Blind Date | Myriades Impulswerkstatt

Achtung, Zielsubjekt im Radius, ich wiederhole, Zielsubjekt im Radius!« Ich fahre hoch. Die Stimme schnarrt und ist fast menschenähnlich – na ja, extra für mich Techniktrottel, sie haben sich bemüht.
Der Blechtopf muss sich trotzdem irren, vorausgesagt ist wesentlich später, es ist maximal Nachmittag.

Ich werfe einen Blick nach draußen. Nichts zu sehen, weder Mensch noch Tier, und alle Kontrolllämpchen auf der Konsole leuchten grün. Gut. Gestern Abend haben Hunde am Rand des Unsichtbarkeitsfeldes das Bein hochgerissen und markiert. Nein, ihnen ist nichts passiert, ich will ja kein Aufsehen erregen, aber einen Moment lang habe ich erwogen, die nächste Stufe einzuschalten.
Nun ja. Glück gehabt. Die Hunde.

Wenn mir früher jemand gesagt hätte, dass ich hier und heute auf dem Gelände eines Museums stehe und auf eine Frau warte, die ich noch nie gesehen habe, hätte ich mir nur an die Stirn getippt. Aber damals hat sich auch keiner vorstellen können, dass die Menschheit jemals die Ehre mit einer außerirdischen Spezies haben würde. Nicht ganz freiwillig natürlich, nein, man hat die Erde besetzt, als unser Klima endgültig ruiniert war und es gerade anfing, so richtig ungemütlich zu werden.
Plötzlich waren sie überall. Die Echsen. Entschuldigung, die Lacertaner. Raumfahrende Echsen. Von einem Planeten aus dem Sternbild Lacerta, das liegt neben dem Schwan. Mit einer Technologie, die der hiesigen so weit überlegen ist, dass wir uns vorkamen, als hätten wir bisher mit Lego gespielt. Haben uns den Strom abgeschaltet. Einfach so. Dauerhaft. Und dann mussten sie gar nicht lange warten, bis die ersten Regierungen und Großkonzerne unbedingt ihre allerbesten Freunde werden wollten. Der Rest ist Geschichte, und sie war, wie wir alle wissen, anfangs nicht sonderlich erfreulich.

Ich war zwölf, als sie kamen, und zwanzig, als sie mich mitnahmen. Jetzt bin ich siebenundzwanzig und immer noch dabei. Natürlich hatten wir eine irrsinnig schlechte Presse, Kollaborateure, Verräter, »Hängt sie höher«, all das. Wir waren nämlich gar nicht so wenige, die gern mitgegangen sind. Meist Übergebliebene wie ich und jung. Aufbruch zu neuen Ufern! The sky is (not) the limit!
Die Realität ist nüchterner. Ich arbeite in der interspeziären Verständigung, erkläre den Lacertanern unsere Welt und warum wir das tun, was wir tun. Liebe, Sex, das ganze Ding ist zum Beispiel ein Konzept, das ihnen fremd ist, denn sie sehen nicht nur ziemlich wie Eidechsen aus, nur halt auf zwei Beinen, sie kennen auch keine Partnerschaft, sie binden sich nicht. Sie legen jährlich Eier, wenn überhaupt. Die Befruchtung ist ein unromantischer Akt, der rein der Fortpflanzung dient.

Vor einiger Zeit haben sie beschlossen, mich zu belohnen, jedenfalls hoffe ich, dass es nett gemeint ist. Das zwischenmenschliche Angebot auf Lacerta ist sehr, ähm, übersichtlich, und ich habe aus meinem Frust keinen Hehl gemacht. Sie haben eine große Datenbank mit Menschendaten gescannt und nach Kriterien durchgesiebt, die ich nur zum Teil beeinflussen konnte, und mir dann erklärt, sie hätten DIE Frau für mich gefunden. Die Frau, mit der ich einen Score von 98 Punkten erreiche. 98 von 100. Diese Frau ist quasi ich. Will ich das? Ebenso sehr, wie ich eine Scheißangst davor habe, ehrlich gesagt. Denn wenn ich in diesem Leben überhaupt eine Familie gründen möchte, wird es so langsam Zeit. Nicht nur für ein paar mehr oder weniger vergnügliche Akte.

Deshalb also bin ich hier, in diesem Park, und starre aus dem getarnten Blechtopf, der ein komplexes Miniraumschiff ist – wovon ich null verstehe, ich kann gerade mal die Kindergartenversion bedienen –, auf diese hochkünstlerischen Stahlbögen und eine Baumreihe. Weil eine mir bestimmte Frau in ein paar Stunden hier spazieren gehen wird und ich sie ansprechen werde. Als Jugendlicher hätte ich übrigens gedacht, dass die runde Öffnung wie ein Dimensionstor aussieht, aber inzwischen weiß ich es besser. Wenn man ein Dimensionstor erkennt, ist es zu spät – ich bin nicht zum ersten Mal zwischen Lacerta und der Erde unterwegs.
Ob mir der Popo auf Grundeis geht? Und wie.

»Zielsubjekt im Radius!«, wiederholt der Blechtopf. Irgendwas läuft hier schief, die Echsentechnik irrt sich nie. Ich checke das, vertiefe mich in die Anzeige auf der Konsole und sehe jetzt, dass ein menschlicher Punkt in unmittelbarer Nähe ist und vom Museum her weitere folgen. Raus kann ich aber nicht sofort, ich brauche ein paar Minuten Vorlaufzeit, um den Blechtopf zu verlassen, und mache schon mal die Bildaufzeichnung scharf.

Als der Punkt wenig später in mein Gesichtsfeld stürmt, bekomme ich einen Schock.

Sie ist ein Kind! Ein kleiner Wirbelwind in Rosa mit Locken! Heilige Scheiße, die Frau meines Lebens ist noch ein Kind! Was haben sich diese blöden Echsen denn dabei gedacht?

Gar nichts vermutlich. So viel zu den Ergebnissen meiner interspeziären Arbeit, verdammt.
Ich mache einen letzten Check, um mich zu vergewissern.
»Computer, Datum und Uhrzeit!«
»Es ist jetzt 16:04 Uhr Irish Standard Time am Mittwoch, den 9. August 2017.«
WAS? Das ist nicht möglich.
»Computer, wiederhole!«
»Es ist jetzt 16:04 Uhr Irish Standard Time am Mittwoch, den 9. August 2017.«

Oh-oh! Ich lasse mich in den Sessel fallen, mir wird richtig komisch. 2017 war ich sieben! Der Hüpfer durch das Dimensionstor hat mich zwanzig Jahre in die Vergangenheit geschickt? Wie konnte das denn passieren? Ich schaue an meinem Körper hinunter. Siebenundzwanzig, sicher nicht jünger. Und jetzt? Die Echsen kommen 2022. Ich bin der Einzige, der weiß, was in fünf Jahren mit der Welt geschehen wird?!

»Nein!«, brülle ich voller Verzweiflung und haue mit aller Kraft auf den großen, roten Knopf am Rand der Konsole, der mich nach Lacerta zurückbringen soll, wenn meine Mission erfüllt ist.
Der Blechtopf beginnt zu summen und leicht zu rütteln.
Das Brummen steigert sich – und bricht dann jäh ab. Es wird still.
Die Aussicht aus meinem Fenster ändert sich nicht, und das Kind ist auch weg.

Ich glaube, jetzt bin ich endgültig ganz schön am Arsch.

 

Bernar Venet, 217.5° Arc x 12, IMMA, Dublin
Quelle und Copyright: Myriade

 

Gerne bin ich auch im Januar Myriades Einladung zu ihrer Impulswerkstatt gefolgt, auch wenn ich gefühlt Ewigkeiten gebraucht habe, bis sich der Nebel in meinem Kopf zu einem Text geklärt hatte.

Es wird wenige von euch wundern, dass ich versucht habe herauszufinden, was hier eigentlich zu sehen ist (ohne direkt nachzufragen, macht mehr Spaß). Ich möchte solche Infos haben, um zu sehen, was davon ich verwenden kann – als Ergebnis davon steht der Blechtopf jetzt da, wo er steht, und Myriade darf erklären, wie sie an Fotos aus der Raumschiffkamera kommt 😉

Der Künstler, der diese Bögen erschaffen hat, heißt Bernar Venet, das Werk trägt den Titel „217.5° Arc x 12“ und steht/stand auf dem Gelände des Irish Museum of Modern Art in Dublin. Hier ist ein Link zum IMMA, und wer sich wie ich über Himmelsrichtungen und genaue Lage klarwerden möchte, findet hinter diesem Link die Ansicht per Google Streetview vom Juli 2018.

Meine erste Assoziation zum Bild war „Dimensionstor“, danach wurde es bisschen bunter. Nein, es gibt keine Fortsetzung. Nein, ich habe keine Ahnung, wieso/ob die unfehlbare Technik versagt hat, ob das Absicht war oder, oder … 😉

Bin sehr gespannt auf eure Eindrücke.