch ist gut dokumentiert. Um einige Themen, mit denen Rilke sich intensiv auseinandergesetzt hat, wie zum Beispiel Tod und Religion, scheren sich die meisten jedoch keinen feuchten Kehricht, und auch ich hätte daher auf dem Blog eher darauf verzichtet, hätte mich nicht die Muse für Myriades Gemüsebild über obige drei Zeilen stolpern lassen …

Hier ist der sehr lesenswerte Artikel zum Stundenbuch in der Wikipedia: HIER.
Hier ist der Text des Stundenbuchs bei Wikisource zum Online-Lesen: HIER.
Hier ist ein (wie ich finde höchst interessanter) Vortrag über das Stundenbuch vom Blog »Religion heute«: HIER. Sein Verfasser ist Pfarrer, you have been warned.
Last but not least hat das Rilke-Forum den Server gewechselt (in die Schweiz) und ist wieder online (hurra!): Antworten von Leuten, die sich wirklich auskennen, immer gut für einen Besuch: HIER.

Sowieso kommt/kam es mir bei allen drei März-Beiträgen für Myriade eher auf meine Bildbearbeitung/-gestaltung an als auf die Erklärungen dazu; und mein spezieller Dank gilt denen, den das aufgefallen ist. 😉
Das ist dieses Mal alles mit Photoshop gezaubert 😉

 

Rilke-Stundenbuch – Myriades Impulswerkstatt 03-21 | 365tageasatzaday
Quelle: Myriade, Bearbeitung: ich;
Anklicken erhöht die Lesbarkeit um ein Vielfaches

 

Kindermund | abc.etüden

 

Oma, ein Dackel ist doch ein Hund, oder?

Ja, Maxi, ein Dackel ist ein Hund.

Oma, hast du einen Hund?

Nein, wieso, wie kommst du drauf?

Na, weil Papa gesagt hat …

Was denn?

Er hat gesagt, Mamas neues Parfüm stinkt genauso wie das Zeug, das du immer für die Dackelfalten nimmst!

Sieh an, der Herr Schwiegersohn, dieser Vollpfosten. Wieso sich meine Tochter dem eigentlich an den Hals geworfen hat, wollte ich immer schon mal wissen. Na, vielleicht besser nicht. Hm.

Und was hat Mama geantwortet?

Mama hat gesagt, dass er achtgeben soll, dass es nicht gleich scheppert!

Gut so, Tochter, auf dich ist Verlass.

Z E I T   V E R G E H T.

Oma?

Ich wusste doch, dass das Thema noch nicht durch ist.

Ja?

Kann man denn Dackel falten?

Oh, uff, kluge Frage. Na ja, mein Enkel!

Du meinst, so wie dein Schiff, das wir neulich aus Papier gefaltet und bemalt haben?

Das ist kaputt 😦

Bei dem Vater? Wundert mich das jetzt?

Ja, das kann man, da gibt es sogar super Anleitungen für Kinder. Geh doch mal ins Wohnzimmer und hol uns das Papier und das ganze Zeug zum Basteln her. Ich koche uns inzwischen Kakao, und die fruchtigen Kekse, die du so gerne magst, habe ich auch extra besorgt.

Z E I T   V E R G E H T.

Maxi?

Ja, Oma?

Wenn du später dem Papa beim Abendessen den tollen Dackel zeigst, den wir heute gefaltet haben, dann vergiss nicht, ihn von mir ganz lieb zu grüßen, versprich mir das, ja?

 

abc.etüden 2021 12+13 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Erda Estremera on Unsplash, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 12/13.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Puzzleblume und ihrem Blog Puzzle❀. Sie lauten: Dackelfalten, fruchtig, scheppern.

Wer nun den faltbaren Dackel sucht, möge hier klicken; ein faltbarer Hund findet sich hier. Nein, NICHT selbst ausprobiert, noch nicht.

Eine Variation der Idee gibt es bei Resi Stenz: Er war leider schneller als ich 😉

 

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren | Myriades Impulswerkstatt

Noch ein Versuch, für Myriades Impulswerkstatt (März) Text und Bild miteinander zu verbinden. Dieses Mal habe ich mir eines der wohl bekanntesten Gedichte der Romantik herausgegriffen.

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt in’s freie Leben,
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

(Novalis (Friedrich von Hardenberg), Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren, aus: Heinrich von Ofterdingen, Tiecks Bericht über die Fortsetzung, 1800, Online-Quelle, Interpretation bei Wikipedia)

 

Die Welt ist zu Novalis’ Zeit kein reines unbekanntes Wunder mehr, sondern »funktioniert« nach Gesetzmäßigkeiten, die beginnende Industrialisierung und das damit verbundene Nützlichkeitsdenken werden erlebt und diskutiert.
Die Romantik setzt die Möglichkeit einer Erfahrung der Einheit von Realität und Anderswelt dagegen, sie verbindet Diesseitiges und Mystik, überbrückt die Kluft zwischen Verstand und Empfindung. Zustande kommt diese Grenzüberschreitung durch vielschichtige Sinneswahrnehmungen: Synästhesien, Träume, Ahnungen etc. führen zu Bewusstseinserweiterungen.
Die Suche nach der (symbolischen) blauen Blume in der Natur (im Außen) wandelt sich zu einem Weg nach innen, zu einer Suche nach sich selbst; und wer begreift, was seine tiefste Sehnsucht ist, erkennt sich schließlich selbst. »Wichtig ist, dass diese Erkenntnis des Selbst ein Ergebnis von Gefühl und Reflektion ist und eben nicht von Rationalität und Wissenschaft.« (Quelle)

Nach dieser Definition hätte ich ziemlich viel von einem Romantiker, glaube ich. 😀

 

Novalis – Myriades Impulswerkstatt 03-21 | 365tageasatzaday
Quelle: Myriade, Bearbeitung: ich;
Anklicken erhöht die Lesbarkeit um ein Vielfaches 😉

 

Von Frühling und Wind

O wie ist es kalt geworden

O wie ist es kalt geworden
und so traurig öd und leer!
Rauhe Winde wehn von Norden,
und die Sonne scheint nicht mehr’

Auf die Berge möcht ich fliegen
möchte sehn ein grünes Tal
möcht in Gras und Blumen Liegen
und mich freun am Sonnenstrahl.

Möchte hören die Schalmeien
und der Herden Glockenklang
Möchte freuen mich im Freien
an der Vögel süßem Sang!

Schöner Frühling, komm doch wieder
Lieber Frühling, komm doch bald
Bring uns Blumen, Laub und Lieder
schmücke wieder Feld und Wald

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, O wie ist es kalt geworden, 1849, Online-Quelle)

Vorfrühling

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten.

Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte,
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten

Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern Nacht.

(Hugo von Hofmannsthal, Vorfrühling, Erstdruck in: Blätter für die Kunst (Berlin), 2. Band, Dezember 1892, Online-Quelle)

Ein Frühlingswind

Mit diesem Wind kommt Schicksal; laß, o laß
es kommen, all das Drängende und Blinde,
vor dem wir glühen werden –: alles das.
(Sei still und rühr dich nicht, daß es uns finde.)
O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
über das Meer her was wir sind.

… Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
(Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.)
Aber mit diesem Wind geht immer wieder
das Schicksal riesig über uns hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Ein Frühlingswind, Februar 1907, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 15/16. Online-Quelle, zur Interpretation)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Ich warte auf den Frühling. Keine Frage, er steht auch hier in den Startlöchern, keine Frage, ich sehe in den Gärten die ganzen Frühlingsblüher und die Meisen (und nicht nur die) singen wie verrückt (und der Fellträger ist genervt). Aber dennoch ist es zu kalt. Ich hoffe, wir verlassen jetzt bald dauerhaft die Nachtfrostzone, ich wäre sehr dankbar dafür.

Ich war überrascht, als ich gesehen habe, wie viel von Hoffmann von Fallersleben vertont worden ist, muss aber auch zugeben, dass ich kein Fan des klassischen deutschen Liedgutes bin. Daher möchte ich euch noch eine andere Version ans Herz legen, und zwar eine von Achim Reichel, den ich gerade für seine Bemühungen um das deutsche Volkslied (nein, nein, ich meine das ernst) sehr schätze …

 

 

Kommt gut und heiter durch die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.21 | Wortspende von puzzleblume

Das war ja wohl nicht so wirklich was mit der Klassenkeile, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen. Es hat sich wieder mal gezeigt, dass es einen „harten Kern“ an mitschreibenden Blogs gibt (danke!), aber wirklich gesprudelt sind die Ideen bei den wenigsten, denen dafür meine aufrichtige Bewunderung gilt: Ich gehörte auch nicht dazu.

Nun, das sollte jetzt mit den neuen Wörtern anders werden. Nicht, dass ich sie komplett unkompliziert finde, aber sie sind doch eher eins: heiterer. Und ich finde, das haben wir bei diesem Frühling, der zumindest hier bisher noch nicht so richtig in die Pötte kommt, wie wir hier oben sagen, auch verdient. Noch dazu ist demnächst Ostern 😉

Ich muss allerdings gestehen: Ich finde gerade alles ziemlich fad und kann mich überhaupt nicht so richtig auf irgendwas freuen. Mir ist auch aufgefallen, dass in den letzten Wochen signifikant weniger Beiträge in meinem Reader waren, was vermutlich bedeutet, dass es noch mehr Blogger*innen da draußen so geht wie mir (denn Wetter für den Garten ist ja noch nicht). Nein, ich hocke nicht bewegungslos den ganzen Tag vor der Kiste, ich mache eine Menge anderes. Aber irgendwie … 😦

Zu Statistik und Liste: Ich verzeichne diesmal 48 Etüden von 30 Blogs, und mein Dank verfolgt wieder mal speziell die Männer, die sich auch dieses Mal wieder schreibend hervorgetan haben.
Die Liste führen Christian mit 5 und Gerhard mit 4 Etüden an, darauf folgen Werner und Bernd mit jeweils 3 Etüden. Danke euch sehr!

Vielen Dank wie immer an alle, die mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert haben! Mein herzliches Danke schön an René, der ebenfalls kommentierend durch die mitschreibenden Blogs gezogen ist, und an jede*n, den ich in den teilnehmenden Blogs getroffen habe und der*die dort kommentiert/mitdiskutiert hat.

Wie immer bitte ich euch, die Liste zu kontrollieren, ob jede eurer Etüden dort verzeichnet ist oder ob euch sonst was komisch vorkommt. Resi, du hattest deine Etüde bei der falschen Schreibeinladung in die Kommentare gesetzt, und ich gestehe, ich habe es erst gestern gemerkt *augenroll*. Nächstes Mal besser, ja …? 😉
Ich trage gerne nach, wenn irgendwas nicht stimmt, ihr wisst, es ist keine böse Absicht, manchmal habe ich einfach Tomaten auf den Augen und manchmal geht auch was mit den Pings/Verlinkungen schief …
Kaffee und Keks zur Hand? Hier kommt die Liste.

Disclaimer (und diesmal ist er nötiger als sonst): Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt.

Jane auf Blood, Tears, Gold & Minds: hier
Melina auf Innen-Reise-Wege: hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Tanja auf Stachelbeermond: hier
Heidi auf heidimariaskleinewelt: hier
Heidi auf Erinnerungswerkstatt: hier
Christian auf Wortverdreher: hier, hier, hier, hier und hier
Maren auf Ich lache mich gesund: hier und hier
Puzzleblume auf Puzzle❀: hier
Werner auf Werner Kastens: hier, hier und hier
René auf Berlin. Autor. BerlinAutor: hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier, hier, hier und hier
Ellen auf nellindreams: hier und hier
Judith auf Mutiger leben: hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier und hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier
Bernd von Red Skies over Paradise: hier, hier und hier
Ulrike auf Blaupause7: hier und hier
Torsten auf Wortman: hier
Kain Schreiber auf Gedankenflut: hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier
Resi Stenz auf Gschichtldruckerei Resi Stenz: hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier
Lea auf Kommunikatz: hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Yvonne auf umgeBUCHt: hier
Emma auf Emma Escamilla: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier

Nachzügler: Christian mit einer Ergänzungsetüde auf Wortverdreher, unbedingt auch lesen: hier

Die Wörter für die Textwochen 12/13 des Schreibjahres 2021 stiftete die Frau Puzzleblume (ich habe vergessen, ob ich deinen Vornamen nennen darf) mit ihrem Blog Puzzle❀. Sie lauten:

Dackelfalten
fruchtig
scheppern.

 

Wie immer an dieser Stelle der Verweis auf den Etüden-Disclaimer. Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eventuelle Inhaltshinweise (Triggerwarnungen) und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der zugehörigen Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt (höchstwahrscheinlich) nicht auf die nächste Liste bzw. muss meckern, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig. Wer sich die Illustrationen herunterladen möchte, sollte sie vorher großklicken, danach kann man sie in der Regel downloaden und bei sich wieder hochladen.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 04. April 2021, jawohl, Ostersonntag!
Habt weiterhin ein schönes Wochenende und gute Einfälle – und genießt, was es zu genießen gibt!

 

abc.etüden 2021 12+13 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Erda Estremera on Unsplash, bearbeitet von mir

 

abc.etüden 2021 12+13 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Betrachtung der Zeit | Myriades Impulswerkstatt

Myriades Impulswerkstatt beschenkt uns im März mit einem wunderbar ruhigen Sonnenuntergangsbild zum Spielen, das zugleich nah und fern wirkt und bei mir (und nicht nur bei mir) sofort Skandinavien-Assoziationen auslöste. Stimmt auch. Es stammt aus Norwegen.

Norwegen, altnordisch norðrvegr, bedeutet »Weg nach Norden« (wobei Bedeutung und Herkunft als nicht sicher geklärt gelten). Egal. Karge Landschaften machen etwas mit mir, und als Myriade bekundete, Barockgedichte zu mögen (jedenfalls lieber als die Zeit, die sonst in meinen Montagsgedichten vorherrscht), war mir klar: Der Weg nach Norden, der Weg nach innen, da geht was.

76. Betrachtung der Zeit

Mein sind die Jahre nicht die mir die Zeit genommen/
Mein sind die Jahre nicht/ die etwa möchten kommen
Der Augenblick ist mein/ und nehm‘ ich den in acht
So ist der mein/ der Jahr und Ewigkeit gemacht.

(Andreas Gryphius, Betrachtung der Zeit, aus: Epigramme. Das erste Buch, 1643–1663, Online-Quelle)

 

»Die Barocklyrik ist im Wesentlichen von drei Leitmotiven geprägt, die das Lebensgefühl der Menschen beschreiben. Vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) war der Alltag der Menschen von Gewalt und Zerstörung bestimmt. Alle diese Motive setzen sich mit der dadurch weit verbreiteten Angst vor dem Tod und dessen Auswirkungen auf verschiedene Art auseinander:  Memento mori, Vanitas, Carpe diem.« (Quelle: Wikipedia)

Ich freue mich, seit Langem mal wieder einen Anlass gehabt zu haben, Text und Bild zu verbinden. Vielleicht mache ich das öfter, ich weiß es noch nicht. Ich brauche zurzeit bisschen Stille zum inneren Luftholen, also seht es mir nach, falls ich online seltener präsent bin.

Es empfiehlt sich, das Bild großzuklicken.

 

Gryphius – Myriades Impulswerkstatt 03-21 | 365tageasatzaday
Quelle: Myriade; Bearbeitung: ich

 

Von Politik und Welt

Heutige Welt-Kunst

Anders seyn und anders scheinen,
Anders reden, anders meinen,
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, stets behagen,
Allem Winde Segel geben,
Bös- und Guten dienstbar leben;
Alles Thun und alles Tichten
Bloß auf eignen Nutzen richten:
Wer sich dessen wil befleissen,
Kan politisch heuer heissen.

(Friedrich von Logau, Heutige Welt-Kunst, aus: Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte drei Tausend, Desz ersten Tausend neundes Hundert, entstanden 1646–1648, Wikipedia-Artikel, Online-Quelle)

[Sie sang vom irdischen Jammerthal]

Sie sang vom irdischen Jammerthal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eyapopeya vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn’ auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

(Heinrich Heine, Sie sang vom irdischen Jammerthal, aus: CAPUT I, in: Deutschland, ein Wintermährchen, 1844, Online-Quelle)

Resignation

Es gibt noch Leute, die sich quälen,
Aus denen sich die Frage ringt:
Wie wird der Deutsche nächstens wählen?
Wie wird das, was die Urne bringt?

Die Guten! Wie sie immer hoffen!
Wie macht sie doch ein jedesmal
Der Ausfall neuerdings betroffen!
Als wär‘ er anders, wie normal!

Wir wissen doch von Adam Riese,
Daß zwei mal zwei gleich vieren zählt.
Und eine Wahrheit fest wie diese
Ist, daß man immer Schwarze wählt.

Das Faktum läßt sich nicht bestreiten,
Auch wenn es noch so bitter schmeckt.
Doch hat das Übel gute Seiten:
Es ruhet nicht auf Intellekt.

Man muß die Sache recht verstehen;
Sie ist nicht böse, ist nicht gut.
Der Deutsche will zur Urne gehen,
So wie man das Gewohnte tut.

Wer hofft, daß es noch anders würde,
Der täuscht sich hier, wie überall.
Die Schafe suchen ihre Hürde,
Das Rindvieh suchet seinen Stall.

(Ludwig Thoma, Resignation, aus: So war’s einmal, in: Ausgewählte Gedichte, Online-Quelle)

Trost

Alle, die tot auf dem Schlachtfeld liegen,
Hatten ein Leben nur zu verlieren,
Und doch ist es stets wieder ein Vergnügen,
Europas Grenzen zu korrigieren.
Der Diplomat brummt verächtlich: Ach!
Die Menschen? Die wachsen schnell wieder nach.

(Frank Wedekind, Trost, Text für die „Elf Scharfrichter“ (Wikipedia), 1901/02, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Zur Erheiterung (oder auch nicht) in stürmischen Zeiten.
Wie immer, kommt gut in und durch die neue Woche!