Schicksal to go | abc.etüden

Und hier ist unser Halbstarken-Rudel«, verkündete der Tierheimmitarbeiter, stieß die Tür auf und ging mit ihr hinein. O ja: In dem großzügig gestalteten Areal bewegte sich eine Gruppe offensichtlich noch nicht allzu alter Katzen, die voller Inbrunst einander überfielen, einander mit Pfotenhieben traktierten, bissen, kratzten, fauchten, verfolgten, die davonrasten, die Klettermöglichkeiten erklommen und im hohen Bogen wieder heruntersprangen oder -plumpsten. Wer langsam war, hatte verloren und wurde getriezt, bis es einen anderen traf und/oder er/sie sich dem entziehen konnte.

»Passiert da nie was Ernstes?«, fragte sie.
»Selten«, gab er zurück. »Sie sind in dem Alter, wo sie die Rangordnungen klären müssen, und da gibt es keine schwammigen, politisch korrekten Ansagen, da gehen die Herren und Damen Katzen etwas handfester vor.«

Hoppla, dachte sie.

Sie sah sich um und entdeckte in einer Katzenhöhle auf einem Kratzbaum eine schmale getigerte Katze, die aus gelben Augen flüchtig zu ihr herübersah, dann aber weiterhin gebannt die wilde Jagd beobachtete. Sie kannte den Blick. Diese Katze hatte Angst.

»Und was ist mit der da?«
»Ach, die. Lieschen. Gesund ist sie, aber sie integriert sich nicht, trödelt rum und versteckt sich immer. Die hat natürlich keinen leichten Stand, aber wir können sie nicht separieren, dann ginge es ihr noch schlechter. Katzen brauchen den Umgang mit Artgenossen.«

Ja, bei Katzen ist das scheinbar wie bei Menschen, dachte sie. Was bist du nur für ein ignoranter Trottel.

Sie ging zu dem Kätzchen und strich ihm vorsichtig über das gesträubte Fell. Es zögerte zunächst, dann sah es sie an und stupste leicht den Kopf gegen ihre Hand. Mach weiter, Mensch!

»Wie sieht es aus?«, fragte der junge Mann. »Möchten Sie eine Katze kennenlernen?«

Sie entschloss sich spontan und kraulte selbstvergessen das getigerte Katzenkinn.
»Diese hier«, sagte sie und übersah seinen überraschten Gesichtsausdruck. »Ich konnte Klassenkeile früher auch nie ab.«

 

abc.etüden 2021 10+11 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay; Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 10/11.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von René und seinem Blog BerlinAutor. Sie lauten: Klassenkeile, schwammig, trödeln.

Ich bin sicher, dass ich nicht darauf herumreiten muss, dass eine Entscheidung für ein Tier eine Entscheidung fürs Leben ist – meist für das Leben des Tiers. Aber nicht jede*r hat das Glück, von einem Fellträger ausgesucht zu werden, manche müssen selbst tätig werden. Daher möchte ich bekennen, dass ich bisher nur zwei Tierheime von innen gesehen habe und nie selbst die Suchende war, und dass ich einfach nicht weiß, ob die oben beschriebene Szene so passieren könnte.

Was ich weiß, ist, dass man Tiere kennenlernen kann (und sollte), bevor man sie aus der Obhut der Tierheime mitnehmen darf.
Was ich ebenfalls weiß, ist, dass es auch unter Katzen Rüpel gibt; dass man dabei sogar tatsächlich von Mobbing spricht, war mir neu (hier nachlesen).
Wer sich genauer informieren möchte, wie die Adoption eines Tieres im Detail vor sich geht, sollte mit seinem örtlichen Tierheim Kontakt aufnehmen. Und was unter Corona-Bedingungen überhaupt noch möglich ist, wissen eh nur die Götter. Oder auch nicht.