Von Meer und Sehnsucht

Die singende Muschel

Als Kind sang eine Muschel
mir das Meer.
Ich konnte träumelang
an ihrem kühlen Munde lauschen.

Und meine Sehnsucht wuchs
und blühte schwer,
und stellte Wünsche und Gestalten
in das ferne Rauschen.

(Franziska Stoecklin, Die singende Muschel, aus: Die singende Muschel, 1925, Online-Quelle)

Meine Sehnsucht …

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,
Löst vom Strande sich im Abendrot.

Deine Sehnsucht ist ein weißer Schwan,
Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

Einmal finden auf der blauen Flut
Sich die beiden. Dann ist alles gut …

(Ernst Goll (Wikipedia), Meine Sehnsucht …, aus: Im bitteren Menschenland: Das gesammelte Werk, 1914, 2012, Online-Quelle)

Nur dich

Der Himmel trägt im Wolkengürtel
Den gebogenen Mond.

Unter dem Sichelbild
Will ich in deiner Hand ruhn.

Immer muß ich wie der Sturmwill,
Bin ein Meer ohne Strand.

Aber seit du meine Muscheln suchst,
Leuchtet mein Herz.

Das liegt auf meinem Grund
Verzaubert.

Vielleicht ist mein Herz die Welt
Pocht –

Und sucht nur noch dich –
Wie soll ich dich rufen?

(Else Lasker-Schüler, Nur dich, aus: Gesammelte Gedichte, 1917, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Off topic ist der aktuelle Adventüdenstand: Bisher haben mich 6 Etüden erreicht. Vielen Dank!

Die Tatsache, dass ich zu der Unwetterkatastrophe schweige, bedeutet nicht, dass sie mich nicht berührt. Eher im Gegenteil. Ich bin fassungs- und sprachlos.

Kommt gut und wohlbehalten in und durch die neue Woche!

 

Von der Welt und dem Schmerz

Einst kniete ein Mensch vor dir nieder

Einst kniete ein Mensch vor dir nieder.
Aus seinen Augen flogen schwarze klagende Vögel,
Umzogen dich flehend mit ihren Liedern.
Du gingst vorüber.

(Max Dauthendey, Einst kniete ein Mensch vor dir nieder, aus: Reliquien, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 118)

XXIV.

Ich unglücksel’ger Atlas! eine Welt,
Die ganze Welt der Schmerzen muß ich tragen,
Ich trage Unerträgliches, und brechen
Will mir das Herz im Leibe.

Du stolzes Herz! du hast es ja gewollt,
Du wolltest glücklich seyn, unendlich glücklich
Oder unendlich elend, stolzes Herz,
Und jetzo bist du elend.

(Heinrich Heine, Ich unglücksel’ger Atlas, aus: Die Heimkehr, in: Das Buch der Lieder, 1827, Online-Quelle)

Weltflucht

Ich will in das Grenzenlose
Zu mir zurück,
Schon blüht die Herbstzeitlose
Meiner Seele,
Vielleicht ists schon zu spät zurück.
O, ich sterbe unter euch!
Da ihr mich erstickt mit euch.
Fäden möchte ich um mich ziehen
Wirrwarr endend!
Beirrend,
Euch verwirrend,
Zu entfliehn
Meinwärts.

(Else Lasker-Schüler, Weltflucht, aus: Gesammelte Gedichte, 1917, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer, kommt gut und heil durch die neue Woche! 😉

Nein, das ist nichts Akutes, obwohl ich vermute, dass viele von euch das ebenfalls kennen …

Ich hatte letzte Woche den Heine bei Bernd (hier klicken) entdeckt, der mich sehr angesprungen hat, und fand dann einen Tag später bei Sandra von Siebenthal in ihrem sehr lesenswerten #abcdeslesens einen Text über Else Lasker-Schüler (hier klicken), und in meinem Kopf stellte sich prompt eine Verbindung her. Else Lasker-Schüler ist sowieso sehr speziell, ich dachte, vielleicht mögt ihr sie ja …

 

Tag 29 | 30 Days Book Challenge

 

29 Ein Gedicht, das Du magst

Heimspiel! Dies ist nicht nur der Etüden-Blog (in Sommerpause), seit März 2017 gibt es hier auch das/die Montagsgedicht(e). Ich hab da also echt die Qual der Wahl. 😉

Und da sie vergangenen Montag zugunsten von Musik ausgefallen sind, greife ich doch mal in die Vollen und bewerfe euch zuerst mit Rilke.

 

(X)

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt –

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.

(Rainer Maria Rilke, Wunderliches Wort, aus: Aus dem Nachlaß des Grafen C. W., Erste Reihe, X., Ende Nov. 1920, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 116, Online-Quelle)

 

Dazu habe ich euch eine Rarität auf YT aufgetrieben: die Vertonung von Laith al-Deen.

 

 

 

Zugabe? Bitte schön. Diesmal wird es gefühlvoll.

 

Du machst mich traurig – hör
(Hans Adalbert)

Bin so müde.
Alle Nächte trag ich auf dem Rücken
Auch deine Nacht,
Die du so schwer umträumst.

Hast du mich lieb?
Ich blies dir arge Wolken von der Stirn
Und tat ihr blau.

Was tust du mir in meiner Todesstunde?

(Else Lasker-Schüler, Du machst mich traurig – hör, 1917, aus: Gesammelte Gedichte, Online-Quelle)

 

Auch dazu gibt es eine absolut wunderbare und zarte Vertonung, und zwar von Mieze (MIA).

 

 

 

Tag 29 | 30 Days Book Challenge | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Mein Dank verfolgt unverdrossen Ulrike von Blaupause7, von der die Aufgaben für diese Challenge stammen und die auch eine Teilnehmerliste führt.

 

Off topic: Adventüden (hier klicken): 7 bereits erhalten, 16 weitere Zusagen. Sehr schön! Weiter so!

 

Vom Meer und dem Du

 

Du bist mein Land

Du bist mein Land,
ich deine Flut,
die sehnend dich ummeeret;
du bist der Strand,
dazu mein Blut
ohn Ende wiederkehret.

An dich geschmiegt,
mein Spiegel wiegt
das Licht der tausend Sterne;
und leise rollt
dein Muschelgold
in meine Meergrundferne.

(Christian Morgenstern, Du bist mein Land, aus: Und aber ründet sich ein Kranz, 1902, Online-Quelle)

 

Nur dich

Der Himmel trägt im Wolkengürtel
Den gebogenen Mond.

Unter dem Sichelbild
Will ich in deiner Hand ruhn.

Immer muß ich wie der Sturm will,
Bin ein Meer ohne Strand.
Aber seit du meine Muscheln suchst,
Leuchtet mein Herz.

Das liegt auf meinem Grund
Verzaubert.

Vielleicht ist mein Herz die Welt
Pocht –

Und sucht nur noch dich –
Wie soll ich dich rufen?

(Else Lasker-Schüler, Nur dich, aus: Gesammelte Gedichte, 1917, Online-Quelle)

 

Lied vom Meer

Capri. Piccola Marina

Uraltes Wehn vom Meer,
Meerwind bei Nacht:
du kommst zu keinem her;
wenn einer wacht,
so muß er sehn, wie er
dich übersteht:
uraltes Wehn vom Meer
welches weht
nur wie für Ur-Gestein,
lauter Raum
reißend von weit herein…

O wie fühlt dich ein
treibender Feigenbaum
oben im Mondschein.

(Rainer Maria Rilke, Lied vom Meer, Der neuen Gedichte anderer Teil, 1918, Online-Quelle)

 

Sonnenuntergang mit Mondsichel über dem Meer | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ich bin ja davon überzeugt, dass jede*r so was wie sein „inneres Meer“ hat. Ich jedenfalls habe gerade Sehnsucht nach meinem.

Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Du machst mich traurig – hör

Du machst mich traurig – hör
(Hans Adalbert)

Bin so müde.
Alle Nächte trag ich auf dem Rücken
Auch deine Nacht,
Die du so schwer umträumst.

Hast du mich lieb?
Ich blies dir arge Wolken von der Stirn
Und tat ihr blau.

Was tust du mir in meiner Todesstunde?

(Else Lasker-Schüler, 1917, Quelle)

 

 

(Zum Innehalten. Kein spezieller Anlass. Oder zu viele.
Einfach nur … so.)

 

Hoher Einsatz | abc.etüden

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier und kenne doch keine Note. Sie sei eben ein Versager, sagte ihre Mutter, und leider so ganz anders als ihr Bruder. Es steht im Dunkel der Kellertür, seitdem die Welt verrohte. Ihr Gesicht war dagegen schon ziemlich milchweiß, um nicht zu sagen käsig, wie ihr ein Blick in den Toilettenspiegel bescheinigte. Zerbrochen ist die Klaviatür … ich beweine die blaue Tote. Ach, nicht wirklich, aber ihr Arm war jedenfalls inzwischen rostrot, rostrot wie der Fluss aus Blut, der ihn bedeckte, und tat saumäßig weh.

„Komm da raus, ich weiß doch genau, dass du das nur gemacht hast, damit du nicht üben musst“, hörte sie ihre Mutter herumschreien. Sie taumelte beim Aufstehen und befürchtete einen Moment, dass sie das mit dem Schneiden vielleicht doch ein bisschen übertrieben hatte. Wenn ihre Mutter auch kein Blut sehen konnte, würden sie beide gleich umkippen.
Womit ihre Pianistinnenkarriere und dieser widerliche Klavierlehrer bestimmt endgültig Geschichte wären.

———-

Sollte sich jemand fragen, was ich da zitiere (kursiv): Else Lasker-Schüler, Mein blaues Klavier, aus dem gleichnamigen Gedichtband (Quelle).

 

abc.etueden schreibeinladung 13.17 1 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Für die abc.etüden des Herrn lz: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von dergl (Fädenrisse) und lauten: Rost, milchweiß und Fluss.

 

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Was tust du mir – Sonntag, 30. November 2014

Bin so müde.
Alle Nächte trag ich auf dem Rücken
Auch Deine Nacht
Die du so schwer umträumst.

Hast du mich lieb?
Ich blies dir arge Wolken von der Stirn
Und tat ihr blau.

Was tust du mir in meiner Todesstunde?

(Else Lasker-Schüler)

 

Bei saetzeundschaetze gefunden und spontan verliebt. Aber eigentlich fast mehr in die wunderschöne Umsetzung (Video und die Musik) als in den Text, und das, obwohl die Rilke- und Hesse-Projekte viel bekannter sind … Demzufolge auch bei mir der Hinweis auf das zugehörige Projekt und meine Begeisterung für dessen Umsetzung.

 

Mia gibt es (noch) auf YouTube:

 

Gruß von Herrn Freud – Donnerstag, 23. Oktober 2014

Ich will in das Grenzenlose | Zu mir zurück.

(Else Lasker-Schüler, Weltflucht)

 

Eines der angeblich unbekannteren Gedichte von Else Lasker-Schüler ist „Weltflucht“, das mit obigen Zeilen beginnt. Auch wenn ich dazu neige, mir Zeilen aus Gedichten rauszupicken und mir darauf meinen eigenen Reim zu machen, muss ich doch gestehen, dass mir Sätze wie: O, ich sterbe unter Euch! | Da Ihr mich erstickt mit Euch. viel zu pathetisch und abgehoben sind, wenn sie sich nicht auf eine konkrete Situation beziehen.

Allerdings musste ich, als ich über diese Aussage nachzudenken begann, feststellen, dass ich seit Jahren der festen (irrigen) Meinung war, das Gedicht begänne mit: Ich will das Grenzenlose in mir zurück. Das ist für mich ein derartiger (entlarvender, wichtiger) Unterschied, dass ich mich immer noch frage, wie mir das passieren kann – bei meinem textversessenen Hirn überaus ungewöhnlich. Und daher Gruß an Freud, hier hat mich ein Freudscher erwischt.

Ich will das Grenzenlose in mir zurück. Ja. Ja. Damit mag ich leben.

 

milchstraße sternenhimmel – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

Himmel – Freitag, 17. Oktober 2014

Ich ziehe deshalb den Herbst dem Frühjahr vor, weil das Auge im Herbst den Himmel, im Frühjahr aber die Erde sucht.

(Søren Kierkegaard)

 

Ich meine das vielleicht nicht so wie Kierkegaard, aber ich kenne das Gefühl, ihr auch? Im Herbst, beim Spazierengehen über die offenen Felder, habe ich immer das Gefühl einer Richtung nach oben, es zieht mich sozusagen weg, mit. Drachensteigen, Zugvögel (Immer möcht ich auffliegen, | mit den Zugvögeln fort;), Sturm, schnelle Wolken – egal. Vermutlich ist das ein Grund, weshalb ich die Küste so mag, gerade dann, wenn es karger wird.

Im Frühling ist alles anders, inwärtiger, wie er schreibt, zu Boden gerichteter. Da feiere ich in jedem Schneeglöckchen, Huflattich oder Krokus, in jeder Tulpe oder Weidenkätzchen das Wieder-Sichtbarwerden des Jahreskreislaufs.

Aber jetzt ist Herbst. Ich freue mich auf Wolken, Wind – und Regen. Bunt atmen mit den Winden | In der großen Luft. (beides aus „Ein Lied“ von Else Lasker-Schüler).

 

drachen himmel – 365tageasatzdayQuelle: Pixabay

Donnerstag, 28. August 2014

Immer möcht ich auffliegen,
Mit den Zugvögeln fort;

Bunt atmen mit den Winden
In der großen Luft.

(aus: Else Lasker-Schüler, Ein Lied)

 

Ich liebe Gedichte, und ich kann mir auch ziemlich leicht Texte merken. Also überrascht es mich nicht, dass mir zu meinen Stimmungen oft eine Zeile einfällt. Mit diesem Satz im Kopf bin ich heute Morgen jedenfalls aus dem Bett gestiegen. Für alle die, die jetzt zuerst das gesamte Gedicht lesen, NEIN, ich bin nicht traurig, im Gegenteil, jedenfalls nicht heute.

Ich glaube, das sind so Spätsommer-/Frühherbstgefühle, diese „Das Jahr neigt sich“-Anklänge. Eigentlich mag ich diese Stimmung, diese leichte Wehmut, diese Sehnsucht, sehr gern. Und ja, wenn ich ein Vöglein wär, würde ich gern über Herbstlandschaften kreisen.