Glück, ein unglückloser Zustand

Irgendwas ist immer. Diesen Stoßseufzer, den ich mir eigentlich als positives und nur maximal leicht resigniertes Blogmotto und Schreibaufforderung (an mich) auserkoren habe, kann man natürlich auch als Aufforderung zum Bruddeln (wie die Schwaben das nennen, wenn ich das richtig verstanden habe, hier nachlesen, großartig) nehmen: Irgendwas passt schließlich immer nicht.

Nun bin ich ganz sicher nicht die Richtige, irgendwas Endgültiges darüber zu sagen, wie Schwaben etwas meinen. Und dass mit Fremden anders gesprochen wird als mit Einheimischen ist eh klar, das handhabt jeder Landstrich so. Noch dazu bin ich mentalitätsmäßig eindeutig norddeutsch und nicht mal „reigschmeckt“.
Wenn aber die einzige erlaubte Äußerung eine Form von Kritik ist, da man nämlich nicht laut lobt („Nix gschwäddzd isch gnuag globd“ = „Kein Kommentar ist Lob genug“), dann zerbreche ich mir über die dahinterstehende Mentalität allerdings den Kopf. Im Ländle soll das ein überaus verbreiteter Ausspruch sein! Wie soll mensch aber dann Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten oder sogar Stolz auf eigenes Können entwickeln, wenn der Standard (!) ist, dass an allem mehr oder weniger ausführlich herumgekrittelt wird? Jeder, der das während seiner Erziehung verinnerlicht hat, muss doch quasi bei jedem „Hey, toll!“ denken, dass der andere ihn zuschleimt, oder sehe ich da was falsch?

Bescheidenheit ist ganz sicher eine Zier. Aber wenn man nie ein Gefühl dafür entwickeln durfte, was das, was man tut, wert ist, dann hat man keine innere Basis für Bescheidenheit, dann ist man einfach nur abhängig davon, dass jemand nichts sagt und gnädig nickt. Muss ich ausformulieren, dass ich finde, dass sich das scheiße (Adjektiv laut Duden, man lernt nie aus) anfühlt? Und jetzt habe ich solche Reizworte wie „Motivation“ oder „Managementtechnik“ noch nicht mal gebraucht. Wenn man also nicht lobt, dann ist es kein Wunder, dass der Schwabe (außerhalb Schwabens selbstverständlich  ;-) ) in dem Ruf steht, gern sein Missfallen kundzutun („bruddeln“).

Kurt Tucholsky war alles, aber kein Schwabe. Interessanterweise sind aber auch die Berliner dafür bekannt, an allem etwas auszusetzen zu haben. Und auch wenn das eine sehr wackelige Brücke ist, über die ich da gehe, möchte ich doch zum Anfang zurück: „Etwas ist immer.
Diesen Ausspruch hat nämlich Tucholsky feinsinnig und spitzzüngig bekannt gemacht. „Arthur Schopenhauer hat ja das Glück als den unglücklosen Zustand definiert und damit das Malheur als das Primäre angesehen. […] Unser Apparat ist viel zu groß. Kein Wunder, wenn immer irgendein Rad zerbrochen ist, eine Kette schleift, eine Schraube quietscht. Mit dem Aufwand, den wir heute treiben, eine lange Reise zu tun, haben die Griechen früher ihre kleinen Kriege absolviert, und Ruhe geben wir nie. […] Etwas ist immer. Es hat nie eine treffendere Redensart gegeben“ (aus: Die Redensart. Peter Panter, Die Weltbühne, 14.06.1923, Nr. 24, S. 701. Ganzen Text lesen.).

Das Ganze in Gedichtform (ebenfalls von Herrn Tucholsky) gefällig? Bitteschön.

 

Ja, das möchste!

 

Aber, wie das so ist hienieden:

manchmal scheints so, als sei es beschieden

nur pöapö, das irdische Glück.

Immer fehlt dir irgendein Stück.

Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;

hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –

hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:

bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

 

Etwas ist immer.

 

(aus: Das Ideal. Theobald Tiger, Berliner Illustrirte Zeitung, 31.07.1927, Nr. 31, S. 1256. Ganzes Gedicht lesen.)

 

Wer das nun alles nicht möchte, dem sei obiges Gedicht zum Anhören wärmstens ans Herz gelegt, in einer Aufnahme mit dem unvergleichlichen Harry Rowohlt, gegen den nun wirklich aber auch gar nichts gesagt werden kann, außer, dass er leider schon tot ist.
Irgendwas ist eben immer.

 

 

 

Kartenhaus – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

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