23 – Dem Leben auf der Spur | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Dem Leben auf der Spur (Anna-Lena, Meine literarische Visitenkarte)

 

Er war weder blaublütig, noch hatte er goldene Löffel in die Wiege gelegt bekommen, und trotzdem war er ein Kind aus bestem Hause, ein Einzelkind, dessen Eltern es mit viel Kraft und Elan, aber auch mit einer gehörigen Portion Arbeit zu Wohlstand und Reichtum gebracht hatten.
Hunger, Durst und Entbehrungen jeglicher Art waren ihm fremd, er hatte alles in seinem bisherigen Leben bekommen, was er wollte, und doch war er nicht glücklich – bis jetzt.

Es war an einem heißen Sommertag südlich von Kreta. Die Party auf der kleinen Segeljacht war in vollem Gang, als er die verzweifelten Hilferufe der Frau hörte. Immer wieder hielt sie ein kleines Bündel aus dem Wasser. Kurz darauf waren beide verschwunden. Alkohol und Koks hatten seine Sinne getrübt, und auch die anderen bemerkten entweder gar nicht oder zu spät, dass eine verzweifelte Frau mit ihrem kleinen Kind von einem Flüchtlingsboot ins Wasser gefallen und abgetrieben worden war und nun um das nackte Leben kämpfte.
Voller Entsetzen erinnerte er sich daran, dass sie irgendwann beide nicht mehr auftauchten und im weitläufigen Massengrab des Mittelmeeres versunken waren. Diese bitteren Erfahrungen holten ihn als nächtliche Träume immer wieder ein.

Das war die Wende in seinem Leben. Er hatte begriffen, dass er so nicht weiterleben konnte und wollte. Nach unsäglichen Auseinandersetzungen mit seinen Eltern, die ihm bereits einen Studienplatz an einer Eliteuniversität in den Staaten besorgt hatten, zog er nach seinem Abitur durch die Länder Europas, immer wieder nach dem Sinn des Lebens suchend.

Und nun stand er hier in der Suppenküche in Berlin-Pankow und teilte eine heiße Kartoffelsuppe aus an alle, die mit frischen Schneeflocken auf ihren Haaren oder ihren Pudelmützen frierend in den adventlich geschmückten Raum kamen, gekennzeichnet von der bitteren Armut in ihrem Leben und doch lächelnd vor Dankbarkeit für diese Zuwendung.
Es war Weihnachten.

 

Adventüden 2019 23 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Bitterer Abschied | abc.etüden

Sie war sich nicht sicher, ob sie mehr wütend oder mehr traurig war. Glaubte die denn, dass Gefühle recycelbar waren wie die Zeitung von gestern?

„Du wirst schon wieder eine Freundin finden.“

Ha! Ja, sicher, aber es war ihr um SIE gegangen und sie hatte wirklich geglaubt, dass die Jahre, in denen sie alles geteilt hatten – Kummer, Freude, Verliebtheiten, Glück, Schmerz –, mehr wert seien als so einen herablassenden Spruch. War alles nur gespielt gewesen? „Best friends forever“, sie hatte es ernst gemeint, sie hatte sich ihr geöffnet wie nicht vielen Menschen vorher. Mehr und mehr war die Freundin zu einem wichtigen Teil ihres Lebens geworden. Und nun war sie fort.

Irgendwann war ER in ihr Leben getreten, er, an dessen Seite sie jetzt ausreiste. Vorbei die viel diskutierten Zweifel, ob er endlich der berühmte Richtige wäre. Das Versprechen der Greencard, des Lebens im Land der gar nicht so unbegrenzten Möglichkeiten hatte letztendlich gezogen.
Liebe? Oder Schönrederei?

Wo waren ihre Ideale geblieben, die hatten sie doch gehabt?
Sie hatte sich wohl geirrt.
Und wenn schon in ihrer Freundin, worin dann noch?

„Wir sehen uns bestimmt bald wieder.“
Wer’s glaubt. Sie nicht.

Unten reihte sich das Flugzeug auf dem Rollfeld ein, und sie war sich ziemlich sicher, dass die Andere nicht am Fenster kleben würde, um die kleine Silhouette auf der Aussichtsterrasse des Flughafens zu entdecken. Ob man sie winken sehen konnte? Sie würde es trotzdem tun.

Einer liebt immer mehr. Eine Erkenntnis, auf die sie gern verzichtet hätte.

Der mächtige Airbus hob ab und verschwand gen Westen in Richtung Sonnenuntergang. Sie starrte in das Himmelsleuchten, bis ihre Augen brannten. Dann drehte sie sich um und machte sich auf den Weg durch das Terminal nach Hause, und es kümmerte sie nicht, dass man die Tränen sah, die über ihre Wangen liefen.

 

abc.etüden 2019 45+46 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 45/46.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Anna-Lena und ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte“ und lauten: Himmelsleuchten, recycelbar, ausreisen.

Nein, bitte, das ist NICHT so autobiografisch, wie es sich vielleicht liest, da fließt ziemlich viel an (eigenen und fremden) Erfahrungen zusammen.

 

Aus der Traum | abc.etüden

Will man noch ausreisen, wenn man die Hoffnung hat, das Haus der Väter heil durch die wechselhaften Zeiten zu bringen, wenn man selbst sich arrangiert hat und der „ausgerissene“ Bruder mit der Familie regelmäßig nach Hause kommt? Ich weiß es nicht. Ich vermute, dass der Traum unter der Realität verschüttging, falls es ihn gab, aber ich bin sicher, dass bei unseren Besuchen vieles nicht gesagt wurde, auch meinetwegen, schließlich war ich noch klein. Schwierigkeiten wurden in Alkoholika ertränkt, wobei man davon ausging, dass ich das nicht mitbekam, was damals ebenfalls stimmte.

„Schau, Christiane, die Berge dahinten, das ist schon im Westen“, hieß es, wenn wir aus dem Wohnzimmerfenster sahen und die Stadt in Richtung Süden überblickten. Da hatten sie früher Freunde und Bekannte gehabt und waren einkaufen gewesen, früher, bevor die Grenze dichtgemacht wurde und sie plötzlich im „Zonenrandgebiet“ lebten. Dass im Westen keinesfalls in dem Ausmaß Milch und Honig floss, wie ihnen das Westfernsehen vorgaukelte, glaubten sie uns das? Irgendwie schon, aber konnten sie es sich vorstellen? Nein – genauso wenig wie wir uns das Leben im „real existierenden Sozialismus“. Brötchen, Milch und Bücher waren zu meiner kindlichen Begeisterung jedenfalls unglaublich billig.

Sind Träume recycelbar? Als die Grenze aufging, waren meine Tanten so begeistert wie alle anderen auch. Sie hielten sich für zu alt, um sich noch die Welt anzusehen, aber sie besuchten uns, immerhin, und sie mochten es. Danach … ja, ach. Sie waren vielleicht tatsächlich zu alt (und zu idealistisch), um mit der grassierenden Wildwest-Mentalität ihrer neuen Mitbürger und den daraus resultierenden Veränderungen im Alltag klarzukommen. Heute denke ich, dass sie sich zu Recht übergebügelt fühlten, und natürlich fragten sie damals nicht um Hilfe (schon gar nicht uns), natürlich nahmen sie Schaden und natürlich waren auch wir, die Westfamilie, irgendwie schuld.

Der goldene Westen, ein Himmelsleuchten?
Eher nicht.

 

abc.etüden 2019 45+46 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 45/46.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Anna-Lena und ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte“ und lauten: Himmelsleuchten, recycelbar, ausreisen.

Ja, da ist ziemlich viel Autobiografisches drin. Aber meine (Südthüringer) Tanten sind lange tot und das Haus steht in der Form auch nicht mehr …

 

Schreibeinladung für die Textwochen 45.46.19 | Wortspende von „Meine literarische Visitenkarte“

Und schwups ist es November, und wie so viele Jahre sitze ich hier und denke: Moment mal, es war doch eben noch kurz vor dem Etüdensommerpausenintermezzo, wo ist denn der Sommer hin? Andererseits liebe ich November, den Unaufgeregten, meinen Gedanken nachhängen, mehr oder weniger dick vermummt durch den blattloser werdenden Wald/Park laufen und die Stille genießen … Ja, ich bin ein bekennender Melancholiker, jedenfalls in den Augen all jener, die die Vorstellung allein schon ins klimaschädliche Flugzeug in die Sonne treibt …

Wem der November jedenfalls auch gut bekommt, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, sind die Etüden. Nachdem im Sommerhalbjahr die Beteiligung ziemlich nachgelassen hatte (ein dicker Dank an die Unentwegten!), sind wir jetzt mal locker über die 50 gehüpft – seid versichert, dass ich mir verwundert die Augen gerieben und dreimal durchgezählt habe! Natürlich sei an dieser Stelle aber besonders auf Veronika verwiesen, die ihr Thema so spannend fand, dass sie es uns in neun (äh, WHAT?) verschiedenen (und immer interessanten) Varianten präsentiert hat, womit sie selbstverständlich auch die Liste anführt. Danach folgen Katharina, Werner und die Fledermaus mit jeweils vier Etüden. Insgesamt haben 27 Blogs 57 Etüden eingereicht (Stand ohne Nachzügler). DANKE! Neu dabei ist die Puzzleblume mit ihrem Puzzle❀„-Blog – nochmals herzlich willkommen!

Wie immer: Checkt bitte, ob alles mit euren Links okay ist, und meldet Fehler/Fehlendes oder ob sonst was falsch ist – ihr kennt das ja.

Ich war gestern ab ca. 7 Uhr morgens fast komplett offline, sorry; ich habe euch zwar verlinkt und die Pings freigeschaltet, komme aber erst heute später zum Lesen bei euch rum (wenn ich wieder wach bin).

Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt.

Die Fledermaus auf onlybatscanhang: hier, hier, hier und hier
Die Hummel im Hummelweb: hier
Werner auf Werner Kastens: hier, hier, hier und hier
Elke H. Speidel auf Transworte auf Litera-Tour: hier
Petra Schuseil auf Wesentlich werden: hier, hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier und hier
Die Findevogelfrau aus dem Findevogelblog: hier
Veronika auf vro jongliert: hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier
fraggle auf reisswolfblog: hier, hier und hier
Resi Stenz auf Resi Stenz: hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier, hier, hier und hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier, hier und hier
Gerhard von Kopf und Gestalt in meinen Kommentaren: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier und hier
Sofie auf Sofies viele Welten: hier
Puzzleblume auf Puzzle: hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier, hier und hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
Tanja auf Stachelbeermond: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier
Die Hoffende auf ICH & MEHR: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
René auf Ein Blog von einem Freund. Von Humor. Und Spass. Aus Berlin. Im Ernst!: hier
Jaelle Katz auf Jaellekatz: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier

Vielen Dank an alle, die mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert haben!

Die Wörter für die Textwochen 45/46 des Schreibjahres 2019 kommen endlich mal wieder von Anna-Lena mit ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte„. Die neuen Begriffe lauten:

Himmelsleuchten
recycelbar
ausreisen.

 

Natürlich darf der öde, blöde Etüden-Disclaimer nicht fehlen: Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Inhaltshinweise und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 17. November 2019, und danach sind wir für dieses Jahr dann auch schon durch, denn der Dezember gehört den Adventsetüden. Dazu an dieser Stelle später mehr. Habt noch ein schönes Wochenende!

 

abc.etüden 2019 45+46 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

abc.etüden 2019 45+46 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

 

 

Traumschiff | abc.etüden

Früher hatte sie sich gern vorgestellt, wie es wäre, beim Käpt’ns Dinner am Arm von Sascha Hehn oder auch Siegfried Rauch den Speisesaal zu betreten. Top gekleidet und gestylt, mit High Heels, auf denen sie natürlich nicht wie ein Storch im Salat stelzen würde, liebreizend und witzig, eine Freude für alle, die sich mit ihr unterhalten wollten, selbstverständlich viele an der Zahl …

Sie seufzte kurz auf.
„Ist Ihnen nicht gut?“, erklang sofort eine besorgte Stimme neben ihr. „Wollen wir aufbrechen?“
„Nein, nein“, wehrte sie ab und ruckelte ein bisschen auf der Bank herum, „alles in Ordnung.“

Ihr Rücken tat weh. Ihre Füße taten weh. Wenn sie ehrlich war, sah sie erheblich weniger, als sie zugab, und den leicht rutschigen Weg hierher hatte ihre Begleiterin, wie hieß sie gleich, Gabriele, Karin, Olga, eben „gemeingefährlich“ genannt. Gefährlich, pah – aber sie war wirklich nicht mehr die Jüngste.

Heute roch der Fluss anders und die Geräusche klangen nicht so wie sonst, sondern dumpfer, irgendwie wattiger. Wie sie ihre Bank liebte, an der die großen Schiffe vorbeifuhren und manchmal tuteten. Nur deshalb kam sie jeden Tag hierher, saß ein wenig da und hing ihren Träumen nach. Träume, die sie nie jemandem erzählt hatte, weil man das nicht tat.
Ihre einzige Kreuzfahrt fiel ihr ein, damals, mit dem angehimmelten Mann, der sie beeindrucken wollte. Das war ihm leider gelungen. Der Luxus hatte sie geblendet und sie auch vergessen lassen, dass auf Versprechen Taten folgen mussten.

„Gehen wir“, sagte sie abrupt und stand auf, „ich mag den Nebel heute nicht.“

Gabriele deckte ihre Schutzbefohlene mit einer Decke zu, weil die sich vor dem Abendessen noch ein wenig hinlegen wollte. Was hatte sie bloß mit „Nebel“ gemeint? Den ganzen Tag war es klar und sonnig gewesen. Sie hörte die alte Frau tief durchatmen. Dann war es still.

300 Wörter

 

2018 39+40 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 39/40.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Anna-Lena und lauten: Kreuzfahrt, gemeingefährlich, stelzen.

 

Gewissensentscheidung | abc.etüden

„Das kann nicht euer Ernst sein, da ertrinken jeden Tag unschuldige Menschen – und ihr wollt auf eine Kreuzfahrt? Im verdammten Mittelmeer? Echt jetzt? Ohne mich! Sagt, dass das nicht wahr ist!“

Zwecklos, zu erklären, dass das Mittelmeer größer war als nur jene Strecke, die als Fluchtroute unrühmliche Bekanntheit erlangt hatte. Mittelmeer stand neuerdings für sinnloses Leid ohne Grenzen.

„Willst du vielleicht die ganze Zeit beten, dass euch keine Boote mit Geflüchteten vor den Bug kommen, höchstens nachts, damit ihr weiter schön alles ignorieren könnt, was euch nicht in den Kram passt, und nicht sehen müsst, wie ein Haufen Neger absäuft? Weil das Schiff nämlich vermutlich gar nicht stoppen und helfen darf, weil es sonst in Teufels Küche kommt, gibt ja Beispiele genug? Und damit meine ich nicht, dass die euch die Restaurants leerfressen könnten! Aktion Seebrücke, unterlassene Hilfeleistung, nur um ein paar Stichworte zu nennen? Mama, ich hätte ein bisschen mehr politisches Bewusstsein von dir erwartet. Oder wenigstens Konsequenz.“

Ruhig bleiben. Wenn sich die Tochter politisch unkorrekt ausdrückte, wollte sie provozieren. Kannte man inzwischen.

„Aber nee, lieber all-inclusive jeden Tag am Pool liegen, auf dem Deck Tennis spielen und abends angeschickert aus einer der Bars in die Kabine stelzen. Und immer schön das Image und die Cellulite pflegen. Wir haben’s ja. Nötig! Ich nenne das gemeingefährliche Dummheit.
Mama, ich bitte dich, wenn du dich schon nicht engagieren willst, dann unterstütz diese Ignoranz nicht auch noch.“

Ein vernichtender Blick vor dem theatralischen Abgang.

„DENKT DOCH MAL NACH! Ein einziges Mal!“

Es hatte sich längst schon abgezeichnet, dass das rebellische Kind bald eigene Wege gehen würde. Sie hatten ein letztes Mal gemeinsam verreisen wollen und hätten ihr gern etwas Besonderes geboten. Ganz so dicke hatten sie es nicht, finanziell gesehen, und sie liebten das Meer im Süden. Alle drei. Eigentlich.

Sie verzichteten.

300 Wörter

 

2018 39+40 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung: ichmeinerselbst

 

Für die abc.etüden, Woche 39/40.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Anna-Lena und lauten: Kreuzfahrt, gemeingefährlich, stelzen.

Das ist die Sache mit dem ersten Gedanken. Ich habe ihn einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommen: Wie kann man dort jetzt Urlaub machen, wo andere sterben? Und was sagt das über uns (als Gesellschaft/jeden Einzelnen) aus, diese Tatsache zu ignorieren? So einseitig wie diese Sicht auch sein mag, diese Etüde musste geschrieben werden. Ich habe keine Antworten.

 

Schreibeinladung für die Textwochen 39.40.18 | Wortspende von visitenkartemyblog

Na, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, war das nicht ein gelungener Auftakt zu den Etüden im neuen Gewand? Vielen Dank für die freundlichen Rückmeldungen, ich bin so glücklich, dass ihr alle dabei seid – und, äh, zwei Wochen = zwei Etüden? Hmmmmmmmmm?
Erzählt es ruhig weiter, ich/die Etüden-Verrückten freue/n mich/sich über jede und jeden Schreiber*in, der/die Lust hat, sich von den Etüden herausfordern zu lassen. Und nicht zu vergessen die Wiedereinsteiger bzw. die, die überlegen, ob sie sollen/wollen. Macht doch, 300 Wörter fühlen sich ganz anders an als 10 Sätze! Myriade und ich haben uns (zum Beispiel) sogar von den reinen Geschichten zu Betrachtungen hinbewegt, auch das ein spannendes neues Feld, und unser Running Gag, Anton, Frau Flumsels Zombiekatze, ist auch wieder unter den, äh, Lebenden *hust*.

Hier kommt eine kurze Übersicht derer, die in den letzten beiden Wochen mitgemacht haben. Ich habe (hoffentlich) alles drin, was bis zum Erscheinen dieses Beitrags aufgelaufen ist.

dergl auf Die Tinterkleckse sehen aus wie Vögel: hier
Jaelle Katz auf Jaellekatz: hier
Berta auf Zuhause im Drei-Kronen-Land Schweden: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier und hier
Yvonne auf umgeBUCHt: hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier
Werner Kastens hier in den Kommentaren: hier, hier und hier
Frau Flumsel auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Frau Vro auf vro jongliert: hier
Anne Seltmann auf Wortperlen: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier und hier
Gerda auf GERDA KAZAKOU: hier und hier
Isabel auf Wortverzauberte: hier

15 Leute (plus ich) haben insgesamt 23 Etüden geschrieben! Vielen Dank dafür!
Und jeeeeeeetzt *TUSCH* *TROMMELWIRBEL*:

Die Wörter für die Textwochen 39 und 40 des Jahres 2018 stammen aus der Feder von Anna-Lena von Meine literarische Visitenkarte und lauten:

Kreuzfahrt
gemeingefährlich
stelzen.

 

UPDATE: Ich bin so blöde, verdammt! dergl, Entschuldigung, ich habe es echt schon wieder vergessen, dass du mit WASSER-Wörtern eigentlich nicht kannst. Wenn es bei „Kreuzfahrt“ wieder zuschlägt, würdest du dir bitte ein Wort aus dem Umfeld suchen, gern auch irgendwas mit der Seebrücke, das du stattdessen verwenden kannst? Ich könnte mich echt schlagen. Tut mir leid.

Neuer Etüden-Disclaimer: Die neue Headline heißt: 3 Begriffe in maximal! 300 Wörtern.
Wenn jemand nicht weiß, wie er/sie die Wörter gezählt bekommt, bitte melden!
Euren Beitrag verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin (immerhin, das ist geblieben) und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.
Die Illustrationen unterliegen meinem Copyright und ich behalte mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Oh, und die nächsten Wörter gibt es am 7. Oktober. Euch viel Spaß und zwei inspirierte Wochen!

 

2018 39+40 | 365tageasatzaday

 

2018 39+40 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, hier und hier, Bearbeitung von mir

 

Schreibeinladung für die Textwoche 17.18 | Wortspende von visitenkartemyblog

Nach einer wunderbar sonnigen, fast schon sommerartigen Woche, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, die sich ganz eindeutig auf den „Publikumsverkehr“ auf den Blogs niedergeschlagen hat (oder war es bei euch nicht so? Ich jedenfalls war auch weniger im Blogland unterwegs), folgt hier die nächste Runde Wörter für die Textwoche 17.18. Hier bei mir haben wir schon gespottet, dass wir hoffen, dass das nicht alles war, was wir vom Sommer zu sehen bekämen, Hamburg ist in den letzten beiden Jahren nicht gerade verwöhnt worden, was Wärme betraf, verglichen mit anderen Regionen.

Für diese Woche hat Anna-Lena mit ihrem Blog visitenkartemyblog.wordpress.com unsere neuen Wörter gestiftet, und natürlich brodeln ihre Wörter schon in meinem Hirn, wie ich sie in meine kleine fiese Bürogeschichte einbauen kann … hier sind sie, sie lauten:

Milchmädchenrechnung (Wikipediaerklärung, kannte das eigentlich jemand nicht?)
dingfest
untertreiben.

Wie immer bin ich total gespannt, was euch dazu einfällt. Wie immer, ihr wisst: Diese 3 Wörter bitte in maximal! 10! Sätzen unterbringen! Wie immer stammen die Illustrationen von dem werten Herrn lz., vielen Dank, Ludwig!
Euren Beitrag verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von Anna-Lena und mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

 

2018_17_1_eins lz | 365tageasatzaday

 

2018_17_2_zwei lz | 365tageasatzaday

 

Verkehrsberuhigte Zone | abc.etüden

Früher war sie das gewesen, was ihre Mutter einen „flotten Feger“ genannt hatte, und wenn sie sich daran erinnerte, wie flott, dann war sie ziemlich glücklich, dass ihre Mutter nicht alles gewusst hatte. Immerhin hatte ihr das vor 35 Jahren unter anderem den gewünschten Ehemann beschert; bis dass der Tod euch scheidet, ihnen war es immer ernst damit gewesen.

Also waren sie gemeinsam älter geworden, hatten das Leben gemeistert, wie es so schön hieß, und die heißen Outfits der langen, knallvergnügten Nächte waren langsam Funktions- und sonstiger prosaischerer Wäsche gewichen. Die Unterhemden gingen bis über die Nieren und die Panties waren längst figurformend, sie kochte doch so gern, musste man ja nicht sofort sehen.

Er ging nicht fremd und sie hatte beim Aufräumen auch noch nie Playboy-Hefte oder ähnlichen Schwachsinn gefunden, aber außer bisschen Kuscheln lebten sie jetzt schon ziemlich lange wie Brüderchen und Schwesterchen miteinander, das war doch nicht normal, oder doch? Ihre Freundinnen behaupteten alle, froh zu sein, dass sie von ihren ehelichen Pflichten entbunden waren; sie glaubte ihnen nicht, denn sie war es nicht, sie verzichtete ungern und schon gar nicht auf Dauer. Sie hatte bereits überlegt, ob er vielleicht krank war, das gab’s ja, aber auch darüber hatte er nie ein Wort verloren, und sie wollte ihn mit Nachfragen auf keinen Fall verletzen.

Dass Männer aber auch immer alles mit sich selbst ausmachen mussten!

Aber egal, sie hatte sich vorgenommen, einen Weg aus der verkehrsberuhigten Zone zu finden. Und sie würde ihm nicht erlauben zurückzubleiben.

 

2018_06_1_eins lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 06.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Anna-Lena und lauten: Unterhemd, knallvergnügt, verzichten.

Dies ist eine eher lose Fortsetzung, vielleicht nicht mal Fortsetzung. Aber die dazugehörige andere Etüde ist diese hier.

 

Plötzlich knallalt | abc.etüden

Er war zu alt für so was. Wenn sie Streit wollte, wie er es nannte, fragte sie ihn manchmal, ob er denn vielleicht schon zu alt für das Leben sei.

Wie jetzt, als sie wieder das knallenge Unterhemd trug, was er missbilligte und prompt als knallhässlich bezeichnete, denn er hatte es nicht mehr so mit der fleischlichen Verführung, und wenn schon, dann doch bitte richtig, nicht diesen Feinripp-Kram. Warum nur lachte sie so komisch, lachte sie ihn etwa aus?
Ach ja, die Fleischeslust, na ja – die Hochzeit war ja auch schon ein paar Jährchen her und jetzt, jetzt war eher Ruhe eingetreten in, äh, ihrem Eheleben. Er hatte immer geglaubt, das wäre völlig in ihrem Sinn, stimmte doch auch!

Früher, ja, als sie noch knallverliebt gewesen waren, da hatten sie es wild getrieben, hatten die Finger nicht voneinander lassen können, nirgendwo, hatten auf nichts verzichten wollen, nicht auf Küsse auf offener Straße und waren auch schon öfter mal knallerregt im Stadtpark hinter einem Busch gelandet.

Aber jetzt? Ach, alles dahin, die ganze schöne knallvergnügte Verrücktheit von damals.
Was mit ihnen geschehen war, er verstand es nicht, er hatte doch nichts Böses getan.

 

2018_06_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 06.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Anna-Lena und lauten: Unterhemd, knallvergnügt, verzichten.

Update! Die gehört dazu: Verkehrsberuhigte Zone

 

Schreibeinladung für die Textwoche 06.18 | Wortspende von visitenkartemyblog

Die neuen Wörter, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, machen mir gute Laune, also hoffe ich, dass es euch ähnlich ergeht und sie eure Phantasie aufs Angenehmste beflügeln. Die gute Laune finde ich eigentlich höchst verwunderlich, habe ich mich doch in der verstrichenen Woche meistens lautstark darüber beklagt, dass ein gewisser Herr Husten nebst unerwünschten Anverwandten bei mir zu Gast ist und nicht aufbrechen möchte, was allerdings auch ein kurzer Aufenthalt wäre, nur eine Woche, wo kämen wir denn da hin?!
Bleibe ich also lieber entschlossen bei der guten Laune: Als erstes dachte ich an Ringelnatz, als zweites an Karneval. Meine Einstellungen zu beidem dürften bekannt sein und nicht weiter interessieren; also gebe ich den Ring frei für die Wörter der Textwoche 06.18, gestiftet von Anna-Lena von visitenkartemyblog.wordpress.com, welche lauten:

Unterhemd
knallvergnügt
verzichten.

Wie ihr wisst, gilt es, diese 3 Wörter in maximal! 10! Sätzen unterzubringen, und auch dieses Mal hat sie der werte Herr lz. in Szene gesetzt, vielen Dank, Ludwig!
Euren Beitrag verlinkt ihr dann bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von Anna-Lena und mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

Herumgefragt in eigener Sache: Auf meiner Etüden-Übersichtsseite gibt es seit Neuestem eine Galerie mit den alten Schreibeinladungen (mit freundlicher Erlaubnis des Herrn lz., klar, sind sie nicht toll?). Ich suche die vom Anfang, als er die noch gehostet hat. Hat noch jemand welche, die ich nicht habe? Ich habe damals zwar regelmäßig mitgeschrieben, aber meine Etüden nicht mit den Etüdenbildern bebildert, daher habe ich bloß ein paar auftreiben können, und Ludwig hat sie auch nicht mehr.

 

2018_06_1_eins lz | 365tageasatzaday

 

2018_06_2_zwei lz | 365tageasatzaday

 

Männergespräch | abc.etüden

Kaum war der Ballon butterweich und am vereinbarten Punkt gelandet, als Lukas auf seinen Vater losstürmte, der auch die Landung gefilmt und fotografiert hatte. Der umarmte ihn und gratulierte ihm und nahm ihn beiseite, um Stativ und Kameras ins Auto zu bringen, „bevor Mama kommt“, die sich tatsächlich noch mit einem Bekannten unterhielt und es gar nicht eilig hatte.

Er kam sofort zur Sache: „Ich wollte dir versuchen zu erklären, warum ich eben nicht mitgeflogen bin – ich hab Höhenangst. Als ich so alt war wie du, konnte ich wenigstens noch auf Bäume klettern, aber inzwischen wird mir richtig schlecht und schwindelig, wenn ich auch nur auf eine Leiter steige.“

Er verstummte abrupt und Lukas dachte nach, da ihm plötzlich klar wurde, warum sein Vater letztes Jahr auch nicht mit ihm Achterbahn gefahren war: „Warum hast du es mir nicht früher gesagt“, fragte er schließlich, „das ist doch wichtig?“

„Als deine Oma Kind war, ist sie auf der Flucht im Krieg beim Schwimmen fast ertrunken. Sie ist seitdem nie wieder einfach so im tiefen Wasser gewesen und fand das voll peinlich, weil sie es nicht geschafft hat; aber ich habe erst richtig schwimmen gelernt, als ich von zu Hause ausgezogen bin und nicht mehr das Gefühl haben musste, dass sie sich dann noch mehr für ihre Angst schämt, weil Schwimmen für mich nämlich so leicht und so toll war.
Verstehst du, dann habe ich gedacht, du sollst mal nicht so wie ich fremden Ängsten nachspüren müssen, nämlich meinen vor Höhe, du sollst das Ballonfahren einfach unbeeinflusst genießen können, denn du redest davon, seit du die Dinger am Himmel entdeckt hast; ich wollte dir diesen Kindheitstraum auf keinen Fall kaputtmachen und hab bis jetzt einfach die Klappe gehalten.“

Das war eine bittere, lange Geschichte in superkurzer Form heruntergehaspelt, und auch wenn er sich diese Sätze vorher zurechtgelegt hatte, war er sehr stolz auf sich und sehr erleichtert.
Sein Sohn schien die weitere Diskussion darüber allerdings glücklicherweise auf einen anderen Tag vertagen zu wollen, also legte er den Arm um ihn und sie gingen einträchtig Lukas’ Mutter entgegen.

 

lz abc.etueden schreibeinladung 1 visitenkartemyblog 30.17 | 365tageasatzadayVisuals: lz. (ludwigzeidler.de)

 

Ja, das ist die Fortsetzung von „Über Träume“, hier klicken, wer den ersten Teil nicht gelesen hat. Ich dachte, ich versuch es mal, aber so langsam hab ich die Nase voll von den Bandwurmsätzen. Himmel, so was könnte man viermal so lang und immer noch nicht ausreichend erzählen.

Für die abc.etüden, Woche 30.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Anna-Lena (visitenkartemyblog.wordpress.com) und lauten: Stativ, Kindheitstraum, nachspüren.

 

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