07 – Rattenkalt | Adventüden

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Rattenkalt (Alice, Make a Choice Alice)

 

»So eine Scheiße!«, sagte er, und direkt noch mal, um es zu bekräftigen: »So eine Scheiße!« Der Deckel von der Teekanne war verschwunden, einfach so, während er schlief. Und nun war es beißend kalt hier drinnen. Er zog die zerpflückte Decke über sich, versuchte dabei ziemlich vergeblich, die Schneeflocken aus der kleinen Öffnung zu schaufeln, und saß am Ende frierend unter nassen Lappen.

Es war sicher gewesen im Rudel, doch als die wilden Hunde kamen, waren nach und nach alle verschwunden. Er blieb allein zurück, hatte sich ein behelfsmäßiges Nest gebaut und alles gerettet, was er mit seinem schmächtigen Körper hereintragen konnte.

Es half nichts, er musste raus in die Kälte und den Deckel suchen oder etwas anderes, womit er sein Nest bedecken könnte. Kaum hatte er die Nase aus dem beuligen Metall gesteckt, hörte er dünnes Hundegebell. Vorsichtig linste er über den Rand. Doch keiner der großen Wilden kam da angeprescht, sondern ein kleiner, ein Welpe, der wohl sein Rudel auch verloren hatte. Noch etwas tapsig auf den Beinen näherte er sich, schnüffelte an und um die Kanne herum und streckte schließlich seinen halben Kopf durch die Öffnung.

Zitternd saß er unter den nassen Fetzen, hoffte inständig, dass er als Jungratte nicht den Rudelgeruch an sich habe und der Kleine noch ein wenig zu blöd zum Jagen sei. Da spürte er eine warme Zunge, die reichlich nass seinen kleinen Kopf besabberte. Vorsichtig schob er ein Stück seines Vorrats zwischen die kleinen scharfen Zähne und lauschte erfreut dem Schmatzen.

Als er endlich mit dem Rest seines Futters am Rand der Kanne erschien, saß der Welpe zufrieden schwanzwedelnd vor ihm. »Da brat mir doch einer …«, lachte er.

Er hüllte sich in die Reste seiner Decke und stiefelte mit dem Kleinen los. »Los, Kumpel, wir brauchen ein größeres Zuhause …«

 

(c) Alice Wakenfield für die Adventüden | 365tageasatzaday© Alice Wakenfield für die Adventüden – danke!

 

Adventüden 2019 07 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

 

 

Angst die zweite

Da gibt es den Ängstlichen, der unter sein Bett schaut, und den Ängstlichen, der sich nicht einmal traut, unter sein Bett zu schauen.

(Jules Renard, aus: Ideen, in Tinte getaucht. Aus dem Tagebuch von Jules Renard, Quelle)

Ha! Da musste ich doch eben mal ertappt loslachen. Aber wirklich, sich seiner Angst irgendwie zu stellen und wenigstens unter das Bett zu schauen, das hilft schon enorm, es nimmt den Druck ganz beachtlich. Es macht einen Unterschied, ob man weiß, dass es ein Monster unter dem Bett gibt, oder bloß vermutet, dass da eins sein könnte …

Und eines noch:

Ein wirksames Heilmittel gegen Angst ist Milde.

(Lucius Annaeus Seneca, aus: Octavia, Quelle)

Auch das stimmt, merke ich zumindest an mir. Wenn ich ängstlich bin, bin ich oft ungeduldig und sehr hundertprozentig mit mir. Dann hilft mir das, von dem ich hoffe, dass Seneca das auch gemeint hat: sich selbst ein bisschen in den Arm nehmen, die Angst annehmen, die harten Kanten versuchen zu glätten, das „Muss“ abzuschwächen (ja, man kann unterscheiden, ob manches sein muss oder nur nach den eigenen Vorstellungen sollte, gegen Letzteres argumentiere ich). Und manchmal hilft schon der Versuch, sich nicht ständig damit zu quälen, wenn es nicht akut ist, auch wenn das echt schwer ist: man ist doch ständig mit der Zunge an dem kaputten Zahn …

 

Monster – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Angst

In Ängsten findet manches statt, was sonst nicht stattgefunden hat.
(Wilhelm Busch)

Ja, ich bin der Typ dafür, mich (manchmal, nicht immer) vor einem Schatten zu Tode zu erschrecken. Vor allem, wenn ich nicht weiß, ob es ein Schatten oder ein Berg oder der große, böse Mann ist. Ich weiß, dass Angst wichtig, aber kein guter Ratgeber ist, wenn es gilt, nach vorn zu schauen. Ich weiß auch, dass ich dann alles anzweifele. Neu ist, dass ich das körperlich spüre, und das macht mich auch nicht gerade ausgeglichener.

Na ja. Neuer Tag, neue Chance. Oder so. Mal sehen, was sich daraus machen lässt.

 

Kerze Schatten – 365tageasatzaday Quelle: Pixabay

 

Du sprichst ja nicht über dich

„Du sprichst ja nicht über dich“, sagen die Freunde und gucken vorwurfsvoll. Stimmt. Ich weiß eigentlich nicht wie. Und worüber auch? Über die Ängste, die mich nachts schlecht schlafen lassen und tags den Atem nehmen? Über die Tränen, die geweinten und ungeweinten?

Es geht mir nicht gut. Das mit dem Sprechen ist wie mit zu viel Alkohol. Man lässt sich hineinfallen, nimmt einen zu groooooooßen Schluck davon, fühlt sich furchtbar und benebelt und stellt hinterher verheult fest, dass es überhaupt nichts gebracht hat. Alle Probleme noch da. Plus ein paar erschreckte Gesichter derer, die es unbedingt wissen wollten und dann nicht klarkommen.

Hallo, ich weiß es selbst nicht besser. Ich bin immer wieder ein ziemlicher Anfänger darin, mich nicht hinter einem netten Lächeln zu verkriechen und meine Seele zu zeigen. Wenn ich zugebe, dass es mir nicht gut geht, fühle ich mich ziemlich hilflos, und das gibt der Angstschraube wieder mehrere zusätzliche Umdrehungen. Und mein Bedürfnis nach Selbstdarstellung ist nicht besonders hoch, egal, was Bloggern zu diesem Thema immer wieder nachgesagt wird.

Dafür ist hier einer, der seine Seele raussingt. Ich kann mir das Ding immer wieder anschauen. Fucking amazing.

 

 

Gedanken – Sonntag, 19. Oktober 2014

Energy follows thoughts.

 

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich auf diesem Spruch schon herumdenke und -lebe. Immer wieder mal taucht er auf. Ganz konkret, indem ich ihn zur Wunscherfüllung einsetze (anders kann man meine Methode, einen Parkplatz in der Innenstadt zu bekommen, nicht umschreiben), oder auch weniger fassbar, indem ich feststelle, dass ich mir mein eigenes Chaos schaffe (in der Spirale aus Missverstehen, Verletztsein und Überreaktion), wo ein einfaches Nachfragen vielleicht schon klären könnte, was wirklich gemeint ist. Wobei das erfordert, dass beide Teile einen Schritt zurücktreten und reflektieren können und wollen, was passiert ist. Ist nicht immer der Fall. (Das auszubügeln, davon lebt ein ganzer Berufszweig. Mindestens.)

Oder die ganz vage Variante, die „thoughts“ nicht als konkrete Gedanken, sondern als halb unterbewusst formulierte/formulierbare Wünsche, Haltungen, Erfahrungen, Muster versteht. Das innere Hamsterrad, das so viel Energie kostet.

Da sitze ich und lese, und plötzlich lese ich etwas, das mich so berührt, dass ich anfange zu heulen. Der richtige Satz im richtigen Moment, mehr ist das nicht, und dennoch so unendlich viel. Sich selbst erkennen, staunend, dankbar. Ich folge der Spur nach innen, öffne innere Riegel, schaue in dunkle Kammern. Behutsam. Manche Türen bleiben verschlossen.

Das Aufbrechen (aus der eigenen Angst) ist entscheidend. (Für mich.) Immer wieder und immer wieder.

 

_this_way_upQuelle: ichmeinerselbst

Freitag, 5. September 2014

Sag ihm, dass die Angst vorm Leiden schlimmer ist als das eigentliche Leid. Und dass noch kein Herz gelitten hat, als es sich aufmachte, seine Träume zu erfüllen.

(aus: Paulo Coelho, Der Alchimist)

 

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Gestern lange mit einer Freundin gesprochen und lauter Ängste über Krankheit, Sterben und Verlassensein aufgeschnappt und vermutlich noch einen guten Teil eigene dazugepackt. Bin bedrückt.

Nachtrag: Meine Mutter hätte wahrscheinlich geseufzt und mir gesagt, ich solle mich nicht verrückt machen. „Wir müssen es alle nehmen, wie es kommt.“ Und dann hätte sie sich überlegt, ob es etwas gibt, das sie tun kann. Vielleicht sollte ich mich einfach daran halten.

Eben auf Facebook entdeckt: “Sorrow prepares you for joy. It violently sweeps everything out of your house, so that new joy can find space to enter. It shakes the yellow leaves from the bough of your heart, so that fresh, green leaves can grow in their place. It pulls up the rotten roots, so that new roots hidden beneath have room to grow. Whatever sorrow shakes from your heart, far better things will take their place.” (Rumi)

Na, dann! Euch einen sonnigen Tag, woauchimmer ihr dies lest!