Cat-Lady | abc.etüden

Ich geh schon nicht weg, Katzenkind, sagt sie, als sie aufsteht und aufstöhnt. Die Hüfte. Der Rücken. Man wird nicht jünger. Sie hört, dass er schnurrt, streicht ihm über den Kopf, was das Schnurren verstärkt. Die Katzenaugen schließen sich.

Du hast es gut, denkt sie, als sie in die Küche schlurft und ihre eigene Unbeweglichkeit beklagt. Manchmal beneidet sie ihn, wenn sie ihn abends sieht, wie er auf dem Zaun balanciert und dann mit einem großen Satz in der Dunkelheit verschwindet, unterwegs auf seinen eigenen magischen Katzenwegen. Wobei die offensichtlich auch ziemlich angsteinflößend sein können – wer ist vorhin an ihr vorbeigeschossen, als sie die Tür geöffnet hat, als würde er verfolgt? Und wer ist eben eindeutig Schutz suchend auf ihren Schoß geklettert, damit sie die blutigen Risse in den Ohrmuscheln inspizieren konnte? Nachdem man sich den Bauch vollgeschlagen hat, natürlich, first things first. Nein, nicht tief, nur Kratzer, scheinbar nichts weiter passiert, aber glücklich, glücklich sah dieses zusammengekauerte Wesen heute früh nicht aus. Das wird ein Tag, an dem sie ihren Katzenkönig behüten muss, sie kennt das schon.

Sie gießt sich Kaffee ein und geht mit der Tasse zurück in ihr Wohnzimmer. Auf der Couch liegt ihre Strickjacke, die er in den letzten Tagen zu seinem Lieblingsplatz erklärt hat. Vermutlich, weil sie nach ihr riecht, sie mag es sich nicht anders erklären. Sie lässt sie für ihn dort liegen, sie kann sie später waschen. Er hat sich darauf zusammengekringelt und erwartet offensichtlich, dass sie sich wieder zu ihm setzt und die Zeitung liest. Sie kennen einander zu lange, als dass sie es nicht wüsste.

Schlaf ruhig, sagt sie. Ich bin ja da. Er reagiert nicht.

Sie betrachtet ihn versonnen und seufzt. Wie ging der Spruch? Das letzte Kind hat Fell? Sie nickt.

Kurios? Ihr doch egal.

 

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Für die abc.etüden, Wochen 19/20.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Katharina und ihrem Blog Katha kritzelt und lauten: Katzenauge, kurios, balancieren.

Neulich erklärte Myriade, dass sie vorhabe, im Alter eine Frau mit vielen Hüten zu werden, woraufhin ich entgegnete, ich strebte eine Karriere als Cat-Lady an. Nun denn. Hier ist ein Vorgeschmack.

Der Fellträger besteht darauf, dass alles fiktiv ist und er nur zu dekorativen Zwecken auf meinem Schoß sitzt. Ich lass das mal so stehen.

 

 

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Schondeckchen | abc.etüden

Ich mache mir Gedanken. Ich spreche nicht gerne darüber, aber nun ja, ich muss es wohl eingestehen: Man wird älter und nutzloser. Also ich.
Nein, keine Sorge, es ist schon noch alles okay, ich fange nach wie vor diese pelzigen Dinger, die ich nicht mit reinbringen soll zum Essen, besonders nicht, wenn sie noch leben.
Mäuse, das war das Wort.
Ich werde auch dafür gelobt und gekrault.
Sogar nachts.
Okay, es sind nicht mehr so viele wie früher, aber die haben bestimmt auch abgenommen, natürlicher Schwund, Klimawandel, was weiß ich, man hört ja so einiges.

Was diese krakeelenden Flatterviecher angeht, muss ich allerdings zugeben, dass ich früher mal schneller war. Ihr ist das ganz recht, wenn ich die in Ruhe lasse, sagt sie, auch wenn ich immer noch wie ein junger Gott (ihre Worte, ist sie nicht nett?) auf einem dünnen Ast balanciere und die Bäume hoch und unter runter jage.

Alles wäre ziemlich gut, hätte sie nicht neulich in so einer Frauenzeitschrift einen Artikel gelesen, dass man Haustierhaare zu Wolle verarbeiten und verstricken kann. Danach hat sie mich so lange komisch angeschaut, dass ich mich auf ihren Schoß gelegt habe, um selbst einen Blick drauf zu werfen.
Ich solle mir keine Sorgen machen, hat sie plötzlich gesagt, sie fände derartige Ideen reichlich kurios.
Aber heute kam ein Paket mit einer Spezialbürste, und sie weiß genau, dass ich Bürsten hasse! Okay, ich bin eine gesunde, ausgewachsene Katze mit Krallen und Zähnen, sie kommt mir so schnell nicht an meine Unterwolle, auch wenn sie traurig guckt, mein Fell verwuschelt, etwas von „zu deinem Besten“ und „Och, armes verfilztes Wuschi-Puschi-Katzi“ säuselt! So heiße ich übrigens nicht, nur um das mal klarzustellen.

Also, Kollegen, es ist was im Busch. Katzenauge, sei wachsam! Falls ich mich nicht mehr melde, dann wisst ihr Bescheid.

 

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Für die abc.etüden, Wochen 19/20.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Katharina und ihrem Blog Katha kritzelt und lauten: Katzenauge, kurios, balancieren.

Darf ich bitte deutlich klarstellen, dass die erwähnte Katze fiktiv ist, bis auf die Tatsache, dass sich mein Fellträger tatsächlich nicht gerne bürsten lässt und definitiv nicht „Wuschi-Puschi-Irgendwas“ heißt? Es gab keinen Artikel irgendwo, aber ich weiß, dass man Haustierhaare zu Wolle verspinnen (lassen) kann, finde das bei normalen Katzen allerdings tatsächlich bisschen – äh – kurios. Besitzer von langhaarigen Hunden sehen das vielleicht anders.

 

WAHRHEIT | abc.etüden

„Ich weiß, was du jetzt brauchst, schöne Frau. Soll ich?“ Ohne die Handbewegung wäre es anzüglich gewesen, aber er hob zwei Flaschen hoch. Patty überlegte. Warum eigentlich nicht?

„Bist du des Wahnsinns, von einem wildfremden Typen was zu trinken anzunehmen?“, zischte ihr jemand ins Ohr. Die große Schwester. Mal wieder.

DER TYP stand immerhin hinter der Bar! Was sollte ihr passieren? Schließlich war sie nicht allein. Patty nickte dem Barkeeper zu, bewunderte seine geschmeidigen Bewegungen, bis er eine Limettenscheibe an den Rand des Glases steckte und ihr den tiefblau leuchtenden Longdrink präsentierte.

„Er heißt WAHRHEIT“, sagte er. „Auf eigene Gefahr. Aber du bist ja schon groß.“

Dies war die Nacht! Sie nahm das Glas, prostete ihm zu und nippte vorsichtig daran. Säuerlich. Kühl. Und etwas Unbekanntes. Egal. Gut. Sie fühlte sich großartig.

Als sie sich umdrehte, schienen die Lichter eine Spur greller geworden zu sein.

Ihre Schwester neigte dazu, alle zu bevormunden, begriff sie, weil sie alles unter Kontrolle haben musste, weil sie sich nur dann sicher fühlte. Patty zum Beispiel. Aber Patty wollte ihr eigenes Leben, sie hatte es satt, immer nur nett zu sein. Sie wollte etwas wagen. Mein Gott, wie satt sie alles hatte!

„Lass mich mal probieren!“ Mona griff nach ihrem Glas.

„Hol dir selbst einen!“ Das war neu. Patty nahm noch einen Schluck und sah fasziniert zu, wie Mona sich tatsächlich durch die Menschentraube schob und sich mit einem aufgeklebten Lächeln nach vorne beugte, um dem Barkeeper ihren Wunsch ins Ohr zu schreien. Plötzlich war ihr klar, dass ihre Schwester sie wie eine heiße Kartoffel fallen lassen würde, wenn sie dafür einen attraktiven Typen abschleppen konnte.

WAHRHEIT, ja? Patty wusste nicht so recht, was sie von ihren Erkenntnissen halten sollte. Sie sah zu dem Barkeeper. Für einen Moment trafen sich ihre Augen. Er lächelte traurig.

 

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Für die abc.etüden, Wochen 17/18.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Agnes und ihrem Blog Agnes Podczeck und lauten: Kartoffel, anzüglich, bevormunden.

Liebe Wortspender*innen (ihr wisst, wen ich meine), ich habe eine ziemlich anstrengende Woche hinter mir und bin fast zu nichts gekommen. Nichtsdestotrotz ist alles in trockenen Tüchern, nur die Mails an euch sind noch nicht raus. Haltet durch, es dauert nicht mehr lange.

Liebe Etüdenschreiber*innen, fast die ganze Woche haben bei mir die Pings nicht geklappt, WP weiß warum (oder auch nicht), bis sie gestern Nachmittag auf wundersame Weise plötzlich wieder gingen, zumindest bei ein paar von euch. Heute früh hat allerdings diese meine eigene Etüde nicht gepingt, da liegt also was im Argen!
Wer also für seine Etüde keinen Kommentar bei mir bei der Schreibeinladung hinterlassen hat, möge bitte checken, ob sein Ping da ist – und falls nicht, den Kommentar bitte nachholen. Ich danke euch.

 

Das Geburtstagsgeschenk II | abc.etüden

 

„Äh, Entschuldigung?“

Sie fuhr herum. Der neue Herr Dozent. Der kam gerade recht. „Was willst du?“, fauchte sie. Kein Gedanke an ein „Sie“.

„Reden, zur Abwechslung. Ich hab nämlich unsere doch eher flüchtige Bekanntschaft nicht vergessen.“
Sie auch nicht. Im Gegenteil! Das ging ihn allerdings nichts an. Sie wartete.

„Sag mal, leben die Tulpenzwiebeln denn noch? Was sollte der ganze Scheiß überhaupt?“

Sie nickte leicht widerwillig. „Ein paar haben die Wühlmäuse geholt, aber die meisten schon. Nur meine Mutter schmiert mir das immer noch aufs Brot. Obwohl sie danach den schönsten Vorgarten der Siedlung hatte.“

„Ich hab dich damals für einen Einbrecher gehalten, deshalb hab ich den Alarm ausgelöst. Ich konnte ja nicht wissen, dass da bloß ein Mädchen die Rabatten der Musterhaussiedlung plündert.“

„War als Geburtstagsgeschenk für meine Mutter gedacht. Ich wusste natürlich nicht, dass es einen Wächter für die Anlage gab. Du hast mich ziemlich erschreckt, als du da plötzlich vor mir standest.“

„Studentenjob. War ein kurzweiliger Abend. Du bist abgehauen wie eine Rakete.“

„Mit Grund!“

„Hab ich dann auch kapiert. Und dann tat es mir irgendwie leid.“

„Heimlicher Anarchist, was?“

Er zuckte mit den Achseln, fand ihre Kratzbürstigkeit erfrischend und sie einen ziemlichen Hingucker.

„Woher wusstest du eigentlich, dass ich das war?“

Er lachte los. „Wusste ich nicht. Aber ich dachte mir, dass meine verschwundene Diebin vielleicht aus der Gegend ist und bin die Tage drauf immer wieder mal durch die Siedlung gelaufen. Bei euch im Vorgarten war eindeutig gebuddelt worden und im nächsten Frühjahr hab ich die Tulpen wiedererkannt. Falls es dich beruhigt: Ich hatte auch noch andere Gärten im Visier.“

Sie sah ihn zweifelnd an.

„Schwamm drüber“, sagte er. „Darf ich dir einen Kaffee ausgeben? Ohne die Vergangenheit ständig auferstehen zu lassen, versprochen. Ich heiße übrigens Sebastian.“

„Laura.“

Er schien wirklich ganz nett zu sein.

 

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Für die abc.etüden, Wochen 15/16.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Veronika und ihrem Blog Vro jongliert und lauten: Tulpenzwiebel, kurzweilig, auferstehen.

Nein, ich weiß nicht, ob da in Zukunft was geht, und nein, ich schreibe die Geschichte nicht weiter.

Wer gestern den ersten Teil verpasst hat: hier.

Disclaimer: Von den geplünderten Rabatten einer Musterhaussiedlung wurde mir erzählt – es waren keine Tulpen. Der Rest, also alle Umstände wie auch die handelnden Personen, entspringt komplett meiner Fantasie.

 

Das Geburtstagsgeschenk I | abc.etüden

Erster Schulungstag bei dem neuen Dozenten. Laura lehnte sich unentspannt zurück. Er war bereits mehrfach in der Kantine gesichtet worden und das Gerücht war angeblich bestätigt, er sähe heiß aus. Am Morgen hatte Laura schon feststellen können, dass die Mädels alle in ihren besten oder zweitbesten Outfits angerückt waren, was selbstverständlich keine zugab. Einigermaßen jung sollte er auch noch sein. Die Jagd war also eröffnet – die kommende Woche würde bestimmt kurzweilig werden. Na dann.

Eine halbe Stunde später hätte sie alles dafür gegeben, in einem anderen Kurs zu sitzen. Vor ihr hatte ein hochgewachsener Mann Platz genommen, der routiniert seine Vorstellung abwickelte, kompetent und witzig Fragen beantwortete und immer wieder amüsiert zu ihr herübersah. Oh Erdboden, tu dich auf! Wie peinlich! Aus welcher Gruft war der denn wiederauferstanden, und dann auch noch ausgerechnet hier? Sie brauchte dringend frische Luft.

Alles ging gut bis zum Ende der Stunde. Als sie sich nach dem Pausengong mit ihrer Freundin im Schlepptau an seinem Tisch vorbeischob, sah er auf.
„Ach, Frau Feldmann?“ Das war sie.
„Ja?“
„Haben Sie immer noch diese leicht absonderliche Vorliebe für Tulpenzwiebeln?“

Sie erstarrte, und das sagte ihm wohl alles, was er wissen wollte, denn er begann zu grinsen. Ar…mleuchter! Zum Glück rettete Anna sie.

„Also, wenn das Ihr bester Anmachspruch gewesen sein sollte, dann muss ich Ihnen leider sagen, dass Sie noch ein bisschen üben müssen, das war erst mal nichts! Kommst du, Laura?“

Sie zog sie weg. Laura ließ es geschehen. Draußen ließen sie sich auf eine Bank fallen. Anna zürnte.

„Was war denn das für ein Blödspruch? Laura, kennt der dich? Sag nicht, dass du mal was mit dem hattest! Du warst die ganze Stunde schon so merkwürdig.“

„Nein!“, protestierte Laura, „der ist doch viel zu alt!“

Oh nein, sie würde nicht damit rausrücken, nicht freiwillig!

 

abc.etüden 2019 15+16 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 15/16.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Veronika und ihrem Blog Vro jongliert und lauten: Tulpenzwiebel, kurzweilig, auferstehen.

Mal wieder was Leichteres. Jaha, das ist ein Cliffhanger. Ihr habt bis morgen Zeit, darüber zu spekulieren, woher die beiden sich kennen und was die Überschrift soll. Ich bin bereit zu wetten, dass keine*r draufkommt. Und falls doch, weiß ich nicht, ob ich es zugeben würde … ;-)

Update: Hier geht es weiter.

 

Frühlingsgefühle | abc.etüden

Der Frühling kam, wie er immer kam: mit Macht, mit Möwengekreisch, mit frischem Wind und Bäumen, die sich wie über Nacht in ein weiches Grün kleideten. Und mit ihm kamen die Osterferien und die Touristen. Ersteres war Max Hansen ziemlich schnuppe, letztere nicht, schließlich kauften sie seine Bilder. Von irgendwas musste man ja abbeißen.

Als er am Morgen aus dem Fenster sah, seufzte er. Nieselregen mit der Option auf mehr, nach den Wolken zu schließen. Ausgerechnet heute, wo er zum ersten Mal Susanne wieder treffen würde! Flanieren auf der Strandpromenade konnte er damit wohl knicken, sie zu sich einzuladen hatte er sich nicht getraut. Das könnte missverstanden werden, und dann wäre der ganze Tag verdorben.

Als sie in seinem Lieblingscafé einfielen, weil es draußen wie erwartet vor sich hin pladderte, fremdelten beide zuerst. Sie widmete sich genüsslich ihrem Schokoladenkuchen und leckte sich hin und wieder die Finger ab. Er sah ihr gebannt dabei zu.
Wie viel Sinnlichkeit sie ausstrahlte! Wie lange hatte er nicht mehr so an sie gedacht?
Sie bemerkte seine Blicke und lächelte heiter. Das brach das Eis. Sein nervöser Magen beruhigte sich.

„Ach, Sanne, ich war so ein Esel damals“, platzte es aus ihm heraus, während sie entspannt über Gott und die Welt plauderten. „Was würde ich darum geben, wenn ich wiedergutmachen könnte, was passiert ist.“
„Kannst du nicht“, antwortete sie. „Was vorbei ist, ist vorbei. Ich bin auch nicht stolz auf mich. Wir haben unsere Ehe damals gründlich an die Wand gefahren.“
„Es tut mir so leid. Glaubst du mir wenigstens das, trotz all meiner Fehler?“
Sie lehnte sich zurück und musterte ihn aufmerksam.
„Weißt du eigentlich, Max Hansen, dass du immer mein Traummann warst? Seit wir uns kennengelernt haben, was übrigens morgen vor fünfundzwanzig Jahren war?“
Ihre Augen strahlten. Sein Herz machte einen kleinen unverhofften Sprung.
„Du hast mir auch gefehlt. Ehrlich gesagt habe ich jede Frau mit dir verglichen. Und mich irgendwann damit abgefunden, dass du weg warst, dass Marie tot und mein Leben kaputt war.“
„Und seitdem sitzt du rum und hast keine Freude mehr.“ Das war eine Feststellung, keine Frage.
„Außer beim Malen.“
Sie nickte. „Zum Glück für dich. Kannst du dir überhaupt noch vorstellen, aus deinem Schneckenhaus auch wieder rauszuwollen?“
Er wusste nicht, ob er den Satz so verstehen durfte, wie er möglicherweise gemeint war, entschied sich jedoch für die Wahrheit. „Ich weiß nicht, ob das noch geht“, gab er zu. „Ich wollte seitdem nie, weißt du? Also nie so wirklich.“
„Aber damit fängt es an. Mit der Sehnsucht. Der Angst davor, dass man sich irrt und am Ende wieder bloß Scherben stehen. Und irgendwann der Entscheidung, das Risiko einzugehen.“

Er zögerte zu lange. Sie erhob sich abrupt.
„Max, ich will heute noch in die Therme. Sehen wir uns morgen wieder? Gleiche Zeit, gleicher Ort?“
Er nickte verdattert und dann rauschte sie auch schon davon. Obwohl er ihr hinterherstarrte, drehte sie sich nicht um.
Es dauerte, bis Max auffiel, dass er bis über beide Ohren grinste.
Frühlingsgefühle. Eindeutig.

 

Extraetüden 14.19 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Ausgabe Extraetüden, Woche 14.2019: 5 Begriffe (aus 6), maximal 500 Wörter. Ich habe alle Wörter verwendet, weil es mir gerade passte: Nieselregen, weich, irren, Café, verdorben, beißen.

Mir ist gerade so. Und ja, das ist mein Wassermaler, der seine Ex-Frau über Weihnachten doch nicht wieder getroffen hatte, ich weiß allerdings nicht, wieso. Immerhin haben sie ein paarmal telefoniert. Wer die vorhergehenden Teile noch nicht kennt: hier, hier und hier.

 

 

Das Geständnis | abc.etüden

Es war seine Firma. Er durfte überall hinein. Auch in ihr Büro. Auch wenn die Tür geschlossen war. Auch wenn normale Menschen den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. Konnte doch nicht so schwer sein, oder?

Er trat ein und setzte sich auf die Kante des Schreibtischs.

„Hör mal“, begann er in ernstem Ton, „ich glaube, ich muss dich was fragen. Lisa vom Empfang sagt, du stiefelst seit Anfang der Woche morgens mit einem Gesicht an ihr vorbei, als hätte dich wer gebissen. Du kommst nicht zum Kaffeetrinken in den Aufenthaltsraum. Du willst nicht mal mehr, dass man dir zur Frühstückspause was vom Café mitbringt. Ich würde sagen, irgendwas ist faul im Staate Dänemark. Und damit es nicht bald verdorben ist und stinkt und wir es alle ausbaden müssen, dachte ich, ich erkundige mich mal.“

Er sah sie auffordernd an.

Wow! Großartig! Wie er seine Bildung herauskehrte! Sie überlegte, ob sie was Geistreiches erwidern konnte, und schwieg. Vielleicht hatte sie es wirklich übertrieben?

Sie sah zur Wand. Er folgte ihrem Blick. Ein großes, handgeschriebenes Plakat.
NICHT VOR 12, VERDAMMT!
Klar, verstand er nicht, er war ein Mann.
Sie seufzte. „Ich bin seit Anfang der Woche auf Diät, weißt du? Intervall-Fasten. Ich esse nichts vor zwölf. Auch keinen Kaffee mit Milch. Ich hab einfach eine Scheißlaune. Wird bald besser. Hoffentlich.“

„Ah.“ Sie sah ihn den Rückzug antreten. Frauensachen!

Über ihre inneren Kämpfe vor der Auslage beim Bäcker schwieg sie besser. Sie hatte so Lust auf Süßes! Intervall- UND Zuckerfasten standen auf ihrer Fahne, um genau zu sein. Das volle Pfund, jawohl. Und so gesund.

„Gehst du nachher mit uns essen oder darf ich das jetzt nicht mehr fragen?“ Er erhob sich.

„Doch.“ Sie nickte gnädig. „Wenn ihr nach zwölf losgeht, komme ich mit.“

Der Kampf ging weiter. Noch gab sie nicht auf.

 

abc.etüden 2019 12+13 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 12/13.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Rina.P und ihrem Blog Geschichtszauberei und lauten: Café, verdorben, beißen.

Eine Fasten-Etüde, irgendwie. Zuckerfasten scheint mir speziell zu dieser Jahreszeit sehr en vogue zu sein, was nur noch durch den neuen Trend zum Intervallfasten getoppt wird. Ich frage mich, ob das hilft, oder ob man dennoch nachts den Kühlschrank leerfrisst. Aber vielleicht ist das auch nicht die gleiche Klientel.

 

 

 

Das Gedicht | abc.etüden

Es war einer jener Tage, an denen es überall hakte, aber es war der Welttag der Poesie*. In ihrer Mittagspause setzte sie sich im Großstadtrauschen nach draußen in die Sonne und schlug das mitgebrachte Gedichtbuch auf. Man konnte es ja versuchen.

Die gewünschte Ablenkung wollte sich nicht einstellen. Ständig kreisten ihre Gedanken um den Alltag. Ein Missverständnis mit einer Freundin. Ein geliebter Hund, der vom Krebstod bedroht war, zum Glück nicht ihrer. Ärztliche Untersuchungsergebnisse, die einen Freund erschreckten. Wikipedia protestierte mit eintägiger Abschaltung gegen drohende Uploadfilter und Abgeordnete bestätigten in Pressekonferenzen, „dass Presseverlage mit schlechter Wahlberichterstattung gedroht haben, wenn Abgeordnete gegen die #Urheberrechtsreform stimmen“.** Da musste man nicht mal mehr überlegen, wer von dem Uploadfilter profitieren würde. Sie erwog, am Wochenende demonstrieren zu gehen.

Der bestellte Café au Lait und ihr Franzbrötchen kamen und dufteten herrlich. Gedankenverloren biss sie ein kleines Stück ab. Israels politisch rechte Justizministerin machte in ihrem neuesten Wahlkampfwerbespot Werbung für ein Parfum namens „Faschismus“.*** Nun, was wusste sie über Israel, außer dass die Gesellschaft kontrastreich war und ziemlich anders zu ticken schien? Nicht viel, gab sie zu, aber allüberall schienen die Rechten auf dem Vormarsch zu sein mit ihrer Speerspitze der dumpfen Pöbler, die erst schrien, später schlugen oder schossen. Manchmal auch umgekehrt. Amokläufe per Helmkamera live ins Internet zu übertragen: Wahrscheinlich nur eine konsequente Weiterentwicklung, aber sie schauderte dennoch. In was für einer Welt würde sie ihre Tage beschließen, wenn das so weiterging? Würde es überhaupt noch eine geben?

Ihr Blick fiel auf ein wahllos aufgeschlagenes Gedicht.

„Das Gedicht ist nicht der Ort, wo das Sterben begütigt
wo der Hunger gestillt, wo die Hoffnung verklärt wird.“****

Es endete mit: „Das Gedicht ist nicht der Ort, wo der Engel geschont wird.“****

Na, großartig. Sie klappte das Buch zu. Jetzt war ihr die Laune endgültig verdorben.

 

abc.etüden 2019 12+13 | 365tageasatzadayQuelle: Photo by DREW GILLIAM on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 12/13.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Rina.P und ihrem Blog Geschichtszauberei und lauten: Café, verdorben, beißen.

 

Die Links dazu.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Welttag_der_Poesie

** https://twitter.com/Senficon/status/1108674187529515011

*** https://derstandard.at/2000099816497/Ein-Hauch-von-Faschismus-umweht-Israels-Justizministerin

**** http://culturmag.de/litmag/litmag-weltlyrik-christoph-meckel/87898

Das zitierte Gedicht stammt von Christoph Meckel und heißt „Rede vom Gedicht“. Man darf es selbstverständlich nicht gänzlich zitieren (Urheberrecht), daher habe ich eine Online-Quelle verlinkt, von der ich hoffe, dass sie es darf, mir geht es eh nur um die zitierten Zeilen. Es ist in dem 1974(!!!) erschienenen Gedichtband „Wen es angeht“ zu finden (Christoph Meckel: Wen es angeht. Gedichte. Mit Graphiken des Autors. Düsseldorf: Eremiten-Presse 1974, S. 15).

Oh, und wer wissen will, ob morgen in seiner Nähe eine Demo stattfindet, kann das hier nachschauen, nämlich auf der Seite von savetheinternet.info: HIER KLICKEN.

 

Katzengold | abc.etüden

Es tat weh. Sie starrte auf die Mail. Soso, sie war ihm also nicht gut genug. Soso, er wünschte sich eine, die mehr auf Augenhöhe war. Soso.

Sie verkörperte den Satz, dass der Mensch nicht vom Brot allein existiert, denn unter ihrem Dach lebten die Musen. Musik umgab sie, Bücher und Bilder waren kostbare, geliebte Gefährten und brachten Regale und Wände in schöner Regelmäßigkeit fast zum Bersten, für ihre Abonnements für Konzerte, Oper und Schauspiel verzichtete sie auf manches andere. Aus reiner Lust unterhielt sie eine Präsenz im Internet, wo sie Gleichgesinnten ihre gesammelten Preziosen vorstellte.

Nicht genug? Sie fühlte sich deklassiert. Er nämlich vollbrachte wichtige Arbeit für die Gesellschaft. Tatkräftig, hochintellektuell, beredt, charakterstark. Eine Führungspersönlichkeit. Sie dagegen spielte mit bunten Steinen.
Es war erschreckend leicht, sich klein zu fühlen.

„Man kann einen Wasserhahn nicht streicheln, bis er kräht“, hätte ihr viel zu früh verstorbener Partner nüchtern geurteilt. Auch er war nicht von ihrer Art gewesen, aber er hatte sich dadurch nicht bedroht gefühlt, dass es Gebiete gab, in denen sie ihn weit überflügelte.
„Lass den, Mama, der ist doch weich in der Birne, wenn er nicht sieht, wer du bist“, hörte sie ihren Sohn wie von fern sagen, praktisch wie eh und je.

Nun, es stimmte wohl, dass sie für unterschiedliche Dinge im Leben brannten. Wenn ihre Schätze für ihn Katzengold waren, weil er glaubte, schon weiter zu sein – ha! –, dann hatte sie sich leider geirrt.

Sollte sie also vom Olymp der schönen Künste in den Nieselregen der Alltäglichkeiten hineintreten, um auf Augenhöhe zu sein? Für einen Mann, der Mozart nicht von Wagner unterscheiden konnte? Wirklich nicht. Was war sie eigentlich bereit, sich selbst anzutun, um endlich von ihrem Prinzen auf sein weißes Pferd gehoben und bewundert zu werden?

„Werd erwachsen“, schalt sie sich.

Es tat weh.

 

abc.etüden 2019 10+11 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 10/11.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Natalie und ihrem Blog Fundevogelnest und lauten: Nieselregen, weich, irren.

Bitte: Die Protagonistin ist fiktiv, eine Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder Ereignissen nicht beabsichtigt. Alle anderen Möglichkeiten sind mir zu spät aufgefallen und ich mochte es nicht mehr ändern. Frauen machen gemeinhin in Kunst und Mode, Männer in Wissenschaft oder Wirtschaft: Dass Männer und Frauen / Mädels und Jungs in zwei sehr unterschiedlichen Welten leben, ist anscheinend gerade wieder sehr modern; und sich blöd benehmen kann man in jedem Alter. Der Verweis auf Lagerfeld gilt nicht. Und oh, Anwesende sind sowieso natürlich ausgenommen.

 

Unwiederbringlich | abc.etüden

Der Regen entsprach ihrer Stimmung. Es war kein sanfter Nieselregen, den sie ansonsten sehr liebte, nein, draußen rauschte es hernieder und prasselte auf ihr Dach, dass es die wahre Freude hätte sein können. In ihren Gedanken bekämpften sich die Tropfen jedoch wie in einem schlechten Western: „Nimm das, du Schurke!“ – „Stirb, du Schuft!“

Die ganze Sache war extrem dumm gelaufen, so viel stand fest. Sie hatte die allerbesten Absichten gehegt, das konnte sie sich zugutehalten. Aber manchmal zeitigten Ereignisse Konsequenzen, die nicht vorhersehbar waren und das Leben erst mal ins Schleudern brachten. Unwiederbringlich.

Sie starrte aus dem Fenster in die niedergehenden Fluten. Irgendwann bemerkte sie, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. „All dead, all dead“, tröpfelte es aus dem Radio, „all the dreams we had, and I wonder why I still live on.“ Eines der selten gespielten Lieder einer alten Lieblingsplatte, das heute ihr Gefühl so genau umriss, dass sie sich ihr Herz schier in Stücke schluchzte und im Kummer versank. Ach, scheißegal.

Keine Ahnung, wie lange sie nichts mitbekommen hatte, aber es hatte gereicht, dass sie sich ganz weich und matschig in der Birne fühlte. Die Tränen waren inzwischen versiegt. Als sie den Kopf hob und einen Blick aus dem Fenster warf, flimmerte ihr vor einer dunklen Wolkenwand ein schon halbwegs transparentes Stück Regenbogen entgegen.

Wie jetzt? Sie beäugte die zarte Erscheinung leicht fassungslos. „Findest du nicht, dass du ein bisschen übertreibst?“, fragte sie niemanden im Besonderen und seufzte tief.

Irren ist menschlich. Wenn auch nicht human.
Es war Zeit für einen Kaffee und den Versuch einer rationaleren Bestandsaufnahme.

 

abc.etüden 2019 10+11 | 365tageasatzadayQuelle: Johannes Roth auf unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 10/11.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Natalie und ihrem Blog Fundevogelnest und lauten: Nieselregen, weich, irren.

Die Etüde zitiert ein Lied von Queen, „All dead, all dead“ (von „News of the World“) (Video bei YouTube); „Irren ist menschlich. Wenn auch nicht human.“, ist eine Zeile aus dem von mir sehr geschätzten Gedicht „Heiligenscheinheilige“ von Mascha Kaléko, zu finden zum Beispiel in „Die paar leuchtenden Jahre“ (dtv, Link zum PDF, S. 15).

Nein, keine Sorge, diese Etüde ist fiktiv, was jedoch nicht heißt, dass ich mich nie so gefühlt habe.

Katzenfans bitte UNBEDINGT HIER KLICKEN, das ist (auch auf YouTube) das obige Lied mit – äh – Cat Content und Lyrics. Zauberhaft!

 

 

Komisches Gefühl | abc.etüden

„Oh Gott, ich werde alt!“

War heute etwa Drama angesagt? Anna legte das Lesezeichen in ihren Thriller und sah neugierig zu ihrer Freundin hinüber. Nicole ließ sich in dem Stuhl auf dem Elbanleger nieder und balancierte dabei routiniert das kleine Tablett mit Latte macchiato und Zitronenkuchen. Nach krank oder gar altersschwach sah das eigentlich nicht aus. Beruhigend.

„Ja, Tach auch, schön, dass es dir gut geht“, antwortete sie also amüsiert. „Willst du mir nicht vielleicht erst mal erzählen, was los ist?“
„Unser Sohn hat uns heute am Mittagstisch mitgeteilt, dass er offiziell mit einem Mädchen aus seiner Klasse geht! Anna, er ist zwölf!“
„Immerhin, er hat es euch gesagt. Ist sie denn nett?“

Falsche Antwort.

„Aaaach, und ich erinnere mich doch noch, die Geburt, weißt du nicht mehr, wie du uns ins Krankenhaus gefahren hast und sie mich gleich dortbehalten haben? Als er laufen gelernt hat … Kindergarten … der erste Schultag … der Fußballverein … Und plötzlich spricht er von ›Freundin‹?! Anna, wo sind die Jahre geblieben?“

Okay, Hüpfen vor Freude war wohl nicht angesagt. Bei nüchterner Betrachtung schien dagegen wahrscheinlich, dass Alexander Leon demnächst kräftig in die Pubertät einsteigen würde. Auf ihrer imaginären To-do-Liste vermerkte sie: Hilfe-bei-Pubertät-Bücher raussuchen. Sollte sie Öl ins Feuer schütten und Nicole auf die Sache mit den Bienchen und Blümchen und die Möglichkeit, in absehbarer Zeit Oma zu werden, hinweisen? Lieber nicht, beschloss sie. Ein Schock pro Tag langte.

„Erinnerst du dich, wie wir drauf waren, als wir so alt waren?“, fragte sie grinsend zurück. Das Leben rundete sich, es geschah einfach. Alle rückten ein Feld vor, nicht nur Nicole und ihr Sohn, sie auch. Nur anders.
„Ich hatte in dem Alter jedenfalls noch keine Jungs im Kopf“, begehrte Nicole auf. Dann lächelte sie mit. „Ach, Mensch, Anna. Mein Baby wird groß. Komisches Gefühl.“

 

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier), Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 08/09.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Sabine und ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram und lauten: Lesezeichen, altersschwach, hüpfen.

Ich hab das tatsächlich so gehört, dieses „Oh Gott, ich werde alt“, weil der Sohn die erste Freundin hat. Am Nebentisch. Ja, ja …

 

Die Herausforderung | abc.etüden

„Wie kannst du nur jetzt schon über das Sterben nachdenken? Du bist doch noch viel zu jung!?“

Ihr versteht nichts, dachte sie. Wie sie das liebte, am Fluss Kaffee zu trinken, den Schiffen nachzusehen und zu lesen. Ein Zeitschriften-Psychotest hatte ihr neulich eine Frage beschert: Was ist zurzeit Ihre größte Herausforderung? Sie hatte lange darüber nachgedacht.
Der Umbruch. Von „voll im Leben“ zu etwas anderem. Sich mit dem Altern anfreunden.

Oh, wie sie alle geschrien hatten, als sie sich mit ihnen darüber unterhalten wollte, was denn jetzt noch käme. Man müsse doch. Man dürfe doch nicht. Ob sie nicht vielleicht depressiv sei und zum Arzt gehen sollte? Am lautesten waren die, deren Hamsterrad am bequemsten gepolstert war und die daher verständlicherweise Angst davor hatten, etwas zu ändern. Konnte man es ihnen verdenken?

Sie war schon weiter. Menopause, klar, aber nicht nur. Es hatte Tode in ihrem Leben gegeben, die sie verändert hatten. Die Stille dahinter faszinierte sie, sogar wenn sie manchmal Angst davor hatte, dass „der Abgrund auch in sie hineinblickte“, wenn sie zu lange hinsah. Wer würde zurückschauen?

Jenes Schweigen war schwer auszuhalten, manchmal. Die Perspektive zu ändern, sich selbst mehr als eines von vielen Lesezeichen im Buch der Zeit zu begreifen, nicht besonders bedeutungsvoll vielleicht, aber dennoch auf ihre Art einzigartig. Was würde von ihr bleiben? Würde man sich an sie erinnern? War ihr das wichtig? Sie wusste es nicht.

Sie jedenfalls war noch weit davon entfernt, altersschwach zu sein, und hatte keine Lust, jetzt schon irgendeinen Löffel abzugeben. Wenige Meter neben ihr mühten sich die Kids damit ab, Steine über das Wasser hüpfen zu lassen. Der Winkel war leider falsch, das sah man auf den ersten Blick. Nun ja. Sie würden es lernen. Oder eben nicht.

Sie blinzelte in die Vorfrühlingssonne und fand das Leben echt schön.

 

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier), Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 08/09.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Sabine und ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram und lauten: Lesezeichen, altersschwach, hüpfen.

Das mit dem Abgrund ist tatsächlich ein Zitat und zwar von Friedrich Nietzsche: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (Aph. 146, aus: Jenseits von Gut und Böse, 1886, Online-Quelle)