Vom Reisen und der Zeit

REISELIED

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde weh’n.

(Hugo von Hofmannsthal, Reiselied, aus: Gedichte, 1922, Erstdruck in Wiener Rundschau 1898, Online-Quelle)

Über den Bergen

Über den Bergen, weit zu wandern,
sagen die Leute, wohnt das Glück.
Ach und ich ging im Schwarme der andern,
kam mit verweinten Augen zurück.
Über den Bergen, weit, weit drüben,
sagen die Leute, wohnt das Glück …

(Carl Hermann Busse, Über den Bergen, aus: Gedichte, 1892, 4. erw. Auflage 1899, Online-Quelle)

ABEND

Einsam hinterm letzten Haus
geht die rote Sonne schlafen,
und in ernste Schlußoktaven
klingt des Tages Jubel aus.

Lose Lichter haschen spät
noch sich auf den Dächerkanten,
wenn die Nacht schon Diamanten
in die blauen Fernen sät.

(Rainer Maria Rilke, Abend, aus: Larenopfer, Erstdruck 1895, Online-Quelle)

Danke für den Fund des sehr frühen Rilke an Joachim Schlichting!

Morgen- und Abendopfer

Ein Tag, der sagt dem andern,
Mein Leben sei ein Wandern,
Zur großen Ewigkeit.
O Ewigkeit, so schöne,
Mein Herz an dich gewöhne,
Mein Heim ist nicht in dieser Zeit.

(Gerhard Tersteegen, Morgen- und Abendopfer (9. und letzte Strophe), Kirchenmusiker, aus: Geistliches Blumengärtlein, 1729, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay

Wo auch immer ihr seid, im Urlaub oder zu Hause, ob ihr unter der Hitze leidet oder nicht: Kommt gut und heil in und durch die neue Woche!


Zum Thema Adventüden: 9 sind bisher bei mir eingetroffen und meine wächst auch schon kräftig. Wäre schön, wenn ihr langsam auch … Ich finde es echt entspannend, in der Hitze über Winter und Frost nachzudenken … 😉


Vom Dazwischen

Erinnerung

Und du wartest erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.

Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.

Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.

(Rainer Maria Rilke, Erinnerung, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

Fortschritt

Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
und alle Bilder immer angeschauter.
Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:
Mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche
ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
und in den abgebrochnen Tag der Teiche
sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.

(Rainer Maria Rilke, Fortschritt, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

Abend

Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
ein himmelfahrendes und eins, das fällt:

und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
nicht ganz so dunkel wie das Haus das schweigt,
nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
wie das was Stern wird jede Nacht und steigt –

und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
dein Leben, bang und riesenhaft und reifend,
so daß es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

(Rainer Maria Rilke, Abend, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Mir ist grad so.

Kommt ihr alle gut in und durch die neue Woche – und bleibt gesund.


Der „Abend“ hat es auch auf die neueste CD des Rilke-Projekts geschafft …