September, die Ersten

Septembertag

 

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit …

Christian Morgenstern, Septembertag, aus: Und aber ründet sich ein Kranz (1. Auflage 1902), Quelle

 

Berge | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Herbst

 

Nun lass den Sommer gehen,
Lass Sturm und Winde wehen.
Bleibt diese Rose mein,
Wie könnt ich traurig sein?

Joseph von Eichendorff (Quelle)

 

Rose | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Advertisements

Schreibeinladung für die Textwoche 36.17 | Wortspende von 365tageasatzaday

Es geht wieder looo-hoooos! Liebe Etüdenfans, -mitschreiber/innen, -leser/innen und -verrückte, pünktlich zum gefühlten Herbstbeginn ist die Sommerpause vorbei und wir gehen wieder in die Vollen!
Natürlich habe ich nicht mal die Hälfte von dem machen können, was ich eigentlich vorhatte, aber irgendwie wundert mich das schon gar nicht mehr. In diesem Jahr ist bei mir der Wurm drin, zumindest was Zeitplanungen angeht *seufz*.
Aber das muss euch alles überhaupt nicht stören, HIER KOMMEN DIE ERSTEN WÖRTER für die neue Saison, gestiftet von Irgendwas ist immer, also von mir höchstpersönlich  🙂

Heiligenschein
Frequenz
erleichtert.

Und nun lasst euch schön von den Musen küssen! Ich bin ja schon so, so, so, so, so gespannt!

Zur Erinnerung: Bitte diese 3 Wörter in maximal! 10! Sätzen unterbringen! Euren Beitrag verlinkt ihr dann bitte hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit euere Etüde auch ganz sicher von mir und von allen anderen Mitlesern/-schreibern gefunden werden kann.

Ich bin sehr glücklich, dass auch in dieser Saison die Illustrationen wieder von dem wertgeschätzten lz. stammen, dem Herrn Etüdenerfinder, der nach wie vor mit seiner Artpage unter ludwigzeidler.de zu finden ist. Danke, Ludwig!

 

2017_36.17_eins_lz | 365tageasatzaday

2017_36.17_zwei_lz | 365tageasatzaday

 

Merken

Merken

Liebeslieder

Da sie mich so bezaubern, noch zwei gar erstaunliche Liebesgedichte von Herrn Dauthendey … ich finde sie so … wohltuend.

 

Auf der Welt habe ich nur einen Weg

 

Die Äste der Bäume sind Flöten geworden,
Die Vögel begleiten mich.
Auf der Welt habe ich nur einen Weg,
Den, auf dem du mir entgegenkommst.

Deine Augen machen meinen Tag;
Sie sitzen wie ein Königspaar,
Und wer an ihnen vorübergeht,
Legt Stirn und Herz vor ihnen nieder.

(Max Dauthendey, Auf der Welt habe ich nur einen Weg, aus: Die ewige Hochzeit. Liebeslieder, Quelle)

 

Und deine Füße steigen in mein Bett

 

Du siehst in die Welt feierlich wie der Abend,
Und alle Menschen legen die Hände in den Schoß
Und schauen dich an.

Du dringst sanft in mich wie die Dunkelheit und weckst die Nachtigall,
Und deine Füße steigen in mein Bett,
Sie haben nie einen andern Schritt gelernt.

(Max Dauthendey, Und deine Füße steigen in mein Bett, aus: Die ewige Hochzeit. Liebeslieder, Quelle)

 

landschaft weg | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Merken

Und dann waren es drei

Nein, Christiane hat kein Etüdensommerpausenintermezzo mehr, legt euch wieder hin. Wir spielen erst wieder ab nächsten Sonntag. Christiane … feiert heute Bloggeburtstag!!! Und zwar den dritten!

Wenn, wann nicht bei einer derartigen Gelegenheit, darf man mal öffentlich in seinen Zahlen blättern? Ich habe eben meine Posts zum ersten und zum zweiten Bloggeburtstag gelesen und war überrascht, als ich die Zahlen von vor einem Jahr fand: Dies hier wird der 674. Beitrag (vor einem Jahr war es der 515.), ich hatte „über 11.000 Kommentare“ (aktuell sind es über 18.500), und die Followerzahl ist von „über 280 Follower“ auf über 480 WP-Follower (plus ein paar E-Mail-Follower) hochgeschnellt. Auch wenn nach wie vor gilt, dass ich vermutlich die Hälfte aller Kommentare selbst geschrieben habe, ist dieser Anstieg an Followern im Wesentlichen den abc.Etüden zuzuschreiben, denke ich. Ich nehme das also zum Anlass, mich erneut bei dem Erfinder der Etüden zu bedanken, Ludwig, herzlichen Dank!

Am Ende des ersten Jahres hatte ich ein 365-Tage-Projekt erfolgreich abgeschlossen. Am Ende des zweiten Jahres hatte ich Irgendwas ist immer, einen bunten Alltagsblog mit durchaus schon ein paar Schreibexperimenten (hallo Jutta!), wo ich aber froh war, wenn ich ein-, zweimal in der Woche etwas gepostet bekam. Und Vogelbilder natürlich! Das ging dann so weiter, und dann kam Anfang 2017 Ludwig mit seiner Idee für die Etüden um die Ecke. Der Rest ist sozusagen Geschichte, und jetzt, am Ende meines dritten Blogjahres, bin ich/habe ich der/den Blog, der die Etüden hostet UND ein neues Blogkind: die Regensucherin, einen Blog, der sich dem Regen widmet.
Wie ich das finde? Ich finde das großartig! Ausblick fürs nächste Jahr: Ich möchte gern öfter mal wieder was schreiben, was nichts mit den Etüden zu tun hat. Aber, ehrlich gesagt, die Etüden verlangen auch schon ihre Aufmerksamkeit, und ich will die auch nicht zurückfahren. Nur leider hab ich auch sonst noch was zu tun …

Kommen wir zu dem erfreulichen Teil des Tages. Den Geschenken.

GewinneGewinneGewinne?!?! Jawollja!

Wer gewinnt? Da habe ich mir was ausgedacht. Follower kommen und gehen aus den unterschiedlichsten Gründen, das kennt ihr und erlebt ihr auch alle. Ich möchte die drei Blogs auszeichnen, dir mir am längsten folgen und noch aktiv sind (soll heißen, nicht vor Monaten zuletzt was gepostet haben, sondern die regelmäßig bloggen).

Was gewinnt ihr? Entweder ihr schreibt mir eine kurze Mail, in der ihr mir eine Postadresse angebt, dann setze ich eine Kleinigkeit, die in einen Briefumschlag passt, in eure Richtung in Marsch, oder aber, wenn ihr das nicht wollt, denkt euch was aus, was ich euch online erfüllen kann. Ich verspreche, dass ich es seeeeeeehr ernsthaft … versuchen werde (weiß ja nicht, was kommt).

Wer ist es denn nun?
*Trommelwirbel*
Ladies and Gentlemen, the Oscar Blumenpott goes to …

… meiner allerersten, wunderbaren Followerin, die jeden Tag einen lebensklugen Satz postet: Marion vom Findesatz-Blog
… einer Frau, die Schönheit im Kleinen und Alltäglichen sieht und sie fotografiert: (Gar nicht) einfach Matilda
… der Wolkenbeobachterin, bei der es Gedichte, Prosa, kluge Gedanken und viel Musik gibt: Ameisen im Kirschblütenhaufen.

Meldet euch bitte in irgendeiner Form, ihr Lieben!

Ihr anderen, die ihr mir Tag für Tag durch euer Da-Sein, Mitlesen und Kommentieren mein Blogleben versüßt, ein fettes Danke auch an euch!
Ohne euch wäre mein Leben ärmer.

Und ach, ich habe eine Frage: Was würdet ihr sagen, ab wann ist ein (nicht-kommerzieller) Blog erfolgreich?

 

bloggeburtstag 3 | 365tageasatzadayQuelle: meineArbeitmitSP-Studio-Avataren/Pixabay-Fotos

 

Und wer ein bisschen Zeit hat, mag sich vielleicht hierfür begeistern: der weltbeste musikalische Kettenbrief, das grandiose „One World One Voice“-Konzert von 1990 in guter Qualität am Stück. Ich bin so glücklich, den mal in dieser Form entdeckt zu haben.

 

 

Update: Es gibt auch noch die Doku dazu auf YT, die Qualität ist nicht besonders, da es der Mitschnitt der deutschen Fernsehsendung von 1990 ist, aber immerhin, es macht die Sache viel leichter zugänglich. Schaut also zuerst die Doku und wechselt, wenn der Musikteil anfängt, zu dem besseren Video (oben)  😉

 

Merken

Merken

Frau Meyer hat einen Hals | Etüdensommerpausenintermezzo 2

Dieser Tag würde nicht ihr Lieblingstag werden, das wurde ihr schon morgens klar. Hatte der Sturm in der Nacht doch ihre drei Meter hohe Lieblingssonnenblume im Vorgarten geköpft! Sie nahm das persönlich. Scheißwind! Blöder Frühherbst! Frustriert erwog sie, das Büroradio, das nur dümmliche Sommerhits spielte, auf Klassik umzustellen. Und überhaupt, die Temperaturen! Selbst die Wetterfrösche zuckten bei der Frage nach besseren Aussichten nur die Achseln und bliesen Trübsal.

Mittags kam ihr Essen natürlich zuletzt und sie musste es fast herunterschlingen, sie wollte ja nicht, dass die wartenden Kollegen ihr auf den Teller starrten. Aus purem Verdruss spendierte sie später dem Labrador der nervigen Bürotratschtante ihren letzten Schokokeks und wünschte ihm Durchfall, Verstopfung oder beides. Sicherheitshalber schloss sie die Tür, dass er nicht ihr Büro vollpupsen konnte, sie brauchte heute nicht auch noch Stinkbombenalarm.
Zu Hause angekommen erwartete sie eine Urlaubskarte in Form einer Flaschenpost. Ihr Herr Sohn weilte mit Familie an der Nordsee, da fand man das offensichtlich witzig. Liebe Grüße in geschmacklosem, hirnlosem Plastik in Flachmannform mit Korkverschluss. Sie schnaubte und hätte am liebsten geschrien.

Draußen hatte die Sonne einen grandiosen Abgang in allen Rot- und Orangetönen hingelegt. Samtig und sternklar wölbte sich der Nachthimmel. Sie schlief entspannt. Endlich.

 

drabblemezzo 2 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Zum Abschluss schulde ich euch noch das Double-Drabble für mein Etüdensommerpausenintermezzo 2. Aber dazu braucht es vielleicht einige Erklärungen.

Ich habe keine Ahnung, ob man nur im Norden „soooo einen (dicken) Hals“ hat. Die Bedeutung kann man jedenfalls hier nachlesen.

Besagte Flaschenpost bekommt man hier an den Landungsbrücken und tatsächlich oft an der Nordsee, oft bunt bedruckt. Sicher für manche Gelegenheiten eine witzige Idee. Bild der Puristenform hier.

Und ja, ich weiß, dass Hunde keine Schokolade bekommen dürfen! Daher erkläre ich hiermit feierlich, dass beim Schreiben und im Verlauf dieser Geschichte kein Hund zu Schaden kam, und dass besagter Labrador einen Schokokeks (es ist ja noch nicht mal reine Schokolade und sicherlich ist der Theobromin-Anteil nicht hoch) lächelnd verdrücken kann und gern noch einen zweiten verdrückt und verträgt.

In der grünen Stille

Nun sind wir draußen in der grünen Stille
Und gehen sonder Wille für uns hin.
Nur Blätter sprechen laut um uns mit Sausen.
Es jagt vor uns des Morgenwindes Brausen,
Und Baum und Blätter wollen mit ihm fliehn.
Er ist ein Reiter, einer von den Kühnen,
Und Schatten winken hinter ihm im Grünen.

Vom Haselstrauch und Eichenlaub umgeben
Sind stille Winkel, wo kein Lufthauch geht;
Wo man sich taub hinlegt vom lauten Leben,
Und wo das Gras voll Sommerwärme steht.

Die Meisen zirpen, und die Gräser raunen
Und warten auf den Tag und seine Launen.
Man starrt mit ihnen in den Morgenrauch, den blauen,
Und küßt und könnte überm Küssen gern ergrauen.

(Max Dauthendey, In der grünen Stille, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 326)

 

Im Wald | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Aber – Mutter??? | Etüdensommerpausenintermezzo 2

Jedes Jahr stand sie am gleichen Augusttag vor der Tür. Oma. Am Freitag nach dem Geburtstag der Zwillinge, denn am Samstag stiegen alle in das Auto und fuhren an die See. Es gab Krabbenbrötchen und das erste Bier für Papa (ab da fuhr Mama), dann gingen sie für mehrere Stunden an den Strand, schwammen oder sonnten sich oder rannten herum, später kehrten sie in einem Landgasthof ein, der für verboten gute, selbst gebackene Torten berühmt war, und schließlich juckelten sie heim. Und am Sonntag brachten sie Oma zurück.
Jedes Jahr. Auch wenn aus der Kür längst schon viel Pflicht geworden war. Man sah sich ja auch sonst nicht mehr so oft.

Dieses Jahr hatte Oma angerufen, dass sie sich den Fuß auf der Treppe verknackst hätte und nicht laufen könne. Nun packten die Zwillinge ein Care-Paket für sie.

„Gute Idee“, sagte Mama, „sie bläst todsicher Trübsal, wenn sie herumliegen muss. Was soll denn rein?“
Schokokekse!“
„Die werden aber leicht zerdrückt.“
„Wir tun die in eine Flasche mit einem ganz breiten Hals. So eine Art süße Flaschenpost.“ Sie kicherten albern. Teenies. „Und die Sonnenblumen im Garten haben wir auch fotografiert und ausgedruckt. Ist bestimmt gut für die Laune.“

Als sie bei ihr ankamen, öffnete Oma nicht. Die herausgeklingelte Nachbarin gab ihnen einen Brief.
„Sie hat gemeint, da stünde alles drin. Ist nichts Schlimmes.“

Ihr Lieben! Macht euch bitte keine Sorgen, mir und meinem Fuß geht es gut. Wenn ihr dies lest, bin ich bis Montagabend weg. Ich habe nämlich einen netten Mann kennengelernt, den will ich mir übers Wochenende näher anschauen. Es gab leider nur diesen Termin. Ich gehe bis dahin nicht ans Handy! Claudia, guck nicht so, das gibt Falten.

Es waren natürlich die Zwillinge, die als erste einander lachend High five gaben und altklug „Pflaster für die Seele“ murmelten.

 

drabblemezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Mein erstes Triple-Drabble ever, und natürlich für das Etüdensommerpausenintermezzo! Ich finde es echt erstaunlich, was man in 300 Wörtern alles so erzählen kann. Und weil mir das Schreiben zugleich auch noch einen Ohrwurm beschert hat, hänge ich den mal gleich mit an. Schönen Sonntag euch!

 

 

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Ich bin der Typ, der alles in sich reinfrisst

Als mich Madame Flamusse ansprach, ob ich Interesse hätte, bei ihrer Blogparade „Mein Körper (und ich)“ mitzumachen, habe ich zuerst gezögert und mich lange gefragt, ob mir das nicht zu nahe geht, ob ich da nicht zu viel ausplaudere, was ich normalerweise eben nicht auf dem Marktplatz öffentlich erzählen würde – denn nichts anderes ist ein Blog. Inzwischen sage ich: Danke, dass du gefragt hast, das Sortieren und Schreiben hat eine Menge zurechtgerückt!
Denn dann habe ich mir Folgendes überlegt: Ja, es ist auch ein Thema meines Lebens, das ist kein Geheimnis, und alles, was mir selbst zu persönlich wird, kann ich erweitern, indem ich einen fiktiven Dialog daraus mache und die Erfahrungen von Bekannten und Freundinnen miteinbeziehe und hineinschreibe. Also bitte, es ist nicht ganz so autobiografisch, wie es sich liest.
Hier also meine Gemengelage (ich mag das Wort). Bin auf eure Kommentare gespannt.

—–

Sie stand vor dem Spiegel und fand sich scheiße. Aus dem Spiegel starrte die dicke Frau mürrisch zurück und hielt ihrem Blick stand. Ja, nee, klar, sie war fett, das war keine neue Erkenntnis, das war eine Feststellung, die ihr nicht mehr als ein Achselzucken abrang. Mit diesen Körperformen war man nicht mehr übergewichtig, da war man eindeutig fett, sprich: adipös. Ja, nun. Sie hasste das Wort, vor allem dieses zickige PÖ. AdiPÖs. PÖ. PÖse.

Was neu war und ihr in diesem Moment den Boden unter den Füßen wegzog, war das fatale, jämmerliche Gefühl von: Oh, verdammt, wer ist denn das, das bin doch nicht ich. SO furchtbar sehe ich doch nicht aus. Wer ist diese Frau?
Sie weigerte sich, sich zu erkennen. Half nicht.
Das war viel schlimmer als der Kater nach einer durchgefeierten Nacht, wenn man nur noch unter die Dusche und ins Bett wollte.
Offensichtlich hatte sie ziemlich lange ziemlich gründlich weggeguckt.
„Selektive Wahrnehmung“ nannte man das wohl.

Sie nahm sich einen Kaffee, mit Sahnehäubchen, darauf kam es jetzt auch nicht mehr an, und ließ sich schwer auf die Couch fallen. Die Zeit verging, der Kaffee wurde kälter. Sie dachte nach. Wie hatte das passieren können, dass sich ihr inneres Bild so weit von der offensichtlichen Realität entfernt hatte? Sie beschloss, auf dem Eingemachten vorerst den Deckel draufzulassen. Wichtiger war die zweite Frage: Und jetzt? Wenn sie es angehen wollte, jetzt, sofort, bevor sie alles wieder aufschob oder ignorierte – Prokrastination war schließlich ihre Spezialiät –, brauchte sie als Erstes eine Waage, um das Problem in Zahlen zu fassen. Warum hatte sie eigentlich keine mehr?

Wenn ich das bin, die im Spiegel, ist das jetzt mein … Schicksal? Großes Wort. Und dann? Ich sehe nicht nur nicht gut aus, ich finde, ich sehe auch nicht sonderlich gesund aus. Ich habe gedacht, das ist das Alter, man wird halt so, wenn man älter wird. Alle wurden so, wenn ich mich in meiner Familie umgucke, aber vielleicht irre ich mich ja und kann aus der Spirale noch raus?
Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich schon länger nicht mehr richtig gesund. Ich sage nie was, aber so richtig gut geht es mir nicht, so wie früher. Ich werde eben nicht jünger, die ersten Freunde aus meinem Umfeld sind schon tot … ach, ich vermisse sie so.
Das ist nicht das, was ich mir vom Leben gewünscht habe.
Ich mag es nicht zugeben, ich mag auch nicht zum Arzt gehen und mich auslachen lassen und Tabletten fressen, davon wird man nicht gesünder.
Ich habe Angst.
Ich will unbedingt was tun. Ich will nicht, dass es so bleibt. Ich will mich wieder mögen können!

Ihre Unruhe war so groß, dass es sie sofort vor die Tür trieb, also ging sie einkaufen. Kaufte eine Waage und blieb in ihrer Lieblingsbuchhandlung hängen, wo sie auf dem Bestsellertisch ein Buch zum Thema Abnehmen und Diät-Mythen ansprang. Na, dachte sie, du kommst gerade wie gerufen, dann nehme ich dich mit. Den Klamottenladen umging sie. Nur noch in die Sachen aus der XXL-Abteilung zu passen, verdarb eh die Laune und heute ganz bestimmt.

Klar darf ich aussehen, wie ich will. Ist doch okay, keiner soll sich  für seinen Körper schämen müssen. Kurvige Models sind schließlich gerade wieder mal der große Hype. Ich sehe noch fettere Mädels als mich in Skinny Jeans. Und obwohl ich deren Mut bewundere – also, schön ist anders. Was ich NICHT laut sagen würde, schon aus Respekt.
Wer fragt eigentlich mich? WILL ich überhaupt so aussehen wie jetzt?
Nein, will ich nicht.
Ich fand mich irgendwie noch nie richtig gut, aber früher fand ich mich besser.

Das Wiegen zu Hause war keine so angenehme Angelegenheit. Um den Schock besser zu verdauen, hatte sie das Gefühl, sich die Pizza zum Abendessen verdient zu haben. Mit doppelt Salami.
Dann begann sie in dem neuen Buch zu lesen. Es traf einen Nerv und machte ihr irgendwie Mut, die Situation anders anzugehen.

Ich will nicht mehr so aussehen.
Ich muss abnehmen. Kann ich überhaupt noch abnehmen? Früher war das so einfach, da habe ich zwei Tage gehungert, dann hatte ich zwar Kopfweh, aber auch zwei Kilo unten. Das kann ich heute nicht mehr, seit ich älter bin, sitzt das Fett irgendwie fester. Vermutlich stimmt es doch, dass der Stoffwechsel immer langsamer wird, wenn man älter ist.
Irgendwas ist falsch mit mir. Ich kann immer essen. Ich habe immer Hunger. Ich kann doch nicht so wenig essen, dann hungere ich doch. Ich will nicht hungern, ich will gut für mich sorgen.

Sie las lange und schlief erst spät ein.
Am nächsten Tag ging sie in der Mittagspause spazieren. Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie viele Leute, die gleich alt oder sogar älter waren als sie, joggend an ihr vorbeizogen. Sie hasste Joggen aus tiefstem Herzen und hatte nicht vor, ihre lieb gewordene Abneigung aufzugeben, aber die konnten etwas, wozu sie körperlich nicht mal entfernt in der Lage war. Warum eigentlich nicht?
Sie setzte sich auf eine Bank in der Sonne und genoss die Aussicht.

Es stimmt gar nicht, dass ich immer Hunger habe. Aber ich esse einfach gern, es schmeckt alles so gut! Außerdem bin ich ein Frustesser und auch ein Belohnungsesser, und natürlich esse ich auch, wenn ich glücklich bin oder … das Gegenteil halt. Eigentlich wird fast jede Gelegenheit mit was zu essen besser.
Houston, ich glaube, so betrachtet habe ich ein Problem. Mindestens eins.

In ihrer Nähe war ein Gasthaus, wo es die besten Pommes gab, die sie kannte. Mit Außer-Haus-Verkauf. Es roch, nein, duftete verdammt gut bis hinüber zu ihr. Sie horchte in sich hinein. Kein Hunger, leider, aber bei dem bloßen Gedanken an Pommes mit Mayo lief ihr schon das Wasser im Mund zusammen.

„Ein Wunder, dass du bei all dem vielen Essen noch nicht geplatzt bist“, stichelte eine innere Stimme. Sie fuhr auf und stockte dann.

Mach mich bloß nicht doof von der Seite an, blaffte sie zurück. Ich meine, ich weiß es ja, Grenzen setzen, mich trauen, früher wütend zu werden, nicht erst „Nein“ zu sagen, wenn es eigentlich zu spät ist – all der Scheiß, den die Bücher predigen. Nachts den Kühlschrank zu überfallen, weil mich die große Leere anspringt, ist auf Dauer jedenfalls keine wirklich gute Idee. Ich fürchte, ich bin der Typ, der immer alles in sich reinfrisst, weißt du?

„Weiß ich“, sagte die Stimme, „du musst gar nicht auf reuige Sünderin machen, bei mir kommt’s nämlich an. Das Essen. Ich bin übrigens dein Bauch, nur mal so angemerkt.“

Sie schwieg.

Gib mir einen Rat, wenn du schon mal da bist. Ich bin so unglücklich. Was soll ich nur tun?

„Ach, du wirst mich dafür verdammen, aber ich sag dir jetzt was Praktisches, auch wenn du es nicht hören willst. Hör auf damit, mich vollzustopfen, ich kann’s nicht mehr so gut ab wie früher. Nimm dieses plärrende innere Gör an die Hand und den inneren Schweinehund an die Leine, gib ihnen meinetwegen einen Schokokeks, EINEN!, und dann geh mit ihnen Gassi! Wie das aussehen soll, kannst du das wichtigtuende Hirn entscheiden lassen, dem wird schon was einfallen. Und mach mehr Sachen, die Spaß machen! Keine Leistungsschau, für niemand, versteh mich bloß nicht falsch, aber was Albernes, Unbeschwertes ist gut für die Laune. Stichwort Glück und so. Die entsprechenden Hormone schicke ich dann rechtzeitig an den Start. Kannst dich drauf verlassen. Deal?“

Sie überlegte. Eigentlich wusste sie gar nichts mehr. Vielleicht war das ja gerade gut, dann auf den Bauch zu hören.

„Deal“, sagte sie zu ihrer eigenen Überraschung laut. „Ich kann’s ja mal versuchen.“

 

Frau auf Waage | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Profilneurose | Etüdensommerpausenintermezzo 2

Der Käfer war nicht von seinem Vorhaben abzubringen. „Ihr glaubt doch nicht im Ernst, wenn die Leute eine Flaschenpost mit mir drin und mit einer Sonnenblume dran sehen, die im See schaukelt, dass sie die nicht rausziehen würden? Dann komme ich bestimmt ins Fernsehen und werde endlich berühmt!“

Leider erwies sich die Sonnenblume als zu schwer für die Flasche, die kippte und unspektakulär im Wasser herumdümpelte. Als auch noch Wasser eindrang, musste er endgültig akzeptieren, dass nichts so laufen würde wie geplant. Schließlich retteten seine Kumpels den Halbertrunkenen, worauf der ohne ein Wort des Dankes erneut in finsterste Trübsal versank.

 

drabblemezzo 1 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Klarer Fall von „dumm gelaufen“. Tja. So kanns gehen.  🙂
Kleiner Drabble-Nonsens zum Dienstag für das Etüdensommerpausenintermezzo 2.

 

Merken

Barbara Allen

Es war im Herbst, im bunten Herbst,
Wenn die rotgelben Blätter fallen,
Da wurde John Graham vor Liebe krank,
Vor Liebe zu Barbara Allen.

Seine Läufer liefen hinab in die Stadt
Und suchten, bis sie gefunden:
»Ach unser Herr ist krank nach dir,
Komm, Lady, und mach‘ ihn gesunden.«

Die Lady schritt zum Schloss hinan,
Schritt über die marmornen Stufen,
Sie trat ans Bett, sie sah ihn an:
»John Graham, du ließest mich rufen.«

»Ich ließ dich rufen, ich bin im Herbst
Und die rotgelben Blätter fallen,
Hast du kein letztes Wort für mich?
Ich sterbe, Barbara Allen.«

»John Graham, ich hab‘ ein letztes Wort,
Du warst mein All und Eines;
Du teiltest Pfänder und Bänder aus,
Mir aber gönntest du keines.

John Graham, und ob du mich lieben magst,
Ich weiß, ich hatte dich lieber,
Ich sah nach dir, du lachtest mich an
Und gingest lachend vorüber.

Wir haben gewechselt, ich und du,
Die Sprossen der Liebesleiter,
Du bist nun unten, du hast es gewollt
Ich aber bin oben und heiter.«

Sie ging zurück. Eine Meil‘ oder zwei,
Da hörte sie Glocken schallen;
Sie sprach: Die Glocken klingen für ihn,
Für ihn und für – Barbara Allen.

»Liebe Mutter mach ein Bett für mich,
Unter Weiden und Eschen geborgen;
John Graham ist heute gestorben um mich
Und ich sterbe um ihn morgen.«

(Theodor Fontane, Barbara Allen, aus: Gedichte, 1898, Quelle)

rosenblätter | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Dieses Gedicht ist nicht nur ein Liebeslied, sondern auch eine Ballade (hallo, Balladentag, sollten wir vielleicht auch mal wieder?), es ist auch ungeheuerlich bekannt. Nein, nicht das, was ihr da gerade gelesen habt, das englische Original scheint zum ersten Mal 1666 erwähnt worden zu sein, es scheint eine schottische Ballade zu sein und es scheint mehr Variationen davon zu geben, als mein Arm lang ist.
Wikibooks sagt dazu:

Auch wenn ‚Barbara Allen‘ erst Mitte des 18. Jh. aufgeschrieben wurde, war es schon fast hundert Jahre früher bekannt. Die früheste bekannte Erwähnung des Liedes steht im einem Tagebucheintrag des Samuel Pepys. Der Eintrag vom 02.01.1666 bezieht sich auf ein „kleines schottisches Lied von ‚Barbary Allen'“. Es gibt unzählige Text- und Melodievariationen dieses Liedes. Die meisten Versionen erzählen von einem schwer erkrankten jungen Mann, der vergeblich auf den Zuspruch von Barbara Allen hofft. Die unerwiderte Liebe führt zum Tod. Am Sterbebett bricht Barbara Allen in Tränen aus und stirbt selbst kurz darauf. Oft wachsen aus den Gräbern zwei Rosenstöcke, die sich zu einem verbinden. Theodor Fontane dichtete eine deutsche Version dieser Ballade. (Quelle)

Und wer das Ganze noch mal in Englisch und in lang lesen möchte, findet hier mehr Info.

Selbstverständlich ist dieses Gedicht auch vertont worden, das Original, versteht sich. Und da ich mich nicht entscheiden kann, präsentiere ich sie euch beide:
Joan Baez (deren Timbre ich anbete) mit ihrer Version von „Barbara Allen“ und Pete Seeger, beide in diesem Genre (und nicht nur da) weiß Gott keine Unbekannten.

 

 

Bruni und Torsten, ihr habt es so gewollt. Kommt gut in die neue Woche, allesamt!

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken