Abend

 

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

(Georg Heym, Träumerei in Hellblau, aus: Der Kondor, 1912, Quelle)

 

An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll’s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik –
trunken schwamm’s in die Dämmrung hinaus …

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
– Hörte Jemand ihr zu? …

(Friedrich Nietzsche, An der Brücke stand, 1888, aus: Ecce Homo / Warum ich so klug bin 7, Onlinequelle)

 

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben
Und schwinden wir
Und messen unsre trägen Tritte
Nach Raum und Zeit;
Und sind (und wissen’s nicht) in Mitte
Der Ewigkeit.

(Johann Gottfried Herder: aus: Amor und Psyche auf einem Grabmal, Onlinequelle)

 

Mein sind die Jahre nicht die mir die Zeit genommen/
Mein sind die Jahre nicht/ die etwa möchten kommen
Der Augenblick ist mein/ und nehm’ ich den in acht
So ist der mein/ der Jahr und Ewigkeit gemacht.

(Andreas Gryphius, Epigramme 76. Betrachtung der Zeit, Onlinequelle)

 

Quelle: Ichmeinerselbst | Klick macht groß

 

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Menschliches Elende

 

XI. Menschliches Elende.

Was sind wir Menschen doch? ein Wohnhaus grimmer Schmertzen.
Ein Ball deß falschen Glücks / ein Irrlicht dieser Zeit.
Ein Schauplatz herber Angst / besetzt mit scharffem Leid /
Ein bald verschmeltzter Schnee vnd abgebrante Kertzen.
Diß Leben fleucht davon wie ein Geschwätz vnd Schertzen.
Die vor vns abgelegt deß schwachen Leibes Kleid
Vnd in das todten-Buch der grossen Sterbligkeit
Längst eingeschrieben sind / sind vns auß Sinn vnd Hertzen.
Gleich wie ein eitel Traum leicht auß der acht hinfällt /
Vnd wie ein Strom verscheust / den keine Macht auffhält:
So muß auch vnser Nahm / Lob Ehr vnd Ruhm verschwinden /
Was itzund Athem holt / muß mit der Lufft entflihn /
Was nach vns kommen wird / wird vns ins Grab nach zihn
Was sag ich? wir vergehn wie Rauch von starcken Winden.

(Andreas Gryphius, Menschliches Elende, 1637, Quelle, Informationen)

 

Auf YouTube anhören, gesprochen von Katharina Thalbach
https://www.youtube-nocookie.com/embed/kTWQZZSQzQc?rel=0

(Also, mal im Ernst, noch mal Thema DSGVO: Findet ihr das schön, die Darstellungsform meine ich? Ich nicht.)

 

Nachts im Wald

Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
wo du deinen eignen Fuß nicht sahst?
Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
Dich führt der Weg.

Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
daß du zitterst, welchem Ziel du nahst?
Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
Dich führt dein Weg.

(Christian Morgenstern, Nachts im Wald, Quelle)

 

Ja, ich weiß, ein großer Bogen. Kommt gut in den Mai und habt eine gute Woche!

 

Friedhof, Steinmetzarbeit | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Betrachtung der Zeit

Mein sind die Jahre nicht die mir die Zeit genommen/
Mein sind die Jahre nicht/ die etwa möchten kommen
Der Augenblick ist mein/ und nehm‘ ich den in acht
So ist der mein/ der Jahr und Ewigkeit gemacht.

(Andreas Gryphius: Betrachtung der Zeit, Epigramme. Das erste Buch, 1663, Quelle)

 

 

Mir war so danach. Ja, Otto Sander, ist er nicht einfach großartig? Ja, das ist ein Fehler im Vorspann, der Autor ist nicht Paul Fleming sondern Andreas Gryphius (obwohl Fleming ein Zeitgenosse von Gryphius war).

Kommt gut in die neue Woche!