Adventüden 2021 22-12 | 365tageasatzaday

22.12. – Der Doppelgänger | Adventüden

Nachdem der Regionalzug dem Wetter zum Opfer gefallen war, hatte er gehofft, mit einer Kombination aus Bussen doch noch rechtzeitig zum Kartoffelsalat bei seinen Eltern anzukommen. Die ersten zwei Busse hatte er gut erreicht, doch nun stand er voller Sehnsucht auf ein warmes Zuhause im Nirgendwo. Der Bus hatte schon 30 Minuten Verspätung, aber ohne Handyempfang und mit einem graffitiverschmierten Fahrplan wusste er nicht, ob überhaupt noch ein Bus fahren würde.

Überraschenderweise sah er durch das Sturmwolkenblau des Weihnachtshimmels und den Schneeregen jemanden die Straße entlangkommen, die im Glitzer der Eiskristalle fast magisch aussah. Der Fremde schlüpfte in die notdürftige Geborgenheit des Wartehäuschens, stellte seine altmodische Aktentasche ab und pustete sich die Hände warm.

Er sah den Fremden an. Dieser drehte plötzlich den Kopf und erwiderte den Blick.

»Bevor Sie vor lauter Starren und Nachdenken Kopfschmerzen bekommen: Nein, ich bin es nicht. Ich bin nur ein Doppelgänger«, sagte er mit tiefer Stimme durch seinen falschen weißen Bart.

Er nickte.

Eine Zeit lang standen die beiden still nebeneinander, während der Wind eine Partitur der Einsamkeit pfiff.

»Wissen Sie, ob hier heute noch ein Bus kommt?«, fragte er den Fremden.

Der Fremde zögerte, griff in seine Tasche und zog etwas hervor. »’nen Marzipan-Keks?«

Er stutzte, aber griff dann zu. Wie gerne hätte er jetzt einen heißen Kaffee dazu gehabt, doch in seinem Rucksack befand sich nur eine Dose Pfirsich-Eistee.

Ein Duft von Bratäpfeln zog in seine Nase. Er sah sich erneut um, doch er war allein. Da erblickte er ein paar Scheinwerferaugen, die sich durch den Schneeregen kämpften. Gerettet, dachte er und betrachtete den Fleck, auf dem gerade noch der Fremde gestanden hatte. Dort lag ein kleiner lächelnder Weihnachtsmann als Weihnachtsschmuck für einen Christbaum. Er hob ihn auf.

»Danke, Doppelgänger«, sagte er und stieg in den Bus.


Autor*in: Christian                         Blog: Wortverdreher

 

Adventüden 2021 22-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2021 14-12 | 365tageasatzaday

14.12. – Auf der Bank | Adventüden

Der Mann verstorben, die Kinder im Ausland – Elisabeth zog mit ihrem vierzehnjährigen Zwergpudel aus dem zu groß gewordenen Eigenheim in eine Zweizimmerwohnung stadteinwärts, nahe einem Park. Sie schätzte die Freundlichkeiten mit Gassigängern oder anderen Personen, denen man wiederholt begegnete.

Im Oktober waren die Parkbänke kaum noch besetzt, außer einer. Vormittags saß dort ein Herr, stets ordentlich gekleidet, wie Elisabeth es nannte, die Hände ruhig auf einer Aktentasche, nicht einmal die Daumen kreisten umeinander.

Dafür kreisten Elisabeths Gedanken um ihn.

Bald würden ihn die nasskalten Monate von der Bank vertreiben. Der jüngste Wetterbericht hatte schon irgendwo Schneeregen angekündigt. Darum buk Elisabeth: Spritzgebäck, an den Enden in Schokolade getaucht, paarweise mit Marmelade zusammengefügt, in eine Vorratsdose gelegt, in Geschenkpapier mit Schleife verpackt und mit Weihnachtskarte anbei in ein Postpäckchen verwandelt, adressiert an die in Kanada lebende Tochter.

Weil der Zwergpudel am nächsten Vormittag ständig um Elisabeths Beine herumtänzelte, sah Elisabeths Stolpern vor der Bank mit dem gewissen Herrn täuschend echt aus. Sie dankte freundlich für die gereichte Hand und setzte sich ebenfalls auf die Bank, um alles Zubodengefallene zu ordnen und »spontan« den Schaden im Paket zu besehen.

»Linzer Stangen«, sagte sie und bot die offene Dose an. »Nehmen Sie nur, diese reisen ohnehin nicht mehr nach Kanada.«

Der Herr stellte sich als Erwin, pensionierter und verwitweter Musiklehrer, vor und fragte, was es mit Kanada auf sich habe. Elisabeth erzählte von ihrem Alleinsein, dann gestand Erwin, dass er seine Vormittage auf der Parkbank oder im Café verbringe, um weniger zu Hause zu sein. An Weihnachten mochte er gar nicht denken.

Nach kurzem Schweigen äußerte Elisabeth: »Dass sich Kartoffelsalat für eine Person nicht lohnt, das ist richtig schade.«

Als sie sich mit einer Verabredung für Erwins Café verabschiedeten, dachte jeder für sich, dass es mit dem Kartoffelsalat vielleicht noch etwas werden könnte.


Autor*in: Heide                              Blog: Puzzle❀

 

Adventüden 2021 14-12 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2021 13-12 | 365tageasatzaday

13.12. – Ein unerwartetes Treffen im Park | Adventüden

Schneeregen seit Tagen. Feuchtkalt. Unangenehm. Graue Stadtschluchten. Beton und Glas. Zeugen des Mehrs.
Sie läuft. Pflügt Schneisen zwischen die Entgegenkommenden. Läuft davon. Allem. Allen. Flieht – auch vor sich selbst.
Das Außen verändert sich. Gibt den Blick nach oben frei. Sturmwolkenblau türmt sich über ihr. Die Häuser werden kleiner. Tannenkränze an Haustüren. Lichterketten. Kerzenflackern, Weihnachtsschmuck und Glitzer hinter Fenstern. Klebrige Geborgenheit. Die Partitur des Advents. Fehlt nur noch Bratapfelduft.
Es schüttelt sie. Weiter, weiter! Gleich kommt ihr Park. Schwarz-grünes Locken. Abrupt bleibt sie stehen. Ihre Bank ist besetzt.

»Ich habe auf dich gewartet«, sagt die Frau.
Sie zuckt zusammen. »Wer bist du? Eine Nebelkrähe?«
Die Frau lächelt. »Ich bin Sophia. Komm, setz dich.«

Sie will die Bank für sich allein. Will nicht hinsitzen. Sitzt plötzlich doch.

»Was willst du?« Sie sieht die Frau an. Entdeckt tiefe Falten, blaue Augen, Stupsnase, Erdbeermund und lange weiße Haare unter einer Rotkäppchen-Mütze.
Die Frau lächelt sie an. »Ich hab deine Sehnsucht gehört. Deshalb bin ich hier.«
Sie guckt. »Meine Sehnsucht?« Hohn tropft aus jedem Buchstaben.
Die Alte bleibt ganz ruhig. »Ja, deine Sehnsucht.«

Schweigen. Mit einem Mal hält die Alte etwas in der Hand.
»Da, mein Geschenk für dich. Halte es. Hege es. So, als wäre es dein wertvollster Besitz. Nimm und versteh.«

Sie hält das Geschenk in der Hand. Sieht nichts als Zeitungspapier. Als sie den Kopf hebt, ist die Alte verschwunden.
Jetzt wird sie neugierig. Sie steht auf. Lässt Schneeregen und Sturmwolkenblau hinter sich. Geht nach Hause. Stellt das Geschenk auf den Tisch.
»Soll ich oder nicht?« Sie gibt sich einen Ruck. Löst das Papier.

Grüne Blätter. Fünf Knospen. Eine weiße Blüte. Mitten ins Ich-mag-nicht-mehr-Grau der Einbruch des Lebens. Da löst sich etwas in ihr. Sie beginnt zu weinen.

Viel später entdeckt sie das Kärtchen im Blumentopf.
»Lass die Hoffnung knospen!«

Sie lächelt.


Autor*in: Judith                              Blog: Mutigerleben.de

 

Adventüden 2021 13-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Von Begegnungen und Folgen

Begegnung

So viele schöne Pfirsiche sind,
In die niemand beißt.

Die Gier kann auch ein verschämtes Kind
Sein. Was du nicht weißt.
Ohne Lüge kann ich mancherlei
Dir sagen, klänge dir wie Gold.
Doch zeigte ich mein Wahrstes ganz frei,
Wärest du mir nicht mehr hold.

Mädchen versäume dich nicht
Und hüte dich vor List!
Ich aber träume dich,
Wie du gar nicht bist.

(Joachim Ringelnatz, Begegnung, aus: Gedichte dreier Jahre, 1932, Online-Quelle)

Begegnung

Das süße Lächeln starb dir im Gesicht,
Und meine Lippen zuckten wie im Fieber;
Doch schwiegen sie – auch grüßten wir uns nicht,
Wir sahn uns an und gingen uns vorüber.

(Theodor Storm, Begegnung, in: Gedichte II aus: Gedichte – Nachlese, Online-Quelle)

Die arme Frau

Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter?
Du lieber Gott, da seid mir still!
Ein Don Juan? Ein braver, schlichter
Bourgeois – wie Gott ihn haben will.

Da steht in seinen schmalen Büchern,
wieviele Frauen er geküßt;
von seidenen Haaren, seidenen Tüchern,
Begehren, Kitzel, Brunst, Gelüst …

Liebwerte Schwestern, laßt die Briefe,
den anonymen Veilchenstrauß!
Es könnt ihn stören, wenn er schliefe.
Denn meist ruht sich der Dicke aus.

Und faul und fett und so gefräßig
ist er und immer indigniert,
Und dabei gluckert er unmäßig
vom Rotwein, den er temperiert.

Ich sah euch wilder und erpichter
von Tag zu Tag – ach! laßt das sein!
Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter?
In Büchern ja.
Im Leben: nein.

(Kurt Tucholsky, Die arme Frau, aus: Mit 5 PS, 1928, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay (Dresden)

 

Ja, auch zu Adventüden-Zeiten gibt es die Montagsgedichte. Ich versuche, einen Aspekt der jeweiligen Etüde aufzugreifen und hoffe, es gelingt …

Kommt gesund und einigermaßen heil in und durch die neue Woche!

 

Begegnung

Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.

(Guy de Maupassant, Quelle)

Mir fällt nichts ein, wie ich diesen Satz noch verbessern könnte. Ergänzen würde ich, dass ich mir wünsche, dass wieder mehr der Mensch im Vordergrund steht, und nicht seine Zweckmäßigkeit. „Human Resources“ – das hört sich für mich zynisch an.

Na schön, eine Stimme mehr, die ruft: Der Mensch zählt. Meine. Haken dran.

Heute einen fotokopierten Zettel an einer Kasse in einem Laden in einem großen Einkaufszentrum gesehen, wo zu Kleider-, Sach- und Zeitspenden für Flüchtlinge aufgerufen wird. Es wird mehr, ich finde das großartig. Mal sehen, was ich weggeben kann.

 

Begegnung – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

 

Gedanke zum „Wir“

Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.

(Guy de Maupassant)

Momentaufnahme. Wieder mal überrascht festgestellt, wie leicht ich durch das Wörtchen „wir“ verführbar bin. Nun ist das ja an und für sich nichts Schlimmes. Aber die Assoziationen, die mich sofort ansprangen, nämlich das Alleinsein und die sofort aufwallende Sehnsucht nach dem Gegenüber, Teilen-Können, Teilen-Wollen, Vertrautheit, Lachen, Spaß, Geborgenheit, die mach(t)en mir das Herz schwer.

„Mach doch einfach“, raunt die Stimme in mein Ohr. Und ich folge …

 

Begegnung – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay