Begegnung | (abc.etüden)

Ich wollte IHN in persona sehen oder besser hören. Nein, nein, das ist nicht das Ende – oder der Anfang – einer Lovestory, das ist der Grund, warum ich aufbrach, um dem kanadischen Schriftsteller Michael Ondaatje bei der Vorstellung seines neuen Buches „Kriegslicht“ zu begegnen. Klar kenne ich ihn aus Fernsehen und Internet, lange schon. Alles nicht damit zu vergleichen, dieses Timbre live zu hören.

Die Veranstaltung erwies sich als eine Mischung aus Interview (viel) und Lesung (wenig). Ondaatje beherrschte die Szene auf sehr zurückhaltende, souveräne Art. Für meinen Geschmack hätte er länger lesen dürfen, ich werde nicht müde, ihm zuzuhören, er weiß, was er da tut. Auch das Interview mochte ich: Gute Interviews sind eine Kunst, aber hierbei war kein Fremdschämen nötig, beide hatten größtenteils ihren Spaß, denke ich. Ondaatje performte nicht für die vollen Ränge, er konzentrierte sich auf seinen Gesprächspartner (gleichzeitig Moderator, Interviewer und Dolmetscher) und spielte mit. Und immer diese wachen Augen und dieses verschmitzte Lächeln in dem zauseligen Charakterkopf. Natürlich verflog die angesetzte Zeit im Nu.

Last but not least die ersehnte Signieraktion. Der Mann ist schnell, seine Unterschrift wenig mehr als eine schwungvolle Linie. Irgendwann stand ich am Kopf der Schlange, er sah freundlich zu mir und dem frisch erstandenen Buch auf und murmelte mir ein „For you?“ zu, ich bestätigte das erstaunt, er kritzelte, wir lächelten einander an, ich bedankte mich und zog glücklich mit meinem veredelten Buch von dannen.

Seitdem lese und schwelge ich und bin verzückt, wieder mal. Ach, dieses lyrisch anmutende Verschwenden von überbordenden, die Sinne berührenden Bildern, ein sorgfältig hingetupfter Flickenteppich, den man auf jeder Seite immer wieder neu entrollen kann. Dieses Innehalten, Sich-Wundern, Beglückt-schön-Finden. In jeder Szene freue ich mich schon neugierig und verzaubert auf die nächste; Pageturner im anderen Sinne, fürwahr eine hohe Kunst. Wie ich seine Bücher liebe.

300 Wörter

Die Veranstaltung fand am 11. September im Rolf-Liebermann-Studio des NDR in Hamburg statt. Ondaatje hat am 12. September Geburtstag, er wurde 75. Hier mehr Infos zum Abend und zum Nachhören. Da gibt es auch ein paar anständige Bilder, auf dem Bild vom Publikum bin ich übrigens auch drauf, wie ich festgestellt habe. Ach, war schön.

Mehr Infos zu Ondaatje gibt es auch auf seiner Seite seines deutschen Verlags, dem Hanser-Verlag.

Nebenbei, fast hätte ich es vergessen, ist dies auch noch ein Beitrag für die abc.etüden, Woche 37/38.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die zu verbauenden Worte stammen dieses Mal von mir und lauten: Kunst, müde, verschwenden.

 

Ondaatje "Kriegslicht" Signatur | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

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Schöpfung | abc.etüden

Die Muse ist keine sanfte Geliebte. Jedenfalls ihre nicht, sie springt sie nächtens an und bezwingt sie, verbeißt sich in sie, bis sie gequält zum Stift greift, wie von Sinnen Sätze aufs Papier schleudert, die Idee verfolgt und vorantreibt und sich dem Rausch mit seiner inneren Logik hingibt. Im Licht des Morgens starrt sie dann auf das Ergebnis: Manchmal erkennt sie es, manchmal nicht. Nur der Einfluss der Wilden macht daraus Kunst, ihren Kuss versucht sie zu locken, bis sie in den durchwachten Stunden über sich hinauswächst und später nicht mehr so recht weiß, woher das stammt, was da steht.
Kurzfristig verschmolzen. Mit wem? War ich das? Keine Antwort.

Hinterher ist sie erschöpft, wieder allein, zutiefst müde. Aber sie ist gut, diese Mattigkeit, sie fühlt sich richtig an. Sie hat das Ihre großzügig verschwendet und ist selbst zum Gefäß geworden. Hat aufs Neue Himmel und Erde erschaffen und ihnen ihre Namen gegeben. Und dann ruht sie.

 

2018_37+38_1_250 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung: ich

 

Für die abc.etüden, Woche 37/38.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von mir und lauten: Kunst, müde, verschwenden.

Na, die ist mal kurz, alles, was recht ist. Ich habe zur Sicherheit nachgezählt, ob ich über 10 Sätze hinaus bin – geübt ist geübt – ja, bin ich. Ach, diese Freude, Zweiwortsätze schreiben zu dürfen. Aber irgendwie … sehr interessantes Ergebnis des Experiments, das da oben.

 

Aller guten Dinge sind vier!

Letzte Woche hatte mein Blog Geburtstag (und ich war gerade anderweitig schwer beschäftigt). Das ist zwar, wie ich jedes Jahr aufs Neue sage, DIE Gelegenheit, meinen Blog und mich mit Glitzer zu beschmeißen, zu verkünden, wie glücklich und zufrieden ich mit allem bin und knietief im Sternenstaub zu waten, in der Regel klappt es bloß nicht so ganz. Ich bin misstrauisch gegenüber Zuckerwatte, vor allem, wenn ich sie selbst produziere.

Tatsache ist, dass ich im letzten Blogjahr gefühlt eigentlich nichts anderes gemacht habe, als das Etüdenprojekt zu hätscheln betreuen (danke, Ludwig, immer noch, immer wieder), selbst Etüden zu schreiben und montags die Woche mit ein paar Gedichten einzuläuten. Da mein eigener Stresspegel ziemlich hoch war und ist, reicht mir das völlig an Aufwand, aber ganz glücklich bin ich doch nicht damit. Hm.

Ich habe mir lange überlegt, ob ich etwas Besonderes auf meinem Blog zum Bloggeburtstag veranstalte. Und dann fiel mir Folgendes ein: Es gibt irgendeinen Award, der unter anderem dazu auffordert, seine „besten“ Bei-/Einträge aufzulisten. Kann ich nicht. Will ich nicht. Was soll das sein, meine „besten“ Einträge, wer bewertet das? Ich habe Schwierigkeiten mit dem Wort.
Was ich aber kann, ist, euch meine LIEBSTEN Geschichten zu präsentieren und euch lesen zu schicken. Also, holt euch einen Kaffee/Tee/Kakao/WasAuchImmer, bevor wir starten, es wird länger.

***

Wenn ich durchsehe, worüber ich so schreibe, dann sehe ich, dass ich einen Hang zu Geschichten habe, die zwar nicht immer positiv/versöhnlich ausgehen, aber doch meist die Kurve zum Hoffnungsvollen bekommen. Definiert man so einen Optimisten? It ain’t over till it’s over? (Bin ich einfach nur naiv?) Eigentlich ist es mir egal, ich glaube nicht, dass ich mich noch ändern werde, ich will es nicht.
Dann gibt es die Geschichten, wo ich an der Grenze zum Mystischen/Magischen/Fantasy kratze oder sie überschreite, und das, ihr Lieben, sind mir eigentlich die liebsten.

In diese Kategorie gehört eine frühe Geschichte, in der ein Mensch einem Zwerg aus der Klemme hilft und dafür einen Wunsch frei hat: Klappspatens Verwandlung. In einer anderen sitzt Tine im Treppenhaus und weiß weder so genau, wie sie dort hingekommen ist, noch woher ihre Verletzungen rühren: Tragischer Unfall am Weiher. Kurz und knackig waren dagegen meine beide Etüden von einer Meerjungfrau, die in einem Aquarium festsitzt: Alles Fake! (1) und Sirenengesänge (2). Was habe ich beim Zusammenfabulieren Spaß gehabt! Ganz frisch ist die Irgendwie-schon-auch-Liebesgeschichte vom gar nicht wilden Wassermann und der schönen Lilofee, die sich schon beim Schreiben in mein Herz geschlichen hat: Dylan und Lilo. Fast ein Wassermärchen.

Da wir gerade bei „Herz“ sind, möchte ich wieder ins rein Irdische wechseln und stellvertretend nur eine laaaaange Geschichte aufführen, die mir letztes Jahr den Sommer versüßt hat: Der Wassermaler (I) und Der Wassermaler (II).

Nun wird’s kurz: Katastrophenalarm, ein Brief eines Mädchens aus dem Urlaub an die BFF; Rausch handelt vom ultimativen Kick; Sternenwanderer, eine Geschichte, bei der es mich überläuft, warum auch immer; Wie viel? – eine Etüde, in der es nicht um das geht, worum es scheint.

Zum Schluss die Etüden-Trilogie von einem, den ich nicht kennen möchte: Nach Hause (1), Stay tuned (2) und THE END (3).

Wie, kein Fellträger? Na ja, in den meisten Geschichten, in denen er auftaucht, beruht der Witz darin, dass er sich erst im letzten Satz sozusagen zu erkennen gibt. Führe ich die also hier auf? Nein. Aber ich hoffe immer noch, dass sich die Gelegenheit ergibt, die Geschehnisse um eine gewisse rotäugige Zombiekatze (hallo Anton, hallo Frau Flumsel) noch mal aufzugreifen. Hat den eigentlich einer mal wieder gesehen?

***

Bliebe noch zu sagen, dass in diesem letzten Blogjahr meine Followerzahl bis auf um die 600 angestiegen ist, je nachdem, ob man die Mail-Follower mitzählt: Ich tue es, WordPress manchmal ja, manchmal nicht. Wie auch immer, ihr, die ihr dies lest und KEINE Etüden schreibt und/oder bisher nicht kommentiert habt: Herzlich willkommen auf meinem Blog, ich hoffe, ihr mögt es hier!
Ferner ist dies hier der 858. Beitrag, vor einem Jahr zum Bloggeburtstag war es der 674., und ich habe die unglaubliche Zahl von 26.800 Kommentaren überschritten (letztes Jahr über 18.500), und ja, ich weiß, ich habe bestimmt die Hälfte selbst geschrieben. Na und?! Ja, ich würde sagen, wenn ich mir die Zahlen so ansehe, muss ich einräumen, ich habe wohl einen lebendigen Blog.

Das hätte ich mir vor vier Jahren echt nicht träumen lassen, dass dieser Entschluss mein Leben so bereichern würde. Mein Dank und mein Gruß geht daher an alle von euch, die zum Teil schon seit mehreren Jahren meine „Online-Familie“ bilden (bitte, ich sehe das mit seinen Möglichkeiten und Grenzen durchaus auch kritisch, dennoch bedeutet es mir viel), und ganz besonders an die, die ich (quer durchs Land) inzwischen persönlich kennenlernen durfte. Ich danke euch. Gerne mehr davon! Wir sehen, hören und lesen uns!

 

Pusteblume | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Etüdengedanken

Als ich im Frühjahr 2017 die Etüden von ihrem Erfinder übernahm, waren sie ein ambitioniertes Schreibprojekt mit klaren Regeln: 3 Wörter, unterzubringen in (maximal) 10 Sätzen. Nicht mehr, nicht weniger, Textart egal. Ich fühlte mich geehrt, die Auserwählte zu sein, ich bin es noch, die Etüden-Idee ist prima, und dass Ludwig sie immer noch mit seinen Illustrationen begleitet, macht sie besonders.

Auf meinem Blog wuchsen die Etüden vielleicht weniger in eine (literarische) Höhe als in die Breite, sie zogen jedenfalls mehr und andere Leute an als zu der Zeit, als Ludwig sie aus dem Boden gestampft hat, und klar, die Bandbreite der Texte veränderte sich. Ich war ja bei Ludwig auch von Anfang an dabei, ich fand es großartig, das zu sehen und zu begleiten.

Ich habe die Etüden dabei nie als „literarisches“ Projekt gesehen, hätte ich das, hätte ich vermutlich vor dem immanenten Anspruch kapituliert und sie gar nicht angefasst. Mich reizen elitäre Clubs mit ihren Zwanghaftigkeiten nicht. Ich probiere rum. Für mich sind die Etüden ein heiß geliebtes Blogkind, und die Texte, die ich dafür schreibe, sind so gut, wie ich sie im Moment gerade hinbekomme. Nicht-Beliebigkeit, das ist mein Anspruch. An mich! Wer teilnehmen will, wer es ernst meint, wer Sprache liebt und sie gern einsetzt, der soll hier bei den Etüden eine Art Zuhause finden, und herzlich willkommen! Ja, das unterscheidet die Etüden, und ja, ich finde, dass es sie verbindlicher macht, und ja, ja, ja, ich bin sehr glücklich über die, die regelmäßig dabei sind.

Nachdem ich neulich einen Text las, der sich kritisch mit den Etüden und meiner Rolle auseinandersetzte, begann ich, an allem zu zweifeln und ernsthaft darüber nachzudenken, ob ich die Etüden auf- oder abgeben will.  Nein, will ich nicht.
Ich habe den Etüden keine Blog-Heimat gegeben, damit ich den Aufkleber auf der Stirn herumzeigen kann, ich sei „Schriftstellerin“ oder „literarisch tätig“, echt nicht. Ich schreibe, weil ich schreiben will, und die Etüden (oder die Intermezzos oder sonstige Schreibaufrufe, egal ob hier oder woanders) sind die Form, in die mein Schreiben gerade fließt, wobei ich die Herausforderung total spannend finde, die darin liegt, die vorgegebenen Wörter sinnvoll zu verbauen. Und es macht mir Spaß, meine Ergebnisse zu teilen, die Texte von anderen zu lesen und Meinungen dazu auszutauschen.
Tatsache ist aber, dass der Hype um Die-deren-Name-nicht-genannt-werden-soll (also die DSGVO) vielen das Bloggen verleidet hat. Tatsache ist auch, dass dieser sonnige Sommer die Leute nicht gerade vor die Computer zerrt. Ich gehe davon aus, dass ab September, spätestens Oktober auch hier wieder mehr Schwung in der Bude ist.

So weit, so schön. Last but not least habe ich jedoch in meinem Leben außerhalb meines Blogs seit geraumer Zeit mehr um die Ohren, als ich gut abkann. Dies für alle, die sich wundern, warum ich manchmal nach 5 Minuten und manchmal erst nach 15 Stunden lese und/oder kommentiere. Liegt nicht an euch, ich bin dann einfach nicht online.

 

Vor diesem ganzen Hintergrund jetzt also ein paar Fragen an euch:

  1. Ja, mir ist klar, dass es für so was eine schlechte Zeit ist, weil Sommerpause, aber wie sieht es mit eurer Etüdenbegeisterung aus, so ganz generell?
  2. Wäre das für euch okay, wenn es die Etüden nur noch zweimal pro Monat gäbe, oder fändet ihr das als Intervall zu lang?
  3. Wir hatten es vor der Sommerpause mal in den Kommentaren andiskutiert: Was hieltet ihr davon, wenn die Regel nicht mehr „3 Wörter, (unterzubringen in maximal) 10 Sätzen“, sondern „3 Worte, (unterzubringen in maximal) 300 Wörtern“ hieße? Ich habe nämlich in dem Intermezzo wieder mal bemerkt, wie sehr ich es genieße, sehr kurze Sätze zu formulieren, das wäre eine Änderung, die ich gern ausprobieren würde. Und sollen es 300 Wörter sein? Weniger? Für mich wären 300 Wörter üppig, ich habe mal gezählt.
  4. Was ich auf jeden Fall ändern werde, ist die Auswahl der Wortspender. Bisher habe ich relativ willkürlich die fleißigen Schreiber um Spenden angeschrieben, plus den Etüdenerfinder, plus mich selbst. Mir ist erst in diesem Jahr aufgefallen, dass man das reichlich untransparent finden kann, beste Absichten hin oder her. Und wenn ich dafür eure Namen auf Zettel schreiben und blind ziehen (lassen) muss, ist mir das auch recht. Dazu kommt also auf jeden Fall noch was.

 

Langer Text, schon klar. Ich bin auf eure Meinungen gespannt.

 

Füße ... | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Junge Liebe | abc.etüden

„Ich weiß echt nicht, wo er bleibt, er wollte doch schon lange hier sein!“
„Auch wenn du es wahrscheinlich nicht hören willst, der lacht doch bloß über dich, dass du ihn so anbetest. Wenn der dir erzählen würde, dass sein pompöser Amischlitten mit Biodiesel fährt, dann würdest du ihm das doch auch noch abnehmen!“
„Gar nicht wahr, außerdem mag ich so alte Autos, das ist so voll oldschool, das ist richtig … ach, vergiss es.“
„Was habt ihr denn vor?“
„Bloß sonnenbaden und später vielleicht mit seinen Kumpels am Strand grillen.“

Wer’s glaubt. Ach, wie schnell die Zeit vergeht und die Kinder groß werden und unbedingt ihre eigenen Erfahrungen machen wollen.
Der Lauf der Zeit … sie gab auf und kehrte das letzte bisschen Autorität heraus.
„Aber um Mitternacht bist du daheim, klar?“

 

2018_30_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Für die abc.etüden, Woche 30.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Yvonne von umgeBUCHt und lauten: Biodiesel, pompös, sonnenbaden.

 

Toller Hecht | abc.etüden

Wie jetzt, das – äh – war schon alles? Ihre Stimmung befand sich so weit unter Null, dass sie fast erwartete, Eisrosen an den Fensterscheiben erblühen zu sehen.
Sabbeln konnte der Herr Kollege ja, das musste sie ihm lassen, sie hatte schon lange nicht mehr so viel von „Fallenlassen“, „Kernschmelze“ und „gliederlösendem Eros“  zu hören bekommen und war schließlich mehr als geneigt gewesen, es sich am eigenen Leibe beweisen zu lassen, dass er wirklich so ein toller Hecht war.

Tja, ach, der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Wobei es bei ihm allerdings mit dem Gliederlösen geklappt zu haben schien, das Schnarchen, das vom Bett her dröhnte, sprach von postkoitaler Müdigkeit und vielleicht auch von mehr.

Weggeworfene Zeit, stellte sie nüchtern fest. Und sie war durchaus nicht bereit, seine doch eher nicht vorhandenen Bemühungen um sie dadurch zu honorieren, dass sie noch anwesend war, wenn er aufwachte. Win-win-Situationen sahen anders aus.

Also schlüpfte sie rasch in ihre Kleidung, nahm sich von seinem achtlos auf den Tisch gedonnerten Hosentascheninhalt einen grünen Schein, zog die Tür leise hinter sich zu und ging mit schnellen Schritten in die hochsommerlich warme Nacht hinaus. Hoffentlich begegnete ihr bald ein Taxi.

 

2018_29_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Für die abc.etüden, Woche 29.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Viola von violaetcetera und lauten: Kernschmelze, grün, wegwerfen.

„Und, ist dir das auch schon mal passiert?“ – „Nein, ich hab eigentlich immer das Auto dabei.“
Scheeeeerz, Leute, Scheeeerz!  ;-)

 

Ein gelungener Abend | abc.etüden

 

„Also, weißt du, wenn ich es mir recht überlege, würde ich dich gerne mal fragen …“

Verdammt, dachte John, erfahrungsgemäß drohte nach dieser Einleitung eine der von ihm so bezeichneten unverzeihlichen Fragen, und davon wollte er jetzt keine beantworten – oder erst recht keiner ausweichen müssen. Der Nachmittag war bisher so schön verlaufen, aus dem lockeren Geplänkel auf dem großen Balkon der WG war ebendort ein entspanntes Gespräch unter vier Augen an einem etwas schwül-warmen Abend entstanden, und auch die alkoholischen Getränke, an denen er natürlich nur pro forma genippt hatte, hatten die Stimmung höchstens so weit gehoben, dass Sara übermütig geworden war.

„Verrate mir doch mal, was Vampire eigentlich mit Fledermäusen zu tun haben.“

Nun, diese Frage konnte er beantworten, allerdings etwas anders, als sie erwartete. Vor ihren erstaunten Augen schien er zu verblassen, und obwohl sie sich Mühe gab, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, wurde er durchsichtiger und durchsichtiger … bis es ihr plötzlich schien, als schieße eine Fledermaus über sie hinweg auf die andere Seite des Balkons, der sie ungläubig nachsah.

„Nichts“, erklang Johns dunkle Stimme neben ihr, und sie fuhr wieder herum, wo er saß und sich scheinbar nicht gerührt hatte, „nichts haben wir mit denen zu tun außer in den Augen der Menschen, die uns und denen Dämonisches anhängen wollen, zum Beispiel eine Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen. Was völliger Blödsinn ist, übrigens, das funktioniert ganz anders.“

Sara starrte ihn fasziniert an. „Oh, bitte“, keuchte sie, kein bisschen eingeschüchtert, „mach das noch mal, ja?“, und John begann zu grinsen.

 

2018_28_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 28.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Natalie aus dem Fundevogelnest und lauten: Fledermaus, schwül, verraten.

Erinnert sich noch jemand an meine Vampir-WG aus den Generator-Zeiten von und mit Jutta Reichelt? Ja, die gibt es noch, und Vampire haben ja eh viel Zeit …

Schön, zugegeben, 10 Sätze sind WIRKLICH zu wenig.

 

Chill mal, Mama | abc.etüde

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier, und kenne doch keine Note.

Kaum auszudenken, die Reaktion, wenn sie den frischgebackenen Pubertieren so etwas wie KLAVIERUNTERRICHT auch nur antragen würde.

Es steht im Dunkel der Kellertür, seitdem die Welt verrohte.

Seit sie täglich mitanhören durfte, mit welchen Bezeichnungen ihre Töchter einander anschrien – Wörter, für die ihre Großmutter ihr den Mund mit Kernseife ausgewaschen hätte, wenn sie sie überhaupt verstanden hätte –, begriff sie, warum so viele Philosophen mit jeder neuen Generation den Untergang des Abendlandes heraufbeschworen. Dass sie ziemlich oldschool war, okay, geschenkt, Mütter durften das sein, ihre war es auch gewesen. Wie man aber heutzutage scheinbar miteinander sprach, und das dann auch noch als „JugendKULTUR“ bezeichnete, das würde sie nie akzeptieren, da mochte noch so viel Zeit vergehen.

Zerbrochen ist die Klaviatür … ich beweine die blaue Tote.

Woher sollten ihre Kinder die feinen Abstufungen lernen, wie die Kommunikation mit Nicht-Gleichaltrigen, wenn es offensichtlich ihr einziges Bestreben zu sein schien, einander immer abstruser zu beleidigen? Sie fand sich in der Rolle der Sprachpolizei und hasste es aus vollem Herzen, aber sie verzweifelte schier daran, ihnen zu vermitteln, dass der von ihnen ständig und laut eingeforderte RESPEKT sich auch und zuallererst in der Wahl der Ausdrucksweise manifestierte. Und wenn man ihr noch ein einziges Mal abschätzig dieses „Ey, chill mal, Mama“, entgegenschleuderte, dann … ja, dann würde sie sich vielleicht auch mal in der Sprachebene vergreifen, und sie freute sich wirklich nicht darauf.

 

2018_27_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 27.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Werner Kastens und lauten: Sprachpolizei, verroht, vergehen.

Sollte sich jemand fragen, was ich da zitiere (kursiv): Else Lasker-Schüler, Mein blaues Klavier, aus dem gleichnamigen Gedichtband (Quelle).

Ich las neulich, dass es ein Buch mit folgendem Titel geben solle: „Am Ende der Geduld ist noch jede Menge Pubertät übrig“ – oder so. Das kommt mir ziemlich wahrscheinlich vor …  ;-) Ihr, die ihr an vorderster Front seid, ist es bei euch auch/wirklich so schlimm?

 

Mutprobe | abc.etüden

Man hatte die Reihenfolge ausgelost und er war Achter, was nicht allzu gut war, aber immer noch besser als Letzter, denn die meist eher trägen Drachen waren langsam richtig genervt von den ganzen Halbwüchsigen, die, angefeuert von dem gesamten Dorf und unter den kritischen Augen der Leute vom Königshof, in der natürlichen Arena mehr oder weniger geschickt zwischen ihnen herumrannten und versuchten, zu dem Nest im Hintergrund zu gelangen und die Eier zu berühren.

Er blendete alles andere aus, als er nach seinem großen Sack griff und vorsichtig den Sandkessel betrat, alle Sinne bis aufs Äußerste angespannt. Hilfsmittel waren erlaubt, sofern es keine Waffen waren, und alle außer ihm hatten aus gutem Grund Schutzkleidung mitgeschleppt. Selbst die kleineren hiesigen Lindwürmer, die in der Nähe des Dorfes lebten und höchstens ab und an mal ein Schaf rissen, riefen mit ihrem Feueratem böse Verbrennungen hervor, und wenn ihre Flügelschläge auf ungeschützte Körper knallten, brachen Knochen wie Glas.

Er schlug einen weiten Bogen und pirschte sich an, bis er schließlich in respektvollem Abstand zu dem größten Drachen mit den wunderschönen, golden glänzenden Schuppen stand, der sofort gereizt den Kopf hin und her bewegte und tief Luft holte. Das war das Anzeichen, auf das er gewartet hatte, und zugleich der Moment der höchsten Gefahr, denn als Nächstes würde Feuer im Anmarsch sein! Er schüttete ihm mit einer einzigen flüssigen Bewegung den Inhalt des Sackes entgegen – und über 50 altbackene Brötchen purzelten in den Sand. Der Lindwurm stutzte, senkte tatsächlich überrascht den Kopf und prüfte die Gabe auf Fressbarkeit – vorhanden –; der Junge jedoch huschte wieselflink an ihm vorbei und stand am Nest, hob vorsichtig und für alle sichtbar ein Drachenei hoch und legte es ebenso behutsam wieder ab – und sah, wie sich zu seiner Erleichterung neben ihm die kleine, versteckte Tür öffnete, durch die er im aufbrandenden Jubel die Gefahrenzone verlassen durfte.

„Bäckerjunge“, sagte am Abend der Hauptmann der Königsleute bei der Audienz zu ihm, „von allen heute hast du am meisten Einfallsreichtum und Mut bewiesen; dafür gewähren wir dir einen Wunsch.“

„Wenn dem so ist, dann nehmt mich mit an den Hof“, sagte er ohne zu zögern, denn er hatte auf die Frage gehofft, „ich respektiere das Handwerk, aber ich hasse die Backstube, ich will Drachenpfleger werden!“

 

2018_26_1_eins lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 26.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Wortgeflumselkritzelkram und lauten: Drachenei, altbacken, knallen.

Hach, wieder mal ein Grund, bisschen Fantasy anzudenken, wie mag ich das! Seht mir die Länge der Sätze bitte nach, es musste halt viel „Setting“ rein … Ja, ich habe überlegt, aus dem „Drachenei“ irgendwas anderes zu basteln, klar, haben andere Mitschreiber*innen ja schon vorgemacht, aber neee, es ging nicht: Fantasy, here we come. Also ich. Bisschen Harry Potter ist drin, zugegeben  ;-)

Ich hätte übrigens gerne mal Büchertipps von euch, was Drachenbücher angeht, ich glaube, ich bin auf keinem Fall auf dem neuesten Stand. Und bitte nicht nur Jugendbücher. Nein, BITTE KEINE Links, nur dann, falls ihr das Buch auf euren Blogs besprochen habt!

 

Leiche im Keller | abc.etüden

Sie war eine, die immer auffiel, sei es, weil sie in der Schule rebellierte, sei es, weil sie der unangefochtene Star bei so Mädchenkram wie Voltigieren war; sie konnte sich das leisten und kam damit durch. Jahrelang hatte sie geglaubt, hinter dem Kopfschütteln, mit dem sie oft betrachtet wurde, stecke Mitleid. War sie denn nicht das arme Kind, dessen Mutter bei der Geburt gestorben war, aufgezogen von der Oma und ihrem fast abgöttisch geliebten viel älteren Bruder? Dass die reichen Familien ihren Töchtern den Umgang mit ihr verboten, während die Jungs ihr nachstellten, lag es doch an etwas anderem als an ihren zurzeit gerade giftgrünen Haaren?

„Die Schnepfen denken, dass du asozial bist, weil keine von denen weiß, wer dein Vater ist“, bemerkte ihr Bruder eines Abends, als sie sich lautstark über die Ungerechtigkeit beklagt hatte.
„Sag jetzt nicht, du weißt es?“ fragte sie routinemäßig genervt zurück und erstarrte, als sie ihn nicken sah.
„Irgendwann musst du es ja erfahren. Ich bin nämlich dein Vater“, antwortete er schließlich zögernd, „ich kann dir Brief und Siegel darauf geben. Aber bevor du mir jetzt mit Darth Vader, dem Ödipuskomplex oder so einem Scheiß kommst, werde ich dir was sagen, was dich ziemlich sicher umhaut und worüber du bitte zuerst nachdenkst: Ich habe ihr gewünscht, dass sie an dem verreckt, was sie mir – und damit auch dir – angetan hat, unsere sogenannte Mutter. Liebe war das nicht.“

 

2018_25_1_eins lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 25.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Myriade und lauten: Ödipuskomplex, giftgrün, voltigieren.

Ähm, ja. Böse Wörter zeitigen böse Etüden. Jedenfalls manchmal.

 

Der Enkel | abc.etüden

„Pfiffiküsschen, komm her und gib Oma ein Küsschen!“ So entstehen lang anhaltende Abneigungen gegen Wörter – „Pfiffikus“ stand auf seiner Liste konkurrenzlos ganz oben. Zuerst hatte er die Knutschanfälle seiner Oma noch über sich ergehen und sich tätscheln, herzen und küssen lassen, aber später hatte er immer öfter und immer lauter „Bäh!“ geschrien und war weggerannt, sobald sie sich näherte. Dass das seine Oma traurig machte, hatte er wohl bemerkt, auch, dass seine Mutter „Ach, lass ihn, in dem Alter sind sie alle so!“ gesagt hatte, aber er konnte es nun mal einfach nicht aushalten, dieses weiche, weiße Fleisch, diese Umarmung, in der er versank und keine Luft bekam, dieser Geruch nach Waschmittel, Deo und alternder Frau, überdeckt mit Parfum …
Sie hatte tapfer gelächelt und ihm verkündet, dass er ihr Lieblingsenkel sei, was auch immer er anstellen würde. Inzwischen war er selbst nicht mehr jung, aber diese Ansage hatte die Jahre überdauert.
Und nun war sie tot.
Nie wieder würde seine Lieblingsoma auf ihrer bequemen Chaiselongue liegen, noch traumverloren die Augen aufschlagen und dann lächelnd „Na, Pfiffiküsschen, soll ich uns einen schönen Kaffee machen?“ sagen.
Er saß neben ihr am offenen Sarg und verlor sich in Erinnerungen. Etwas berührte seine Hand, dann noch einmal, und als er hinabsah, bemerkte er erst, dass er weinte.

 

2018_24_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 24.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Bernd von Red Skies over Paradise und lauten: Pfiffikus, traumverloren, tätscheln.

 

Die Vorführung | abc.etüden

Nachdem er bemerkte, wie viele Leute zusammenliefen, um ihm zuzusehen, fühlte er sich plötzlich wie der allerletzte Trottel. Ebenso gut hätte er gleich ankündigen können, eine Jungfrau zersägen zu wollen. Einige wenige gab es, die achtungsvoll das aufgebaute Equipment beäugten, um dann nach hinten zu verschwinden – sicherer Abstand zum Geschehen, besserer Blick von der Schräge aus, weil man dort höher stand.

Sollten sie doch, es war ihm egal. Das Einzige, was ihn wirklich brennend interessierte, war, ob SIE gekommen war, wie sie es ihm versprochen hatte, sie, um derentwillen er sich zum Affen machte, sie, um derentwillen er wochenlang immer wieder heimlich geübt hatte. Ja, da stand sie, ganz vorn in der ersten Reihe, strahlte in seine Richtung und warf ihm eine Kusshand zu.

Er startete die Musik, atmete noch einmal tief durch – jetzt bloß nicht zittern –, schritt nach vorn, verbeugte sich würdevoll vor seinem Publikum, und während vom Band der immer lauter werdende Trommelwirbel erklang, ergriff er den Säbel und köpfte die vorbereitete Champagnerflasche mit einem einzigen gekonnten Schlag. Deren Kopf prallte mit großer Wucht ein paar Meter entfernt gegen die Garagenwand; das kümmerte aber keinen, denn alle Augen waren nur auf ihn gerichtet: wie er die herausschießende Fontäne abwartete, dann vollkommen beherrscht eine der bereit stehenden Champagnerschalen füllte, aus der Tasche seiner Weste den Ring herausfischte, ihn hineingleiten ließ und mit ein paar Schritten die Distanz zu IHR überbrückte, bevor er vor ihr auf die Knie fiel, den Kopf senkte und ihr den Champagner wortlos wie einen Pokal entgegenstreckte. Jäh durchzuckte ihn die Frage, wie er jemals wieder aufstehen sollte, denn seine Beine fühlten sich an wie Pudding und sein Herz raste, aber dann hörte er sie aufschluchzen und „Oh Jan – ja, ich will!“ rufen und wusste, alles war gut und würde es immer sein.

 

2018_23_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 23.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Gerda Kazakou und lauten: Schräge, brennend, köpfen.

Nein, ich bin weder kitschig noch habe ich eine theatralische Ader, wie kommt ihr denn bloß darauf??? Aber mich hat zugegebenerweise dies hier (Link zu YouTube) inspiriert …  ;-)
Ich wusste, dass ich zu „köpfen“ nichts Tagespolitisches schreiben will, und als ich darüber nachdachte, was ich denn dann köpfen wollen würde, landete ich bei Champagner. Und warum nicht bisschen übertreiben, getreu dem guten alten Motto: Bringe deine Protagonisten in Schwierigkeiten?
Seht mir bitte die Bandwurmsätze nach, ich finde, sie lesen sich nicht zu fürchterlich.