Im April

 

Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern
schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er
leer war,-
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

(Rainer Maria Rilke, Aus einem April, Das Buch der Bilder, 1. Buch, Teil 1, Quelle)

 

Die einfachen Sterne

Die einfachen Sterne haben sich hoch über die Bäume geschoben.
Manchen, der nie tags sein Auge vom Boden gehoben,
Den machen nachts kopfhoch die blauen Lampen droben,
Die urewig gleichmäßig Wandelnden,
Die ewig fernen und nie laut Handelnden,
Die Sterngeister, die blauen, der großen Ruhe leuchtende Meister,
Die dem Weisen Zeichen und Weglicht geben,
Die alle Erdenkönige samt allen Königreichen überleben,
Die wie feurige Liebesgedanken über den nächtlichen Dächern schweben.

(Max Dauthendey, Die einfachen Sterne, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 245)

 

Kommt schon, gegen Rilke sieht einfach jeder ziemlich alt aus. Und ja, ich wiederhole mich, ich weiß, aber mir ist grad so.
Kommt gut in die neue Woche!

Update: Ich möchte ein paar Worte zu meinem Verhältnis zu Rilke anhängen. Ich mag Rilkes Gedichte, und das wird sich auch nicht ändern, an meinem persönlichen Gedichtehimmel hängen ein paar von ihm ganz oben.
Als Gedichte lesendes Kind kannte ich Rilke schon von klein auf, halt die üblichen 20 Gedichte, die jeder kennt. Später kam dann das Rilke-Projekt dazu, das meinen Horizont noch einmal erweiterte, und mich nun endgültig auf den Menschen neugierig machte, zu dem ich aber keinen rechten Zugang fand. Biographisches klärte mich darüber auf, dass Rilke ein Schnorrer mit einer gescheiterten Ehe gewesen sei, der sich gern bei Gönnerinnen einnistete und in seinem Leben ziemlich viel umherzog. Okay, es gibt solche Leute, und auch bei Schnorrern muss es jemanden geben, der nimmt, und eine*n, der/die es sich leisten kann zu geben. Wenn Rilke sich in dieser Gesellschaft bewegte, warum nicht, nicht mein Ding, aber hey, andere Zeiten.

Dann las ich das „Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick und mochte den Unsympathen, dem ich dort begegnete, kein Stück. Gut, dachte ich mir, Rilke war kein blütenweißer Charakter, wenn ein anderer Schriftsteller solche Worte wählt, um ihn zu schildern, ist es seine Freiheit. Seit einigen Tage liegt nun noch ein Buch von Klaus Modick auf meinem Tisch: „Ein Bild und tausend Worte“, Untertitel: „Die Entstehungsgeschichte von ‚Konzert ohne Dichter‘ und andere Essays“ (Kiepenheuer & Witsch, 2016). Kurz gesagt, gefällt mir das Buch sehr, ich mag die Art, wie Modick schreibt und was er schreibt. Zu Rilke sagt er aber dann nicht nur, dass fast jedes Rilkesche Wort im Roman „O-Ton“ sei, sondern er findet ein paar Sätze, die mir echt zu knacken geben. „Es geht um die Kluft zwischen Leben und Werk, zwischen Ethik und Ästhetik. Mit diesem Widerspruch steht Rilke nicht allein da – auch bei Goethe, Richard Wagner, Thomas Mann oder Bert Brecht, um nur wenige zu nennen, war das Verhältnis zwischen charakterlichen Definziten und künstlerischer Leistung alles andere als ausgewogen. […] Allerdings war diese Kluft bei Rilke geradezu erschreckend tief. Alle Menschen, die ihm nahekamen oder denen er sich näherte, hat er zu Sklaven und Opfern seines Werks gemacht.“ (S. 116)
Oha. Nun ihr.

 

Farben | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, leider nicht meins

 

Advertisements

Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

(Rainer Maria Rilke, Aus einem April, Das Buch der Bilder, 1. Buch, Teil 1, Quelle)

 

Frühlingsregen – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Nach ein paar Tagen, die man sogar wohlwollend nur als „Aprilwetter, igitt“ bezeichnen kann, ist es mal wieder Zeit für sanftere Klänge bei den Montagsgedichten. Rilke geht bei mir ja bekanntlich immer, also warum nicht an diesem letzten Aprilmontag?

Kommt gut in die neue Woche!

 

Merken

Frühlingsfotos und: Rilke geht immer

Eigentlich, ja, eigentlich wollte ich nur ein paar Bilder vom (hoffentlich nur) kurz abwesenden Frühling zeigen. Dann stolperte ich über Herrn Rilke und beschloss, dass sein Gedicht hervorragend zu dem gerade herrschenden Aprilwetter passt.

Ihr erinnert euch vielleicht an mein Schwanengedöns vom letzten Jahr? Nun, dasselbe Schwanenpaar hat diesen Frühling 10!, in Worten ZEHN Küken. Die Bilder sind vom letzten Freitag, und natürlich glaube ich nicht, dass alle überleben, denn neben den Menschen gibt es ja auch noch natürliche Feinde, aber der/die eine oder andere wird sich ja vielleicht auch noch an meine Schwanenwächtergeschichte erinnern *hexhex* :-)

Ach, und das andere Kleine, das da herumwackelt (derdiedas Mini mit dem roten Schnabel, das gerade gefüttert wird), ist ein Teichhuhn, auch/besser bekannt als Teichralle. Und die Mama von den beiden anderen Zwergen ist eine Kanadagans. Kleine Enten habe ich dagegen noch nicht gesehen.

 

Aus einem April

 

Wieder duftet der Wald.

Es heben die schwebenden Lerchen

mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;

zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war, –

aber nach langen, regnenden Nachmittagen

kommen die goldübersonnten

neueren Stunden,

vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten

alle die wunden

Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

 

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser

über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.

Alle Geräusche ducken sich ganz

in die glänzenden Knospen der Reiser.

 

(Rainer Maria Rilke, Aus einem April, aus: Das Buch der Bilder, Erster Teil, Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst, was habt ihr denn gedacht