Adventüden 2021 29-11 | 365tageasatzaday

29.11. – Trau, schau, wem … | Adventüden

»Ich steh mit beiden Beinen fest im Glitzer«, sagte ich und sah auf die traurig-braune Aktentasche in seiner Hand. Irgendwie passten wir nicht zusammen, fand ich, aber dieser Mann war offenbar der Meinung, ich wäre seine Traumfrau. Ich, Mia Glitz, wie meine Freunde mich nannten. Er neben mir, das war in etwa wie Kartoffelsalat neben pinkem Weihnachtsschmuck. Das eine ist traditionell und gutbürgerlich, das andere ist schön und schreit: »Schau mich an!« Auf dem Foto in der Dating-App hatte er ganz anders ausgesehen, hatte er vielleicht einen Doppelgänger? Ich sah mich suchend um, ob irgendwo derselbe Typ mit verwuscheltem Haar und Dreitagebart rumstand.

Er fragte: »Stimmt etwas nicht?«
»Auf dem Foto hast du völlig anders ausgesehen!«, bekannte ich rundheraus.

Er wurde rot und stammelte irgendetwas.

»Was hast du gesagt?«
»Das ist mein Bruder«, antwortete er daraufhin etwas lauter und verständlich.

Ich war sprachlos. »Du stellst ein Foto von deinem Bruder in dein Profil?« Ich schüttelte den Kopf und trank einen großen Schluck Prosecco, in der Hoffnung, dass das half. »Das heißt«, fuhr ich fort, »ich bin eigentlich mit deinem Bruder verabredet.« Er nippte aus Verzweiflung an seinem Eistee und ich überlegte: Das sollte dir schon zu denken geben, Mia. Ein Typ, der sich mit dir auf dem Weihnachtsmarkt verabredet und Eistee aus dem mitgebrachten Tetrapak trinkt.

»Von der Mittagspause übrig«, hatte er mir erklärt.

Mia Glitz, so groß kann deine Sehnsucht nach Kuscheln unterm Weihnachtsbaum gar nicht sein. Außerdem hat er ja schon beim Profilfoto gelogen, wie soll das denn weitergehen, fragte ich mich.

»Also, ich muss dann mal«, sagte ich knapp, drehte mich um, rempelte den Nebenmann an, hatte ein Glas Glühwein auf der Jacke, und als ich eben loskreischen wollte, sah ich, wem ich gegenüberstand. Da stand der Bruder und grinste mich an.


Autor*in: Carmen           Blog: Wortwabe

 

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Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.