Aufruf! Balladenwochenende: Die Brück‘ am Tay

Balladen sind, kurz erklärt, Romanhandlungen in einem Gedicht zusammengefasst. Das macht das Gedicht in der Regel länger, jawohl, und zumindest wenn es eine klassische Ballade ist, macht es das Gedicht auch gereimt, auf jeden Fall gibt es so etwas wie ein Versmaß. Und meist ist es dramatisch (was sehr oft wörtliche Rede bedeutet), womit es dann erstens (hoffentlich) nicht langweilig ist und zweitens gleich drei Literaturgattungen vereint: Lyrik, Epik, Drama.

Klingt eigentlich ganz nett? Ist es auch. Wäre es noch viel mehr, wenn nicht ungezählte Schüler/innen in ungezählten Jahrgängen damit geplagt worden wären, eines dieser Trümmer auswendig lernen und aufsagen zu müssen. Ich hatte auch diese Sorte Lehrer, die einem alles versauen können. Bei mir haben sie es nicht geschafft, aber wenn ich Balladen nicht vorher schon gekannt und geliebt hätte, wäre es knapp geworden. Ich vermute mal, ihr habt da eigene Geschichten.

Daher und auch, weil es ein grau-weißer, kalter, stürmischer Freitag der 13. im Winter ist und ich finde, dass wir alle „Lieder vor dem Ofen zu singen“ brauchen und singen sollten, damit die Welt bunt bleibt, mein Aufruf an euch: Macht mit beim Balladenwochenende! Füllt drei Tage lang eure Blogs mit Balladen! Postet eure Lieblingsballaden bei euch, stoßt ein Fenster in andere Welten auf, erzählt, warum ihr diese Ballade besonders liebt oder hasst oder was euch mit ihr verbindet! Ich freue mich, wenn mein Bildchen benutzt wird und/oder ihr hierher verlinkt, aber das steht euch natürlich völlig frei.

 

Blog goes Ballade | 365tageasatzadayQuelle: Bild Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Meine Freitags-Ballade, die mich damals unglaublich beeindruckt hat, basiert auf einem wahren Vorfall.

 

Theodor Fontane: Die Brück‘ am Tay (Quelle)

(28. Dezember 1879)
When shall we three meet again?
Macbeth

»Wann treffen wir drei wieder zusamm?«
»Um die siebente Stund‘, am Brückendamm.«
»Am Mittelpfeiler.«
»Ich lösche die Flamm.«
»Ich mit.«

»Ich komme vom Norden her.«
»Und ich vom Süden.«
»Und ich vom Meer.«

»Hei, das gibt einen Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.«

»Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund’?«
»Ei, der muß mit.«
»Muß mit.«

»Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand!«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus —
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu,
Sehen und warten, ob nicht ein Licht
Übers Wasser hin »Ich komme« spricht,
»Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
Ich, der Edinburger Zug.«

Und der Brückner jetzt: »Ich seh’ einen Schein
Am anderen Ufer. Das muß er sein.
Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,
Unser Johnie kommt und will seinen Baum,
Und was noch am Baume von Lichtern ist,
Zünd’ alles an wie zum heiligen Christ,
Der will heuer zweimal mit uns sein, —
Und in elf Minuten ist er herein.«

Und es war der Zug. Am Süderturm
Keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,
Und Johnie spricht: »Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
Die bleiben Sieger in solchem Kampf.
Und wie’s auch rast und ringt und rennt,
Wir kriegen es unter, das Element.

Und unser Stolz ist unsre Brück’;
Ich lache, denk’ ich an früher zurück,
An all den Jammer und all die Not
Mit dem elend alten Schifferboot;
Wie manche liebe Christfestnacht
Hab’ ich im Fährhaus zugebracht
Und sah unsrer Fenster lichten Schein
Und zählte und konnte nicht drüben sein.«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus —
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut’ ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu;
Denn wütender wurde der Winde Spiel,
Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel’,
Erglüht es in niederschießender Pracht
Überm Wasser unten… Und wieder ist Nacht.

»Wann treffen wir drei wieder zusamm?«
»Um Mitternacht, am Bergeskamm.«
»Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.«

»Ich komme.«
»Ich mit.«
»Ich nenn’ euch die Zahl.«
»Und ich die Namen.«

»Und ich die Qual.«
»Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«
»Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand.«

 

Weshalb ich diese Ballade niemals völlig vergessen werde, hat mehrere Gründe. Das Unglück, über das Fontane berichtet, hat es wirklich gegeben, Fontane spricht „vom Einsturz der Firth-of-Tay-Brücke in Schottland am 28. Dezember 1879, der mit einem Eisenbahnzug 75 Menschen in den Tod riss. Die Firth-of-Tay-Brücke war 1871–1878 unter enormem Aufwand erbaut worden und bereits eineinhalb Jahre nach ihrer Eröffnung im Sturm zusammengebrochen“ (Quelle: Wikipedia, seht euch die Bilder an, ich zumindest war damals schon fassungslos).

Ferner ist diesem Gedicht ein Zitat aus Shakespeares „Macbeth“ vorangestellt. Ich will hier überhaupt keine Diskussion über Shakespeare vom Zaun brechen, seine Werke sind (mit anderen) das Fundament, auf dem die moderne Geistesgeschichte steht. Meine Erinnerung an Macbeth ist eine Off-Topic-Erinnerung an den Englischunterricht der Oberstufe, als wir das Teil ungelogen mindestens ein Jahr durchgekaut und alles, wirklich alles, durchdiskutiert haben. (Wir haben uns, trotz der Orson-Welles-Verfilmung, teilweise rechtschaffen gelangweilt. Der Parallelkurs hatte mit „Romeo und Julia“ mehr Glück.) Und drittens geht es um das Wirken von Hexen.

Ich habe schon immer ein Faible für Hexen gehabt. Ich fand es meist doof, wie sie in den Märchen wegkamen, ich hatte immer das Gefühl, dass da mehr dahintersteckte, als man mir erzählte. Auch Fontane benutzt Hexen hier nur scheinbar als Sündenböcke, in Wirklichkeit kritisiert er die Industrialisierung, die Fortschritts- und Technikgläubigkeit der Menschen, die glauben, die Macht der Naturgewalten (hier symbolisiert durch die Hexen, siehe Macbeth) bezwungen zu haben. Kommt mir als Thema heute immer noch sehr vertraut vor.

Und schließlich gibt es da noch Terry Pratchetts Eingangsszene zu „MacBest“.

Wind heulte. Blitze stachen ziellos herab, wie ein ungeschickter Mörder. Donner rollte über das dunkle, regengepeitschte Land. […] Mitten im elementaren Stürmen, neben tropfnassen Stechginsterbüschen, glühte Feuerschein wie Tollheit im Auge eines Wiesels. Das flackernde Licht fiel auf drei Gestalten. Es blubberte im nahen Kessel, und eine unheimliche Stimme kreischte: Wann soll’n wir drei uns wiedersehen?“
Eine kurze Pause folgte.
Schließlich erwiderte eine andere und weitaus normaler klingende Stimme: „Tja, ich hätte nächsten Dienstag Zeit.“

Willkommen auf der Scheibenwelt! Wer jetzt bildlich sehen möchte, worauf Terry Pratchett sich bezieht, klicke hier, dies ist die Eingangsszene von Macbeth in der grandiosen Verfilmung mit Orson Welles.

Reicht das? Das reicht. Also, ich freue mich darauf, eure liebsten Balladen zu lesen.

Und last but not least gibt es nach so viel Shakespeare noch ein Bröckchen Otto Sander zu herrlichen Bildern von William Turner.

 

 

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