Grüner Ring: Fazit

Zum Einstieg noch mal die Etappen, damit das Nachlesen nicht so umständlich ist ;-).

Etappe 1: Harburger Stadtpark, Heimfeld, Meyers Park, Moorburg
Etappe 2: Altes Land, Neuenfelde, Süderelbe, Airbus, Finkenwerder
Etappe 3: Teufelsbrück, Flottbek, Botanischer Garten, DESY, Volkspark, Stellingen
Etappe 4: Sola-Bona-Park, Stellinger Deckel, Kollauwanderweg, Niendorfer Gehege, Airport Fuhlsbüttel
Etappe 5: Alsterwanderweg, Friedhof Ohlsdorf, Bramfelder See, Osterbek, Trabrennbahn
Etappe 6: Trabrennbahn Farmsen, Tonndorf, Jenfeld, Öjendorfer Park mit Öjendorfer See, Billstedt
Etappe 7: Billstedt, Boberger Niederung mit Boberger See, Mittlerer Landweg, Eichbaumsee
Etappe 8: Eichbaumsee, Dove Elbe, Holzhafen, Kaltehofe, Entenwerder, Elbbrücken
Etappe 9: Elbbrücken, Veddel, Wilhelmsburger Dove Elbe, Windmühle Johanna, Moorwerder
Etappe 10: Moorwerder, Neuland, Neuländer See, Harburg

Achtung, viel Text im Anmarsch, holt euch besser vorher den Kaffee ;-).


Quelle: Pixabay

Was war die schönste Etappe?

Das fragen alle, und ich habe keine Antwort. Mir hat jede gefallen, ich habe auf jeder etwas gesehen, was ich so noch nicht kannte und so nicht erwartet hätte. Hamburg ist schön!
Welche Etappe ich jemandem empfehlen würde? Nummer 8, die erste der beiden Wasser-Etappen vom Eichbaumsee zu den Elbbrücken, wenn der*diejenige wasseraffin ist. Sonst die durchs Alte Land (2), sogar mit dem großen Umweg, ich fand sie toll. Beide Etappen auch wegen der Einkehrmöglichkeit am Ende (Entenwerder und die Finkenwerder Eisdiele!). Ich würde jede Etappe ein zweites Mal gehen, aber okay, es gab spektakulärere und unspektakulärere Etappen.


Grüner Ring Hamburg 2022, meine Etappe 2 | 365tageasatzaday
Foto: Süderelbe Nähe Airbus, Etappe 2

Würdest du so eine Tour in Etappen noch mal machen?

Der Hamburger Grüne Ring war mein erstes Experiment in Richtung Etappen-Tour, vorher bin ich meist Rundwege gelaufen. Meine Headline war, ihn in Etappen von circa zehn Kilometer Länge einzuteilen, was gut geklappt hat, wenn auch die Erreichbarkeit der Bushaltestellen mit den Öffis nicht optimal ist. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich ursprünglich davon ausgegangen bin, allein zu laufen (meine Mitwanderin ist zwei oder drei Tage vor Start aufgesprungen), und dann wäre ich auch samstags unterwegs gewesen, was gerade für Busfahrpläne viel bedeutet. Und ja, ohne das 9-Euro-Ticket hätte ich die Idee nicht angepackt, denn Hamburg liegt bei den Öffi-Preisen sehr weit vorn. Heißt also, praktisch werde ich wohl nicht mehr so bald ein Etappen-Experiment angehen können – oder ich muss es auf völlig andere Füße stellen. Fernwanderwege interessieren mich schon.

Grundsätzlich sind solche Touren ja alles andere als kreativ, und das stört mich, da ist ein Kompromiss einzugehen. Es sind zwei grundlegend unterschiedliche Dinge, allein durch die Pampa zu streifen oder eine Route zu verfolgen. Aber das Ding ist ja nicht, dass ich das Abenteuer nicht zu schätzen wüsste, einfach vom Weg abzukommen und dort zu bleiben und zu schauen, wie ich zurechtkomme und wo ich rauskomme. Da bin ich entspannt. Die Realität ist, dass ich schlecht beurteilen kann, wie belastbar ich bin, und es mir, krass gesagt, nicht leisten kann, ein paar Tage auszufallen, nur weil ich mich überschätzt und mir eine Verletzung zugezogen habe, weil mein Fitnesslevel nicht doll ist. Soll heißen, mal eben fünf oder mehr nicht kalkulierte Kilometer mehr oder weniger sind zum Beispiel bei mir ein Problem für die Füße, und ich bin nicht überzeugt, dass da mehr Übung auch mehr hilft. Ja, das klingt nicht sehr cool. Ist es auch nicht. Aber so ist das mit Theorie und Praxis, die ist für alle bisschen unterschiedlich, und für mich bedeutet das, dass ich, speziell wenn ich allein unterwegs bin, zum Beispiel erst dann einfach drauflos laufe, wenn ich die Gegend einigermaßen kenne. Also wird man mich vorerst wohl überwiegend weiterhin auf geplanten/gebahnten Wegen antreffen, es sei denn, ich gehe zum Deichtreten.


Grüner Ring Hamburg 2022, meine Etappe 4 | 365tageasatzaday
Foto: Im Niendorfer Gehege, Etappe 4

Was war gut, was war schlecht, was sollte man anders angehen?

Ich kann detailversessen sein, was Vorbereitung angeht, und hierbei habe ich es ziemlich auf die Spitze getrieben, auch wenn mich mein Fehler mit Etappe 2 immer noch fuchst. Ich hatte das Netz nach Berichten durchsucht, da ich gedacht hatte, dass es Blogger geben MUSS, die den Ring komplett gelaufen sind und darüber auch berichtet haben: Nein, nicht in so epischer Breite wie ich (ich habe den Verdacht, dass sich viele stark an den Stichworten auf hamburg.de, äh, orientiert haben), aber es gibt Radfahrer, die dazu was ins Netz gestellt haben. Ich hatte mir passable Karten auf dem Handy gespeichert, wenn ich kein Netz haben sollte, und habe mich ansonsten auf den Track konzentriert, den ich mir in Gugl Maps geladen hatte. Außerdem hatten wir die heruntergeladenen Karten auch als Kartensatz dabei. Gugl Maps konnte mich tatsächlich das eine oder andere Mal nicht/schlecht lokalisieren, aber es war nie ein ernsthaftes Problem – das mit Etappe 2 war ein Fehler in der Downloaddatei, mein Fehler bestand darin, diesen Track nicht gegen die anderen Materialien gecheckt zu haben und vor Ort zu unflexibel gewesen zu sein, der Beschilderung zu folgen. Tja. Mit einem Wort, man hätte es vermeiden können ;-). Auf der anderen Seite waren/sind wir stolz wie die Schneekönige, diese Strecke (bei bester Laune) geschafft zu haben, und ich habe meine Belastungsgrenzen damit deutlich verschoben, auch wenn ich die ganze Woche danach noch meine Beine/Füße gemerkt habe.

Was vorher unbekannt war, war die allgemeine Qualität der Beschilderung der Route, und die war mit wenigen Ausnahmen sehr gut, ganz anders als auf herkömmlichen Wanderwegen. Die weiße 11 auf grünem Grund klebte in hoher Frequenz an fast allem, von Mülleimern in Parks bis an Straßenschildern, und ich habe sehr viel seltener Gugl zu Hilfe gerufen, als ich erwartet habe.

Ach so: Ja, man läuft durch Stadtgebiet, aber das heißt nicht, dass auf jeder Etappe sozusagen das Catering gewährleistet ist. Klar, an Bahnstationen gibt es Kaffee und Keks, aber auf dem Weg ist es eher Glückssache, speziell sonntags. Auf einer schlauen Outdoor-Seite habe ich gelesen, dass man für zehn Kilometer Weg einen Liter Wasser einrechnen solle, und da es noch dazu nicht eben kühl war, habe ich mich sehr daran gehalten, ebenso wie an meine Erkenntnis, immer was zu essen und ein paar schnelle Kohlenhydrate (Zucker) dabeizuhaben.

Alles easy also? Ja, organisatorisch ja, ich wusste, dass ich einiges eher vernachlässigen konnte, das Einzige, was Stress verursacht hat, waren die Unwägbarkeiten der Öffis, aber irgendwas ist ja immer.


Neue Elbbrücken | Grüner Ring Hamburg 2022, meine Etappe 9 | 365tageasatzaday
Foto: Neue Elbbrücken Richtung stadtauswärts, Etappe 9

Worin liegt für dich der Reiz des Wanderns/Gehens? Was motiviert dich?

Wenn ich diese Frage ehrlich beantworten will, muss ich etwas einräumen, womit man in Social-Media-Kreisen eher keine Punkte macht. Ich bin relativ unsportlich, ich habe einen Job, bei dem ich den ganzen Tag sitze, noch dazu im Homeoffice, ich esse gern und ich bin nicht mehr jung. Ist das gesund? Nicht in der Kombination, nicht wirklich. Muss ich was tun, rein körperlich gesehen? Dringend. Ich hasse Joggen und jegliche Form von Turnübungen auf dem Wohnzimmerboden wie die Pest (egal, wie schick der*die Coachperson im Video aussieht), aber als Kind/Jugendliche bin ich stundenlang begeistert über die Felder gewandert (und gerannt), auf Bäume geklettert, habe Drachen steigen lassen, Unterstände im Wald gebaut und in Wiesen Frösche gefangen … diese Dinge. Ob ich mir nun heute sage, dass ich vernünftig sein und mich mehr bewegen muss oder in China der berühmte Sack Reis umfällt, bleibt sich ziemlich gleich, ihr werdet das kennen. Aber dieses leichtfüßige, magere Kind, das sich draußen freier als sonst wo fühlte, das stundenlang in sich versunken schaukeln und sich draußen vergessen konnte, das sitzt mir auf der Schulter und flüstert mir ins Ohr.

Also ist meine Antwort, dass ich versuche, mir Terrain zurückzuerobern, das ich im Laufe der Jahre aufgegeben habe, und zwar mit jedem verdammten Schritt, mit dem alles anfängt. Auch ich bin längst nicht mehr frei von gesundheitlichen Problemen und die Coronazeit hat mir nicht nur Hüftspeck beschert. Der Rest ist Ausprobieren, wie man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden kann, denn wenn ich den ganzen Tag ein Display angestarrt habe, will ich mich eigentlich bewegen, so weit bin ich inzwischen, auch wenn ich es nicht jeden Tag hinkriege.


Wilhelmsburger Dove-Elbe | Grüner Ring Hamburg 2022, meine Etappe 9 | 365tageasatzaday
Foto: Wilhelmsburger Dove Elbe, Etappe 9

Allein oder nicht?

Es hat beides Vorteile und hängt auch davon ab, was für ein Typ man selbst ist. Zu mehreren ist man weniger allein, um es mal auf diesen simplen Nenner zu bringen, was gut ist, wenn man sich z. B. über den einzuschlagenden Weg etc. unsicher ist, weil man eh keine Orientierung hat, oder wenn man sichergehen will, dass einer da ist, falls was passiert, siehe oben. Wer mit Freunden unterwegs ist, weiß auch, ob das Dampfplauderer sind, die alles kommentieren müssen (und ob man sie an dem Tag dafür lieber erwürgen möchte), und kann seine Begleitung danach auswählen. Das weiß man bei einer fremden Gruppe nicht. Und natürlich kann man sich auch wunderbar und tief unterhalten, denn Natur macht was mit einem, wenn man sich berühren lässt.

Allein zu wandern bedeutet, dass man im Schweigen unterwegs ist und idealerweise auch Stille erlebt, wenn man nicht ständig jemandem begegnet. Natürlich erlebt man damit alles ganz anders als in einer Gruppe, kann sich alles nach den eigenen Wünschen gestalten und einteilen (Route, Gehtempo, Pausen), ist mit sich und seinen Gedanken allein, kann sich für die umgebende Natur inklusive Menschen öffnen oder einfach nur blind daherstapfen und Probleme wälzen, kann viel mehr dem Herzen folgen. Allein zu gehen ist eine höchst individuelle Sache, immer, und auch da liegen Himmel und Hölle eng beieinander. Und ja, das geht auch in der Stadt, auf derartigen Wegen wie dem Grünen Ring.

Naturbegegnungen sind eine Frage der persönlichen Aufmerksamkeit und Einstellung und des individuellen Tempos. Ich werde in den Grünzonen der Großstadt nicht die gleiche »Natur« vorfinden wie in meinen geliebten Harburger Bergen, es gibt Unterschiede zwischen Stadtlandschaft und Kulturlandschaften und Naturlandschaft, wobei man sich fragen kann, wo die Landschaft wirklich noch vom Menschen unberührt ist. Praktisch halte ich das für eine Frage der Ansprüche und was davon realisierbar ist. Wer »unberührte Natur« erleben will, ist auf dem Grünen Ring sicher falsch. Wer bereit ist, sich an dem zu erfreuen und sich auf das einzulassen, was sich zeigt, kann immer Schätze mit nach Hause nehmen.


Kaltehofe | Grüner Ring Hamburg 2022, meine Etappe 8 | 365tageasatzaday
Foto: Schieberhäuschen auf der Kaltehofe, Kraftwerk Tiefstack, Etappe 8

Ressourcen

Wer sich selbst auf den Grünen Ring begeben möchte, ist bei hamburg.de gut aufgehoben, was Materialien angeht. Man findet hinter diesem Link auf hamburg.de die Karten zum Downloaden – nach unten scrollen zu »Tourenvorschläge als PDF«, die enthalten die Karten. Übrigens gibt es den Kartensatz kostenlos zum Mitnehmen in den Öffentlichen Bücherhallen.

Noch weiter unten auf derselben Seite steht der Link zur Gesamtkarte als PDF.

Und schließlich gibt es auf dieser Seite bei hamburg.de die Möglichkeit, sich die digitalen Daten für den Grünen Ring für Navigationsgeräte herunterzuladen: Hier klicken. Wer wissen möchte, wie man diese Daten zum Beispiel in Gugl Maps bekommt, ist mit diesem Artikel auf draussenlust.de gut bedient: GPX-Datei in Google Maps importieren, da habe ich es her.

Richtig klasse finde ich die »Zweiter Grüner Ring«-Seite von veloroute.hamburg (hier klicken), da ist jemand 2021 mit einer Helmkamera den gesamten Grünen Ring abgefahren und hat das ins Netz gestellt. Danke dafür! Nach Etappe 2 habe ich doch häufiger dort vorbeigeschaut, um bösen Überraschungen vorzubeugen 😉

Was die leidigen Etappenan- und -heimfahrten betrifft, bin ich (für die 9-Euro-Ticket-Monate) signifikant öfter als sonst mit den Öffis gefahren und mochte es. Die Situationen, wo ich in volle bis überfüllte Busse oder S-Bahnen geraten bin, waren die üblichen Verdächtigen: Großveranstaltungen, Baustellen und Störungen, speziell jetzt im Sommer wird natürlich viel gebaut und repariert, und dass Busse im Stau stehen, weil es durch hohes Verkehrsaufkommen Staus gibt, ist auch kein Wunder. Meine Bahnen waren überwiegend sehr pünktlich, die oft geschmähte S-Bahn nach Harburg hell und sauber, wenn auch die Maskendisziplin mehr und mehr zu wünschen übrig ließ – der HVV fordert nach wie vor FFP2-Masken, kontrolliert aber kaum in Bahnen, dafür mehr in Bussen.
Würde ich öfter die Öffis nutzen, wenn die Preise sinken würden, dieses 29-Euro-Ticket, das gerade in Gesprächen herumgeistert? Ja, ich wäre dabei, vor allem, wenn ich kein Abo nehmen müsste. Übrigens soll der Ersatzverkehr wegen der beschädigten Elbbrücke die Pest sein, habe ich vorhin gehört, da geht offenbar einiges nicht so, wie es soll.


Richtung Süden | S-Bahn-Station Elbbrücken | 365tageasatzaday
Foto: S-Bahn-Station Elbbrücken, Richtung Süden

Das Fazit meiner Mitwanderin

Nach ihrer Meinung befragt bekam ich eine WhatsApp, deren Inhalt ich hier ohne Emojis zitieren möchte:

  1. Wandern macht Freude, trotz anfänglicher Schwierigkeiten: zu wenig Magnesium usw. Die Beweglichkeit kommt zurück und die Ausdauer – herrlich.
  2. Das Gebiet (Hamburg) aus dieser vielfältigen, facettenreichen Perspektive ganz neu erleben zu können.
  3. Durch Gebiete/Bereiche zu gehen, wo ich noch nie war und sie auch nicht kannte.
  4. Das Entzücken, dass das Hamburger Land so schön, grün und teilweise fast kitschig »märchenhaft« anmutet. Ein Geschenk!

Grüner Ring 2022, meine Etappe 1 | 365tageasatzaday
Foto: Zwei Wanderer, Etappe 1

Würde ich den Grünen Ring empfehlen? Würde ich ihn noch mal gehen?

Ja in beiden Fällen, wenn das mit dem Hin- und Zurückkommen zu und von den Etappen befriedigend geklärt werden könnte. Im Herbst/Winter sieht es dort bestimmt sehr anders aus, auch die Qualität der Wege dürfte eine andere sein, da rechne ich dann durchaus mit Matschecken: ein völlig anderes Wandererlebnis, und das direkt vor meiner Haustür ;-). Und auch meine Mitwanderin hat sich diesbezüglich ähnlich geäußert.


Grüner Ring Hamburg 2022, meine Etappe 3 | 365tageasatzaday
Foto: Hafenansicht, Fähre, Etappe 3

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Grüner Ring: Neunte Etappe

Sonntagmorgen, 9:30 Uhr, ich wandere bei strahlendem Sonnenschein mit der kleinen Kamera durch die U- und S-Bahn-Station Elbbrücken auf der Suche nach den schönsten Perspektiven. Und derer gibt es so einige, wie ich dann festgestellt habe (Foto), viel mehr, als ich in diesem Rahmen zeigen möchte (aber bitte hier gucken!). Als meine Mitwanderin eintrifft, begeben wir uns gleich auf die Strecke (Foto). Links das ist übrigens die Autobahn (A 255).

Ich kann nicht sagen, wie oft ich schon über die Elbbrücken mit dem Auto gefahren bin, aber GELAUFEN bin ich dort noch nie. Die Stadtansichten sind schon ziemlich einmalig: Seht ihr den Michelturm? Seht ihr den ICE, der freundlicherweise dekorativ über die Freihafenelbbrücke schwebte, als ich fotografieren wollte? (Foto) Manchmal passt alles …



Wir kamen auf die Veddel, prompt wurde die Beschilderung schlechter und ich musste Herrn Gugl befragen, wo entlang wir mussten. Unter anderem an einer Straße namens »Passierzettel« (Foto) vorbei, die ihren Namen wirklich daher hat, dass dort »… im 19. Jahrhundert Auswanderer zum letzten Mal ihre Papiere zeigen [mussten], um dann endgültig auf das Schiff zu kommen, das sie nach Amerika bringen sollte« (Wikipedia). Wie das mit Kiezen so ist, bei manchen hat man das Gefühl, das man sie uneingeladen betritt, so ging es mir, bis wir die S-Bahn-Station Veddel einerseits und das Auswanderermuseum BallinStadt andererseits hinter uns gelassen hatten. (Ach so, BallinStadt: Meiner Meinung nach lohnt sich das nicht, es sei denn, ihr habt Kids dabei, dann vielleicht.) Wir auf jeden Fall ließen die Bebauung hinter uns und begrüßten freudig einen Kleingarten (»Hoffnung v. 1931« – manchmal fragt man sich, was für Geschichten hinter Namen stehen) (Foto). Auch wenn es plötzlich wieder weiße Weg-Elfer in Hülle und Fülle gab, es war dennoch laut. Man hört entweder die Stadtautobahn A 255 oder die Wilhelmsburger Reichsstraße (B 75) oder beide, trotz Lärmschutzwand. Ich wusste, dass an der Reichsstraße Fahrradwege entlanglaufen, dass ich sie mal zu Fuß überqueren würde, hätte ich vor diesem Wanderprojekt auch nicht gedacht. Tja, Wandern bildet (Foto). Und rechts neben uns dann kurz auch noch die S-Bahn-Trasse (Foto): Großstadtfeeling, da half auch das schönste Plakat am nächsten Kleingartenverein nichts.



Fairerweise muss ich sagen, dass uns besagte Großstadt schon nach wenigen Hundert Metern wieder verzauberte: Wir erreichten die Wilhelmsburger Dove Elbe (Foto), und alles dort war so idyllisch, dass es schon beinahe nach Kitsch-Alarm stank. In Bäumen hingen Schaukeln (Foto), es gab frei zugängliche Anleger, Ruderboote/Kajaks/Kanus waren auf dem Wasser, deren Insassen sich lautstark unterhielten. Und auch die Immobilien auf der anderen Seite, sehr gediegen (Foto).

Damit ich es nicht wieder vergesse: Unsere Geschwindigkeit nahm nicht nur deswegen ab, weil ich gefühlt ständig fotografieren wollte (Foto), ich musste auch ständig Brombeeren naschen, die Sträucher hingen voll. Waren die an der Wilhelmsburger Dove Elbe oft noch relativ sauer, änderte sich das später sehr. Wir wanderten also ziemlich glückselig die Hövelpromenade entlang, bis wir über ein schmales Brücklein die Seiten wechseln durften und so die ganze Pracht von oben bestaunen konnten (Foto).

Und dann erreichten wir als absolute Krönung eine echte Windmühle: die Wilhelmsburger Windmühle, nach ihrer letzten Müllerin »Johanna« genannt (mehr lesen auf der Website des Wilhelmsburger Windmühlenvereins). Der Galerieholländer (Foto) wurde 1875 errichtet und war bis 1960 in Betrieb als Kornmühle, bekannt ist an dieser Stelle eine Mühle seit 1585. Zu »Johanna« gehört seit 2013 auch wieder ein Backhaus (gegenüber), in dem fleißig gewerkelt wurde, als wir ankamen, aber alles befand sich noch in der Produktion und auch das Mühlencafé würde leider erst in zwei Stunden öffnen. In dem Fall: Hätten wir das gewusst, schlechte Planung. So wollten wir nämlich schon weit weg sein, denn der am Morgen strahlend blaue Himmel hatte begonnen, Wolken zu produzieren. Wir packten also unsere Stullen aus und rasteten, bevor wir weiterzogen (Foto). Ich kann mich erinnern, dass ich die Mühle mit dem Auto mal wie blöd gesucht (und nicht gefunden) habe. Haken dran, erledigt.



Der Jenerseitedeich, der uns dann aufnahm (und mich mit jeder Menge unglaublich wohlschmeckender Brombeeren) (Foto) versorgte, führt wohl durch die sogenannte »Kulturlandschaft Wilhelmsburger Osten«. Der Tour-Guide sagt dazu: »Der ländliche Teil der Elbinsel Wilhelmsburg ist geprägt durch Gartenbau, Feuchtgrünländereien und dörfliches Zusammenleben. Entlang der Elbdeiche stehen alte, sehenswerte Bauernhäuser« (Quelle). DAS allerdings kann ich lebhaft bestätigen, auch wenn ich die wieder mal nicht fotografiert habe, sondern euch mit Blick über die Felder (Foto) und in den Gemüsegarten (Foto) tröste. Die Hochhäuser ganz hinten gehören übrigens zu Kirchdorf-Süd, einer »Großwohnsiedlung« im Süden von Wilhelmsburg (Foto). Ja, eine andere Welt.



Schließlich erreichten wir mit dem Moorwerder Hauptdeich die Norderelbe (Foto), diesmal auf der anderen Seite, und liefen den Deich entlang nach Süden (Foto). Wären wir immer geradeaus weitergegangen, wären wir irgendwann bei der Bunthäuser Spitze herausgekommen (Hamburg hat nämlich einen Leuchtturm, und nein, ich meine nicht die Insel Neuwerk –> hier klicken), und hätten dann auch noch mal das Naturschutzgebiet Heuckenlock aufsuchen können. Aber ehrlich gesagt war ich müde, so unspektakulär das ist, es zuzugeben. Als also die angekündigte Querstraße in Sicht kam und der Grüne Ring nach Westen führte und auf die Etappenbushaltestelle (Foto) zusteuerte, war ich nicht allzu traurig, auch wenn ich/wir zuvor überlegt hatten, ob wir, da der Bus nur alle Stunde fährt, noch mal zum Heuckenlock rüberlaufen sollten, falls wir sehr ungünstig angekommen wären. Antwort: nein. Es war warm und schattenlos und der Heuckenlock noch ein ganzes Stück entfernt. Auf den Deich hätte ich mich setzen wollen, die Aussicht ließ nicht zu wünschen übrig (Foto), aber der Bus kam bald und entließ uns an der S-Bahn-Station Wilhelmsburg. Das ist die nächste Station von mir aus gesehen, verglichen mit meiner Mitwanderin war ich also schnell zu Hause und lag längst gemütlich auf der Couch, als sie ihr Ankommen meldete. Und oh, ich bin zum ersten Mal in den 3 Monaten 9-Euro-Ticket (*überleg*) in der S-Bahn in eine Fahrkartenkontrolle geraten.



Die Statistik wie immer zum Schluss. Etappenanfang: U-/S-Bahn-Haltestelle Elbbrücken, Etappenende: Bushaltestelle Stillhorner Weg. Meine Gugl-Maps-Kilometerzahl lag bei 10 Kilometer, meine Schrittzähler zeigten jedoch insgesamt 19.023 Schritte an, was gemittelt 12,7 Kilometer entsprächen. Ja, ich fand es gefühlt eine kurze Etappe, und allein wegen der Brombeeren würde ich sie noch mal gehen ;-), trotzdem bin ich allmählich froh, dass sich das Projekt dem Ende zuneigt.

Eine Etappe noch, dann haben wir Hamburg umrundet. Nächsten Sonntag, so das Wetter mitspielt, sind wir wieder unterwegs. Nachdem ich allerdings letzte Woche Petrus so sehr gelobt habe, scheint er prompt am kommenden Wochenende eine Auszeit zu nehmen: Es soll nicht rechtzeitig abkühlen, und wir halten es uns noch offen, ob wir bei 30 °C mit wenig vorhersehbarem Schatten unterwegs sein wollen.

Natürlich haben wir beide schon mal über ein Fazit unserer Runde nachgedacht. Wenn ihr aber noch Fragen/Überlegungen habt, die ihr gern beantwortet/kommentiert hättet – ich habe ja einen Extra-Beitrag dazu versprochen – dann könnt ihr sie jetzt loswerden.


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Grüner Ring: Achte Etappe

Bisher konnte ich mich über meinen neuen Freund, den HVV (Hamburger Verkehrsverbund), echt nicht beschweren. Das änderte sich letzten Sonntag, als ich gleich zweimal auf der Suche nach der Abfahrt des Busses total alt aussah: einmal an der U-/S-Bahn-Haltestelle Elbbrücken, um die herum noch weitgehend Baustelle ist, einmal an der S-Bahn-Haltestelle Rothenburgsort, wo es zurzeit wohl irgendeinen Schienenersatzverkehr gibt und alles ein bisschen … irgendwo … abfährt. Ich hätte letztere Haltestelle nicht gefunden, hätte ich nicht zufällig den richtigen Busfahrer gefragt! Im Rennen!
Ausschilderung? Null. Angaben im Internet? Ja, vorhanden und vage interpretierbar (Elbbrücken), aber nicht interpretierbar für Rothenburgsort, weil ich keine Ahnung hatte, wo ich war, weil ich von den Elbbrücken bis dahin auch nicht mit dem Bus gekommen war, den ich erwartet hätte und mich komplett ausgesetzt fühlte. Und zu allem Überdruss war der Bus, den ich ab Rothenburgsort unter Zeitdruck erwischen musste, der einzige pro Stunde, der fuhr, und den zu verpassen ist dann echt doof, wenn man zu einer bestimmten Zeit verabredet ist.
Nun. Es hat geklappt.

Wie dem auch immer sei, der Bus spuckte uns am gewünschten Etappenstart aus (Moorfleeter Deich (Ost), das ist eine der Haltestellen am Eichbaumsee, also Hamburger Südosten, ihr erinnert euch an letzte Woche?), es war noch relativ kühl und konnte sich nicht entscheiden, ob die Sonne durch die Wolken brechen würde (ja, später). Wir waren beide der Ansicht, dass das Wetter wunderbar so sei, denn heute würden wir an der Dove Elbe entlang stadteinwärts bis zu den Elbbrücken laufen, und da ist Deich und somit eher weniger Schatten angesagt. Die Dove Elbe (niederdeutsch »dov« bedeutet »taub«) ist ein vor knapp 600 Jahren abgetrennter 18 Kilometer langer Nebenarm der Unterelbe (mehr dazu bei Wikipedia und hamburg.de), der die Hamburger Marschlande durchfließt und hinter der Tatenberger Schleuse seit 1579 wieder mit der Norderelbe zusammentrifft. Sie wird als Bade- und Bootsfahrparadies beschrieben: Was man alles nicht kennt! Mir war das durchaus nicht klar, ich verbinde mit den Vier- und Marschlanden überwiegend Gemüseanbau (Reisebericht NDR).

Der offizielle Tour-Guide des Grünen Ring Hamburg (hamburg.de) beschreibt unsere Strecke so: Wasserpark Dove Elbe – Yachthafen Moorfleet – Moorfleeter Deich – Tatenberger Weg – Moorfleeter Hauptdeich – Naturschutzgebiet Holzhafen – Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe – Kaltehofe-Hauptdeich – Elbpark Entenwerder. Ich würde sagen, dass wir ab dem Eichbaumsee am Wasser entlanggelaufen sind, wo immer es ging, dann dem Verlauf des Moorfleeter Deichs sowie des Moorfleeter Hauptdeichs gefolgt sind, die Kaltehofe überquert, in Entenwerder Pause gemacht und dann die Neuen Elbbrücken überquert haben, um danach ab der U-/S-Bahn-Haltestelle Elbbrücken unseren jeweiligen Heimweg anzutreten.

War es schön? Ja, unglaublich, und auch entspannt. Yachtclubs, Motorboot-Clubs und Segelclubs und -vereine, die sich wie Perlen an einer Kette aneinanderreihen. Speziell am Anfang in der Nähe des Eichbaumsees gab es Badestellen, ansonsten war der Zugang zum Ufer meist verwehrt/gesperrt – wobei ich sagen muss, dass ich nicht gesucht habe.



Später wurde der Weg erst schmal (Foto) und führte uns dann auf den Moorfleeter Deich/Hauptdeich, was zwei ziemlich lange Straßen sind. Weniger Ausblicke zum Wasser, dafür mehr Einblicke ins »Landleben«: Pferde, Gewächshäuser (im Hintergrund verläuft die A 25), immer wieder reich bestückte Brombeerhecken (meist noch ziemlich sauer), liebevoll dekorierte Häuser bzw. Fenster (Foto, Foto, Foto, Foto).



Und Radfahrer, und zwar in rauhen Mengen, nicht nur die Wir-fahren-den-Grünen-Ring-Radfahrer, die wir ja nun kennen, sondern solche, die im Pulk mit Trikots und teilweise Carbonrädern sich laut unterhaltend an uns vorbeisausten. Okay, wir befanden uns auf einer wenig bis gar nicht befahrenen Straße, wir mussten selten an den Rand springen, es war Sonntag. Später war der Verkehr für Autos sowieso gesperrt, wir gingen auf dem Deich (Foto) und warteten darauf, den »Rasenmähern« zu begegnen (die Schafherden grasen jeweils ein Stück Deich ab, dann werden sie »versetzt« und nehmen das nächste in Angriff usw. Erkennbar ist das an den frischer werdenden, äh, Ausscheidungen, die sie hinterlassen). Ich habe nicht mitgezählt, wie oft wir dem Bus begegnet sind, mit dem wir selbst gefahren waren: einige Male (Foto).



Irgendwann unterquerten wir dann die Autobahn (A 1), auf der, welch Wunder (Sonntag, der Elbtunnel war schon wieder gesperrt), mal wieder zähfließender Verkehr herrschte. Schön, wenn einen diese Aussicht so gar nicht juckt (Foto – das Ding mit den zwei Schornsteinen ist übrigens das Heizkraftwerk Tiefstack (Artikel auf hamburg.de)). Für uns unsichtbar vereinigte sich irgendwo linker Hand die Dove Elbe mit der Norderelbe, uns interessierte aber mehr die Aussicht zur Rechten: Willkommen am Naturschutzgebiet Holzhafen (Wikipedia)! (Foto) Es wirkt in diesen Berichten vielleicht so, als ob wir immer nur im Vorbeigehen alles abnicken würden, aber dem ist nicht so, wir haben da lange gestanden und uns umgeschaut und gefreut und gestaunt. Umso mehr, als inzwischen auch auf dem Deich mehrere eng beisammen gedrängte Pulks Schafe auftauchten, denen die Passanten reichlich egal zu sein schienen und die uns überwiegend ihrer Hinteransicht würdigten – ledig einen schiefen Blick, der mir zugeworfen wurde, habe ich festgehalten (Foto).



Wirklich spektakulär fanden wir dagegen ein paar Schritte weiter den Ausblick über die Wasserbecken und Schieberhäuschen (die Türmchen!) des (stillgelegten) Elbwasser-Filtrierwerks Kaltehofe auf das Kraftwerk (Foto). Auch dazu gibt es natürlich einen höchst informativen Wikipedia-Eintrag, noch mehr lohnt sich aber das Hingehen und Anschauen. In der Villa, die früher das Hygienische Institut beherbergte (Foto), befinden sich heute ein Informationszentrum sowie ein Café, auf dessen Terrasse sich gemütlich Zeit verbringen lässt (Foto). Man kann das Gelände besichtigen, es ist zu empfehlen, nur am Sonntag stand uns der Sinn nicht danach.



Runter von der Kaltehofe, rüber nach Entenwerder (Foto). Mit Entenwerder verbinde ich hauptsächlich friedliche Stunden in dem hippen (zugegeben) Café auf dem Ponton (der Container ist ein begehbares Kunstobjekt) auf der Elbe, am Sonntagnachmittag ist es eigentlich voll, dieser war keine Ausnahme: Es wuselte (Foto). Wir fanden trotzdem noch ein Plätzchen, um für eine Stunde unsere Füße auszustrecken – und dann begann der Wind heftig damit, die Wolken zusammenzutreiben. Regen war für den späteren Nachmittag gerufen.



Wir brachen auf und marschierten strammen Schrittes auf die Elbbrücken zu, über die wie üblich die Stadtautobahn (A 255) rauschte, und unterquerten selbige bei dem großen Hotelturm. Drüben ist schon Hafencity-Gebiet, soll heißen, es ist zum Teil Brache, zum Teil Baustelle und überwiegend echt hässlich. Ich knipste noch schnell den alten, ausgebrannten Kran (endlich weiß ich, wie man dahinkommt) (Foto) und von fern die spacigen Röhren des U-/S-Bahnhofs Elbbrücken (Foto). Die Architektur lehnt sich an die Elbbrücken an, heißt es. Das ist vor einem Eingang (Foto), aber drin ist die Aussicht nicht minder spektakulär: Das ist die Linie U 4, die endet hier nämlich (Foto), soll heißen, sie dreht um. Da die S-Bahn nicht in derselben Röhre fährt wie die U-Bahn, kann man das so sagen. Als ich in Harburg im Bus saß, trafen die ersten Regentropfen die Windschutzscheibe, ich bin aber nicht wirklich nass geworden, obwohl es sich danach über Nacht einregnete.



Statistik. Etappenanfang: Bushaltestelle Moorfleeter Deich (Ost), Etappenende: U-/S-Bahn-Haltestelle Elbbrücken. Meine Gugl-Maps-Kilometerzahl lag bei 10,8 Kilometer, meine Schrittzähler zeigten jedoch insgesamt 21.217 Schritte an, was gemittelt 14,15 Kilometer entsprächen. Na schön, ich glaube nicht, dass es so weit war, aber es soll mir egal sein, Schritte sind Schritte.

Übrigens: Zwei Etappen noch, dann sind wir rum. Nächsten Sonntag, so das Wetter mitspielt, geht es auf der anderen Seite der Elbe wieder stadtauswärts (Hamburg hat im Osten weder Brücken noch Fähren, daher mussten wir jetzt bis fast in die Innenstadt zurück). Auch das wird wieder eine eher unschattige Strecke, befürchte ich. Nun ja, wir werden sehen, bisher war Petrus ja bis auf ein Mal voll auf unserer Seite. Ich freue mich jedenfalls drauf. Unverdrossen.


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