Du machst mich traurig – hör

Du machst mich traurig – hör
(Hans Adalbert)

Bin so müde.
Alle Nächte trag ich auf dem Rücken
Auch deine Nacht,
Die du so schwer umträumst.

Hast du mich lieb?
Ich blies dir arge Wolken von der Stirn
Und tat ihr blau.

Was tust du mir in meiner Todesstunde?

(Else Lasker-Schüler, 1917, Quelle)

 

 

(Zum Innehalten. Kein spezieller Anlass. Oder zu viele.
Einfach nur … so.)

 

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Hoher Einsatz | abc.etüden

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier und kenne doch keine Note. Sie sei eben ein Versager, sagte ihre Mutter, und leider so ganz anders als ihr Bruder. Es steht im Dunkel der Kellertür, seitdem die Welt verrohte. Ihr Gesicht war dagegen schon ziemlich milchweiß, um nicht zu sagen käsig, wie ihr ein Blick in den Toilettenspiegel bescheinigte. Zerbrochen ist die Klaviatür … ich beweine die blaue Tote. Ach, nicht wirklich, aber ihr Arm war jedenfalls inzwischen rostrot, rostrot wie der Fluss aus Blut, der ihn bedeckte, und tat saumäßig weh.

„Komm da raus, ich weiß doch genau, dass du das nur gemacht hast, damit du nicht üben musst“, hörte sie ihre Mutter herumschreien. Sie taumelte beim Aufstehen und befürchtete einen Moment, dass sie das mit dem Schneiden vielleicht doch ein bisschen übertrieben hatte. Wenn ihre Mutter auch kein Blut sehen konnte, würden sie beide gleich umkippen.
Womit ihre Pianistinnenkarriere und dieser widerliche Klavierlehrer bestimmt endgültig Geschichte wären.

———-

Sollte sich jemand fragen, was ich da zitiere (kursiv): Else Lasker-Schüler, Mein blaues Klavier, aus dem gleichnamigen Gedichtband (Quelle).

 

abc.etueden schreibeinladung 13.17 1 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Für die abc.etüden des Herrn lz: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von dergl (Fädenrisse) und lauten: Rost, milchweiß und Fluss.

 

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Was tust du mir – Sonntag, 30. November 2014

Bin so müde.
Alle Nächte trag ich auf dem Rücken
Auch Deine Nacht
Die du so schwer umträumst.

Hast du mich lieb?
Ich blies dir arge Wolken von der Stirn
Und tat ihr blau.

Was tust du mir in meiner Todesstunde?

(Else Lasker-Schüler)

 

Bei saetzeundschaetze gefunden und spontan verliebt. Aber eigentlich fast mehr in die wunderschöne Umsetzung (Video und die Musik) als in den Text, und das, obwohl die Rilke- und Hesse-Projekte viel bekannter sind … Demzufolge auch bei mir der Hinweis auf das zugehörige Projekt und meine Begeisterung für dessen Umsetzung.

 

Mia gibt es (noch) auf YouTube:

 

Gruß von Herrn Freud – Donnerstag, 23. Oktober 2014

Ich will in das Grenzenlose | Zu mir zurück.

(Else Lasker-Schüler, Weltflucht)

 

Eines der angeblich unbekannteren Gedichte von Else Lasker-Schüler ist „Weltflucht“, das mit obigen Zeilen beginnt. Auch wenn ich dazu neige, mir Zeilen aus Gedichten rauszupicken und mir darauf meinen eigenen Reim zu machen, muss ich doch gestehen, dass mir Sätze wie: O, ich sterbe unter Euch! | Da Ihr mich erstickt mit Euch. viel zu pathetisch und abgehoben sind, wenn sie sich nicht auf eine konkrete Situation beziehen.

Allerdings musste ich, als ich über diese Aussage nachzudenken begann, feststellen, dass ich seit Jahren der festen (irrigen) Meinung war, das Gedicht begänne mit: Ich will das Grenzenlose in mir zurück. Das ist für mich ein derartiger (entlarvender, wichtiger) Unterschied, dass ich mich immer noch frage, wie mir das passieren kann – bei meinem textversessenen Hirn überaus ungewöhnlich. Und daher Gruß an Freud, hier hat mich ein Freudscher erwischt.

Ich will das Grenzenlose in mir zurück. Ja. Ja. Damit mag ich leben.

 

milchstraße sternenhimmel – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

Himmel – Freitag, 17. Oktober 2014

Ich ziehe deshalb den Herbst dem Frühjahr vor, weil das Auge im Herbst den Himmel, im Frühjahr aber die Erde sucht.

(Søren Kierkegaard)

 

Ich meine das vielleicht nicht so wie Kierkegaard, aber ich kenne das Gefühl, ihr auch? Im Herbst, beim Spazierengehen über die offenen Felder, habe ich immer das Gefühl einer Richtung nach oben, es zieht mich sozusagen weg, mit. Drachensteigen, Zugvögel (Immer möcht ich auffliegen, | mit den Zugvögeln fort;), Sturm, schnelle Wolken – egal. Vermutlich ist das ein Grund, weshalb ich die Küste so mag, gerade dann, wenn es karger wird.

Im Frühling ist alles anders, inwärtiger, wie er schreibt, zu Boden gerichteter. Da feiere ich in jedem Schneeglöckchen, Huflattich oder Krokus, in jeder Tulpe oder Weidenkätzchen das Wieder-Sichtbarwerden des Jahreskreislaufs.

Aber jetzt ist Herbst. Ich freue mich auf Wolken, Wind – und Regen. Bunt atmen mit den Winden | In der großen Luft. (beides aus „Ein Lied“ von Else Lasker-Schüler).

 

drachen himmel – 365tageasatzdayQuelle: Pixabay

Donnerstag, 28. August 2014

Immer möcht ich auffliegen,
Mit den Zugvögeln fort;

Bunt atmen mit den Winden
In der großen Luft.

(aus: Else Lasker-Schüler, Ein Lied)

 

Ich liebe Gedichte, und ich kann mir auch ziemlich leicht Texte merken. Also überrascht es mich nicht, dass mir zu meinen Stimmungen oft eine Zeile einfällt. Mit diesem Satz im Kopf bin ich heute Morgen jedenfalls aus dem Bett gestiegen. Für alle die, die jetzt zuerst das gesamte Gedicht lesen, NEIN, ich bin nicht traurig, im Gegenteil, jedenfalls nicht heute.

Ich glaube, das sind so Spätsommer-/Frühherbstgefühle, diese „Das Jahr neigt sich“-Anklänge. Eigentlich mag ich diese Stimmung, diese leichte Wehmut, diese Sehnsucht, sehr gern. Und ja, wenn ich ein Vöglein wär, würde ich gern über Herbstlandschaften kreisen.