Elbspaziergang im Frühling (mit Fotos) | abc.etüden

Sie stand auf dem Deich und sah sich in alle Richtungen um. Blühende Landschaft? Na ja. Wenig mehr als haltlose Wünsche, bei aller Liebe. Okay, die Vorgärten, okay, in geschützten Ecken hatten wagemutige Magnolien tatsächlich schon Knospen angesetzt und die Forsythien blühten auch. Trotzdem: Die Hunde trugen zwar keine Mäntel mehr, Herrchen und Frauchen aber sehr wohl noch ihre Winterjacken, die Temperaturen hielten sich hartnäckig im einstelligen Bereich. Später sollte es regnen, der Wind schob jetzt schon graue Wolken heran, also war es höchste Zeit, jetzt loszustapfen. Wenn überhaupt.

Sie überlegte, ob es vielleicht ein bisschen zu viel verlangt war, sich zu wünschen, man würde im April schon einen Sonnenhut brauchen. Ganz sicher hätte es dann jemanden gegeben, der wegen eventueller Trockenheit gemeckert hätte.

Der alte Fischkutter lag wieder an seinem üblichen Platz vor Anker, sehr schön. Sie hielt die Nase in den Wind. Es war fast Flut, schätzte sie, selbst hier vor dem Hafen gab es noch mehrere Meter Tidenhub. Ha, Elbluft, dieser charakteristische Geruch, ihr Herz wurde weit. Wellen leckten an der Uferbefestigung, vor ihren Füßen blühte Huflattich, und drüben auf der anderen Flussseite, der weiße Fleck, das war mit Chance ein brütender Schwan. Fast ein Wunder, dass der durch die passierenden Radfahrer, von denen es dort bestimmt öfter welche gab, nicht gestört wurde. Sie folgte den vorbeifliegenden Gänsen – den Schreien nach waren es Graugänse gewesen – mit dem Blick stromaufwärts und sah die Fähre den Fluss überqueren. Der Anleger war ein Ort, wo sich Biker aller Couleur massiert trafen, auch weil die dort angesiedelten Imbissbuden inzwischen garantiert wieder geöffnet hatten.

Sie setzte sich Richtung Fähre in Bewegung. Wenn sie wieder an ihrem Auto eintreffen würde, hatte sie sich das Stück Torte aus dem Hofladen, das sie auf der Rückfahrt zu kaufen gedachte, redlich verdient. Sie lächelte zufrieden.

 

abc.etüden 2021 14+15 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 14/15.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler und von mir mit meinem Blog Irgendwas ist immer. Sie lauten: Sonnenhut, haltlos, massieren.

Das ist momentan so was wie meine Standardrunde, wenn ich zum Deichtreten gehe. Meistens bin ich dann dort irgendwo unterwegs, schätzungsweise zwischen Elbkilometer 599 und 604 😉

 

Quelle: ichmeinerselbst | Anklicken macht groß!